Freiheitsgeld am Fontanelli-Tag

Hallo Mitwelt!

Pünktlich* zum Fontanelli-Tag, den wir zum 28. (streng genommen: 22.) Mal begehen, gibt es frohe Kunde, kommt eine Zukunftsvision über uns – das im mehrfachen Sinne:-)

Auf seiner Homepage hat er es selber kundgetan und bspw. auch sf-fan.de hat berichtet: Am 26.08.2022 wird der nächste Andreas Eschbach Roman erscheinen, der den Titel trägt: „Freiheitsgeld“! In den Worten des Autors ist die Kernidee diese:

Stellen Sie sich vor, Sie würden Ihren Beruf nicht deswegen ausüben, weil Sie irgendwie ja Ihren Lebensunterhalt damit verdienen müssen, sondern, weil Sie die Tätigkeit, der Sie nachgehen, sinnvoll und befriedigend finden. Während Sie das Geld, das Sie zum Leben brauchen, allmonatlich vom Staat überwiesenbekommen, einfach so, egal, ob Sie einer Arbeit nachgehen oder nicht. … Klingt paradiesisch? Nun, aber wie das so ist mit Paradiesen – auch in diesem lauert die eine oder andere Schlange … Andreas Eschbach

Des Erzählers Kern ist das bedingungslose Grundeinkommen, das hier explizit „Freiheitsgeld“ heißen soll, da dieses Geld zur Freiheit verhilft, tun zu können, wonach man nach freien Stücken Lust, Muße und Interesse hat, um das eigene Leben auszugestalten. Diesseits der Realität gibt es nur Ambitionen hierzu, wissenschaftlich begleitete Projekte geringen Umfangs, Initiativen wie Mein-Grundeinkommen.de. In „Freiheitsgeld“ ist es zur Realisierung dieser befreienden Idee gekommen. In der Vorschau heißt es genauer dazu:

Europa in der Zukunft. Roboter erledigen die meisten Arbeiten, während ein bedingungsloses Grundeinkommen, das sogenannte »Freiheitsgeld«, dafür sorgt, dass jeder ein menschenwürdiges Leben führen kann, egal, ob er einer Erwerbstätigkeit nachgeht oder nicht. Die Menschen leben größtenteils in Städten; große Gebiete sind zum Schutz des Klimas aufgeforstet worden und als neue Reservate ausgewiesen, zu denen niemand Zugang hat, damit die Natur sich darin ungestört erholen kann.
Kurz vor dem 30. Jahrestag des »Freiheitsgeldes« stirbt eben jener Altpolitiker, der es damals, nach der Großen Krise, eingeführt hat. Gleichzeitig wird der Journalist tot aufgefunden, der einst als sein größter Gegenspieler galt.
Ahmad Müller, ein junger Polizist, ist in die Ermittlungen um diese Todesfälle involviert – und sieht sich konfrontiert mit übermächtigen Kräften, die im Geheimen operieren und vor nichts zurückschrecken, um eine Aufklärung der Hintergründe zu vereiteln …
Klappentext

Damit setzt Eschbach fort, wozu er schon vielfach geschrieben hat, nämlich irdische, allzu irdische Themen und Probleme als Roman zu verhandeln. Anerkannt als Science Fiction-Autor, der vermutlich eigene Räumlichkeiten allein für all die Kurd-Laßwitz-Preise unterhalten muss;-), geht es aber nicht nur SF typisch in unendliche Weiten hinaus. Zum Teil schade, wenn die „Quest“ vorbei sein und es wahrlich keine „Haarteppichknüpfer“ mehr geben sollte – Space Opera at its best! Doch Eschbach kann auch New Future Fiction, die wie jetzt „Freiheitsgeld“ in erlebbarer Zukunft spielt, genauso wie Social Fiction, wozu ich „Todesengel“ ebenso wie „Teufelsgold“ zähle. Die können auch mal in der jüngsten Vergangenheit beginnen wie besagtes „Teufelsgold“ (noch in den 1990er Jahren – richtig oldschool), um sich dann in eine Anderswelt hinein zu erzählen. Und während ein Marc Elsberg vergleichbare Settings auftut, hier aber den Fokus stets auf die technischen Möglichkeiten und Gefahren legt, die von Figuren ausgehandelt werden, ist es bei Eschbach meiner Lesart nach umgekehrt: an den fokussierten Individuen, erzählten individuellen Biografien entfalten sich die ambivalenten Möglichkeitsräume verheißender Technik oder – wie bei „Teufelsgold“ – fantastischer Alchemie. Was wäre wenn-Szenarien entlang i.a.R. wenigster Hauptpersonen erzählt.

Und nun wendet er sich – ERNEUT! – dem Geld zu. Geld regiert die Welt, ist in ihr fundamental, basal für eine (…)kapitalistische Gesellschaft. In – nun letztmals erwähnten – „Teufelsgold“ war für den Protagonisten Reichtum Indikator für ein erfülltes Leben, dem er karrierenotgeil hinterher hastete, gefangen und eingepfercht im perpetomobilen Hamsterrad der Hedonistischen Tretmühle ziellosen Glücksgieren. Da erscheint jedwede Alchemie auf einmal nützliches Mittel zum Zweck…

Doch gibt es da ein – hoffentlich nicht vergessenes – Buch Eschbachs, das als thematischer Ahn vor auch schon stolzen 21 Jahren erschienen ist: „Eine Billion Dollar“ Eins ehr beeindruckender Wälzer, in dem John Salvatore Fontanelli, italienstämmiger US-Amerikaner ohne die Perspektive „vom Tellerwäscher zum Millionär“ urplötzlich unverhofft erbt. Aber keine Kleckerbeträge wie wir es würden, sondern die titelgebende Eine Billion Dollar! Und die Geschichte ist ein nur zu lesenswerter Trip in den Maschinenraum der irgendwie alchemistischen Geldwerdung und -mehrung. Denn John will das Geld nutzen, sinnvoll nutzen, weiß nur nicht wie, auf welche Weise, für wen und wem gegenüber denn. Wir lernen leseflüssig viel über die labyrinthischen Verschachtelungen des Geldkreislaufes, wer da von wem profitiert und hierfür wen wie sehr ausnutzt und arbeiten lässt. Das Geld noch nie je selber gearbeitet hat und sich magisch aus dem Nichts auch nicht vermehrt oder gar wertiger wird, sondern immer Menschen involviert sind. Preisbillig als moderne SklavenWie viele Sklaven hältst du? Und diese Einsichten in die geldgemachte Welt muss John machen, dem wir als Lesende heimlich beiwohnen und die Erschütterungen seiner Weltsicht gnadenlos mitmachen. Und am 23.04. (1995) war der Tag als Startschuss zu alledem, als John geerbt hat. Eben besagter Fontanelli-Tag.

Könnte mir vorstellen, dass es in „Freiheitsgeld“ eine Anspielung hierhin geben wird, wäre nur zu passend. Davon ab spielt es weit mehr als eine Generation in der Zukunft dieser Handlung. Und es setzt neben dem grundierenden Freiheitsgeld als bedingungsloses Grundeinkommen noch weitere Axiome: in dieser relativnahen Zukunft haben, so der Klappentext, Roboter die alltäglichen Fleißarbeiten der Menschen übernommen, sind ihrer Grundbedeutung nach also zu den Arbeitern geworden, die sklavisch ausführen, wofür sich Mensch die Hände nicht mehr schmutzig machen mag. Das wäre an und für sich eine Erzählung in sich, ob und wie man mit – gegebenenfalls künstlich intelligenten – Robotern wiederum umzugehen hätte. Wenn sie zu unseren Menschen werden, als geliebte Roboter die Lebenswelt bevölkern… Hoffentlich fokussiert Eschbach hier und macht nicht zu viele – mögliche – Fässer auf, an denen man sich nur verschlucken könnte. In jedem Fall geht er science fictional über die soziale Sprunginnovation hinaus und entfaltet eine hinkünftige Welt, wie sie denkbar ist, aber noch nicht gegenwärtig. Ich bin nur zu interessiert und weiß, was ich am 26.08. tun werde!!!

Bis dahin kann ich zur Ertüchtigung des Kommenden nur aus der WDR5-Reihe Tiefenblick den Vierteiler Neues Geld – Banken, Kryptos und Gesellschaft empfehlen, der gründlich und beispielhaft nachgeht, woher das Geld kommt, was es bewirkt und wie man es besser machen könnte, wenn man nur wollte. Oder bei DLF Zeitfragen Antworten dazu, ob man mit nachhaltigen Geldanlagen die Welt „retten“ kann – selbst wenn man nicht eine Billion Dollar zur Hand hat. Oder – DLF Hintergrund – ob uns nur Self-Service bleibt, der uns zum „(mit)arbeitenden Kunden“ und somit zum Koproduzenten macht, derweil wir noch nur besinnungslos konsumieren wollen, aber zum Prosumenten werden.

*Zugegeben: Andreas Eschbach hat sein Buch schon am 21.04. und sf-fan.de gestern am 22.04. angekündigt. Aber nichts für ungut, das ist ein stillos schlechtes Timing, wenn man es doch auf den Fontanelli-Tag legen kann!

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ATLANTIS 02 – Festung Arkonis

Hallo Mitwelt!

Jetzt sogar erst nach Toresschluss und Erscheinen des nächsten, schon dritten Romans erfolgt mein Blick auf Heftroman 02 Festung Arkonis. Mein Timing muss besser werden. Ich habe mit meinem Lebensstil ein Problem! Ohne großes Palaver vorneweg gleich in die Handlung, um Apperzeptionen folgen zu lassen.

Inhaltsverzeichnis

Die Handlung


Lucy Guth: „Festung Arkonis – In der Vergangenheit gestrandet – sie werden von einer Arkonidin gejagt“. Mit den Worten des Herrn der Erzählquellen

Atlantis ist auf jeden Fall mehr als nur eine historische Geschichte – Perry Rhodan muss sich mit einem Wissenschaftler und seinen Robotern sowie anderen Gefahren auseinandersetzen. Zusammen mit Sichu Dorksteiger und Caysey, einer jungen Frau aus einem der atlantischen Stämme, versucht er, am Leben zu bleiben und Informationen zu sammeln. Weil er ja irgendwann in seine eigene Zeit zurückkehren möchte …KNF bei sich im Blog

Das Trio atlantis gelangt bis zum „Stählernen Haus“, der abseitig gelegenen Forschungsstation von arkonidischem Wissenschaftler Quartam da Quertamagin, der hier bis auf zwei MitarbeiterInnen einsam an seinen Erfindungen tüftelt. Zunächst beinahe von Flugkampfrobotern der Station erschossen, erhalten Perry & Co. erst Einlass, als Quartam das Talagon sichtet. In der Station erhält leicht verletzte Caysey medizinale Versorgung und bekommt auf Perrys Einsatz hin eine gründliche Untersuchung ihres ‚verfluchten‘ Kindes, bei dem bestimmte genetische Defekte und erwartbare Geburtskomplikationen diagnostiziert werden. Alles heilbar, aber nur in Arkonis. Derweil kommen Perry und Sichu mit eigenbrötlerischen Quartam ins Gespräch, der sie des Talagon wegen jedoch festsetzt. Die Situation kippt ins Gegenteil, als Rowena erscheint, vehement Einlass verlangt, den Quartam ihr widerwillig gewährt. Doch entlässt er kurzerhand das Trio in die Freiheit, ja lässt sie vor Rowena per eigenem Gleiter entkommen – gen Arkonis

Dort angelangt, werden sie zwar argwöhnisch bis herablassend als Kolonialarkoniden oder gar bloße Barbaren beäugt, können aber letztlich bis zum Tato (Gouverneur) da Masgadan vorgelassen werden. Caysey bekommt die ersehnten Untersuchungen freimütig zugestanden, die rechtzeitige Heilung für Mutter und Kind verheißen. Aus dem Gespräch mit Masgadan erwächst für Perry die Hoffnung, er bräuchte das Talagon nur abgeben, das Atlan dann schon ausgehändigt würde. Kaum gemacht, wird er und Sichu jedoch gefangengesetzt – Rowena tritt auf, die den Tato entsprechend instruiert hatte. Für die beiden Zeitreisenden droht der Tod durch Erschießung, formal angeklagt als Maahk-Überläufer, mit das größte denkbare Kardinalverbrechen, größtmöglicher Imperiumsverrat. Bevor sie allerdings dran sind, wurde bereits die Führungscrew eines Kampfraumers exekutiert unter selber Anklage, obgleich sie nur aus dem Kampfgebiet die Kunde bringen wollten, dass Flottenadmiral Atlan entgegen aller Gerüchte noch lebe

Doch erfährt Caysey kurz vor Beginn ihrer Therapie von Perrys und Sichus Hinrichtung, woraufhin sie die Zukunftschancen für ihr Kind fahren lässt und sich zur Rettung der Freunde entscheidet. Diese kann sie mithilfe ihrer empathischen Gabe vor den Schafsrichter retten, um mit ihnen in wilder Flucht bis zu einer LECA-Disk zu entkommen, mit der sie verzweifelt starten und dann Kurs gen Larsa [Venus] setzen…

1. Linguistische Axiome


Mich deucht, es babelte mir! Hatte ich zu ATLANTIS 01 in ausschweifender Begeisterung die sprachlichen Hinweise beöhrt und sprachraumgreifende Hypothesen aufgestellt, verwirrte sich mir die Lage zuhörends. Es beginnt damit, dass Caysey vor Quartams Denkstube das Arkonidische NICHT versteht, in dem sich Quartam und Perry austauschen. In der Station versteht sie nur deshalb nicht nur Vrutu, weil ein Translator ihr das Medizinalbabel von Quartams „Mitarbeiter“ bzgl. präziser Diagnostik ins Atlantische übersetzt. Gleiches dann in Arkonis, wo sie sogar ein chices Translator-Armband als Smartwatch erhält, um sich verständigen zu können. Kurzum: Atlantisch und Arkonidisch sind zwar verzweigt sprachverwandt, offenkundig aber einander nicht verständlich. HÄH???

Daher noch einmal argusohrig ins Hörheft zu ATLANTIS 01 mit gestrenger Aufmerksamkeit hineingehört, demnach:

  • Szene 1: Caysey beobachtet die aus dem Meer entsteigende Rowena und belauscht, wie diese auf die Arbeitsroboter einredet – OHNE jedoch etwas zu verstehen! Demnach ist gleich in dieser Szene klar, dass eine Atlanterin eine Arkonidisch-Sprecherin NICHT verstehen kann, was der Schilderung nach wohl kaum an zu großer Entfernung und zu schlechtem Hören liegt. Selbst wenn, dann hätte der zackige Mitarbeiter Quartams auch das nebenher maßvoll diagnostiziert!;
  • Szene 3: Den Hinterhalt, den Rowena dem Trio atlantis in Cayseys Dorf legt (Kapitel 10), gelingt, weil sie mit der Dorfältesten sprechen kann. Das jedoch nur durch eine Hypnoschulung, in der Rowena im Eilverfahren das Atlantische eingetrichtert wurde, weshalb sie es sprechen und verstehen kann. Ergo spricht sie wiederum nicht Arkonidisch mit den Dorfatlanter*innen, sondern ausnahmslos Atlantisch, obwohl das gegenüber dem Arkonidischen „zu viele Kasus habe, um schön sein zu können“. Hier mein Merkfehler, dass ich die Hypnoschulung als Vermittlungsinstanz ignoriert habe, nur durch die es ermöglicht wird, sich direkt zu verständigen;
  • Szene 2: Nachdem Rowena rachegöttisch abgerauscht war, tauchen Perry und Sichu aus dem Meer auf und es kommt zum Kultur- wie Sprachkontakt zwischen ihnen und Caysey. Diese kann Perrys Sprechgeholper erst verstehen, als er aus dem mit Sichu gewechselten Interkosmo seiner Tage ins Tefroda übergeht, mit dem eine dauerhafte, ja weitestgehend problemlose Verständigung möglich ist.

Damit sind so ganz nebenher im narrativen Seitenzweig dieser Miniserie Sprachsäulen gemeißelt und aufgestellt, die die verzweigten Sprachverwandtschaften ziemlich klar festlegen:

  • D.h. nämlich, dass die (inter-)galaktischen zivilisatorischen Hochsprachen des Lemurischen, des Alt-Tefroda sowie besagtes Tefroda, die sich nacheinander über 52 Jahrtausende hinweg ausgeprägt haben, näher mit dem erdengebundenen Atlantisch verwandt (geblieben!) sind. Dieses ist ein ‚barbarischer Zungenschlag‘ des Lemurischen, gesprochen von in die postapokalyptische Primitivität zurückgefallener Lemurer;
  • demgegenüber hat sich aus dem Lemuu (Lemurischen) das Akonische als Aussiedler-/Kolonialsprache entwickelt, dass die seinerseits „Stammsprache“ für das Arkonidische war. Dieses stand wiederum als Satron (Same Arkon Trona =Hört Arkon Sprechen) Pate für das Interkosmo, der Lingua Franca im Tai Ark’Tussan. Zur ATLANTIS-Handlungszeit (Ende 9. Jahrtausend v. Chr.) hat sich am Rande des Imperiums das so genannte Rand-Galakto ausgebildet, das die Larsa-Siedler und daher vermutlich auch die Atlantis-Besiedler gesprochen haben. Und Fakt ist, dass Atlantisch nicht verständigungskompatibel mit dem Arkonidischen (oder dem Rand-Galakto) ist. Die Sprachdifferenz ist bis zum Nichtverstehen größer, obwohl dieses Arkonidisch gut 10000 Entwicklungsjahre weniger auf der Zunge hat als das von Perry verwendete Tefroda.

Faszinierend. Linguist mit Schwerpunkt Sprachdynamik müsste man sein (oder kennen), um das nachvollziehbar zu machen, wieso das so sein kann. Klar, es kann ALLES(!) sein, was narrativ entrückte Autorenheiten wollen! Aber intradiegetisch, innerhalb des Perryversums müssten ja trotzdem linguistische Gesetzmäßigkeiten greifen, die eine solche Entwicklung erklärbar machen. Ganz willküreinfach absolut alles geht dann doch nicht…

2. Hologramme statt Locharten – doch kein Paralleluniversum

Bezüglich Hologramme und ihre futurchronistische Rückspiegelung in Erzählzeiten, als es sie eigentlich gar nicht gegeben hat, ließ ich mich ja bereits aus – ein wenig wenigstens. Und an diesem Aspekt komme ich auch diesmal nicht vorbei wie der Balrog an Gandalf. Homöopathisch gehofft hatte ich auf eine Paralleluniversalisierung der Geschichte, wo wir einfach ein Universum weiter sind, wo es schlicht Hologramme immer schon gegeben hat. Das hätte Sherlock Perry Holmes kurzerhand deduzieren und den Parallelspuk entlarven können, indem er die Hologramme als zeitfehl erkannt hätte: „Kann ja gar nicht sein, hat es nie gegeben!“ Doch dem ist nun aktenkundig eindeutig nicht so. Perry nimmt Hologramme, die überall aufleuchten, selbstverständlich hin, wundert sich über nichts. Damit ist in Stein gemeißelt und felsenfest, dass man sich eines gegenwärtigen Lesepublikums wegen auf solch narratoferente Unstimmigkeiten wider den festgeschriebenen Kanon eingelassen hat. Für ein wenig angenehmen Lesekomfort hat man die perryversale Probabilität an dieser Stelle bewusst gebrochen und der Leserschaft gegeben, was ihr SF-literarisch vertraut ist.

Folgend daher mal ein paar selektivste Kostproben aus der vielleicht ‚guten alten Zeit‘, wie hologrammlos positronisch gearbeitet wurde:

Statt sich an Asimovs smarten Positronik-Robotern zu orientieren, baute sie Perry Rhodan-Serie anfangs auf Lochkarten-basierte Computer von Zimmergröße, die per Schalter und Hebel händisch zu bedienen waren, wo man Informationen buchstäblich auf Aus- zu Eingabeschlitz tragen musste. So sind die ‚guten alten Zeiten‘ gewesen! (Zyklus 2 lag da jedoch nur drei Realjahre zurück; real vergingen weniger als ein Hundertstel der erzählten Handlungszeit, was selbst Perry-Autoren gedanklich überforderte – Soziotechnischer Wandel????)

Und in Festung Arkonis ist dann sogar noch die Rede davon, all das hologrammatisierte liefe DIGITAL ab. Das ist dann schon allerhand und eine wagemutige Behauptung:-) Die lässt sich aber damit patchen, wenn man derlei liest:

Eine moderne Digitalpositronikuhr mit einer Jahresskala erschien auf dem Bildschirm, groß und völlig unerwartet.Atlan-Zeitabenteuer 01 „An der Wiege der Menschheit“

Und diese positronische Digitaluhr, von der da die Rede ist, ist in eben der ATLANTIS relevanten Tiefseekuppel installiert und 112 Jahre nach Untergang von Atlantis am Ticken. (7888 v. Chr.)

Vergleichbares an Narratoferenz, was Cayseys tiefenanalytische Diagnose ihres Fötus und seiner Geburtsaussichten betrifft. Das ist detailliert und formuliert; ausgesprochen von einem nachrangigen wissenschaftlichen Mitarbeiter in einer abseitigen, nicht hierfür ausgelegten Forschungsstation inmitten des Nirgendwo auf einer nachrangigen Militärkolonie irgendwo am Rande des Imperiums; so präzise und therapiekenntnisreich, wie es selbst die allerbesten Galaktischen Mediziner (Aras) es über Handlungsjahrtausende hinweg NICHT hätten vollbringen können. Und ausdrücklich: die Station ist dafür nicht ausgerichtet, Quartam wird sich für fötale Pathogenesen keinen Deut interessieren. Und egal, was zwischen den Mitarbeitenden insgeheim unter der Decke laufen mag, was in die Wege geleitet worden sein mag;-), die Kenntnisse des Teilzeitmediziners sind schon beeindruckend. Und auch hier gilt: angesichts dessen, was heutzutage diesseits unserer Realität alles an Präimplantationsdiagnostik und seit 40 Jahren in Sachen Reproduktionsmedizin möglich ist, wäre es unglaubwürdigst, wüsste eine (selbsterklärte) imperialgalaktische Hochzivilisation wie die der Arkoniden nach Jahrtausenden galaktischer Kolonisierung nicht um solcherlei ‚Basics‘. 800 Meter durchmessende Kampfraumer, die in Nullzeit Lichtjahrtausende überwinden können, derweil man keinen Blick auf heranreifendes Leben werfen kann – das passte hinten und vorne nicht. Da die männlichen Autoren der Seriengründungszeit vom 08.09.1961 an davon keine Ahnung hatten, nicht daran dachten, hat es hierzu auch nirgendwo noch so beiläufig randständig irgendeinen Hinweis gegeben. Angeblich gäbe es für die Aras (Galaktischen Mediziner als Nachkommen der Arkoniden) nichts, absolut gar nichts, was sie nicht medizinal ergründen könnten, woraufhin man gleich in Heft 1 an der Leukämie von Crest kläglich scheitert, erst ein Terraner die überhaupt sicher diagnostizieren kann. Und viele solcherlei Unerforschlichkeiten pflastern die Serienanfangszeit. So wie man Atlantis als Kontinent quasi neu, streng genommen erstmals erzählbar kartografieren musste für diese Miniserie, so musste man auch bezogen auf solche Ungereimtheiten wegweisende Entscheidungen treffen. Und nun ist es also möglich gewesen – immer schon -, dass die PID der Arkoniden der unserer Tage weit überlegen ist.

3. Caysey – eine Heldinreise

Apropos: obwohl sie in der Rolle als ‚Patientin‘ primär behandelt wird, als dass sie die meiste Zeit handeln könnte, ist die Hauptperson des Romans Caysey. Zumindest ist der Handlungsstrang um Perry & Sichu so eng buchstäblich an Cayseys Wohl und Weh gekhiput, dass sie die eigentliche Handlungslenkerin ist. Zwar ist Festung Arkonis ohnehin Questenziel, doch bekommt die arkonidische Kolonie als Sitz von Administration und Entscheidungsbefugnissen speziell für Caysey eine intrinsische Motivation: als Sehnsuchtsziel zur Lösung ihrer verfluchten Probleme. Sie muss zwecks Heilung des Fluchs in die Stadt der Sternengötter, wohin es sie sonst ggf. nicht gezogen hätte. Sonst wäre sie vor den Toren eventuell stehengeblieben, wäre ihre Aufgabe als Reiseführerin für die Zeitreisenden beendet.

Mit ihr wird an Diagnostik allerhand gemacht, sie ist den Untersuchungen – einmal zugestimmt – insoweit ausgesetzt, als dass sie so gar nicht einzuordnen weiß, den nicht immer patientenfreundlichen ‚Erklärungen‘ blindlings vertrauen, auf die Aussagen des Möglichen hoffen muss. Das ist eindrücklich geschildert. Autorin Lucy Guth, die konsequent entpseudonymisiert als Tanja (Bruske) im PROC-Interview angesprochen wird, mag als zweifache Mutter da auf Erfahrungen zurückgreifen. So oder so erzählt sie, wie die ‚barbarische‘ Atlanterin vollumfänglich in die technische Hochzivilisation geworfen wird und ad hoc ihren Lebensentwurf umbasteln muss. Zur Frage, ob sie ihrerseits auch so entschieden hätte wie Caysey, gibt Lucy Guth zu Protokoll:

Aber ich denke, man weiß nie, wie man in Extremsituationen reagiert. Caysey ist so ein loyaler Typ, sie entscheidet sich für ihre Freunde. Man könnte ihr mangelnden Mutterinstinkt vorwerfen, schließlich bringt sie durch diese Entscheidung ihr Ungeborenes in Gefahr. Ihr Verhalten ist meiner Meinung nach aber nicht unrealistisch, denn es ist ihr erstes Kind. Solange man mit dem ersten Kind schwanger ist, ist der Gedanke, dass da tatsächlich irgendwann ein richtiges, echtes Kind herauskommt, sehr abstrakt. Wenn man das erste Mal erlebt hat, dass man plötzlich einen lebendigen kleinen Menschen im Arm hält, der völlig auf dich angewiesen ist, betrachtet man das bei einer weiteren Schwangerschaft viel vorsichtiger – also, das ist zumindest meine Erfahrung. Insofern wäre ich in Cayseys Situation aber mit meiner Erfahrung als Zweifach-Mama sicherlich nicht so selbstlos gewesen. Tja, dann wäre die Miniserien nach zwei Teilen schon vorbei gewesen.Lucy Guth im PROC-Interview

Es soll laut Insiderinformationen allerdings noch zehn weitere Hefte weitergehen:-)

All diese Untersuchungen und anvisierte Therapien, um den FLUCH zu überwinden, der hier als Gendefekt und Geburtskomplikation verwissenschaftlicht wird. Ein ‚Fluch‘, der aber selbst mit arkonidischer Wissenschaft großteils trotzdem gar keiner ist. Perry deutet es – arg zu – beiläufig an: Atlanter*innen als Nachfahren der Lemurer*innen mögen zwar soziokulturell in die Primitivität zurückgefallen sein, haben dennoch reichlich geerbt. Das auf biologischer Ebene (nicht nur, s.u.: 4.): was atlantisch als Fluch gedeutet wird, lässt sich perryversal aufgeklärt als Psigabe verstehen! Und die neuronalen Veränderungen gegenüber der ‚Norm‘ sind Neuroabdrücke einer solchen Fähigkeit. Es ist das lemurische Erbe der „Paradrüse“:

Die Lemurer besaßen eine weit ausgeprägtere Paradrüse [als die Tefroder, A.d.A.] von der Größe einer Haselnuss, die ihnen als Para-Organ zu latenten paranormalen Fähigkeiten verhalf, die allerdings extrem schwach und nur auf den Nahbereich beschränkt waren.
[…]
Bei den Terranern ist die Paradrüse aufgrund der Degeneration nach dem Ende des Krieges der Lemurer gegen die Bestien zwar noch nachweisbar, aber stark verkümmert. Vermutlich spielt hierbei auch das Fehlen Zeuts eine Rolle.Perrypedia

Relativ schwache Parakräfte im Nahbereich – das passt nur zu genau auf das, was Caysey größtenteils nur intuitiv statt gezielt anzuwenden versteht. Gesteigerte Empathie, die sie zu angelegentlichen Empathin, eventuell sogar zur latenten (Kontakt-)Telepathin macht. Im kulturellen Deutungsrahmen naturreligiöser Wirkmächte mag das wie ein Fluch wirken, wenn da jemand so viel mehr und anderes kann als alle ’normalen Anderen‘. Bin sehr gespannt, zu was das noch führt, ob Caysey ihre Kräfte zu kontrollieren lernt und was aus ihrem Kind wird. Vor allem angesichts der nur noch wenigen Jahren, die sie als Atlanterin auf Atlantis wird leben können…

4. Mythen – stärker als Apokalypsen

Aber nicht nur biologisch hat eine sozial an den Rand gedrängte Gruppe unter den Atlanter*innen geerbt, sondern alle Atlantis-Bewohner tragen ein kulturelles Erbe mit sich, das sie in religiöse Tradition gegossen ritualisiert tradieren. Die Rede ist von den Mythen, die am Romananfang, bevor wir zu Quartams Bastelstube gelangen, kurz Teil der Handlung sind. Für Freunde strikt vorwärts gerichteten Handlungsfortschritt dürften diese Passagen eher trostlos gewesen sein. Aufhaltend, ausbremsend und ohne – zumindest in diesem Roman – noch so hinterrücks zur Handlung beizutragen.

Für mich besonders eindrücklich der separiert gehaltene Apfelbaum, bei dem niemand die Absicht hat, an die biblische Paradies-Szene zu denken, wie sie erst etwa 7 Jahrtausende später auf Papier gebannt wurde. Große Äpfel, die man auf gar keinen Fall pflücken darf:-) Und ausgerechnet unsere nüchterne Sichu tut es kurzerhand, um mit nächtlicher Meditation gestraft zu werden. Das ging mir dann zugegeben zu hopplahopp, war zu schnell abgehandelt. Fortschritt gab es im Übrigen dennoch: Sichu und Perry waren hiernach indigen konform gekleidet und fielen nicht länger mit ihrer Future Fashionunübersehbar auf. Auch mal traditionale Tabus übertreten, dann sieht man wenigstens danach wohlbekleidet aus:-)

Perry deutet es – erneut eher zu kurz – an, worauf die vokalverschoben namensveränderten Mythen zurückverweisen: auf die lemurische Ahnengeschichte und deren Mythenstoff, der auch 42000 Jahre später noch im kulturellen Gedächtnis der Atlanter präsent ist: kulturelles Gedächtnis meint „die Tradition in uns, die über Generationen, in jahrhunderte-, ja teilweise jahrtausendelanger Wiederholung gehärteten Texte, Bilder und Riten, die unser Zeit- und Geschichtsbewußtsein, unser Selbst- und Weltbild prägen.“ Damit speist sich das kollektive Gedächtnis dieser so zeitfernen Populationen den archetypischen Grundmotiven nach auffallend gleich. Was das über die Mythomotorik aussagt, inwiefern der im Kern gleichgebliebene Mythos die (Nicht)Bewegung der Gesellschaft bestimmt, ist noch offen. Bei so fundamental veränderten Umständen – galaktische Hochzivilisation versus schollengebundene, segmentär gegliederte Gesellschaft – ist es schon erstaunlich, dass der ‚mythische Überbau‘ im Prinzip unberührt geblieben ist.

Spannend, dem Mythenschatz der Lemurer nachzuspüren: so verweist Perry auf die Konos. Diese – ultrakomprimiert – aus intergalaktischen Gründen den Lemurern prägend lange Zeit Konkurrenz waren und als existenzielle Gegner zum Archetypus geworden sind. Zwar sind die Lemurer letztlich nur durch die Koexistenz der Konos geworden, was sie wurden, aber das nur im evolutionären Wettstreit. Mythen wie zu den Legenden um die Zwölf Heroen und den Sonnenboten Vehraáto, dieser als Erretter aus der lichten Sonne herabsteigt und die Lemurer erlöst. Die Mari Danta – das „Lied der letzten Hoffnung“ ist Teil der lemurischen Identitätsbildung! Das ist alles höchst faszinierend und einen eigenen Beitrag wert. Daher…

5. Kulturkontakt auf Atlantis


Interessant auch: einerseits heißt Festung Arkonis so, weil sich Arkonis zu einer Festung gegenüber der Umgebung macht, gegenüber dem ‚Land der Barbaren‘, wovon sich die Stadt der Sternengötter entschieden abhebt: Architektonisch, materiell, technisch, dreidimensional durch die Nutzung der Höhe. Mit Skepsis bis purer imperialer Herablassung werden die beiden vermeintlichen Kolonialarkoniden, wenn nicht gar Fremdvölkler betrachtet (Perry bzw. Sichu), über die heimische Barbarin wird weitestgehend hinweggesehen. Imperialer Dünkel, rassische Distinktionen, die über bloße feine Unterschiede hinausgehen. Andererseits hören wir davon, dass erste der Atlantis-Siedler außerhalb der Stadt Fuß fassen wollen, ja ausdrücklich und bewusst nahe indigener Ansiedlungen. Zum einen die hochzivilisatorische Enklave Arkonis, zum anderen erste praktische, alltagsnahe Versuche des Kulturkontaktes.

Daher möchte ich folgend auf den Schweizer Historiker Urs Bitterli und dessen Konzept und Verständnis von Kulturkontakt zurückgreifen. Entwickelt aus der Beobachtung der europäischen Expansion, imperialistisch getrieben, kolonialistisch ausgeführt. Zitiert nach Wikipedia:

  1. „Kulturberührung“ bezeichnet das Zusammentreffen einer Gruppe von Europäern mit einheimischen Vertretern von begrenzter Dauer, sei es erstmals oder mit längeren Unterbrechungen.
  2. „Kulturzusammenstoss“ nennt er das Umschlagen der friedlichen Kulturberührung durch unmittelbare oder vermeintlich provozierte Gewaltanwendung.
  3. „Kulturbeziehung“ beschreibt ein dauerndes Verhältnis wechselseitiger Kontakte auf der Basis eines Machtgleichgewichts.
  4. Für die in der nachfolgenden Phase der europäischen Dominanz ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstehenden, durch Akkulturation [Hinzuführung zu einer Kultur] geprägten und gemischten Kolonialgesellschaften schlug Bitterli als weiteren Typus die „Kulturverflechtung“ vor.

Wenn wir diese vier, sicherlich nahezu nie in Reinform vorkommenden Phasen des Kulturkontaktes am Beispiel arkonidischer Militärkolonie Atlantis durchgehen, ggf. nur 1, eventuell fast 3 Jahre nach Siedlungsbeginn:

  • Kulturberührung: Hierzu kam es 8005 v. Chr., als mithilfe Atlans Geschwaderraumer 50.000 zakrebische Kolonialarkoniden von Larsa nach Larsaf III. umgesiedelt und auf Atlantis abgesetzt wurden. Da die Gründungskolonie sich zunächst auf Arkonis beschränkte, das inmitten tobenden Methankriegs als Militärstützpunkt dual zu fungieren hatte, dürften anfängliche Kulturberührungen noch spärlich ausgefallen und nicht mit xenoethnologischem und exosoziologischem Eifer begleitet worden sein. Das Überleben der Zakreber stand im Vordergrund. Und Flottenadmiral Atlan hatte keine Zeit und Kompetenzen frei, das militärische Know-how seiner Soldaten Zweck zu entfremden.
  • Kulturzusammenstoß: Zu dem scheint es noch nicht gekommen zu sein. Die Kolonialarkoniden verhalten sich zwar zum Teil mit reinrassischem Dünkel, zumeist aber mit enklavischer Abschottung gegenüber den Barbaren. Dass hier kolonialstrukturelle Gewalt am Wirken ist, steht m.E. außer Frage, da sich die Arkoniden nachfragelos nahmen, was sie wollten und zu brauchen glaubten. Anscheinend gibt es zwar keine Sklaverei o.Ä., zu der die Atlanter*innen gezwungen würden (Ausnahme die inoffizielle Erstentdeckung der Erde durch arkonidischen Prospektor bereits 8024 v. Chr.), vielmehr können / DÜRFEN sie soweit wie gehabt leben. Zum Wendepunkt könnte der Ansiedlungsversuch bei einer der als kriegerisch beschriebenen atlantischen Ethnie werden: aus einer intensivierten Berührung könnte ein Zusammenstoß werden, wenn auf dieser wie jener Seite Missverständnisse aufkommen, Verhaltensweisen fehlgedeutet werden und das kriegerische Temperament dieser Atlanter durchbricht oder die Arkoniden statt auf Augenhöhe Unterwürfigkeit erwarten.
  • Kulturbeziehung: zu der kann es kommen, falls zuvor genannter Kontaktversuch friedlich verläuft, sich beide Seiten aufeinander einzulassen gewillt wären und das arkonidische Vorrücken in atlantisches Gebiet nicht als ressourcenraubende, übergriffige Expansion aufgefasst wird. Dann könnte die sozialräumliche Nähe zueinander statt der festungsartigen Abgrenzung in Arkonis zu kultureller Beziehung und entsprechenden Austausch biopsychosozial beitragen. Ein erster Schritt…
  • Kulturverflechtung: Unmöglich, weil es so kommt, wie es geschah, nämlich zum Untergang von Atlantis höchstens 5 Jahre in der Zukunft (8.000 v. Chr.). Zu wenig Zeit zum Verflechten, kein Ort mehr, an dem erste Beziehungsanbahnungen für eine Verflechtung stattgefunden haben werden.

Umso interessanter, was de facto aus alledem geworden ist. Hierzu ein Blick in die Chronik der Menschheit, wie sie xenosozial von Atlan als Einsamer der Zeit verfasst worden ist. Seine ersten Eindrücke nach der ersten Tiefschlafphase und nach erstem Erwachen 112 Jahre nach dem Untergang von Atlantis 7888 v. Chr.:

Soweit ich es erkennen konnte, waren die Menschen hellhäutig, braunäugig und braunhaarig. Einige – ich hatte es nicht glauben wollen – Sie hatten langes, fast weißblondes Haar, wie es nur Arkoniden vererbt haben konnten.
[…]
Ich betrachtete ihn genauer. Dieser Jäger konnte ein Arkoniden-Halbblut sein; […] Der Jäger war kleiner als ich, und hatte einen schmalen Schädel mit hoher Stirn; an diesem Kopf war nichts vom Tierhaften anderer Barbaren. […] Ich blickte in die Augen des Jägers, die, wie meine, einen leichten Rotschimmer um die Pupille zeigten. Ihre Farbe war ein helles, silbriges Braun.
[…]
Ich würde Katya veredeln müssen, aber das konnte für uns nur Vorteile bringen.
[…]
»Weil es sonst stinkt. Ich mag Gestank nicht. Weder den von verwesendem Fleisch noch den aus deinem Haar. Alles werde ich ändern. Ich werde es ändern.« Katya blickte mich in grenzenlosem Erstaunen an; ich hatte in scharfem Ton gesprochen. Ich war gekommen, um die Zustände der Steinzeitmenschen zu verbessern. Wie weit das möglich war, würde die Zukunft zeigen.
[…]
Von Stunde zu Stunde wurde ich immer schmutziger, und ich musste eine Möglichkeit erfinden, ohne die Hilfsmittel der Kuppel mich säubern zu können. Mich und Katya. […] Sie rannten davon, zutiefst verwirrt, aber mit einigen grundlegenden Einsichten im Herzen. Eines meiner nächsten Vorhaben war, Katya den Begriff relativer Hygiene zu vermitteln. Ich fürchtete, es mit Nachdruck tun zu müssen, und notfalls auch mit Gewalt.Aus An der Wiege der Menschheit

Zum einen wird klar, dass es intime Kulturbeziehungen gegeben haben muss, falls sie nicht als kolonialherrliche Übergriffe zu werten wären und damit als ein Kulturzusammenstoß. In jedem Fall hat es ‚Mischehen‘ gegeben, aus denen ‚Star God Babies‘ hervorgegangen sind, die arkonidische Gene in begrenztem Umfang in die postatlantische Population eingebracht haben. Auf diese Nachkommen stößt Atlan irgendwo entlang der Rhone und auf Sizilien, bis dorthin Überlebende der Atlantis-Katastrophe gelangt waren.

Als Letzter seiner Art muss man Atlan einiges zugutehalten. Nichtsdestotrotz ist er auch als Einsamer der Zeit mit reichlich kolonialherrlichem Sendungsbewusstsein ausgestattet, dass auch nicht vor hygienischen Übergriffen Halt macht. Am Ende ist Katya reinlich, reinlicher als alle sonst unter ihresgleichen. Das aber nur nach entschiedenem Zupacken und trotz ihres Widerstands körperlicher Art wie in Form von Schreien. Falls das arkonidischer Standard gewesen sein sollte … Von Atlan unter Extrembedingungen induktiv auf alle Siedler einer zunächst gut anlaufenden Kolonie zu schließen, dürfte unfair sein. Aber es ist zu fürchten, dass man sich kaum je auf Augenhöhe begegnet ist, sondern die soziale Dominanz immer auf Seiten der Kolonisten gelegen hat. Die Barbaren haben sich demnach anzupassen, sich zu zivilisieren, sich zwecks sozialem Aufstieg zu engagieren und zwar als lernende Schüler von den wohlwollend lehrenden Lehrern.

6. Rowena – Harte Schale, weicher Kern?

Rowena – aktenkundig gemachte Gegnerin Rhodans, eventuelle Mörderin Atlans, Verfolgerin und Hinterhaltstellerin der Zeitreisenden, Schergin Orbanaschols (seines Zeichens Mörder von Atlans Vater), Umspielerin lokalen Gouverneurs und wer weiß was noch. Alledemnach das arkonidingewordene Böse dieser Miniserie! Und doch hat empathische Caysey schon im vorigen Roman Deanna Troi-esk erspürt, dass Rowena keine Böse ist, so ungut gar nicht ist. Harte Schale, aber weicher Kern? Ob das nicht die Spannung rausnähme, dass Rowena nun als mittelhalbschlecht statt grundböse erkannt wurde, erfragte RRR:

Findest du es denn spannend, eine Figur zu haben, die gewissenlos tötet? Ohne jede Grauzone und jede Hoffnung, sie vielleicht doch noch dazu zu bringen, das richtige zu tun? Liegt nicht darin die eigentliche Spannung verborgen? Wir schreiben ja keinen Cartoon hier. Nuancierte Figuren sind immer interessanter als Schwarzweiß-Bösewichte.PROC-Interview mit Expothez BCH, diesen zitiert

So dann auch in diesem Roman, wo sie den „alten Zausel“ Quartam zwar ungnädig verdonnert, gefälligst und schon gestern den (Nicht-Nur-)Transmitter zu reparieren, ihn ansonsten aber außergewöhnlich wohlwollend ‚anfasst‘. Dabei hat er doch ihre ‚Beute‘ entkommen lassen, wobei sie um die tatsächlichen Umstände zum Glück nicht weiß. Sie erschießt niemanden aus Wut, Rachsucht oder als toxische Bestrafungsmaßnahme. Einerseits. Sie hat andererseits aber so gar keinerlei problem damit, Atlan-Anhänger, die sein Weiterleben bezeugen könnten, kurzerhand (durch den Tato) liquidieren zu lassen. Und wenn man sich schon mal warm geschossen hat, dann doch auch gleich Perry und Sichu hinterher. Keine erkennbaren Gewissensbisse, keine Gnade; vielmehr ihr Tun und Handeln ursächlich dafür, dass derart mörderisch rigoros durchgegriffen wird. Etwas wechselhaft die Dame, die ihrerseits innerlich so gar nicht auf ihren – elitären – Extrasinn hören mag, sondern recht reaktant ihr Ding macht, wie es ihr passt. Also auch innerpsychisch ist sie da recht wankelmütig. Sie kann so und genau anders und das nicht lange nacheinander. Mit Quartam wie mit ihrem etwas störrischen Opa umgehen, missliebige Dahergelaufene hingegen einfach umnieten (lassen – sie kann es selber ja anscheinend nicht wirklich).

Und den Tato umgarnt sie auch mit allen Reizen, die sie aufbringen kann. Hierzu von RRR eine Frage an Lucy Guth, ob es im Tai Ark‘Tussan (inmitten des Methankrieges??) MeToo & Co. gegeben habe. Ausführliche Antwort, wie kritisch sie das zum Teil sehe. Konkret zu Rowenas tuchfühlsam verlockende Verhaltensweise:

Wenn also eine Rowena für sich entscheidet, ihre weiblichen Reize einzusetzen, um damit ans Ziel zu kommen, dann tut sie das nicht, weil sie ein hilfloses Weibchen ist – sondern weil sie eine Taktikerin ist, die ihr Vorgehen genau plant.PROC-Interview mit Lucy Guth

Rowena kann also auch das, spielt mit ihren Reizen und Stärken, kann vielfach ihre Schwächen aber nicht kaschieren. Sie will mehr und härter, als sie es selber tun und umsetzen kann. Da dürfen wir uns auf manch emotionales Hin und Her noch freuen. Auf konsequente Inkonsequenz dürfen wiederum Perry und Co. hoffen und bauen;-)

7. Zwischenfazit nach erstem Sechstel

Ende. Wenigstens dieses Postings. Die Miniserie hat derweil exakt ein Sechstel rum bzw. schon ein Viertel, wo ich das zu Ende schreibe und es veröffentliche.

Wie isset nun? Und bisher? Gut! Was jedoch auch evident ist, sonst würde ich hier nicht Unromane texten. Ja, zwar geht es mir jetzt zu flott extra-atlantisch, also interplanetar weit weg vom namensgebenden Kontinent, wo sich doch alles entscheiden wird. Aber alle Umwege führen nach Atlantis zurück und in den Temporaltransmitter. Und alle Lesenden, die auch nur einen Hauch von Lektüre der zugrunde liegenden Romane erhascht haben, wollen gen Larsa, zur Venus, zum „Kommandanten“! Das ist schon recht so!:-) Wie viel von der Venuspositronik steht schon bzw. hat man nach Amonars Ende umgerüstet und bereits auf Atlan geprägt? Spinnen sich auch dort Intrigen wider den Kristallprinzen? Oder kann Perry hier gegen Intrige und Verrat mobilisieren und Kräfte gegen Rowenas Komplott vereinen? Alle außer mir werden es längst wissen – ich gehe nun an Roman drei und erhöre den weiteren Weg. Auf dahin!

ATLANTIS 01 – Nachschlag

Hallo Mitwelt!

So unglaublich es nach 24 Minuten Lesezeit über ATLANTIS 01 erscheinen mag, hier und heute soll es noch in flugser Flottheit und gewohnter präziser Prägnanz einen Nachschlag zum Auftaktroman der Miniserie geben. Denn, lockender Spoiler, ich habe ihn anscheinend gänzlich „falsch“, zumindest den Erzählbemühungen nach kontraintendiert gelesen (aka gehört). Hinzu noch die Auflösung, die ich im Gewühl der Worte schuldig geblieben bin.

1. Des Herrn der Hefte Lieblingssatz

„Einer meiner Lieblingssätze: »Die Landschaft tat, als wollte sie Perry Rhodan erschlagen.«“ KNFs Satz der Sätze von Anfang Kapitel 9. Wie finde ich diesen, sprang er mich auch an, fühl(t)e ich mich von seiner Wucht erschlagen? Nein. Meine Assoziation hierzu lediglich: gestörtes Gelände, wie die literarische Naturforscherin Esther Kinsky die Zustände der Gelände unserer Welt bezeichnet. Wenn „das geologische Gefüge der Welt“ verschoben wird durch anthropozänes Übergriffigwerden oder aber durch einen „Rombo„. So der italienisch lautmalerische Begriff für ein Erdbeben genauso wie auch der Name des jüngsten „Geländeromans“ der Autorin, wie das von ihr dem Nature Writing anverwandte, neugeschöpfte Sub-Genre worttektonisch konturiert. Der Roman, der es in der SWR-Bestenliste auf Platz 2 geschafft hat.

Ich muss gestehen – voriger Beitrag zum Heft mein Kronzeuge! -, dass ich keinerlei Fokus auf den landschaftlichen Beschreibungen hatte und sie mich nicht – wie dieses atlantische Gelände Perry – von der Seite her anfielen wie hungrige Raubpudel im Rudel. Das wird umso erstaunlicher, bedenkt man Folgendes unter Punkt zwo. Zu meiner Verteidigung diaboli kann ich nur vorbringen, dass

  1. Landschaftsbeschreibungen, die nicht von Tolkien stammen, für mich nicht halb so beeindruckende Wirkmacht ausüben. Wenn er sich nicht in modischen Details verliert, kann gewiss auch ein Robert Jordan, wenn die Beschreibung von Speis-und-Trank-Gelagen den hungrigen Frösten fragwürdiger Freiheit in Westeros Platz machen, kann auch Martin Landschaft. Doch geprägt hat mich J.R.R., wenn ich mit ihm Mittelerde durchwandere. Daran gemessen sind für mich bloße Landschaftsstriche anderswo ohnehin selten mehr als funktionalisierte Skizze zwecks etwas Worldbuilding – es ist da, weil es narratofunktional gebraucht wird;
  2. ich seit Ende 2021 wiederum aufs Questen geprägt bin, seitdem ich das exzelleniale vierteilige SWR2-Hörspiel über Die Fahrt der Argonauten [Link zu Teil 4] hören konnte. Aufgezogen und aufgemacht, als wenn die olympischen Göttinnen Hera und die noch nerdigere Athene ein Virtual LARP durchspielen und kommentieren würden, in das sie jederzeit eingreifen und den Weltenlauf beeinflussen können. Und da geht es ums Questen, aufzuspürende und aufzusuchende Quest-Figuren, um von ihnen Quest-Wissen und -Gegenstände zu erhalten, mit denen erst die Quest fortzuführen ist. Und wenn die ARGO, das Schiff der Argonauten trotz ihrer armkräftigen Ruderhelden langsam bis lahm vorankommt, der Quest-Raum nur wie in zäher Zeitlupe durchquert wird, wird VORGESPULT 😀[1]
  3. Ich spule gewiss nicht vor, höre meine Hörbücher jedoch 1,4-1,6fach geschwinder, weshalb mir da eventuelle Details, auf die ich nicht hellhörig wie ein Ferengi auf Gewinn lauere, am Ohr nur so vorbeirauschen. Das ist gewiss nicht optimal und zu optimieren, um darüber bloggen zu können!

Ausreden Ende…

2. Von Beichten und Geständnissen eines Expotarchen

Mit dem Jubiläumsheftroman 3000, der auch schon erschütternde rund drei Jahre zurückliegt, hat der PROC – Perry Rhodan Online Club – ein sehr schönes Format etabliert, nämlich das Autor*inneninterview. Heft für Heft wird die skriptoralverantwortliche Autorenheit vorgeladen und intensiv investigativ alles, wirklich absolut alles an leserfanrelevanter Information durch Rasenden Reporter Roman (RRR) Schleifer herausgepresst wie aus einer überreifen Zitrusfrucht. Nichts bleibt verhüllt, nichts ungefragt, nichts ungesagt, eine gnadenlose rhodanautische Beichte, die da abverlangt wird. Gut, die Autorenheiten wissen sich dem zu entziehen, entweichen wie Dschinns aus der Flasche dem Frageschraubstockgriff, transdimensionalisieren sich nach Belieben, um einer Antwort zu entgehen und zu entkommen. Kein Witz zu flach, kein Ausweichmanöver zu klumpfüßig, kein Geplauder nur zu offensichtlich ablenkerisch. Der Responsive Widerstand ist höher als nach einer Hyperimpedanz-Erhöhung, es kommt zur Responsflaute 😉 😀

Und das Format ist für ATLANTIS reaktiviert und im ersten Interview werden die (Ein)Geständnisse und hintertriebenen Denkenschaften nur so herausgefragt aus Expotarchen BCH wie sonst nur Blut von Vampiren. Naja, es geht um vieles, so auch über Gelände O_o

So zum Beispiel dazu, wie gut man Atlantis als Kontinent, als schon erzählten und weiter erzählbaren Raum den alten Heften einfach entnehmen konnte:

Das mit der Geografie von Atlantis selbst hattest du ja eben schon angesprochen, das war ein Hirnbrecher. So, wie Scheer sich das ausgedacht hat, passt das vorn wie hinten nicht zusammen, wir mussten tricksen. Da stecken drei Monate Nachdenken drin aber ich finde, wir haben das jetzt ganz charmant gelöst. Ansonsten gehört das aber zum Job, finde ich. Lieber der Chefautor bekommt graue Haare als der Autor oder – schlimmer! – der Leser.BCH im PROC-Interview

Und wie man mit diesen Erzählbrüchen umgeht? „Du unterstellst mir hier eine gewisse Schizophrenie, aber das ist vermutlich angemessen. Ich sag’s mal so: Bei sechzig Jahren Kanon prüfst du lieber dreimal, bevor du irgendwas dazuerfindest.“ Ziel der Recherche war es demnach, alles an Details herauszuholen, um so originalnah wie möglich bleiben zu können. Das Destillat dessen haben Abonnent*innen der Print-Hefte als DIN A3 große Posterkarte vorliegen, können Lesende der Hefte wie ebooks als kleinerformatige Farbkarte beäugen und ist in der Perrypedia digital einsehbar. Die Mühe, die erzählwildwüchsigen Darstellungen insbesondere aus den Scheer-Heften (Nr. 60 und 70) zu einem stimmigen Bild zu vereinen, das einen Inselkontinent in Gänze präsentiert, ist eine enorme Fleißarbeit. Eine, die ich nicht würdigte, da die Landschaft nur so an mir vorbeiraste, als hätten wir in einem Überschallgleiter gesessen, obwohl wir Atlantis doch mit Perry & Co. per pedes durchwandert sind. Ich gelobe Besserung und mehr Obacht für die (hoffentlich nicht nur gestörten) Gelände in dieser Gegend der Erde, die nur noch höchstens 5 Jahre existieren werden.

3. Sichu – eine erzählsperrige Figur?

Dass ich mich über Sichus Anwesenheit in der Miniserie freue, hatte ich ja schon kundgetan. Eine mir sehr sympathische Handlungsträgerin, die allerdings so leicht anscheinend gar nicht zu schreiben ist. Und das wohl gerade ob ihrer meist zurückhaltenden, wissenschaftlichen Haltung, die der Skriptorale Expotän treffend so näher charakterisiert:

Analytisch, verschlossen, nach außen Abweisend aber innerlich emotional und zu Leidenschaftlich für ihr eigenes wohl? Das hätte auch über mich geschrieben worden sein können, TBH.BCH im PROC-Interview

Sie ist mitnichten eine typische Akteurin – Pro- oder Antagonistin -, die sich primär über Handlung auszeichnet. Zumindest keine in Richtung Action gehende Handlung, die einem steten Handlungssog folgt, wo zu handeln näherliegt als innezuhalten.

Doch gesteht BCH auch ein: „Ernsthaft: Sichu ist eine tolle Figur, die einfach nicht genug Raum bekommen kann. Und Gucky, Bully und Co. hatten wir in den Miniserien auch schon wirklich oft – Sichu nicht so sehr.“ Besagte Bully und Gucky als Perrys älteste Freunde hatten beispielsweise in just voriger Miniserie aus letztem Jahr – WEGA – bereits prominent ihren gemeinsamen Auftritt in einen der beiden Handlungsstränge. Dass Perry Rhodan in einer PERRY RHODAN-Miniserie präsent und zentral sein muss, ist klar. Umso wichtiger dann jedoch, ihn stets anders und neu zu konstellieren. Und ihn nun anstelle alter Kumpel nun mit seiner Frau loszuschicken, hat was. Nicht, dass Perry als unbesonnener, unbedachter Typ bekannt geworden wäre, aber mit Sichu an seiner Seite sollte er gar nicht erst in Kurzschlusshandlungen verfallen. Da sie in jedem Fall aber den nachdenklichen Part übernimmt, kann er dann doch ‚freier‘ agieren und mehr den Risikopiloten mimen als den Jahrtausende alten Staatsmann kosmischer Prägung, gebeugt vor entschleunigter Weisheit.

4. Chronolokalität – die Handlungszeit

Wann ATLANTIS spielt, so klingt es im Interview, scheint eindeutig klar: 8005 v. Chr. Anders gesagt: fünf Jahre, bevor Atlantis untergeht, was es exakt 8.000 v. Chr. getan haben wurde. Doch ist das so klipp und klar? Ja, Perry denkt – nicht zufälligerweise – an 8005 v. Chr. als Datum, nachdem er die arkonidischen Statuen in der atlantischen Landschaft sichtet. Statuen, die wohl kaum sofort nach ‚Entdeckung‘ oder Siedlungsbeginn gebaut worden sein dürften. Hinzu der Fakt, dass die Unterwasserkuppel als Rückzugs- und Schutzraum erst 8005 v. Chr. fertiggestellt worden ist. Nur heißt das ja nur, dass man nicht früher angezeitet sein kann (Kuppel stand ja schon ausgestattet da), nicht aber auch, dass es demnach nicht schon 8004 v. Chr. sein könnte. „Entdeckt“ wurde das System durch Arkoniden Larsaf 8009 v. Chr., genauer gesagt zu diesem Datum das System formal in die Sternenkataloge eingetragen wurde. Zuvor hatte es die wohl tatsächliche Erstentdeckung gegeben, nämlich bereits 8024 v. Chr., als Prospektor und Sklavenhändler Neeol Darmigon trotz (oder wegen) indigener Bevölkerung auf Planet 3 landete. Das geriet jedoch gänzlich in Vergessenheit. Nach der ‚Larsafizierung‘ des Systems etablierte zunächst Amonar als Administrator auf Larsaf II., Larsa (nachmalige Venus) eine Kolonie für gut 2 Mio. Arkoniden. 8005 v. Chr. – etwa 4 Jahre später also – wurde er dann (Heft 60 Festung Atlantis) von Atlan gestürzt und die 50.000 Zakreber besserer Lebensbedingungen wegen nach Larsaf III. evakuiert. Larsaf III., das zunächst primär als Militärkolonie gedacht war (Festung Atlantis sowie dann Festung Arkonis als Titel von Heftroman 02 daher nur zu passend). Genauer ist es in den Chroniken nicht verzeichnet. Perrys Annahme ist demnach das Beste, was man zeitlich einordnen kann, aber auch keine C14 präzise Datierung.

Das lässt narrative Spielräume, vor allem für ein Auftreten Atlans. Denn der weilte mitnichten die ganze Zeit vor Ort! Vielmehr fliegt er samt Flottengeschwader ab, hinein in den heißen methankrieg, kämpft 30.000 Lichtjahre fern vom Larsaf-System. Und kehrt wesentlich später erst zurück: „Wäre das nicht so gewesen, hätte ich knapp zwei Jahre später fraglos Mittel und Wege gefunden, um ein anderes, unheimliches Geschehen wenigstens teilweise zu verhindern.“ So sinniert Atlan am Ende von Kapitel 5 in Nr. 60 Festung Atlantis. Von irgendwann inmitten 8005 v. Chr. an weilt er weit außerhalb und das für rund 2 Jahre lang. Was mag das für ATLANTIS heißen? Ich vermute, dass wir eben nicht gerade so 8005 v. Chr. zeitgestrandet sind, sondern schon bedeutsame Zeit später. Zeit, die der Tato (Ark. für planetaren Gouverneur) genutzt hat, um Intrige und Hintertrieb in Konspiration mit Rowena auszunutzen. Und zwar in Atlans, des Kristallprinzen Abwesenheit. Wenn dieser erst etwa 8003 v. Chr. wieder in die Abseitigkeit dieses Systems zurückkehrt, werden wir wohl kaum darauf noch 2 ATLANTIS-Handlungsjahre warten müssen!

Und bezüglich Zeitparadoxon, sollte Perry Atlan begegnen, dass dieser den Serienhelden dann später hätte erkennen MÜSSEN, gibt BCH zu Protokoll: „Das Perryversum ist ja reich an Methoden, so etwas zu verhindern, das reicht vom Psychostrahler über Gedächtnismanipulation bis hin zu alternativen Zeitlinien und Paralleluniversen. Für welche wir uns entscheiden? Das wird man in den Romanen erlesen können.“ Ja, lesen wird man müssen, wie das bei Schrifterzeugnissen so vorgesehen ist;-) Kann mir aber nicht vorstellen (oder will es prophylaktisch nicht), dass es so plump kommt. Psychostrahler scheidet im Übrigen aus, weil der nur gegen Nicht-Mentalstabilisierte ankommt, Atlan zu dem Zeitpunkt jedoch längst über einen aktivierten Extrasinn verfügt, der solcherlei Zugriff zu blocken hilft. Die beiden letzten Optionen – alternative Zeitlinien oder Paralleluniversen – sind es hoffentlich nicht! Wäre ein viel zu lazy writing, eine zwölfbändige Geschichte derart narrativ abzukapseln, damit man freimütig wild erzählen kann, ohne dass es Auswirkungen aufs Perryversum der Erstauflage nimmt. Bitte nicht! Allerdings ist weder Expokrat noch Perry auf den Kopf gefallen, sondern Profis, wie man anständig zeitreist: „Er [Rhodan] hat da ja schon Erfahrungen damit, ist da sozusagen der Experte. Aber natürlich wird das ein ständiges Thema in unserer Miniserie sein. Er wird sich öfter als einmal fragen müssen, ob das, was er da treibt, immer so richtig ist.“

5. Quartett figuriensis

Auch diesbezüglich voreilig und hastspießig war wohl meine Einordnung speziell von Caysey, die ich mir noch nicht so recht als Ko-Protagonistin auf Augenhöhe vorstellen konnte. Zu übergroß Perry, schon zu erfahren und professionelle Wissenschaftlerin Sichu, anscheinend konspirationsgeschulte Extrasinn-Trägerin Rowena. Dagegen SCHIEN mir Caysey doch zu sehr zu verblassen und nur zeitweise Questraumwegweiserin zu sein. Eher nicht, wie vage Vorausdeutung andeutet:

Die Zeitreise gibt ja einige Dinge schon vor. Arkoniden, Venus, Maahks und andere Details gehen einfach aus dem Setting hervor. Wir werden außerdem ein Viererteam aus Figuren haben, das im Lauf der Handlung zusammenfindet, ein mysteriöses Artefakt, das Talagon, hinter dem alle her sind und eine geheimnisvolle Macht im Hintergrund. Neugierig geworden?BCH im PROC-Interview

Ja, neugierig ich bin. Das „Viererteam“ ist bekannt, Caysey eine davon, wo hinzu Rowena noch wachsen muss (in bereits gehörter Nr.02 auch bereits erste große Schritte im Gruppenprozess…). RRR liest sie mit „erfrischend positiver Art“, wenn sie auch von der Tragik des verfluchten Kindes und einer todgeweihten Inselwelt umgeben ist. „Das ist ein spannender Widerspruch, oder? Neues Leben kontra Weltuntergang. Lebenslust kontra drohendem Tod. Du kannst nicht über einen zum Untergang verdammten Kontinent schreiben, ohne dieses Spannungsfeld anzusprechen.“ Caysey ist also vielmehr Symbolfigur für ganz Atlantis, für die Situation vor Ort als indigen Kolonisierte unter Kolonisatoren wie Sternengötter, als Spielball von Kultur- und Naturkräften, die weit über sie hinausgehen, denen sie sich aber tapfer stellt. So gelesen, ist sie vielleicht sogar diejenige, die am meisten wachsen kann von allen. Sich wie eine tragische Heldin gegen das – ihr ja gar nicht geweissagte – Schicksal des Untergangs (von Kind un Kegel) aufzulehnen, indem sie einfach beharrlich lebt als Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will!

  • Immerhin scheint mir ATLANTIS nicht auf eine, geschweige denn klassische Heldenreise hinauszulaufen, die zwölfbandkompakt erzählt würde. Allen voran, weil Perry Rhodan keinen Fuß mehr setzen und keinen Meter mehr machen braucht, um Held zu werden, so viele (Handlungs)Jahrtausende er es längst geworden ist. Bzw. von Heft1 an – UNTERNEHMEN STARDUSTqua Exposé schlicht schon war. Sichu wiederum – siehe die Schwierigkeiten rund um ihre Charakterisierung in laufender Handlung – könnte zwar an Heldinstatus zulegen, sollte es aber m.E. erst gar nicht. Sie ist und wird keine klassische Heldin, sondern bleibt besonnene, abgeklärte Wissenschaftlerin ohne heroisches Potenzial. Wer aber sehr wohl heldenreisen dürfte, ist selbstredend Caysey: diese ist aus der Vergangenheit für die Zukunft verflucht und muss dann buchstäblich aus ihrem Dorf abgelegener Provinz hinaus in die so viel größere Welt, hinein ins Land der Sternengötter gelangen [Frodo Beutlin, Rand Althor, Luke Himmelsgänger uvm]. Das charakterskizziert noch schwankend zwischen eingeschüchterter ‚Barbarin‘, die aber vielmehr von Anfang an mit taffer Keckheit der ach so göttlichen Welt wagemutig begegnet. Und Rowena? Zunächst ist sie nicht Teil des ProtagonistInnen-Trio, sondern Antagonistin, die immerhin nicht als Urböse psychopathisch mordend herumrennt, aber doch GoT-esk genug opportunistisches Böse mit sich herumträgt. Ob sie aus dem Zwielicht ins Licht reist, an Rückgrat und Haltung gewinnt, in diesem Sinne eine Heldinreise durchlebt – wer weiß. Alle Übrigen scheinen mir von vornherein derart nebenfigürlich, dass sie kaum mehr über Ein-Heft-Biografien hinauskommen dürften, was keinerlei heldenhafte Progression mit sich bringt. Doch wie viel Heldinreise kann Caysey er- und durchleben? Auch wenn in Sie-Perspektive im steten Wechsel ganze Kapitel aus ihrer Sicht sind, gehen sie – für meinen Geschmack – jetzt auch nicht in die Tiefe, die uns die mentale Lebenswelt einer jungen Atlanterin en detail schillernd exponiert. Daher sind ihre Innensichten nicht so intensiv, um ihre Kompetenzstufenentwicklung mitzufühlen. Es bleibt – bisher! – recht kognitiv empathisch – man kann nachvollziehen auf gedanklicher Ebene, welche soziokulturellen Quantensprünge sie da durchläuft.
  • ATLANTIS 01 – Im Land der Sternengötter

    Hallo Mitwelt!

    Bevor ATLANTIS02 erscheint, kurz vor Toresschluss noch meine letzten Worte zum Auftaktroman der Miniserie. Zu der ist – zumindest für Abonnent*innen der eBooks – mit „Wächter der Tiefsee“ eine kurze Vorgeschichte exklusiv erschienen, die konturiert, wo Perry und Sichu im ersten Roman dann doch hastig hineinstolpern. Derweil liegt dem Hörbuch leider der ATLANTIS-Kommentar nicht bei, auf den ich hoffte. Ohne weitere Worte dann mal geprüft, ob ich mich dieser Einschätzung anschließen kann: „Einer meiner Lieblingssätze: »Die Landschaft tat, als wollte sie Perry Rhodan erschlagen.«“ Worte vom Anfang Kapitel 9. [Coronabedingt und nicht etwa des Umfangs wegen Postingverzögerung um 1-2 Tage. Speedreader haben sicher Nr.02 bereits gelesen]

    Zur Handlung

    Fünf Wochen vor Miniserienstart fasste Der Herr der Hefte es so zusammen:

    Was den Inhalt angeht, so erzählen die bisherigen Exposés und Manuskripte die Geschichte einer ungewöhnlichen Gruppe von »Helden«, die sich zuerst durch die Wildnis eines unerforschten Kontinents schlagen müssen, bevor sie ins All aufbrechen. Dort stoßen sie bald auf Gegner, mit denen sie nicht rechnen konnten, und erkennen, was der Grund für die bisherigen Ereignisse ist. Vor allem Perry Rhodan muss sich die ganze Zeit fragen, ob das, was er tut, in jedem Fall immer so ideal ist …KNF in seinem Blog

    Ben Calvin Hary: „Im Land der Sternengötter: Am Vorabend einer Katastrophe – sie erreichen einen todgeweihten Kontinent“

    Die Handlung setzt in der Gegenwart der Erstauflage, 2069 NGZ, ein, wo in in Atlans musealisierter Tiefseekuppel die Einweihung dieser Begegnungsstätte für Arkoniden und Terraner gefeiert werden soll. Nach einigen technischen Wacklern und Aussetzern erweist sich im Sockel der Kuppel eine Störquelle als ursächlich. Im Ausstellungsraum wiederum taucht inmitten katalogisierter Artefakte ein für Perry Rhodan unbekanntes Objekt auf, das Atlan als Talagon ebenso wiedererkennt wie die Arkonidin Rowena, mit der er es in Verbindung bringt. Beide anscheinend aus der Zeit gefallen, weshalb sie die Verfolgung der fliehenden Rowena aufnehmen, die just zur und dann durch die fragliche Quelle entkommt, nachdem sie Atlan möglicherweise tödlich angeschossen hat. Ihn auf sein Geheiß dennoch zurücklassend, das Talagon aber zurückzubringen, gehen Perry und Gattin Sichu durch den „Schrank nach Narnia“. Nur dass der „Schrank“ ein Temporaltransmitter gewesen sein muss und sich „Narnia“ zunächst als die Tiefseekuppel von 8005 v. Chr. anhand funktionierender, aber seit 13.00 Jahren vergangener Technik erweist. Man findet sich auf der Erde bzw. in den flachen Wassern vor der Küste von Atlantis wieder.

    Sie landen an, treffen dort aber nicht mehr auf Rowena, die wie eine dem Meer entstiegene Rachegöttin mehrere arkonidische Bauroboter am Ufer zerstört hat, sondern auf die göttergläubige Atlanterin Caysey. Zwar hochschwanger, bietet diese den beiden Göttern, die nicht einmal Zauberer sein wollen, ihre Führung an, die sie in erster Quest zu Cayseys Dorf bringen soll. Nach drei Tagen dort angekommen, stellt sich allerdings heraus, dass hochschwangere Caysey nicht grundlos, sondern aufgrund eines Bannfluches aus ihrem Dorf entflohen war, weshalb es statt hilfreicher Aufnahme auch nur eisige Ablehnung zur Begrüßung gibt. Doch auch diese nicht nur deshalb, sondern weil Rowena ihrerseits aus der Gejagten zur Jägerin wurde und den drei Questenden einen Hinterhalt gestellt hat. Als Vertraute des planetaren Gouverneurs stehen ihr anscheinend Mittel und Wege zur Verfügung, die sie auch aufwendet, um die Beseitigung des Talagon, das Perry an einer Kette mit sich herumträgt, zu vollenden. Doch misslingt Rowena trotz Hilfe ihres beratenden Extrasinns auch dies, sie wird überwältigt und bleibt betäubt zurück, während das Trio talagonale die Quest zum nächsten Questort und -figur, einem verrückten Wissenschaftler, fortführt…

    1. Kolonialherrliche Fremdbezeichnungen

    Ein allerletzter Vorab-Gedanke – Wirklich! – dazu, dass Entdecker und Kolonisatoren freimütig zu benennen belieben, egal was und wie sehr es von Ortsansässigen längst benannt worden ist. So Atlantis und indigene Atlanter sowie Atlopolis als späteres Arkonis dem Kolonisator von Larsaf III zu Ehren, Goszuls Planet nach seinem Inbesitznehmer Mehandor-Patriarch Goszul. Unverschämte, infame, anmaßend sich aneignende Akte fremdherrschaftlicher Arroganz! Wenn sie diesseits unserer Geschichte nicht gang und gebe gewesen wären. Ich kann hier science fictional nur an Lems Lokaltermin erinnern, wo es phänomenal auf den Punkt gebracht wird. Als jüngst gehörtes Beispiel hingegen sei verwiesen auf Amonute bzw. Matoaka alias Pocahontas aka Rebecca – die Vielnamen derjenigen Häuptlingstochter der Algonkin im heutigen Virginia (USA), die entgegen mythoverklärender Disney-Verfilmungen schon vor ihrer Pubertät von den anlandenden englischen Siedlern vergewaltigt, dann als Faustpfand wider ihren Vater als Geisel gehalten, sodann nach England verschleppt wurde, wo sie als besagte Rebecca zwangsgetauft und -verheiratet als Vorzeige-„Edle Wilde“ herumgereicht wurde. All das nahm ihren Anfang in Jamestown (vormals: James Fort), den anfänglichen Hütten mit Palisade drumherum, am James River gelegen. Je benannt zu Ehren des englischen Königs James I. In Unkenntnis oder vielmehr Ignoranz lokaler Bezeichnungen durch die Algonkin. Nur wer besagten Disney-Film noch vor Augen und bei all dem Musical-Gesang noch im Ohr hat, kann jetzt mit der Realität abgleichen, in der der zwangsbeglückende Königstochterraub zum Gründungsmythos nur allzu oft dazugehört (hat?).

    Und wo man sich kolonialherrlich dazu herabließ, sich der lokalen Namensgebung zu befleißigen – wie im Falle von Machu Picchu -, hat man offenbar nie richtig hingehört… 😀 Huayna Picchu die nachsichtlich wohl gebräuchliche Bezeichnung der berühmten Inka-Stadt. Merke: Entdecker und Kolonialherren sind in der Beschreibung der Welt echte Nullen! Genau wie Ijon Tichy, der den Vergnügungssatelliten von der mit der Hauptwelt Entia allen Ernstes verwechselt hat…

    2. Déjà-vu des Anfangs

    Dem Anfang liegt ein Zauber inne – oder aber ein Déjà-vu: das nicht im engen Sinne des Wirklich-Gleichen, aber des Merklich-Anverwandten, was den Auftakt angeht: der Hauch der Erinnerung geht ins letzte Jahr zurück, als die achte Miniserie: WEGA wie stets zwölfbändig erschienen ist. Und Heftroman 01 beginnt insofern auffallend ähnlich, als dass man sich auch zu Feierlichkeiten einfindet. Hier ein Sonnensystem weiter, im gleichnamigen Wega-System der Ferronen, wo einst die Spur durch Raum und Zeit des (Ersten) Galaktischen Rätsels bis zur Heimat- und Ankerwelt der Superintelligenz ES und zur Unsterblichkeit führte. In Gedenken der damals – ab 1976 n. Chr. – zusammenführenden Zeiten, des bis heute andauernden Bündnis zwischen Ferronen und Terranern hielt der Tort, lokaler Machthaber königlicher Art, ein Fest in seinem extra museal nachgebauten Palast ab. Doch dann überschlagen sich auch hier die Ereignisse, statt bloß technischer Wackler und störstrahlender Temporaltransmitter bricht hier eine feindlich gesinnte Flotte über die Feiernden zusammen. In wilder Flucht entkommen – ebenfalls paarweise – die Terraner in realitätsgewordener Nostalgie durch Transmitter nicht im Sockel, aber in den Kellern des Palastes. Die einen schleudert es auch temporal durcheinander, die anderen wohl nur durch unbekannte Räume. Von da an wird alles anders, so wird Perry bspw. durch einen höchst unangenehmen, mordbübischen „Bastardprinzen“ verfolgt und hat nichts in Händen, das er wem auch immer zurückbringen sollte. Hier endet das Déjà-vu!

    Es beginnt beide Male nostalgisch, an Orten, zu Anlässen des besinnlichen Feierns der guten alten Zeiten und oller Schicksalsgenossen zu Ehren, um dann ins Katastrophische handlungshineinsaugend zu kippen… Damit liegt auch die Perry Rhodan-Serie im Trend der Zeit, sich der Nostalgie zu bedienen. In den Mikrokosmen der Miniserien lässt man Retrotopien im neuen Gewand auferstehen, die die Allesimmerschongelesenhabenden und sich stets präzise ausweisenden Altlesenden wonnig aufseufzen lassen. Diese Art erzählender Miniserien als ‚Stammesfeuer der Leserschaft‘, an der sich auch Neulinge wärmen und sogleich vom Altguten hören können. Doch die Erzähltradition seriengewordener Mythen (Galaktische Rätsel/Unsterblichkeit, Atlantis, ???) werden sogleich auch entzaubert, da an die altgedienten Orte Fremdneues gelangt und es in der altbekannten Struktur erschüttert, aufbricht, durcheinanderwirbelt. So durchwandern wir ja kaum ein Kapitel kurz statt auch nur ein Heftroman lang die musealen Orte als Horte der Erinnerungen, folgen weder dem ferronischen Tort noch beuteterranischen Atlan in ihrem herausgeputzten Wandelgängen durch die alte / miterlebte Geschichte. Kaum ein paar warme Worte der alten Zeiten wegen zu lesen / hören, endet die Gemütlichkeit und aus Nostalgie wird Provinienznachforschung in mitnahmementalen terranischen Anfangszeiten. Und die Humboldt-Foren des Perryversums müssen ihre erinnerungskulturellen Sammlungen neu oder erstmals ordnen und sich den ‚Geistern der Besammelten‘ stellen. So gelesen, sind die Miniserien motivisch topaktuell auch in dieser Hinsicht. Sie greifen Serienvertrautes auf, um es aber zugleich zu aktualisieren. ‚Progressive Nostalgie‘, wenn man so will. „Zurück in die Zukunft“, wie man es nennen müsste, wäre die Assoziation nicht schon besetzt. Anderswann mal näher zu beleuchten und entlang aller neun Miniserien durchzudeklinieren. Zu vermuten, das sich gewisse Spannbreiten bei den ‚Prostalgien‘ erweisen, wie weit der serieninterne Mythos zurückliegt und ob sich das Ergebende aus der Miniserie als im Weiteren mythoserweiternd etabliert oder doch nur eingekapseltes Mikronarrativ bleibt. Eine mythomotorisch eher warme Option, den Serienmythos durch fortschreibende Wiederholung in Erinnerung zu halten, in seinem Kanon-Status zu bestätigen sowie ihn eben doch zeitgemäß anzupassen. Damit wären wir nur zu passend bei einem …

    3. Futurchronismus – narrative Chronoferenzen

    …Futurchronismus, wie ich es ungelenk auf den Begriff bringen will. Abgekupfert von Anachronismus, wo in ersonnener Zukunft Altbestände wie aus der Zeit gefallen vorkommen. Mein Futurchronismus sollen aus der Zukunft zurücktransferierte Objekte meinen, die in der (Handlungs-/Serien)Vergangenheit futuristisch deplatziert, zu zukünftig erscheinen.

    So sehr nach obigen Überlegungen sich reproduzierter Serienmythos und adaptive Fortschreibung in den Miniserien die Klinke in die Hand geben, so sehr prallen damalige Erzählwelten und -weisen der 1960er Jahre mit den heutigen Erzähl- und Schreibstilen zusammen. Diese bedienen sich auch zusätzlich noch zum Teil enorm anderer Figurenkonstellationen zum Bevölkern der Handlungswelt, wie sie damals unüblich waren. Konkret: Frauen! Dann und wann die eine oder andere, aber in damaligen Frauenbildern ausgemalt. Bestes Beispiel Perry jetzige Partnerin Sichu, die trotz Heirat bspw. ihren Nachnamen Dorksteiger ohne Anfügung von Rhodan beibehalten hat, schon demnach also sehr eigenständig geblieben ist. Das lohnt sich mit Rhodans vorigen Frauen abzugleichen (Thora Rhodan da Zoltral, Mory Abro-Rhodan), die nicht halb so zahlreich sind wie die Atlans, die aber selbst nach ganz anderem Beginn immer als ‚Frau an Rhodans Seite‘ endeten. Auch da, wenn denn überhaupt erwähnt, geschweige denn als Handlungsfigur tragend. Das hat auch an einem Mangel an Autorinnen gelegen, wo daher ausschließlich Männer die längste prägende Zeit für Männer und an Männer geschrieben haben. Darum geht es mir in diesem Abschnitt zwar gar nicht, aber hervorhebenswert wichtig ist es dennoch. Denn die Mythen werden allein dadurch schon aktualisiert, indem nun Frauen die ‚Mythenwelt‘ bevölkern in zuvor nicht gehabter Quantität, vor allem aber handlungsrelevanter Qualität.

    Mir geht es aber um Folgendes: Hologramme! Sie kommen in ATLANTIS01 gleich mehrfach vor. Richtigerweise in der anfänglichen handlungsgegenwart, wo sie längst etabliert sind. Auch nachvollziehbar im Rahmen von Omen 4, wo mutmaßlich ohnehin höhere Mächte am Werk und involviert sind, für die dreidimensionale Hologramme das Geringste an technischer Spielerei sein dürften. Bis hierhin alles im Lot. DANN ABER: Hologramme tauchen selbstverständlich im Einsatz auf und zwar an Orten und vor allem Zeiten, dort und dann es gemäß Serienkanon, laut der originalen Heftromane keine Hologramme gegeben hat. Ich höre zur Zeit den für viele legendärsten Meister der Insel-Zyklus nach, Heftromane 200-299 bzw. Silberbände ab Nr. 21. Da sind wir im Handlungsjahr ab 2400 n. Chr., gut 400, fast 450 Jahre nach dem Aufbruch der Menschen ins All (1971). Seither haben sich die Terraner – man muss es so deutlich sagen – alles entliehen und herbeigeklaut, was an Technik herbeizuholen war. Doch auch nach 400 Jahren terranischer Technikentwicklung gibt es immer noch nur Bildschirme und zwar flache ohne auch nur effektheischende Wölbungen. Das Beste, woran man geraten kann, sind Panoramabildschirme, die rundherum laufen und so in ihrer Zweidimensionalität den sich drehenden Betrachter wenigstens eine 360° Perspektive bieten. Das ist jedoch das höchste der optischen Gefühle, derweil Antriebe, Defensiv- und Offensivwaffen zyklusweise anschwollen. So kann man bspw. innerhalb kürzester Zeit die Reichweite des Überlichtantriebes von 0,6 auf 1,0Mio. Lichtjahre vergrößern, um technisch einwandfrei die Kluft zwischen den beiden Galaxien Milchstraße und Andromeda zur Hälfte zu überbrücken.

    Und wenn wir in die Anfangszeit der Serie, Zyklus01 Die Dritte macht, zurückgehen: das arkonidische Reich liegt am Boden, seine hegemoniale Bevölkerung ist degeneriert und zur Regierung des Sternenreiches gar nicht mehr imstande. Dennoch ist als letzter Akt technischer Innovation radikaler Art das bis dahin größte Raumschiff der Flotte, um 8.000 v. Chr. wider die „Methans“ entwickelt, ein 800m durchmessender Kugelriese [IMPERIUM- bzw. Ark. TUSSAN-Klasse] noch um die Testbauten zweier Überriesen ersetzt worden: fast doppelt so durchmessende 1500m Kolosse, die – by the way – die Terraner sogleich zu ‚entleihen‘ verstanden. Nicht von 800 auf um 25% gigantomatisierte 1000m Kugelgiganten vergrößert, nein, man quantenspringt exzessiv. Derlei ist möglich, aber Bildschirme auch nur mit 3D-Effekt sind undenkbar, keinmal beschrieben, nicht mal mit schlecht sitzender Brille visualisierbar.

    Dabei hätte sich schon von Heft0001 an ein Hologramm angeboten: so beschleunigte sich die Degeneration der Arkoniden noch durch sog. Fiktivspiele, deren süchtig machender Gebrauch ganze Raumschiffsbesatzungen an aktiver, zielführender Tätigkeit abhält, während sie paramechanisch ihre Gedanken in Form abstrakter Symbole und eigenwilliger Klangkompositionen ausdrücken. Das ausdrücklich aber auf Fiktivspiel-Bildschirmen, zu mehr es trotz der zugrunde liegenden Technik nicht gereicht hat. Diese Fiktiv-/Simulatorspiele und ihr degeneratives Suchtpotenzial nehmen schon ab dem 08.09.1961 alles vorweg, was im Laufe der Jahrzehnte gegenüber Computerspieler*innen vorgebracht worden ist – eskapistische Realitätsflüchte mit Suchtfaktor. Einzige Ausnahme einer 3D-Simulation ist das buchstäblich einmalige Observatorium der Oldtimer auf Impos, das die Milchstraße in beeindruckender Genauigkeit dreidimensional simulierte, bevor es bald nach der Entdeckung auch schon wieder zerstört war. Laut Perrypedia ist erst mit Heft 953 aus dem Realjahr 1979 und dem Handlungsjahr 3587 n. Chr. ein Hologramm ersterwähnt und eingesetzt worden – 18 Real- und fast 1600 Handlungsjahre nach Serienstart.

    Doch in ATLANTIS kommen Hologramme im Regierungssitz, wo Rowena bestimmmächtig ein- und ausgeht, genauso selbstverständlich vor wie in den ersten drei Omen, die vermeintlich genauso in identischer Vergangenheit angesiedelt sind. Kanonisch ärgert mich das ungemein, ist aber andererseits voll und ganz nachvollziehbar, wieso man hier – meines Erachtens – Fünfe gerade sein lässt. Denn gerade wegen obig skizzierter technischer Quantensprünge Zyklus für Zyklus, wie bezüglich Antriebe und Waffen aller Art jederzeit möglich, ist es derart wirrsinnig, diese Art astronavigatorisch und noch mehr militärisch nützliche Technik nicht auch erfunden zu haben. De facto haben die Gründer der Serie sich intergalaktische Weiten, Raumschlachten zigtausender Kampfraumer, Zeitreisen und so vieles mehr imaginieren können, nicht aber so viel alltagsnähere Technik. In unserer breiten Gegenwart sind seit AVATAR im (Heim)Kino 3D-Effekte längst möglich, wenn auch weiterhin nicht wirklich etabliert; lassen sich sogar Wärmedisplays zur taktilen Simulierung von 3D-Strukturen startuppen. Weil unsere Realität in solchen ‚Details‘ sich derart enorm weit über damalig perryversal als möglich Denkbares hinaus entwickelt hat, wäre eine 8.000 v. Chr. spielende Miniserie unfassbar anachronistisch und oldestschool, wenn sie von hyperschnellen Raumschlachten und planetaren Besiedlungen über Lichtjahrtausende hinweg berichtet, aber noch halb analog mit Lochkarten und verpixelten Röhrenbildschirmen arbeitet. Alle Neuleser*innen wären entsetzt und verstünden vermutlich gar nicht, worum es da geht, ob das Science Fiction oder Ulk sein soll. Man schreibt fürs gegenwärtige Publikum, egal wie viele altgediente Stammleser*innen darunter sind. Da bedarf es mancher Zugeständnisse. Wir kommen seit Jahrzehnten zwar nicht mehr bis zum Mond, basteln aber an Quantencomputern und Quanten-Memristoren, haben es zu 8k Bildschirmen geschafft und können mindestens per Brille selbst daheim 3D simulieren; von Virtualisierung per Gockel Glass & Co gar nicht erst zu reden. Aber von sich eingenommene arkonidische Imperialisten bedienen bloß analog-mechanische Steuerpulte, reichen Lochkarten händisch zu Verarbeitungsmodulen weiter und müssen per Schalter manuell Bild und Funk umständlich zuschalten. All das WAR Standard zu Serienbeginn, ließe sich bei aller Nostalgie aber nur noch an ein Häuflein rigorosester Minimalpuristen verkaufen.

    So kommt es zu ’narrativen Chronoferenzen‘ (analog zu physikalischen Interferenzen), wo sich innerhalb der Erzählung (=narrativ) ungleiche Zeiten überlagern, erzähltektonisch ineinander übergehen und sich gegenseitig verschieben. Da drängen intradiegetische (Wirkmächte innerhalb) und extradiegetische (Wirkmächte von außerhalb der Erzählung) ins Geschehen und beanspruchen je eigene Zeitlogiken. Wer will, kann bei Star Trek DISCOVERY nachschauen, die wirrsterweise 10 Handlungsjahre vor gründungsmythischer TOS-Serie (Raumschiff Enterprise mit Kirk, Pille und Spock) spielt, rund 50 Realjahre nach erster Star Trek-Serie mit modernsten Tricktechniken inszeniert, was mit Röhrenbildschirmen damals unzeigbar war. Dem Prinzip nach ein- und dasselbe Problem, nur um den visuellen Faktor nochmal potenziert. Bei uns hier geht es nur um angelegentliche Erwähnungen schriftlicher Art, die man sich nach Belieben vorstellen kann. Daher: bei aller unwilliger Irritation. Jaja, holographiert meinetwegen die alten analogen Zeiten, wie es narrativ passt!

    4. Das Arkonidische – eine herrschaftliche Sprache

    Nach so grundsätzlichen Überlegungen jetzt eine Randbeobachtung, die zugegeben nichts zur eigentlichen Handlung beiträgt, mir aber mit Interesse auffiel. Nachdem Rowena dem Meer entstiegen und auf Caysey getroffen war, reden beide miteinander. Und mit dem Hochmut einer privilegierten Arkonidin gegenüber einer Wilden stellt Rowena für sich fest: das Arkonidisch habe weniger Kasus als das Atlantische. Und das denkt sie, nur so kommt es bei mir an, als wäre das ein Unding und spräche gegen die Sprache der Atlanter. Noch so randständig linguistische Einschübe gibt es in der Perry Rhodan-Serie so gut wie nie, schlicht weil kein Sprachprofessor Tolkien perfektionistisch mitschreibt. Anderes steht im Vordergrund, nicht ein linguistic turn, obwohl es da spannende sprachliche Verwandtschaftsbeziehungen gäbe. Im Laufe der Zeit ist dann doch ein gewisser Duden des Arkonidischen bzw. Satron =Ark. für: Same Arkon Trona =Hört Arkon Sprechen zusammengekommen, wobei primär nur lexikalisch, also als losgelöste Vokabeln; sehr wenige Sentenzen, die wohl kaum die regulär gebräuchliche Grammatik widerspiegeln. Daher umso interessanter, wenn dann doch eine Aussage hierzu gemacht wird. Da ich kein Linguist bin, kein Arkonidisch aus dem Ärmel erfinden könnte, kann ich jetzt höchstens sprachsoziologische Ideen äußern, was weniger Kasus bedeuten. Eine schnörkellosere Sprache, die ohne viele Wenn und Aber nicht umständlich herumdekliniert, sondern mit imperial-militärischer Schnittigkeit auf den Punkt kommt. Eventuell eine grammatikalische Eigenheit dieser Zeit, die derart militärisch durch dem „Methankrieg“ bis in die Tiefenstrukturen der Gesellschaft geprägt ist. Offen bleibt allerdings, ob es sich um das Satron als Lingua Franca des Tai Ark’Tussan handelt, der Verkehrssprache als Satron-I, oder der Hofsprache der Adligen als Arkona-I. So wie Rowena auftritt und rüberkommt, zählt sie nicht zu Hofadligen, befindet sich ohnehin auch an keinem Hof, sondern bei Caysey am Strand. Gehen wir daher von Satron-I aus, das im Sprachkontakt nicht nur mit humanoiden Völkern und arkonoiden Sprechapparaten zum Einsatz kommt. Das müsste daher ohnehin ziemlich flexibel einsetz- und anwendbar sein und kann sich gar keiner schwer aussprechbaren Schnörkel zur Zierde bedienen. Dies umso mehr, da dies dem Hofadel obliegt, dieser sich durch feine Sprachunterschiede vom einfachen Volk und erst recht Kolonialarkoniden oder gar Fremdvölkern distinktiv absetzt. Der Ton macht die Sprachmusik.

    Worüber sich Rowena jedoch nicht verwundert, verwundert mich. Erst recht, da sie doch einen Logiksektor als Extrasinn hat. Ein paar Kasus weniger beim Arkonidischen bzw. mehr beim Atlantischen – schön und gut. Aber das sind doch marginalste Unterschiede, die als Ausnahme der Regel nur umso supernovaheller machen: das klingt doch erschütternd verstehbar. Wie kann das sein? Eher actionorientierte Rowena hat hier keinerlei ethnologisches Interesse. Was außer Perry Rhodan und Sichu Dorksteiger als Hinzukömmlinge aus der Zeit niemand wissen kann: das Atlantische ist eine postapokalyptische Form des Lemurischen, Lemuu, der Sprache des Volks der Lemurer, die nahezu 40.000 Jahre zuvor auf der Erde lebten, die damals noch Lemur geheißen hatte. Perry wiederum kontaktiert Caysey auf Tefrodisch, das für sie komisch klingt, aber verständlich ist. Die Tefroder als Sprechende des Tefrodisch wiederum sind lemurische Auswanderer, genauer gesagt Flüchtlinge aus der Milchstraße nach Andromeda gewesen. Mit leichten Abweichungen vom ursprünglichen Lemuu entstand das Alt-Tefroda, das sich im Weiteren zum Tefroda, wie es dann zu obig erwähnten Zeiten der Meister der Insel gesprochen wurde.

    Kurzum: wir haben hier en masse Abstammungslinien von den Lemurern als auch deshalb so genannter Ersten Menschheit, aus deren Sprache sich wiederum zahlreiche Dialekte, sodann eigenständige Sprachen entwickelten. Wenn daher sowohl Rowena – mit noch so viel Herablassung – und dann auch Perry mit ungeschulter Atlanterin Caysey gut kommunizieren können, ist das mal kein billiger Trick, kein ‚deus ex lingua‘: Es klappt, weil es muss… Das ist perryversal vielmehr sehr gut nachvollziehbar und ist entlang lemuridischer Verwandtschaften sogar sehr gut bedacht. Nur zu schade, dass trotz dieser grundsätzlichen Festlegungen und einiger rudimentärer Wortschätze keine der perryversalen Sprachen je wie das Klingonische oder Sindarin kunstversprachlicht wurde/werden konnte. Bin zwar so gar nicht sprachenbegabt, wäre dennoch nur zu interessiert! Falls das für jemanden Motivation ist…

    Es heißt immer nur, alle post-lemurischen Sprachen zeichneten sich durch Lautverschiebungen aus, ohne dass es dafür gute Beispiele gibt oder ich sie aus den kleinen Wortschätzen herauslesen könnte. So gibt es für die Atlanter*innen das mythische Wesen Vrutu, das im Alltag eine religiös orientierende Rolle spielt. Rowena wiederum kennt nur Vratu, das/der ein Mythenwesen des Arkonidischen ist. Jetzt war ich mir haluterfest sicher, dass dem so ist, Vratu eine Art Drache sein soll, finde in der Perrypedia jedoch nichts hierzu. So oder so, eine Laut- als Vokalverschiebung von u zu a hat stattgefunden, lässt sich Verwandtschaft noch durchhören. Doch während Vrutu wirklich alltags- und handlungsrelevant ist, ist Vratu nur noch Popkultur, die für Traditionalisten noch von Bedeutung sein mag.

    5. Das Talagon oder Talanis, Kontinent der Schmetterlinge

    Das Talagon – das Geheimnis schlechthin der Miniserie. Ich habe keinerlei Ahnung, was es und von wem es ist. Der Beschreibung nach ähnelt es VERDÄCHTIG einem Zellaktivator / Zellschwingungsaktivator alter Prägung: ein eiförmiges, ähnlich großes Gebilde, das am Körper getragen das tragende Lebewesen relativunsterblich macht. Inzwischen längst durch Zellaktivatorchips (ZAC) ersetzt, die am Schlüsselbein eingesetzt und weniger leicht zu entwenden sind. Aber das Talagon solle sich öffnen lassen können, wenn denn eine passende Energiesignatur zugegen sei. Das ist für einen ZA niemals vorgesehen, da wird nichts geöffnet. Demnach scheint das Talagon eher eine Kapsel als Informationsspeicher o.Ä. zu sein. Nur von wem? Etwa von dem ‚Expeditionsleiter‘ mit reichlich schlechter Laune aus Omen 4? So wie seine Wut und persönliche Motivation vor Ort geschildert wird, wurde ihm das Teil entwendet. Nur von wem das wiederum? Die Szenerie von Omen 4 gemahnt für mich an einen Raumer der Kosmokraten, an eine Kobaltblaue Walze – mit eines der allermächtigsten Schiffe im Universum Oo Damit würde man aber ganz ins oberste Regal perryversaler Kosmologie greifen, um die Erzählung zu fundieren. So wichtig war Atlantis und das Geschehen dort, dass sich höchste Wesenheiten einfinden? Denn ein Auftrag wiederum höherer Herren hat den zornigen Talagon-Sucher dorthin entsendet. Rätselhaft!

    Und Perry erwähnt DIE Assoziation, die bei Talagon plus Atlantis aufkommt: Talanis, die Insel der Schmetterlinge. Doch damit führte die Spur unendlich weit zurück, bis in die frühe Zeit der Superintelligenz ES im 18. Jahrmillion Before Present! Ich hatte letzte Mal zwar wildwüst spekuliert, ob nicht etwa Tonth, der Atlan überhaupt erst ins Larsaf-System rief, alles auslösender Sendbote von ES sein könnte. So wenig es auch nur Indizien hierfür gibt – Sherlock Holmes wäre entsetzt 😀 -, könnten die Verstrickungen in ATLANTIS Jahrmillionen umspannen. Fakt ist, dass Gegenwarts-Atlan das Talagon erkannt und Perry zu seiner Zurückbringung beauftragt hat. Das könnte er nicht, wüsste er nicht um es. Daher nehme ich an, dass alle Wege weiterer Handlung zu Atlan führen, der es entgegennehmen muss. Nur darf er das weder von Perry noch Sichu ausgehändigt bekommen, da er mit fotografischem Gedächtnis und triggernden Extrasinn sich sonst 2040 n. Chr. an Perry hätte erinnern müssen, als sie sich begegneten. Zeitparadoxa, diese verfluchten!

    6. Die homodiegetischen Damen

    In Sie-Perspektive erfahren wir von den beiden homodiegetischen, handelnden Figuren, die für Perry und Sichu von großer Wichtigkeit sind. Für Caysey fürchte ich aber, dass sie figürliches Mittel zum Zweck bleibt, auf Zeit wichtig ist, um als mutmaßliche Empathin, ggf. sogar Telepathin zugunsten Rhodans einzugreifen. Sie kann gleich einem Orakel Vor-Wissen erlangen, dass sich die zeitgestrandeten zu Nutze machen können. Ihre Rolle wird so beschrieben:

    Aus einem Stamm von Menschen, die auf dem Kontinent Atlantis siedeln, kommt Caysey. Die mutige junge Frau wird nicht unbedingt aus freiem Willen in die Geschehnisse hineingezogen. Als jemand, der buchstäblich aus der Steinzeit kommt, muss sie sich mit moderner Technik, mit Robotern und Raumschiffen etwa, auseinandersetzen …Drei weibliche Hauptfiguren

    Vielleicht täusche ich mich aber auch. So ist ihre Schwangerschaft zum Beispiel auffallend exponiert, erst recht wie leichtfüßig sie sich trotzdem durchs Gelände bewegt. Was für ein Kind das wohl wird? Und von wem?

    Demgegenüber Rowena, die mir schon qua Rolle und potenziellen Kompetenzen – wenn sie denn mal emotionsärmer auf ihren Extrasinn hören würde – wesentlicher erscheint. Sie ist es, die das mysteriöse Talagon ‚entsorgen sollte – wer auch immer ihr den Auftrag gab und wieso sie sich nicht nachhaltiger darüber wundert, wo sie kurzzeitig jenseits der ‚Zeittür‘ gelandet war. Für wen sie da die Entsorgerin gespielt hat, dürfte noch entscheidend werden. Ich vermute, dieser abgelegen hausende, als verrückt beschriebene Wissenschaftler wird da seinerseits maßgeblicher Mittler sein. Ihre Rolle wird im Übrigen so skizziert:

    Ein ganz neuer Charakter ist Rowena. Die Arkonidin, über die man anfangs nichts weiß, erweist sich schnell als die Person, die alle weiteren Ereignisse auslöst. Von Perry Rhodan wird sie als Gegnerin betrachtet, weil sie sich auch so verhält – aber welche Gründe bewegen Rowena eigentlich, den Terraner so erbarmungslos zu jagen?Ebenda

    Doch anderes finde ich vorerst interessanter: sie kann ein- und ausgehen beim lokalen Gouverneur, der nicht Atlan ist, dem sie als schweigsame graue Eminenz aber manipulativ zu lenken versteht. Offensichtlich, weil er ein gieriger Lüstling ist, den sie schamlos lockt, was für einen Typen wie ihn schon zu reichen scheint. Dass sie wiederum Extrasinn-Trägerin ist, zeichnet sie als arkonidische Elite aus, da größtenteils nur „reine Arkoniden“ aus hohen Adelshäusern sich die Prozedur leisten können. Dass sie dann jedoch nicht in hohem, offiziellem Rang und auch noch abseits von allem tätig ist, fällt auf. Am Wichtigsten aber ihr beiläufiger Gedanke, dass sie vor 20 Jahren in Diensten und auf der Seite von Orbanaschol gestanden habe. Orbanaschol, seines Zeichens der Dritte seines Namens, Imperator über das Tai Ark’Tussan von 8040 bis 8020 v. Chr., Usurpator, Mörder seines Halbbruders, der als Gonozal VII. Vater von Atlan gewesen ist!!! Davon erzählt der Atlan-Zyklus: Der Held von Arkon, den es als die Jugendabenteuer auch in Buchform der Blaubände gibt. Sie erzählen davon, wie der kleine Atlan gerettet werden kann und als junger Mann die Rückeroberung des Throns erzwingt. Einen Thron, den er dann seinem Oheim anvertraut, der als Gonozal VII. weiterregiert, während Atlan Kristallprinz bleibt und Flottenadmiral wird. In dieser Konstellation gelangt Atlan nach Larsaf, etwa 20 Jahre nach der Niederschlagung der Usurpation. Und jetzt ist eine Putschistin wider Atlans Vater quasi ‚am Hofe des Kristallprinzen‘, auf dessen höchst eigener Insel-Welt??? Allein das ist schon auserzählenswert genug. Doch sie ist dann noch zutiefst verwickelt in die Causa Talagon, worauf eines der Omen auch nochmal explizit hinweist. Als gäbe es da eine Verschwörung, Machenschaften, die in Atlans Rücken (oder ggf. während seiner Abwesenheit von Larsaf?) gesponnen werden. Ob Doppelgänger oder nicht, dass sie freimütig auf Atlan schießt, ihn der Beschreibung nach tödlich verletzt, scheint so unmöglich nicht.

    7. Ein erstes Fazit von Zwölfen

    Längste Rede, trotzdem ein Sinn. Wie finde ich es denn jetzt? Gut! Ein assoziationsprallgefüllter Erstling, in dem man schon fast zu viel zu entdecken GLAUBT, was auch Spuren in Zeitraumfallen sein könnten;-) Zeitweise dachte ich beim Lesen, wir wären in einem Paralleluniversum, vor allem die ersten drei Omen danach klangen. Atlan tot?? Gefallen im Methankrieg? Kann nicht sein! Pure Propaganda oder Stille Post in den Nebeln des Krieges, wo jemand ggf. nur zu gerne glauben will, dass dem so sei. Doch der Flottenadmiral kommt vor, so viel ist geklärt. Wer die ‚Talagonisten‘ rund um Rowena sind, erahne ich nur vage anhand der Erwähnung von Orbanaschol. Sich rächende Rache, eine Halbbruderfehde über den Tod hinaus, als wären wir in einer isländischen Saga. Und wer da Larsaf III. anfliegt – rätselhaft. Gespottet habe ich in der Handlungszusammenfassung ja schon, dass es doch arg wie eine Rollenspiel-Quest anmutet, wo man purzelbäumig in die Handlung stürzt, um vor Ort – Atlantis – vorerst lang- und umwegig herumzulaufen in der Hoffnung auf weiterhelfende Questfiguren. Doch wie anders machen? Agatha Christie gleich alles in einem Raum / Gebäude stattfinden lassen? Denkbar gewiss – nur dann hätten wir die Unterseekuppel nie verlassen brauchen, die sich dafür optimal angeboten hätte. Questhelfer halten sicher zahlreich Domizil in der Festung Arkonis, wie Lucy Guths Erstbeitrag zur Serie in schöner Reminiszenz lautet. Doch inwieweit ist Arkonis, die atlantische Hauptstadt der Arkoniden eine Festung? Festung zum Schutz, zur Verteidigung und zum Abhalten von wem? Ein paar edlen Wilden der Entwicklungsstufe A-3, bloßen „unterentwickelten Kreaturen“? Wohl kaum. Ich bin gespannt wie ein Zen-Bogen…

    Epilog: Weitere Hintergründe – eine allererste Spur

    Folgendes zugegeben nicht mehr präsent gehabt, falls ich es je so bewusst erlesen hatte. Aber Atlantis wurde nicht in vielzitiertem Heftroman 60 Festung Atlantis ersterwähnt, sondern hatte einen Vorgriff bereits im Heftroman
    Die Venusbasis: „Sie erreichten die Venus und stießen auf ein Geheimnis, das älter als die Menschheit war…“ Zur Handlung: nachdem erste außerirdische Gegner (Fantans, Individualverformer) abgewehrt werden konnten, nahm „die Eroberung des Alls“ Fahrt auf, der erste Flug der Menschheit über die Mondbahn hinaus gen Venus stand an. Dort jedoch unverhofft von einer „Venusbasis“ und vermeintlichen lebenden Gegnern zur Landung gezwungen, kämpfen sich Rhodan und BegleiterInnen bis zum Stützpunkt vor, der sich als Standort der Venuspositronik und ihrer exekutiven Roboter erweist: „Der »Kommandant« – Seit 10.000 Jahren erfüllt er seine Pflicht, ohne müde zu werden.“ Wie es gut bestromte Technik zu tun pflegt;-) Und sobald die „Venusbasis“ eingenommen werden konnte, der Mensch Rhodan statt des Arkoniden Crest als Kommandant Anerkennung gefunden hatte, erfahren die staunenden Menschen und irritierten Arkoniden die Geschichte dieser arkonidischen Hinterlassenschaft:

    „Dieser Stützpunkt“, begann Crest, „ist nach Ihrer Zeitrechnung etwa zehntausend Jahre alt. Nach der Geschichte des Galaktischen Imperiums stammt er aus der Periode der ersten Kolonisation. Die Kolonistenflotte, die sich auf diesem Planeten niederließ, hatte ursprünglich ein anderes Ziel. Sie unterbrach ihren Flug, weil den Kolonisten der dritte Planet dieses Systems ein erstrebenswerterer Hafen zu sein schien als die Welt, die man ihnen nach den arkonidischen Sternkarten zum Ziel bestimmt hatte. Da sich jedoch beim Anflug herausstellte, daß der dritte Planet – Ihre Erde! bewohnt war, landete die Flotte zunächst auf der Venus und bereitete die Besiedlung der Erde von dieser Welt aus vor. Dabei entstand, gewissermaßen als Ausweichstation, die Festung, in deren Innerem wir uns jetzt aufhalten. Die Arkoniden – die Chronik spricht von zweihunderttausend – besiedelten auf der Erde einen Kontinent, den es nach meinem Wissen heutzutage nicht mehr gibt. Er bildete damals, vor zehntausend Jahren, den Überrest eine Landbrücke zwischen den afrikanisch-europäischen und den amerikanischen Landmassen. Das Kolonistenreich war jedoch nur von kurzer Dauer. Sie werden sich über die Ursachen der Katastrophe, die das Reich vernichtete und die gesamte Erde in Mitleidenschaft zog, später in Einzelheiten informieren können. Auf jeden Fall entgingen nur fünf Prozent der Arkoniden der Katastrophe und kehrten zur Venus zurück. Sie berichteten über einen Angriff Unsichtbarer. Es ist klar, daß sie damit nur persönliches Versagen entschuldigen wollten. Damals verfügte der Venusstützpunkt noch über eine halbe Flotte raumtüchtiger Fahrzeuge – raumtüchtig in dem Sinn, daß die Schiffe fast ohne Zeitverlust jede beliebige Entfernung zurücklegen konnten. […]Crests Erklärungen Rhodan und Co gegenüber in PR0008 Die Venusbasis von Kurt Mahr

    Genauer gesagt, zitiert nach Silberband 002, der Hardcover-Buchzusammenfassung der Heftromanserie mit angelegentlichen Anpassungen. Denn im originalen Heftroman sowie der regulären ebook-Version (der sog. 6. Auflage) waren diese beiden Sätze NICHT schon enthalten: „Sie berichteten über einen Angriff Unsichtbarer. Es ist klar, daß sie damit nur persönliches Versagen entschuldigen wollten. “ Im Wissen um Atlans Erinnerungen an interplanetare Raumschlachten mit den Druuf aus vielzitierter Nr. 60 Festung Atlantis ist dieses Foreshadowing für SiBa-Leser*innen eingefügt worden, wovon man zur Realzeit des zugrunde liegenden Heftromans noch nichts wusste. So hat man mitunter Kreise geschlossen, die ursprünglich offener angelegt waren.

    So oder so faszinierend, dass und wie Exposé-haft präzise schon stolze zweiundfünfzig Hefte und ergo exakt ein Realjahr zuvor der Mythos bereits in die Serie noch überlesbar eingeflochten worden ist. Damaliger Kommandant arkonidischer Kolonisierungsbemühungen, Atlan, noch ungenannt; der Rest ist in dieser Kürze präzise angelegt. Umso verwirrender für mich, dass ich es nicht präsent hatte, hierhin nicht meine erste Assoziation (unbetreut) führte, da ich SiBa002 schon mehrfach hörte; außerdem Rhodan auf Crests Bericht hin Atlantis für sich doch noch beim Namen nennt:

    Rhodan war von dem Bericht als solchem weniger beeindruckt. Was ihn ruhig und beinahe andächtig machte, war die Tatsache, daß hier – aus den Überlieferungen einer außerirdischen Intelligenz – zum erstenmal ein Hinweis auf die Existenz des sagenhaften Reiches ATLANTIS auftauchte. Nicht anders, glaubte Rhodan, konnte der Bericht über das Kolonistenreich auf dem Erdteil zwischen Europa-Afrika und Amerika verstanden werden. Ein Lächeln lief über Rhodans Gesicht, als er daran dachte, daß die Arkoniden, die der Zufall vor einem Jahr hatte auf dem Mond landen lassen, jetzt offenbar nicht nur für die irdische Technik ein unschätzbarer Gewinn waren, sondern ebensosehr für die Geschichtswissenschaft, insofern, als sie mit ihren eigenen Aufzeichnungen in der Lage waren, eines der am wenigsten beleuchteten Gebiete der Menschheitsgeschichte – das Reich ATLANTIS und die Vorgänge während der Sintflut – so aufzuhellen, daß alles sichtbar wurde. Rhodan nach Heftroman 0008 bzw. Silberband 002

    Kann meinen Lapsus nur so erklären, dass ich mich vor allem beim Ersthören noch so überhaupt gar nicht für Atlantis als Mythos interessierte und trotz Atlans Bericht (Nr. 60 und 70) sodann auch keine inneren, halb so bewegten Bezüge herstellte wie Rhodan, durch den für uns all das doch schon vorgedacht worden war. Umso netter, immer noch „Neues“, gerade wenn es schon dermaßen 61 Jahre alt ist, zu entdecken (wie Kolumbus Amerika, nachdem es seit jahrzehntausenden längst bewohnt war).

    PERRY RHODAN ATLANTIS – Weiteres vorab

    Hallo Mitwelt!

    Wie angekündigt und versprochen, so nicht zum Versprecher verkommen. Es geht mit PERRY RHODAN-ATLANTIS hier weiter. Und doch noch mit kurzem Prelude, bevor ich ins Heft 01 DAS LAND DER STERNENGÖTTER nächstmals hineinzoome. Wie gesagt, ich höre die Miniserie als Hörheft, im Zwei-Wochen-Rhythmus bei Einsamedien erscheinend und ebendort noch jederzeit zu abonnieren. Gesprochener Band01 kam bereits letzten Freitag raus und ich hatte ihn auch schon bis Samstag durchgehört – will und werde ihn aber nochmal hören, um manch ephemeres Detail gepackt zu bekommen. Also noch einen Schritt vorab und heute zunächst zu dem Sprecher auch dieser Miniserie, einer Assoziation durch den Hefttitel und weiteren Hintergründen zum Auslöser von allem im Larsaf-System…

    1. Der Sprecher: Renier Baaken

    Renier Baaken, stimmlich seit Langem wohlvertraut, weil vielleicht die intonative Stimme fürs Perryversum, der wie nur noch Josef Tratnik für die Silber Editionen den Einsamedien-Verklanglichungen Stimme gegeben hat.

    Die Ewiglaufende (=Perry Rhodan-Erstauflage) wird selbstverständlich ebenso fortlaufend Woche für Woche als Hörheft von plus-minus 3 (mitunter 3,5) Stunden von Einsamedien begleitend herausgebracht. „Selbstverständlich“ schon deshalb inzwischen, weil diese andauernde Meisterleistung seit 15 Jahren ausnahmslos erfolgt, das erste Hörheft am Freitag, 17. August 2007 zum Download online gegangen ist. Ein Testlauf war dem vorausgegangen, die Vertonung zu Band 2300 Vorboten des Chaos als Auftakt des Terra Nova-Zyklus. Die Resonanz war so gut, dass mit dem Zyklus Negasphäre ab Band 2400 Zielzeit jeder Zyklus seither auch in die Ohren ging:)) Und Stimme des Startpunkts war – natürlich – Renier Baaken. Ja, er prägte gleich den ersten Zyklus aus 100 Heften, indem er 25 davon, ein Viertel aufsprach und den Zyklus nicht nur begann, sondern mit 2499 Das Opfer auch beendete. Und in allen Zyklen seither, die ich nicht aufzähle und verlinke, hat er pro 100 Hefte immer 24 bis 27 davon aufgesprochen, ist in 15 Jahren kontinuierlich unverstummbar dabei geblieben. Wenn es ein auditives Priming gibt, dann steht Renier Baaken mit seiner Stimme perryversal dafür ein. Hat besagter Josef Tratnik durch die Vertonung der Silberbände allen voran die in Buchform aufgearbeitete Anfangszeit der Serie der 1960er Jahre ins Ohr geholt, so hat Baaken die Serienmoderne be-stimm-t!

    Aber es geht noch tüchtig weiter: Ein Viertelzyklussprecher der Ewiglaufenden einerseits. Von den von 2014 bis 2021 erschienenen acht Perry Rhodan-Miniserien hat er

      li>die Miniserialisierung der Hörhefte ebenfalls hörbar begonnen und gleich Miniserie-Nr.1 Perry Rhodan-Stardust von Juni bis November2014 zwölfbändig gesprochen. Zugegeben, mir noch im Ohr, dabei Perry etwas hastig und bemüht locker intoniert worden;

    • der zweite Streich miniserial mit Perry Rhodan-Terminus von 2017 sowie
    • Perry Rhodan-Olymp von 2018,

    womit er stolze drei von acht Miniserien vollständig eingesprochen und unseren Mann im All durch Räume und Zeiten begleitet hat. Dass er mit Perry Rhodan-Atlantis – ergo Miniserie 4 von 9 – ins Jahr 8000 v. Chr. zurückreist, wird ihm so unvertraut auch nicht sein, denn er hat auch das Gros der dreizehn Atlan-Zeitabenteuer verstimmlicht, die von Atlans zwangsweisem Aufenthalt auf der Erde just nach Untergang von Atlantis und Beendigung arkonidischer Kolonisierung berichten. Baaken präludiert nun, wovon er schon stundenlang erzählt hat.

    Und ohne hier ins endlose Rühmen zu geraten, doch noch zum Anfang aller Töne: die Einsamedien-Hörspiele, die seit 2002 erschienen waren, vor also auch schon 20 Jahren, seit Jahren jedoch längst eingemottet wurden:-( Hier hatte FAST mit dem ersten Ton Renier Baaken mitgemischt, seit Nummer 02 Das Vurguzz-Imperium ist er in wechselnden, meist nur kleinen, noch nur randständigen Sprechrollen dabei. Anders gesagt: GRATULATION UND GLÜCKWUNSCH FÜR UNS ALLE ZU ZWANZIG JAHREN PERRYVERSALEN TONINSZENIERUNGEN DURCH RENIER BAAKEN – DANKE RENIER BAAKEN!!! ATLANTIS daher unvermeidlich SEIN Sprechstück zum Jubiläum!:))

    2. Retroassoziation: Das Land der Götter

    „Das Land der Sternengötter“, so der Titel des Auftaktromans hinein nach ATLANTIS. Dieses Land ist der Inselkontinent Atlantis selbst und die Sternengötter sind die über ihn Herrschenden, sind die Arkoniden. „Götter“, die von den Sternen kamen – einerseits. Andererseits – perryversale Doppeldeutigkeit – gehören zur (religiösen) Glaubens- und Mythenwelt der Arkoniden die 24 She’Huhan, Sternengötter, je 12 weibliche und männliche, der Unterwelt des Großen Schwarzen Lochs im galaktischen Zentrum sowie der Oberwelt entlang der Sternenhaufen im galaktischen Halo zugeordnet. Vermeintliche Sternengötter, die Sternengötter haben. Also doch höchstens Halbgötter, halbgöttliche Helden? Frei nach Arthur C. Clarkes Diktum, dass jede ausreichend fortgeschrittene Technologie wie Magie erscheine, so erscheint jedes ausreichend soziotechnologisch fortgeschrittene Volk wie die Bewohner eines Pantheon.

    Indigene wiederum sind die Atlanter*innen als „edle Wilde“ und durch die Arkoniden Beherrschte. Über sie heißt es, bevor die Kolonisierung von Larsaf III (=Erde/Terra) Fahrt aufgenommen hatte:

    Tarts gab zu bedenken: „Die dritte Welt dieser Sonne hat bereits eigenes Leben entwickelt. Die dortigen Wesen stehen allerdings auf einer sehr niederen Intelligenzstufe, aber sie sind arkonidenähnlich. Das Gesetz verbietet es, sauerstoffatmende Intelligenzen zu verdrängen.“
    „Nur solche über der Intelligenzstufe C“, sagte ein anderer Kolonist rasch.
    „Welche Stufe haben sie denn erreicht?“ erkundigte ich mich.
    „Höchstens A-3, Erhabener. Ich war einmal dort. Es sind primitive Wilde mit Gerätschaften aus Steinen. Sie sind noch nicht soweit, die Schäfte ihrer plumpen Äxte durchbohren zu können. Die Stiele sind noch angebunden.“
    Das sagte allerdings genug. Das Gesetz verbot es nicht, solche Planeten zu übernehmen, zumal die Erfahrung zeigte, daß unterentwickelte Kreaturen nur profitieren konnten. Ich erhob mich und beendete damit die Audienz.Zitiert aus 60 „Festung Atlantis“, Kap. 4 von Exposéautor K. H. Scheer

    Das ruft mehrerlei hervor:

    1. „Das Gesetz verbietet es, sauerstoffatmende Intelligenzen zu verdrängen.“ Nichtsauerstoffatmende, noch so clevere Intelligenzen hingegen schon? Erste zivilisatorische Verluste durch den tobenden „Methankrieg“ wider die eben nicht Sauerstoff verstoffwechselnden Maahks, die daher auch rassistisch abwertend bloß als „Methans“ stigmatisiert werden, obwohl sie Wasserstoff atmen? Das erklärt dann auch den Umgang mit den Motunern oder Mooffs. Die Zivilisationsdecke ist dünn…
    2. „Die Erfahrung zeigte, dass unterentwickelte Kreaturen nur profitieren konnten.“ UNTERENTWICKELTE KREATUREN – nicht „edle Wilde“, „Barbaren“ oder derlei, sondern Kreaturen, die auch noch unterentwickelt sind. Und das aus dem Munde seines Zeichens Kristallprinz und Flottenadmiral des Großen Imperiums Atlan da Gonozal. Und das gegenüber sauerstoffatmenden Arkonoiden und nicht etwa über exotische Xenomorpha gerichtet. Kein Wunder, dass er für derart habituell dünkelnde Verachtung mit 10.000 Jahren Strafkolonie Erde standrechtlich abgeurteilt worden ist:-) Da wurde er als Gladiator der Zeiten in die Arena zu den Kreaturen entlassen, zu deren Dompteur er zwangsweise werden musste!
    3. Intelligenzstufe C, ab der Arkonide die Indigenen nicht mehr verdrängen dürfe, darunter schon[1]. Bewohner von Larsaf III haben jedoch nicht einmal B-3 (ggf. knapp unterhalb von C), sondern 8.000 v. Chr. bloß A-3. Wohlwollend also noch viel Spielraum nach oben, bis sie eigenständig intelligent genug sind, um nicht mehr von wohlwollenden Imperialisten zum Zwecke der Zivilisierung „verdrängt“ werden zu dürfen. So ergeht es also unseren Vorfahren ein Paralleluniversum weiter. Ach, ja nicht erst dort – das ist ja bloß eine Spiegelung realer Vergangenheiten, die auf Erden nur erst gar keine „Schonungsräume“ vorgesehen hat(te).
    4. Jenseits des Spotts muss man festhalten, dass es für Individuen einer Gesellschaft, also mit ETWA gleichen soziokulturellen Startbedingungen entwicklungspsychologisch ganz reale Modelle gegeben hat und gibt, wo Mensch die Stufen einer Treppe emporklimmt. Beispiele das Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung sowie die Kompetenzstufenentwicklung vom (noch) in- zum kompetenten Individuum. Überträgt man das A) auf Völker und B) transferiert es in eine völkerreiche Galaxis, wo C) ein Volk wie die Arkoniden vorherrschend sind (zu sein glauben), dann ist es D) gar so entfremdend nicht mehr, meint man hier Rangfolgen feststellen und festlegen zu können. Rangfolgen, bei denen man stets als schon „erwachsen“ und „zivilisiert“ axiomatisch zum Indexwert als Maß aller Völker unvermeidlich geworden ist. Man gehe nur zurück ins Lange 19. Jahrhundert als Zeit von rassistisch kolonisierenden Imperien auf der Suche nach dem Platz an der Sonne. Lektüre dieser Zeit die bald veröffentlichten Tagebücher des Mordbefehlhabers Lothar von Trotha – ein Deutscher.

    Das Titelbild [von Johnny Bruck zu Nr. 60 Festung Atlantis] zeigt Atlan im Ornat der herrschenden Dynastie nach der Landung der TOSOMA auf Atlantis, als er in Begleitung von Inkar erstmals den Atlantern begegnet. Im Hintergrund ein Bauwerk, das einer Maya-Pyramide (z. B. der  Pyramide des Kukulcánin  Mexiko oder dem  Tikaltempel in Guatemala) nachempfunden ist. Die Szene wird auf S. 26 beschrieben. Titelbild und Text der Perrypedia entnommen

    Leicht verquatschte Vorrede hin zur Assoziation, die „retro“ ist, weil sie bis in den ersten Zyklus Die dritte Macht zurückverweist, zu Heftroman 35 „Im Land der Götter“: „Das Leben auf Goszuls Planet wird für die „Götter“ gefährlich – denn Perry Rhodans Mutanten sind am Werk …“ Die zur Menschheit vereinten Erdenmenschen erwehren sich einer nächsten Gefahr von außen, den Galaktischen Händlern, Selbstbezeichnung Mehandor (Ark.: Händlervolk), wegen ihres sternennomadischen Lebens in Handelsschiffen von den Terranern anschaulich, aber oberflächlich „Springer“ genannt. Sie sind ihrerseits Arkonidenabkömmlinge, die sich volksweit auf den Handel im Großen Imperium spezialisiert haben und seit 8.000 Jahren (Handlungszeit Ende des 20. Jhdt.) ein Monopol auf Handel im und am Rande des Großen Imperiums oder darüber hinaus innehaben. Und dieses Monopol verteidigen sie mit allen – auch kriegerischen – Mitteln! So haben sie über das Große ein – sozusagen – Ökonomisches Imperium gelegt, forcierten seit jeher eine zweite Kolonisierung der (geringteilig erschlossenen) Galaxis und zwangen so viele Völker in ökonomische Abhängigkeiten. Geplant auch die Terraner, die frei nach dem großen Philosophen Mike Tyson handelten: „Jede*r hat einen Plan, bis man eine Faust im Gesicht hat.“ Und diese ‚terranische Faust‘ war eine psibegabte und nannte sich Mutantenkorps. Mitten in diesem ‚Faustkampf‘ finden wir uns im Heftroman Im Land der Götter wieder. Der Handlungssog hat uns nach Gorr im 221-Tatlira-System gerissen. Die Welt heißt jedoch nicht länger Gorr, benannt nach den arkonidischen Kolonisten, den Gorrern, sondern Goszuls Planet, benannt nach ihrem Mehandor-‚Entdecker‘ (kolumbischer Art) namens Goszul. Dieser ist ein waschechter Patriarch der Mehandor, die in patrilinearen Sippenverbänden eines lupenreinen Patriarchats leben, wo das Wort des Patriarchen Gesetz ist. [Niemand hat die Absicht, an Der Pate zu denken!] Und so hat der Mahlstrom eines galaktischen Gutsherrenkapitalismus nicht vor Gorr Halt gemacht, sondern die Welt in das ökonomische Geflecht der Mehandor verschlungen. Jahrtausende nach der Kolonisierung durch die Arkoniden, längst vergessen und ohne Anbindung an das Reich, hatten die Gorrer zivilisatorisch ohnehin schon einbüßen und statt psychosozialen Fort- nur Rückschritt erleiden müssen. Ihre galaktische, ja imperiale Herkunft war ihnen schon lange nicht mehr bewusst, als Patriarch Goszul sie ‚zurück ins Reich‘ und die galaktische Familie holte. Damit die nur noch Goszuls genannten Gorrer als Proletariat besser zu beherrschen wären, half Goszul per gezielter Seuche nach und förderte die Verdummung seiner Schäfchen. So viel zum Wirken der antiprometheischen „Götter“, die ihr Feuer des Wissens argwöhnisch vor ihren ‚Untergebenen‘ hüteten. Sie residierten auf „Götterland“, dem Nordkontinent von Goszuls Planeten. Bis dorthin die Terraner kamen und die Unterdrückten befreiten, in die Freiheit säkularisierten, indem sie sie von ihren Göttern enttraditionalisierten – sozusagen.

    Die Assoziation ist unüberlesbar und doch sind die Vorzeichen freilich ganz andere. Beginnend damit, dass wir die Geschichte um die unterdrückten Gorrer, die als versklavte Goszuls ‚Götterdienst‘ betreiben mussten, nur aus terranischer Sicht erzählt bekommen und somit als einzig Unrechtsverbrechen an der Gorrheit. Ob eventuelle Kriege unter den Gorrern durch die „Götter“ ausgemerzt worden sind, bleibt historisch unerforscht. Ja selbst die Kollateralschäden unter den Göttern während des Titanenkampfes bleiben ungezählt (Massenabfertigung Oo). Demgegenüber wissen wir – bis jetzt – nur aus Atlans Erzählungen von Atlantis, das er immerhin nicht selber nach sich benannte, aber nach ihm als Kristallprinz und Flottenadmiral zu Ehren benannt worden ist. Nach ihm, der wie ein Sternengott über allem thronte; nach dem anfänglich auch die atlantische Hauptstadt „Atlopolis“ genannt worden war, bevor sie im imperialen Bewusstsein nach heimischer Welt der drei Planeten in Arkonis umgetauft wurde. Kurzum: Was hier einen mythischen Schauer erzeugt und Urquell zahlloser Mythen und Legenden auf Erden werden konnte, von ihrem Ende her gedacht wohlwollend als schon richtig so verstanden wird, kann eine Welt weiter schon Hort ausbeuterischer Tyrannei sein, die es rigoros zu beenden gilt. Ein Ende, das Atlantis auch von außen ereilte, aber nicht zu deren Befreiung, sondern endgültigem Untergang führte. Was noch zu erwähnen wäre: die Goszuls waren als Gorrer arkonidische Auswanderer, somit ebenso Nachkommen der Arkoniden wie die Mehandor selber. Sie sind somit nichts als ein ‚Geschwistervolk‘, direkte Anverwandte, wenn auch in Vergessenheit geraten. Dürfte man aber wissen, wenigstens erahnen, so wild die Kolonisierung durch das Große Imperium verlief. Wenn Goszul dennoch zupackt und ein ganzes arkonoides Volk freimütig in Sklaverei zwingt, sagt das alles über diese Mentalität. Tatsächlich noch lange nicht zu wissen für die damaligen Arkoniden rund um Atlan, dass auch die Atlanter*innen mit den Arkoniden verwandt gewesen sind, jedoch verzweigter, nämlich als Nachfahren arkonidischer Vorvorfahren, wenn man so will. Aber das ist eine andere Geschichte…

    Auslöser von allem

    Ich war vor vier Tagen auf dem zweiten Planeten der kleinen, gelben Sonne angekommen, die ein Forschungskreuzer unter Larsaf entdeckt hatte. […] Der Große Rat von Arkon hatte mich drei Wochen zuvor über Hyperfunk aus meinem Einsatzgebiet zurückbeordert und mir den Befehl erteilt, mit meinem Expeditionsgeschwader Larsas Sonne anzufliegen, um auf dem zweiten Planeten dieses einsamen Sternes nachzusehen, was der aufgefangene Verzweiflungs-Funkspruch eines Kolonisten namens Tonth zu bedeuten hatte. […] Ich hatte die große Entfernung von etwa 32000 Lichtjahren in vier Transitionen überwunden und war wenig später mit der TOSOMA sowie den beiden Schlachtkreuzern ASSOR und PAITO auf dem großen Raumflughafen von Larsa gelandet.Heftroman 60 Festung Atlantis von K. H. Scheer – Kap. 4

    Aufgrund eines Funkspruches als Hilferuf eines Kolonisten gelangt Atlan in ein so unwahrscheinlich abseitig gelegenes Sonnensystem, das trotz der Erstentdeckung durch Larsaf und der administrierten Besiedlung durch Amonar sonst nie jemand im Großen Imperium zur Kenntnis genommen hätte. Ja, während der Methankrieg bereits tobt, wird Atlan und sein Flottengeschwader nicht etwa wegen angreifender und Tod säender „Methans“ dorthin beordert, sondern bloß weil ein anmaßender Administrator sich klassistisch weit über die ihm untergebenen, „ständig aufsässigen Kolonisten aus den tiefsten Schichten des Volkes“ (Zitat dieses Amonars) erhoben hat. Denn mit Atlans Worten ist die imperiale Lage so dermaßen schlimm:

    Das Große Imperium unter Arkons Vorherrschaft rang um sein Weiterbestehen. Der sogenannte Methankrieg nahm all unsere Kraft in Anspruch. Wir wußten zu jener Zeit noch nicht, daß er unser Volk zum Ausbluten und das Imperium an den Rand des Abgrundes bringen würde.Atlan in Festung Atlantis – Ende Kap. 5

    Inmitten disruptiv mörderischen Krieges kümmert sich EIN FLOTTENADMIRAL im geadelten Rang eines Kristallprinzen um so eine vergleichsweise Nebensächlichkeit irgendwo im Nirgendwo an den ausfransenden Rändern des Reiches. Über – das muss man sich vorstellen – zweiunddreißigtausend Lichtjahre hinweg vom Großen Rat Arkons dorthin abkommandiert. Zur Orientierung: die Entfernung von Arkon zu Sol beträgt 34.000 Lichtjahre. Nun ist das Weltall drei-, manche behaupten gar vierdimensional und es gibt mehr gedachte Linien im Raum als die Achse Arkon-Sol. Wo eigentlich Atlan hergekommen ist, wie weit das wiederum von Arkon gelegen hat, wird nie klarer. Auch dieser Kampfort, von wo er gen Larsaf gekommen ist, muss bereits hinterstes Irgendwo des Imperiums gewesen sein, wird wohl kaum in relativer Nähe zum imperialen Zentrum, dem Kugelsternhaufen Thantur-Lok (Ark. für: M 13), gelegen haben (34000 minus32000 =2000 Lichtjahre in einem eindimensional geradlinigen Universum).

    Das Bild zeigt M 13, wie es ganz astronomisch real von der Erde aus zu beobachten ist, gelegen im Sternbild des Herkules. Credit Line and Copyright: Adam Block/Sid Leach/Mount Lemmon SkyCenter/University of Arizona - bei der Perrypedia entnommen

    Diese erneut auf Copyright Stefans Kochs exzellenten PR-Sternenatlas.de verweisende Sternenkarte zeigt in der Übersicht die heimische Milchstraße in Quadranten, wobei der nordwestliche Arkon beherbergt, schon im südwestlichen gelegen ist wiederum Terra/Sol. Damit ist zu erwähnen, wie wenig

    Und hier - Verweis geht zu Copyright Stefan Kochs PR-Sternenatlas.de - nochmal das Tai Ark'Tussan als Sternenkarte, um einen Eindruck der Ausbreitung des Reiches zu bekommen.

    Zurück zum Auslöser für Atlans Verwicklung in irdische, allzu irdische Angelegenheiten: Tonths Funkspruch also, der von „maßlosen Übergriffen und unnötigen Härten des Administrators Amonar aus der unbedeutenden Familie der Cirol“ berichtet, der tatsächlich „seine Befugnisse weit überschritten hatte“, holen Atlan ins Larsaf-System, speziell auf die bis dato einzige Kolonie auf Larsaf II, Larsa. Zwar hatte Administrator Amonar „aus der wilden, unbesiedelten Welt eine Musterkolonie gemacht, Städte und Raumhäfen angelegt sowie den Bau eines Robotgehirns von solchen Maßstäben angeordnet“, dass allein dies schon über die Maßen war. Doch hatte er sich vergriffen, nämlich „seinen Ruhm mit dem Blut unserer Kolonisten erkauft. Die fähigsten Wissenschaftler und Techniker der Siedler waren ausschließlich dazu eingesetzt worden, den Automaten zu vervollkommnen.“ (Zitate alle von Atlan, zit. n. Festung Atlantis). Der „Automat“ ist, was später – 10.000 Jahre – als koloniales Überbleibsel wichtiges Trittbrett für die Terraner ins All werden sollte: die Venuspositronik – für lange Zeit die größte Positronik zu Diensten der Menschheit. Kaum war Amonar ‚entfernt‘ worden, tritt Tonth auf den Plan:

    „Draußen wartet eine Abordnung der Siedler. Ein gewisser Tonth bittet um eine Audienz.“
    „Das ist der Mann, der dem Rat den Funkspruch schickte“, erklärte ich. „Ein offenbar mutiger Bursche. Woher stammt er?“ Tarts sah in seiner Liste nach. „Von Visal IV, Erhabener.“
    „Für dich bin ich Atlan, Lehrmeister“, lächelte ich. „Visal IV also, hmm…! Eine ehemalige Kolonialwelt, die nun ebenfalls übervölkert ist. Man sagt, etwa fünfhundert Millionen Einwohner müßten auswandern.“
    „Zwei Millionen davon wurden von Schiffen des Kolonisationsamtes hier gelandet. Dazu kamen etwa zwanzigtausend Wissenschaftler und Techniker aus allen Fachgebieten. Die Wachtruppen stammten von Arkon. Dieser Planet ist vorzüglich ausgerüstet.“Tarts und Atlan im Gespräch, zit. n. Festung Atlantis

    Mehr werden wir nie zur Heimatwelt Tonths erfahren, obwohl sie so viele Soldaten inmitten eines Krieges bereithält, um es zynisch zu bezeichnen. An der Seite von vier weiteren Kolonisten tritt Tonth sodann Atlan gegenüber – „einfach und derb gekleidet“, „hochgewachsen“, erkennbar „reine Arkoniden“. Tonth ist ihr Sprecher, ein „älterer Mann mit blütenweißen, kurzgeschnittenen Haaren“. Untertänigst gibt er zu Protokoll, nachdem Atlan ihn nach seinem Namen fragt, wie er sich für die Sache der Siedler eingesetzt hat:

    „Der bin ich. Erhabener. Wir sind gekommen, um Dank zu sagen für die schnelle Hilfe. Ich riskierte mein Leben, als ich heimlich in die Funkstation eindrang und den Spruch abstrahlte. Anschließend floh ich die Wälder, da die automatischen Warnvorrichtungen meine Körperschwingungen registriert hatten. Ein Techniker warnte mich, und so suchte ich Zuflucht in der Wildnis. Nun aber ist alles gut.“Tonth in Festung Atlantis<

    Soso, ein „älterer Mann“ also, der aufopferungsvoll sein Leben riskiert hat. Und sodann die wegweisenden Worte spricht, indem er nämlich anspricht, dass es unter den Kolonisten auch einige gibt, denen es bei aller sonstiger Prosperität nicht wohlergehe:

    „Unter uns befinden sich fünfzigtausend Auswanderer von Zakreb V, Erhabener. Sie sind gegen ihren Willen hierher gebracht worden. Es handelte sich um ein Versehen. Sie bitten darum, auf einem anderen Planeten angesiedelt zu werden, da sie das hiesige Klima auf die Dauer nicht vertragen. Wir hatten bereits zahlreiche Todesfälle. Die Zakreber benötigen eine kühlere und trockenere Luft, Erhabener. Sie vermissen auch den Sonnenschein, und die hiesigen Temperaturen sind für sie zu hoch.“Tonth, ebenda

    Doch das Schlitzohr konterte sogleich Atlans Einwurf, er habe weder die passenden noch genügend Schiffe, um eine Auswanderung gewährleisten zu können:

    „Auch dann nicht, wenn es sich nur um eine kurze Fahrt im gleichen Sonnensystem handelt? Die dritte Welt soll alle Voraussetzungen aufweisen. Es wäre eine Kleinigkeit, Erhabener. Willst du sie hinsiechen lassen?“Tonth, ebenda

    Nein, Atlan will niemanden „hinsiechen lassen“ und auch sich nicht nachsagen lassen, er habe „Kleinigkeiten“ nicht realisieren können. Damit ist Atlan in etwas hineingeraten, was man Pfadabhängigkeit hinein in fernste Zukünfte nennen kann:-) Das ist schon sehr kommunikationspsychologisch geschickt und suggestiv von Tonth, eventuelle bürokratische oder/und militärische Einwände auf ethisch-moralischer Ebene vorwärtsverteidigend auszuräumen und an Atlans (extrasinnierende) Gewissen zu appelieren.

    Warum so detailversessen all das? Weil man nie wieder etwas von diesem so engagierten Tonth hört. Atlan erwähnt ihn keinmal mehr. Und diese Lücke, dieses narrative Nichts, diese Dunkle Erzählung finde ich zutiefst aussagekräftig und noch verdächtiger! Ich zweifel, wenn ich das so hintereinander weg lese, dass dieser Tonth ein einfacher Siedler war. Er könnte genausogut jemand ganz anderes gewesen sein, der die Geschichte auf das Gleis gesetzt hat, auf der entlang sie fahren sollte. Ich verdächtige Tonth für dringend tatverdächtig, als „Wendefigur“ in Atlans Leben und somit das weitere Wohl und Weh von Larsaf III aufgetreten zu sein, bloß in der Maske eines „älteren Mannes“ mit „weißem Haar“, wenn auch der Schilderung nach mutmaßlich bartlos. Ich nehme vielmehr an, Tonth ist Inkarnation oder Sendbote von ES, der – jetzt wird es perryversal kosmologisch – Superintelligenz in der intergalaktischen Lokalen Gruppe. Eine höhere Wesenheit, eine evolutionäre Weiterentwicklung gemäß dem perryversal Möglichen, die ihre sog. „Mächtigkeitsballung“ inklusive der Milchstraße dem dort hausenden Leben wohlwollend gegenüber beherrscht. ES, der (oder das) insbesondere die Menschheit protegiert hat – über Jahrtausende mittelbar durch eben diesen Atlan (s.o. besagte Zeitabenteuer). Später – Heftroman 70 Die letzten Stunden von Atlantis – wird Atlan eben durch diesen ES einen sog. „Zellaktivator“ zur Erlangung relativer Unsterblichkeit erhalten, erst durch diesen er als „Einsamer der Zeit“ die Jahrtausende auf der Erde als Hüter über die Menschheit, vielfach explizit im Auftrag von ES verbringen kann. „Es geschieht, weil es geschah“, was es nur konnte, weil dieser zuvor und danach so namenlose, so unbedeutende, so entschwundene Tonth unnachahmlich geschickt Atlan weist, wohin sich die Aufmerksamkeit der Zukunft bereits gewendet hatte: zur Erde!

    Reine Spekulation. Aber er ist der einzige der Kolonisten, die einen Namen bekommen, der vortritt und vorspricht, der all das in die Wege leitete und einfädelte wie die Fäden eines Khipu. ES, dessen weiterer Name „der alte von Wanderer“, „alter Mann von Wanderer“ ist, da er bevorzugt als alter Mann auftritt, wenn er als solcher noch mehr diesbezüglich optisch auffährt als Tonth. Der Unsterbliche, wie er genannt wird, Titel des Heftromans Nr. 19 und des dritten Silberbandes, hier das Galaktische Rätsel endet und Perry Rhodan und ausgesuchte Freunde die relative Unsterblichkeit ermöglicht. Selbstermöglichungsschleifen durch Raum und Zeit, wie sie perryversal gern erzählt werden.

    Doch in ATLANTIS, um den Bogen mal zurück zu finden, muss es trotz meiner Assoziationskaskade darum nicht gehen. Ja die orakelnden vier Omen, vor allem das letztere deuten zwar tiefgründig an, SCHEINEN mir aber anderswohin zu führen. Doch dazu und vielen Beobachtungen, ebenso wilden Spekulationen wie heute im nächsten Beitrag, wenn ich dann – ENDLICH! – in den Auftaktroman abtauche wie Perry und Sichu in die Wassertiefe zur Unterwasserkuppel und dann in die Zeit…;-)

    AD ASTRA TERRANER

  • Entweder hat sich das Entwicklungsstufenmodell im Laufe von zehn Jahrtausenden geändert oder hat eine für mich nicht allzu nachvollziehbare Skalierung. So heißt es nämlich im berühmtesten aller Serienheftromane, der Nr.0001 UNTERNEHMEN STARDUST im hitzigen Gespräch mit Arkonidenraumerkommandantin Thora und den vier Männern um Perry Rhodan zunächst – Handlungsjahr 1971 n. Chr.:

    „Gehen Sie sofort“, mischte sich Thora ein. Ihr Gesicht glühte. „Es ist gegen das Gesetz, was Sie tun. Es ist mir verboten, mit Kreaturen unterhalb der Entwicklungsstufe ,C‘ zu verkehren. Gehen Sie sofort.“Thora in 001 Unternehmen Stardust

    Auch sie spricht abfälligst und ‚entarkonidlichend‘ von Kreaturen, zu denen man unterhalb von Entwicklungsstufe C wird (bzw. bleibt). Nach Rhodans Erklärung, die Menschheit begänne erst „mit der Eroberung des Raumes“ ändern sich jedoch die Vorzeichen der Einstufung:

    „Atomkrieg, ja!“ sagte Rhodan bedrückt. „Die Lage ist fürchterlich gespannt. Es tut mir leid, Sir, es zugeben zu müssen. Seien Sie aber versichert, daß die Menschen den Krieg nicht wollen.“
    „Sie tun es aber. So kamen wir zu der Ansicht, in Ihrer Rasse noch immer primitives Leben sehen zu müssen. Ich habe meine Meinung geändert. Sie sind jung, tatendurstig und überaus aufnahmefähig. Ich habe Sie nach sorgfältiger Beobachtung in die Entwicklungsstufe ,D‘ eingereiht. Es steht mir zu, einen solchen Beschluß zu fassen. Thora hat die Anweisung erhalten, die Aufstufung Ihrer Rasse in die positronische Speicherbank zu geben. Ich bin der wissenschaftliche Leiter dieser Expedition.Rhodan und Crest zit. n. 0001 Unternehmen Stardust

    Hiernach Thora dann äußerst unwillig:

    „Ich habe normale Tauschgüter für Entwicklungswelten der G und D-Stufe an Bord. Es handelt sich um Werkzeugmaschinen mit eigener Energieversorgung, vollautomatischer Steuerung und Laufgarantie für etwa achtzig Jahre Ihrer Zeitrechnung. Es sind Maschinen für alle Wirtschaftszweige. Dazu kann ich mikromechanische Güter anbieten, wie tragbare Elementtaster, Bodenreformer, Schwerkraft-Neutralisatoren für den Einpersonen-Flugbetrieb und …“
    „Hören Sie auf, ich werde wahnsinnig“, stöhnte Flipper. „Das ist doch verrückt! Sie stellen die Erde auf den Kopf. Man wird sich wegen Ihrer Wundermaschinen die Schädel einschlagen.“
    „Das ist Ihre Sache. Wir sind Händler und ich habe nur ungefährliche Dinge für noch primitivere Intelligenzen an Bord.“001 Unternehmen Stardust

    Und nach weiterer Diskussion noch:

    „Wir sind von Crest aufgestuft worden.“
    „Ihr Glück, sonst hätten wir noch nicht einmal verhandeln können. Dennoch darf ich kein Beiboot in Ihre Atmosphäre schicken. Das positronische Gehirn machte nicht mit. Ich kann die Schaltungen des Großroboters nicht aufheben. […]“Thora in 0001 Unternehmen Stardust

    Tauschgüter für Entwicklungswelten der Stufen G und D. Liegen die dann „oberhalb“ der Stufe C, erst „über“ dieser hochwohlgeborene Arkonid*innen in Kontakt und Tausch zu gehen belieben? Also ab D ansprechbar, bis C hingegen No Talk? Und es gäbe nicht einmal Spielraum, da die Schiffspositroniken sonst sanktionieren würden

    Fraglich auch, woran die vielzitierte „Intelligenz“ ge- und ermessen wird, da v.a. in Heftroman0001 keinerlei Messungen vorgenommen werden, sondern bloß nach Anschauung und (emotionalisierter) Einschätzung klassifiziert wird. So gibt es nämlich die nach ihrem Ersteller benannte Epetran-Skala zur Skalierung von Intelligenzstufen, die auch für Nichtarkoniden gilt. Hier wird in Lerc (Äquivalent zu IQ) die individuelle Intelligenz ermittelt. Arkoniden zur Zeit vom ersten Zusammentreffen dieser mit Menschen hatten gerade noch einen Lerc von 20-30, der einmalige Spitzenwert diesbezüglich wird dem Erfinder der Skala, Epetran da Ragnaari, zugeschrieben: 86,125! Wieviel Lerc haben denn dann Nichtarkoniden der Stufen D bis G und gar darunter wie A-3? Im Heftroman 0085 Kampfschule Naator, als statt Lerc noch rein terranisch von IQ die Rede ist, gibt es einen Vergleich:

    Besonderes Interesse zeigte der Hypno für den IQ-Tester. Das Gerät bestand – äußerlich gesehen – aus einem Sessel mit Kopfhaube, einigen Leitungen und der positronischen Auswertung. Der Prüfling hatte sich einfach hinzusetzen, alles übrige besorgte die Automatik. Das Ergebnis wurde in einer Kartei gespeichert.
    Noir wußte, daß Terraner im Durchschnitt einen höheren Intelligenzquotienten als die Zaliter besaßen. Wenn die Untersuchung auch völlig normal verlief, würde allein dieser Umstand für das Spezialkommando verhängnisvoll sein. Die hohen Werte würden sie verraten.PR0085 Kampfschule Naator

    Zaliter sind die allernächsten Verwandten der Arkoniden, erste Auswanderer von Arkon, die zur Handlungszeit alles nur nicht degeneriert, sondern immer noch tatkräftig sind. Dennoch sollen diese Zaliter intelligenzärmer sein als Terraner – ganz klar. Degenerierte Arkoniden 20-30Lerc, Zaliter mutmaßlich drüber, Terraner Ikarus weit darüber hinaus. Und später nach Manipulation der „IQ-Computer“-Bediener;-) passieren die Terraner die Intelligenzhürde:

    Der IQ-Tester funktionierte einwandfrei. Lediglich die Intelligenzquote von Atlan – jetzt Kapitän Ighur – war etwas höher als die von Rhodan und den anderen Terranern. Sie lag damit erheblich über dem Durchschnitt der Zaliter, aber das würde kaum Verdacht erregen. Und wenn, so hatte Atlan eine erneute Untersuchung nicht zu befürchten. Er war Arkonide und hatte somit alle Merkmale der Zaliter an sich, auch bezüglich des Knochenbaus. Die Datei speicherte die Ergebnisse. Sie würden von den Arkoniden ausgewertet und entsprechend verwendet werden.Ebenda

    Atlan bekommt später 50 Lerc attestiert, womit er grob doppelt so intelligent wie seine arkonidischen Zeitgenossen mit 25 Lerc im Schnitt wäre.

    Mir scheint es so, als gäbe es die Stufen A und B, die ähnlich der Star Trek-Direktiven mit großen Kontakteinschränkungen diesem indigenen Volk gegenüber einhergehen, während ab Stufe C über D bis G zunehmend Kontakt und Tausch möglich wird. Obendrein scheint es noch Unterstufen zu geben, definitiv auf Stufe A, wo speziell A-3 bekannt (aber nicht näher definiert) ist. Zu vermuten, dass es dementsprechend auch A-1 sowie A-2 gibt und B-1 bis B-3 geben dürfte, worin diese sich auch unterscheiden mögen.

  • PERRY RHODAN ATLANTIS – ein Rückblick voraus

    Hallo Mitwelt!

    Nach einigem Grübeln, ob ich in diesen sinnverfinsterten Zeiten überhaupt soll(te) und will, habe ich mich doch dazu entschieden, jenseits der militopathischen Realität ein wenig Eskapismus hier Einzug halten zu lassen. Ich tauche ins Perryversum ab, dem lektürischen Universum der Perry Rhodan-Serie, ihres Zeichens die längste und größte und umfangreichste
    Serie von SF, dem Narratoversum und dem ganzen Rest. Die anhaltendste Erzählung überhaupt, die ununterbrochen JEDE WOCHE, WOCHE FÜR WOCHE seit dem 08.09.1961 als Heftroman erschienen ist – trotz aller realitärer Umstände, Zeitenwenden oder sonstigem Ungemach des Weltgeschehens! Manch Verweis, einige Zitate führten in diesem Blog bereits dorthin, jeweils aber nur randständig, als referentielle Zierde, als kleiner und vermutlich überlesbarer Nerd-Nachweis, der mich als Mitleser (mit zu vielen Unterbrüchen und Dunklen Lektüren) ausgewiesen hat.

    Doch wende ich mich nicht der Perry Rhodan-Serie in ihrer monolithischen Form zu, der besagten ewiglaufenden Hauptserie aka Erstauflage, wie damals üblich benannt nach ihrem Helden:

    Dabei steht immer wieder ein besonderer Mensch im Zentrum: Es ist Perry Rhodan, ein Astronaut, geboren in den Vereinigten Staaten, aber längst kein Amerikaner mehr, sondern ein Terraner, ein Bewohner des Planeten Erde also. Mit seinem Charisma und seinem Mut, seiner Überzeugungskraft und seinem Engagement hat Rhodan der Menschheit den Weg zu den Sternen geebnet. Eine Kollektivintelligenz, die man ES nennt oder den Wanderer, hat ihm bekanntlich die relative Unsterblichkeit verliehen.Serien-Chefredakteur Klaus N. Frick (Entität KNF) “Der Mensch steht immer im Zentrum“

    Diese steckt zur Zeit inmitten des 43. Zyklus und strebt Heft für Heft der Nummer 3200 – in Worten: dreitausendzweihundert – unaufhaltsam zu. Nach vorigem Zyklus – Nr. 42 also, wo ich zeitweise rezensierte über exakt 42 Heftromane hinweg, was wahrlich eine unintendierte famose Korrelation zum Blognamen ergibt – bin ich nämlich erneut inmitten so eines Unterbruchs der Nichtlektüre, weil … Schwer zu sagen, es gibt eigentlich keinen inhaltsguten Grund, ganz im Gegenteil. Das doch Mitbekommene verheißt kosmologische
    (Un)Tiefen voller senses of wonders, von denen da erzählt wird, die mich wohl am meisten von allem an der Serie so sehr reizen. Aber wenn man den Start mit Nr. 3100 verpasst hat, dann ist man – also ich – schon zu sehr aus dem Tritt und im Hintertreffen, um nochmal Fuß zu fassen. Meiner Meinung nach. Andere lesen nach, hinterher, schieben auf, überspringen mitunter … O_o

    Daher umso praktischer, weil zugänglicher die am 18.03., also quasi jetzt anlaufende sogenannte Miniserie als vergleichsweise nur 12 Heftromane kurzer Ableger zur Serie: PERRY RHODAN ATLANTIS! Ja genau, eben das sagenhafte Atlantis, aus dem Mythos im Perryversum allerdings (intradiegetische) Geschichte geworden ist (s.u.). Dieses ATLANTIS will und werde ich hier im Blog alle zwei Wochen – so der Erscheinungsrhythmus – begleiten, kommentieren, rezensieren, hierzu assoziieren.

    In Miniserien tritt man absichtsvoll einen – großen – Schritt zur Seite der alles narrativ mitreißenden Hauptserie, um an altbekannte Orte endlich wieder zurückzukehren und sie in ein neues Licht zu stellen, um Altbekanntes ganz neue narrative Ranken wachsen zu lassen, um Altes und Neues zu verbinden und in neuer Perspektive zu kanonisieren. Altbekannte Orte oder/und Völker im neuen Licht, in doch ganz anderem Setting, vor ganz anderen Herausforderungen. Oder dorthin vorgestoßen, wo die Haupthandlung nie richtig eingekehrt war, höchstens mal narrativ streifte, beiläufig bloß von Geschehnissen erwähnte. So oder so, die Miniserien wollen nicht (haupt)tragend sein, nichts erzählen, ohne dass das Perryversum ungestützt dastünde. Es sind vielmehr narrative Ergänzungen im Kleinen, zum Überbrücken, zum Füllen von narrativen Lücken. So in etwa lässt sich Sinn und Charakter der Miniserien umschreiben.

    Bevor ich spoile, soweit schon bekannt, worum es geht, aber noch ein paar Vorworte zur Miniserie an und für sich…

    Prolog: Vorboten von Atlantis

    Der Beginn der PERRY RHODAN-Miniserien (Obacht, s.u.) ist nunmehr schon stolze 14 Jahre her, geht bis ins Jahr 2008 zurück: “PERRY RHODAN-Action war unser Versuch, in den längst totgeglaubten Markt der Heftromane noch einmal neue Bewegung zu bringne“[1], so schon damaliger Chefredakteur und Herr der Serie Klaus N. Frick. “Action“ das einzige charakterisierende Beiwort zur Miniserie, die schlussendlich aus drei Minizyklen zu je 12 Heftromanen bestehen haben sollte, wovon Nr. 2 und Nr. 3 direkter aneinander anknüpften, Nr. 1 sozusagen vorausging.

    Den Begriff der »Action« definierte der Exposéautor ebenfalls: »Die Romane bestehen nicht aus 60 Seiten Geballer. Charaktere sind wichtig, die Story ist entscheidend, Exotik und Spannung sind vortrefflich.«Exposéautor Christian Montillon, zit. n.
    Der Redakteur erinnert sich (38): Mit Action ins Jahr 2008

    In den Realjahren 2008 bis 2009 erschienen, wurden bewusst Motive aufgegriffen und die Handlung in eine Serienzeit chronotransferiert, die Mitte der 1960er Jahre erzählt worden war: Hauptzyklus 03 Die Posbis sowie 04 Das Zweite Imperium umspannen die in den 2160er Handlungsjahren spielende Minitriserie. Real wie narrativ zeitferne Welten, über die man da schreiben wollte:

    Immerhin konnte ich die ersten Exposés mitschicken, dazu kündigte ich Datenblätter an. Diese sollten helfen, »in das PERRY RHODAN-Universum des Jahres 2166 hineinzukommen«. Das unterscheide sich doch sehr deutlich von der aktuellen Technik mit all ihren Begleiterscheinungen; in der »alten Zeit« gab es keine Syntrons, keinen Paratronschirm und auch keine Transformkanonen. Ich hoffte, dass die Autoren mit den unterschiedlichen Technikwelten nicht zu sehr durcheinanderkamen, weil mir klar war, dass das eine Quelle für zahllose Fehler sein konnte.KNF „Mit Action ins Jahr 2008“

    Das als miniserielles Präludium, als wichtige Fingerübung, Jahre bevor es weitere PERRY RHODAN-Miniserien geben sollte, diese von nun an mit eigenständigem, nicht mehr generischem Titel und in sich abgeschlossen. Von 2014 an bis 2021 – das 60. Jubiläumsjahr – sind deren acht erschienen, 96 Hefte ausschließlich miniserial. Das sind „nebenher zur Erstauflage produzierte“ Heftromane in solcher Menge, wie sie legendäre deutsche SF-Serien wie Ren Dhark, Raumschiff Promet , oder Die Terranauten insgesamt (kaum) auf Papier gebracht haben (in Erstauflage – ohne spätere Fortsetzungen in meist anderem Format). Ein Überblick über dieses Oktilektürat gibt es in Teil 1
    und Teil 2. Zusammengestellt von Ben Calvin Hary, seines Zeichens Wunderwuzzi als Redakteur des regelmäßig der Erstauflage beigefügten „Report“ mit Hintergründen zur Serie und dem Fandom, Youtube-Star im Namen seiner Perrytät, bereits vielfacher Schreiberling für diese oder jene Serie des Perryversums und nun noch mehr als all das schon:

    So viel können wir verraten: Auch 2022 darf der unsterbliche Terraner, so ES will, wieder zwölf Bände lang auf ein in sich abgeschlossenes Abenteuer gehen. Erste Ideen wurden gesammelt und Konzepte verfasst, auch eine Exposéautorin bzw. ein Exposéautor – das hat mir zumindest ein Spatz vom Nachbardach geflüstert – steht schon fest.BCH

    Dieser generisch pseudonymisierte Niemand ist ein genauso listenreicher Fuchs wie Odysseus und unverräterischer als ein Grab. BCH höchst selbst konnte erstmals die Zügel der Exposéarbeit übernehmen und lenken, welchen Verlauf die Miniserie nehmen soll. Wenn er so weitermacht, dann endet er noch wie Christian Montillon, der PERRY RHODAN-Action umgesetzt hatte, der heute nämlich Koexposéautor, Dualer Expotän der Hauptserie und somit kozweitmächtigster Erdenker unendlicher Geschichten ist. Gratulation. Man kann schlechter „enden“…

    Abschließend hierzu nur noch vorab, worüber Sascha Vennemann hier in Teil 1 und Teil 2 berichtet, nämlich wieso sich Miniserien selbst oder gerade für Perry Rhodan-Unkundige wie ihn lohnen, ja geradezu als Einstieg zu empfehlen sind:

    Was lässt mich darüber hinaus eher bei einer Miniserie am Ball bleiben, auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, was gerade in der Hauptserie passiert oder jemals passiert ist? Vor allem die inhaltliche Überschaubarkeit und die oft weniger dominante Relevanz von Kontextwissen. […] Und auf die Autoren zu vertrauen: Häufig sind sie nämlich so umsichtig, notwendige Wissenshappen in genau dem Moment nachzuliefern, wenn sie wirklich wichtig werden. Die Erkenntnis, dass ich beim Lesen der Miniserien mit meinem Nichtwissen häufig nicht alleingelassen werde, trägt wesentlich dazu bei, dass ich mich auf die Hauptstory einlassen kann, ohne ständig denken zu müssen: »Hä?«Sascha Vennemann

    Folgend hier zwar gerade solche Hintergründe von einem, der manch schon gelesen zu haben glaubt. Aber vorzugsweise ganz in Saschas Sinne: nur Lesemut – komm und lies mit!

    PERRY RHODAN ATLANTIS – was man weiß

    Atlantis, nicht nur diesseits unserer Realität sagenumwoben, sondern auch im Perryversum geschichtenumrankt. Dazu unten mehr. Doch was kann un will die Miniserie ATLANTIS beisteuern, woran anknüpfen, wohin forterzählen?

    […] Wir erzählen vom klassischen Atlantis, dem Kontinent also, der den Lesern der größten Science-Fiction-Serie der Welt seit langem bekannt ist. Und sowohl diese als auch die neuen Leser müssen nicht so viel über die Geschichte dieses klassischen Atlantis wissen: Es gab diesen Kontinent, er ging unter, und nur Atlan hat überlebt – so lässt sich der Wissensstand in einem Satz zusammenfassen.Thezakteur KNF im Logbuch der Redaktion 57: Ein Blick auf Atlantis und seine Zeit

    Das alleine wäre etwas dürr und klingt ja fast so, als wäre es weitgehend egal / nicht wichtig, was schon alles rund um Atlantis war. Aber als wissensnotwendige Voraussetzung im Vannemannschen Sinne ist es nicht, um einzusteigen, da man zeitpassend schon angefüttert wird;-) Malochen und die Leseärmel hochkrempeln hingegen musste Expokrat Hary, als er „mit der Arbeit an der kommenden Miniserie begann, war recht schnell klar: Einer der Schauplätze von PERRY RHODAN-Atlantis musste der Kontinent sein, der die Grundlage für alles liefert. Der Exposéautor arbeitete sich tief in die klassischen PERRY RHODAN-Romane ein, in denen Atlantis erstmals beschrieben worden war, und entnahm die Informationen, die er für die neue Serie benötigte.“ Hary, lies schonmal die Lektüre vor 😀 Nun aber Schmieröl an den Roboter, wat is denn nu angesacht?

    »Gut 8000 Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung: Auf einer großen Insel im Atlantischen Ozean haben die menschenähnlichen Arkoniden eine Kolonie errichtet, die den Namen Atlantis trägt. Von dort aus starten Raumschiffe ins All, von den steinzeitlichen Menschen als göttliche Erscheinungen bestaunt.
    Dann strandet ein Mann aus der fernen Zukunft auf Atlantis. Sein Name: Perry Rhodan. Der Raumfahrer wurde von einer Zeitmaschine in die Vergangenheit versetzt. Er muss einen heiklen Auftrag erfüllen und darf dabei nicht erkannt werden – denn eine kosmische Macht bedroht die Erde der Vergangenheit …«Reise zu einem Kontinent der Mysterien

    Nicht nur dieser unser Mann im All alleine auf eigene Faust, sondern auch seine Gattin mit von der Partie: Sichu Dorksteiger! Das freut mich besonders, dass sie ihr Kerlchen nicht alleine rumstrolchen lässt, sondern ein (wissenschaftlich) wachsames Auge auf ihren sofortumschaltenden Herumstreuner hält, der sich nur zu leicht in Kosmisches, allzu Kosmisches involvieren lässt. Die nicht nur Gattin, sondern auch Chefwissenschaftlerin mag für manche dann und wann zu seriös ruhig geschildert werden, was ich hingegen als besonders lesenswert empfinde, wenn sie fachkompetent entschieden auftritt. Davon ab, sie kann jederzeit auf ihre einstige militärische Grundschulung zurückgreifen und dann auch kräftig Paroli bieten, aber hallo. Ihr zur Seite treten noch zwei weitere weibliche Hauptfiguren, deren Namen publik sind – ich verschweige sie hier jedoch. Aber inhaltsweiter:

    Perry Rhodan wird nämlich in eine Zeit versetzt, aus der es eigentlich keine Rückkehr geben dürfte. Er kommt nach Atlantis, auf einen Kontinent, der zu dieser Zeit von Arkoniden besiedelt ist und in einer großen Gefahr schwebt. Er darf dort aber – das ist ganz besonders wichtig – kein Zeitparadoxon auslösen.
    Die zwölf Romane der Serie erzählen von Rhodans Reise über den Kontinent Atlantis und die Erde der Vergangenheit. Sie schildern aber auch den einen oder anderen Risikoflug, der nicht nur auf andere Welten unseres Sonnensystems, sondern ebenso hinaus ins freie All führt. Dort trifft Rhodan auf einen alten Bekannten – der ihn aber nicht kennen kann – und auf fremdartige Wesen, die ihm in seiner Zeit ebenfalls schon begegnet sind …Ein Terraner auf einem mysteriösen Kontinent

    Im Grunde unvermeidlich, sonst nichts als absurd, muss freilich noch jemand auftreten, der – so der Dreh im Perryversum – Atlantis erst den Namen gab: Atlan! Unten mehr dazu, aber seine Rolle in dieser Zeit ist eine noch kaum beleuchtete, nur in wenigen Erzählungen verknappt bekannte. Er wird anders als der erzählmoderne Atlan sein müssen, da er 10.000 Jahre jünger ist, einerseits noch kaum lebenserfahren gemessen am Relativunsterblichen der Handlungsgegenwart, andererseits dennoch ein gestandener, viel durchlebter gut 40-Jähriger in vielfachen Ämtern und Würden schon damals gewesen war. Spannend, wie man den jungalten bzw. altjungen Atlan und den zeitversetzten Perry miteinander konfrontiert oder tunlichst nicht – Zeitparadoxonvermeidung!

    Das der geteaserte Kenntnisstand in Skizze. ATLANTIS wird es wie seit Jahren gewohnt trimedial im Abo als Print, ebook oder Hörheft geben, erstere beiden direkt im Perry Rhodan-Shop, letzteres bei Einsamedien. Dort bin ich am Start und werde somit mithören, wie hörvertrauter Renier Baken Perry & Co intonativ inszeniert. Vorteil so für mich als eingestandener Langsamleser; Nachteil für mich als wonniger Zitierer, der nun kein ebook für zitatives Copy-and-Paste zur Hand hat. Erwähnenswert noch das Team des ATLANTIS-Kommandos, das noch nicht vollständig bekannt ist. Vierköpfig sicher, aber sieben bis acht Mitautor*innen sind eigentlich üblich. Zum Team gehört übrigens obiger Mister Vennemann, der sich miniserial also mutwillig schon eingegroovt hatte, um sich jetzt ertüchtigt zu zeigen:-) Auch wird es wieder, zuletzt unüblich geworden, eine redaktionelle Beilage zum Roman geben, nämlich einen aufschlussreichen Kommentar, der Hintergründe zum vertiefenden Verständnis bietet und vielleicht fingerzeigend prospiziert, welche Wege des Handelns sich aus dem Romangeschehen ergeben könnten. Finde ich sehr gut – mal sehen, ob der Kommentar als PDF dem Hörheft-Download beiliegt. Lesen würde ich ihn nämlich begleitend nur zu gerne. Soweit ist es also angerichtet und servierbereit!

    Hintergründe und Assoziationen

    Doch worauf fußt die Miniserie denn nun, wie legendär ist Atlantis im Perryversum und was hat BCH denn alles nachlesen müssen, von KNF verdonnert?

    “Es geschieht, weil es geschah“, so eine Sentenz unter Rhodanaut*innen, wenn es zeitschleifig wird. Nachdem mit legendärem Heft 50 “Der Einsame der Zeit“ der zweite Zyklus Atlan und Arkon mit einem Handlungszeitsprung von 56 Jahren begonnen hatte, war mit ihm wie ein Donnerschlag die vielleicht beliebteste Hauptfigur der Seriengeschichte erwacht. Das buchstäblich, da der Arkonide Atlan mit vielen Unterbrechungen im Handlungsjahr 2040 erneut aus einem Tiefschlaf erwacht war und die Bühne des entstandenen Solaren Imperiums betrat. Das zunächst als Gegner Rhodans, nach manch Missverständnis und legendären Duellen seither jedoch als bester Freund. In vielen Andeutungen wurde klar, wovon Atlan bis dahin exklusiv in Ich-Perspektive erzählte, dass er die Geschichte der Menschheit schon länger als nur ein Leben lang begleitet hat. Doch das blieben nur Halbsätze, bis Heftroman 60 „Festung Atlantis“ – „Arkoniden verteidigen das Sonnensystem – vor 10000 Jahren. – Das dritte Atlan-Abenteuer!“ von Exposéautor K. H. Scheer persönlich, 1962 erschienen. Dank fotografischen Gedächtnisses und einem Trigger beginnt Atlan zu erzählen von dieser „Festung Atlantis“, einer Kolonie der Arkoniden auf der damals Larsaf III. genannten Erde, von einem nach ihm zu Ehren benannten Kontinent, dessen Name durch die Jahrtausende tradiert werden sollte. Eine blühende Kolonie, wenn sie auch nur als Ausweich zustande kam, nachdem die primäre auf Larsaf II. (zukünftige Venus) Rückschläge hinnehmen musste. Die Erzählung wird erst in Heft 70 „Die letzten Tage von Atlantis“ – „Arkon-Raumer TOSOMA im Endkampf: Die Besatzung verhaftet ihren Admiral! – Das vierte Atlan-Abenteuer!“ fortgesetzt (1963). Hier wird vom Untergang des Kontinents erzählt, wie Atlan dann – als „einsamer der Zeit“ – auf der Erde gestrandet ist (nachdem er einen sog. „Zellaktivator“ erhalten hatte, den Perry Rhodan erst noch bekommen würde). Atlan wurde, was er zum Zeitpunkt des Erzählens längst war, nämlich Förderer, Helfer und Freund der Menschheit, wenn auch nie uneigennützig: er wollte nämlich zurück in die Heimat, nach Arkon. Doch die dafür nötige Hypertechnik war Jahrtausende fern. Mit dem Charakter Atlan (keine bloße Figur!) zog eine Art „Präastronautik“ in die Serie ein, demnach die Menschheit nicht auf die Erde geworfen sich über Jahrmillionen evolutionär herausgebildet hatte als erstes Tier unter gleichen. Extraterrestrier Atlan blieb nämlich nicht der einzige, der auf die Erde gelangte und auf die „Barbaren“ (Atlans Lieblingsbezeichnung) einwirkte, bevor Perry Rhodan sie zu den Sternen führte. Eine Chronik der Menschheit aus Atlans Erinnerungen ist in den Zeitabenteuern niedergeschrieben. Dieser Kontext ist selbstredend nicht wichtig, um die Miniserie zu lesen, dennoch nützlich zu wissen, wofür dieses Atlantis als arkonidische Kolonie Nadelöhr in die Zukunft fundamental war. Daher auch obige Sentenz und die großgeschriebene Warnung bezüglich eines Zeitparadoxons: die Geschichte der Menschheit hängt davon ab, dass auf Atlantis geschieht, was man durch Atlans Erzählungen davon weiß, was dieser dort durchlebt hat. Trotz aller Toten und Vernichtung wird Atlantis untergehen müssen, um sozusagen den Freiraum für die Zukunft zu schaffen.

    Von mir noch nicht erlesen, spielte Atlantis noch einmal eine Rolle, jedoch nicht in der Perry Rhodan-, sondern der Atlan-Serie. Diese gab es nämlich auch – wie gesagt, Atlan der vielleicht beliebteste aller Charaktere – und zwar über stolze 850 Heftromane hinweg. Und das, obwohl sie anfangs nicht mal wöchentlich erschienen war und seit Jahrzehnten nicht mehr erscheint. Auch hier gibt es Zyklen und der hier interessierende heißt nur zu passend. König von Atlantis! Ein Großzyklus, der mit Nr. 300 begann und bis Nr. 499 reichte, in viele Unterzyklen untergliedert werden kann und in vielem des Erzählten doch arg Fantasy-esk anmutet. Atlantis als „Plattform“ für einen Weltenfahrstuhl, worüber sich die Handlung in Raum und Zeit verliert, wobei Atlan mit Titel und im Rang des Königs von Atlantis hauptfigürlich agiert. Kann hierzu mangels Lektüre nichts sagen, was nicht in der Perrypedia einlesbar ist. Hieran soll die Miniserie jedoch auch gar nicht näher anschließen, was der Übersicht vielleicht gut tut.

    Dass die Eheleute Rhodan-Dorksteiger per Zeitmaschine nach Atlantis gelangen, ist ein gern gebrauchtes Handlungsstilmittel der Serie, aber auch ein nur zu schöner Rückgriff auf die allererste Miniserie, die es gab. Wie, was? „Action“ doch. Nein, daher anno Domini weiter oben auch „Obacht“, als ich von erster PERRY RHODAN-Miniserie schrieb. Die allererste und eine Handvoll weiterer waren selbst „Action“ vorausgegangen. In warmherzigster Erinnerung ist nämlich der Prototyp / die Mutter aller Miniserien: TRAVERSAN! Perry weit und breit hier nicht zu lesen, denn es ist der Vorläufer der über Jahre prägenden ATLAN-Miniserien.

    Ich wollte die Autoren vor allem loben und bezeichnete »das Experiment ›Traversan‹–Zyklus als erfolgreich«. Die Leserreaktionen seien »positiv bis euphorisch« gewesen, »teilweise war es mir schon fast unheimlich«. Ich bestätigte zudem, dass uns in der Redaktion das Projekt viel Freude bereitet habe.
    Auch die Auflagenzahlen waren in unseren Augen gut gewesen, jedoch nicht so gut wie bei der wöchentlichen PERRY RHODAN-Serie. Aber damit war nicht zu rechnen. »Allerdings haben wir mit ›Traversan‹ stets eine höhere Auflage erzielt als mit den PERRY RHODAN-Nachauflagen«, schrieb ich stolz. »Und es ist ziemlich sicher, dass die ›Traversan‹-Auflage höher war als die Auflage der meisten Konkurrenz-Heftserien.«Der Redakteur erinnert sich 21: Ein Feedback zu »Traversan«

    Betrachtet man die PERRY RHODAN-Serie und den Serienkosmos über die Jahrzehnte hinweg, stellt man fest, dass es immer wieder Entwicklungen gibt, mit denen niemand so richtig rechnete. Eine davon ist das »Revival« des Heftromans – und stark dazu beigetragen hat sicher die ATLAN-Serie, bei dieser vor allem der »Traversan«-Kurzzyklus. Von den Erfahrungen, die in den späten 90er-Jahren mit »Traversan« gesammelt wurden, zehrten die Redaktion und das Autorenteam noch Jahrzehnte danach.KNF “Logbuch der Redaktion 50: Kein nostalgischer Blick auf Traversan“

    Auch hier war die Hauptperson – Atlan – per Zeitmaschine – von den legendärsten “Meistern der Insel“ – ebenfalls inmitten arkonidischer Geschichte abgesetzt worden: 5772 v. Chr. / 12.402 da Ark (nach Arkon =arkonidische Zeitrechnung). Bald 2.500 Jahre später also zur ATLANTIS-Zeitebene.

    Doch was macht diese Handlungszeit etwa 8.000 v. Chr. Aus?

    • Das Volk der Arkoniden steht in der Blüte seiner zivilisatorischen Schöpfungskraft, strotzt vor Elan und Entdeckergeist, der allerdings vergleichbar dem (nicht nur) British Empire auch mit imperialem Dünkel bis hin zu rassistischer Herablassung einhergeht. Dennoch kein Vergleich zu den Arkoniden am Ende ihrer imperialen Zeiten, mental degeneriert und körperlich antriebslos, als Rhodan ab dem Handlungsjahr 1971 auf sie und ihr zerbröckelndes Sternenreich stößt. Sie hier Handlungsträger zu nennen, fällt mangels Handlungsfähigkeit schwer; demgegenüber die tatkräftigen Stürmer und Dränger des Tai Ark’Tussan, dem Großen Imperium, die wie im Trek nach Westen über die Grenzen des Imperiums hinausstrebten.
      Die Karte enthält die wichtigsten von Arkoniden besiedelten Sonnensysteme in der
Galaxis. Ausgenommen sind die Welten in den Kugelsternhaufen Thantur-Lok (M 13) und
Cerkol (M 92), da dort nahezu alle Welten von Arkoniden bewohnt werden und eine differenzierte
Darstellung ohnehin nicht mehr möglich ist. Das Große Arkon-Imperium bzw. Tai Ark'Tussan
besaß in der Milchstraße eine Geschichte von über 20.000 Jahren, bevor es im Vereinten
Imperium überging und schließlich aufhörte zu existieren. Nach fast zweieinhalb Jahrtausenden
Abwesenheit auf der galaktischen Bühne lebte das Sternenreich als Kristallimperium
bzw. Gos'Tussan für einige Zeit neu auf. Bild und Text entnommen aus Stefan Kochs grandiosem Fan-Projekt, dem PR-Sternenatlas.de
    • All das aber, als bereits die sog. Methankriege gegen die rassistisch abfällig „Methans“ genannten wasserstoffatmenden Maahks tobten, Atlan hier als Admiral im Diensten der durch und durch militarisierten Flotte stand. Etwa 8.229 v. Chr. Begannen hier erste Auseinandersetzungen, zur ATLANTIS-Zeit war der Krieg längst heiß geworden. By the way: diesseits der Realität toxisch und lebensverachtend, bloß als narrativer Handlungsrahmen lesenswert, wenn man niemals betroffen sein muss!!! Als Erzählrahmen für Flüge von Larsaf III. hinaus ins All aber natürlich Stoff für Konflikte, brenzligste Situationen und vieles mehr. „Hintergrundrealität“ für ATLANTIS vermutlich:
      • 8004 v. Chr. – 23. Auffangschlacht im Khorsal-System: Trotz Verlustes seiner gesamten 9. Flottille unter dem Befehl von Sonnenträger Kwan von Arthamin siegte Atlan mit seinem Geschwader über die Flotte von Großadmiral Grek-1108 (PR-TB 396)
      • Zwischen 8006 v. Chr. und 8003 v. Chr. – Das Iskolart-System wurde durch Atlans 18. Einsatzgeschwader für die Arkoniden zurückerobert. (PR 86 E, Kap. 6)
      • 8. Jahrtausend v. Chr. – 35. Auffangschlacht im Koàl-System: Atlan wurde aus den Kampfhandlungen ins Larsaf-System (Solsystem) abkommandiert (PR 60)

      Wichtige Austragungsorte der Schlachten zwischen Arkoniden und Maahks zur Zeit des
Großen Imperiums. Das Bild zeigt eine Sternenkarte, die den Methankrieg in seinem frühen Verlauf veranschaulicht. Entnommen ist Karte und Text  von seit Jahr(zehnt?)en aktiven Rhodanauten Stefan Koch als exzellenten Kartenzeichner, der auf PR-Sternenatlas.de eine Vielzahl an allgemeinen und Themenkarten wie dieser bereitstellt, die das Perryversum so ungemein vertiefen

    • Mit obigen Links auf die Hefte 60 und 70 der Erstauflage entfaltet sich das Panorama der Besiedlung des Larsaf-Systems, zunächst auf Planet II., hinkünftiger Venus, später dann auch auf der dritten Welt. Auf jener wird eine – noch 10.000 Jahre später relevante – Großpositronik errichtet, auf dieser wird nur eine Unterwasserkuppel als Relikt der Arkoniden – unerkannt – die Zeiten überdauern, aus der Atlan hervorgekommen sein wird.
    • Was sicher auch außen vor bleibt und ich hier nicht näher ausführe, sind zeitüberlappende Kontakte zwischen zwei Universen, die eine narrative Säule besagten zweiten Erstauflagenzyklus sind, aber auch in die tiefe Vergangenheit des Larsaf-Systems führen. Durch sog. „Überlappungsfronten“ dringen Kampfraumer der – viel später erst so bezeichneten – Druuf in den stellaren Raum um die Larsaf-Planeten. Als (ein) Kollateralschaden, wie man es so verachtend nennt, durch wütende Kämpfe zwischen Arkoniden und Druuf geht schlussendlich Atlantis unter. An sich freilich relevant, doch die Handlung dürfte nennenswert weit zuvor spielen, um davon unberührt zu bleiben. Erwähnenswert dennoch, weil damit klar wird, wie viel – voraussichtlich – außen vor bleibt, da es den Rahmen nicht nur einer Miniserie sonst sprengen würde. D.h. auch, wie gut das erzählerische Timing sein muss, um manch Klippe zu umschiffen, an der die Handlung sonst nur zu leicht zerschellen könnte.
    • Angedeutet, wie von sich überzeugt bis hin zum Rassismus die Arkoniden dieser Zeit waren. Und eben solche stehen nun Atlantern gegenüber, die es als Ureinwohner, Indigene dieses Kontinents – neben allen übrigen „Barbaren“ der Welt😉 -, in den Augen der Arkoniden wohl kaum über noch so nette „edle Wilde“ nicht hinausschaffen dürften. Bin sehr gespannt, wie viel imperialen Dünkel die Miniserie ausschreibt. Postkolonial kontern kann man ja jederzeit durch die Augen Perrys und Sichu, denen das arkonidische Auftreten als verachtend und selbstgerecht missfallen wird. Diese Konflikte der perspektiven scheinen mir aber unvermeidlich, will man diese Epoche einigermaßen probabel erzählen, also gemäß den Pflöcken, die in den 1960er Jahren eingeschlagen worden sind.

    Und sicher noch vieles mehr an Fragen zu stellen, da eine Zeitmaschine einen Bauer einer solchen voraussetzt und Bediener einer solchen. Wer schickt Perry durch die Zeit und wozu? Ist es ein Auftrag, um etwas erst in die Wege zu leiten, damit es sicher eintritt und geschieht? Wer kann so zeitmächtig sein? Und wieso ist Atlantis für all diese finsteren Pläne und Absichten allentscheidend? Da hilft nur lesen aka hören!:-) Was bis hierhin klar geworden sein sollte: Atlantis ist auch im Perryversum ein Schnittpunkt vieler Zeit- und Handlungslinien, die nun zu einem Khipu verdichtet werden!

    Erwartungen?

    Und was erwarte ich mir nach alledem an wiederbewusst gemachten Hintergründen und erzeugten Assoziationen? So direkt nichts. Das auch wegen der Risiken und Nebenwirkungen von Miniserien, die im „Mini“ bestehen. Sie sind schlicht dann eben doch bloß 12 Hefte kurz und – so meine Leseerfahrungen – für vieles dann eben auch zu kurz. Oder andersherum: mitunter ist mir schon wieder zu viel zu geballt in nur 12 Hefte gestopft. Noch anders: auch wenn schon „Action“ nicht bloße Action sein sollte, es damals für meinen Geschmack aber doch im Übermaße war, neigen alle Miniserien ihrer Art nach zu komprimierter Darstellung, die am Roten Faden entlang eilt bis hastet. Mitnichten und keinstenfalls per se schlecht, vielmehr ja sogar integral fürs Konzept, gerade so zielstrebig und geradlinig quasi ohne Schnörkel erzählt wird und so vor allem Neulinge fesseln kann.

    „Meine“ Miniserie, die sich nicht verkaufen würde, wäre eine sich ruhig einem Thema widmende, in der perryversale Wissenschaftler*innen wie Sichu Handlungsträger*innen wären und mit Begeisterung und Faszination forschen würden. Mal – ja, gleich mehrere Miniserien!;-) – nach kosmologischen Zusammenhängen, mal im Versuch des Verständnissen von der Genese von Superintelligenzen, mal bezogen auf technischen Fortschritt und seinem Zustandekommen, mal auch in der Erforschung einer Welt in ihrer gaiatischen Multiplexität. Ein Hard SF-Roman wie Kim Stanley Robinsons exzelleniales AURORA! *reminiszent träum* Die Kolonistenabenteuer in fundiert…

    Atlantis – Mythos und Realität

    Nach all der rhodanautischen Erkundung dortigen Atlantis zurück in die Realität. Insoweit man denn von harter Realität sprechen kann. Denn Atlantis ist hier zunächst einmal nichts anderes als ein Bestandteil von Platons philosophischen Überlegungen. Außerordentlich interessant, was allein Wiki alles hierzu zusammenträgt, das sich in Zweieinvierteltausend Jahren beinahe bibelgleich an Interpretation und Auslegung angesammelt hat. Zwei grobe Linien, wovon die eine Atlantis als bloßes Gedankenexperiment, philosophisches Beispiel zur Veranschaulichung, als bildhafte Idee im Platonischsten Sinne versteht; die andere hält es hingegen zumindest für einen Nachhall realer Begebenheiten, auf die sich Platon da bezieht. So konkret er den Kontinent auch benennt und ihn jenseits der Säulen des Herkules (Felsen der Straße von Gibraltar) verortet, ist die Annahme ja auch berechtigt, Platon könnte sich auf reale Umstände beziehen. Bzw. wieso sollte er es derart verweltlichen, wenn er es doch eh nur abstrakt meint? So konkretisiert er seine Höhle des berühmten Höhlen-Gleichnisses überhaupt nicht, sie bleibt ortlos, atopisch, obwohl es gewiss allein nahe Athen genügend Höhlen gegeben hätte.

    Vor kurzem hatte ich die ZDFinfo-Reihe Ancient Apocalypse für mich entdeckt und die sechs Folgen begeistert beobachtet. So sehr wir von Apokalypsen umzingelt scheinen klimaüberhitzender, pandemischer und Putinscher Fasson oder gerade deshalb mag lehrreich sein, auf welche Weisen alte Kulturen ihr apokalyptisches Ende fanden. Eine der Folgen spürt der Spur nach Atlantis nach: Ancient Apocalypse: Helike – Spur nach Atlantis: „Die griechische Stadt Helike versinkt 373 vor Christus in den Fluten. Im Lauf der Zeit gehen die Informationen über ihre Lage verloren. Ist es möglich, die versunkene Stadt wiederzufinden?“ Alle sechs Folgen sind auch in der mediathekviewweb.de als MP4 zum Download verfügbar – JETZT! Dieses Helike war eine real existierende Stadt, ersterwähnt in Homers Ilias, also berühmter kaum möglich. Zugespitzt vielleicht eine Art „griechisches Carthago“, eine Stadt der Händler und des erhandelten Reichtums. Bis zu Beginn des 4. vorchristlichen Jahrhunderts durch ihre kraftvolle Stärke führend am Peloponnes. In relativer Nähe zu so viel berühmteren Städten wie Corinth, Sparta, Athen war Helike sogar eine Führungsmacht in den verschiedenen Bünden vor Ort. Bis, ja bis es 373 v. Chr. unterging, als Strafe der Götter in allgemeiner Lesart. Man habe sich wohl übernommen. Vermutlich das Gesprächsthema in ganz Griechenland, so auch in Athen, wo es Platon zu Ohren kam. So die Annahme, der die Doku folgt. Extrem spannend gemacht, weil es alles altphilologisch an einem Wort hängt, durch dessen vermeintliche Ein-, faktische Mehrdeutigkeit die tatsächliche Lage lange unklar war bzw. man an falscher Stelle gesucht hatte. Bei Wiki ist es unspektakulär und wenig mitreißend sachlich korrekt genannt, dass Helike nun in einer Lagune liegt, nachdem ein durch Erdbeben ausgelöster Tsunami die Stadt mit sich riss. Zwar nur eine Stadt, kein Kontinent oder kontinentgroße Insel, aber womöglich für Platon dennoch Grundlage für seinen Stoff. Wieso auch immer er dann nicht Helike auch Helike sein ließ, sondern nun wiederum abstrahierte vom Konkreten und es bis jenseits der den Griechen bekannten Welt entrückte, als wäre es ein Avalon späterer Tage. Da ich zuletzt die Hörspiele zu den Argonauten, zur Odyssee und der Aeneis gehört und es daher präsent habe: antik typisch für echte Helden ist es, sich durch den gesamten bekannten Erdkreis umspannende Reisen hervorzutun, einmal die bekannte Welt zu bewältigen, sich auf die Heldenreise ergo zu begeben. Je ferner, desto besser. Daher wäre ein fernstmögliches, jenseits der Säulen des Herkules gelegenes Atlantis schon von daher umso heldenhafter in seiner Anlage, da Platon – wäre es real – nur von einem wahren Helden davon gehört haben könnte. Sodann führt es die Helden auch stets an das Tor der Unterwelt, zum Hades als Reich der Toten und ihrer Seelen. Eine Unmöglichkeit, die diesen Helden – göttergewollt – doch möglich wird. Sie klopfen an für sonst alle verschlossene Tore und erhalten Einlass, ja auch wieder Auslass entgegen allen Usus. Für mich schwingt bei Atlantis auch etwas „Hades-haftes“ mit, ein Nichtort, der eigentlich doch unerreichbar ist, obwohl örtlich doch verortet und ergo bekannt. Denn die Helden wissen ja auch immer, wo ganz genau sie Zutritt zum Hades erlangen können. Wie dem auch sei, die Doku führt beeindruckend vor Augen, wie sehr Helike für Platon Inspirationsquell gewesen sein könnte, der – so ergänze ich – aber noch um weitere Legenden u.Ä. ausgeschmückt sein muss. Vielleicht ja Reiseberichte von Phöniziern / Puniern / Karthagern als die Weltreisenden damaliger Tage, die „von dort“ kündeten, was im Atlantik zu sehen war.

    Abschließend nur noch, dass, so plausibel die Helike-Hypothese präsentiert wird, das Ganze schon sehr tendenziös ist angesichts einer üppigen Vielzahl an Lokalisierungshypothesen, wie sie bei Wiki nahezu endlos aufgeführt sind. Die Skurrilste für mich, dass Atlantis Troja sein könnte. Weil Platon vom fernsten Westen spricht, soll es im Osten gelegen haben? Merkwürdiger jedoch, dass kein Grieche bei restklarem Verstand DEN MYTHOS DES VOLKES schlechthin namentlich und inhaltlich derart entstellt, wo ihn für die Jahrtausende wirkmächtig Homer episch besungen hat. Der Trojanische Krieg für die Griechen sinn- und zusammenhaltstiftend wie sonst nichts. Und dann sollte Platon dahergehen und es miserabel plagiieren, indem er es anders benennt, der Helden wie Achilles entkleidet und dennoch auf einen Bestseller hofft? Na ja, gut. An die Ilias kommt er vielleicht nicht heran, dennoch beeindruckend, wie ebenfalls gefühlt endlos Atlantis als Sujet in tausendundeins Varianten fort- und umerzählt worden ist, Stoff für Legenden bot, Ausgangspunkt für Utopien wurde und selbst eine in unendliche Weiten vorgestoßene SF-Serie bereichert hat!

    EDIT vom 17.03.2022: Beitragstitel beschönigt aus „Ein Blick voraus“ zu jetzigem „ein Rückblick voraus“, der es besser trifft.

  • :)) Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, als ich diesen Vertipper aka Buchstabenverdreher von KNF, von der Entität Chefredakteur, dem Redaktarchen höchst selbst gelesen habe: „brigne“ Das passiert mir am laufenden Meter, ständig, andauernd, abverlangt verhasste Korrekturdurchläufe. Und nun ist es durch die Statistiker des Kosmos amtlich bestätigt, dass nicht nur ich singulär so verschwurbel. Ein Feiertag!
  • The Rising Earth

    Hallo Mitwelt!

    Der Blick aus dem Weltall auf die Erde war schließlich ein ›Muß‹ für jeden Touristen.

    […] Denn da unten schwebte die Erde, ein riesiger, leuchtender Ball mit rötlichgelben, blauen und weißen Flecken. Die dem Schiff zugewandte Hemisphäre lag fast völlig im Sonnenlicht; zwischen den Wolken waren wüstengelbe Kontinente mit vereinzelten, grünen Streifen zu erkennen. Wo die blauen Ozeane bis zum Horizont reichten, zeichneten sie sich scharf gegen die Schwärze des Weltalls ab. Und der klare, schwarze Himmel war übersät mit funkelnden Sternen.

    Die Zuschauer warteten geduldig, denn was sie interessierte, war nicht die Taghälfte.

    Blendend hell kam die Polkappe in Sicht. Das Schiff beschleunigte immer noch kaum merklich zur Seite hin und wurde langsam aus der Ekliptik getragen. Sachte glitt der Schatten der Nacht über den Globus, und der riesige eurasisch-afrikanische Inselkomplex betrat mit der Nordseite nach ›unten‹ majestätisch die Weltbühne.

    Isaac Asimov: Sterne wie Staub [The Stars, Like Dust], Kap. 2 Der Zufall und die Armbanduhr

    Das ist ein langes Zitat aus dem 1951(!) erschienenen Roman der drei sog.
    Imperiumsromane Asimovs, die ergo noch vor legendärer Foundation-Trilogie erschienen sind und den unaufhaltsamen Aufstieg des Trantorianischen Imperiums Jahrtausende vorab vorzeichnen. Damit blickt er auch voraus in ganz anderer Weise, nämlich wirft Asimov einen Blick auf die Erde, auf die zuvor noch kein Mensch je geblickt hatte können. Sechs Jahre vor dem revolutionären
    Sputnik-Schock vom 05.10.1957 (Obacht: Schock nur für den ignoranten Westen) nimmt der Prophet der Science Fiction die Erde visionär von oben, als Kugel, als Gesamt- und Einheit in den Blick, als im Roman ein Raumer mit der Hauptfigur Biron Farrill von der Erde „ablegt“ und sich zum Rand des Sonnensystems aufmacht. Eine Erde, die hier noch bekanntes, wenn da auch schon atomar verseuchtes Zentrum einer in die Galaxis hinausgestrebten, galaktisch gewordenen Menschheit ist, was Generationen später zum Mythos verschwimmen sollte.

    Damit ist für ihn schon selbstverständlicher Teil der Narration, gehört für ihn ikonisch dazu, was für die realirdische Menschheit noch als Einsicht und Erkenntnis bevorstand, nämlich der Erde als Ganzheit inmitten des Weltalls. Per Drauf- zur Einsicht von der
    Ikone Erde – Blaue Kugel im schwarzen All: Beim letzten bemannten Flug zum Mond, 1972, entstand ein Foto der voll erleuchteten Erdkugel, aufgenommen aus ca. 37.000 km Entfernung. Was hat dieses Bild mit unserem Selbstverständnis als Menschen gemacht? Von Ulrich Grober / WDR 2002. Ein exzellentes Kulturfeature bei WDR3, das eindrücklich nachzeichnet, was dieses Foto für Kreise gezogen hat, welche Bedeutung es für die Deutung vom Raumschiff Erde erlangt hat und wie sich diese Deutung im Laufe der Zeit mehrfach verändert hat. Gemacht wurde das Bild auf dem Rückflug von Apollo 17 (07.-19.12.1972),
    der elften und bis heute letzten bemannten Mission zum Mond. Im Rahmen des Apollo-Programms gelang die sechste und bis heute letzte Landung auf unserem Trabanten, wo mit drei Tagen eine Rekordzeit verbracht wurde. Seither ist Mensch nicht einmal mehr über eine erdnahe Umlaufbahn hinausgekommen… Das Geschichte machende Bild,
    Blue Marble, die Blaue Murmel
    hat ökologische Bewegungen wie ein Fixstern den Weg gewiesen und steht seither symbolisch für den Erhalt und die Bewahrung der Erde!

    Blue Marble, aufgenommen von Apollo 17am 07.12.1972; Wikipedia entnommen

    Interessant ist, dass „erst“ 1972 dieses Bild von der Welt weltbewegend um die Welt ging. Denn es hatte bereits eines zuvor gegeben, das nicht minder beeindruckend hätte sein können, als allererstes seiner Art eigentlich auch schon hätte müssen: Der Moment, als die Erde am Horizont auftauchte – Earthrise auf der Apollo 8. Ein halbes Jahr vor Apollo 11, DER Mondmission von 1969 als kleiner Schritt für einen Menschen, der sich als größter für die Menschheit erweisen sollte, war
    Apollo 8
    als erster bemannter Flug gen Mond aufgebrochen. Zum ersten Mal wagten sich Menschen mehr als 1500 km über die Erde hinaus, was sogleich in zehn Mondumrundungen gipfelte, die exakt 20h 10m 13s andauerten. Die Mission fand vom 21. bis 27. Dezember 1968 statt, also ziemlich genau vier Jahre vor Apollo 17 als „letzte ihrer Art“.

    Heiligabend 1968 knipsen die Astronauten ein Foto, das die Welt verändern sollte: Im Vordergrund der kahle graue Mond, im Hintergrund die aufgehende blauweiße Erde – die erste Weltraumperspektive auf unseren Planet

    SWR2 Archivradio

    Auch dieses Bild trägt einen eigenen Namen – Earthrise
    Apollo-8-Aufnahme und zugleich erste Schwarz-Weiß-Fotografie der „aufgehenden“ Erde aus der Mondumlaufbahn, aufgenommen von Bill Anders; Wikipedia entnommen

    Damit war man exakt 103 Jahre später endlich zum Erdbegleiter aufgebrochen, wohin da längst die Menschen gereist waren. Und zwar in Jules Vernes Roman Von der Erde zum Mond von 1865, wenngleich die
    Reise um den Mond von 1870 sich um fünf Jahre verspätete. Das hat Apollo 8 in einem Rutsch vollbracht. Diese Science Fiction reist der Wirklichkeit doch immer voraus, weist ihr den Weg nur allzu oft, eröffnet Horizonte des Denkmöglichen, das Mensch dann nur zu gerne auch ermöglicht.

    AD ASTRA TERRANER

    [1]

  • Wenn sich das mal nicht als
    schmutzige Weiten erweist, in die wir da aufbrechen und den astralen Müll wie volle Windeln in der Wiege der Menschheit zurücklassen…
  • Telzey Amberdon oder Die Großen in der Tiefe

    Hallo Mitwelt!

    Heute nur fürs Protokoll dokumentiert, was festzuhalten ist. Hatte zur Rezension über “Die unheimliche Freiheit“ am Rande notiert, eine Anfrage/Anregung an den herausgebenden Apex Verlag rausgeschickt zu haben. Speziell zum Autor James H. Schmitz der zweiten Kurzgeschichte „The Telzey Toy“. Denn laut Wiki hat es weitere Geschichten rund um die Hauptfigur Telzey Amberdon gegeben, wovon drei weitere einst schon übersetzt veröffentlicht wurden. Ob da nicht eventuell ein weiterer Erzählungenband möglich wäre, wo doch nebst besagter Kurzgeschichte auch schon „Agent der Wega“ von JHS wiederveröffentlicht worden ist. Sprich, der Autor ist ohnehin schon im Verlagsfokus, für ihn liegen Lizenzrechte vor. Damit müsste doch der Zugriff auf weitere Geschichten gut realisierbar sein. Nette Antwort vom Verlagschef Christian Dörge: “Ich danke Ihnen sehr für die Tipps! Ich bin sicher, da ist etwas für unsere
    Reihe Galaxis Science Fiction dabei.“ Keine handfeste Zusage, die auch weit über Erwartung gewesen wäre, aber ein eingepflanzter Samen der Anregung, der keimen könnte. Sehr schön. Davon ab, dass ich besagten „Agent der Wega“, der im eigenen Universum oder zumindest Telzey-los spielt, sowieso noch am Lesen bin. Langsamleser plus lektürische Zuvielfältigkeit – Multioptionslesegesellschaft! Sodann aber auch noch…

    Die Großen in der Tiefe

    Eine zweite Anfrage ging raus, die ich noch letztes Jahr – quasi verjährt – auch an Apex/Herrn Dörges geschickt hatte, da mit „negativem Bescheid“. Daher musste der Nächste dranglauben, seines (Verlags)Namens Peter Hopf.

    Worum geht es? Das etwas ausholend umwegig hergeleitet: Habe den – 96seitigen – Essay von Ingo Reuter „Weltuntergänge. Vom Sinn der Endzeit-Erzählungen“ (Reclam Verlag) gelesen. Hier geht es um all die Formen von Apokalypsen, die sich der Mensch durch die kulturellen Gezeiten (multi)medial so ausgedacht, erwartet, gar erhofft, meist befürchtet hat. So sinnlos so eine pessimistische Sicht zunächst wirken mag, sich das Weltende auszumalen, so sehr lässt sich eben doch Sinn hieran finden. Aus dem Altgriechischen übersetzt bedeutet Apokalypse nämlich zunächst einmal nichts anderes als „Entschleierung“, „Enthüllung“. Eine enthüllende Entschleierung des herrschenden Jetztzustandes ist, ganz neutral gesprochen, eine Sezierung der Zustände, wie sie erscheinen, eingekleidet in die Umstände ihrer Zeit. Apokalypse ist so gesehen erst einmal nur ein Blick hinter die Schleier der real existierenden Realität; ist die Entkleidung der herrschenden Kostümierung; ist das das Ausrufen des Endes der närrischen fünften Jahreszeit.
    Apokalypse hat so herum betrachtet einen aufklärerischen Charakter, da die nicht länger zumutbaren Zustände der Gegenwart entlarvt werden, um durch ihre Entschleierung eine neue – eben postapokalyptische – Zeit aufzuzeigen. Mit einer Apokalypse geht eine Entzauberung der Welt einher, so wenig die hinkünftige Nachzeit deshalb notwendig eine bessere sein müsste… Usf. usf.

    Zurück zu „Weltuntergänge“ als Essay. Folgende Themenbereiche werden verhandelt:

    • Einleitung: Fünf vor zwölf oder schon kurz danach?
    • I Erstsichtungen: Schuld, Rettung und Neubeginn
    • II Fluten als das große Reinemachen
    • III Apokalypse als ersehnter Neubeginn
    • IV Weltuntergang durch Gefahr von außen
    • V Weltuntergang durch Technik: Klima, Strahlung, Maschinen, Atomkrieg
      • Das Klima
      • Die schleichende Strahlung
      • Die Maschinen oder: Der Zauberlehrlingseffekt
      • Atomkrieg – eine Bedrohung außer Mode
      • Wie geht es weiter nach dem Atomkrieg?
    • VI Weltuntergang durch virale Ansteckung
      • Krankheiten
      • Soziale Ansteckung
      • Computerviren
    • VII Vom Sinn des Schreckensbildes
      • Die vierte historische Kränkung
      • Was ist menschlich?
      • Gerechtigkeit
      • Vorläufige Rettung

    Und inmitten von Kapitel V, im letzten Abschnitt, wie es denn nach einem Atomkrieg postapokalyptisch weitergehe, stolperte ich in überraschter Freude über folgenden literarischen Verweis, der für mich unerwartet kam. OBACHT Spoiler:

    Karl-Herbert Scheer, Miterfinder der Science-Fiction-Buchreihe Perry Rhodan, lässt in seinem Roman Die Großen in der Tiefe aus dem Jahr 1962 den Kalten Krieg in einen heißen Atomkrieg übergehen. Den Grund hierfür liefert nicht die Technik, sondern das »human element«. Am Ende der technischen Signalkette, die einen vermeintlichen Angriff anzeigt, sitzt ein Mensch. Dieser Offizier, der für den roten Knopf verantwortlich ist, muss entscheiden, ob mit dem atomaren Gegenschlag reagiert wird. Der erste Teil des Romans endet damit, dass der Wachhabende den Knopf drückt. Der atomare Gegenschlag antwortet allerdings nicht auf einen ernsthaften Angriff, sondern auf einen missglückten Raketentest der Gegenseite ohne jede aggressive Absicht. Durch einen Irrtum, ausgelöst durch eine Verkettung menschlicher Fehler, versinkt die Welt im atomaren Feuer.

    Unter der Erde der amerikanischen Wüste überleben 5000 Menschen. Der zweite Teil des Romans spielt 174 Jahre später: Nunmehr 10 000 Menschen fristen nach dem Ausbau des Bunkersystems ein erbärmliches Leben in einer kulturlosen Kastengesellschaft. Über 80 Prozent der unterirdisch Lebenden zählen zur niedrigsten Kaste, dienen lediglich als Arbeiter und verblöden zusehends. Eine kleine Gruppe von Menschen flieht schließlich aus der unterirdischen Diktatur an die Oberfläche. Sie stoßen in südlichere Gebiete vor, in denen die Strahlung geringer ist. Dort wollen sie ein neues Leben beginnen. Zu Beginn dieses Neuanfangs steht ein blutiger Zusammenstoß mit an der Erdoberfläche lebenden, tierhaften Mutanten, Nachfahren der früheren Menschheit. Auch sie gelte es als Menschen zu akzeptieren, heißt es, trotz des gewaltsamen Aufeinandertreffens. Damit endet der Roman und lässt die Zukunft offen. Ihn kennzeichnet ein Misstrauen in die menschliche Einsichts- und Urteilsfähigkeit: Fehleinschätzungen lösen den atomaren Untergang aus. Und auch unter der Erde bringen »die Großen in der Tiefe« nur eine brutale und ungerechte Gesellschaftsordnung zustande. Ob aus einer solchen Gattung am Ende etwas Neues und Gutes entstehen kann, bleibt offen. Immerhin.

    Ingo Reuter in „Weltuntergänge. Vom Sinn der Endzeit-Erzählungen“, Kap. V

    Der gute alte „Granatenherbert“, berühmt für manch Kommandosache Zur besonderen Verwendung und als Mitbegründer und ein Jahrzehnt lang erstprägender Exposéautor der Perry Rhodan-Serie

    Der Mann, der den Serienerfolg vor allem in den ersten zehn Jahren maßgeblich bestimmte, war nach meiner Sicht der Dinge nicht Clark Darlton, sondern K. H. Scheer. . Von Darlton kamen viele Ideen, die konzeptionelle Arbeit leistete aber Scheer.

    Klaus N. Frick: Der Redakteur erinnert sich – Weitere Gedanken zum Perryversum-Buch

    Gewichtiger Autor seiner Zeit, vor allem der 50er, umso mehr der 60er Jahre. Die wilden Jahre für die Science Fiction also, wie sie Hans Frey in seinem Buch und Folge 13 des MEMORANDA-Podcasts für 1945 bis 1968 für Deutschland nachzeichnet! Bis zum „Sputnik-Schock“ von 1957 eine noch sehr irdische SF, wo es um Atom(waffen)gefahren inmitten von Agenteneinsätzen ging, um erst mit dem Sputnik-Satellit und weiteren belebten Raumfahrterfolgen zunehmend welträumlicher zu werden, ab dann erst die Menschheit literarisch begann, den Weltraum zu erobern. Ich assoziierte Scheer in erster Linie mit Agenten in Kommandoeinsätzen und antriebs- wie waffentechnisch ausgepfeilten Raumschiffen in steter Weltraumnahme. “Die Großen der Tiefe“ mit einer erst apo-, dann postapokalyptischen Erzählung, die große Zeiträume umspannt, hätte ich ihm so gar nicht zugeschrieben. Umso beeindruckter über die Anerkennung für diesen Roman, wie ich sie hier rezensiert las:

    Mit Die Großen in der Tiefe bekommt der Leser gleich drei Dinge in einem: Einen Katastrophenroman, der das (nukleare) Ende der Welt beschwört, eine Dystopie, die eine unmenschliche Gesellschaft in den Tiefen eines amerikanischen Bunkers entwirft und eine postapokalyptischer Abenteuererzählung, welche die Neubesiedlung unseres Planeten beschreibt.

    K.H. Scheer hat mit seinem Roman Die Großen in der Tiefe einen hochinteressanten Roman verfasst, der den Liebhabern dunkler Zukunftsentwürfe einiges bietet. Schon die Vielschichtigkeit des Werkes, welches mit Blick auf die Leserschaft nicht typischer Elementen des Science Fiction wie mutierten Nagetieren entbehren will, zeigt, dass hier nicht triviale Unterhaltungsliteratur vorliegt.

    RobRandall auf Blog: Dystopische Literatur

    Damit war ich endgültig neugierig geworden, was dieser doch so vertraute Autor da hinterrücks just in dem Jahr verfasst hatte, als auch sein größtes aller literarischen Kinder geboren wurde (Perry Rhodan – bis heute nicht ausgewachsen…). Doch während Scheers Beiträge zur PR-Serie und sogar seine komplette ZBV-Reihe digital vorliegen, gibt es sein vielleicht ambitioniertestes Einzelwerk bisher nicht zumindest als ebook wiederveröffentlicht. Daher frugte ich beim Apex-, sodann beim Peter Hopf-Verlag an. Und Peter Hopf antwortete mir und zwar wie sogleich angefixt, als wäre da ein Stein ins Rollen gekommen:

    Leider habe ich an den Romanen von K.H. Scheer (noch) keine Rechte, aber Ihre Mail soll jetzt ein Ansporn für mich sein, mal zu versuchen diese zu bekommen. Die Scheer-Romane würden ja auch in unsere AUTORENKOLLEKTION passen.

    Peter Hopf per eMail

    Ob die Lizenznahme klappt, finanziell im Rahmen wäre, kann ich null und nichtig abschätzen. Wie Herr Hopf selber schreibt, so würde der Roman auch m. E. hervorragend in seine bestehenden SF-Reihen passen, die Titel aus den 60ern bis 80ern „revitalisieren“. Und ein Zeugnis seiner Zeit wäre Scheers Roman allemal, der post-/apokalyptische Geister auf Papier gebannt und so eine – wenn auch arztbedürftige – Vision der menschheitlichen Zukunft ersonnen hat.

    Ziemlich früheste Zweifel an der Kerntechnik selbst zu zivilfriedlichen Zwecken – an der Atombombe sowieso – drückten sich in Deutschland 1964 aus: SWR2-Archivradio: Frühe Zweifel an der Sicherheit der Kernenergie – Bodo Manstein im Interview. Zu der Zeit herrschte eigentlich noch “Atom-Euphorie“, die sich erst ab 1968 und dann so richtig in den 1970er Jahren zum Widerstand für einen Ausstieg verdichtete. Doch die SF war neben mancher mitgetragener Euphorie in technischer Hinsicht auch in kritischer Lesart ihrer Zeit voraus. Und Karl Herbert als Kind seiner Zeit hat ein Zeitzeugnis dieser Zeit verfasst, das es dann hoffentlich in absehbarer Bälde wieder zum Lesen gibt!

    Wer auf dem Laufenden bei beiden genannten Verlagen sein will, ob/wann diese (und andere Titel) erhältlich sein werden, klicke regelmäßig in die News-Bereiche vom Apex- genauso wie beim Verlag Peter Hopf vorbei.

    EDIT vom 12.01.2022: Wer schreibt denn bitte Papier klein, wo es momentan doch so teuer ist? Einen Zitatblock geschlossen…

    Die unheimliche Freiheit

    Hallo Mitwelt!

    Heute steht eine Art Rezension an. Nur eine Art selbiger, weil ich mich in dieser Kunst noch nicht genug übte und es mir inhaltlich jetzt auch nicht ums Nachzeichnen oder die Vergabe gestrenger Literarische Unitett-Bewertungen geht. Die erlesene Reise führt zu einer Anthologie vierer Kurzgeschichten, was schon deshalb erwähnenswert ist, da ich lange gar kein Kurzgeschichten-Leser war.

    Warum? Bin mir zu sicher nicht, vermeinte aber wohl, dass nur in ausgewachsenen Romanen, mindestens aber doch heftroman- oder novellenlangen Geschichten sich Handlung entfalten kann. Für Details gewiss, die benötigen ihren Platz, sich verdeutlichend ausbreiten zu können. DAS RAD DER ZEIT – hüstl;-) Abhelfer hin zu dem Gehalt von Kurzgeschichten speziell im phantastischen Bereich war ganz sicher Sigma 2 Foxtrot. Die im Wechsel zwei Jungs haben mir reichlich Kurzgeschichten – je einzelne oder als Anthologie – nahegebracht, dass ich gar nicht anders kann, als das Genre der Form nach zu würdigen. Natürlich hatte es zu Schulzeiten schon Kurzgeschichten gegeben, aber weder entstammen sie bevorzugten Genres noch konnten sie mich auf andere Weise packen und von sich überzeugen. Erinnere mich allerdings nur noch an Wolfgangs Borcherts „Nachts schlafen die Ratten doch“, das für mich irgendwo in der Mittelstufe zu „(erfahrungs)weltfremd“ war, weltfremder als SF… Ein paar Beispiele für sogwirkende Helferlein:

    Asimovs „Roboter-Geschichten“ kannte ich da längst, habe sie aber so nie als Kurzgeschichten wahrgenommen, vielmehr als eine Art Episodenroman und – mir da schon bekannt – als Auftakt zu deutlich Größerem, eben dem Foundation-Zyklus. Obendrein zusammengehalten durch Susan Calvin, auch wenn sie bei weitem nicht in allen Folgen auftritt, dennoch für mich über allen schwebte.

    Die Anthologie – Die unheimliche Freiheit


    Seit nunmehr schon mehreren Jahren ist nur zu auffallend, dass die Nostalgie auch in die zukunftzugewandte Science Fiction Einzug gehalten hat. Abzulesen daran, dass zunehmend Klassiker bemüht, neu ausgegraben und wieder aufgelegt werden. Das gilt für anerkannte Szenenriesen wie die Gebrüder Strugatzki, deren Roman “Picknick am Wegesrand“ als „Stalker“ nochmals neu-neu rausgebracht wird, wo er doch schon im Rahmen der Gesamtausgabe als Nummer 2 von 6 seinen Platz gefunden hat. Aber auch jenseits von Verlagsriesen wie Heyne gibt es eine Vielzahl von Kleinverlagen, die sich auf das Replizieren alter SF-Texte spezialisiert haben. So zum Beispiel der Verlag Peter Hopf vom gleichnamigen Inhaber. Neben buntgemischten Rubriken gibt es auch eine nur für Science Fiction, wo es – bisher – großteils wiederaufgelegte Romane aus alten SF-Reihen wie Terra Astra gibt. Zeugnisse ziemlich erster Schreibversuche seit Jahren längst etablierter Autoren, die wie Hubert Haensel oder Uwe Anton die Perry Rhodan-Serie mittragen.

    Mit gleich mehreren SF-Rubriken ist mir der Apex-Verlag von Christian Dörge dringend leseverdächtig geworden, wo es u.a. die Apex-Science-Fiction-Klassiker in jedem Fall als ebook genauso gibt wie die Galaxis Science Fiction Roman- und Anthologienreihe. Und hier habe ich mal testweise zugegriffen und zwar zur Nr. 08 mit dem Titel: “Die unheimliche Freiheit“. Neugierige Frage, welche science fictionalisierte Freiheit denn da unheimlich wird. Zugegeben, der Umweg war ein anderer und diese Frage stellte sich erst später. Mir war nämlich in einem exzellenten Hörfeature ein uralter SF-Film in die Erinnerung gespült worden. Dem nachgeklickt, erfuhr ich, dass er auf einer Kurzgeschichte mir unbekannten Autors fußt, diesen wiederum ich nun verfolgte. Und der einzige Treffer, bezüglich genau dieser fraglichen Kurzgeschichte Volltreffer sogar führte zu eben dieser Anthologie. Daher zunächst die Übersicht der vier enthaltenden Kurzgeschichten vierer Männer – in Klammern die bisherigen Veröffentlichungen auf Deutsch:

    1. James H. [Henry] Schmitz (1911-1981) mit The Telzey Toy (1971, auch als Ti’s Toys, Kurzgeschichte; Deutsch: Der Puppenspieler. In: Walter Spiegl (Hrsg.): Science-Fiction-Stories 13. Ullstein 2000 #22 (2883), 1972, ISBN 3-548-02883-7.
    2. H. [Henry] Beam Piper (1904-1964) Mit “Day of the Moron“ (1951; Deutsch: Beschränkt zurechnungsfähig. In: Walter Spiegl (Hrsg.): Science-Fiction-Stories 13. Ullstein (Ullstein 2000 #22 (2883)), 1972, ISBN 3-548-02883-7.
    3. Harry Bates (1900-1981) Mit “Farewell to the Master“ (In: Astounding Science-Fiction, October 1940; Deutsch: Der Tag, an dem die Erde stillstand. In: Walter Spiegl (Hrsg.): Science-Fiction-Stories 13. Ullstein 2000 #22 (2883), 1972, ISBN 3-548-02883-7. Auch als: Abschied vom Herrn. In: Isaac Asimov und Martin H. Greenberg (Hrsg.): Die besten Stories von 1940. Moewig (Playboy Science Fiction #6711), 1980, ISBN 3-8118-6711-3.
    4. Randall Garrett (1927-1987) Mit “But, I Don’t Think“ (1959; Deutsch: Der Denker und die Rebellen. In: Der Denker und die Rebellen und andere Stories. 1966. Auch als: Die unheimliche Freiheit. In: Walter Spiegl (Hrsg.): Science-Fiction-Stories 13. Ullstein 2000 #22 (2883), 1972, ISBN 3-548-02883-7.

    1. James H. Schmitz

    “Als Telzey erwacht, hat sie eine Doppelgängerin. Keines der beiden Mädchen weiß, welches das echte und welches das synthetische ist. Sie haben ihre Rolle zu spielen als Marionetten, deren Bewegungen ein Computer steuert…“ (Klappentext)

    Schmitz‘ Kurzgeschichte stammt aus dem Jahr 1971, ist die jüngste dieser Anthologie, 21 Jahre nach der hier ältesten erschienen. Und meiner Einschätzung nach bezieht sie sich wiederum, ist ein Weiterspinnen der Ideen aus “Marionetten“, im Original “Marionettes, Inc.“ (1949) von Ray Bradbury aus besagtem Episodenroman “Der illustrierte Mann“. Hier geht es um…:

    Marionetten, e.V. (Marionettes, Inc.): Eine Firma bietet individuell gestaltete, künstliche Menschen an, die von ihren realen Vorbildern, bis auf ein leises „Tick-tick-tick-tick-tick-tick-tick-tick-tick“ in der Brust, nicht zu unterscheiden sind. Ein Mann, der seiner Ehe mit den Jahren überdrüssig geworden ist, kauft eine Replik seiner selbst, die fortan seine Rolle bei der Ehefrau übernehmen soll und erzählt einem Freund von der Herstellerfirma. Dieser Freund möchte nun auch seine eigene Freiheit genießen und seine Frau täuschen, jedoch kam diese auf die gleiche Idee, hatte sich bereits durch eine Marionette ersetzt und ist vermutlich mit einem Anderen durchgebrannt. Der Ehemann mit dem Doppelgänger wird von diesem schließlich umgebracht, da sich der Replikant in seine Frau verliebt hat.Wikipedia

    Ich habe keine weiteren Belege hierfür, kann keine Quellen wie Interviews o.Ä. anführen. Aber der Kern der Geschichte ist unverkennbar konvergent, weshalb ich Schmitz‘ Geschichte in narrativer Nachkommenschaft Bradburys sehe. Was kein Makel wäre, sondern ein meisterliches Vorbild, an dem sich zu üben lohnt! Wie komme ich auf eine lektolutive Weiterentwicklung des Marionetten-Motivs? Worum geht es denn bei Schmitz?

    Irgendwo in der Zentralgalaxis auf dem Planeten Orado in der Stadt Orado City. Telzey Amberdon, Psi-Telepathin, forscht nach einer Begegnung auf eigene Faust einer sog. „Martripuppe“ hinterher.

    Martripuppen waren biologische Organismen, die man äußerlich nicht von menschlichen Wesen unterscheiden konnte. Sie hatten ein Gehirn, das man programmieren konnte, und das auf Stichwerte mit menschlicher Sprache und menschlichem Verhalten reagierte. Ob man diese Art von Gehirn mit so etwas wie dem menschlichen Geist in Verbindung bringen konnte, war eine Frage, die Telzey noch nie zuvor überlegt hatte.

    […]

    Eine Martribühne war ein programmierter Computer, der wiederum die Puppen programmierte und sie während des Spiels nach den allgemeinen Richtlinien des Regisseurs leitete.

    Doch angetroffene Martripuppe bewegte sich nicht innerhalb eines Martrischauspiels, in dem die Martripuppen gerne mal zur Publikumserbauung „umkamen“, sondern frei in der Stadt. Während ihrer Nachforschungen kommt sie mit dem berühmtesten Martripuppenbauer Wakote Ti zusammen und gerät auf dessen Insel in eine Zwischenwelt des Seins. Die „unheimliche Freiheit“, die sich hier auftut, ist die, ob man noch nur Mensch ist oder doch bereits Martripuppe respektive man nur Martripuppe ist oder doch schon Mensch. Telzey durchlebt das am eigenen Leib, die sich mit ihrem Double, Gaziel genannt, konfrontiert sieht, nur dass sie sich ihrer selbst nicht sicher sein kann. Die fraglich gewordene Identität, die Ungewissheit über die eigene Selbstversicherung macht die Lage unheimlich und stellt die Freiheit in Frage…

    Das ist, wie gesagt, die Ausbuchstabierung der Bradbury-Marionetten. Noch anderthalb Jahrzehnte vor The Next Generation wird bereits die Frage gestellt: Wem gehört Data? Auch wenn er Telzey oder Gaziel heißt.

    Vorgestellte Kurzgeschichte ist Teil des Telzey Amberdon-Universums, wozu es laut Bibliografie bei Wiki 2 Romane(?) und eine Kurzgeschichtensammlung gegeben hat, wovon insgesamt nur 4 Geschichten bereits übersetzt wurden. Die eine liegt uns vor, wegen der übrigen läuft eine Anfrage beim Apex-Verlag. Ein Telzey Amberdon-Erzählungenband würde mir sehr gefallen.

    1. The Universe Against Her (1964)
    2. The Lion Game (1973; Deutsch: Das Psi-Spiel. Ullstein 2000 #72 (3061), 1974, ISBN 3-548-03061-0.
    3. The Telzey Toy and Other Stories (1973, Sammlung)
      • The Vampirate (1953, auch als Blood of Nalakia)
      • The Star Hyacinths (1961, auch als The Tangled Web)
      • Novice (1962)
      • Undercurrents (1964)
      • Goblin Night (1965; Deutsch: Nacht des Schreckens. In: Science-Fiction-Stories 65. Ullstein 2000 #126 (3314), 1977, ISBN 3-548-03314-8.
      • Sleep No More (1965)
      • Resident Witch (1970; Deutsch: Tauschaktion. In: Walter Spiegl (Hrsg.): Science-Fiction-Stories 25. Ullstein 2000 #45 (2964), 1973, ISBN 3-548-02964-7.
      • Compulsion (1970)
      • The Telzey Toy (1971, auch als Ti’s Toys; Deutsch: Der Puppenspieler. In: Walter Spiegl (Hrsg.): Science-Fiction-Stories 13. Ullstein 2000 #22 (2883), 1972, ISBN 3-548-02883-7.
      • Company Planet (1971)
      • Glory Day (1971)
      • Poltergeist (1971)
      • The Lion Game (1971)
      • Child of the Gods (1972)
      • The Symbiotes (1972)

    Telzey Amberdon fußt figürlich also in den 1960er Jahren, was hervorzuheben ist, da sie eine weibliche Hauptfigur ist, geschrieben von einem Mann. Eine zu der Zeit sehr rare Kombination, bedenkt man beispielsweise die FrauenBilder selbst der Gattinnen von Perry Rhodan in 1961 gestarteter Serie gleichen Namens. Oder dass man gerne zu Frauen zeitreiste, in die Zeitkugel-Zeitmaschine höchstens sporadisch dem Männertrio eine Frau beigesellen mochte. Die Autor-Figur-Konstellation ist daher umso erwähnenswerter, weil Telzey – anhand der Kurzgeschichte ermessen – eine sehr selbständige, taffe Person ist, die mit sich und den Umständen, selbst wenn brenzlig, sehr gut klarzukommen scheint. Schon deshalb würde ich nur zu gerne mehr lesen, wie sie sich in welchen Situationen geschlagen hat.

    Mit „Agent der Wega“ ist ein Telzey-loser Erzählband dreier Geschichten von James H. Schmitz bei Apex erschienen, wo Interessierte am Autor diesem hinterherlesen können. Ich bin für meinen Teil bereits dabei.

    2. H. Beam Piper

    “Engstirnigkeit und Rechthaberei beschwören die Katastrophe herauf. Und das Schicksal von Millionen liegt in den Händen des dümmsten von ihnen…“ (Klappentext)

    Worum es hier geht, möchte ich mit zwei zusammengeführten Zitaten verdeutlichen, die sich lesen, als wären sie als Zusammenfassungen der Kurzgeschichte formuliert worden:

    „Das größte Problem von Leuten, die versuchen, etwas absolut idiotensicherers zu konstruieren, ist, dass sie den Einfallsreichtum von absoluten Idioten unterschätzen.“

    “Der Mensch, mit seiner nahezu einzigartigen Fähigkeit, aus den Fehlern anderer zu lernen, ist ebenso einzigartig in seiner festen Weigerung, genau das zu tun.“

    Douglas Adam

    Als eine von zwei Kurzgeschichten spielt „Der Tag des Idioten“ oder genauso treffend „Beschränkt zurechnungsfähig“ auf der Erde. Und zwar im Gegensatz zu allen drei Geschichten raumzeitlich eindeutig verortet: wir schreiben das Jahr 1988 in New York, somit in sicheren 37 Jahren in der Zukunft der Erstveröffentlichung. Eine Generation später, was in technikfortschrittsoptimistischen Zeiten ein neues Zeitalter verhieß. Eine Generation später, die uns auf diese imaginierte und reale Zeit 1988 zurückblicken ließ, die bloß um zwei Jahre verschätzt davon schreibt, wozu es 1986 tatsächlich gekommen ist: Die “Risikogesellschaft“ brach in die Realität ein und wurde reale Krise, wart zu Tschernobyl geworden! H. Beam Pipers Kurzgeschichte als Prolog zu Gudrun Pausewangs „Die Wolke“?

    Im Zentrum der Handlung steht also ein Atomkraftwerk, errichtet in den atombegeisterten Jahren ab 1950, auch wenn der alles atomelektrifizierende hypetrain ab den 1970er Jahren zumindest in Deutschland an Tempo eingebüßt hat. Wer ein defektes Kurzzeitgedächtnis oder sich wohliger Verdrängung hingegeben hat, sinniert über ein atomic revival in grünem Anstrich frei nach dem Grundsatz: wenn man es auch sonst schon schlecht angepackt hat, dann soll man auch so richtig mies zupacken.

    Und man setzt möglichst nur auf eine einzige Karte, die einem das gesamte Blatt retten soll. Verdeutlicht für den Idiotentag:

    Es [das AKW] deckt den gesamten Bedarf an elektrischer Energie zwischen Trenton und Albany, einschließlich der Stadt und des Großraumes New York. Seit 1982, als das letzte mit Kohle betriebene Dampfkraftwerk stillgelegt wurde, ist es die einzige Energiequelle – mit Ausnahme von ein paar Dieselgeneratoren, die nicht einmal ein Zehntel des Energiebedarfs decken könnten. Wenn Sie diese Anlage stilllegen, wird es schlagartig in jedem Haus, jedem Büro, jeder Straße in der ganzen Gegend dunkel. Die Aufzüge bleiben stecken. Überlegen Sie sich bloß, was das für die Menschen in den Hochhäusern bedeutet. Und die Untergrundbahnen. Und die neuen automatischen Förderbandstraßen, die schon achtzig Prozent des gesamten Frachtverkehrsaufkommens der City bewältigen. Und die Eisenbahnen. Es gibt in der ganzen Gegend höchstens noch ein knappes Dutzend Diesellokomotiven. Und die Pumpstationen für öl, Wasser, Treibstoff. Und siebzig Prozent aller Heizungen sind elektrisch. Sie können sich einfach nicht vorstellen, was das bedeuten würde. Die Auswirkungen wären furchtbar. Aber schon das, was man sich vorstellen kann, ist ein Alptraum.

    Hauptfigur Melroy

    So auf den Punkt gebracht, liest es sich wie eine sozialpsychologische Form eines üblen Stockholm-Syndroms, der totalen Abhängigmachung eines narzisstischen Größenklein vom narzisstischen Größenselbst. Weil das AKW schon da ist, entwickeln wir so viele alleinig hiervon abhängige Folgetechnologien, die ausschließlich nur damit betrieben werden können, dass auch nur dessen Fallout-lose Abschaltung katastrophal wäre. Wäre es denn Fallout-los…

    Apropos: die Arbeitsdefinition eines Idioten, wer die Ehre hat, als solcher anerkannt zu werden, ein solcher tunlichst nicht am und im AKW arbeiten soll, lautet wie folgt:

    »Nun, ich nenne einen Menschen einen Idioten, wenn er Dinge tut, ohne vorher die möglichen Konsequenzen zu überdenken. Zum Beispiel jemanden, der einem sehr geachteten österreichischen Wissenschaftler eine Ladung Schrot in den Allerwertesten jagt, um nur ein einfaches Beispiel zu nennen. Oder Menschen, die auf irgendwelche Knöpfe drücken, weil sie wissen wollen, was passiert, oder die an Ventilen oder Skalen herumspielen, weil sie nicht wissen, was sie mit ihren Händen anfangen sollen. Oder die Isolatoren von Hochspannungsleitungen herunterschießen, nur weil sie feststellen wollen, ob sie sie auch treffen können. Menschen, die nicht wissen, was Gefahr ist. Leute, die Verkehrszeichen und Warnschilder als lästig empfinden. Leute, die anderen gerne einen Streich spielen. Menschen, die…«

    Scott Melroy, Hauptfigur ihres Zeichens, ist, der in der Vorausschau von Idioten diesen proaktiv begegnen will, indem er sie als am AKW Beschäftigte ausmerzt. Hierfür holt er sich psychologische Expertise, Dr. D. Rives, wobei sich D. für Doris erweist und somit überraschenderweise eine hochkompetente Frau ist. Auf Geheiß Melroys führt sie tiefenscharfe Tests durch, wissenschaftlich nur die anerkanntesten, um unter der Belegschaft alle gnadenlos auszusieben, die nicht die geistige Qualifikation haben können, um ein AKW sicher zu bedienen. Das nimmt seinen Lauf und entspinnt sich hinein in die Katastrophe… Die Klasse der Geschichte erweist sich, dass man gar nicht weiß, wer der Idiot war, wo das Idiotische Einzug hielt oder was denn Idiotisches genau verbrochen wurde, damit es PENG machen konnte. War schon die Idee, Idioten vorsorglich und zur Sicherheit aller ausfindig zu machen, eine Ursünde der Idiotie? War es idiotisch dumm, dafür sich der emotionslosen Wissenschaft zu befleißigen und nur anhand intransparenter, noch so profunder Tests auszusieben? Oder sind die Gewerkschaftler die Dummen, die sich gegen die Tests und die Aussiebung von „Schwachstellen“ stemmen? Oder…war es eine Kettenreaktion der Dummheit, eine Reihe Dumminosteine, die da nacheinander umfielen? Das bleibt offen!

    Wer jetzt auf den Piper-Geschmack gekommen ist, muss Englisch können und lesen wollen. Denn hier und jetzt gibt es bloß diese eine, noch so vortreffliche Kurzgeschichte des Altmeisters auf Deutsch. Ändert das! Zur Vertiefung derweil angeraten, antiquarisch SF Personality 03 ausfindig zu machen, das H. Beam Piper gewidmet ist und sein Gesamtwerk, das nahezu ausschließlich aus Kurzgeschichten besteht, ins rechte Licht rückt.

    3. Harry Bates

    “Ein Fanatiker hat den Sendboten einer außerirdischen Welt erschossen. Nun wartet die Menschheit auf die Rache der Roboter…“ (Klappentext)

    Mein Weg zu Harry Bates‘ Kurzgeschichte, die mich die Anthologie lesen ließ:


    1. Exzellentes WDR3-Kulturfeature: „Zwischen Science und Fiction – UFOs, Aliens und der Erstkontakt“: “Lichter am Nachthimmel, ein mysteriöses Wummern, kleine Explosionen – : den außerirdischen Besuchern auf der Spur in Geschichte, Popkultur und Wissenschaft. // Von Joachim Palutzki / DLF 2021 / http://www.radiofeature.wdr.de“.
    2. Inmitten eines Füllhorns an SF-Referenzen ist auch prominent exponiert ein gewisser Film namens “Der Tag, an dem die Erde stillstand“ (1951) von niemand geringeres inszeniert als Robert Wise! Sein SF-Fußabdruck ist deutlich später nochmal gekonnt vertieft worden und zwar mit… Naa?? Richtig! Star Trek The Motion Picture“ – Auftaktfilm von deren sechs rund um die gute alte TOS-Crew aus dem Jahr 1979!
    3. Der 1951er Film beruht nämlich auf der elf Jahre zuvor erschienenen Kurzgeschichte von Harry Bates, die inmitten des Zweiten Weltkrieges entstanden ist, während der Film eine Resonanz des kalten Krieges ist.
    4. Der Film erfuhr übrigens – ich hatte es nicht mitbekommen und beachtet – 2008 ein nostalgisches Remake unter identischem Namen, das von einer inoffiziellen Fortsetzung “Der Tag an dem die Erde stillstand 2 – Angriff der Roboter“ (2011) erlitt. Diese hat mit der einstigen Vorlage absolut gar nichts mehr zu tun….

    Schon Wises Interpretation, wie Wiki weiß, nimmt so ureigene Abzweigungen, setzt so ganz andere Akzente, ist besagte 11 Jahre später völlig anders kontextuell motiviert und gespeist, dass man nur von „Film nach Motiven von Harry Bates“ sprechen kann.

    Man merkt der Kurzgeschichte an, die älteste der Anthologie zu sein. Aus der Sicht Cliff Sutherlands geschrieben, Pressefotograf und Chronist der Ereignisse, stößt technische Zukunft auf alte Gegenwart gebliebene Technik. So wird noch analog mit Belichtungszeiten im Labor fotografiert, als wäre Cliff Bob Andrews. Andererseits hat es die Menschheit immerhin schon zur Raumfahrt gebracht: “ Jedes Kind wusste, dass auf der Erde überhaupt nur zwei Raumschiffe gebaut worden waren; und von diesen beiden war das eine zerstört worden, als es in die Sonne gezogen wurde, und von dem anderen hatte man gerade erfahren, dass es sicher auf dem Mars gelandet war.“ Wer fliegt auch schon zum Mond, wenn man auch in die Sonne „stürzen“ kann;-) Die Zeit, die geschildert wird, bleibt so ungenannt, dass einem die 1940er Jahre nur so anschreien in allem – bis auf das fremde Raumschiff, das einfach so gelandet ist. Dem Zeugen einer fernen Welt entsteigen zwei Wesen, ein menschlich anmutendes, das sich als Klaatu vorstellt, und ein Roboter namens Gnut. Gastfreundlich wie eh und je wird Klaatu über den Haufen geschossen, dafür aber mit allen Ehren und einigen Blumen feierlich begraben. Man will guten Willen zeigen und das Versehen durch respektvolles Handeln wettmachen. Und Roboter Gnut, Diener seines gefallenen Herrn, der von da an nur noch starr herumsteht, erweist man erst recht Respekt:

    Schon die einfachen Roboter, die auf der Erde gebaut wurden, waren unter bestimmten Bedingungen fähig, die unglaublichsten Dinge zu leisten; um wieviel mehr dann erst dieser Roboter, der das Werk einer unbekannten, unvorstellbar fortgeschrittenen Zivilisation war, die erstaunlichste Konstruktion, die man je gesehen hatte – welche übermenschlichen Fähigkeiten mochte er besitzen? Die Wissenschaftler der Erde hatten alles versucht, um ihn außer Funktion zu setzen. Mit Säuren, Hitze, Strahlen und gewaltigen Stößen hatten sie ihn bearbeitet – er hatte allem widerstanden. Seine glatte Oberfläche hatte nicht einen Kratzer abbekommen. Wahrscheinlich konnte er sogar im Dunkeln sehen.

    Im Dunkeln sehen! Alle Achtung, das können nur außerirdische Wunderwerke sein;-) Erstkontakt auf menschlich. Da kommt es nicht emotionalisiert von Herzen, sondern gleich aus allen Waffen. Wie sich Fotograf Cliff nun Gnut nähert und was er dabei herausfindet, wird zum Inhalt der Handlung. Und der Kniff am Ende der Geschichte ist ein echt gelungener, erst recht wenn man ihn in der Zeit sieht, einzuordnen versucht, dass wir ein Jahr nach Auftakt des feindestarrenden Zweiten Weltkriegs sind, als Bates es niederschrieb.

    4. Randall Garrett

    “Es war nicht das Paradies, in dem er lebte und arbeitete, aber es war seine Welt. Gewaltsam herausgerissen, kam er mit allem zurecht, nur mit einem nicht…“ (Klappentext)

    Die titelgebende Kurzgeschichte wird gerahmt ein- wie ausleitend mit identischen Worten:

    – Auszug aus dem Werk »Die gedankenlosen Gläubigen« von Kaplan Philipp Dachboden:
    »Aber, meine Herren«, sagte der Mediziner, »ich glaube wirklich nicht, dass wir eine Religion, die Menschenopfer fordert, als humane Religion betrachten können.«
    Und der Künstler lächelte und meinte: »Zumindest nicht vom Standpunkt des Opfers aus betrachtet.«
    »Unsinn«, sagte der Philosoph und blickte gereizt auf, weil man ihn aus seinen Gedanken gerissen hatte. »Was ist, wenn es dem Opfer gefällt?«

    Zu Beginn noch unklar bis deplatziert, am Ende nur zu exakt die gesamte Handlung und ihr Kernthema eingefangen. Auch die „unheimliche Freiheit“, die in allen drei Kurzgeschichten zuvor zur Geltung kommt, trifft den Inhalt der Geschichte nur zu gut. Irgendwo in Raum und Zeit. Es herrscht ein Aristarchat, gegen das sich Rebellen, die sich selber nicht so bezeichnen, zunehmend zur Wehr setzen. An Bord eines Aristarchat-Raumers jemand, der seinen Namen mangels Nutzung längst nicht mehr weiß. Er ist ein Schätzer, Bürger der Klasse 3, von denen es sechs (1-6) gibt. Als Schätzer schätzt er intuitiv und mit eigenen Sinnen feindliche Angriffsmanöver und kann so über die reinen Computerwerte hinaus viel besser die eigenen Einheiten vor Schaden bewahren. Innerhalb der klassistischen wie militärischen Hierarchie wird jeder Fehltritt hart bestraft und mit Nervenbrennern Gehorsam eingebrannt. Während eines Wartungsaufenthaltes der Einheit und seines Urlaubs verpasst der Schätzer Klasse 3 jedoch, rechtzeitig an Bord zu gelangen, ja wird von Niederklassigen eingebunden, seinem Dienstalltag für Tage entzogen. Er muss sich mit einer aus der 6. Klasse abgeben, sich mit Ziel Rebellen als Angehöriger der Klasse 1 ausgeben. Es ist ein hyperkomprimierter Entwicklungsroman oder könnte es werden, wenn denn der Schätzer je den Kokon seines Lebens verlassen wollte. Doch die Freiheit, die sich ihm bietet, ist eine ihm nur zu unheimliche, eine unsichere, die keine Geborgenheit bietet. Er erleidet die „Fröste der Freiheit“, nachdem ihn widrigste Umstände für noch so kurze Zeit aus seinen zu Traditionen geronnenen Alltagsroutinen freigesetzt haben. Doch wählt er nicht den Weg selbstbestimmter Individualisierung oder macht das Beste aus dem Prozess. Vielmehr ist er heilfroh, sich nach dem Irr-Weg der Ereignisse wieder in seine angestammte, routinierte, wohlbekannte Rolle klaglos einfügen zu können. Das Unheimliche an der Freiheit, die er sichtete, treibt ihn zurück in die Arme strikter Klassengrenzen, gelebten Standesdünkels, überzogener Strafenhärte und persönlicher Beziehungen freien Lebens. Ein Leben, das dafür wohlgeordnet ist, keine Unsicherheiten bietet, vorausschaubar ist, ja abschätzbar. Die einzige Intuition, die er sich leistet, die über auch mittels Computer routinierter Abläufe hinausgeht, ist die seines Berufes als Schätzer. Das ist die einzige Freiheit, die ihm bleibt, die er schätzt, die er will.

    Gesamtschau

    Anfangs sehr irritiert, wieso die Anthologie nach letzter Geschichte benannt ist, die keiner (=ich) nicht kennt und mit dem Autor auch nichts anzufangen weiß. Warum nicht nach dritter und des Films, der auf sie folgte, berühmtester Geschichte betiteln? Denn im Klappentext wird nur die dritte auch explizit genannt:

    Die von Christian Dörge zusammengestellte Anthologie Die unheimliche Freiheit enthält vier Erzählungen von James H. Schmitz, H. Beam Pier, Randall Garrett – und von Harry Bates, dessen legendäre Erzählung Der Tag, an dem die Erde stillstand (die literarische Vorlage für zwei Verfilmungen aus den Jahren 1951 und 2008) hier erstmals seit Jahrzehnten wieder in deutscher Sprache erhältlich ist.

    Antwort: Zweiundvierzig! Davon ab, dass „Die unheimliche Freiheit“ das Grundthema aller vier Geschichten gleichermaßen einfängt und abdeckt. Freiheiten drohen zu entschwinden, was unheimlich ist; Freiheiten tun sich auf, was unheimlich ist; die Freiheit der eigenen Identitätsgestaltung wird einer genommen und dem anderen aufgezwungen, was unheimlich ist; der Versuch freiheitlichen Handelns nach besten rationalen Erwägungen wider die Idiotie zeitigt unheimliche Ergebnisse. Es ist der Tanz nicht auf dem Vulkan und doch der Glut der Freiheit, die beunruhigen kann, der einige dennoch nachstreben, sie haben wollen, für die anderen jedoch ein zu heißes Spiel mit dem Feuer der lichten Erleuchtung ist. Ich habe mich zunehmend gerne in die Geschichten eingelesen, die ich in keinem Fall kannte, nicht mal ihre Autoren. Diese entdeckte ich nun für mich neu und lese ihnen immer mal wieder hinterher.

    Kritik an der Anthologie jedoch insoweit, als dass die schon in der vorangestellten Übersicht zusammengetragenen Informationen zum Erscheinungsdatum usw. fehlen. Je älter die Geschichte, je mehr Klassiker diese und ihre Autoren sind/sein sollen, umso wichtiger, sie mit ein paar sachdienlichen Informationen in der SF-Raumzeit zu verorten! Ich möchte schon wissen, von wo und wann dieser wiederveröffentlichungswerte Text stammt, was ihn auszeichnet, dem Vergessen entrissen zu werden. Ein paar mehr an Infos, die samt und sonders in allen vier Fällen bei Wiki zugänglich sind, täten da gut. Keine ausführlichen, hin- und einleitenden Editoriale und historischen Kommentare, aber doch ein paar redaktionelle Worte zur Auswahl für diese Zusammenstellung. So von wegen: Vier Texte aus gut zwei Jahrzehnten, von Anfang und Ende des Goldenen Zeitalter der (US-)SF, von vier ganz verschieden interessierten Autoren… usw. usf. Dann gäbe es auch volle Punktzahl.

    EDIT vom 04.01.2022: InhaltsVZ vorangestellt; einen Zitatblock repariert, der sonst bis ans Dokumentende gewuchert bliebe; sonst da und dort die Worte der deutschen Rechtschreibung unterworfen;-) FRAGE: Sind solche vorangestellten InhaltsVZ erwünscht, weil sinnvoll bei der kapitelten Textlänge? UND NEIN, die Antwort im Kommentarbereich lautet hierbei nicht 42! 😛

    Ob Spülmaschine oder Warpantrieb

    Hallo Mitwelt!

    Heute gibt es ein außergewöhnliches Matchup. Ein Zustandekommen des Themenspektrums durch spukhafte Fernwirkung eines nichtlinearen Gedankensprungs. Was??? Eine weitspringende, abwegige Gedankenassoziation, die zweierlei zusammenführt, was so wohl nie zusammengedacht war. Zwischen beiden Punkten der Raumzeit liegen bloß 177 Jahre… Ob Spülmaschine oder Warpantrieb….

    Tertium comparationis, gedanklicher Tangentenpunkt

    …, Hauptsache Cochrane. Dieser Nachname ist, was A und B durch die Zeiten synaptisch verbindet und in mir Gedanke geworden ist.- Gemeint ist nicht eventuelles Gründungsdatum und aktuelle Aktivitäten der Cochrane Collaboration als Zusammenschluss von Wissenschaftler*innen, Ärzt*innen und Co für unabhängige Reviews und Metastudien zu relevanten medizinalen Themen. Aktuelles Beispiel zu Vitamin D als mögliches Hilfsmittel wider Covid – von Klaus-Dieter Kolenda bei Telepolis auf Grundlage von Cochrane-Publikationen vorgestellt. Um Organisationen geht es nicht, sondern um konkrete Menschen und deren Wirken.

    Die Erfindung der Spülmaschine

    Ausgangspunkt und Anlass ist das WDR-Zeitzeichen vom 28.12.2021, demnach an diesem Datum vor 135 Jahren, also am 28.12.1886 das Patent für die erste Spülmaschine eingereicht worden ist. Und das – zu diesen Zeiten und inmitten der USA – von einer Frau: Josephine Cochrane (1839-1913). Als Hausherrin standen ihr zwar Bedienstete zur Seite, um die Bankette und Zusammenkünfte vor allem für ihren Mann, der in der Politik tätig war, zu bewirtschaften. Doch gingen ihr dabei zu viele Familienerbstücke beim Geschirr zu Bruch, wenn es per Hand gespült wurde. Mehrere Erfinder und Ingenieure in der Verwandtschaft verhalfen ihr zu praktischen Ideen, wie man dem Ungemach technisch Herr bzw. Frau werden könnte. Und wie der Zeitzeichen-Beitrag auch anhand einiger Zitate verdeutlicht, ist Josephine das sehr taff angegangen. Taff, aber auch mutig, wenn sie – damals nunmal total untypisch, ja vielfach undenkbar – ALLEINE – d.h., ohne ihren Mann oder männliche Begleitung – ihre Spülmaschine vorstellte und dafür eine Hotellobby wie eine eigenständige Kauffrau durchqueren musste. Und am besagten Datum anno domini stand für sie die Patentierung ihrer Idee an, eines Geschirrspülers maschineller Art, der – soweit man rekonstruieren kann – stolze 2mal2mal1 Meter riesig war. Daher vorerst nur etwas für große Hotels und Kasernen für die Soldaten, deren verdrecktes Geschirr legionenweise gesäubert wurde. Sprich, die Apparatur funktionierte, was bei Vorgängern, die es sehr wohl gegeben hatte, nicht der Fall war. Deshalb hatten diese es auch nicht, Josephines Prachtstück es aber doch zur Patentierung geschafft.

    Der Beitrag verfolgt im Weiteren die Verbreitung der Spülmaschine, die es erst Jahrzehnte später über den Teich in die alte Welt schaffte. Zu Wort kommt eine waschechte Hausfrau der 1950er Jahre, die nicht viel auf dieses Teufelsding gegeben hat, die Spülung per Hand viel tauglicher sei. Das hielt sich als Überzeugung noch bis in die 1990er Jahre, dass man per Hand viel effektiver, ja reinlicher spülen könne. Ein zitierter „Spülmaschinenforscher“ hingegen sagt klar, dass selbst die beste Handspülung nicht mit eher schlechter, weil nur halb bestückter Spülmaschine mithalten kann. Allein die Wasserersparnis sei enorm, wenn es auch heute noch Optimierungen gebe. Und statt energie- und wasserfressender Vorspülung sei ohnehin mechanische Reinigung vorab anzuraten.

    Dass sich nach Einführung der Spülmaschine in Deutschland 1929 der Widerwillen gegen ihren Gebrauch bis in die 90er Jahre hielt, dass selbst Hausfrauen sich die Arbeit nicht haben erleichtern wollen, ist bezeichnend. Hier musste ich sogleich an “Die Erfindung der Hausfrau“ von Evke Rulffes (Neugier Genügt Redezeit, abrufbar bis 12.11.2022) denken. Frau Rulffes zeichnet hier nach, was lange selbstverständlich war und immer noch nur langsam abnimmt und abgebaut werden kann. Dass die Frau als Hausfrau mit Liebe und aus Leidenschaft Haus, Hof und Kinder zu bewirtschaften hat. Und als Hausfrau – nomen est omen – ans Haus gefesselt / gekettet bleibt, dort und nur dort sie sich auf ihre unverwechselbare Art und ihre emotional-fürsorglichen Stärken entfalten kann. Frau Rulffes geht historisch rund zwei Jahrhunderte zurück, um das Gewordensein aus dem vergessenen Dunkel der Geschichte ins Licht hervorzuholen und in seiner Entwicklung deutlich zu machen. Interessant, dass die Verhäuslichung der Frau, die so aufs Private verpflichtet worden ist, einhergeht mit an sich doch ach so aufklärerischen Gesellschaftsentwicklungen. Das Aufkommen des Bürgertums, die Zugewinne an Bildung und Aufstiegsmöglichkeiten dieser sich neu etablierenden Schicht scheinen zunächst ja durch und durch positiv und begrüßenswert. Ja, sie sind not-wendige Voraussetzung für uns heute, dass wir in einer bürgerlichen Gesellschaft leben (können). Erkauft wurde das allerdings durch die Zweispaltung der Sphären, wo der Mann außerhaus in der Öffentlichkeit agierte, auftrat und für sich (und seine Familie) Prestige einheimste, derweil im Privaten unsichtbar gemacht die Hausfrau ihm den Rücken freihielt. Genauer in gelinkter Redezeit oder gleich im Buch mit besagtem Titel: „Die Erfindung der Hausfrau“

    Und wer kürzer als ein Buch lesen mag und aus der Ferne Einsichten für die bürgerhausfrauliche Nähe gewinnen möchte, sei auf meine online gestellte Hausarbeit über „Japanerinnen“ verwiesen. Denn ich finde die Parallelen in der Entwicklung deutscher und japanischer Frauen in den letzten gut 150, knapp 200 Jahren mehr als auffällig. Einmal wäre nicht keinmal, aber eventuell ein Sonderweg; zweimal kann noch nur Zufall sein. Und dreimal… Ein drittes land und eine dritte Genese der Frauen ebendort wäre interessant. Verliefe die Entwicklung erneut großteils gleichartig, dann müsste man von einer Regel sprechen und die Patrix als dringend tatverdächtig anklagen.

    Aber zurück zu Josephine, die inmitten einer solchen patriarchalen Matrix, von Männern für Männer programmiert, ihren Weg gegangen ist und erfand, woran kein Mann zu ihrer Zeit konsequent genug gedacht hat. Sie war Wegbereiterin für Zeit-, Energie- und Wasserersparnis in der Küche, wo sonst die Hausfrau nicht nur am Herd, sondern auch an der Spüle festgebunden war und es geblieben wäre.

    In die unendlichen Weiten

    Umso krasser nun der Sprung in unendliche Weiten, wo noch nie ein Mensch gewesen ist. Spätestens jetzt sollte dämmern, um welchen Cochrane es in Kontrast zu Josephine geht, wer sich mir da in den Sinn gechlichen hat: Zefram Cochrane (geboren in den 2030er Jahren). Eine Spätergeburt, wenn man so will; einer, der noch kommen wird, der noch gut 10 Jahre hat, um zu werden. Die Future History Star Trek hat Zefram Cochrane zur intradiegetischen Legende gemacht, zum legendären Erfinder des Warpantriebs und somit der überlichtschnellen Raumfahrt. Geglückt ist ihm das 2063, noch zweiundvierzig Jahre voraus. Und im Kielwasser dieser epochemachenden Erfindung kommt es sodann auch zum Erstkontakt. Aufmerksam geworden auf das Treiben bei diesem abseitigen gelben Kleinstern werden die Vulkanier herbeigeflogen worden sein und im folgenden Jahrhundert als die Zieheltern für die Menschheit auftreten. Mister Cochrane hat allerhand eingefädelt und ausgelöst, die Menschen zu einer interstellaren Spezies gemacht, die nicht mehr allein im All ist.

    Sein erster Auftritt in der Star Trek-Serie ist, wenn man so will, sein lebenszeitlich letzter. Alles was später kam, ist nur noch posthumes Prequel. In “Metamorphose“ (TOS2.02) trat er als zum Sterben ins All entschwundener Bestandteil eines Energiewesens auf und begegnete in diesem transformativem Zustand den Haudegen der Enterprise rund um Kirk, Spock und Landarzt McCoy. Wer es hintergründiger wissen will, hänge sich an die Warpsignatur des Beobachtungsraumers USS TrAmDi, dessen ausführliches Logbuch alle nennenswerten Auffälligkeiten präzise festhält. Und während Josephine Cochrane aus dem kollektiven Gedächtnis längst verschwunden ist – wie getilgt -, gibt es wenig legendärere Menschen im Star Trek-Universum, wenn man mal Kirk, Picard und Spock beiseite lässt. Ist nach Picard zwar ein Flugmanöver benannt, so kann sich Cochrane rühmen, dass ihm zu Ehren die Cochrane-Maßeinheit zur Bemessung der Subraumkrümmung benannt ist. Und was kann man schon mehr wollen und erreichen?;- Sankt Elon muss hierfür noch richtig malochen, damit er es bis dahin bringt.

    Ob Spülmaschine oder Warpantrieb

    Ob Spülmaschine oder Warpantrieb, der Gedankensprung von da nach dort ist mal echt wild thing. Was sagt das über einen aus, wenn man derart assoziiert? Immerhin, erfunden haben die Gleichnachnamigen beide, für ihre Zeit je auch ziemlich heißen Scheiß. Im Falle Josephines nahm die Erfindung ihren Weg und etwa jeder zweite Haushalt nutzt auch eine Spülmaschine. Aber weder nennt man sie liebevoll nach ihrer Erfinderin – „Dann leg mal los Josephine!“ – noch weiß der gemeine Spülenlasser von ihr. Da hat es Zefram weitergebracht, musste aber auch gleich mit einem sozialen Kipppunkt leben, den der Start seiner Erfindung provoziert hat: Erstkontakt mit Außerirdischen, auf die sich (präastronautische) UFO-Gläubige schon seit 1938 (WDR3-Kulturfeature) und bedeutend seriöser Exosoziologen (WDR3-Kulturfeature) vorbereiten…

    EDIT vom 31.12.2021: Vertipper retippt.