ATLANTIS 03 – Fluchtpunkt Venus

Hallo Mitwelt!

Welch Skurrilität: mit der Hörlektüre von ATLANTIS 03 erst Tage nach Erscheinen überhaupt begonnen, um jetzt mit den Beobachtungen zum Roman früher umme Ecke zu kommen als bei beiden vorigen Beiträgen. Je später, desto früher – eine antiproportionale Beziehung – faszinierend. Damit dann auch gleich ad rem – nur mit der Vorbemerkung, dass ‚Kapitel 1‘ über die Venus von Freunden des Heftinhalts übersprungen werden kann. Da geht es nur um die Venus als Gegenstand science fictionalisierter Literatur. Am Ende auch in ihrer wechselhaften Darstellung im Perryversum, was durchweg aber nicht heftkorreliert. Auf dann…

Inhaltsverzeichnis

Die Handlung


Sascha Vennemann: „Fluchtpunkt Venus – Letzte Chance auf dem zweiten Planeten – es ist ein Wettlauf gegen die Zeit“.

Fluchtpunkt interplanetarer Raum: eine Flottille Jägern auf den Düsen scheint das Entkommen fürs Trio atlantis aussichtslos zu sein. Nicht aber für einen Risikopiloten – indem man an einem Asteroiden einen Roboter ausschleust und explodieren lässt, während man die Leka-Disk ‚totstellt‘, täuscht man erfolgreich die arglosen Verfolger. Nach Weile setzt man möglichst energiearm wie ein Gesteinsbrocken Kurs gen Venus.

Dank gehackter Codes zwar unentdeckt in die Atmosphäre abgestiegen, packt die Venuspositronik trotzdem per Traktorstrahler zu und zwingt das Fluchtfahrzeug doch in Gefangenschaft – Rowena war den Flüchtenden vorausschauend einen Schritt zuvor. Doch zwingt wiederum Perry das Schiff in den venusischen Dschungel, wo man auf Zeit dem Zugriff der Häscher entgeht. Zielpunkt: Schrottplatz, wo die LT4, der Raumer der exekutierten Informanten über Atlans Weiterleben, demontiert wird. Nach glimpflicher Safari durch die venusische Flora und Fauna gelangt das Trio hier an, trennt sich jedoch. Sichu will der Venuspositronik kurzerhand die Traktorstrahlerei abgewöhnen, derweil Perry und Caysey die LT4 raumflugtauglich machen sollen. Erneut agiert Rowena und sieht das Manöver voraus und will die ‚Verräter‘ alleine bei der LT4 stellen. Hingegen stellt sich Caysey ihr. Im Schnelldurchgang mit Kampfanzug und Waffe bekanntgemacht, liefert sie sich mit Rowena einen zünftigen Schusswechsel, während Perry als viel erfahrenerer Kämpfer das Schiff flott zu machen bemüht ist. Ihm hilft ein nur zu zufällig gegenwärtiger Roboter proaktiv dabei, Caysey kommen die zuvor schon einmal begegneten Venusrobben zur Hilfe. Nicht gegen Rowena, sondern in Sachen Sohnemann in spe. Sie erkennen das Leid der Schwangeren mit psi-empathischer Scharfsicht und verhelfen ihr inmitten eines indigenen Rituals zur versprochenen Ausheilung. Dafür wird sie unter Wasser ‚eingeschleimt‘ und hat danach heißrot brennende Haut – und hat Perry alleine gelassen. Doch ihr Entsetzen über das Im-Stich-Lassen des Freundes macht sie wett, indem sie im Schiff wütende Rowena paralysieren kann. Diese war so naiv, das Talagon mit sich herumzutragen, das ihr Perry seinerseits abnehmen kann.

Inzwischen konnte, auch weil Rowena außer Haus, Sichu in die Venusbasis vordringen und zu hacken beginnen. Als sie von Rowena instruierten Robotern gestellt wird, arkonidische Wachen und selbst ein Positronikspezialist hinzukommen, schafft sie es dennoch unter den argwöhnischen Augen der Wächter, einen großen Hack zu initiieren. Von den hauseigenen Paralysestrahlern attackiert, lässt Sichu ihre ‚Leibgarde‘ betäuben und kann zur heranfliegenden LT4 entkommen, mit der das Trio klapprig und wacklig bis auf Sprunggeschwindigkeit dorthin gelangen will, wo nach letzten Informationen Atlan weilen soll …

1. Die Venus

Die Venus. Was ist sie eigentlich und wenn ja, wie viele? Literarisch allerhand, vielbeschrieben und so verschieden ausgemalt wie nur denkbar. Folgend ein paar wenige Verweise auf die Vielfältigkeit ihrer Ausgestaltung, die sich die längste Zeit an keinerlei – nicht vorhandene – (wissenschaftliche) Fakten gehalten hat.

Vorläufer und erste große Namen

In seinem Buch Entretiens sur la Pluralité des Mondes schrieb der französische Philosoph und Wissenschaftler Bernard Le Bovier de Fontanelle 1686: »Ich kann von hier aus beschreiben, wie die Bewohner der Venus so sind; sie sehen den Mohren von Granada ähnlich; kleine schwarze Menschen, verbrannt von der Sonne, voll von Witz und Feuer, immer verliebt, Verse schreibend, versessen auf Musik, Feste feiernd und Tänze und Turniere jeden Tag.« Das war vielleicht etwas kühn, aber keinesfalls einfältig. Stiche und Grafiken um 1900 und sogar noch danach zeigen Regenwälder und Moraste, Riesenlibellen, urzeitliche Wunderlandschaften. Es war eine Phantasie voller Hoffnung, verliebt in die atemberaubende Diva, die man nur aus großer Entfernung sehen kann, im Bühnennebel. (Atemberaubend ist sie übrigens tatsächlich …)Scinexx-Dossier über die „Kaprizen einer Diva“

Das als eine Kostprobe, welcher Fantasien sich die Menschen über den Morgen- wie Abendstern erlaubten. Welch Wunderliches nicht alles unter den undurchsichtigen Wolken, die den Planeten rein optisch erst zum ‚leuchtenden Stern‘ machen, sich zutrug. Kurzum: die Venus ist seit Jahrhunderten Ort projektiver Sehnsüchte und Wünsche, was anderswo nicht alles Dys-/Utopisches möglich wäre. Folgend ein paar – autorselektive – Verweise auf gedankenexperimentelle Spielarten ‚venusischer Literatur‘.

Da wäre zu erwähnen der posthum fünfbändige Amtor-Zyklus des Autors Edgar Rice Burroughs. Seines Griffels niemand Geringeres als der Ersinner von Tarzan, der allerdings als Multigenresassa sich auch um die Science Fiction verdient gemacht hat. Vielleicht mehr Fiction als Science, denn die Geschichten auf dem Mars oder hier der Venus, die von ihren recht rustikalen Bewohnern „Amtor“ genannt wird, sind eher tarzanische Verlagerungen aus dem irdischen Dschungel in fremdartigere Welten. Es geht faustisch einher, aber nicht wie bei „Faust“, sondern mit selbigen. Der erste Band der Tetralogie erschien bereits 1932, rund 35 Jahre vor nennenswerten Ein-Sichten in venusische Verhältnisse. Die Venus ist, nach meiner Lesart, hier funktional alleinig exotische Kulisse, um noch Außergewöhnlicheres erzählen zu können als bei Tarzan möglich.

Etwa ein Jahrzehnt später, 1943, hat ein gewisser C. S. Lewis, berühmt für seine Welt jenseits des Schrankes Narnia, sich auch an Science Fiction versucht. Im Gegensatz übrigens zu seinem guten Kollegen, einem J.R.R. Tolkien – falls mal gehört, der auch mal SF schreiben sollte, es aber letztlich sein ließ. Lewis seinerseits verfasste gar eine Trilogie, die nach dem zweiten Band Perelandra betitelt ist. Charakterisiert als „Fiction ohne Science“, auch hier die extraterrestrische Verlagerung der Erzählung vielmehr nur narrative Freiräume schaffen sollte. Es wird klarer, wenn in knapp die Venus veranschaulicht wird: Als der Philologe Elwin Ransom auf der Venus

[…] ankommt, entdeckt er ein Meeresparadies. Den süßwasserhaltigen Ozean bewohnen ungewöhnliche Meerestiere und bunte Vegetationsinseln schwimmen auf der Wasseroberfläche. Auf den Inseln gedeihen viele Pflanzenarten und es leben auch Tiere auf den Inseln. Der Himmel ist golden und sehr hell, doch es ist tagsüber keine Sonne und nachts kein Stern zu sehen. Die Venus hat kein großes Festland, sondern besteht nur aus umher schwimmenden Inseln. Im Verlauf erfährt Ransom nur von einem festen Berg, der auf der Insel existiert.Zusammenfassung auf der C. S. Lewis-Homepage

Perelandra, wie ihre BewohnerInnen die Venus nennen, ist „noch eine Art Garten Eden“, ein Ort der Unschuld, in die hinein Ransoms garstiger Gegenspieler bricht wie die Schlange am tückischen Apfelbaum der Erkenntnis. Lewis verhandelt in der Trilogie und speziell im Mittelroman christliche Themen und Motive, wie sie auch in anderem Gewand bereits in „Narnia“ erzählumwoben worden sind.

Vielerlei Gedankenauswüchse eines wahren venusischen Zoos hat Wiki gesammelt.

Der Morgenstern – Die Venus des Osten

Für mich sehr prägend, weil Jugendlektüre war hingegen ein ‚Ostblock-Blick‘ auf die Venus, für Mitlesende im Blog wenig verwunderlich von Stanislaw Lem: „Die Astronauten“ aka „Planet des Todes“ – auf Polnisch als „Astronauci“ 1951 veröffentlicht, als noch niemand von Astronauten sprach, dabei vielmehr an die Argonauten dachte. Erstmals 1954 ins Deutsche übersetzt. Eine Zeit also, bevor der Space Race zwischen den Blöcken begonnen hatte, ja sogar noch Jahre bevor auch nur berühmter Sputnik als erster seiner Art das Tor zum Weltraum aufstieß. Man konnte nichts über den Weltraum oder die Venus wissen, was nicht von astronomischen Fernrohren und Teleskopen von der Erde aus eingefangen worden wäre.

Ein längeres Zitat aus dem Roman, um zu verdeutlichen, wie Lems Vorstellung der Venus in den Worten des Ich-Erzählers geronnen ist und zur Anschauung wurde:

Ich weiß, daß es mir nie gelingen wird, das Bild wiederzugeben, das ich erblickte. Ich kann wohl seine Einzelheiten beschreiben, vermag aber nicht, jenen seltsamen, überall vorherrschenden Grundton der Farben in Worten auszudrücken. Diese Tönung war die Ursache, daß man sofort das Gefühl hatte, nicht auf der Erde zu sein. Träge trieben die Wolken dahin; es waren nicht die leichten, flaumigen Zirruswolken der Erde, sondern ein glatter, milchweißer Vorhang, der das ganze Firmament verhüllte. Von grellem Licht beschienen, breitete sich eine Landschaft flacher Hügel und Mulden aus. Sie war trocken, ohne jeden Pflanzenwuchs, von tiefschokoladenbrauner Farbe, die nur hier und da von etwas helleren Flecken unterbrochen wurde. Ungefähr siebzig Meter hinter dem Schwanz des Flugzeuges begann der »Tote Wald«. Die Schwelle, die ihn gegen die Ebene abgrenzte, war so hoch, daß nur die wirren, im zurückgeworfenen Licht blitzenden »Baumkronen« darüber hinausragten.
[…]
Ich betrachtete noch einmal die eigentümliche braune Landschaft, nun aber mit anderen Augen als vorher. Etwas Beunruhigendes lag in ihr, etwas, was ich vorher gar nicht bemerkt hatte. Sie erinnerte – ja, womit konnte man sie eigentlich vergleichen? Auf einmal wußte ich es: Die ganze Gegend sah unwirklich, unnatürlich, wie eine riesige Theaterdekoration aus. Und das war es, was mich beunruhigte: die ungeheuren Ausmaße dieser starren, toten Landschaft, diese Hunderte Quadratkilometer von Bakelit, oder was es sonst sein mochte – irgendeine künstliche, plastische Masse, die auf der Erde als Material für Telefone und Füllfederhalter dient! In dieser Vorstellung lag etwas Groteskes und zugleich Unheimliches.
[…]
Es war nicht einmal Furcht, was mich dazu veranlaßte, sondern das Gefühl der Fremdheit, das mich plötzlich mit aller Macht gepackt hatte. Fremd war dieser tief herabhängende, weiße Himmel, der trotz Wolken einen ungeheuer starken Glanz ausstrahlte, fremd die Stille der Luft, fremd die flachgebuckelte Ebene, auf deren Boden die Stiefeltritte ein sonderbar trockenes, hartes Poltern hervorriefen …Stanislaw Lem: Die Astronauten / Der Planet des Todes – Kapitel: „Der Pilot“

Der besagte „tote Wald“ erhält auch noch seine eindrücklich-anschauliche Beschreibung in den irdischen Metaphern erstarrter Kristalle und kristallisierter verformter Formationen. Auch im Weiteren bleibt alles trostlos, trist, verblichen, vergangen, tot. Eben ein Planet des Todes, wie die deutsche Erstübersetzung inhaltlich vorauseilend, aber zutreffend betitelte. Was lebte, ist gestorben; was blühte, verblüht. Ferner einem Paradies kann diese Venus kaum sein!

Ein Land weiter hatten die berühmten Brüder Strugatzki 1959 – acht Jahre nach Lem also – ihren SF-Erstling veröffentlicht, der noch der Hard SF zuzurechnen ist. Im Gegensatz zu Lems Einzelroman begründete es jedoch den Anbeginn der Future History der sog. Welt des Mittag: Atomvulkan Golkonda. Unter ganz anderen Voraussetzungen fliegen auch hier Astronauten gen Venus, die sie auch betreten. Am Anfang vom dritten Teil heißt es zur Venus-Landschaft u.a.:

Sumpf auf der Venus … Einfach absurd! Absurder als Palmenhaine auf dem Mond oder Kuhherden auf den kahlen Piks der Asteroiden. Dichter Nebel statt glühenden Himmels, zäher Schlamm statt brennend heißen, trockenen Sandes! Das widersprach ganz und gar den althergebrachten Vorstellungen von der Venus und komplizierte die Lage der Expedition außerordentlich; denn es war eine Überraschung, und nichts kann einem ernsten Vorhaben mehr schaden als Überraschungen.
[…]
Dichtes gelbliches Halbdunkel umhüllte sie, der Morast zu ihren Füßen schimmerte fettig. Sie sahen nur einige Meter weit, hörten dafür aber umso mehr. Das Moor gab seltsame Laute von sich. Es seufzte in allen Tonarten, prustete, schmatzte, stöhnte. Aus der Ferne drangen dumpfes Gebrüll und ein langgezogenes helles Pfeifen herüber. Sicherlich erzeugte das Moor selbst alle diese Geräusche, doch Bykow musste plötzlich an phantastische Wesen denken, die sich im Nebel verborgen hielten, und eilig tastete er nach den Granaten hinter seinem Gürtel. Atomvulkan Golkonda – Dritter Teil „An den Ufern der Urangolkonda“, „Im Sumpf“

Einige Seiten später (die im epub nicht anzugeben sind):

Mit zunehmender Entfernung vom Sumpf hatte sich die Feuchtigkeit der Atmosphäre stark verringert; sie war fast bis zum Nullwert herabgesunken. Der Gehalt an radioaktiven Edelgas-Isotopen, an Kohlenmonoxid und Sauerstoff hatte zugenommen, die Temperatur schwankte zwischen fünfundsiebzig und hundert Grad. Zur allgemeinen Überraschung und zu Jurkowskis Freude fand das Express-Labor in der Atmosphäre Spuren von lebendem Protoplasma; irgendwelche Mikroorganismen, Bakterien oder Viren, lebten sogar in dieser trockenen, glühenden Luft.Ebenda

Und so geht es weiter in einer unwirklich rauen, urtümlichen, aber eben doch belebten Welt, wenn auch sie alles nur nicht paradiesisch blüht und sprießt. Weiteres zum faszinierenden Roman aus einer präastronautischen Zeit beim Golkonda Verlag – Wieso der nur so heißt?;-) -, wo eine vollständige Übersetzung samt bereichernder Kommentare, Nachworte und Anmerkungen erschienen ist!

Warum auch immer, in jedem Fall war die Venus im ehemaligen Ostblock alles nur nicht vom Liebreiz einer verführerischen Göttin; verlockte auch nicht olympisch oder paradiesisch, sondern war Ort für kameradschaftliche Genossen, die mit wissenschaftlicher Expertise zusammenhielten.

Die Venus perryversal – Dschungel oder realistisch

Die Anfangszeit der Perry Rhodan-Serie war stark venusische geprägt, rund ein Fünftel des ersten Viertelhunderts fand auf ihrem Boden statt. Nach Heften diese:

Hiernach flachte sich das Pacing ab und es gab nur noch seltene Stippvisiten gen Venus – die Galaxis rief und sodann das Universum, das es zu erben galt.

Der ATLANTIS-Kommentar verhandelt die innerserielle Entwicklung im Kontrast zur Realität. Hierauf war in Erstauflagen-Heftroman 3040 im Report bereits Dr. Rainer Nagel eingegangen. Im Gegensatz zu vielen anderen hat es dieser Text nicht auch auf die Homepage geschafft. Daher die Kernaussage daraus: „Kein Planet unseres Sonnensystems unterscheidet sich in der PERRY RHODAN-Serie so stark von seinem realweltlichen Vorbild wie die Venus – und bei keinem anderen gibt es so viele Widersprüche in der Darstellung.“ Anfangs die in obig gelinkten Heftromanen geschilderte und so doch vermeintlich kanonisch fix geschilderte dampfende Dschungelwelt, von evolutionär kämpfenden Riesenleben überzahlreich bevölkert. Ein einzig Abenteuer, dort zu bestehen und heil von A nach B zu gelangen. Dennoch erste Siedlung terranischer Kolonisten! Nur die Harten kommen in den Venus-Garten. Diese venusischen Fantasien gingen jedoch astronomischen Erkenntnissen (s.u.) um Jahre voraus und um Dimensionen an ihnen vorbei;-) Sobald sich realweltliche Einsichten ansammelten, gab es sachte Versuche der intradiegetischen Korrekturen: entweder umschiffte man die Venus gleich ganz; man ließ dort zwar Handlung stattfinden, aber doch nur generisch in eh sterilen Gebäuden ohne Schilderungen von venusischer Umwelt; oder man korrigierte dann und wann die Verhältnisse vor Ort hin zu realen Gegebenheiten, um dann jedoch zurück zu den Wurzeln zu gehen. Hinter wissenschaftlicher Erkenntnis herzulaufen, machte jedwede Erzählungen nachhaltig zunichte, weshalb man sich solche Verbiegungen möglichst ersparte und die Venus wieder den hitzedampfenden Dschungel sein ließ, wie er eingeführt worden ist. Eben hier gründete sich dann bspw. Das Venus-Team in Nr. 3030, wo ein gurkenartig anmutender Swoon beinahe in einer fleischfressenden Pflanze verschwindet und vieles mehr …

Die Venus – ein ferner Zwilling

Und diesseits unserer Realität, die nachweislich unparadiesisch ist? Da hatten zwar die Amerikaner zuerst Sonden zur Venus geschickt, diese aber nur von außen beäugen lassen. Die Sowjets waren – zu der Zeit üblich – fortschrittlicher. Im Rahmen ihres Venera-Program gab es zunächst zwar einige Fehlschläge – erst gar nicht gestartete, vorzeitig explodierte oder falsch abgebogene Sonden. Dann aber folgte der größte Erfolg, Venera 4 von 1967 konnte bis in die Atmosphäre vorstoßen und den größten Teil der vorausberechneten Zeit Daten sammeln, bevor die unerwartete Hitze und atmosphärische Dichte die Sonde zermalmten. Seither ist jedoch klar – 16 Jahre nach Lems und 8 Jahre nach Roman der Strugatzkis -, dass es kein (erdenartiges) Leben auf der Venus geben kann. Das Ende aller lebhaften Fantasien und Hoffnungen auf einen gleichartig belebten Zwillingsplaneten.

Und aktueller? Da verweise ich erneut auf das Scinexx-Dossier, auch wenn das schon 17 Jahre alt von 2005 ist, entstanden rund um die Erkundungen von Venus Express, die im November 2005 zum „Zwilling“ aufbrach. Dessen Ergebnisse haben das Bild seither freilich abgerundet, die angesprochenen Fragen im Dossier und der bis dato Stand des Wissens sind als Ausgangspunkt weiterhin lesenswert. Zeitweise gab es Diskussionen, ob es in den reichlichst vorhandenen Wolken der Leben etwa Leben, doch wenigstens lebensbefähigende Moleküle geben könnte. Tendenziell nein. Das wird umso wahrscheinlicher, wenn man sich die jüngste Forschung zur Planetengöttin anschaut, Scinexx berichtete: anhand von Numerischer Astronomie, also mittels Computersimulationen konnte man ziemlich sicher feststellen, dass die Venus niemals, nicht einmal ganz am Anfang ihrer Karriere lebensfreundliche Verhältnisse hatte (ausbilden können). Dass solche ohnedies dann irgendwann in einem lebensmörderischen Treibhauseffekt ohne Ende gekippt sind, war klar. Aber auch in eventuell kühlen Vorzeiten gab es keine Chance. Was vermutlich für die Erde entscheidend war, um den Weg des Lebens vorbereiten zu können, war für die Venus schon zu viel: zu viel Sonneneinstrahlung. Diese gestattete es nicht, dass sich anfänglicher (Höllen)Dampf zu flüssigen Wasser kondensierte:

Deshalb setzt die Modellierung direkt nach der Planetenbildung an: „Wir simulieren das Klima auf Erde und Venus ab dem Beginn ihrer Entwicklung, als ihre Oberfläche vor mehr als vier Milliarden Jahren noch glutflüssig war“, erklärt Turbet. „Bei diesen hohen Temperaturen lag das gesamte Wasser als Dampf vor – wie in einem gigantischen Dampfkochtopf.“ Unter welchen Bedingungen der Wasserdampf dann nach dieser Magmaozean-Phase auskondensiert und abregnet, haben er und sein Team in der Simulation nachvollzogen.
Das Ergebnis: Damit die Atmosphäre eines jungen Planeten genügend abkühlt, um Wasser kondensieren zu lassen, darf die Sonneneinstrahlung eine bestimmte Schwelle nicht überschreiten. Bei der jungen Venus waren dies 325 Watt pro Quadratmeter, bei der Erde 312,5 Watt pro Quadratmeter – dies entspricht etwa 92 Prozent der heutigen Sonneneinstrahlung.
Liegt die Einstrahlung unter dieser Schwelle, können sich Wolken auf der Tagseite des Planeten bilden. „Diese Wolken lassen die Albedo abrupt in die Höhe schnellen und bewirken eine Abkühlung der Atmosphäre, durch die Wasserdampf auf der Oberfläche auskondensiert und sich schließlich Ozeane bilden“, erklären die Forscher. Bei der jungen Erde war dies der Fall: Sie lag weit genug außen, um die Sonneneinstrahlung unter den Schwellenwert zu senken – und entwickelte daher flüssiges Wasser und Ozeane.Scienexx „Venus: Dampfhölle statt zweite Erde?“

Dunst und Dampf ja, wie es die perryversalen Venusdschungel üppig ausmacht; real dann nur ohne Dschungel und nirgends mit flüssigem Wasser, in dem bspw. Venusrobben schwimmen und gedeihen könnten…

2. Nostalgie, aber anders


Das ist das erste Heft der Miniserie, das sich mit seinem Titel nicht unüberlesbar an alte Schinken anlehnt und sie so motivisch aufgreift. Zwar gerät immerhin Perry nicht erneut in den Würgegriff einer Baumechse, stürzt nicht mit seinen beiden Begleiterinnen nach Jahrtausenden schon wieder ins Meer, trifft allerdings auch nicht auf nur einen Venus-Dinosaurier; in vegetarischen Zeiten gibt es nicht einmal lecker Dackelschwein 😀 Man muss beinahe unterstellen: es ist nichts passiert 😛

Davon ab, flicht Sascha aber sehr schön einige Must Writes/Reads ein, die einfach zu einem guten Besuch der Venus dazugehören. Dass wiedermal die Venuspositronik ‚ihre Hände ausstreckt‘ und das Schiff – diesmal eine arkonidische Leka-Disk – per Traktorstrahl einfängt, ist von Heft 8 an Brauchgut. Wenigstens hat sie nicht sofort geschossen, wie es in den benannten 20er Heften mehrfach der Fall gewesen war und die raumtüchtigen Fahrzeuge nur so wie Sternschnuppen auf die Venus hinabfielen. Und dass man sich auf der Venus nicht zivilisiert über Straßen bewegt, wie es selbst die Römer doch schon konnten, sondern nach ungewollter Landung zunächst einmal möglichst ohne zu viele dafür vorgesehene Hilfsmittel quer durch den Dschungel, macht den Trip aus. Manche buchen extra ein Survival, Perry fliegt zur Venus;-) Dabei ist ihm und seinen Gefährtinnen die Tierwelt so tödlich nicht zugetan. Das läuft dann doch reichlich glimpflich ab. Selbst Träumerli Caysey überlebt Unachtsamkeiten wie die fleischfressenden Ameisen (die damals sogar 6 statt 10.000 Jahre später nur noch 5 cm riesig waren). Und das Vier-Etagen-Ökosystem der Venus erleiden wir zwar nicht face-to-face, aber Perry erzählt Caysey anschaulich von allen Übeln, die drohen. Als wäre sie nicht überfordert genug.

3. A’lu’la – Psibegabte unter sich


Merke: wenn etwas mit gewisser Auffälligkeit sich in die Aufmerksamkeit der Lesenden schreibt, dann nicht ohne Grund. Dass die VenuswanderInnen neben allem ungeheuren Ungetüm auch auf die „Venus-Robben“, wie Perry sie zeitlich inkorrekt benennt, treffen, ist ein Vorzeichen. Vor allem, dass sie dem mit Gesängen aufgeladenen Geburtsritual beiwohnen dürfen. Die „Robben“ ihrerseits nehmen es auch locker hin, als hätten sie hier schon erspürt, was diese eine Zweibeinerin mit sich herumträgt.

Inmitten ihres ersten Duells überhaupt und dann gleich auch noch mit sternengöttlicher Ausrüstung wie eine sagenhafte Heldin wird Caysey von den Robben weggelenkt. Diese flanieren des Weges, als schößen da nicht en masse hochenergetische Ladungen hin und her. Richtiggehend aufdringlich und ohne Widerrede zuzulassen, drängen die Robben Caysey förmlich mitzukommen. Dank einer vergangenheitlich eingesetzten zukünftigen Fortentwicklung eines Cerebral-Analysators, wie er in Heft8 erstmals zum Einsatz gekommen sein wird, ist die Kommunikation zwischen intelligenten VenusianerInnen und den Lemuroiden durchweg einwandfrei möglich. Und Caysey hört nicht nur deren Worte, sondern hört auch auf sie. Möglicherweise noch verstärkt und vertieft durch die psi-empathischen Talente, die sie Urvertrauen lassen. Wie in einem Sog wird sie mitgerissen, vergisst Aufgabe und Freunde, um eine zweite Chance zur Ausheilung ihres Künftigen wahrnehmen zu können. Motivation sonnenklar und affektiv empathisch nur zu nachfühlbar.

Folgend gewiss etwas streng geurteilt angesichts eines auf 12 Bände komprimierten Mini-Ablegers einer Unterhaltungsserie, aber: zutiefst beeindruckt und geprägt von Kim Stanley Robinsons Meisterwerk „Aurora“, bin ich Hard SF gestählt voller Zweifel über Cayseys Involviertheit in das Ritual. Angepasst für Lebewesen in der Art von Delfinen – Lungenatmer, aber größtenteils aquatisch beheimatet -, ausgeformt von Produkten einer venusischen Evolution und auf hiesige Bedürfnisse abgestimmt, ist es für mich nahe Wahnsinn, sich darauf einzulassen. Andersherum es Fremdwesen anzubieten, es ihnen nahezu aufzudrängen. Zwar scheint es – der Handlung willen – geklappt zu haben, fühlt Caysey erste Veränderungen in ihrem Körper. Aber dass sie nur ein wenig rote, heiße, brennende, schmerzhafte Haut davon getragen hat, obwohl sie körperweit mit einer auf totale Fremdorganismen abgestimmten Substanz eingedeckt, ja eingeschleimt war, ist … unrealistisch. An was man nicht alles auf Erden zugrunde gehen kann, obwohl es durch ein- und dieselbe Evolution hervorgebracht worden ist, Anpassungen möglich waren, um sich doch als inkompatibel zu erweisen. Und hier hat es zwar ein paar oberflächlich unangenehme, ja zum Weinen schmerzhafte Auswirkungen, um dann jedoch – so scheint es und ist es verheißen worden -, ein gendefektes Kind bis in die Grundfesten des Fremdwesen-Organismus auszuheilen? Eine schöne Geschichte von interplanetarer Solidarität, Freundschaft (A’lula) und nächstliebender Kooperation. In diesen Zeiten nur zu lesenswert! Aber schon ziemlich Münchhausen-esk, was beim noch so empathischen Wollen das biologische Vermögen angeht:-)

Fun Fact: erst letztes Jahr ist rund ums 60-Jahre-Jubiläum ein 6-teiliger Heftkurzroman-Zyklus erschienen: Galacto City, benannt nach der ersten Namensgebung DER STADT Terras schlechthin, die später Terrania geheißen wurde. Und in Galacto City 3 „Endstation Venus“ waren wir nicht nur stippvisitierend auf der Venus, lernten eine Venusrobbe sogar namhaft kennen; nein, hier lasen wir erstmals von „a’lu’la“ als Ausdruck für Freund*in. Kaum eingeführt, auch schon zweitverwendet. Lobe das!

4. Caysey, die keine Grenzsituationen kennt


Caysey Heldinreise, auf die sie sich – uneingeladen – begeben hat, war hier schon öfters Thema. Sie macht die größte, krasseste individuelle Weitsprunginnovation durch. Doch erlebt sie all das Bisherige nicht als existentiell zumutende Grenzsituation, vielmehr eine nicht abreißende Kette von „Grenzsituationen“. Nein, sie nimmt das Fremdneue allergrößtenteils hin, spürt sich urvertrauend in Perry und Sichu ein, deren Weg sie sich selbstentschieden anschließt. Schon bisher, in den ersten beiden Romanen hat sie die anpassende Entwicklung mehrerer Generationen im Zeitraffer durchlaufen, soghaft mitgerissen durch die unwiderstehliche Handlung hinaus aus ihrer bisherigen Lebenswelt!

Dieser Roman toppt all das jedoch noch um mehrere Potenzen: Erster Flug bis jenseits des Planeten, hinein in die unendliche Schwärze welträumlicher Nacht; derweil gehetzt und gejagt, in steter Todesangst, eingepfercht in eine Blechbüchse von Kleinraumer. Kaum überlebt, steigt sie wie zuvor nur Sternengötter auf einen fremden Planeten hinab, auch das nur gerade so zu überleben,; hineingeworfen in die Dampfhölle wildwüster Flora und Fauna. Naiv meint sie, dass sie sich ja in unberührter Wildnis auskenne, um nur knappestmöglichst mehrfachen Tod zu entgehen, der grausam geraten wäre.

Daraufhin Bootcamp in Kampfschulung, Umgang mit der (Betäubungs-)Waffe und der Verpflichtung, sie auch gegen eine – bekannte, als nicht grundböse erspürte – Person ins Feld zu führen. Keine graue Theorie, sondern vorbereitungsloser Konflikt – für Caysey auch noch um Leben und Tod, denn Rowena schießt – so klingt es – gnadenlos scharf! Dann hineingezogen in obiges Heilungsritual, an dem sie durch anhaltende Schmerzen leidet. Hinzu Komplexe, den Freund alleine gelassen zu haben, selbst als sie ihn im genau richtigen Augenblick doch noch retten und alle Versäumnisse wettmachen kann. Sodann Flucht in etwas, was nur sie vor Wochen als unbesiegbares Monstrum von einem Sternengottschiff verklärt hätte, sich jetzt als unzuverlässig anmutende Schrottlaube erweist.

Mir wäre es – frei zugegeben – der Krisen, Katastrophen, Welterschütterungen, Metamorphosen, alltagsweltlichen Einbrüchen und Schicksalsschlägen aller Art zu viele. Ich wäre da mutmaßlich längst in passivierte Überforderung versunken, in der ich kaum zielgerichteter Reaktion fähig wäre. Caysey reagiert größtenteils zwar ihrerseits auch nur, gestaltet noch nicht selber proaktiv, muss sich ihren Minimal-Entwurf im Geworfensein Akt für Akt schwer erarbeiten. Aber sie ist mittendrin statt nur dabei, bleibt dabei, ist hellwach, aufmerksam, anpassungs- und wandlungsfähig innerhalb kürzester Zeit. Währenddessen sie im eigentlichen Sinne noch nichts versteht, sich quasi nichts erklären kann, nur akzeptierend hinnimmt, um es dann aber produktiv anzugehen. RESPEKT! Ein Traum von einer Handlungsträgerin, die ALLES mitmachen kann, was man sich geballt an autorheitlichem Schicksal nur ausdenken kann. Verantwortlicher Autor dieses dritten Aktes charakterisiert die Heldin wider Willen inmitten ihres ersten Kampfes so:

Ich denke, Caysey macht durch ihre Beherztheit und ihren etwas naiven Mut einiges wett. Sie reagiert intuitiv – und damit anders, als eine geübte Kämpferin wie Rowena es vielleicht erwartet. Dadurch ergeben sich für sie ungeahnte Chancen.Sascha Vennemann im PROC-Interview – s.u.

5. Rowena, die kein Konsequenzglück hat

Inmitten dieses Kampfes. Bis es dazu kommt, hat Rowena, die große Gegenspielerin, augenscheinlich alles erdenklich richtig gemacht:

  1. Sie hat den „Fluchtpunkt Venus“, den sie Larsa nennt, vorhergeahnt oder dank Extrasinn strategisch richtig vorherberechnet. Daher war sie schon längst zugegen, als das Trio einfliegt; hatte da längst die Larsapositronik präzise instruiert und den abgreifenden Traktorstrahl programmiert!
  2. Sie hat, als dieser Zugriff dennoch fehlgreift, trotzdem noch besonnen die Sinne beisammen, das Herz der Kolonie nicht unbewacht, vielmehr Roboter für den unwahrscheinlich anmutenden Fall zurückzulassen, dass die Larsapositronik Ziel des Trios wird.

Von da an macht sie jedoch fundamentale Fehler, die nur dumm sind:

  1. Vorneweg hatte sie es ohnehin schon auf eine Ein-Frau-Mission komprimiert, den lokalen Tato ziemlich kleingemacht und dann noch vergrault. Bereitwillige Hilfe von berufenen Stellen hat sie sich verwehrt.
  2. Noch schlimmer als das jedoch, dass sie ALLEINE, bewaffnet mit bloß einem Strahlerchen, aufbricht, um sich DREI GEGNERN gleichzeitig zu stellen. Zumindest MUSS sie das annehmen, das Trio gemeinsam anzutreffen, das sich dann geschlossen gegen sie alleine stellen würde.
  3. Selbst wenn sie intuitiv richtig die Aufspaltung der Gruppe angenommen und deshalb die Robotwachen zurückgelassen hat, musste sie von einem Missverhältnis, einem klaren Mismatch von Zwei-gegen-Eins ausgehen, zu ihren Ungunsten. Ein Double-Team ist schon im Basketball nichts, worauf man es anlegen möchte, nicht einmal als ein Kevin Durant. Dass sich Rowena mutwillig in diese Unterlegenheit manövriert, ist echt nur dumm!
  4. Selbst wenn sie Caysey – ZU UNRECHT! – als Gegnerin unterschätzt, ja für irrelevant verachtet, hätte sie es gegen Perry oder Sichu zu tun bekommen. Wieso sie da automatische Überlegenheit annimmt, bleibt schleierhaft. Sie hätte ja ohnedies jederzeit truppenweise Soldaten mitnehmen können, den eh abseitigen Schrottplatz umstellen lassen können; wenigstens technische Hilfsmittel vor Ort mitnehmen können, um eine Rundumüberwachung zu gewährleisten, damit niemand entkommt. Usw. Usf. Aber nein, Madame macht auf Einsame Wölfin, die alles in One-Woman-Show per Sheroe-Weapon alleine regelt. Was hat ihr Logiksektor extrasinniert dazu wohl gesagt? Doof? Irre? Dumm? Mindestens aber mal: unnötig! Nicht zielführend. Viel zu schlupflöchrig.

    ABER: das ist egal. VIEL VIEL VIEL interessanter ist, was sie zu beiläufig über Atlan denkt / sagt:

    • Es klingt zunächst so, sicherlich absichtlich ungenau geäußert, als wäre die Propaganda über Atlans Tod von diesem initiiert, mit diesem verabredet, in dessen Sinne.
    • Zumindest deute ich es nur so angehörs zweiter Anmerkung, demnach SIE SICH MIT ATLAN in Verbindung setze(n wolle). Das setzt Können voraus, was das Wissen impliziert, wo er sich aufhält!

    Das wäre ja mal eine Wendung sondergleichen. Eigentlich abzusehen, wo die teasernden Worte zu Rowena sie nie als wirkliche Feindin aufgebaut haben und Caysey ja selbst Gegnerschaft in Abrede gestellt hat. Rowena, die nicht wider Atlan dessen Tod behauptet, propagiert und inszeniert, um hinter seinem Rücken gegen seine Person zu intrigieren, konspirieren und sonstiges -ieren. Nein, diesen hingeworfenen Worten nach KÖNNTE sie in seinen Diensten, für ihn, zu seinen Gunsten so handeln, wie sie handelt. Sein etwaiger Plan, sich ‚tot zu stellen‘, als Opfer des Methankrieges zu erscheinen, um…??? Ja um was? Weshalb? Weswegen? Gegen wen ein solches Manöver gerichtet? Wen gilt es derart zu täuschen? Und wieso all das am Ende des Imperiums, abseits allen imperialen Glanzes?

    FALLS hieran was dran sein sollte: Wieso setzt Atlan dann auf eine ehemalige Usurpatorenhelferin, eine aus dem Dienste seines ärgsten aller Feinde (bis dahin)? Erklären könnte eine solche Wendung, wieso Atlan – soweit wir aka Perry wissen – stets dem atlantischen Tato vertraut hat, obwohl er doch für Perry und uns augenscheinlich der Anti-Atlan-Verschwörung anhängt. Er hängt ihr nicht an, weil es sie gar nicht gibt. Oder nur insofern, als dass Atlan sie hat inszenieren lassen. Die Zerstörung des Talagon dann auch in seinem Auftrag? Sollte es Rowena für ihn entsorgen, während er scheinbar gefallen ist? Hat sie deshalb sogleich scharf auf ihn geschossen, weil sie ihn als doppelgängigen Feind verkannt hat, als sie in der zukünftigen Unterseekuppel auf ihn traf? Als wäre die Scharade eines toten Atlans durch die nebulösen Gegenspielenden durchschaut worden, um sie mit einem Atlan-Double zu falschen Handlungen zu verlocken?

    FALLS all das: Wie verschachtelt ist dieses Spiel vielfacher Böden denn dann bitte? Denn sonst irgendjemand muss den Zeittransmitter installiert, justiert und sonstwas haben, damit er just in eine Zeit geht, wenn just ein Atlan zugegen ist, um nichts anderes als solche Verwicklungen hervorzurufen. Oder selbst falls unintendierte Zufallskette zum Unguten, dass Atlan über den Haufen geschossen wurde, statt bspw. mit Charisma auf Rowena einreden zu können, muss die Zeitjustierung dennoch geplant gewesen sein. Nur sowas kann kaum wer weit und breit. Da sind schon Leute am Werke und Wirken, die über Mittel und Wege verfügen, die die übliche Raumzeit sprengen. Und dann noch dieser merkwürdige Roboter an Perrys Seite und mit erwachter Maschinenintelligenz ihm zu Hilfe… Faszinierend!

    6. Sichu, die Black-Hat-Haeckse


    Im vorigen Roman offiziell gar keine aufgeführte Hauptperson, demnach also nur dabei statt mittendrin. Nunmehr ist Sichu aber integraler Bestandteil des Trio und erweist sich als Ein-Frau-Spezialeinsatzteam zur besonderen Verwendung. Nicht nur verkopfte Chefwissenschaftlerin, die theoretisiert, wenn sie nicht experimentiert, was sie nur kann, wenn sie nicht theoretisiert. Kein leben in Laboratorien ohne Außenkontakt in die freie Wildbahn. Kaum von der Leine gelassen, erweist sich Sichu kurzerhand und geschickt als Black-HatHaeckse, die nichts Geringeres als die Larsapositronik leichthändig zu hacken versteht. Bloß 13.000 Jahre in die Vergangenheit geschleudert? Eine endlose Anzahl ungezählter Quanten-Weitsprung-Innovationen in Sachen ‚Computertechnik‘ Hard- wie Software-seits seither? Kein Problem für Super-Haeckse! Als Technozauberin vermag sie, selbst wenn man ihr dabei gestreng auf die Finger schaut, mit fliegenden Fingern hausinterne Waffen gegen das arkonidische Personal zu richten. Damit rechnete ich so gar nicht, allerdings auch weil ich es für … schwerlich möglich hielt. Wenn sie es noch geschafft hätte, nicht selber angeschossen zu werden, sondern als ‚gesondert‘ separiert zu werden, müsste man ihr den GPC-Preis auf Lebenszeit und für ihr Lebenswerk aushändigen (Galactic Positronic Club).

    So stark ich Sichu hier inszeniert und gut finde, dass sie so auftrumpfen kann, so dennoch hinterfragende Kritik: KANN DAS SEIN? Bloß mit einem, dafür nimmer abgestimmten Kombi-Armband ausgerüstet, kann sie letztlich problemlos eine 13.000 Jahre alte, VERALTETE Technik infiltrieren, Code umschreiben, eben einen Black-Hat-Hack systemkapernd durchführen? Hier wird es so herbeigeschrieben, als wäre neuere Technik/Software der älteren überlegen, wären es 13.000 Jahre Entwicklungszeit geradlinig zum Vortrefflicheren verlaufen. Das kann ich inmitten jetziger digitalisierter Lebenswelt so nicht nachempfinden – gelinde gesagt. Hier gibt es schon schwer überwindbare Kompatibilitätsprobleme, wollte man nur alten Internet Explorer 11 statt EDGE zum Browsen anwenden, schlicht weil zunehmend Webseiten auf für IE11 inkompatible Features, Gimmicks und Quellcode zurückgreifen. Innerhalb teils weniger Jahre, weniger Jahrzehnte ist derart viel ausrangiert worden, zurückgeblieben im Nirvana der Codes, dass ich es gerne gelesen habe, aber null und nichtig glauben kann, dass man da so mir nichts, dir nichts kompatibilisieren kann mit wenigsten Klicks. Ja sicher, es gibt ‚Software-Brücken‘ zwischen bspw. Windows und Apfel, kann man auch heute noch von WIN10 auf XP zurückgreifen. Aber wieso hat Sichu all solche Add-ons auf einem Armband-Gerät, das in der fernen Zukunft niemals für einen Zeitreisetrip zusammengeappt worden ist?

    7. Der Neue, der es schon konnte


    Sascha stand vor einer besonders schwierigen Aufgabe, weil er sich ja in ein, aus seiner Sicht vielleicht nicht komplett neues, aber immerhin unvertrautes Universum einarbeiten musste. Als PR-Autor musst du vieles wissen, was dir als Nur-Leser vielleicht gar nicht bewusst ist – das gaht bei bestimmten, technisch bedingten Satz-Besonderheiten in deiner Manuskriptdatei los und endet bei Fragen wie »welche Farbe hat ein Thermostrahl, und wenn ja, wie viele?« Außerdem musste er mein üblicherweise hyperkritisches Feedback ertragen. Dafür, finde ich, hat er sich wacker geschlagen.PROC-Interview mit BCH zu Band 01

    Das findet auch Thezakteur KNF, der auf seinem Blog die Herausforderung betont, „die nicht ganz so einfach ist“, die Venus perryversal und somit in starker Abweichung realer Kenntnisse zu schildern:

    Es ist der dritte Roman unserer aktuellen Miniserie, und es ist der erste Roman, den der Kollege bei einer unserer Serien veröffentlicht: »Fluchtpunkt Venus« erscheint in dieser Woche, er stammt von Sascha Vennemann, und mir hat die Zusammenarbeit mit dem Autor sehr gut gefallen. KNF

    Nicht komplett neu war für SV das Perryversum, da ihn ein unwahrscheinlicher Zufall die bisherigen Miniserien hat lesen lassen. Ein unschätzbarer Vorteil für einen, der ohnedies im Heftromanschreiben gestählt ist – 41 Beiträge allein für Maddrax und noch weitere SF-Heftromane wie für Sternenfaust. Das Medium als solches und Schreiben nach Vorgabe sollte ihm wohlvertraut sein, was man ihm bzw. seiner Schreibe im besten Sinne auch anmerkt. Für einen Erstling ein blitzsauberer Roman, der – wie vielpunktig skizziert;-) – sehr vielerlei perryversal aufgreift und einflicht. Das mag in starkem Maße eine Expovorgabe gewesen sein, die er dann aber gekonnt in Worte gegossen hat.

    Zum PROC-Interview ist selbstverständlich auch Sascha von RRR zitiert und investigativ ausgequetscht worden. Wie er zu „Perry“ gekommen ist und es sich überhaupt zutraute, kommentiert er bescheiden so:

    Nun, weil ich die Serie bis auf die Miniserien bislang nur sporadisch verfolgt habe, daher bin ich selbst gar nicht auf die Idee gekommen, in diesem Franchise aktiv zu werden. Ich hatte immer die Vorstellung, dass ich über das Perryversum gar nicht genug weiß, um da überhaupt einen adäquaten Text abliefern zu können. Das änderte sich, als Ben Calvin Hary mich letztes Jahr fragte, ob ich bei der nächsten Miniserie, die er betreuen würde, mitmachen möchte. Das Format kannte ich ja und Ben und ich kennen uns schon so lange, dass ich wusste: Wenn der dich fragt, lässt er dich zum einen nicht im Regen stehen mit dem, was mir an Wissen noch fehlt, und zum anderen traut er mir zu, dass ich das hinbekomme. Da fiel die Entscheidung dann leicht.SV im PROC-Interview

    Weitere spannende, weil mir unbekannte Details zu Unterschieden in den Exposés bei PR und Maddrax plaudert Sascha, hauptberuflich Zeitungsjournalist, aus.

    Interessant sodann, wie er Perry als Figur, ja Handlungshaupt-Charakter angegangen ist:

    Ich habe mich da an dem Miniserien-Perry orientiert, hauptsächlich. Und natürlich an dem Rhodan, den ich aus den wenigen Erstauflagenromanen kenne, die ich gelesen habe. Durch das Lesen bekommt man ein Bild, das einerseits recht konkret, andererseits ziemlich diffus ist – weil natürlich auch die Rhodan-Figur je nach Kontext immer etwas anders rüberkommt. Ich habe all diese Eindrücke zusammengenommen und mich dadurch beim Schreiben der Szenen mit ihm leiten lassen. Ob das funktioniert hat, müssen andere beurteilen. 🙂SV im PROC-Interview

    Interessant hieran, dass und wie induktiv, von eben doch nur sehr wenigen Einzelfällen (Heftromanen) er da aufs Ganze schließt, um ‚einen Perry‘ letztendlich herauszudestillieren. Einen miniserialen Perry, der in den – für rhodanautische Verhältnisse – sehr kompakten zwölf Romanen ganz anders inszeniert und fokussiert werden muss als in der sich ggf. auf mehrere Handlungsebenen verzweigenden Erstauflage. Hier bleibt alles – so meine Lese – wesentlich gestraffter, schon platzbedingt notwendigerweise. Und gerade damit es neuleserzugänglicher ist, ist dieser Perry auch bei weitem nicht so kosmisch angehaucht. All diesen – im Guten wie Schlechten – ‚Ballast‘ nahezu nicht zu kennen, ist so schlecht nicht, wenn der verschlankte Miniserien-Perry ohnehin gefragt ist. ‚Umgangen‘ hat er da mögliche Fallstricke schon dadurch, dass er die Ladies an Perrys Seite handlungsgleichrangig schildert. SO kommt er gar nicht erst in die eventuelle Verlegenheit, zu sehr Spotlight alleine auf den ultimaten Serienhelden richten zu müssen

    8. Zwischenfazit nach einem Viertel

    Kaum ein Sechstel vorbei, so nun schon ein Viertel der Miniserie. Und es bleibt interessant. Handlungsfortschrittsgläubig allen voran aufgrund der halbsätzigen Andeutungen Rowenas wegen, die Atlans Fernbleiben und angeblichen Tod in ganz neues Zwielicht stellen. Ein Komplott ohnehin geargwöhnt, scheinen die Involvierten in selbiges aber unbekannt konstelliert zu sein, Atlan als angeblich Gefallener trotzdem kontaktierbar – das verheißt noch manch Wendung und Erwartungsbruch. Rowenas vermeintlich ingrimm garstiges Bösesein könnte sich wenden und sie als Mitarbeiterin in Atlans Sinne werden lassen. Abwarten.

    Und trotz manch Gemäkel im Detail, das ich allerdings kaum zielführend anders zu konzipieren wüsste, gefällt der Roman auch sehr durch seine zahlreichen Anspielungen an die – vielleicht – ‚guten alten Zeiten‘, als man die Venus noch das allererste Mal wagemutig betreten hatte. Faktor Nostalgie – mal wieder. Obendrein diesmal alle drei Protagonisten proaktiv in Szene gesetzt, damit das Triumvirat* als Akteure besser ausbalanciert und in aktiven Rollen. Rowena als viertes Rad am Dreirad noch weiter wankelmütig: irgendwo zwischen genau richtig, vorausschauend auch, dann aber inkonsequent und doch eigensinnig doof. Schmaler Grat, dass sie nicht als Dauerscheiternde nur eine 90% Gegnerin bleibt, die im entscheidenden Moment eh – die nur zu üblichen – Fehler macht. Statt zu handeln, reden will; statt zu entscheiden, doch nochmal zaudert; statt Vorsprünge auszuspielen, lieber noch eine Ehrenrunde einfügt und den Vorteil verspielt … Das könnte drohen, muss aber nicht.

    Und R2D2 … äh… RCO? Wie so oft bisher denkt Perry nur ganz kurz und nicht intensiv genug hieran. Aber dass und wie der Roboter zugegen ist, mehr KI-Android als Blechkamerad alter Tage erstaunt und irritiert. Etwa ein technischer Gesandter, ein Helferlein im rechten Moment, damit Perry (und Co.) es schaffen kann? Doch wer sollte? Wer hat ein Interesse zu dieser Zeit? Oder aus anderer Zeit in diese hinein? Zeitschleife? ES???

    Am Schönsten aber: das Gewordensein der Terraner geht historisch damit einher, dass sie sich von ihren jeweiligen Gegnern IMMER(!) das technisch Allerbeste ‚entwendet‘ haben (=freimütig zusammengeklaut), um so statt in arbeitsam fleißiger Mühsal es sich selber anzueignen. Terranische Fortschritte von der Dritten Macht zum Solaren Imperium und so weiter dank Raub. Statt Sternen- vielmehr Raubritter Terras:

    … Und hier wird erneut ergaunert und ermopst, aber ad absurdum gedreht: ein schrottreifes, halb demontiertes Raumschiff, mit Lücken in der Außenhülle en masse. Dafür wäre der alte Perry nicht einmal aufgestanden, jetzt nimmt er es mit Kusshand. Schöne Verdrehung alter Gewohnheiten. Nun muss man nehmen, was bleibt – Schrott, größtenteils Schrott. Und damit geht es nun auch noch zum Raumschifffriedhof – guter Flug!

    *Triumvirat kommt im Kern von Lat. „vir“, der Mann – weil in den römischen Triumviraten nun einmal auch bloß – je drei – Männer einander bündeten. Dreimannesbund. Wie nennt man denn sachgerecht dann einen Bund aus diversen Geschlechtern – hier zwei Frauen und ein Mann?

Werbung

2 Kommentare zu „ATLANTIS 03 – Fluchtpunkt Venus

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s