Lemomenale Kurzgeschichte – Der Drache

Hallo Mitwelt

Heute wird es erneut lemologisch. Denn ich habe rein zufällig ein feines Stück Lem entdeckt, eine – gerade einmal 12seitige – Kurzgeschichte mit dem Titel Der Drache. Erschienen im Eichborn Verlag 1984 just im „Namensjahr“ von 1984 von Eric Arthur Blair aka George Orwell. Der Dystopie aus dem Jahre 1948 „zu Ehren“ mit zwei Kurzgeschichtnn und einem Essay:

  • Stanislaw Lem: Der Drache bzw. mit vollem Titel Vom Nutzen des Drachen. Aus den Forschungsreisen Ijon Tichys“
  • Rainer Erler: Die Auserwählten
  • Gert Heidenreich: Guten Tag 1984

In Erlers Kurzgeschichte geht es ums Heiraten und Ehe)vollzug) in einer Freiheitsdiktatur. In der wird man nach Kriterien paarweise für diesen Staatsakt auserwählt und zusammengeführt, um für die Freiheit und wider die Freiheitsfeinde eine Familie zu begründen. In 10 sehr kurzen kapiteln abwechselnd im anonym bleibenden Er und Sie der Verehelichten – sehr eindrücklich.

Heidenreichs Essay geht den Fragen nach, wie viel von Orwells 1984 in realem 1984 angekommen ist, wo es noch nachzuholende Defizite gibt, welche Formen von Neusprech realisiert worden sind in Regierungszeiten Helmut Kohls. Auch sehr faszinierend, jedoch eher mit Schauder. Denn schon ZU VIELES hat es damals schon gegeben, woran wir trotz aller digitalisierenden Heilsversprechen noch heute kränkeln. Sogar „Datenschutz“ spricht er an, den es ergo bereits vor der DSGVO gegeben hat. Sehr lesens- und umso bedenkenswerter im Matchup weniger, aber auch mit Orwells Dystopie, noch mehr mit unserer Zeit eines realexistierenden Weltfraßkapitalismus!

Aber es soll um Lems Geschichte gehen[1], die dem vollem Titel nach ein bis dato unerzählter
Sterntagebucheintrag sein muss, der jedoch unnumeriert und damit gänzlich zeitlos bleibt. Innerhalb der Geschichte gibt es keinerlei Anspielung auf vorige/nachfolgende Erzählungen. In jedem Fall führt die Reise ins Sternbild des Walfischs. Und im Grunde ist sie eine wunderbar komprimierte Hommage an Lems Meisterspätwerk Lokaltermin (von 1982), dessen narrativen Verlauf es im Eiltempo nachvollzieht.

Laut Wikipedia sei diese Kurzgeschichte in dieser oder jener deutschen Edition der Sterntagebücher als „Anhang“ aus Ijon Tichys Erinnerungen enthalten, die ich dann nie in Händen hatte:- ( Bei mir bestanden die Erinnerungen stets ausschließlich aus Erlebnissen auf der Erde. Welch Versäum- und Ärgernis. Umso schöner das wohlgelungene Nachholen. Daher die Zusammenfassung laut Wiki:

Auf dem Planeten Abrasien lebt ein riesiger, einer Bergkette ähnelnder Drache, dessen Bewegungen Teile der Anrainerstaaten unbewohnbar machen. Die Bevölkerung des Planeten hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Drachen durch Fütterungen („Export“ von Nahrungsmitteln) milde zu stimmen. Bei Recherchen vor Ort erfährt Tichy, dass die gesamte Wirtschaftsordnung nur auf den Drachen ausgerichtet ist, obwohl von ihm faktisch keine Gefahr ausgeht, da der Drache ohne Fütterung eingehen würde. Am Ende der Geschichte steht die Aussage, der Drache sei für die Abrasier zum Prinzip und zu einer Art Staatsräsongeworden.

Der Drache

Es beginnt schon mit der Namensbezeichnung der Welt, zu der Ijon Tichy wissenseifrig fliegt (ohne, dass die Reise einer Erwähnung wert gewesen wäre). Abrasien, was gewiss herzuleiten ist von Abrasion. Lateinisch abrasio, was so viel wie „Abkratzung“ meint, als solche in vielerlei Kontexten u.a. medizinal von Bedeutung wird. Eventuell von der alltagsschnöden Zahnpasta bekannt, die mit einer bestimmten, grob dreigeteilten Abrasion daherkommt und je nach Zahn(schmelz)empfindlichkeit nicht höher als mittel sein sollte. Und schwer zu verkennen, ist der Drache der Abrasier schlechthin, der bzw. für den alles abgekratzt wird. Die eigentlichen Abrasier, so erfahren wir vorab, sind uns gleich ebenfalls Affenabkömmlinge, was ihr Verhalten verständlich macht…, wenn auch statt zweiohrig doppelnasig. Sie vermögen stereoskop zu riechen, gerade weil beide Nasen an den Stellen kopfseitlich liegen wie bei uns Affenabkömmlinge die Ohren. Das wird zwar anschaulich gemacht, auch dass sich um diesen biologischen Umstand reichlich Kultur in Form von Schmuck wie eine Flechte gelegt hat, doch ist es weiters nicht mehr wichtig. So stinke der Drache bis zu 1.000 Kilometer weit bei schlechter Wetterlage, doch ob das nur stereoskope Riecher wie die Abrasier wahrnehmen oder auch ein Einnäsler wie Tichy, bleibt ungenannt. Wie gesagt: bloß 12 Seiten.

Doch auf denen entfaltet Lemtichy meisterhaft die verworrene Skurrilität einer unanzweifelbar geronnenen Drachenhörigkeit, die für Außenstehende mit unvernebeltem Sachverstand wie Tichy – und uns – unbegreifbar bleibt. Aufgebrochen ins Unverständliche ist Tichy zunächst aufgrund empfangener Funksignale. Diese konnte wiederum nur SETI-esk entschlüsselt werden durch Wissenschaftler Katzenfänger(!), weil dieser einen Schnupfen hatte, der ihn DEN Einfall eingab: vielleicht ergibt das Kauderwelsch ja Sinn, wenn man annimmt, da sprächen keine doppeläugigen Sehlinge zu uns, sondern geruchsfixierte Wesen. Und rieche da, bis auf ein Geschwafel von einem Drachen klärt es sich. Wunderbar, wie in wenigsätziger Kürze (die mir fremd wäre O_o) Lem en passant und hinterrücks die geistesphilosophische Frage einfließen lässt: Wie ist es, ein Abrasier zu sein? Und wie wirkt sich ein solches abrasische Sein u.a. auf die Kommunikation und dessen Verstehbarkeit aus? Lemomenal!

Schon das ist die ultraverdichteteverstehende Ethnologie, wie sie in ausführlicher im Lokaltermin prächtig präsentiert wird – mit ein paar irrläufigen Zwischenschritten mehr. Und wie sich Tichy dort – oder auch auf Solaris – buchstäblich einliest, um vielleicht verstehen zu können, so orientiert er sich kaum vor Ort sogleich: Lektüre abrasischer Presse (das sind rein analoge Medien auf Papier, durch Schrift und Bild nie mehr als zweidimensional @Jüngere), geht später ins Presse- und Bibliotheksarchiv; ethnografiert aber auch persönlich, indem er mit erst einem Journalisten, später einem Professor der Drakologie spricht, sprich ihnen in einem fort Fragen stellt. In der Hinsicht dürfte Ijon Tichy wahrlich Lems alterego sein, da Lem – meines Wissens – bis zu seinem Tod topinformiert gewesen ist, eben indem er nicht nur Presse, sondern auch sämtliche Fachjournale wie Science oder Nature im Abonnement gründlich las und bei Fragen die noch so hochdekorierten Wissenschaftler*innen einfach telefonisch befragte. Medienkompetenz! Fefe wäre stolz

Aber zurück nach Abrasien, einer Welt mit nur einem Riesenkontinent, auf dem sich die Abrasier in 80 Staaten ausgebreitet haben. Ganz im Norden deren drei Anrainerstaaten, die direkt an den sich seit eh und je stetig ausbreitenden Drachen angrenzen, also bald „übergrenzt“ worden sein werden. Daher hat es „Vereinbarungen zur Zusammenarbeit mit dem Drachen“ gegeben, die von (nur!?) 49 der Staaten völkerrechtlich bindend ratifiziert wurden. Einseitig, denn der Drache ist einfach nur und macht außer Nahrung aufnehmen, gelegentlich ausdünsten und ausscheiden und sich ausbreiten nichts weiter, schon gar keinen Smalltalk. Vielleicht stammt er von Schnecken ab, wie Tichy gelesen haben will. Doch man sei längst darüber hinaus, nach dem Ursprung und Gewordensein des Drachen zu fragen, da sein Sein das Entscheidende sei. Prädrakonistik ist demnach out und Drakogenese ist somit eine zukunftszugewandte Unterdisziplin der Drakologie. Eine zutiefst ökonomisierte, wie mir scheint. Denn mit dem Drachen konnte man wider die Automatisierung eine nie erlebte Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme aufrollen. Um ihn kontinuierlich speisen zu können, investierte man allein vierhundert Milliarden (vermutlich Drachmen) in die Lebensmittelindustrie, die 146.000 Arbeiter*innen beschäftigt. All das mittels Exportkrediten, wodurch der Drache zum Auslandsmarkt mit kolossaler Nachfrage geworden ist.

Aber doch nicht nur einseitig, denn es gibt schließlich Drachenfleisch und man kann aus ihn Plastilin für die Kinder herstellen. Nungut, das stinke zwar erbärmlich, müsse für den Gebrauch deodoriert werden und koste in der Herstellung das Achtfache gewöhnlicher Alternativen, aber der Drache ist da und gibt, also nimmt man, was man bekommt. In der Anfangszeit noch diskutiert, bei Tichys Landung durch einen terroristischen Anschlag auf den Drachen aktualisiert, war dessen Beseitigung durchaus mal Thema gewesen. “Die Ökonomen erklärten dann jedoch, wie teuer eine solche Vorgangsweise käme.“ Und nachdem die Möglichkeit auf rechtzeitige Beseitigung verstrichen war, musste man sich zwecks Arrangement positive Kalkulationen ausdenken. Es gibt noch zahlreiche Beispiele, wie sich um den Drachen herum nicht bloß Terrorismus, sondern sogar Tourismus entwickelte, sich dutzende akademische Zweige zu seiner Erforschung ausdifferenzierten und etablierten. Angelagerte Unternehmen fokussierten arbeitsplatzreich spezialisierte Aufgaben.

Schön und gut, aber wieso all diesen Segen nicht endogen erzeugen, indem man nicht länger drachenzentriert wirtschaftet, sondern sich selber was gönnt? “Sollte man diese Mittel etwa an die Bürger verschenken?“ Nicht hin auf einen gemeinsamen Endzweck, sondern alle für sich in die eigene Tasche? Davon ab, wenn man den Drachen doch noch irgendwie beseitigte, wäre die postdrakologische Krise noch schlimmer. Denn was auch immer der Drache ist, was er geworden ist, was er kann und tut und was er werden mag… Vor allem wurde er

„Zur Idee[…] zur geschichtlichen Notwendigkeit und zu unserer Staatsräson. Ein wichtiger Faktor, der unseren vereinten Anstrengungen einen festen Sinn gibt.“

Der Drache!

Das ist der Drache also. Aber was ist er eigentlich? Außer schwammig wie eine
schneckenhauslose Schnecke? Der Drache ist mehr (geworden), als er ist, geht über sich hinaus, weil über ihn hinausgegangen wird. Der Drache steht laut Klappentext für den sich nur noch sinnlos selbstreproduzierenden „Selbstzweck der Wirtschaft“, für die ge- und erarbeitet wird, um was auch immer wozu auch immer zu erschaffen. Der Drache steht somit symbolisch genauso gut für den ideologischen, alles überwölbenden Kommunismus, den es 1984 noch gegeben hat; m.E. aber ebenso sehr für einen gleichermaßen sinnleerlaufenden Kapitalismus. Er kann jenseits der Wirtschaft, die aber doch Arbeitsplätze geschaffen hat, die man nicht verlieren darf, aber auch für jedwede geistig überformte Übersteigerung stehen, religiöser wie sonstwie eskapistisch welticher Art. Der Drache ist die symbolträchtige unanschauliche Veranschaulichung eines Hyperobjekts (im Sinne Timothy Mortons), dessen aktuellste Ausformung der Klimawandel ist, der längst zur Klimakrise geworden wurde. Ein in vielem eigentlich doch greifbares Etwas, also Objekt, das sich jedoch derart weit über die verstehenden Köpfe hinweg und hinaus überspannt hat, dass man es weder noch überschauen kann noch wirklich will. Es ist zu groß, um sich mit dessen Beseitigung trotz aller kaum ignorablen wirkmächtigen Nebenfolgen auseinandersetzen zu können. Zumindest scheint es so, so wie vom Nutzen des Drachen ein heller Schein besteht, so sinnentleert nutzlos dieser narzisstische Selbstnutzen auch sein mag. Da man sich zunehmend verstumpfsinnigt mit dem Drachen eingelassen hat, Schäden ignoriert und Nutzen überzeichnet, bleibt er, weil er da ist, weshalb er zu bleiben hat, damit er da bleibt. Zirkelschlüssig? Ja eben…

Exzellente Geschichte, die 1984 als Nachklang von Orwells 1984 entstanden ist, die aber bis heute stets aufs Neue aktualisierbar ist. Ein großartiges kleinen Lese- und Denkstück, das UNBEDINGT UND NICHT ANDERS MÖGLICH in die Sterntagebücher aufgenommen werden muss, in jede Edition, die nebenbei auch stets immer ALLE anderen durchnumerierten Geschichten zu enthalten hat. JAWOHL! (Al)So sprach Golem!

EDIT am 18.08.2021: ein paar Tippfehler korrigiert und den Schnecken-Link hinzugefügt


  • Zusammen mit zwei weiteren Kurzgeschichten ist Der Drache noch zweimal veröffentlicht worden und zwar

    • Insel Verlag (1. Auflage, 1990): Vom Nutzen des Drachen. Erzählungen. Gebundenes Buch;
    • Suhrkamp (2. Auflage, 1995): Vom Nutzen des Drachen. Erzählungen. Broschiertes Buch

    Auf 198 Seiten enthalten sind:

    • Die Wiederholung. Aus dem Polnischen von Herbert Schumann.
    • Ziffranios Erziehung. Die Geschichte des Ersten Entfrosteten. Die Geschichte des Zweiten Entfrosteten. Aus dem Polnischen von Hubert Schumann.
    • Vom Nutzend es Drachen. Aus den Forschungsreisen des Ijon Tichys. Aus dem Polnischen von Hanna Rottensteiner.

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    2 Kommentare zu „Lemomenale Kurzgeschichte – Der Drache

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