Pandemisches Panoptikum

Hallo Mitwelt!

Texel wird in diesen Wochen wie weite Teile des Nordseeraums von einem beispiellosen Ausbruch der Hochpathogenen Aviären Influenza (HPAI) besser bekannt als Vogelgrippe oder Geflügelpest heimgesucht. Wo sonst ein Gewimmel von unzähligen schwirrenden Flügeln herrscht, wo normalerweise ohrenbetäubender Lärm die Luft erfüllt, empfängt die Forscher jetzt eine apokalyptische Szenerie: Überall liegen tote und sterbende Vögel.
[…]
4500 Brutpaare der Brandseeschwalbe [Thalasseus sandvicensis] lebten noch vor wenigen Wochen auf Texel – die größte Konzentration im ganzen Wattenmeer. »Jetzt gibt es vielleicht noch 50«, sagt Mardik Leopold am Telefon aus seinem Labor. »Alle anderen sind tot«, setzt der Forscher hörbar angefasst hinzu. Unwillkürlich entfährt ihm ein bitterer Lacher – der Forscher weiß nicht wohin mit seinem Frust in dieser absurden Situation.Thomas Krumenacker bei spektrum.de: Vogelgrippe wütet an der Nordsee – Links durch den Blogautor

Texel ist die westlichste der westfriesischen Inseln, liegt in der niederländischen Provinz Nordholland und war bisher auch gerade ob der Flora und Fauna ein beliebtes Touristenziel. Zurzeit unterbrüchig, denn die Forschenden können sich inmitten der Epidemie nur in Ganzkörperanzügen ohne direkten Hautkontakt zu den elendig verreckenden Vögeln hinauswagen. Doch wie lässt sich dieses massenhafte Populationssterben – Vogelgrippe H5N1 hin oder her – nachvollziehen?

Analog zur Corona-Pandemie beim Menschen verbreiten auch unter den Vögeln offenbar einzelne – häufig symptomlose – Tiere durch den Besuch verschiedener Kolonien das Virus als so genannte Superspreader. »Die Seeschwalben sind immer auf Achse«, berichtet Leopold. Ein Vogel könne ohne jedes Problem aus der französischen Kolonie 300 Kilometer nach Texel fliegen, dort rasten und dann die 150 Kilometer nach Deutschland weiterfliegen. »Seeschwalben sind ideale Arten für ein Virus, das sich ausbreiten will. Wenn ich ein Virus wäre, würde ich Brandseeschwalben angreifen«, sagt der Forscher.
[…]
Als sei das nicht genug, erweist sich auch die Angewohnheit der Seeschwalben, in großer Zahl, dicht gedrängt in nur wenigen großen Kolonien zu brüten als idealer Angriffspunkt für eine Virusinfektion. Im ganzen Wattenmeer gibt es weniger als ein Dutzend Kolonien. Dort aber leben die Vögel dicht an dicht. Von Abstand – dem wichtigsten Mittel gegen das Überspringen eines Virus – kann dort keine Rede sein.Ebenda

Bis zu zehn Brutpaare können sich nur einen einzigen Quadratmeter Brutfläche teilen! Der einzelne Nistplatz ist demnach gerade einmal 20cm groß. Es betrifft darüber hinaus noch andere Zugvogelarten und das entlang der gesamten Nordseeküste bis nach Frankreich runter. Vor allem betroffen sind ältere, geschlechtsreife Vögel, was negativ bedeutend ist, da Zug- im Gegensatz zu Singvögeln deutlich älter werden, aber pro Jahr auch wesentlich weniger Tiere aufziehen. Stirbt jetzt ein potenzielles Elter weit vorzeitig, entfällt mit diesem Individuum auch buchstäblich die Potenz zur Fortpflanzung, was in nicht allzu nachwuchsreichen Arten umso heftiger ins Gewicht fällt. Hinzu kommt freilich, dass die Jungvögel – so wenigstens sie überleben – als Halb- oder Vollwaise auf sich allein gestellt sind und so ihrerseits den Gefahren umso hilfloser ausgesetzt sind. Zwar wären sie nach 4 bis 5 Wochen bereits flügge, werden dann eigentlich aber noch elterlich versorgt. Erwähnenswert, dass die Art der Brandseeschwalbe ohnehin auf der Roten Liste der Brutvögel Deutschlands steht, wohin man nur unrühmlich gelangt, wenn man sowieso vom Aussterben bedroht ist. Minus und Minus ergebe Plus, so jedoch nur in der Mathematik: diesseits der Populationsbiologie sieht man bei so einer Rechnung zunehmend nur noch rot.

Die globale Perspektive hierzu liest sich noch verheerender:

Nun wütet eine besonders aggressive Variante des Vogelgrippe-Virusstammes H5N1 seit Ende 2021 in Europa, Asien und Afrika. Zum Jahreswechsel wurde sie in Kanada und den USA nachgewiesen – sowohl bei Wildvögeln als auch bei Nutzgeflügel. Das Besonders an der Situation: Die Grippe zieht nicht mehr wie früher üblich mit den Wasservögeln um die Welt, sondern ist in Europa seit zwei Jahren präsent. Und das Virus ist hochgefährlich. Es kostete bislang weltweit zahllose Wildvögel das Leben und gilt inzwischen sogar als Bedrohung für ganze Arten. Seit Oktober wurden mehr als 77 Millionen Vögel weltweit gekeult, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, und weitere 400.000 Wildvögel sind bei 2.600 Ausbrüchen gestorben – doppelt so viele wie bei der letzten großen Welle 2016/17, berichtet „Nature News“. Technology Review: Infektionskrankheiten – Rollt eine gewaltige Grippewelle auf uns zu? (03.06.2022)

Artsprung zum Menschen

Das als akute Hintergrundfolie für ein realitätsbetrübliches, inhaltlich aber zutiefst bereicherndes Interview mit dem Soziologen Mike Davis beim Schweizer Magazin Die Republik: „Covid-19 ist erst der Anfang“. Mike Davis forscht schon seit Langem in der Zwielichtzone zwischen rein soziokultureller Anthroposphäre, in der anthropozentrisch alleinig der Mensch zählt und auf der ein übergeneralisierter Fokus der Aufmerksamkeiten gelegen hat, und der „Natur“, in die und auf die der Mensch freimütig zugreift. Worum es ihm geht, lässt sich mit folgendem Zitat fassen:

Wie wir sehen werden, besteht die Bedrohung durch die Vogel­grippe im Folgenden: Eine mutierende, albtraumhaft ansteckende Influenza ist nur wenige Genmutationen davon entfernt, mit horrendem Tempo und auf dem ganzen Globus durch eine dicht urbanisierte und grösstenteils verarmte Menschheit zu rasen. Eine Influenza, entstanden und schlummernd in ökologischen Nischen, die durch den globalen Agrar-Kapitalismus geschaffen wurden.Mike Davis in „The Monster at Our Door“ von 2005

Das Monster ist winziger als selbst ein Bakterium und gilt nicht einmal als Leben, übertrifft aber jeden Massenmörder in seinem Handwerk.

Doch wieso zielt er derart pedantisch auf die Vogelgrippe ab und erklärt sie zum „Monster“, wo es an der Qual der Auswahl an epidemischen Seuchenherden nicht mangelt? Mike Davis erklärt:

Leider gibt es viele Monster, die vor unseren Türen lauern. Unter den bedrohlichsten ist tatsächlich die Vogelgrippe: Das sind Influenza-A-Viren, die in Wildvögeln hausen, welche Haustiere anstecken. Dort können sie sich zu Hybridviren verbinden und auf Menschen überspringen. Diese Bedrohung ist nicht kleiner geworden. Mike Davis im Die Republik-Interview

Und genauer zum Spillover, dem Schanierbereich, wo und wann es zum Artensprung letztlich bis zum Menschen kommen kann:

Wilde Vögel sind das natürliche Reservoir für Influenza­viren. Die Viren sind für diese Vögel nicht gefährlich – genau so, wie das Coronavirus für die Fledermäuse auch nicht gefährlich ist. Die Viren leben in den Därmen dieser Vögel sowie im Wasser der kanadischen und sibirischen Seen, zu denen sie jeden Sommer zurückkehren. Nun migrieren die Wildvögel. Auch nach Südost­asien, wo eines der genialsten landwirtschaftlichen Systeme der Welt erfunden wurde, ein sehr produktives System: Man pflanzt am selben Ort Reis, wo man auch Hühner oder Enten sowie Schweine aufzieht. Die Enten oder Hühner picken Insekten und Unkraut aus den Feldern, und die Wildvögel gesellen sich dort zu ihnen – und übertragen ihre Viren auf die Hausvögel. Und diese stecken dann die Schweine an. Mike Davis ebenda

Und noch dieses Zitat, wie der kleine Schritt für ein Virus zum zu großen Schritt für die Menschheit wird:

Schweine haben sehr ähnliche Immun­systeme wie Menschen. Ein Schwein kann sich sowohl bei einem Menschen als auch bei einer Ente mit Influenza anstecken. Diese verschiedenen Influenzaviren können nicht nur punktuell mutieren, sondern gleich ganze Stücke ihres genetischen Materials miteinander austauschen innerhalb des Schweins. Am Ende haben Sie also einen Hybriden mit menschlichen Virenstämmen sowie mit Stämmen von wilden Vögeln, die für den Menschen tödlich sind. Und diese Hybride können von den Schweinen auf den Menschen überspringen. So entstand die Spanische Grippe 1918. Mike Davis ebenda

Aktuell perspektiviert obiger Technology Review-Artikel hierzu:

Eine beispiellos hohe Zahl an infizierten und toten Vögeln bedeutet ein deutlich größeres Risiko, dass sich infizierte Vögel und Menschen so nahe kommen, dass das Virus auf den Menschen überspringen kann. Dort wo Zugvögel ihre Sammelgebiete haben – beispielsweise in Ägypten – ist die Vogelgrippe seit Jahrzehnten eine reale Bedrohung für die Bevölkerung. In Asien, wo Mensch und Tier traditionell eng zusammen leben, gibt es immer wieder Virusübergänge. Seit 2003 wurden insgesamt über 800 Infektionen von Menschen mit H5N1 bestätigt. Technology Review: Infektionskrankheiten – Rollt eine gewaltige Grippewelle auf uns zu?

Im dringend lesenswerten Republik-Interview geht es dann en detail darum, wie und wieso speziell die industrielle Viehhaltung, Massenviehhaltung – um es zu betonen, Durchlauferhitzer, Brutstätte und Treiber für das virale Ungemach par excellence ist. Davis‘ Beschreibungen wären, wäre ich nicht vorinformiert, erschütternd und umwerfend, so sind sie nur zu leider bekannt und deprimierend wie resignativ. Er sagt eindrücklich zu dem System des agro-industriellen Komplexes, das wir perpetomobilisieren:

Die Massentierhaltung ist eine Teilchenbeschleunigerin. Mehr Körper auf weniger Raum bedeuten mehr Chancen für die Entstehung von Mutationen oder Hybridviren und für ihre Verbreitung, egal bei welchem Virus. Jetzt versuchen wir gerade, dieses Coronavirus in den Griff zu bekommen. Das heisst aber nicht, dass die anderen Monster nicht weiter vor unseren Türen lauern. Die bedrohlichsten sind, wie gesagt: die Vogelgrippe­viren. Wir wissen heute, dass wir wohl nur eine einzige Mutation davon entfernt sind, dass einer der tödlichsten Stämme der Vogelgrippe pandemisch wird.Mike Davis im Die Republik-Interview

Das brodelt aber nicht nur durch Vogelzugverkehr verteilte Influenzaviren in asiatischen Reisfeldern, sondern genauso ungut bei uns inmitten gehegter und gepflegter massentiergehaltener Kulturlandschaft:

Auch in Europa droht die Gefahr neuer Viren aus dem Tierreich – unter anderem durch die Schweinehaltung. Bei Stichproben aus 2.500 Schweineställen in Europa haben Forscher neue Varianten von Influenza-Viren nachgewiesen, von denen einige erste Anpassungen an einen Artsprung zum Menschen besitzen. Die Forscher bescheinigen einigen dieser Viren bereits ein präpandemisches Potenzial. Nadja Prodbregar 2020 bei scinexx.de Schweine-Viren mit Pandemie-Potenzial – auch bei uns

In Massenställen scheinen die Tiere den Menschen zwar entrückt im Gegensatz zu den bäuerlich begehbaren Reisfelder-Kulturen, doch schwelt gerade in dieser fleischeslüsternen Monokultur Stall ein Ausbruchspotenzial. Und gerade wenn Schweine immunsystembedingt so gefährliche ‚Mittler zwischen den Welten‘ Vogel / Mensch sind, ist es umso fragwürdiger, sie en masse zusammenzupferchen. Nicht, dass wir das Echtzeitexperiment nicht auch in Putenställen akribisch durchführen würden. Was bei all diesen Stalllaboren, die wir uns leisten, nicht aus dem Kurzzeitgedächtnis fallen darf: die einleitend skizzierte Vogelgrippe, wie sie entlang der Nordseeküste wie ein Sturm durch die Wildvogelpopulationen braust, ist kein singuläres Ereignis. Nein, aufmerksame Geister erinnern sich, dass wir bereits voriges Jahr, 2021 sich weltweit verbreitende Vogelgrippe beklagen mussten. Daher die – noch umstrittene – Vermutung, dass wir von einer inzwischen endemisch gewordenen Vogelgrippe sprechen dürften, die gekommen ist, um zu bleiben. Das hieße, die durch vielerlei gestressten Populationen müssten demnach dauerhaft statt nur saisonal auch noch die viralen Auswirkungen durchstehen. Zwar zu hoffen, dass sich die Vogelgrippe infolge dessen abschwächt, dafür wäre zuvor jedoch die Frage zu klären: Warum zum Teufel ist sie zurzeit derart massenmörderisch? Obig zitierte Aussage von Mike Davis, das Vogelgrippe-Virus sei an seine Zugvogelwirte so gut angepasst, dass es ihnen gar keine Probleme bereite, WAR ja durchaus zutreffend uns Status quo – bisher. Annahme, der nachzugehen wird, ob es eine signifikante Mutation und folgerichtige Selektion bei H5N1 gegeben hat, die sich jetzt brachial austobt.

Perfekt formuliert, dass es einem den Atem verschlagen sollte: „Viren, das ist Evolution auf Steroiden.“ (Mike Davis) Highspeed-Evolution, wie wir nach nunmehr zweieinhalb Jahren Corona und 6 Haupttypen (Wildtyp, Alpha, Beta, Gamma, Delta, Omikron) und je zig Untertypen (bei Omikron allein BA-1 bis BA-5 – BISHER) mitbekommen haben sollten. Hauptschuldig das Spike-Protein, womit SARS-CoV-2 wie die Wilde 13 den lahmen Kahn Mensch bzw. dessen Zellen entert und kapert. Bei Spektrum schreibt Lars Fischer über eine Studie in Science Advances: „Socioecological vulnerability and the risk of zoonotic disease emergence in Brazil“, welche Faktoren zu einer Epidemie kulminieren könnten: abgelegene Ortschaften ohne eigene medizinale Infrastruktur, durch deren Mangel Erkrankte weite Wege bis in die nächste Stadt auf sich nehmen müssen, wo sich daher die Menschen nur so enggedrängt nahekommen. Liegen diese abgelegenen Orte zusätzlich noch in zunehmend entwaldeten Gebieten, biodiversitär verarmt, schnellen die Risikofaktoren in die Höhe. Niemand hat die Absicht, hierbei allen voran an den Amazonas-Regenwald zu denken, der gemäß auf rot springender Indikatoren dem ökologischen Kollaps immer näher rückt. Der Verlust von Bäumen lässt, wäre sonst alles prinzipiell im Lot, die Nahrungsnetzeeinbrechen, was weltweit anzuschwellen droht, da dreiundachtzig Prozent der Baumarten gestresst unter Druck stehen!

Man muss zu den landwirtschaftlichen Umgebungen dieser Welt, wie sie Mike Davis hervorhebt, auch hierfür unverdächtige Orte einbeziehen, die weit jenseits agrarisch erschlossener Räume liegen (können). Größter Anlass für epidemisch gefährliches Verhalten sei Armut, die lokale Bevölkerung dazu verleitet, alles zu essen, was essbar ist, um zu überleben. Hierzu zählt dann auch sogenanntes „Bushmeat“, also das Fleisch von wilden (Busch)Tieren aller Arten, insbesondere aber von Nagern – Reservoir-Wirte der ‚Affenpocken‘ – oder Primaten. Das Sprengstoffgemisch ist in einer Studie 2021 bereits näher bestimmt worden: China,

[a]ber auch Regionen in Indochina, Thailand und anderen Ländern bieten den „perfekten Cocktail“ für die nächste, potenziell globale Infektionskrankheit. Dieser besteht aus den Zutaten: Abholzung und Zerstörung natürlicher Lebensräume von Wildtieren, Ausbreitung landwirtschaftlicher Flächen, wachsender Bestand von Nutz- und Haustieren, Nähe dieser Nutztiere zu Wildtieren, Bevölkerungsdichte und last but not least das Vorhandensein von bestimmten Fledermäusen – die Hufeisennasen gelten als natürliche Reservoire von SARS-Coronavirus-ähnlichen Viren – sowie die Beschneidung ihres Lebensraums.Science.ORF.at: Die Hotspots der nächsten Pandemie

60 bis 75 Prozent aller neu auftretenden Infektionskrankheiten werden von Erregern ausgelöst, die von einem Tier auf uns Menschen übergesprungen sind. Auch das neue Coronavirus Sars-CoV-2 entwickelte sich ursprünglich in Fledermäusen und erwarb dabei Eigenschaften, die ihm den Befall menschlicher Zellen und damit den Artsprung ermöglichten. Viele dieser Zoonosen entstehen dort, wo Mensch und Tier in engem Kontakt beieinander leben, beispielsweise in der Nutztierhaltung. So sind beispielsweise Schweine oder Geflügel häufige Reservoire für potenziell zoonotische Influenzaviren. Gefährlich kann es aber auch dort werden, wo der Mensch in zuvor unberührte Gebiete eindringt oder den Lebensraum von wilden Tieren zerstört. Denn dies schafft dann plötzlich neue Kontakte zwischen Mensch und Wildtier, die auch dessen Parasiten und Erregern die Chance zum Überspringen bieten. Wissenschaft.de: Zoonosen: Gefahr Tier präzisiert

Damit ist im Kern und dem Prinzip nach ausreichend geklärt, warum Zoonosen zunehmen. Über Bande wirkt dann auch ANTHROPOGENER Klimawandel noch mit, der die Zahl der Artsprünge drastisch erhöhen wird, weil hitzebedingt die lokal Biodiversität einbricht, überlebende Arten aus- und ergo anderswo einwandern müssen. Das läuft dann jedes Mal aufs Neue auf nicht länger mehr nur kolumbische, sondern allgemein menschliche, allzu menschliche Austauschprozesse hinaus, wo Mal für Mal ein invasionsbiologisches Exempel statuiert wird.

Pandemisches Panoptikum

Und was heißt das summa summarum? Haben die rezitierten Schlaglichter nicht widersprüchliche Hotspots benannt, auf je ganz andere Aspekte Augenmerk gelegt? Ja, was es meines Erachtens gerade so erschreckend sein lässt. Fokussiert Mike Davis asiatische Agrarräume, weil dort die Dominosteine vom Wild- über Hausvogel, über weitere Haustiere zum Menschen umkippen können, sind genauso relevante Gefährdungsräume im vermeintlich abgelegenen Gegenden zu beachten. Gerade amtierende „Affenpocken“-Nochnichtpandemie steht dafür Pate: Abgetan, sie sei ja bloß in wenigen afrikanischen Ländern endemisch und käme mutationsträge erwartungsgemäß eh nicht aus ihrer angepassten Nische raus, ist sie innerhalb weniger Monate verbreiteter denn je (nach absoluten Zahlen des Hellfeldes wie der apodemisch besuchten Länder). Ein Grund, dass Variola, so der Fachausdruck, so sehr um sich greift, ist, dass es entgegen der Expertenmeinung zu plötzlich doch 50 Mutationen gekommen ist, die auf Selektion auf den Menschen hindeuten. Waren zuvor afrikanische Nager bevorzugtes Reservoir, schon Affen nur Ausweichquartiere, hat Variola nun ein unschönes Interesse für diese Art Homo sapiens entwickelt. Dass ist – wie zuvor schon Corona – ein Armutszeugnis für den reichen Norden, spätestens wenn man diesen Artikel von Sonia Shah in Übersetzung bei Spektrum aus dem Jahr 2014 nachliest: „Die Rückkehr der Pocken – Die eigentlichen Pockenviren mögen ausgerottet sein – doch in Form ihrer nahen Verwandten wie der Affen- und Kuhpocken könnten sie uns demnächst wieder gefährlich werden.“ Dieser Dschinn wurde gerufen und ist aus seiner Flasche entwichen – Respekt und alle Achtung Homo sapiens, mal wieder phänomenal beeindruckend, wie vorausschauend weitsichtig du doch wissend und bewusst zu handeln weißt!

Was mich empört und ankotzt, ist, wie arrogant man die afrikanischen Endemiegebiete sich überlassen hat. Gerade wenn sich die ‚Affenpocken‘ bisher größtenteils netterweise nur dort aufzuhalten beliebten, hätten Philanthropen sich doch befleißigen können, mithilfe der altgedienten Menschenpocken-Impfstoffe eben auch gegen die Tierpocken über Kreuz zu immunisieren. Ja, das ist nämlich möglich, war damals bei tobenden Menschenpocken bloß ein als irrelevant missachteter Nebeneffekt. Welch Absatzmärkte für die Pharmakonzerne – Win-Win-Verhältnisse allerorten. Stille… Dankenswerterweise hat Lars Fischer genau das auch in seinem Blog angesprochen. Die jetzige Nochnichtpandemie wäre vermeidbar gewesen, würde man nicht nur beim Zahnarzt Prophylaxe betreiben.

Trotz allem sind die Tierpocken vorerst noch das geringste unter den Infektionsproblemen: Corona bleibt nicht vorbei, Omikron BA-5 geht wieder exponentiell, was für den Herbst nichts Gutes verheißt. Denn in beiden Vorjahren sind wir wenigstens mit (sehr) niedrigen Fallzahlen in den Herbst gegangen, jetzt dürften die Nachwirkungen von BA-5 bis dahin spürbar sein und ein angeschlagenes „immunologisches Profil“ in der Bevölkerung hinterlassen. Ob angepasster Impfstoff bis dahin mengenmäßig zur Verfügung steht UND angenommen wird, bleibt abzuwarten.

Und Influenza? Die Zugvögel leiden momentan am Meisten daran, erhöhen vielzitiert aber das Spillover-Potenzial enorm. Zunehmend antibiotikaresistente Schnitzel in spe wären nur zu empfänglich für vogelzügige Infektionen – nicht zuletzt mischen selbstredend auch die geliebten Haustiere von Hund bis Katze mit, über deren Rolle im Ganzen Achim Gruber in der WDR5-Redezeit (abrufbar bis 02.06.2023) berichtet. Derweil holzt und brennt Homo suizidalis Rückzuggebiet um Rückzuggebiet für gestresste und belastete Tiere ab und drängt sie förmlich in die Arme der meist selber entwurzelten, daher stressbedingt immungeschwächten Menschen. Das Spike-Protein oder entsprechende Äquivalente bei den wütigen Viren sind ergo mitnichten die biologistischen Hauptschuldigen – der ökozidalen Dummheit angeklagt bleibt alleinig der Mensch! Und so weiter! Und so fort! Ein weiteres Jahrhundert der Pandemien, wie es scheint – man lese Mark Honigsbaum!

EDIT vom 06.07.2022: ROFL LOL Mir allen Ernstes erst jetzt posthum aufgefallen, was mir die Rechtschreibprüfung da verschlimmbessert hat. Lustig allerdings: aus „Bushmeat“, dem Fleisch von ‚Busch-/Wildtieren‘, ist „Bosheit“ gemacht worden 😀 Halten wir fest: eine künstliche INTELLIGENZ ist noch sehr weit, weit entfernt;-) Gut, meine lektürische Intelligenz auch, so einen Verwirrer darf man eigentlich keinmal überlesen 😀

Werbung

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s