Psychohistorik – Fundament der Foundation

Hallo Mitwelt

Alle Wege führen nach Trantor und daher geht heute die Reise mitten in die Foundation – galaktisches Sternenreich der Menschheit genauso wie Titel gleichnamiger Trilogie von Isaac Asimov, ggf. DEM einen der Big Three der US-SF. In Kürze wird auf der Fallobstwiese ein serielles Schaustück zum Herzstück von Asimovs Foundation-Zyklus, der dieGeschichte der Menschheit als Future History über nahezu 25.000 Jahre erzählt, aufgeführt. Ein finales Featurette bei Robots and Dragons einzusehen, bevor die ersten beiden Folgen der Auftaktstaffel am 24.09. ausgestrahlt (=gestreamt) werden.

Ich muss gestehen, dass ich nicht live dabei sein werde, so sehr mich Asimovs Foundation als Trilogie und noch mehr als Future History seit eh und je anregt und gedanklich inspiriert hat. Aber ich kapituliere angesichts der Massen an Streamingdiensten, die man sich je nach serieller (und erst recht sportiver) Interessenslage kostenpflichtig zusammenstellen müsste, um auch nur halbwegs gigabyteweise auf dem Laufenden zu bleiben. Bin noch auf der Suche nach dem Podcast zur Serie, der wie discoverypanel oder trekamdienstag für Star Trek folgenweise in die Vollen geht und nerdy Tacheles spricht. Wer hier einen Tipp hat, nur zu gerne her damit!

Für mich zugegeben am prägendsten die sogenannten Roboter-Romane

  • Die Stahlhöhlen (Der Mann von drüben), original: The Caves of Steel (1954);
  • Die nackte Sonne, original: The Naked Sun (1957);
  • Aufbruch zu den Sternen (Aurora oder der Aufbruch zu den Sternen), original: The Robots of Dawn (1983);
  • Das Galaktische Imperium, original: Robots and Empire (1985).

Und das, obwohl die als SF-Kriminal- bzw. Detektivromane gelten und ich allzu angefixt von Kriminalromanen nie gewesen und jenseits von Great Sherlock Holmes und den Drei ??? dem Detektivischen nicht übermäßig zugetan bin. Okay, die beiden Agatha Christie-Figuren erschließe ich mir noch und zwar mit Freude. Das Sherlocksche deduzieren aka whodunit =Who done it? fand und finde ich eigentlich nur beim Meisterdetektiv himself und im Zentrum der Roboter-Romane stehenden Elijah Baley so richtig gelungen. Umso interessanter, dass und wie sehr allen voran Aurora (oder der Aufbruch zu den Sternen) ein bereits VIEL-gelesener und immer wieder aufs Neue neuentdeckter Roman ist. Insbesondere die Szene zwischen Baley und Fastolfe am Frühstücktisch hat sich mir eingeprägt und ist für mich eine dialoglastiges Szene par excellence, die Asimovs gesamte Ideen rund um Roboter auf den Punkt bringt. All das geht jedoch der nun auchv erfilmten Foundation-Trilogie weit voraus, ist von Asimov vielfach nachträglich erst hinzugeschriebene Vorgeschichte, die narrative Lücken füllt und Zeitklüfte überbrückt.

Der gesamte Zyklus, das Werden und Untergehen des Trantorischen Imperiums und das Auferstehen der eigentlichen Foundation, so wie sie Asimov über die jahrtausende hinweg nachzeichnet – Future History, folgt der großen Erzählung Edward Gibbons über den Verfall und und Untergang des Römischen Imperiums vom Ende des 18. Jahrhunderts in sechs Bänden. Eine auch zu Asimovs Zeiten in vielem überholte Interpretation römischer Geschichte, die aber eine enorme narrative Sogwirkung entfaltet hat. Heute wäre diesbezüglich von mir aus zu empfehlen Peter Heather: Der Untergang des Römischen Weltreichs sowie Invasion der Barbaren. Natürlich gibt Asimov dem Ganzen nicht nur durch die galaktische Ausdehnung eine science fictionale Note, sondern blickt weitestgehend technikoptimistisch in die Zukunft. Am berühmtesten freilich seine drei (plus ein) Robotergesetze, auf denen im Grunde das gesamte Wohl und Weh der Menschheit ruht (auch diese in den Roboter-Romanen ausbuchstabiert). Jenseits der SF-Gemeinde vermutlich weniger bis kaum bekannt, aber für die Foundation-Trilogie fundamental ist seine zweite SF-/pseudowissenschaftliche Erfindung: die Psychohistorik.

Psychohistorik

Die Psychohistorik als intradiegetische Wissenschaft ist nicht verwandt und zu verwechseln mit der realen Disziplin der Psychohistorie: diese fristet ein eher mäßig anerkanntes Dasein als Teildisziplin der Historie, der Geschichtswissenschaft. Als solche blickt sie zurück auf die Geschichte und deutet diese bzw. die in ihr handelnden Menschen psychologisch sowie psychoanalytisch, statt nur das Vorfindbare zu beschreiben. Demgegenüber ist die Psychohistorik keine retro-, sondern futurspektive Wissenschaft, wie sie der aufstrebende Hari Seldon gegen Ende des Trantor-Imperiums entwickelt, um den hinkünftigen Verlauf menschheitlichen Werdens prognostizieren zu können. Psychohistorik, dem Namen nach etwas missverständlich, ist im Kern also eine Art der Futurologie, jedoch keine spekulative, glaskugelblickende, sondern exakt mathematisierte. Psychofuturhistorik wäre der wesentlich sperrigere, aber genauere Ausdruck, den dann jedoch keiner mehr aussprechen mag. Entwickelt hat sie die Hauptfigur der Foundation-Trilogie, Hari Seldon, um zunächst den Untergang des Trantorreichs vorauszusagen, um dann das sich anschließende Interregnum durch gezielte Beeinflussungen von prognostizierten 30.000 auf 1.000 Jahre zu verkürzen. Das mit folgendem Verständnis (laut Wikipedia):

In der Psychohistorik wird demnach jedes einzelne Individuum analog zu einem Gasmolekül betrachtet, das verschiedene „individuelle“ Zustände einnehmen kann. Weil das zukünftige Verhalten eines einzelnen Individuums nicht präzise vorausgesagt werden kann, sondern jeweils nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit für jedes mögliche Verhaltensmuster, wird „nur“ das Verhalten genügend großer Gruppen von Menschen, wie beispielsweise die gesamte Bevölkerung eines Planeten, berechnet. Asimov zog eine Analogie zu Eigenschaften von Gasmolekülen: Hier könne ein Beobachter kaum die Bewegungsrichtung eines einzelnen Gasmoleküls berechnen. Die Bewegungsrichtung großer Mengen von Gasmolekülen, zum Beispiel hinsichtlich ihrer Geschwindigkeit oder ihrer Verteilung, könne jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit berechnet werden.

Noch nirgendwo las ich, was mir sofort in den Sinn kam, sobald ich davon hörte. Nämlich dass Psychohistorik im obigen Sinne nichts anderes ist, als die science fictionale Fortschreibung der mathematischen Psychologie unserer Tage; vielmehr aber noch die literarische Verdichtung einer Sozialphysik, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts von diversen Denkern gedacht worden war. So u.a. von Auguste Comte, der dann aber doch die Soziologie mitbegründete, wie man sie physiklos heute kennt. Menschen wie Atome, die wie Gase interagieren und sich gasförmig verbreiten. Nun meint Individuum, ein jede/r Mensch eines sein will, das Unteilbare ganz im Sinne von Atom. Und doch nicht so gesetzmäßig funktionieren wie ein Atom… In dem Zusammenhang habe ich auch noch nichts dazu gelesen, dass man Psychohistorik als eine Art weiterentwickelter Massenpsychologie verstehen könnte. In der Masse wird das Individuum quasi angesteckt und mitgerissen oder Individuen bilden überhaupt erst Massen durch interessensgetriebene Annäherung oder Individuen werden durch verführende Führer in die Masse gelockt. Diese Art Masse meist allerdings als Pöbel verstanden, der nur noch irrational und gedankenlos selbstentmündigt agiert. So ein Verständnis pöbelmassiger Menschheit liegt Asimov m. E. aber fern. So oder so, am Ende handelt die Masse weit über das Vermögen eines Einzelnen hinaus. Und sieht man die Menschheit als Masse an, so wäre ihr Massenverhalten entsprechend zu deuten. Wobei es psychohistorisch ja nicht beim Deuten und Verstehen, um zu erklären, bleiben soll: schlussendlich erfindet und betreibt Hari Seldon, so geht die Geschichte weiter, das Ganze ja, um Sozialtechnologie zu betreiben. Eine noch unscheinbarere, aber umso wirksamere Form auch heute schon gebräuchlicher Sozialtechnologie wie Marketing u.Ä. Ziel ist es, die Menschen (als Masse, Gruppen, Gesellschaft) zu steuern, zumindest richtungsweisend zu lenken, auf Kurs zu bringen. Reine Prognostik, um sich am Ergebnis zu erfreuen und es auszusitzen, ist in der Psychohistorik nicht vorgesehen. Daher noch genauer auf die Annahmen geschaut, die der Psychohistorik zugrundeliegen.

Psychohistorische Annahmen

Laut Wikipedia:

Die fiktive Psychohistorik von Asimov basiert auf der Annahme, dass mittels empirischer statistisch auswertbarer Gesetzmäßigkeiten der allgemeine Verlauf künftiger gesellschaftlicher Entwicklungen berechnet werden kann. Aufgrund dessen wird in der Psychohistorik davon ausgegangen, dass mit genügend Zeit und Aufwand auch das Verhalten von Bevölkerungsgruppen so beeinflusst und gesteuert werden kann, dass eine beabsichtigte Entwicklungsrichtung allmählich herbeiführbar ist. Gemäß der Psychohistorik ist die Voraussetzung für die Wirksamkeit der Beeinflussung, dass die einzelnen Individuen einer gegebenen Population nicht wissen, welcherart der Einfluss ist, der auf sie ausgeübt wird. Wüssten sie darum, hätte dies die Zahl der möglichen Entscheidungsalternativen zu groß werden lassen, so dass die statistische Wahrscheinlichkeit des Eintritts der beabsichtigten Entwicklung zu gering geworden wäre.

Psychohistorik ein auf die gesamte, interstellare Menschheit ausgedehntes nudging (stupsen, schubsen), wie es das dem Prinzip nach seit 2008 uns, Asimov (verstorben 1992) demnach noch nicht bekannt war. Unter “nudge verstehen die Autoren [Richard Thaler und Cass Sunstein] eine Methode, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen, ohne dabei auf Verbote und Gebote zurückgreifen oder ökonomische Anreize verändern zu müssen.“ Das entspricht der notwendigen Voraussetzung, dass die Beeinflussten um ihre Beeinflussung nicht wissen und ergo auch nicht bewusst in widerborstige Reaktanz verfallen können. Dann hätte man es doch gleich zu Ehren Asimov beim Namen nennen können!

Die im Kern zwei, implizit mitschwingend drei Axiome der Psychohistorik sind konkret gesagt:

  • “Der Mensch ist die einzige intelligente Lebensform in der Galaxis“: Verdrängt man die bloß humanisierten Roboter und gesteht ihnen keine über Arbeitssklaven hinausgehenden Rechte zu, stimmt diese Annahme im- wie explizit. Asimovs Foundation-Universum ist ein nur zu fein abgestimmtes, anthropisch angenehm eingerichtetes, wo auf keiner der zahlreichen besiedelten Welten je mehr als pflanzliches und einfach tierisches Leben vorgefunden worden ist. Terraforming, die Umwandlung solcher Welten in möglichst terraähnliche Zustände, findet zwar statt – lese: Roger MacBride Allens CalibanTrilogie
    -, ist aber keine kolossale Herausforderung. Nirgendwo drohte je ein Aurora-Effekt, wie es ihn als katastrophischen Wendepunkt in Kim Stanley Robinsons Meisterwerk Aurora gegeben und die willigen Kolonisten zur Umkehr gezwungen hat. Übermenschlich wird es erst mit Auf der Suche nach der Erde sowie Die Rückkehr zur Erde, den beiden finalen Büchern des Zyklus mit galaktischen Aussichten für die Menschheit, wo die Perspektive an Asimovs legendäre Kurzgeschichte Teh last Question – Wenn die Sterne Verlöschen gemahnt!
  • “Die Größe der Bevölkerungsgruppe, deren Verhalten modelliert werden soll, muss ausreichend groß sein“: Sollte gegeben sein, wenn ich jetzt auch keine Zahlen im Kopf habe, die Asimov nennt. Vermutlich setzt er die Zahl für die Bewohner des Trantor-Imperiums eher niedrig an, gemessen daran, dass er in Die Stahlhöhlen bei nur sechs Milliarden Menschen auf der Erde von übervölkerten, überbeengten Zuständen ausgeht. Aber selbst nur eine Erde voll Menschen wird für psychohistorische Fingerübungen reichen. Die Frage eher, wie man psychohistorisches Nudging quer durch eine Galaxis ausüben kann, also auch letzte Siedlerwelten damit erreicht.
  • “Die Bevölkerungsgruppe muss in Unkenntnis über die Ergebnisse der psychohistorischen Analyse bleiben“: Zuvor schon andiskutiert, gibt es hierzu heutzutage schon diverse Beeinflussungs- und Manipulationsmaßnahmen, die auf digitale Reichweiten von Onlineplattformen setzen können, an die Asimov keinmal je auch nur dachte. Und trotz aller rationalen (Selbst-)Aufklärungen, die massenmedial verteilt werden, kommt doch nicht alles überall an und wird schon gar nicht akzeptierend auf- und angenommen. Wenn ich so die Foundation-Lektüren revue passieren lasse, würde ich mal unterstellen: Asimov hat sich da eine alles in allem recht willfährige Menschheitsmasse imaginiert, die eher selten als selbstbestimmte Subjekte auftreten und für sich Wissen und Rechte einfordern. Keine antipsychohistorischen Wutbürger, die gegen Großprojekte auf Terminus agitieren, keine bürgerinitiativen Engagements, die sich informationell auf Augenhöhe mit Institutionen und Behörden bringen. Auch keine sich per Memeresigniert auskotzenden Anthropozäneinwohner.

Soweit zu den Basics. Aber wie betreibt man denn nun Psychohistorik?

EVA – der Primärradiant

Hoffentlich ohne allzu viel Leiden mag man sich noch an den Matheunterricht erinnern, wo es um EVA ging. Nicht die biblische Eva als Urmutter aller Christ*innen, die zum Dank dafür überlang in der Patrix ins Abseits gestellt wurde; nein das mathematische Prinzip E.V.A.: E =Eingabe – V =Verarbeitung – A =Ausgabe. EVA die Rechenmaschine, in die man Input gibt (E), die dann nach (un)bekannter Gleichung verarbeitet (V) und sodann Output liefert (A), sprich ein Endergebnis ausgibt. Wozu diese ollen Kamellen? Weil es in der Psychohistorik meinem Verständnis nach genau darum geht: gearbeitet wird nämlich mit dem Primärradianten: dies ist ein Gerät, das wie ein Beamer Ergebnisse ausgibt und die von ihm verarbeiteten Gleichungen farbcodiert (s.u.) auswirft, wobei das Einspeisen und Bearbeiten von Gleichungen mittels mentaler Schnittstelle erfolgt. Foundation-Schüler*innen müssen langwierig üben, dann konkrete Gleichungsverbesserungen eingeben, die von zig Kommissionen penibel auf sinnhaftes Nudging hin kontrolliert werden, bevor man vom Noviz*innenstatus hochleveln darf.

Wir erfahren vom besagten EVA-Dreischritt jedoch letztlich nur teilweise etwas über E und letztlich über A, nie jedoch wirklich über V. Und V, die gleichungsförmigen Verarbeitungsabläufe, sind ja gerade das Kern- und Herzstück der psychohistorischen Wissenschaft. Von E erfahren wir ausformuliert die Absichten, was man mit allem bezwecken will, wohin die Nudging-Reise gehen soll. Nicht erfahren wir, wie sich das in tatsächliche Gleichungen ausdrückt. Und das mit bestem Recht, weil Asimov zu schlau dafür war. Denn er war gekonnter Sachbuchautor noch nebenher und wusste, dass gemäß Faustregel eine jede weitere Gleichung den Verkauf schmälert, da es für das Gros der Leserschaft dann schnell zu abstrakt und ergo unverständlich wird. Daher bleibt E sprachlicher Ausdruck und wir in den Geschichten nie wirklich mathematisiert. Was und wie der Primärradiant dann anstellt, wie er die Gleichungen hin- und herformt, äquivalent umformt, eventuell gar polynomdividiert, erfährt man an keiner Stelle. Erst von der Ausgabe bekommt man wiederum Eindrücke vermittelt.

In den Worten von Wikipedia bekommen wir weder Balken- noch Tortendiagramme geboten, dafür aber fünf farblich abgesetzte Anzeigen darüber, welcher Art die (un)wirksamen Gleichungsanpassungen sind (OBACHT: für totale Neuleser-/-gucker*innen sind z.T. Spoiler enthalten!):

  • Seldon Black entspricht dem ursprünglichen, von Seldon und Amaryl während der ersten vier Jahrzehnte an der Universität von Streeling entwickelten Plan. Hier werden die so genannten Seldon-Krisen, die Dauer des Plans und das Erscheinen des zweiten Galaktischen Imperiums festgelegt.
  • Speaker Red sind die nach Seldons Tod von den führenden Psychohistorikern der Zweiten Foundation hinzugefügten Zusätze. Hiermit begann vermutlich Gaal Dornick als zweiter Erster Sprecher der Foundation.
  • Deviation Blue sind beobachtete Abweichungen von den psychohistorischen Projektionen, mit einer Standardabweichung größer als 1,5 gegenüber dem vorhergesagten Ergebnis (1,5 σ). Insbesondere das Erscheinen eines „Maultier“ genannten Mutanten, der fähig war, Gefühle von Menschen mental zu kontrollieren, erzeugte starke Abweichungen zwischen 0,5 bis zehn Sigmas gegenüber dem ursprünglichen Plan. Um die galaktische Entwicklung wieder dem Seldon-Plan anzugleichen bedurfte es eines vollen Jahrhunderts Arbeit der Zweiten Foundation.
  • Notation Green: Zusätze durch einschlägige wissenschaftliche Arbeiten (Forward the Foundation).
  • Projection Purple: eine nützliche und in späteren Zeiten für Lehrzwecke genutzte Darstellung, um die Grenzen von Speaker Red-Gleichungen aufzuzeigen (Forward the Foundation).

Das klingt doch schon mal sehr durchdacht, welche gezielten Eingriffe und realen Abweichungen es geben kann und wie man diese klar erkennbar markiert und kenntlich macht.

Bis hierhin also zur Psychohistorik, wie wir sie am Freitag, 24.09. live und (unumgänglich) in Farbe präsentiert bekommen. Spannend finde ich, dass ausgerechnet diese Trilogie von Asimovs Schaffenswerk rausgegriffen worden ist. Zum einen, weil sie schon in den 1940er Jahren geschrieben wurde (zunächst als Kurzgeschichten) und schon deshalb von der Zeit längst überholt ist. Viele obige Verweise stammen aus späteren zeiten, beziehen sich auf Wissenschaften, die Asimov so nicht gekannt hat. Dementsprechend viel dürfte „aktualisiert“ werden, was die Serie ggf. arg von den Büchern entfernen, ja entfremden lassen KÖNNTE (nicht muss). Hinzu, dass Asimov im Allgemeinen alles, nur nicht actionreich schrieb, es ihm ja gerade und nahezu um die Überwindung von gewaltgetriebener, chaotischer Action gegangen ist; er mit den Robotergesetzen und der Psychohistorik vielmehr Pseudowissenschaften ersann, eine zusehendse Befriedung der Menschheit zu ermöglichen. Es müsste also eine – nach Game of Thrones und Co – erstaunlich ruhige, sprechlastige und wissenschaftsfreundliche Serie werden, die alles nur nicht durch mitreißende Action(sequenzen) special effect-reich ins Auge sticht. Abschließend noch auf eine aktuelle Form der „Psychohistorik“, was sowieso mein gedanklicher Ausgangspunkt für diesen Beitrag war…

Neuro- statt Psychohistorik!

Es geht um die Studie Lukas Schneider, Johannes Scholten, Bulcsú Sándor, Claudius Gros, Charting closed-loop collective cultural decisions: From book best sellers and music downloads to Twitter hashtags and Reddit comments, European Journal of Physics B (2021); als Pressemitteilung bei idw-online. Diese ist betitelt mit: „Lassen sich kollektive Entscheidungen vorhersagen?“ Und psychohistorisch dann auch beeinflussen? – wie man anfügen muss.

Schnell zitierter Erkenntniskern ist:

Am Beispiel der Charts und Bestsellerlisten zeigen Physiker der Goethe-Universität, dass unsere Entscheidungsprozesse statistischen Gesetzen folgen, die von der Arbeitsweise unseres Gehirns beeinflusst sind. Wichtigste Annahme ist, dass Informationen aus der Außenwelt im Gehirn zunächst komprimiert und dann optimiert werden.

idw-online

Klingt relativ simpel. Ja: Was denn sonst? Frage, ob sich STATISTISCH vorhersagen lässt, wie sich Menschen de facto entscheiden, wenn sie vor gleichen Entscheidungshorizonten stehen? Als seichte, nicht gleich staatstragende Beispiele gelten Musikcharts, Bestsellerlisten sowie Tweets. Wann und wie lange sich Titel/Tweets hier oben halten, folgt gleichen Prozessen wie die Informationsverarbeitungen in menschlichen Gehirnen.

Claudius Gros und seine Gruppe haben sich die Bestsellerlisten von klassischen Medien für Musik und Bestseller-Charts für Bücher vorgenommen, weil diese teilweise schon seit den 1960er Jahren nach denselben Kriterien aufgestellt werden. Als modernes Pendant untersuchten sie die Zahl der Downloads für Musikalben auf Spotify und im Nachrichtensektor die Anzahl von Retweets auf Twitter sowie von Kommentaren auf der Diskussionsplattform Reddit. Allen ist gemeinsam, dass die Platzierung aus den Entscheidungen vieler Einzelpersonen hervorgeht, die sich untereinander beeinflussen.

Ebenda

Die erste und fundamentale Annahme ist hier:

[…] dass unser Entscheidungsverhalten davon beeinflusst wird, wie unser Gehirn die Masse an Informationen aus der Außenwelt prozessiert und Relevantes herausfiltert. Das heißt, wenn man eine große Menge von Menschen untersucht, zeigt sich, dass ihre Entscheidungen statistischen Gesetzen folgen, die prägnant durch die Verarbeitungsprozesse im Gehirn bestimmt werden. Genauer gesagt: den Prozessen der Verdichtung und Optimierung von Informationen.

Ebenda

Und im Ergebnis zeigt sich, wie erschreckend vorausrechenbar wir in diesen Kontexten handeln, sprich wie sich Toptitel nach oben spülen. Das lässt sich tagesgenau logarithmisch festhalten und im Wochenverlauf gemäß Potenzgesetzen. Neurofundamentale Gründe:

Neben den logarithmischen Skalen, mit denen die primäre Information komprimiert wird, muss das Gehirn noch eine inhaltliche Auswahl vornehmen. Dafür versucht es, insbesondere den statistischen Informationsgehalt zu optimieren. (In der Informationstheorie wird der Informationsgehalt durch die Shannon-Entropie ausgedrückt.) Die von Gros und seinen Mitarbeitern entwickelte Theorie beruht auf der Annahme, dass unser Gehirn nicht den Informationsgehalt der direkten Sinneswahrnehmungen optimiert, sondern die bereits komprimierten Informationen. Das Gehirn kann für die Auswahl relevanter Inhalte nämlich nur auf die interne Darstellung der Welt zugreifen, die schon verdichtet wurde. Komprimieren und Optimieren wären damit zwei aufeinanderfolgende Schritte. Für die Optimierung der internen Information haben die Forscher präzise mathematische Zusammenhänge entwickelt.

Ebenda

Wir echoloten also nicht fortwährend in die tatsächlich vorfindbare Realität hinein, gleichen demnach NICHT in einem fort mit der Außenwelt ab, evaluieren nicht wie gute Wissenschaftler*innen, sondern verinnerlichen (internalisieren) es, eignen es uns als eigene neuronal basierte Gedanken an, lassen den Input neuro-intern zirkulieren. Der Sinn des Denkens mit Denken als sechster Sinn, womit wir ähnlich den anderen fünf körperlichen Sinnen denksinnhaft wahrnehmen und denkerleben. Nach der Kompression der eingegangenen, durch die physischen Wahrnehmungssinne vorgefilterten Eindrücke optimieren wir das Erhaltene von nun an hirnintern, also nur noch denkend. Und dieser Zwei-Schritt verläuft prinzipiell bei allen so ähnlich, dass man anhand mehrerer Gleichungen präzise vorhersehen kann, wie es auf diesen oder jenen Charts weiter verläuft.

Das ist – hier noch im unschuldig Kleinen – Psychohistorik – noch ohne einflussnehmenden Anteil. Doch der stünde bevor, da man dieses Wissen machtvoll kapitalisieren wird können. Neuromarketingleute werden Schlange stehen, werden viel Geld für diese zugrundeliegenden Gleichungen ausgeben, um anhand dieser dann Angebote und Verkäufe so geschickt aufzustellen, dass schon der Verdichtungsprozess optimiert wird und so schon voroptimiert nur noch an Input reinkommt, was sich für die Abverkäufer lohnt. Das mal so als meine Annahme. Im KI-Zeitalter lassen sich mathematische Gleichungen nur zu gut und leicht zu Geld machen. Erst recht, wenn zunehmend auch chartgehende Literatur von KI sein könnte…

Denn das ist eine große Leerstelle, ein Blinder Fleck in Asimovs Foundation-Erzählung: die Ökonomie, die ewige Ökonomisierung, Kommerzialisierung und Kommodofizierung von allem und jedem jenseits staatlicher Lenkungsversuche. Im Foundation-Universum hat es entweder nie eine Great Transformation hin in eine Marktgesellschaft gegeben oder man konnte sie überwinden. Dafür, dass Asimov in den USA lebte, ist seine Vision einer psychohistorisierten Menschheit erstaunlich marktlos, ja marktfrei, dafür zentral gelenkt bzw. genudget. Schlimm? Nö! Nur auffallend.

Abschließende Worte

Derer wenige: spannend, dass ganz im neumodischen Trend, es auch diesbezüglich bis ins Hirn hineingeht, der Mensch demnach wohl echt bloß soziales Gehirn ist, das nach Anderen telefonieren will. Weg von Psycho, hin zu Neuro, worüber der Mensch und sein entscheidungsreiches Handeln erklärt wird. Nunja…

Wie viel wir von alledem in der Serien sehen werden? Wie genau man in die Psychohistorik einsteigt oder (noch) oberflächlich(er als in den Büchern) bleibt? Ich bin gespannt und sehr interessiert. Hoffe inständig, dass kein actionreicher Klamauk hinzugedichtet wird, es nicht hollywoodesk auf rührselige Romanzen hinausläuft oder GoTesk übelste hintertriebene Intrigen alles diktieren. Finden wir es heraus…

EDIT vom Foundation-Release-Tag: In den Auflistungen Defekte behoben, so dass es nun ordentlich ausschaut…

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