Über-Konsum

Hallo Mitwelt!

Binge eating wie binge watching sind Phänomene des Überflussses wie des Mangels zugleich: Man frisst etwas in sich hinein, wo ein innerer Mangel besteht; man ballert sich voll, wo man eigentlich etwas hätte hervorbringen sollen.

Diese Tendenz zeigt sich schon in den Zeitungen und den Sozialen Medien: Hier wird eine Schwere der Passivität kultiviert, die nur noch über den eigenen Konsum (von Essen, Reisen, Veranstaltungen, Büchern, Filmen, Musik) berichtet, lediglich konsumiertes Zitat an Zitat, Anspielung an Anspielung, Konservengedanke an Konservengedanke reiht, ein Konsumerlebnis ans nächste setzt, statt selbst zu erfahren und zu produzieren.

[…]

Das bingen ist dabei ein sehr charakteristisches Symptom dieser Zeit: Man frisst sich voll mit Inhalten, zu denen man ohnehin nur in abstraktem Verhältnis steht. Die konsumierende Sicht auf die Welt lässt den Betrachter als einen Passiven zurück, der zur Wirklichkeit in keinem praktischen, also konkreten Verhältnis mehr steht.

[…]

Das Bingen zeigt aber auch, dass der Konsum selbst inzwischen nicht mehr das wichtigste am Konsum ist, sondern dessen z.B. (sozial-)mediale Aufbereitung. Der Meta-Konsum ist das Gebot der Stunde[.]

Zitiert nach: „Überkonsum als Symptom des heutigen Kapitalismus“ von Marlon Grohn auf Telepolis.de

FRAGE

Frage: bin ich mit diesem Blog schon Teil dessen? Ist das hier bereits eine solche Reproduktionsmaschinerie von Konservengedanken? Ein bloßes passiviertes Zitations-Berichten von Büchern und Filmen / Dokumentationen? Ein konsumappetitanregendes Vorkauen des dadurch umso Konsumierbareren?

Oder bedürfte es dazu mindestens Affiliate Links zu namhaften Anbietern all der genannten Bücher? Zählt das – seit relativ kurzer Zeit erst – hochfrequente, binge-eske „Konsumieren“ von Dokumentationen wie bei ZDFinfo, ZDF History, 3SAT, ARTE & Co. schon als Bingen im obigen Sinne? Fresse ich mich damit bloß voll, derweil ich nie je mehr dazu Verhältnis aufbaue als ein abstraktes? Ist das informative Weitergeben wie zum Erscheinen des „60 Jahre Atlan“-Sonderbandes genauso schon Teil des Über-Konsums auf der Meta-Ebene wie die Vogelschau auf die zweite ATLANTIS-Staffel?

Oder kann ich mir einen Rettungsring als Ehrenrettung auswerfen, um mich an ihm eigenhändig aufs Trockene zu ziehen, indem ich obig kritisierte reflexionslose Passivierung für mich umwende / ummünze in eine Interpassivität? Interpassivität als „delegiertes Genießen“. Als Beispiel: „•Der Sportzuschauer erfreut sich an Leistungen anderer, und in der Kochsendung kochen andere zum Vergnügen des Zuschauers“ DAS GEFÜHL IST TOT für mich in Sachen Fußball als Metadon-Genießen (jedoch mit fannisch mehr als bloßem interpassivem Einsatz). Aber eventuell ist die (psychoanalytische) Lesart dieses versiegten ‚begehrlichen Anspruchs‘ die, dass an die Stelle dieses Ventil des Begehrens nur ein anderer (Konsum)Anspruch getreten ist, der auch bloß einer Überkompensation dient?

Der Unterschied in meiner lesart zwischen Passivität und Interpassivität ist der, dass ich mich bei Interpassivität immerhin noch positiv auf etwas beziehe, es bewusst und willentlich interessiert, angeregt verfolge, scheinaktiv dabei bin. Passivität hingegen kollabiert schlimmstenfalls im Schwarzen Loch der Depression, wenn alles desinteressant und irrelevant an einem belang- und bezugnahmelos vorbeizieht, ohne dass man sich ein- oder auch nur angebunden mitfühlt. Bei interpassivem Genießen delegiert man zwar die notwendige Aktivität an Andere, die es für einen machen; aber man erfreut sich wenigstens bezugnehmend daran (und kann sich im Falle des Sports wie speziell des Fußballs als Fans VOR ORT ja sogar gewisser Einflussnahmen selbstsuggestiv rühmen). Bei passivem Verfolgen ist es einem/einer im Grunde doch egal, Hauptsache Zeit-Vertreib, damit der Tag vorbeigeht (an einem/einer). Interpassive sind dann doch mental voll dabei, wenn nicht sogar gefühlt mitten drin!

Oder bin ich bloß ein Grübler, der über-denkt, da was auch immer ist, der Output in diesem Blog ohnehin viel zu gering ist, um es als „Über-Konsum“ zu qualifizieren? Dem WÄRE wohl so, nur ist der gebloggte Wirkungsgrad ein schreibblockiert miserabler und hier Gebloggtes so gar nicht kongruent zum Gelesenen und Gehörten. Dann müsste ich hier tagtäglich beitragen und fortwährend interpassiviert von den Metadon-Erlebnissen künden, die mir massenmedial aufbereitet widerfahren sind. Das findet sich kaum auch nur im Promille-Bereich hier wieder. Aber es geht ja auch nicht um Quantitäten, ab derer es punktiert kippt, sondern ums Prinzip, ob die (Mach)Art als solche schon derart ist oder noch fundamental andersartig hat bleiben können. ???

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