Fremd, verfremdet, entfremdet

Hallo Mitwelt

Für mich als Entfremdeter in einer befremdenden Welt ein befremdlich bekanntes Thema diesmal zum Thema. Heute soll das Fremde / die Fremdheit(serfahrung) im Fokus der Betrachtungen stehen. Diese aber sehr wohl im Anschluss an die vier Dimensionen des Reiseberichts, der von der fremden Ferne kündet, wie ich sie beispielhaft an einer Reise Ijon Tichys durchdekliniert habe. Beides wird noch zusammengeführt…

Rezensionale Quelle

Heutige Einsichten sind wie letztes Mal erneut entlehnt und das wiedermal aus einer Rezension. Von Volker Scior auf hsozkult über Anna Aurasts “Fremde, Freunde, Feinde. Wahrnehmung und Bewertung von Fremden in den Chroniken des Gallus Anonymus und des Cosmas von Prag“ Die 2015 verfasste und 2019 publizierte Dissertation ist eine Fallstudie, die sich im Titel genannte Chroniken aus dem Hochmittelalter (frühes 12. Jahrhundert) annimmt: die „Cronicae et gesta crucum sive prinicipum Polonorum“ (Die Chronik und Taten der Herzöge und Fürsten von Polen) des Gallus Anonymus sowie die „Chronica Boemorumdes“ (Chronik der Böhmen) des Cosmas von Prag.

Ich destilliere mir hieraus die profunde Leistung der Autorin. Sie hat nämlich ein in penibler Gründlichkeit zusammengestelltes Schema zur Wahrnehmung von Fremdheit(en) entwickelt, das sie dann mit auf die beiden hochmittelalterlichen Chroniken anwendet. Ziel ist es, auf diese Weise mit quantifizierter Genauigkeit herauszuarbeiten, welche Art von Fremdheit für die beiden Chronisten von erlebter Bedeutung war, worüber sich für sie zu berichten lohnte. Für mich soll im Weiteren die detaillierte Praxisanwendung des Fremdheitsschemas nicht wichtig sein – allein schon, weil ich von mittelalterlichen Chroniken, deren Zustandekommen und derlei keine Ahnung habe, womit ich solche Ergebnisse bemessen könnte. Ich werde – wenig blogverwunderlich – das entlehnte Schema das auf eigene Interessensbereiche verschieben und durchs Raster blicken, was zu erspähen ist.

Fremdheiten

Anna Aurast unterscheidet vier Fremdheitsbedeutungen, die sie sachgerecht von „fremd 1“ bis „fremd 4“ bezeichnet. Fremd ist demnach…:

  • 1. jemand oder etwas „der eigenen Gruppe nicht Zugehöriges“,
  • 2. auch etwas, das einem solchermaßen Fremden gehört,
  • 3. etwas, das „unbekannt / unvertraut“ ist oder
  • 4. „unverständlich / unerklärlich“. zitiert nach Volker Sciors Rezension

Fremd 1-4 ordnet sie nun noch je sechs Dimensionen (Items) bei, die da lauten: räumlich, ethnisch-politisch, religiös, sozial, sprachlich sowie kulturell. Das Fremdheitsschema umfasst in Summe also vierundzwanzig Ebenen, die im Überblick so ausschauen:

  1. Fremd 1 „jemand oder etwas „der eigenen Gruppe nicht Zugehöriges“ in A) räumlicher, B) ethnisch-politischer, C) religiöser, D) sozialer, E) sprachlicher oder/und F) kultureller Hinsicht.
  2. Fremd 2 „auch etwas, das einem solchermaßen Fremden gehört“ und sich A) räumlich, B) ethnisch-politisch, C) religiös, D) sozial, E) sprachlich oder/und F) kulturell ergibt.
  3. Fremd 3 „etwas, das „unbekannt / unvertraut“ ist“ in A) räumlicher, B) ethnisch-politischer, C) religiöser, D) sozialer, E) sprachlicher oder/und F) kultureller Hinsicht.
  4. Fremd 4 „unverständlich / unerklärlich“ bleibt in A) räumlicher, B) ethnisch-politischer, C) religiöser, D) sozialer, E) sprachlicher oder/und F) kultureller Hinsicht.

Schachbrettartig diagonal Fremd 1A bis fremd 4F, womit die Palette des Fremdmöglichen abgedeckt, klassifiziert und gezielt beobachtet werden kann. Anna Aurasts Befundung ist die, dass vor Ort der Chronisten, in deren chronistenpflichttreu festgehaltener Lebenswelt „fremd 1“ und „fremd 2“ am häufigsten / fast nur vorkommen, hingegen „fremd 3“ und „fremd 4“ nicht / kaum noch. Die vier Typen sind daher grob zweizuteilen: Fremd 1 und 2 beschreiben Fremde/s, die/das an den Ort der Beobachter*innen kommen/kommt und in der vertrauten Heimat befremdlich auftreten und erscheinen. Kurzum, Reisende treffen ein und bringen ihre Fremdheit mit. Demgegenüber sind Fremd 3 und 4 Fremdheitserfahrungen von Reisenden, die hinausziehen in die Welt und an anderen als ihnen vertrauten Orten zu den/zum Fremden gelangen bzw. es als fremd erleben, weil es so sehr von heimisch Vertrauten abweicht. Andersherum – und das ist ein Clou der Perspektive: Der Reisende, der anderswo als daheim Fremdheit 3 und 4 erlebt, wird für die bereisten Anderen ggf. zum Fremden 1 und 2 – es ist ein perspektivisches, letztlich also dialektisches Wechselspiel. Wer eben noch der in der Fremdferne befremdete Reisende gewesen ist, wird zum angereisten Fremden und umgekehrt.

Fremd 1 und 2

So bezieht sich fremd 1 vorzugsweise auf Personen, Tiere oder monströs anmutende Chimären, fremd 2 hingegen auf Gegenstände und sonstige Objekte solcher Lebewesen, die auch ohne deren Zugegensein oder Benutzung durch sie fremdartig sind und bleiben.

An der Stelle möchte ich auf den “Exkurs über den Fremden“ vom Soziologen Georg Simmel eingehen: so könnte man einen Fremden sich so vorstellen, dass er einmalig erscheint, hereinbricht in die wohlgeordnete Heimat, als fremdartig wahrgenommen wird, sodann aber wieder entschwindet und nur noch befremdende Erinnerung bleibt. Ein Wanderer, der kaum gekommen auch schon wieder weg ist. Simmel konzipiert den Fremden jedoch soziologisch andersherum. „Die Bewohner des Sirius sind für uns keine Fremden, denn sie stehen jenseits von fern und nah.“ Demnach sind Fremde nicht aus der Ferne gekommen, um (schnell) wieder zu gehen, sondern gekommen, um nahebei zu bleiben. Aus (Vorbei)Wanderern werden Einwanderer! Erst mit ihrem Verbleib können sie zu Fremden werden, da erst mit der Zeit ihrer Gegenwart das Fremd(artig)e an ihnen hervortritt, adressierbar wird und für die Ansässigen in der wahrgenommenen Abweichung (Devianz) an Bedeutung gewinnt. Sie bringen eine neu-, als fremdartig empfundene Qualität mit ins relativ Homogene der Ansässigen, diese sich mit der Zeit einander angeglichen haben. Als fremd erweist sich so ein Fremder schon durch seinen „objektiven“ Blick, der noch nicht dem lokalen maßstab entspricht, sondern exogen (von außen stammend) geprägt ist. Die Urteile des Fremden über die Welt weichen (noch) zu sehr von denen der Ansässigen ab, um AUF DAUER akzeptabel zu sein. Als Wanderer, der in Bälde wieder weg sein wird, mag er anders aussehen, denken und sein, wie er noch so skurril will; als Hinzugekommener fällt die von außerhalb stammende Weltsicht auf. Als ein Beispiel einer in Kürze als Streamingserie umgesetzten Fantasy-Vorlage – Das Rad der Zeit: Wenn der Fahrende Händler Padan Fain nach Emondsfelde kommt, bringt er allseits ersehnte Waren mit, genauso gut aber auch Informationen über die Welt außerhalb der abseits gelegenen Zwei Flüsse, die im beschaulichen Dorf nicht jede*r hören mag. Als Händler – auch diesseits der Realität – weiß er mehr, ist nicht provinziell verwurzelt, sondern als Durchreisender vieler Orte weltbewandert – oder wirkt wenigstens so auf die Dörfler. Simmel apostrophierte als solchen Schlag händlerischer Fremder vor allem Juden. Wobei wichtig zu erwähnen ist, dass er selber Jude war. Ob das Juden derart je waren oder nicht, ist hier historisch nicht zu ergründen. Jederzeit drohen hier ohnedies antisemitische Verstrickungen, wogegen von vornherein die Verschwörungsfragen zu empfehlen sind!

Zu Fremden werden diejenigen wie Händler*innen schlussendlich infolge eines Halo-Effekts. Damit ist sozialpsychologisch ein Effekt gemeint, bei dem man überzeichnend (kognitiv verzerrt) von einer erkennbaren Eigenschaft von jemanden auf die gesamte Person und Persönlichkeit rückschließt. Im positiveren Fall meint man, jemand sei zum Beispiel von grundauf gut und nett, weil er/sie (auf den ersten Blick) sympathisch wirkt, was man ggf. an oberflächlichen Kleinigkeiten wie einem Lächeln beim ersten Kontakt festmacht. Wie zufällig, aus der Reihe oder/und gekünzelt dieses Lächeln ggf. sein mag, wird unterschätzt. In so einem Fall ist Halo- als Heiligenschein-Effekt im gutgemeinten Sinne zu verstehen. Anders – und nun kommen die Fremden ins Spiel – wird genauso überzeichnet, jedoch nicht zugunsten der haloeffektiven Person, sondern anhand irgendeines Merkmals, das missfällt, negativ auf den ganzen Menschen geschlossen. Ein solcher Halo- ist dann ein Teufelshörner-Effekt und durch und durch unheilig für die Person. Ließe sich ein solcher Ersteindruck gut korrigieren und reparieren, wäre das freilich halb so schlimm. Doch neigen Halo-Effekte dazu, beharrlich zu sein. Im Heiligenschein-Fall eher angenehm und nutzbringend fortzuführen, im Falle der Teufelshörner nichts als teuflisch.

Einmal teufelshörnig stigmatisiert, werden die Fremden zu Außenseitern, die als nicht hineinpassend verkannt und so außen vor gehalten werden. Dass es nicht die fernfremdesten Fremden sein müssen, die teufelshörnig zu Außenseitern gestempelt werden, sondern auch in sehr vielem sehr ähnliche Menschen, hat die berühmte Studie über Etablierte und Außenseiter von Norbert Elias und Kollegen nachdrücklich untersucht. Ich will das hier gar nicht ausbreiten, empfehle nur, zumindest den Wikipedia-Eintrag zu lesen und so bereichert an Erkenntnis aus der Lektüre zu gehen. Das Entscheidende ist, dass die sogenannten, sich selbst so inszenierenden Etablierten die Dauer ihrer Ansässigkeit vor Ort als maßgebendes Kriterium nehmen. Die während dieser Dauer gepflegten Praktiken des Umgangs gelten sodann als Maßstab, an dem die Hinzugezogenen strengstens gemessen werden. Hieran können diese mangels ausreichender Praxis und Einführung in diese nur scheitern, egal wie gleich sie ansonsten bezogen auf Aus-/Bildung, Einkommen u.Ä. sein mögen. Was normal ist, als maßgebende Norm zu gelten hat, geben die Etablierten vor. So wird fremd, selbst wer eigentlich gleich ist, schlicht weil in einem Übermaße FEINE UNTERSCHIEDE zu unüberwindbaren Grenzen GEMACHT werden, hinter denen die Neuankömmlinge als Außenseiter verharren müssen! Ohne durch die Etablierten(!) ausgestellten und ergo zugestandenen Passierschein A38 geraten die Fremden im Außenseits in die (Aus)Sortiermaschinen der Etablierten.

Fremd 3 und 4

Fremd 3 muss sicher nicht, nimmt aber gewiss mit räumlicher Distanz von den bekannten und vertrauten Orten zu, kommt mutmaßlich vergleichsweise seltener hinein ins Bekannte. Fremd 3 ist eine Fremdheit in der Ferne. Fremd 4 wiederum ist, so meine Einschätzung nach letztmaliger Analyse von Tichys Reisebericht und Olofs Ausführungen bei Ungeheuer Vernünftig, die Fremdheitsform schlechthin für Lem. So mag zeitweise das angetroffene Fremde bei Lem zunächst noch nur „fremd 3“ sein, also unbekannt und unvertraut sein. Doch bleibt das nicht so, ist nicht bloß Durchgangszustand auf Zeit, nicht interstellare Statuspassage aus dem unbekannt-unvertraut Fremden ritualisiert umgewandelt hin zum Bekanntgewordenen. Vielmehr endet es bei Lem i.a.R. resonanzlos in fremd 4, demnach das Fremde trotz (anthropozentrisch) wissenschaftlicher Bemühungen unverständlich und unerklärlich bleibt; man – für mich am Eindrucksvollsten in Der Unbesiegbare, multimedial am berühmtesten in Solaris durchgespielt – vor dem Fremden verständigungslos kapitulieren und sogar den Rückzug antreten muss. Mit guter Absicht, jedoch vereinseitigend anthropozentrisch treten die Menschen dem vorgefundenen Fremden mit ihren geerdeten (Moral!)maßstäben entgegen, ungeprüft, unhinterfragt, ob / wie gut diese Maßstäbe aufs Fremde geeicht sind, ob die Messschablonen darauf evaluiert worden sind. Mit Lems Worten aus Solaris: „Wir wollen gar nicht den Kosmos erobern, wir wollen nur die Erde bis an seine Grenzen erweitern.“ Das frühste Beispiel hierfür: Gast im Weltraum – Lems dritter SF-Roman aus dem Jahre 1955, wo das Generationenraumschiff GÄA viel von der Erde mitnimmt, um kein entfremdender Ort zu sein / werden. Z.T. ganze Gartenlandschaften, wenigstens in „videoplastischer“ Simulation, die dem Star Trekschen Holodeck verdammt nahekommen. Auch ein Universum weiter, im sog. Perryversum der Perry Rhodan-Serie gehört zur Grundausstattung von Anfang an auf dem Omniträgerfernschiff RAS TSCHUBAI die Park- und Freizeitlandschaft OGYGIA dazu, benannt nach der mythologischen Insel. Einstmals flogen Raumschiffe im Perryversum als bloße Stahlkugeln ohne jeglichen Komfort durchs All, was sich zur biopsychosozialen Erbauung der Besatzung längst geändert hat.

Zeitverzerrte Fremdheit

Verschachtelter das Fremderleben in Lems Transfer aka Rückkehr von den Sternen. Hier gelangt nach Raummission Hal Bregg zurück zur Erde, für ihn erlebt nur nach wenigen Jahren, die aufgrund von Zeitdilatation auf der Erde zu 123 Jahren geworden sind. Für ihn ist nicht nur alles Vertraute in der Zeit hinfort, selbst alles sozialstrukturell Bekannte hat sich in seiner Abwesenheit so fundamental metamorphisiert, dass er als Erdmensch auf Erden zum Fremden in einer Fremden Welt wird. Ganz nach dem eingangs gelinkten Titel von Robert A. Heinleins berühmten Meisterwerk, bereits 1961 in jedoch um ein Viertel gekürzter Version erschienen, 1991 vollumfänglich posthum herausgegeben. Lems Rückkehr von den Sternen erschien – schau an ! – ebenfalls 1961! Mal wieder eine faszinierende Konvergenz der Geschichten, die in des Menschen Kern vom Gleichen erzählen, dem Fremd(geworden)sein. Besagte Doppelperspektive von fremd 1 und 2 versus fremd 3 und 4, dass die Art des Fremdseins beobachterrelativ ist und man vom einen in den anderen Fremdzustand geraten kann, wird in Lems Werk in eindrücklicher Dichte geschildert. So entfremdet Bregg das vormals vertraut Heimische geworden ist, so befremdlich fremdanders wirkt der hochgewachsen maskuline Hal Bregg auf die aggressionslos gewordenen, emotional ausgeglichenen Menschen. Sie sind einander fremd 4, zunächst völlig unverständlich und in ihrem Handeln, ja dem gesamten Lebensstil unerklärlich. Im Laufe der Erzählung mäßigt sich das hin zu „fremd 3“, Bregg vermag sich einzupassen, gerät aber auch an eine Frau dieser Zeit, die ihn doch so annimmt, wie er als aus der Zeit gefallenes menschliches Relikt ansonsten erscheint. Hier also eine entgegengesetzte Fremdheitsentwicklung zu Der Unbesiegbare. Dort Hoffnung durch Wissenschaft zur aneignenden Annäherung zu gelangen, die zerplatzt; hier aus anfänglicher Hoffnungslosigkeit totaler Entfremdung zum versöhnlichen personalen Ankern im Fremden gelangt.

Die Menschen dieser „Transfer“-Zukunft scheinen mir eine Umerzählung der Eloi zu sein, die sich emotional apathisch von Robotern sämtliche Arbeiten abnehmen lassen. Demgegenüber wirkt Bregg wie ein arbeitskräftiger, anpackender, emotionaler Morlock. Morlocks wie Eloi sind die hinkünftig gedachten Menschen(rassen?), die sich H. G. Wells in Die Zeitmaschine imaginierte, wie sie im Laufe von Jahrzehntausenden aus immer auseinander klaffenderen Klassenunterschieden hervorgegangen sind. Während Eloi und Morlocks sich auseinander entwickelt haben, obwohl sie zur selben Zeit auf einer gemeinsamen Welt leben (gelebt haben werden), reißt bei Lem die Zeit Klüfte auf zwischen Bregg und den Menschen, obwohl sie auf einer Welt zusammenfinden.

Schematische Ergänzung

Diesen Beobachtungen gemäß wäre science fictional dem Aurast-Schema daher noch eine siebte Dimension hinzuzufügen, die für Fremd 1-4 von Relevanz ist: die Zeit! Eventuell könnte man sie zum Raum ergänzen, Raum-Zeit, die physikalisch vierdimensional verschmolzen ist. Andererseits wird sie dann eben doch menschlich getrennt empfunden – dort der dreidimensionale, materialisierte Raum, da die eindimensionale, linear vorwärts verlaufende Zeit. Weil Zeit Macht ist (WDR-Lebenszeichen, abrufbar bis 20.08.2022), ist die Macht, die Zeit zu beherrschen, sie auch rückwärtsläufig zu zwingen, science fictional ein Topos par excellence. Zurecht hatte Das Science Fiction jahr 2010 dem Thema den Schwerpunkt gewidmet. Unter dem Titel Wenn gestern morgen ist – Zeitmaschinen, Zeitreisen und Zeitparadoxien in Science und Fiction breitet in zeitdilitierender Umfänglichkeit Rüdiger Vaas aus, wie und auf welche Weise Zeit in der SF gebeugt, manipuliert, beherrscht oder zum gnadenlosen Gegenschlag angestachelt wird. Ergänzt all das um den Stand des Wissens über die Zeit in der Physik. Ich habe nur das eBook vorliegen, kann daher den Seitenumfang nicht abmessen, der aber gutmöglich einen Heftroman füllen könnte. Wells‘ Zeitmaschine war demnach nicht die erste ihrer Art, selbst sie aus dem Jahr 1895 hatte noch Vorläufer.

Der Garten der Pfade, die sich verzweigen, ist ein zwar unvollständiges, aber kein falsches Bild des Universums … unendliche Zeitreihen … ein wachsendes, Schwindel erregendes Netz auseinander- und zueinanderstrebender und paralleler Zeiten. Dieses Webmuster aus Zeiten, die sich einander nähern, sich verzweigen, sich scheiden oder einander jahrhundertelang ignorieren, umfasst alle Möglichkeiten. In der Mehrzahl dieser Zeiten existieren wir nicht; in einigen existieren Sie, nicht jedoch ich; in anderen ich, aber nicht Sie; in wieder anderen wir beide.

Jorge Luis Borges (1941, nach Rüdiger Vaas im SF-Jahr 2010

Mit dieser Metapher, einer sich irrgartenhaft labyrinthisierenden Zeit, spielt die SF seit eh und je. Da wird in Raumzeitfaltungen verlorengegangen; Feinde in Raumzeitfallen gelockt wie Mäuse zum Käse; da wird – entgegen des Physikmöglichen – in der Zeit zurückgereist und sich zutiefst in Großvater-Paradox verwickelt; oder „es geschieht, weil es geschah“, nur durch das zeitreisende eingreifende Handeln konnte vergangenheitlich entstehen, was gegenwärtig Anlass zur Zeitreise wurde. So aktuell zu erlesen in der laufenden Perry Rhodan NEO-Staffel 26 „Arkons dunkle Zeit“. Es ergeben sich in solchen Geschichten „Probleme, vor denen sich die Menschen gestellt sehen, die es in die Vergangenheit geschleudert hat. Was können sie tun, um ihre eigene Lage zu verändern? Was müssen sie unterlassen, um keine Katastrophe anzurichten? Hieraus ergeben sich obendrein zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten: man reist, wie Reisende es zu tun pflegen. Das aber nicht im Raum, sondern in der Zeit. Man gerät so an prinzipiell bekannte Orte, nur in anderer zeit, weshalb sich eben doch auch der Ort lebewesengeografisch anders, wenn nicht fremd darstellt. Oder man reist nicht nur in der Zeit, sondern auch noch im Raum, womit alle Probleme einer ganz herkömmlichen Raumreise noch um Ver(w)irrungen der Zeit khipuisiert werden. Sich hier richtig auszudrücken, um Ereigniszeit, Sprech(er)zeit und Referenzzeit zeitkorrekt in Beziehung zu setzen, ist eine Kunst für sich.

Das größte Problem ist ganz einfach ein grammatikalisches, und das wichtigste Buch, das man zu diesem Thema heranziehen kann, ist Das Handbuch der 1001 Tempusbildungen für den Reisenden durch die Zeit von Dr. Dan Streetmaker. Es sagt einem zum Beispiel, wie man etwas auszudrücken hat, das in der Vergangenheit im Begriff war, einem zu widerfahren, bevor man ihm aus dem Weg ging, indem man in der Zeit zwei Tage nach vorn hopste. Das Ereignis wird nun unterschiedlich beschrieben, je nachdem, ob man aus dem Blickwinkel seiner natürlichen Zeit, einer Zeit in der weiteren Zukunft oder einer Zeit in der weiteren Vergangenheit darüber spricht und es wird noch weiter kompliziert durch die Möglichkeit, daß man sich gerade darüber unterhalten kann, während man auf der Reise von einer Zeit zur andern ist um seine eigene Mutter oder sein eigener Vater zu werden.

Die meisten Leser kommen bis zum Futurum des semiconditional modifizierten, sub-umgedrehten Intentionals des subjunktiven Praeteritum Plagalis, bevor sie aufgeben: und tatsächlich sind in späteren Auflagen des Buches alle Seiten hinter diesem Kapitel weiß gelassen worden, um Druckkosten zu sparen.

Douglas Adams DAS RESTAURANT AM ENDE DES UNIVERSUMS – Kap. 15

Reiseberichte vom Fremden

Wenn wir schon so inmitten science fictional üblicher Raumzeitreisen sind, sollen die vier Dimensionen des Reiseberichts über das Bereiste nochmal hervorgeholt werden. Zur Erinnerung lautet das Quartett so:

  1. “die technisch-pragmatische Dimension des Reisens“,
  2. “der materielle und kulturelle Transfer durch Reisen“,
  3. “die verschiedenen Dimensionen des Kulturkontakts auf Reisen“ sowie
  4. “die Darstellung von Reisen“.

Dimension 1 dreht sich um den narrativen Null- als Referenzpunkt der reisenden Person. Wer bricht denn hier von wo aus wohin, womit und warum, wozu und wofür denn auf? Eine reisewillige (und nicht etwa dazu gezwungene) Person muss ein gewisses (Mindest)Maß an Xenophilie, Interesse und Neugier aufs Andere und Fremde mitbringen. Denn sonst bliebe der Schuster bei seinen leisten und die Bäuerin lieber auf ihrer Scholle, statt die Beschwernisse einer Reise auf sich zu nehmen, um auf unerwünscht Anderes und Fremdes treffen zu müssen. Erzählerischer Clou könnte freilich sein, dass wir auf einen Reiseberichtenden stoßen, der/die/das und von dem Start-/Ausgangspunkt her bereits fremd ist, sich dann während der Reise bzw. an deren Ende aber bei uns ankommt; für den/die wir das wunderlich, absonderlich Fremde wären, worauf er/sie stirnrunzelnd oder interessiert blickt. Denn eine eh nur implizite Annahme, wir folgen per se nur Reisenden, die von unserer Scholle aus mit nahezu unsgleichen Startbedingungen gen Fremdferne aufbrechen, kann nur zu leicht gebrochen werden.

Dimension 4 wiederum hängt stark von erster ab, wie viel vom Reisenden in die Darstellung fließt, die beispielsweise in Ich-Perspektive geschildert sein könnte. Dann wäre es nur förderlich, wüssten wir um die Erzählperson, um ihre Schilderung aufwiegen zu können. Ansonsten geht es in dieser Dimension in erster Linie darum, ob der Reisebericht als historische Quelle taugt oder literarisch bis zur Unkenntlichkeit des Realen überformt und überzeichnet ist. Auch das kann freilich Stilmittel einer Verfremdung sein, die gewollt oder ungelenk zustandegeraten ist.

Dimensionen 2 und 3 wiederum sind die interessanten, wenn es um Fremdheiten und deren Wahrnehmung geht. In Dimension 2 erweist sich, was der Reisende vom Fremden überhaupt wahrnimmt, wahrnehmen kann, wie viel er davon aufnimmt und sich erkennend aneignet. In jedem Fall geschieht dies nur durch die – von Zuhause mitgebrachte – Brille der Marke Erkenntnis des Reisenden, die vorfiltert, was zu erkennen ist. Insofern gerinnt hier Dimension 1 zur Wirkmacht, denn einher mit der Verortung des Reisesubjekts geht auch dessen Skill- und Mindset. Je ethnozentrischer die Reisende ist, desto weniger Anderes wird sie überhaupt wahrnehmen können, ignoriert es der Abweichung vom Vertrauten wegen von grundauf oder überzeichnet das dann doch Erkannte umso vehementer. Eine ziemlich sicher teufelsbehörnte Überzeichnung… Je xenozentrischer die Reisende hingegen ist, je mehr sie also der heimischen Zentralkraft entgehen will, desto augenfälliger für sie all das exotisch Andere, zu dem sie sich hingezogen fühlt und das sie umso argusäugiger hochschätzt und freimütig Heiligenscheine ausstellt. Anders benannt als Ethno- versus Xenozentriker*in kann man mit David Goodhart von “Somewheres“ und „Anywheres“ sprechen:

Die ANYWHERES (im Sinne von „Nirgendwos“) sind dadurch gekennzeichnet, dass sie zwar irgendwo wohnen – meist in einer Großstadt – aber so ortsungebunden sind, dass sie jederzeit umziehen könnten. Und das tun sie auch ziemlich häufig. Die gut bezahlten mobilen Angestellten, die Kosmopoliten und Globetrotter. Die Künstler, Kreativen und Konstrukteure des eigenen Lebens. Die Gebildeten und Bildenden, die Sinnsucher, Moralisten und Latte-Macchiato-Trinker. Anywheres sind die Gewinner und Bewohner der globalen Urbanisierung. Sie sprechen den Code universalistischer Werte und repräsentieren die kulturelle Hegemonie der multimobilen Großstädter.

Die SOMEWHERES (etwa „Dagebliebenen“) sind hingegen diejenigen, die aus vielfältigen Gründen an einem Ort geblieben sind. Meistens nicht, weil sie es unbedingt wollten. Es hat sich nur nicht anders ergeben: Man blieb „daheim“, aber empfindet nicht unbedingt Heimat. Somewheres, das sind die Bewohner von Hochhaus-Ghettos, in denen der Beton bröckelt. Von Kleinstädten, in denen das Schwimmbad längst geschlossen und die Fußgängerzone seit den 80er Jahren nicht erneuert wurde. Von Vororten, die irgendwo im Nirgendwo ehemaliger Industriegebiete mit Penny-Märkten leben. Von Dörfern, in denen die Kneipe zu und der nächste Supermarkt weit entfernt ist. Von Kleinstädten, in denen der Zug durchfährt. Oder eben von sozial prekären Großstadtvierteln.

Matthias Horx

So viel zu EINER diesseitigen Zeitdiagnose. Ja aber, die Somewheres sind doch gerade Schollenbleiber*innen, inwieweit kann, darf und sollte man sie denn im Zuge einer Reisebericht-Dimension einpreisen, wenn sie doch (nahezu) nicht reisen? Weil sie zwar vergleichsweise nicht / so viel weniger physisch durch den Raum reisen, hin zu exotisch oder befremdlich Anderen. Aber auch sie nehmen Welt, sozusagen Außenwelt wahr, ordnen sie in ihr Weltbild- und Welterleben ein, reagieren auf sie. Vor allem bilden sie aber auf gewisse Weise die ortsgebundenen Chronisten aus Anna Aurasts Studie, nur rund 800 Jahre später in entgrenzt digitalisierten Zeiten. Und als solche erleben sie allen voran fremd 1 und 2.

Und je nach subjektivem Ausgangs- und Standpunkt ist der Modus des möglichen Transfers, der Dimension 2 auszeichnet, ein funda-mental anderer. Will ich möglichst viel vom Eigenen und Gleichen im Anderen wiederfinden oder suche ich förmlich nach exotisch-fremden Abweichungen in der Hoffnung auf ergänzende und erweiternde Bereicherung des eigenen Horizontes? Reise ich bloß auf Urlaub einmal von daheim weg zum Entspannen von dortigen Alltagsverhältnissen? Dann ist das Bereiste touristisch zumeist nur exotisch anschauliche Kulisse, wohlstaffiert. Oder reise ich hin zum Anderen, das sogar gerne fremd (3) sein darf und soll? Der mit mir stattfindende oder eben ausbleibende materielle und kulturelle Transfer wird ein zutiefst anderer sein.

Zuletzt noch Dimension 3 des Reiseberichts: der Kulturkontakt. Hier entsteht die Melange aus Dimension 2. Hier entscheidet sich, ob das zuvor Wahrgenommene und (An)Erkannte als fremd 4 überzeichnet und teufelsgehörnt ideologisiert wird. Oder ob man sich weltoffen ist und etwas vom Fremderlebten für sich verinnerlicht (internalisiert) und sich so fürs eigene Leben zu eigen gemacht hat. Dann nimmt man das Fremderlebte mit, egal wohin man geht, trägt es in sich, ist zu einem Kollektivwesen aus dem vertrauten Alten und fremden neuen geworden. Man denkt jetzt auch – zumindest ein bisschen mehr als zuvor – mit dem Fremdgewesenen, hat es sich selbstverständlich gemacht, statt nur auf Distanz über es nachzudenken. Kulturkontakt macht aus zwei drei, nämlich die beiden sich zuvor Fremdgewesenen werden zu einem Kontaktdritten, der aus der Begegnung hervorgeht. Hervorgehen kann, könnte und meist auch sollte. Nicht aber in Lems Kosmos, wo es meist fremd 4 bleibt, hier nichts und niemand zu einem gereiften Kontaktdritten wird und werden kann. ”Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel.” So sprach lem in Solaris und meinte damit – in meiner fremdheitsgeschärften Lesart: In einem resonanzlosen Kosmos, der nicht auf uns gewartet hat und uns nicht empfängt, der aus sich heraus immer fremd 4 bleiben wird, kommt es zu keinem beiderseitigen Kulturkontakt, aus dem titulierter Kontaktdritter hervorgehen könnte. Vielmehr bleibt Mensch ratlos bis verwirrt zurück, bleibt auf sich und seine ureigenen Reflexionen über die statt mit der Welt zurückgeworfen und muss daher mit sich alleine – im Spiegel – ausmachen, was der Sinn von alledem sein soll. Ein Sinn, der im belebten Kulturkontakt sonst – gewiss mit manch hierarchischer Schieflage – von beiden Seiten eingespeist und ausgedeutet wird. Ein prozessualer Bastelsinn sozusagen, der setig fortentsteht – wenn man ihn denn (zu)lässt.

Summa alienae peregrinaeque

Das – vorläufige – Ende der Reise ist erreicht. Eine Reise durch die eigensinnigen Kulturareale des Fremden. Eine trotz der Länge bloße Drüber-hinweg- und Drunter-hindurch-Reise entlang einer grobkartierten Topografie des Fremden. Meine Beobachtungen nur vorbeiwandernder Streifzug und nicht schon eingewandertes Erforschen. Statt Globe- ein Alienetrotter, der mal hier, dann mal dort hineingeschaut hat.

Nicht hineingeschaut habe ich, was sich angeboten hätte: Das Fremdheitsschema von Anna Aurast ist von einer Historikerin für historische Quellen erstellt worden und auf besagte beiden mittelalterlichen Chroniken angewandt worden. Doch ich griff nach den Sternen und science fictionalisierte, wo ich doch naheliegender Fantasy-Settings hätte ergründen können. Das Rad der Zeit einmal kurzg estreift, Tolkiens Mittelerde hingegen genauso wenig auch nur genannt wie Martins brutales Lied von Eis und Feuer. Bedenkt man bei Tolkien beispielsweise, welch gänzlich anderes zeitempfinden potenziell unsterbliche Elben, längstlebige Ents versus hasthopsige Hobbits haben müssen und wie sich das in Sachen Fremdheitserleben und Reiseberichte niederschlagen dürfte. Über Generationen im Auenland ansässige Hobbits gegenüber Elben, die das Gefühl ewiger Migranten haben, entwurzelt ihrer Urheimat Valinor, nun auch aus Mittelerde entschwindend. Und beim Lied von Tod und Morden ist gerade das stete Weiterhasten einer Arya genauso ruhe- wie raumlos. Und vieles mehr…

Denn obwohl ich mit der Zeit eine siebente Dimension vorgeschlagen und an Lemschen Beispielen andiskutiert habe, blieben alle sechs übrigen Dimensionen unausgeleuchtet. Bisherige Beobachtungen sind deshalb schon grobschlächtig, da sie zunächst nur entlang der vier Fremd-Ebenen ausloteten, was alleine schon einsichtig war. Faszinierend, wie viel Tiefenschärfe die vier Reiseberichtsdimensionen erlangen, wenn man sie wiederum auf Fremdheit hin echolotet. So wird die implizite Selbstverständlichkeit, ein Reiseberichtender wäre einem per se nahe genug, hinterfragwürdig, da schon in (generisch) ihm ungeahnt viel Fremdheit stecken könnte. Das ist dann allerdings eine andere Qualität als ein „unzuverlässiger Erzähler“, der mit literarisch pfiffiger Stilistik täuscht und narrt. Je nach sozialer oder/und räumlicher Distanz des Reiseberichtenden ist schon der „subjektive Anker“ des Berichts uns fern (fremd 4) und muss sich mittels Bericht uns erst nähern (hin zu fremd 3). Oder ein von uns Wegreisender entfernt sich mit dem Erlebten als stetig sich wandelnder Kontaktdritter von uns immerzu, bis er vom Gutbekannten zum Ver- und Entfremdeten geworden ist. Ein Kommen und Gehen als „geworfener Entwurf“, der sich immerda transferiert. Ssind wir nicht alle daher ohnehin „ansässige Fremde“ im „planetaren Exil“???

EDIT vom 18.10.2021: Drei Vertipper retippt und den Link zu den Kulturarealen im Fazit hinzugefügt.

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4 Kommentare zu „Fremd, verfremdet, entfremdet

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