Dein haploides Herz

Hallo Mitwelt

Heute führt die Reise nach Esthaa oder auch Auriga Epsilon V, letzteres nach einer beliebigen Welt auf der Fünfjahresrundreise der Enterprise klingt. Trekinal ist die Welt jedoch nicht. Sondern eine inmitten einer Föderation, ebenfalls einer menschlichen. Eine Reise in den Handlungsmittelpunkt einer Japes Tiptree Jr.-Kurzgeschichte: Dein haploides Herz – Heikle Alienforschung – vertont als Hörspiel: verfügbar bis 28.02.2023; Spielzeit 40:01m

•SciFi-Klassiker• Menschlich oder nicht? Das ist die alles entscheidende Frage im Umgang mit Alienzivilisationen im Sektor der Föderation. Doch die Untersuchungen zweier Forscher stoßen an ein tödliches Tabu. // Von James Tiptree Jr. / Regieassistenz: Julie Grothgar / Regie: Martin Heindel / WDR 2021

Die stimmszenatorische Besetzung, von der mir keine/r hörvertraut gewesen ist, aber sehr gut klingt:

  • Doc Ian Suitlov: Hanns Jörg Krumpholz
  • Pax Patton: André Kaczmarczyk
  • MacDorra: Thomas Anzenhofer
  • Reshvid Ovancha: Martin Bross
  • Korsada / Esthaanier Pilot: Volker Lippmann
  • Ratspräsident: Walter Gontermann
  • Alter Flenn: Ernst-August Schepmann
  • Flanya: Cennet Voß
  • Flenn-Männer (1): Jörg Kernbach
  • Flenn-Männer (2): Sebastian Schlemmer
  • Flenn-Männer (3): Markus J. Bachman
  • Flenn-Frauen (1): Janina Sachau
  • Flenn-Frauen (2): Sandrine Zenner
  • Flenn-Frauen (3): Paula Essam
  • Esthaanier (1): Carlos Lobo
  • Esthaanier (2): Hüseyin Michael Cirpici
  • Esthaanier (3): Thomas Balou Martin
  • Flenn-Mädchen: Flora Berg
  • Flenn-Junge: Rufus Berg
  • Off Stimme: Sigrid Burkholder

Ich mache es mir einfach und lasse zusammenfassen, wie es beim WDR zu lesen ist, worum es denn geht:

Im Auftrag der Föderation landen der Biologe Ian Suitlov und der Geologe Pax Patton auf Auriga Epsilon V, genannt Esthaa. Handelt es sich bei den einheimischen Esthaaniern um eine menschliche Alienspezies oder nicht? Die Föderation möchte in dieser Frage zu einem wissenschaftlichen Ergebnis kommen, denn am Ausgang dieser Untersuchung entscheiden sich einige delikate Fragen – und nicht zuletzt die Esthaanier hoffen auf ein positives Ergebnis. Aber je länger die beiden Wissenschaftler auf dieser fremdartigen und doch vertrauten Welt Nachforschungen anstellen, desto mehr Geheimnisse tun sich auf: Wer sind die geheimnisvollen Flenn, die abgeschirmt in eigenen Siedlungen leben? Woher rührt die genetische Einzigartigkeit der Fauna auf Esthaa? Und was geschah wirklich vor einem Jahrhundert beim letzten Zertifizierungsversuch, von dem niemand lebend zurückkam?

Das föderale Maß aller Dinge

In der 40-minütigen Kürze – bei Hörspielen sonst eher 50-55 Minuten üblich – ist geballt viel an Inhalt versammelt, der sich weniger auf (eventuell actionreiche) Handlung bezieht als vielmehr auf die Ideen dahinter. Also SF at its best, die ohnehin Ideen-Geschichte ist. Und die Idee, die hier im Zentrum steht, ist der Mensch, der in der Föderation zum Maß aller Dinge geworden ist (oder sich geschickt gemacht hat?). Vermutlich ist diese Kurzgeschichte und ihre sehr gute Hörspielumsetzung also eine Sfeske Lesart von
Protagoras‘ Homo-Mensura-Satz: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Exakt in Übersetzung wiedergegeben: “Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, das sie sind, der nicht-seienden, das sie nicht sind.“ Das ist höchst interpretationsbedürftig, auch immer noch dann wenn man den Nachsatz liest: „Wie alles einzelne mir erscheint, so ist es für mich, wie dir, so ist es wieder für dich.“ Es geht um das Verhältnis von erkennendem (menschlichen) Subjekt zum (nichtmenschlichen?) Erkenntnisobjekt).

Der Kniff und Clou von Tiptree ist es nun, so wie das rüberkommt, dass sich alle innerhalb der Föderation und alle, die noch hinzukommen wollen, am Menschen messen (lassen). Der Mensch als Spezies in seiner anthropologischen Verfasstheit wird zum seienden Vorbild, zum role model der Galaxis, dem Ideal(maß) der Xenovölker. Denn das ist die anfänglich verwirrende Irritation: Hauptsache Mensch sein, selbst wenn man wie ein Krokodil aussieht. In etwa so sagt es Biologe Ian Suitlov, womit klar wird, was unverständlich bleibt: egal von welcher Art die Aliens sind, egal wie fremdartig sie aussehen, sie wollen unbedingt als „Menschen“ klassifiziert werden. Das vereinende Merkmal hierfür ist, so erneut Suitlov, paarweiser (Hetero)Sex. Wenn du es also zum Vielzeller geschafft hast und dich in Paarung paarweise evolutionär ertüchtigst, dann hast du die eine alles entscheidende challenge zum Menschsein genommen, dann wird dir Passierschein A38 ausgestellt. Und hinter diesem Wisch, dieser föderalen Absolution sind sie anscheinend alle wie wild hinterher. Demnach müssten auch irdische Löwen als Leonen dank zweigeschlechtlicher Fortpflanzung Anerkennung finden. So jetzt auch auf Esthaa, wohin sich das Forscherteam aufgemacht hat. Sie sollen Esthaaner biologisch und deren Heimatwelt Esthaa geologisch auf menschliche Tauglichkeit prüfen.

Faszinierend nun und meines Erachtens auf diese Weise typisch Tiptree, dass es zum einen ganz anders auf Esthaa zugeht, die Evolution ganz andere Fortpflanzungswege gefunden hat, Sex sich hier also höchst different erweist; zum anderen, dass mit dem Anlegen des Menschenmaßes, dem Überstülpen alleinig für den Menschen tauglicher Maßhaltung ein bürokratisches Fiasko entsteht. Der Zugehörigkeitswunsch der Esthaaner, als paarungstauglich und somit als menschlich anerkannt zu werden, endet im – Spoiler – GENOZID! Die Esthaaner verbiegen sich derart für das Menschenmaß, um den föderal-paragrafschaftlichen Kriterien entsprechen zu können, dass sie sich selber genozidal verleugnen. Sie spalten, was zusammengehört; sie trennen, was vereint war; sie differieren kulturell auseinander, was evolutionär symbiotisch gewachsen ist. Sie tun also alles, was WIR HEUTZUTAGE AUCH TUN! Sie sind unser ferner Spiegel, für uns das Licht ferner Tage…

Sie versuchen gemäß dem Menschenmaß zu leben, den beiden Wissenschaftlern ein solches Gelingen vorzuleben, an diesem maßlosem Maßnehmen die Wesen Esthaas zugrunde zu gehen drohen. Esthaaner und Flenn, wie es zunächst scheint, sind nicht so, sondern entgegen dem Schein. Interessant,dass Tiptree zur science fictionalen Erklärung bis in die Genetik tiefhinabgeht und so einen fundamentalen Unterschied der esthaanischen und erdmenschlichen Spezies aufzeigt. Der lässt es irrsinnig sein, sich einer erdmenschlichen Bemessungsgrundlage zu unterziehen.

Ebenso interessant, dass – zumindest mal das Hörspiel und ggf. auch die mir NOCH nicht erlesene Kurzgeschichte – ganz ohne nähere Details auskommt, wieso denn zum Teufel und allen Dämonen bis dato partout alle Aliens als Menschen gelten wollen. Welche phänomenalen Güter erhält man denn, wenn man diese Bemessungshürde nimmt und so der Föderation beitreten kann? Das bleibt narrationsoffen, was den Irrsinn nur umso deutlicher hervorkehrt. Für vermutlich nichts und wieder nichts beugt man sich einem verfälschenden Maß, folgt diesem Ideal hörig, ohne auf Umstände, Verfasstheiten und Befindlichkeiten zu achten.

Umgedrehter Lem

Damit hat Sheldon es genau andersherum aufgezogen als Stanislaw Lem. In dessen Sterntagebüchern erlebt Reiseheld Ijon Tichy (oder erträumt es nur) das ziemliche Gegenteil: er soll für die Menschheit bei der Föderation für Zutritt werben:

Achte Reise: Die achte Reise findet nur als Traum des Protagonisten statt. Ijon Tichy ist Delegierter der Erde und Kandidat beim Rat der Organisation der Vereinigten Planeten. Sprachliche Probleme können mit Hilfe einer informativ-translativen Tablette überwunden werden. Es bleiben körperliche und vordringlich kulturelle Schwierigkeiten für einen Menschen (kategorisiert als Typus Aberrantia > Nekroludentia > Monstroteratus Furiosus, übersetzt Abseitige > Leichenspieler > Gräßel-Wüteriche). Fazit unseres Werdegangs: Entwicklung durch Wettrüsten, Bombe vor Kraftwerk, Fleischfresserei. Anschuldigung z. B. Ausrottung der besseren Neandertaler und Geschichtsfälschung. Kann eine Zivilisation ihren extraplanetaren Ursprung nicht erforschen, gerät sie auf die Irrwege von Glaubenslehren, geschaffen aus Verwirrung und Verzweiflung. Erstaunliche Erklärung für UFOs vor dem alles verändernden Ende.

Hier ist der Mensch höchstens das Maß, wie man es nicht macht, es tunlichst sein lassen sollte. Vielleicht hat Sheldon die Sterntagebücher gekannt, 1966 ist die zweite Auflage mit der gegebenenfalls vorbildhaften Achten Reise erschienen. Ihre Kurzgeschichte erschien zuerst 1969: Your Haploid Heart, Novelette (dt. Zu Feinden geboren, 1974; Dein haploides Herz, 1987). So oder so hat sie in diese Kurzgeschichte so ziemlich alles hineingepackt, was sie quer durch ihr Werk stets interessiert hat. Eine faszinierende Autorin!

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