Namárië Aragorn – Hans Peter Hallwachs in memoriam

Hallo Mitwelt!

Der Schreibblockade erreichtes Ende noch nicht in Sicht, gäbe es über
„Ein Hörspiel zu hören …“, noch zu Weihnachten wärmstens hörempfohlen, dennoch der schreibfreudigen Worte viele.

Die 30, in Worten: dreißig Episoden sind samt und sonders noch als MP3 downzuloaden, werden hierzu auf WDR5 auch noch regelmäßig beworben – und zwar zurecht! Sendetermine waren 1. und 2. Weihnachtsfeiertag je von 16 bis 22 Uhr, also je stolze 6, in Summe gar 12 Stunden Hörgenuss – und ein solcher war es. Denn ZUM GLÜCK ließ ich mich aufs altmodische, ganz und gar lineare Hören, so wie es von WDR5 gesendet wurde, ein, was ein lange nicht abverlangtes Sitz- aka Halbliegfleisch erforderte. Andersherum ließ ich mich nicht aufs „Streaminghören“ ein, Hören bloß nach Laune. Dann wären es vielleicht drei oder vier Folgen (je etwa 23 Minuten) pro Abend geworden, eventuell auch bis zu sechs bei Zeit und Muße am Tage. Dann hätte es sich aber über Tage weit jenseits von bloß zweien gestreckt und dramaturgisch dramatisch verdünnt. Über den Äther ging das Hörspiel allerdings nicht nonstop und auch nicht ungekürzt, sondern mit je zwei Unterbrüchen. Es begann, wollen wir mal korrekt sein, auch nicht mit dem Geläut zu 16Uhr, sondern nach den regulären Nachrichten um16:04Uhr. Zwei weitere, je rund 4-minütige Nachrichten erfolgten um 18 sowie 20Uhr – die besagten Unterbrüche, die zu hasthektischem Klorennen und Getränkenachholen führten. Je Hörtag also drei rund 2-stündige Hörblöcke, die ein- und ausgeleitet wurden von …

Gollum spricht

…von Gollum höchst persönlich. Also genauer gesagt Recherche und Archiv Bob Andrews, soll heißen: Andreas Fröhlich mit seiner besten Hörbuchstimme (nicht zuletzt einige der 5-bändigen Anhalter-Trilogie-Bücher). Jawohl, freudig überraschenderweise niemand geringeres als eben dieser, der Andy Serkis‘ Gollum ins Deutsche überführte und ihn dermaßen kongenial synchronisierte. Erst noch etwas zurückhaltend ob seiner rühmlichen Rolle, gestand er sein stimmliches alterego dann doch ein, zollte hiesigem Gollum-Intonator Dietmar Mues großen Respekt und gab den Romantiktipp, der Verehrten mit den Worten „mein Schaaatz“ doch mal morgens das Frühstück ans Bett zu bringen. Ihr zu wünschen, dass sich ihr das Bild von Gollum dann nicht zu sehr über den bis dato Geliebten legt und ihn zu sehr überdeckt;-) Das war in jedem Fall großes Hörkino, obwohl sich Andi Fröhlich jeweils kurz hielt und pro Block vielleicht gerade einmal 5 Minuten zu uns sprach.

Je Hörtag also 12 Minuten Nachrichten, zusammen 24; je Hörtag etwa 15 Minuten dem Gollum sein Synchronisateurs Worte, zusammen mindestens deren 30 – sind wir sicher bei 54, aufgerundet 60 Minuten, eine Stunde von zwölfen, in denen de facto gar kein Hörspiel lief. Bis kurz nach 21:30Uhr am 1. Weihnachtstag hatte ich davon jedoch nichts mitbekommen, hätte ich schwören können, alles wäre genauso, wie ich es nostalgisch begeistert auf die Ohren bekam. Erst als etwa um 21:30Uhr nächtens die Gemeinschaft am Amon Hen zerbrochen, Boromir von Pfeilen niedergestreckt und Frodo-Sam entflohen waren, fiel es mir auf: ohne Pausensequenz, ohne überleitende Worte des großartigen Erzählers waren wir sofort bei den Drei Jägern inmitten Rohans und – zu hastiger Schnitt – kurz hierauf bei Merry und Pippin, die sogleich auf Baumbart stießen (statt zuvor durch den beängstigend finsteren Fangorn zu stolpern). Da war doch was zusammengeschnitten!? An Tag 2 umso deutlicher, da nun das Hörspiel – an der szenischen Darstellung des Films orientiert – nur so zwischen den verbliebenen Bruchstücken der Gemeinschaft hin- und herwechselte. Und das so gut aneinandergefügt, dass es sich bedeutend dramatischer aufbaute und zuspitzte, als dass es im Original der Fall ist. Hier stand (und steht weiterhin) jede Episode für sich, fokussiert auf diesen oder jenen Teil der Gemeinschaft auf dem Wege nach oder schon in Mordor bzw. im Ablenkungskampf der Freien Völker, Saurons Auge auf sich zu lenken. Ab und an, aber wirklich nur selten ahnte ich mehr, als dass es mir klar im Hörgang war, dass im Zuge dessen gekürzt worden war. Stimmig durchweg allerdings.

Abbitten

Jetzt nicht bis ins letzte Detail, aber Abbitten muss ich doch leisten. In meiner Empfehlung rang ich um Worte, das Hörspiel doch bitte unbedingt vom Film zu scheiden, außer Konkurrenz anzuhören und nicht mit dem Maßstab der Film-Trilogie zu bemessen. Alles richtig, aber ich habe mir mit solchen Worten selber „Mut“ zu gesprochen, das bloß nicht zu tun. Ja tatsächlich, im Vergleich zu Baumbarts holzdröhnender Stimme im Film klingt der Hörspiel-Baumbart „abgespeckt“, aber mitnichten wie „ein älterer Mann der Stimme nach“. Allemal kräftig und sehr wohl mit Wumms – niemand, dem man im dunklen Wald begegnen möchte. Oder Gimli, der Erinnerung nach viel zu brav statt zwergenbärtig. Nun in der Tradition des Hobbit-Hörspiels stimmlich relativ nahe zu Thórin Eichenschilds Stimme, genau wie diese auch die von Gimli an Schärfe und Entschiedenheit zulegen kann. Noch weniger in Moria, aber sodann im Goldenen Wald, als er – zunächst als einziger – eine Sichtbinde anlegen soll, woraufhin er sich ingrimmig ereifert. Von hieran kommt der Zwergenzorn noch mehrfach hervor und passt nur zu gut. Legolas abgeklärt, der schon ziemlich weise, ruhige Elb, der folglich so gar nichts mit Orlando Blooms Superheld-Interpretation zu tun hat. Aber im Sprecherensemble ist auch das nur zu treffend. Apropos – Boromir! Beeindruckend, auch diese Stimme hatte ich nicht mehr so im Ohr. Stolz, entschieden, herrisch. Zu Hochform läuft er mit wechselnden Tonlagen und Unterstimmen auf, als er sich den Ring von Frodo „ausleihen“ möchte und nach Zurückweisung ausrastet.

Bezogen auf ihre Rolle sowieso schon, aber erst recht im Kontrast zu einander exzellenial: Rohans König Theoden versus Gondors Truchsess Denethor. Jener ein älterer Mann, anfangs gebeugt, dann aufgerichtet, stolz, aber großväterlich zuvorkommend und nett (vor allem Merry gegenüber). Dieser unbeugsam, dabei zu stolz und am Ende von Zukunftslosigkeit gepackt in schwarzer Depression versunken, zerfressen von den vergangenen Chancen. Ich litt körperlich mit! Insbesondere in Denethors Parts von düsterer Musik unterlegt, ein Klangteppich kontinuierlicher Bedrohung aus Mordor, von verschlingender Hoffnungslosigkeit ohne Aussicht trotz Palantir.

MEHRFACH war ich atemlos gefesselt und lauschte heißohrig der Geschichte, die für mich doch gar keinerlei unverhoffte Wendungen mehr bereithält. Aber die Intensität auf den Hügelgräberhöhen, wie die Hobbits im dichten Nebel in ihre Gräber tappen – wow. Noch nicht der Kampf an der Wetterspitze, dafür umso packender die letzten Meter vor der Furt nach Imladris, als die Ringgeister zu Rappen auf die Gefährten zustürmen und gedolchter Frodo ihnen zu entkommen sucht. Und sodann in Moria, als die Trommeln in der Tiefe zu schlagen begonnen haben und aus Feuer und Flamme der Balrog hervortritt und es zum Duell der Magiebegabten auf der Brücke von Khazad-dúm kommt. Bewegungsloses Lauschen! Trotz der Schlachten um die Hornburg, auf den Pelennor-Feldern oder vorm Schwarzen Tor war Tag 2 nicht mehr auf diese Weise szenisch in Besitz nehmend wie vom Ring ergriffen. Hier war es vielmehr die sich stetig steigernde, exzellent musikalisch untermalte, verzweifelter werdende, bedrückende Stimmung, die rund um Denethors Aussichtslosigkeit gipfelte.

Muss ich betonen, explizit ausdrücken, dass ich hellauf begeistert war und anhaltend bin? Ich bin heilfroh, das Hörspiel genauso, live und mit allem Drum und Dran inklusive Kürzung süchtig inhaliert zu haben, gebannt im Klang versunken. Beeindruckend, was 1991 entstanden ist, das ohne Filme bestimmt größere Kreise gezogen, mehr Aufmerksamkeit bekommen und Respekt erhalten hätte. So ist es bei den allermeisten vermutlich durch die Filme völlig überprägt worden oder seiner ganz anderen Erzählweise und Tonalität wegen nur schwer als eigene Spielart anzuerkennen. Hoffentlich hat es sich jetzt geändert!

Der Abgang des Königs

Und noch eine Stimme ist zu erwähnen, hervorzuheben, derer ich mir aber auch nach Jahren des Nichtmehrgehörthabens felsenfest sicher war, so felsenfest sie mir noch in den Ohren nachklang: Streicher – Aragorn, Arathorns Sohn, Stimme gegeben durch Hans Peter Hallwachs. Anfangs zwielichtig anmutend, als Streicher mehr sich herumtreibender Lump als zuverlässig wirkender Ehrenmann, der dann aber doch durch Tatkraft und Wissen hervortritt und sich von Mal zu Mal auszeichnet. Eine prägnante, prägende Stimme …

TOT

Eine Stimme, die von uns gegangen ist. Wie heute durch die Medien gegangen ist, ist Hans Peter Hallwachs bereits am 16.12. diesen Jahres im Alter von 84 Jahren verstorben. Bekannt vor allem durch Krimis, im Fernsehen meist in Nebenrollen beim TATORT und Co, in Hörspielen bei Umsetzungen von 5 Raymond Chandler-Krimis. Wie schon beim Terraner Volker Lechtenbrink kenne ich auch Hallwachs gerade nicht durch seine Auftritte, für die er allseits bekannt ist. Für mich ist er, jetzt mehr denn je, Aragorn, ein stolzer Nachfolger Isildurs, prophezeiter König von Gondor und ein Heiler. Im Ohr ist er mir noch als Stationsforscher Sartorius aus dem 2-teiligen Hörspiel zu Lems SOLARIS. „Unfreundlich, aber dafür entschlossen und geistig gegenwärtig“, so wird Sartorius‘ Präsenz beschrieben, auch die Hallwachs wie angegossen in Stimme bringen konnte!:)) Wo ich sein Lebenswerk bei Wiki so durchklicke, fällt mir noch das WDR-Hörspiel aus dem Jahr 2002 auf, das irgendwann während Corona wiederholt worden ist: Ins Herz der Nacht – eine Science Fiction-Interpretation von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, auch hier Hallwachs einen Wissenschaftler stimmt. Wäre ich mit Bernhard Hennens Fantasy-Welten bekannter als nur dem Namen nach, wäre ich mit Hans Peter Hallwachs quasi auf Du, der da einige der Vielbände (gekürzt) als Hörbuch eingesprochen hat.

Am Tag, als die Welt den Tod des größten Fußballers betrauert, hat uns auch einer der Gemeinschaft verlassen: der Abgang des Königs, der nach erfülltem Leben ohne Wiederkehr von uns gegangen ist:-(

Namárië! Nai hiruvalyë Valimar. Nai elyë hiruva. Namárië! Mellon Erulisso Ondonir

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Ein Hörspiel zu hören – DER HERR DER RINGE

Hallo Mitwelt!

Unverkennbar, dass dieses Blog in eine schreibblockierte Starre verfallen ist und das über Monate hinweg. Das soll wieder anders werden und liegt gewiss nicht an einem Mangel an Input und interessanten Themen – ganz im Gegenteil, die haben sich kraftvoller angestaut als Wasser hinter einem Staudamm, schlechter geschützt als der Hauke-Haien-Koog hinter dem Deich.

Als Fingerübung zur Revitalisierung daher pünktlich zum heutigen konsumbesinnungslosen „Feiertag“ ein weiterer Hörspiel-Tipp, jedoch nicht irgendeiner, sondern ein ganz besonderer. Mit dem könnt ihr selbst mit der buckligen und könntet erst recht mit der lieben Familie den ersten sowie zweiten Feiertag akustisch verzieren und euch vom Nachmittag an in eine wundervolle Hörwelt zurückziehen und sie gemütlich vom Sofa aus mit Warmgetränken und Lembas durchwandern. In sparsamer Beleuchtung ganz auf das Hörspiel konzentriert, dem mit feuereifrig roten Ohren gelauscht wird!

Ein Hörspiel zu hören, sie alle zu finden, ins Audio zu treiben und ewig zu binden

Es ist mir ein großes Vergnügen und eine – nach langer Hörpause – ebenso große Vorfreude euch wärmstens und dringend bei WDR5 das Hörspiel anzuempfehlen, das vor 31Jahren erstgesendet worden ist: Der Herr der Ringe!!!

Sendetermine sind am 1. sowie 2. Feiertag je ab 16Uhr, jeweils über sechs Stunden bis 22Uhr. Das Hörspiel ist summa summarum also stolze zwölf Stunden lang, besteht aus 30 Episoden, die danach auch als MP3-Download bereitstehen! Die epischen Ausmaße lassen sich mit weiteren Infos von Wiki erahnen:

Mit etwa 70 Haupt- und 35 Nebenrollen, acht Chören und über zwölf Stunden Laufzeit handelt es sich bei dieser Aufnahme um eine der aufwendigsten Produktionen der deutschen Hörspielgeschichte. Allerdings werden die ersten Kapitel teilweise exzessiv detailliert behandelt, die späteren zunehmend immer stärker gekürzt und es wird das Ende des Buches sogar ganz ausgelassen und dadurch der Schwerpunkt der Geschichte merklich verändert. Fans ärgerten sich teilweise auch über die weitgehend falsche Aussprache der Tolkien’schen Eigennamen.Wiki über Der Herr der Ringe, Abschnitt 4.3

Statt das Augenmerk auf die Auslassungen zu richten – so fehlt zugegeben im zweiten Teil von Die Rückkehr des Königs die gesamte Befreiung des Auenlands genauso wie im Film -, sollte man vielmehr ausdrücklich betonen: Tom Bombadil und seine Frau Goldbeere kommen vor :)) (Die Gefährten, Kapitel 6 Der Alte Wald sowie 7 In Tom Bombadils Haus).

He, Tom Bombadil! Tom Bombadonne!
Hör den Ruf, eile her, bei Feuer, Mond und Sonne!
Komm, bei Wasser, Wald und Flur, steh uns nun zur Seite!
Komm, bei Weide, Schilf und Ried, aus der Not uns leite!

wird sogar rezitiert von Frodo, als die Hobbits – ebenfalls im Film ausgelassen – vom guten alten Tom von den Hügelgräberhöhen errettet werden mussten:-)

Ich würde es daher andersherum sagen: das Hörspiel hält sich viel mehr ans Buch, ist viel näher dran, zitiert stellenweise sogar (und zwar die bessere deutsche Übersetzung von Margaret Carroux, nur diese 1991 allerdings auch vorlag). Gerade weil der Beginn, der Aufbruch Frodos und Freunde aus dem Auenland so liebevoll umgesetzt ist, erhören wir auch nur hier und nicht im Film, wie gen Westen wandernder Gildor Frodo weitsichtig zum Elbenfreund erklärt und ihn so für die weitere Reise in die große weite Welt wappnet. Selbst Lutz kommt vor, das treue Pony, das die Gefährten von Bree an bis vor die Tore Morias begleiten wird.

Zu Risiken und Nebenwirkungen

Was stattdessen ins Ohr geht: das Hörspiel ist klanglich, akustisch nicht die Film-Trilogie! Das klingt trivial, doch alle, die von der Trilogie optisch sowieso, aber genauso von der Intonierung her geprägt sind, über die Filme eventuell erst nach Mittelerde gefunden haben, oder von ihr in vorhergegangenen Hörspieleindrücken überprägt wurden, könnten sehr, sehr stark irritiert sein! Das Hörspiel bedient sich nicht realakustischer Klänge, die das Setting realistisch vertonen. Es wird viel komponiert, ja, aber auch mitnichten als Foreshadowing auf den Stil von Howard Shore. Wie auch? Klar! Aber wer die hoffnungsstiftenden Töne für die Hobbits oder das Ringmotiv in seiner düsteren, Finsternis verheißenden Vorahnung im Ohr hat, hat einen Ohrwurm wie einen Tinnitus. So prägend sind die „Shore-Scores“, dass selbst die Milliardärsserie Ringe der Macht Anleihen nimmt und so mittelirdisch wiedererkennbar ist.

Für mich lange prägend war insbesondere der Episodenauftakt, der für mich als Knilch Größe und Tiefe verhieß, bedeutungsvoll und geheimnisvoll zugleich war. Mit der Tonalität wird auch hier schon gespielt, so viel flötenfröhlicher sind daher die orchestralen Klänge noch im Auenland während und nach Bilbos Abschiedsfeier. Immer düsterer wird Klang und Stimmung, je weiter sich Frodo und Sam gen Mordor schleppen, wenn von dort himmelverschattende Düsternis aufzieht. Das ist gut gemacht, aber ebenso völlig anders als der ausgezeichnete Film-Score.

Gleiche Lage bei den Stimmen, nur um ein paar Beispiele zu nennen:

  • Gollum: unwiderstehlich weltweit ins Ohr gesäuselt, geschrien, geplappert, gehaspelt und gejammert von Andy Serkis im Original, im Deutschen genauso kongenial intoniert von Recherche und Archiv Bob Andrews (auch unter dem Pseudonym Andreas Fröhlich bekannt). Geht das besser? Vermutlich nicht. Kann der gute Dietmar Mues da mithalten, der diesen zwiespältigen Charakter voller Inbrunst intoniert? Seit 2001 und erst recht 2002 nicht mehr wirklich. Dabei wandelt er seinerseits auf den Tonspuren desjenigen Gollums – es gibt schlicht viele von ihm;-) -, der im wunderbaren Hobbit-Hörspiel die geschundene Kreatur hinausbrüllte, als ihr Schaaaatz ihr entschwunden wart. Gollum klingt da wie dort weniger wie ein hobbitkleines, gekrümmtes Wesen als viel mehr wie ein garstig großes Monster, das so viel gewaltiger als die Hobbits – Bilbo oder Frodo und Sam – ist und durch die Stimme schon physisch bedrohlich wirkt. Der arme Kerl hat’s aber auch nicht leicht, müsste mal aufs Sofa.
  • Sam Gamdschie: Gesprochen von Edgar Hoppe. Klingen die vier Hobbits im Film und speziell Sam jung und dadurch klein wie ihre Körpergröße, eher wie Kinder als Erwachsene, eben wie zumeist nur 90Zentimeter kleine Hobbits und nicht wie Angehörige des Großen Volkes, klingt unser Sam, bester aller treuen Freunde, schlicht wie ein Mensch. Ein eher größerer, vor allem auch älterer Mensch, ein gemütlich fülliger Mann vielleicht. Aber wie ein wuseliger Hobbit? Merry Brandybock (Tobias Lelle) und Pippin (legendärer Rufus Beck) sind da besser, hobbitesker getroffen. Frodo wiederum (Matthias Haase) liegt stimmlich dazwischen, kann meines Erachtens nach hinten raus immer besser die niederdrückende, beugende Last verstimmlichen, die sich in ihn hinein psychosomatisiert, je näher der Ring der Schicksalsklüfte kommt. Sam würde ich anhand der Stimme als ruhig und bedächtig sowie besonnen charakterisieren. Einen Schritt vor den anderen setzend, erst die Lage erfassen, nicht einfach so drauflos handeln. Das vermittelt Zuverlässigkeit, das nur zu gute Grundlage für Treue ist, für die niemand so wunderbar einsteht wie Sam. In diesem Sinne ist Sams Stimmbesetzung trefflich – man muss sich nur vor allem bei ihm hineinhören, dass er ein eigentlich junger, etwa gleichalter Hobbit wie Frodo sein soll, der aber wie ein eher 50-jähriger Mensch klingt.
  • Aragorn: Gesprochen von Hans Peter Hallwachs. Auch hier kann es zu einem Clash of Voices kommen, wenn man des Film-Aragorns Stimme (original oder synchronisiert) im Ohr hat. Der Hörspiel-Aragorn klingt lebenserfahren, ziemlich alt (wie er es nach Jahren sehr wohl auch ist, nur dank numenorischer Herkunft sich noch in den besten Jahren befindet). Dieser Aragorn hat schon viel erlebt, war hörbar ein vom Leben gezeichneter Waldläufer, der schon vielen Gefahren gegenübergestanden hat. Weniger dynamisch und vorpreschend, niemals wegen irgendwelcher Warge eine Klippe hinunterstürzend. Ein besonnener Fels in allen Brandungen Mittelerdes, zielgewiss und beharrlich. Aber auch doppelt so groß wie Sam? Mitnichten, sie könnten nahezu gleichalt und ziemlich gleichgroß sein. Hierauf, wie körpergroß Stimmen wirken, achtete man leider so überhaupt nicht bei der Besetzung. HP Hallwacvhs war für mich Aragorn – Punkt aus! Zäh wider alle Widerfahrnisse, denen er widerstand, um stetig weiterzumachen. Anfangs klingt auch er unheimlich zwielichtig, so wie er als „Streicher“ ja auch eingeführt, von Butterblume im Tänzelnden Pony beschuldigt wird. Erst mit der Zeit wird die Stimme passend zur Rolle die eines anerkannten Anführers, königlich sozusagen.

Und so könnte man die gesamte Besetzung durchgehen. Gimli, der ruhig bis brav wirkt und mitnichten den axtschwingend grollenden, steinbärtigen Spurtzwerg des Films verkörpert. Baumbart, der auch nur ein älterer Mann der Stimme nach ist und kein ‚lebender Baum‘ mit einem Körpervolumen wie sonst kein Lebewesen weit und breit. Wesentlicher ist meiner Meinung nach, dass das Hörspiel dem Buch allen voran in der Dramatisierung folgt. Hier dürfte man am Irritiertesten sein, dass die Schlachten an der Klamm um die Hornburg, auf dem Pelennor-Feldern oder final vor dem Schwarzen Tor selbstredend samt und sonders vorkommen, aber an die inszenatorisch epischen Ausmaße der Filme nicht heranreichen. Ja, die kampfwütige Intensität wildwüsten Schlachtengetümmels wird hier nicht tondetailreich zum Leben erweckt. Wie auch schon nicht in den Büchern, die eben nicht mit mordlüsternen Kampfdetails aufwarten und wo die Kapitel mit den besagten Kämpfen auch nicht länger sind als insbesondere solche in Die Gefährten, wo geografiereich die Welt durchwandert wird. Kämpfe sind, aber doch nur narrative Mittel zum Zweck, nicht zu inszenierender Selbstzweck der bombastischen Szenerien und lautstarken Kampfgeräusche wegen.

Kurzum: man müsste sich, so man will, auf eine Hörwelt vor den Filmen einlassen, die im Gegensatz zum Hobbit-Hörspiel längst kein reines Kinderhörspiel mehr ist und sein will. Es beginnt aber noch gutmütig wie ein Kinderhörspiel, um sich dann Folge für Folge zu steigern. Ja und die Aussprache – das ist ein eigen Ding. Wer will, kann nebenher ja auf sindarin.de kritisch mitlesen und zwischen warmem Kakao und Keksen die Zunge in die richtige Vokalisierungsposition bringen:-)

Zurück in die Kindheit

Für mich wieder einmal ein Hörspiel der Kindheit. Im Urlaub in Bayern, morgens noch im Bett liegend, lauschte ich dem Bayrischen Rundfunk, wie er das Hörspiel wiederholte. Obwohl doch schon 9 Jahre alt, war ich erst neun Jahre klein und ziemlich verängstigt und furchtsam, als die Ringgeister ihre Jagd aufgenommen hatten und den vier Hobbits nachspürten. Erst die Szene auf der Straße, wo die Hobbits gerade so noch in die Büsche und hinter Bäume gelangen konnten; am Gruseligsten für mein jüngerego aber, als die Schreie der Ringgeister zu hören waren, wie sie durch den lichtschluckenden, schweren Nebel drangen und sie suchend am Anlegesteg erschienen, schnüffelnd wie ein Suchhund, kaum dass die Hobbits abgelegt und übergesetzt hatten. Von kindlicher Furcht gepackt, HOFFTE ich, diese Folge ginge zu Ende, zu spannend sie für mich damals noch war. Es ist zu lange her, dass ich es das letzte Mal hörte, um die Folge zu benennen: entweder schon Nr.03 „Der Feind regt sich“ oder doch schon Nr.04 „Hinaus in die Welt“. Du kannst es ja selber erhören!

In jedem Falle hörte ich im Urlaub nur wenige der Folgen und sehr sicher nur welche vom Beginn, nicht aber die Auftaktepisode selber. Daher, mit kindlich gründlicher Konsequenz, gehörte das Hörspiel in Gänze erstanden und seither ungezählt oft gehört! Das war lange für mich Mittelerde, bis ich erst mit Zeitverzug zu den Büchern respektive den Hörbüchern gelangte. Eiderdaus, auf einmal endete es ganz anders, ums Auenland wurde gekämpft, die Ringkrieg-Veteranen mussten eine (vor-?)letzte Mut- und Willensprobe bestehen, um in der Heimat wieder ankommen zu können. Doch weder dieser Ort, der die alte Heimat war, noch sie, die sie doch nur Hobbits waren, waren noch dieselben, selbst nachdem auch dieses Übel durchgestanden war. Der Ring hatte sich wie ein Siegel in Bienenwachs in ihr Leben eingeprägt und alles verändert, obwohl er doch vernichtet wurde. Das ist wahrlich die, zuerst reichlich verkannte, zunehmend verstandene letzte Poante der Geschichte, die sowohl Heldin- als auch Entwicklungsreise für ihre Protagonisten gewesen ist. Heldin- gegenüber (klassischer) Heldenreise in dem Sinne, dass der Held klassischerweise alleine loszieht und die Prüfungen zum Aufstieg selber zu meistern hat, von Gelegenheitsfiguren Rat und bisweilen Tat erhält. Bei der Heldinreise gibt es keinen singulären Held, dem bloß angelegentlich zugearbeitet wird und werden muss, von dessen schicksalhafter Schwerkraft alles abhängt; eine Heldinreise dauert fort und fort, weg von der Tür, wo sie begann, weit über Land, von Ort zu Ort, eine Gemeinschaft folgt ihr, so gut sie kann. Als ein Vieles läuft sie dem Geschehen rascher Füße nach, bis die Geschichte sich wundersam verflicht‘ mit Twist und Wendnis tausendfach. Doch am Amon Hen wendet’s sich, die Gemeinschaft zerbricht.

Ich wünsche ein gutes Hörspiel inmitten trotz aller Umstände guter Tage!

Signale aus der Mondnacht

Hallo Mitwelt!

Ich hatte es schon einmal als Empfehlung im Blog, inmitten der fortgesetzten Lemiade: das Hörspiel meiner Kindheit und ziemlich sicher der „erste Lem“, der mir je zu Ohren kam – „Die Mondnacht“.

Ohne mir bekannten Anlass, Lems 101. Geburtstag ist noch gut drei Wochen hin, ist das Hörspiel nun erneut online gegangen. Im SWR2-Hörspiel-Feed gesichtet, führt der link auf eine Seite des NDR: „Die Mondnacht“ – abrufbar bis zum 29.08.2023!

Aus dem Reservetank einer Mondstation entweicht Sauerstoff. Der Rest kann bis zum Eintreffen der nächsten Versorgungsrakete nur einen von zwei Wissenschaftlern versorgen. Im Überlebenskampf versucht jeder der beiden, den anderen umzubringen. Ihr eigentlicher Gegner aber ist die Technik: Ein Tonbandgerät zeichnet alle Geräusche in der Forschungsstation auf. Nun versucht jeder, das Band zu täuschen.

Übersetzung aus dem Polnischen: Klaus Staemmler. Mit: Bodo Primus (Dr. Blopp), Horst Michael Neutze (Dr. Mills), Reinhard Glemnitz (Stimme aus Houston), Manfred Schott (Speaker), Gisela Hoeter (Monder, der Stations-Computer).

Regie: Dieter Hasselblatt. Produktion: BR/NDR/SDDR/SFB 1976. Redaktion: Michael Becker.

Bei meiner Kondolenz Herbert W. Franke zu Ehren hatte ich auf zwei zu diesem Anlass wiedergesendete Hörspiele verwiesen – so u.a. auf „Signale aus dem Dunkelfeld“. Dort hatte ich meine sprunghaften Assoziationen bereits festgehalten, dass mich „Signale aus dem Dunkelfeld“ vom Setting – Mond, Mondstation (Kammerspiel) – und Personal – 2 bis 3 LunanautInnen – sehr an Lems „Die Mondnacht“ erinnert hat. Daher sei jetzt quasi per Direktlink beides nebeneinandergestellt und zum Hören anempfohlen.

HWF „baut“ um die auf dem Mond spielende Kernhandlung zwei Rahmen herum. Rahmen 2 / der innere Rahmen lässt Fachmänner der beteiligten Institutionen (analoge!?) Bänder abhören, die man von den Ereignissen in der mondrückseitigen Station hat bergen können. Damit entspricht diese Interpretationsebene genau dem, was wir als Hörende von Lems „Die Mondnacht“ für uns selber leisten, nämlich das Gehörte – und nichts anderes als nur das Gehörte! – zu interpretieren, auszulegen, mühsam zu verstehen. In „Die Mondnacht“ intrigieren die beiden betroffenen Astronauten gegeneinander, just indem sie sich des laufenden (analogen!?) Aufnahmegeräts bewusst sind und alleinig anhand ihrer Stimme eine spätere Zuhörerschaft von sich zu überzeugen suchen, nämlich unschuldig zu sein, nicht verantwortlich für die sich aufschaukelnden Geschehnisse. Darüber grübeln wir sodann, ob und wer Recht haben könnte, so wenig es für den einen oder den anderen schlussendlich gut endet. Bei „Signale aus dem Dunkelfeld“ hören wir den Interpretatoren der Aufnahmen beim Interpretieren zu, womit wir deren Auslegungen mit unseren Eindrücken vergleichen können. Letztlich gibt es dann noch den Rahmen 1 / den äußeren Rahmen bei „Signale aus dem Dunkelfeld“, wo eine hörbar aufgebrachte, wissbegierige Journaille zu erfahren verlangt, was passiert sei. Die um Glättung der Wogen bemühte Presseabteilung wiederum selektiert aus der Kernhandlung und aus Rahmen 2 das für sie Weitergebenswerte, um das erlittene Desaster im doch noch lichten Licht dastehen zu lassen. Auch hierüber können wir unsererseits sinnieren, ob das Presseteam nicht ein infogarstiger Haufen ist, der bloß beschönigt und auslässt, wie es passt; oder ob die Journalisten überhaupt kompetent ihren Aufgaben nachkommen und die richtigen Fragen stellen.

So gehört, ist „Signale aus dem Dunkelfeld“ die Special Extended Edition zu „Die Mondnacht“, wo die eigentliche Handlung doppelt eingebettet wird und so vielschichtige Tiefe bekommt, die bei „Die Mondnacht“ noch gänzlich ausgespart blieb. Davon ab freilich, dass die Kernhandlung zwar manch Ähnlichkeit aufweist, dennoch ganz andere Pfade beschreitet. So verkompliziert „Signale aus dem Dunkelfeld“ aufgrund auch nur einer – auch noch weiblichen – Person die Involvierten und macht aus einer Zweier- eine Dreieckskonstellation, in die hinein nicht Monder penetrant quatscht, sondern rein stimmliche Aliens (oder was auch immer) suggestiv Kontakt aufnehmen (oder was auch immer). Während die Mondnacht-Männer zunehmend toxisch werden, ergeben sich zwischen den beiden Männern und der Frau „menschliche, allzu menschliche“ Abgründe, wo es eben auch um sexuelle Selektion geht … 😉 Ob Mond oder Mond – es läuft stets anders:-)

Das also als Einwurf, als Hörauftrag im Rahmen auch deines Hörspielabos, das du längst abgeschlossen hast. Und das sich daher abzuhören lohnt!

Der grüne Komet fliegt weiter durch die Unendlichkeit – Herbert W. Franke IN MEMORIAM

Hallo Mitwelt!

Anlass dieses Beitrags ein trauriger, es gilt erneut zu gedenken. Nachdem bereits Perry Rhodans Stimme aka Volker Lechtenbrink verstarb, ist am inzwischen vorletzten Samstag, dem 16.07.2022, ein Großer nicht nur der SF-Szene verstorben: Herbert W. Franke!

Geboren 1927 in Österreich, gestorben 2022 in Bayern im Alter von stolzen 95 Jahren im Kreise seiner Familie. Aufmerksam geworden bin ich zugegeben nur über die News bei TOR online. Anderswo wie in der Kulturrubrik bei SZO oder ZON – nichts! Keine weitreichende Würdigung in den großen Medien – schade. Nur eine Mitteilung bei SPON, die auf den Tod des „Universalgenies“ hingewiesen hat. Als ein solches ist er in Nachrufen mehrfach gewürdigt worden, so breit sein Interessens- und Handlungsspektrum gestreut war. Der in diesem Blog hauptsächlich interessierende SF-Bereich war da bei weitem nur einer unter vielen weiteren wie Höhlenforschung oder avantgardistische Computerkunst. Bei P.Machinery (s.u.) hat es bisher auch nur einen kurzen Hinweis gegeben.

Der SF-Autor

Wie prägend sein Beitrag zur SF-Szene war, lässt sich allein am Kurd-Laßwitz-Preis festmachen, dem ältesten und wohl auch anerkanntesten deutschen SF-Preis seiner Art, den es seit 1981 in mehreren Kategorien jährlich durchgehend gibt. Gleich im ersten Jahr war HWF mit „Schule für Übermenschen“ für den „besten Roman“ nominiert, 1983 erneut mit „Tod eines Unsterblichen“. 1985 gewann er in dieser Kategorie mit „Die Kälte des Weltraums“, um 1986 ein Back-to-back mit „Endzeit“ folgen zu lassen. Nach langer Pause folgte 2005 eine weitere Nominierung mit „Sphinx_2“. Mit inzwischen schon 80 Jahren räumte HWF 2007 mit „Auf der Spur des Engels“ ab und zeigte den jungen Hüpfern mal, wie man zeitenumspannend gute SF fabulieren kann.

Aber auch in Sachen „beste Kurzgeschichte“ mischte HWF mit: : 1984 on top mit „Atem der Sonne“. Das mag verwundern, dass es bei dieser einen Nominierung geblieben ist, er gar keinmal obsiegte. Denn gerade als Kurzgeschichten- und vergleichsweise weniger als Romanautor ist er bekannt und berühmt geworden. Die Kunst der Verdichtung selbst noch einer Kurzgeschichte auf eine „Ultrakurzgeschichte“ war sein Markenkern. Eine Art narrative Singularisierung, wenn man so will – wenigstens aber doch ein erzählerischer Neutronenstern, in dem sich geballt Erzählungsmasse wiederfand und von dem aus Erzählungsstrahlung ausging, die ankam!

Einher ging aka schrieb er das mit einem sehr sachlichen, nahezu kalten, distanzierten Schreibstil, der dieses SCIENCE in Science Fiction ernstnahm und fast schon überbetonte. Damit erinnert er mich aber an vielen Stellen an Lem, der um einige Jahre Frankes Schreiben vorausging, aber auch an die Brüder Strugatzki, die zumindest phasenweise ebenso formulierten.
Doch wesentliche Beiträge sind vor der KLP-Zeit entstanden. Begonnen hat es über 20 Jahre zuvor, 1960, mit dem vielleicht berühmtesten Band, der Kurzgeschichtensammlung „Der grüne Komet“. 1972 folgten „Einsteins Erben“, Fünf Jahre darauf „Zarathustra kehrt zurück“. Hiervon konnte per se nichts preiswürdig berücksichtigt werden. Wieso „Paradies 3000“ aus dem Jahre 1981, dem Startjahr des KL-Preises, außen vor blieb, weiß ich nicht. Eventuell zu spät im Jahr erschienen. Allerdings ist in der Übersicht zur Kurzgeschichten-Kategorie bei Wikipedia je nur der Sieger genannt, nicht die ggf. mehreren Nominierten. Vergleichbar auch in Sachen Romane, wo er ebenfalls reichlich vor der Zeit des Preises veröffentlicht hatte, nämlich deren acht!

Werkausgabe

Bei P.Machinery erscheint die Werkausgabe aller Herbert W. Franke-SF-Texte, die auf 31 (genauer gesagt: 28+X) Ausgaben angelegt ist. Davon sind bei weitem noch nicht alle erschienen – 15+3 bisher, das Gros wird also posthum neuveröffentlicht. Alle bisherigen Ausgaben sind um Texte des Autors selber und langjähriger Weggefährten ergänzt und betten so die bis 1960 zurückreichenden Geschichten ein, geben ihnen nach teils vielen Jahrzehnten hilfreichen Kontext. 2020 erschien bspw. Band 13 der 31-bändigen Werkausgabe mit eben jenem Roman, mit dem er preiswürdig durchstartete: „Schule für Übermenschen“.

Auch erhältlich, als Nummer Eins der Reihe, ist „Der grüne Komet“, mit dem alles begann, der seither seine Bahn durch den SF-Kosmos zieht. Unbedingt zu empfehlen als ergänzende Lektüre ist das 80-seitige Büchlein „60 Jahre Grüner Komet“, der dem Titel nach – mit dem Autor höchst selbst als Interviewpartner – diese Zeitstrecke zurückblickt, die um mehr als ein Drittel länger ist, als ich alt bin. Frei nach dem Motto also: Wer „Der grüne Komet“ liest, liest auch“60 Jahre Grüner Komet“! Ein sich zirkulär verstärkendes Muss:-)

Covergestalter ist durchweg Thomas Franke, den ich zunächst als H: W.‘ Sohn vermutete, der aber nur zufällig, dann aber doch auch schicksalhaft den Nachnamen teilt. In seinem Nachruf „Traurige Worte“ erzählt er, wie er aus der DDR floh und zunächst bei H. W. unterkam, der ihn mit seiner Art und durch seine Hilfe prägte und ihm bis zu seinem Tod bei jeder Grafik zu der Werkausgabe als stiller Beobachter mit Rat über die Schulter geblickt habe. Das werde ihm nun fehlen, so Thomas Franke eindrücklich.

Ein Video-Interview

Um sich nicht nur ein Bild, sondern auch einen Ton von Herbert W. Franke machen zu können, sei auf’s Alpha Forum verwiesen, wo er als „Physiker und Science-Fiction-Schriftsteller“ anregend von seinen besagt vielen Interessen in fast 44Minuten spricht. Besonders stolz ist er meinen Ohren nach darüber, nicht nur Höhlen besucht und erkundet, sondern auch wichtige Beiträge bei deren Erforschung geleistet zu haben. Abrufbar als MP4 auch via mediathekviewweb.de.

Hörspiele

Von den zwölf bei Wikipedia gelisteten Hörspielen, die beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk auf seine Vorlagen hin erschienen sind, gibt es ihm zum Gedenken bei BR2 zur Zeit zwei davon anzuhören und als MP3 herunterzuladen:

  • „Papa Joe & Co.“ – Sci-Fi-Klassiker zum Tod von Herbert W. Franke: „Science-Fiction · Papa Joe, beliebter Diktator von Neu-Amerika, versorgt seine Untertanen mit ‚Brot und Spielen‘ und spricht persönlich zu ihnen ? als Stimme in ihrem Kopf. Hinter ihm steht eine Clique von Machthabern. Der europäische Diplomat Boris van Feldern möchte sich über Gefahren und Nutzen des Systems informieren, kann sich aber schon bald der Anziehungskraft des Diktators nicht entziehen. // Mit Hansjörg Felmy, Uwe Friedrichsen, Reinhard Glemnitz, Judy Winter, Wolfgang Büttner, Peter Fricke, Ilse Neubauer u.a. / Regie: Heiner Schmidt / BR 1976“ Direkter Link zur MP3
  • „Signale aus dem Dunkelfeld“ – Sci-Fi-Klassiker zum Tod von Herbert W. Franke: „Science-Fiction · Ein Forschungsteam auf dem Mond antwortet nicht mehr. Die Welt spekuliert über das Schicksal der Forschungsstation. Die bruchstückhaften Tonbandprotokolle des Forscherteams werfen mehr Fragen als Antworten auf. Darauf stellen nichtmenschliche Stimmen dem Team offenbar ein Ultimatum. // Mit Bodo Primus, Eric P. Casper, Jürgen von Pawelsz, Andrea Rosenberg, Christoph Jablonka u.a. / Regie: Dieter Hasselblatt / BR/SDR 1980“ Direkter Link zur MP3

Vor allem letzteres Hörspiel hat mich in vielem an Lems „Mondnacht“ erinnert. Da wie dort spielt die Kernhandlung, die beim Franke-Hörspiel zweifach umrahmt wird, auf dem Mond. Die bei Lem zwei männlichen, bei Franke dito plus eine weibliche AstronautInnen sind während der „Mondnacht“, wenn die Erde hinter dem Horizont der Mondstation verschwindet und kein Funkkontakt mehr möglich ist, auf sich allein gestellt. Es endet jeweils im Streit und Handgemenge. Als „dritte Partei“ spielt bei Lem „Monder, der Mondcomputer“ mit und spricht auch genauso, wie Computer damals zu klingen hatten; bei Franke kommen die besagten „Signale aus dem Dunkelfeld“ – eine Stimme, die Monder erstaunlich ähnlich klingt:-) Ob es sich um Aliens handelt? Was sie wollen? Was sie antreibt? Ob sie drohen und wenn ja, womit? Hören!

Und schlussendlich bleibt wiedermal einem Großen der SF zu wünschen, dass er gleich ägyptischen Gottpharaonen aufsteigt den Himmel, nur dieser die Grenze ist …

AD ASTRA HERBERT WERNER FRANKE – IN MEMORIAM

Bloomsday – Odyssee eines Tages

Hallo Mitwelt!

Es gibt ja die Sentenz „Ich habe nichts gegen Musik, aber ich höre Rap“. Die möchte ich aufgreifen und abwandeln zu: „Ich habe nichts gegen Literatur, aber ich lese Science Fiction“! Fantasy auch noch, wie zu ergänzen ist, auch wenn diese hier im Blog noch sehr stiefmütterlich vernachlässigt worden ist. So oder so, beide Genres gelten nicht als, schon gar nicht Hochliteratur, anerkannte Weltliteratur. Außer so einen Kanon stellt Denis Scheck zusammen, der hierbei keinerlei Berührungsängste hat, damit meiner Wahrnehmung aber ziemlich alleine ist oder zumindest allzu lange einsam geblieben ist. Aber um beide Genres geht es diesmal nicht, denn ich kann vom wagemutigen Sprung in diese „Literatur“ berichten. Zugegeben wie so oft vermittelt durch ein taugliches Brückenmedium, das mir die windumtoste Hängebrücke ins Land der Literatur erst gelegt hat. Dieses Land der Dichter und Denker, gekonnten Schreiberlinge, die in wohlformulierter verbaler Präzision pointiert oder in ausufernder Anschaulichkeit ausführlich Worte auf (e)Papier bannen und so vom „Menschlichen, allzu Menschlichen“ tiefengründig erzählen.

Ein Meister dieser Zunft der Literaten (und Literatinnen!) soll, so hörte ich es flüstern, James Joyce sein, der mit einem Werk überragt, herausragt, berghoch weitsichtig auftürmt wie ein felskrönender Leuchtturm: ULYSSES! Davon anerkennend Raunen hatte ich es schon gehört, wusste trotzdem mit den in die Runde geworfenen Schlagworten nichts anzufangen. Aliterarische Sozialisation… Denn neben aller Meisterlichkeit hieß es dann auch stets auf dem Fuße folgend, es sei auch so unglaublich anspruchsvoll zu lesen, wortreich verdichtet zu einem zwischen zwei Deckeln gebannten Weißen zwerg der Narration. Er – James Augustine Aloysius Joyce, so viel Zeit muss sein – wart am 02. Februar 1882 geboren, also zehn Jahre vor hier immerhin einmal gewürdigten J.R.R. Somit Kind des ausgehenden viktorianischen Zeitalters, dem sich Joyce aber hörbar weniger verpflichtet sah als Tolkien. Denn dieser stand – wie es ein Fachmann wie Helmut W. Pesch klar zu benennen weiß – insbesondere mit dem Herrn der Ringe und zuvor kindgerecht verpackt auch mit dem Hobbit in der Erzähltradition des viktorianischen Reiseromans. Joyce seinerseits steht Pate für die literarische Moderne aka moderne Literatur, die sich gerade auf die Fahnen geschrieben hat, mit den bis in die Antike echolotend zurückreichenden Traditionen zu brechen und eingedenk der industrialisierungsgetriebenen soziokulturellen Umbrüche wortfinderisch neue Pfade einzuschlagen. Nicht nur Ulysses sei „ein Stil eigen, der auf jeweils spezifische Art und Weise die Zersplitterung von Erfahrungswelten reflektiert und nach neuen Formen des Ausdrucks suche.“ (zit. n. Wikipedia)

Foreshadowing eines Tagesausflugs

Aber wie konnte dann selbst so ein Literaturbanause wie meiner einer die ‚richtige‘ Abzweigung auf dem Pfad der Literatur doch noch nehmen, um im Haus solcherart Literatur einzukehren? Einer, der Lem für vielbedenkenswert hält und selbst Asimov für lesenswert, obgleich dieser doch nahezu nur in Dialogen schreibt? So einer ist doch längst wie das Kind mit dem Bade verschütt gegangen… Manchmal, aber nur manchmal überkommt mich dann doch der Hauch des Literarischen, wenn ich nämlich mit großer Aufmerksamkeit und stetem Interesse das SWR2 Forum auch zu diesen Themen höre: sonst zunächst Forum für aktuell(er)e Wandlungen des Weltgeschehens inklusive manch Zeitenwende verhandeln Moderator*in und stets drei GästInnen vielfach ebenso Themen der Literatur. Für mich auf tauglich geeicht durch eine Sendung 2019 zu 50 Jahre Der Herr der Ringe auf Deutsch (wiederholt 2021), war zum Ulysses schon am 01.02. eine Sendung ausgestrahlt und online gegangen. Darauf ließ ich mich nur zu bereitwillig ein, das Format hatte schließlich bewiesen, über Literatur und ihre Autor*innen profund und anregend diskutieren zu können. Anlass war „100 Jahre Ulysses“, da das Werk 1922 als Buch veröffentlicht wurde, dessen 18 Kapitel zuvor bereits als fortlaufender Roman in Zeitschriften Kreise gezogen hatte. Und so habe ich wahrlich und frei eingestanden erst an diesem Tage erhört, was diesen Roman ausmacht, welche Wirkgeschichte er genommen hat, was den Zugang zur Lektüre allerdings auch für Unvorbereitete erschwert. Dass diese Sendung de facto ein Foreshadowing war, ahnte ich da noch nicht. Bevor wir zu dem kommen, was da lange Schatten warf, noch zu einen zweiten Beitrag, der jüngst am 09.06. beim SWR2 lesenswert Magazin zu hören war und online noch ist: fünf Fragen zum 100. Geburtstag des Ulysses. Was den Roman ausmacht, wie er konstruiert ist, welches größte Vorbild er sich nimmt, aber auch was der Roman schon verhandelt hat und uns daher heute noch sagen kann. Als „Schnelleinstieg“ in die Materie sehr tauglich.

Ich schrieb, dass Joyce einer der Literaten für eine literarische Moderne sei und sich dafür schreibtechnisch wie inhaltlich experimentell Neuem bediente, das prototypisch schon hier und da zu lesen gewesen sein mag, im Ulysses aber seine veredelte Verdichtung findet. Durchweg neu ist der Stoff, aus dem er schöpft, hingegen nicht. Konstruktiv genau genommen so überhaupt nicht. Mit Ulysses verweist nicht nur der Titel auf die eine Odyssee Homers (schlicht englische Bezeichnung), die 10-jährige Irrfahrt des alten Zausels Odysseus, der nach Ende des ebenfalls 10-jährigen Trojanischen Krieges doch nur zurück in seine Heimat Ithaka will. Geradlinig zielführend verläuft die journey to home allerdings nicht, göttliche Kräfte werfen ihn stets aufs Neue zurück, um zum Teil Jahre an Orten weit der Heimat festzusitzen. An eben diesen zweiten großen Text der europäischen Literatur schließt Joyce an und lässt statt Odysseus seine Hauptfigur Leopold Bloom in Dublin seine Odyssee eines Alltags durchlaufen.

Und wie die Homerische Odyssee nicht, wie es verkürzte Erzählungen Glauben machen, nur von Odysseus episch erzählt, geht es auch in Ulysses mitnichten nur um die Alltagsreise des Mister Bloom – so sehr auch diese das Ganze überstrahlt und prägt. Voraus gehen drei Kapitel, die an die Rahmenhandlung der Odyssee gemahnen, wie sie im Troja Alert in Vorabfolge ZWEIUNDVIERZIG zur Odyssee in ihrer Funktion und Bedeutung besprochen wurde. Das Epos beginnt, wohin es Odysseus zieht, nämlich in seiner Heimat, wo wir über beharrlich treubleibende Ehefrau Penelope und beider Sohn Telemachos erfahren. Im Ulysses ist, so viel Spoiler darf sein, die Ehefrau Blooms untreu und mit Stephen Dedalus ist die zweitwichtigste Figur auch nicht Blooms Sohnemann. Dennoch ist diese „Telemachie“, wie der ‚Prolog‘ des ersten Teils bei Homer genannt wird, bedeutend fürs Kommende, die eigentliche – zwölf Kapitel umfassende – „Odyssee“ des Mittel- und Hauptteils. Zuletzt endet es mit den drei kapiteln des „Nostos“, der Heimkehr.

Auch verweisen die Kapitelnamen auf antike Stoffe bzw. Gestalten. Die partout nicht zu kennen oder nur so vage, dass man deren Essenz nicht kennt, wäre einer der Punkte, die den Zugang zum Sinn der unkonventionellen Handlung arg versperren dürften. So nimmt in Kapitel 1 „Telemachos“ Stephen Dedalus die Rolle des Sohnes ein, um sich in Kapitel 2 „Nestor“ gleich dem Odysseischen Vorbild von einem alten Ratgeber letztlich nur untaugliche Beredseligkeit anhören zu müssen, die zu nichts führt. Kapitel 3 „Proteus“ verweist auf den verwandlungsfreudigen Meeresgott gleichen Namens, der sich hier als Hund am Strand in Stephens wüster Fantasie verformt. Und so weiter. Es lohnt sich, hierfür wissende Wiki begleitend zur Hand zu haben, um die antiken Widerhalle hören und verstehen zu können. Sonst, so mein Eindruck, wird es doch recht chaotisch, bleibt doch sehr unkonventionell unromanhaft und scheint außer fortschreitender Tageszeit keinen roten Faden zu haben.

Aus Text wird Ton

Nun zum Kern des Beitrags: dem 18-teiligen Hörspiel des SWR, das schon zum 90. Jubiläum des Ulysses 2012 herausgebracht worden ist, nun nur zu passend wiederholt wird: „Vor 100 Jahren ist der „Ulysses“ von James Joyce erschienen. SWR2 wiederholt aus diesem Anlass seine vielfach gerühmte gut 23-stündige Hörspielfassung in 18 Teilen. Das Meisterwerk der klassischen Moderne läutet eine Zeitenwende in der Romanliteratur ein: In 18 Kapiteln wird aus verschiedenen Perspektiven und über zahlreiche Stilregister ein Tag in Dublin erzählt.“ (zit. aus der Internetpräsentation)

Je Kapitel des Buches gibt es eine Hörspielfolge, benannt nach obigem Muster nach antiken Haudegen, die symbolträchtig den Inhaltskern der jeweiligen Episode pointieren. Online anklickbar ist ein digitales Booklet, das gut möglich damaligem Hörspiel beigefügt war. Hier finden sich – unbedingt durchzulesen – kapitelweise Zusammenfassungen der Handlung, der mit diesem kompakten Wissen m.E. echt besser zu folgen ist. Übersichtlich aufgelistet sind alle Sprecher*innen, darunter nur zu namhafte Größen der Szene. Da sollte jede*r, wer nicht gerade erst geboren ist, prägende Stimmen wiederfinden. Interessant: für mich klang Stephen Dedalus (Jens Harzer) anfangs verdächtig nach „2. Detektiv Peter Shaw“, auch firmierend unter den Decknamen Jens Wawrczeck, der sehr ähnlich klingen und tönen kann, es dennoch nicht ist. Dietmar Bär, den ich am Intensivsten durch die Millennium-Trilogie Stieg Larssons her kenne, ist niemand geringeres als Leopold Bloom höchst persönlich. Und auch Arthur Dent (unwahrscheinlich, aber soll auch Felix von Manteufel gerufen werden, der auch der Professor der Narnia-Hörspiele ist) ist mit von der Partie:))

Insgesamt dreiundzwanzig Stunden, was somit auch diesbezüglich ziemlich genau – und nur zu passend – der Eintagodyssee Blooms entspricht. Ich hatte beinahe vier Monate nach gelinktem SWR2 Forum die ersten drei Hörspiele verschlungen, um in manch Irritation gestürzt zu werden. Nicht nur, dass es keine altbekannten Handlungsbögen zwischen den Folgen – bisher wenigstens – gibt, nein, auch innerhalb einer Folge wird die Handlung nicht nach altgedienten Spannungselementen entwickelt und vorangetrieben. Hinzu dann meine Irritation, dass dieser Bloom fehlt, keinmal auch nur erwähnt wird, während der Tag von Dedalus doch schon nennenswert voranschreitet. Bedenke Bloom. Und auch wenn ich noch längst nicht zu Ende gehört habe, wollte ich auf dieses Hörspiel, an diesem Tag bereits aufmerksam machen. Auf weitere Beobachtungen komme ich dann bei Zeiten zurück.

Und dieser Bloomsday?

Dieser Bloomsday ist heute – am 16.06. dieses Jahres, just deshalb heute auch die finale Folge 18 PENELOPE online gegangen ist. Denn die Handlung von Ulysses spielt eben an diesem Tag, dem 16.06. des Jahres 1904, auch wenn wir – die Buchveröffentlichung zählt – davon erst seit 1922 wissen. Und am Tag des Leopold Bloom, am „Day of Bloom“, am Bloomsday lohnt es sich, des Ulysses zu gedenken und je nach Zeit sich doch wenigstens ein Kapitel / eine Hörspielfolge lang seinen irrwegigen Pfaden durch einen Dubliner Tag anzuschließen und ihn zu begleiten.

Weiteres, was mich an alledem eigentlich anspricht und derlei, in Bälde

Hörspiel Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer

Hallo Mitwelt!

Nach längerer diesbezüglicher Pause, nachdem wir auf der SRS Impala das Sonnensystem lehrreich und gelehrig durchreist haben, kehren wir wiedermal zu einem Kinderhörspiel zurück. Man muss schließlich auf dem Laufenden sein und bleiben! Und diesmal wird ein Klassiker par excellence vertont bzw. ist es schon vor dreizehn Jahren: JIM KNOPF UND LUKAS DER LOKOMOTIVFÜHRER!

Hörspiel meiner Kindheit, das ich im Falle dieser Geschichte auch sehr lange ausschließlich gehört hatte, ohne die Vorlage des Kinderbuches ergänzend zu lesen. So erging es aber allen Michael Ende-Geschichten – die Hörspiele waren für mich prägend. Was mich allerdings irritiert: laut Wiki gibt es zwar eine ganze Reihe bis heute anhaltender medialer Interpretationen des Kinderbuchstoffes, aber zwischen all den Verfilmungen in schwarzweiß, Farbe, als Zeichentrick- oder Realfilm, Aufführungen im Theater, als Musical oder gar Oper usw. usf. – Hörspiele werden nicht erwähnt O_o Wie kann das sein? Denn das, was ich folgend linke, ist von 2009. Und das, was ich einst hörte, muss … alt sein….

Die sechs Folgen

  • Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer (1/6): Aufbruch: „Jim Knopf wächst auf der winzigen Insel Lummerland auf. Doch weil die Insel zu klein wird für fünf Einwohner und eine Lokomotive, brechen Jim und sein Freund Lukas mit Lokomotive Emma auf ins Unbekannte.“
  • Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer (2/6): In Mandala
    : „Nach einer aufregenden Fahrt über das Meer erreichen Lukas und Jim Knopf Mandala. Bei dem Versuch, zum Kaiser zu gelangen, geraten sie in die Gewalt der Bonzen, die diese Begegnung mit allen Mitteln verhindern wollen.“
  • Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer (3/6): In der Wüste
    : „Lukas und Jim Knopf erfahren, dass Li Si, die Tochter des Kaisers von Mandala, in der Drachenstadt gefangen gehalten wird. Unerschrocken machen sie sich auf den Weg, die Prinzessin zu befreien.“
  • Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer (4/6): Die Drachenstadt: „Die Freunde haben sich in der Wüste von Fata Morganas in die Irre leiten lassen. Entmutigt stellen sie fest, dass sie die ganze Zeit im Kreis gefahren sind. Schon segeln die Geier über ihnen und plötzlich sehen sie am Horizont einen wirklich riesenhaften Riesen.“
  • Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer (5/6): Kummerland
    : „Mit Hilfe des freundlichen Scheinriesen Herrn Tur Tur haben die Freunde aus der Wüste herausgefunden. Und Nepomuk, der Halbdrache aus dem Land der Tausend Vulkane, bringt die beiden bis zum Eingang der Drachenstadt. Jetzt wird es erst richtig gefährlich.“
  • Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer (6/6): Neu-Lummerland
    : „Der böse Drache, Frau Mahlzahn, ist besiegt, Prinzessin Li Si und andere Kinder sind aus ihrer Gewalt befreit. Den gefesselten Drachen im Schlepptau gelangen sie alle zusammen über den gelben Fluss zurück nach Mandala. Doch wie soll es nun weitergehen, für Jim Knopf und seinen Freund Lukas?“

Die Schaffenden

Das Hörspiel ist ab 6 Jahren anempfohlen, was vermutlich auch gut passt. Es ist definitiv eine kinderfreundliche Dramatisierung und vor allem Sprechweise. Selbst die garstigsten der Figuren – die Bonzen bzw. der eine Oberbonze sowie die Drachen wie vor allem keifend zischende Frau Mahlzahn – klingen – in gealterten Ohren – nie böse. Das schlicht auch, weil die Leute – selbst die Alten – ziemlich jung und dynamisch tönen. Welches alte Hörspiel ich da auch immer prägend im Kopf habe, mir war insbesondere Lukas ziemlich alt vorgekommen. Kann freilich sein, dass für mich lütten Steppkes alle Stimmen jenseits des Erwachsenseins wie greis geklungen haben :-P;-) Dieser Lukas ist hingegen noch reichlich jung und hat eine glatte Stimme, obwohl er raucht wie ein Schlot und sich ständig bis zur Unkenntlichkeit einrußt. Eigentlich ein Kandidat für eine Staublunge – nicht aber in Lummerland, wo dank guter Meerluft noch jede Lunge freigepustet wurde:-)

Weitere Angaben:

  • Von Michael Ende
  • Bearbeitung: Ulla Illerhaus
  • Komposition: Mike Herting
  • Technische Realisation: Günther Kasper
  • Regie: Petra Feldhoff
  • Dramaturgie: Ulla Illerhaus
  • Produktion: WDR 2009/6 Teile/40 bis 45 Minuten je Teil
  • Sprecher*innen: Ulrich Noethen (Erzähler), Dante Selke (Jim Knopf) Jörg Schüttauf (Lukas der Lokomotivführer) u.v.a., diese großteils im Abspann zu Folge 6 genannt werden!

Hier zur Übersicht zu allen Folgen, die sicher und definitiv bis zum 22.08.2022 abrufbar sind, wie es unter jeder Einzelfolge heißt; eventuell sogar bis zum 22.08.2023, wie es bei der Übersicht lautet. Der Einfachheit halber einfach sofort hinklicken und sichern! Es lohnt sich unbedingt

Wenige Beobachtungen

Wie jung mir der neue Lukas vorkommt, gab ich zu Protokoll. Dafür, das Jim Knopf die Hauptperson sein soll, deshalb ja auch als erste genannt wird, finde ich Lukas aber erwachsen dominant. Der kleine Jim – „alter Knabe“ von Lukas genannt – ist von ganz wenigen Ausnahmen in meinen Ohren arg reaktiv, folgt den – guten – Vorschlägen von Lukas, die dieser nicht zu wenige hat. Lukas kennt sich aus, hat das Gros der Ideen, wie man Probleme lösen kann und sollte; zeigt sich gegenüber den Scheinriesen Tur Tur als mutig und von gutem Herzen, nur deshalb sie nicht vor dem gebirgshohen Ungeheuer weglaufen. Lukas macht, sagt an, schlägt vor, initiiert.

Natürlich hat Jim seine Auftritte und ist mehrfach unabdingbar fürs Gelingen. So kann bspw. nur er in den Wassertank der guten alten Emma abtauchen, um eine Schraube zu lösen. Auch wenn Lukas selber nicht allzu groß ist, wäre er für diese Aktion nicht geeignet gewesen und ohne Jim wäre er zu dem Zeitpunkt ‚gestrandet‘.

Spontan am Eindrucksvollsten für mich war Herr Tur Tur, Scheinriese von Geburt an, dadurch ewig im Social Distancing. Niemand will sich ihm nähern, so gewaltig riesig er aus der Ferne erscheint, dass sich niemand je rangetraut hat. Nach dem Motto: wer schon aus der Ferne so schrecklich ausschaut, kann ja nur zu meiden sein. Dabei verhält es sich ganz anders, andersherum nämlich. Und das steht für mich eindrücklich dafür, wie Menschen und ganze Bevölkerungen aus der Ferne gestempelt werden, negativ nämlich, da es von fern so riesig schrecklich erscheint. Doch wer sich dennoch nähern würde, wer dennoch den Kontakt wagt, erfährt, dass alle bloß Menschen und letztlich gleichgroß sind. Entweder idealisiert man aus der Ferne hemmungslos, weil man die kleinen Makel des Alltags nicht mitbekommt und daher alles nur zu schön wirkt. Oder man verteufelt in gleichem Maße, weil man die eine Sache, deren man gewahr wird, für sich als negativ erkennt und hiervon teufelhörnig aufs Ganze – die Menschen oder Ethnien – schließt. Da steckt sehr, sehr viel drin!

Sehr viel, das ich jetzt nicht weiter ausdeute, das Wort hierfür vielmehr an die beiden vom Spoiler Alert übergebe, die in Folge 35 eine literarische Tiefenanalyse wagten: „In der 35. Folge bespreche ich mit Daniel die Jim-Knopf-Bücher von Michael Ende, die mehr darstellen als ein modernes Märchen. Gewissermaßen ein „modernes“ modernes Märchen. In der Besprechung stellt es sich dann obendrein als ein adurch und durch politisches Buch heraus. Aber hört selbst! Viel Spaß!“ Meine Worte: Hören, (nostalgisch) genießen!