Hallo Mitwelt

Inmitten von Lemporalität, Lemscher Temporalität, wird heute am 12.09. Stanislaw Lems einhundertster Geburtstag gefeiert, in Abwesenheit dem Geehrten gratuliert. Dies hier im Blog ja bereits mit dem Kulturfeature vorbereitet und anhand des drakonischen Irrsinns bedacht, sprechen die Golems zur Zeit reichlich über diesen Lem.

Daher hier zum Nachhören zusammengetragen, hinter wievielen Sternen ein Lem aufleuchtet und Ijon Tichy wissenssuchend vorbeisaust:

  • In kürzestmöglicher Form von nur 4Minuten im WDR2-Stichtag von Florian Bänsch;
  • in über dreimal längerer Ausführlichkeit von 14Minuten im WDR-ZeitZeichen von Claudia Friedrich, wo Lem-Biograf Alfred Gall zu Wort kommt und zu meiner Freude der Beitrag mit Verweis auf Der Unbesiegbare eingeleitet wird. Die mehrfach, ja am häufigsten gelesen und gehörte Geschichte Lems, die für mich folglich die prägendste geworden ist. Sehr interessant der Versuch, Lem „einzuordnen“, der weder so richtig und recht Science Fiction-Autor war oder/und sein wollte noch ein standesgemäßer (Elfenbeinturm)Philosoph gewesen ist. Futurologe die trefflichste Bezeichnung für dessen, was er SF-literarisch und ab Ende der 1980er Jahre essayistisch und fachaufsätzig verfasst hat. Obacht, dass man das Manuskript zur Sendung abfragen kann;
  • und weiter geht es bzw. ist es zuvor schon am 10.09. gegangen: SWR2-Wissen: Stanislaw Lem – Visionär zwischen Science und Fiction. De facto eine auf etwa die Hälfte verschlankte Kurzform (rund 28m) obig nochmal gelinkten WDR3-Kulturfeatures. Hier aber mit der Möglichkeit, das Manuskript zur Sendung zu speichern und end etail nachzulesen. Wer das Feature verpasst/NOCH nicht gheört hat, kann gut hiermit einsteigen und dann erweitern. Hier auch, wie er sich selber sah: Für viele Leser und Leserinnen gilt der polnische Science-Fiction Autor Stanislaw Lem als origineller Erfinder verwegener Theorien und utopischer Schauplätze. Doch Zeit seines Lebens blieb Lem enttäuscht darüber, dass er immer nur als phantastischer Autor wahrgenommen wurde und nicht als ein Philosoph der Technik. Wobei, so viel sei angemerkt, ein „Philosoph der Technik“ auch bereits eine Verkürzung ist, wenn du dich mal zeitaufwendig, aber bereichernd in seine Beiträge von Mitte/Ende der 90er Jahre bei Telepolis reinlesen magst. Das Leben und dessen Gewordensein beschäftigten auch ihn!
  • Am ausführlichsten und in einer Diskussion über Autor, Werk und Wirken das SWR2-Forum: Meister der Science-Ficiion – 100 Jahre Stanislaw Lem: “Das Science-Fiction-Genre nannte er einmal einen „Ramschladen“, von Marskolonien oder künstlicher Intelligenz hielt er auch nicht viel – dennoch gilt Stanislaw Lem mit Werken wie „Solaris“, „Der futurologische Kongreß“ oder „Robotermärchen“ als Science-Fiction-Großmeister und visionärer Zukunftsdenker. Was macht sein Schreiben so besonders? Am 12. September wäre er 100 geworden – passt seine Zukunft noch zur Gegenwart? Norbert Lang diskutiert mit Prof. Dr. Petra Gehring – Philosophin Prof. Dr. Philipp Theisohn – Literaturwissenschaftler, Alexander Wasner – SWR-Kulturredakteur“. Sehr hörenswert, wie lange schon und anhand welcher Texte die drei lemifiziert worden sind und wie sehr sie seine intelligent-kreative schaffenskräftige Fantasie schätzen, obwohl sie mit seinen literaturwissenschaftlichen Ausführungen gerade zur SF nicht so recht einverstanden sind und ihn auch nicht so ganz als klassischen Philosophen einordnen mögen. Und ob er mit seiner Art kritischer Prognostik als SF-Prophet gelten kann, wird ebenso diskutiert. In Form handfester Erfindungen, die sich AUF IHN berufen könn(t)en eher nicht; da hat es der Star Trek’sche Communicator als gewordenes Smartphone leichter…
  • Sodann noch hörspielerische Verweise. Derweil es ALLE deutschsprachigen Hörspiele in einer 8CD-Box (oder als MP3-Download) gibt, werden einige ausgewählte zur Zeit auch hinaus in den Äther gesandt. So unter anderem Test – ein Hörspiel mit unserem Freund Pirx, das in Kürze in der ARD-Audiothek verfügbar sein wird;
  • ebenda dann wohl leider nicht, sondern nur live anzuhören (oder mitzuschneiden!): Solaris ½: Der Planet und in einer Woche dann 2/2: Der Ozean.

In Summa audiologicae Also Hört Ihr reichlich, was zum Großmeister denkmälig verfasst und besprochen worden ist. Sehr schön – Ehre, wem Ehre gebührt! Ich fasziniere mich zur Zeit tatsächlich vielleicht tiefergehender denn je an seinen Gedanken, Einsichten und Kritiken. Dass er, wie es bisweilen durchklingt, ein grantelnder Oppa geworden sein soll, finde ich nicht angesichts all dessen, was in den nunmehr fünfzehneinhalb Jahren seit seinem Tod digital, virtuell usw. passiert und geschehen ist. Er bleibt bedenkenswert und kann m.E. mitnichten wegen ein paar Anachronismen, die er gutmöglich sogar absichtlich eingebaut hat, abgetan werden. Kann freilich shcon, wäre aber denkverkümmert unsinnig.

Wen es freut oder fürchtet, Weiteres zu Lem ist in Planung – an anregenden Gedanken über sein Machwerk mangelt es mir nicht. Wir werden mit Tichy auf Reise gehen und Fremdheit erfahren – Spoiler.

Bis dahin: Lem lesen und hören!

Dein haploides Herz

Hallo Mitwelt

Heute führt die Reise nach Esthaa oder auch Auriga Epsilon V, letzteres nach einer beliebigen Welt auf der Fünfjahresrundreise der Enterprise klingt. Trekinal ist die Welt jedoch nicht. Sondern eine inmitten einer Föderation, ebenfalls einer menschlichen. Eine Reise in den Handlungsmittelpunkt einer Japes Tiptree Jr.-Kurzgeschichte: Dein haploides Herz – Heikle Alienforschung – vertont als Hörspiel: verfügbar bis 28.02.2023; Spielzeit 40:01m

•SciFi-Klassiker• Menschlich oder nicht? Das ist die alles entscheidende Frage im Umgang mit Alienzivilisationen im Sektor der Föderation. Doch die Untersuchungen zweier Forscher stoßen an ein tödliches Tabu. // Von James Tiptree Jr. / Regieassistenz: Julie Grothgar / Regie: Martin Heindel / WDR 2021

Die stimmszenatorische Besetzung, von der mir keine/r hörvertraut gewesen ist, aber sehr gut klingt:

  • Doc Ian Suitlov: Hanns Jörg Krumpholz
  • Pax Patton: André Kaczmarczyk
  • MacDorra: Thomas Anzenhofer
  • Reshvid Ovancha: Martin Bross
  • Korsada / Esthaanier Pilot: Volker Lippmann
  • Ratspräsident: Walter Gontermann
  • Alter Flenn: Ernst-August Schepmann
  • Flanya: Cennet Voß
  • Flenn-Männer (1): Jörg Kernbach
  • Flenn-Männer (2): Sebastian Schlemmer
  • Flenn-Männer (3): Markus J. Bachman
  • Flenn-Frauen (1): Janina Sachau
  • Flenn-Frauen (2): Sandrine Zenner
  • Flenn-Frauen (3): Paula Essam
  • Esthaanier (1): Carlos Lobo
  • Esthaanier (2): Hüseyin Michael Cirpici
  • Esthaanier (3): Thomas Balou Martin
  • Flenn-Mädchen: Flora Berg
  • Flenn-Junge: Rufus Berg
  • Off Stimme: Sigrid Burkholder

Ich mache es mir einfach und lasse zusammenfassen, wie es beim WDR zu lesen ist, worum es denn geht:

Im Auftrag der Föderation landen der Biologe Ian Suitlov und der Geologe Pax Patton auf Auriga Epsilon V, genannt Esthaa. Handelt es sich bei den einheimischen Esthaaniern um eine menschliche Alienspezies oder nicht? Die Föderation möchte in dieser Frage zu einem wissenschaftlichen Ergebnis kommen, denn am Ausgang dieser Untersuchung entscheiden sich einige delikate Fragen – und nicht zuletzt die Esthaanier hoffen auf ein positives Ergebnis. Aber je länger die beiden Wissenschaftler auf dieser fremdartigen und doch vertrauten Welt Nachforschungen anstellen, desto mehr Geheimnisse tun sich auf: Wer sind die geheimnisvollen Flenn, die abgeschirmt in eigenen Siedlungen leben? Woher rührt die genetische Einzigartigkeit der Fauna auf Esthaa? Und was geschah wirklich vor einem Jahrhundert beim letzten Zertifizierungsversuch, von dem niemand lebend zurückkam?

Das föderale Maß aller Dinge

In der 40-minütigen Kürze – bei Hörspielen sonst eher 50-55 Minuten üblich – ist geballt viel an Inhalt versammelt, der sich weniger auf (eventuell actionreiche) Handlung bezieht als vielmehr auf die Ideen dahinter. Also SF at its best, die ohnehin Ideen-Geschichte ist. Und die Idee, die hier im Zentrum steht, ist der Mensch, der in der Föderation zum Maß aller Dinge geworden ist (oder sich geschickt gemacht hat?). Vermutlich ist diese Kurzgeschichte und ihre sehr gute Hörspielumsetzung also eine Sfeske Lesart von
Protagoras‘ Homo-Mensura-Satz: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Exakt in Übersetzung wiedergegeben: “Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, das sie sind, der nicht-seienden, das sie nicht sind.“ Das ist höchst interpretationsbedürftig, auch immer noch dann wenn man den Nachsatz liest: „Wie alles einzelne mir erscheint, so ist es für mich, wie dir, so ist es wieder für dich.“ Es geht um das Verhältnis von erkennendem (menschlichen) Subjekt zum (nichtmenschlichen?) Erkenntnisobjekt).

Der Kniff und Clou von Tiptree ist es nun, so wie das rüberkommt, dass sich alle innerhalb der Föderation und alle, die noch hinzukommen wollen, am Menschen messen (lassen). Der Mensch als Spezies in seiner anthropologischen Verfasstheit wird zum seienden Vorbild, zum role model der Galaxis, dem Ideal(maß) der Xenovölker. Denn das ist die anfänglich verwirrende Irritation: Hauptsache Mensch sein, selbst wenn man wie ein Krokodil aussieht. In etwa so sagt es Biologe Ian Suitlov, womit klar wird, was unverständlich bleibt: egal von welcher Art die Aliens sind, egal wie fremdartig sie aussehen, sie wollen unbedingt als „Menschen“ klassifiziert werden. Das vereinende Merkmal hierfür ist, so erneut Suitlov, paarweiser (Hetero)Sex. Wenn du es also zum Vielzeller geschafft hast und dich in Paarung paarweise evolutionär ertüchtigst, dann hast du die eine alles entscheidende challenge zum Menschsein genommen, dann wird dir Passierschein A38 ausgestellt. Und hinter diesem Wisch, dieser föderalen Absolution sind sie anscheinend alle wie wild hinterher. Demnach müssten auch irdische Löwen als Leonen dank zweigeschlechtlicher Fortpflanzung Anerkennung finden. So jetzt auch auf Esthaa, wohin sich das Forscherteam aufgemacht hat. Sie sollen Esthaaner biologisch und deren Heimatwelt Esthaa geologisch auf menschliche Tauglichkeit prüfen.

Faszinierend nun und meines Erachtens auf diese Weise typisch Tiptree, dass es zum einen ganz anders auf Esthaa zugeht, die Evolution ganz andere Fortpflanzungswege gefunden hat, Sex sich hier also höchst different erweist; zum anderen, dass mit dem Anlegen des Menschenmaßes, dem Überstülpen alleinig für den Menschen tauglicher Maßhaltung ein bürokratisches Fiasko entsteht. Der Zugehörigkeitswunsch der Esthaaner, als paarungstauglich und somit als menschlich anerkannt zu werden, endet im – Spoiler – GENOZID! Die Esthaaner verbiegen sich derart für das Menschenmaß, um den föderal-paragrafschaftlichen Kriterien entsprechen zu können, dass sie sich selber genozidal verleugnen. Sie spalten, was zusammengehört; sie trennen, was vereint war; sie differieren kulturell auseinander, was evolutionär symbiotisch gewachsen ist. Sie tun also alles, was WIR HEUTZUTAGE AUCH TUN! Sie sind unser ferner Spiegel, für uns das Licht ferner Tage…

Sie versuchen gemäß dem Menschenmaß zu leben, den beiden Wissenschaftlern ein solches Gelingen vorzuleben, an diesem maßlosem Maßnehmen die Wesen Esthaas zugrunde zu gehen drohen. Esthaaner und Flenn, wie es zunächst scheint, sind nicht so, sondern entgegen dem Schein. Interessant,dass Tiptree zur science fictionalen Erklärung bis in die Genetik tiefhinabgeht und so einen fundamentalen Unterschied der esthaanischen und erdmenschlichen Spezies aufzeigt. Der lässt es irrsinnig sein, sich einer erdmenschlichen Bemessungsgrundlage zu unterziehen.

Ebenso interessant, dass – zumindest mal das Hörspiel und ggf. auch die mir NOCH nicht erlesene Kurzgeschichte – ganz ohne nähere Details auskommt, wieso denn zum Teufel und allen Dämonen bis dato partout alle Aliens als Menschen gelten wollen. Welche phänomenalen Güter erhält man denn, wenn man diese Bemessungshürde nimmt und so der Föderation beitreten kann? Das bleibt narrationsoffen, was den Irrsinn nur umso deutlicher hervorkehrt. Für vermutlich nichts und wieder nichts beugt man sich einem verfälschenden Maß, folgt diesem Ideal hörig, ohne auf Umstände, Verfasstheiten und Befindlichkeiten zu achten.

Umgedrehter Lem

Damit hat Sheldon es genau andersherum aufgezogen als Stanislaw Lem. In dessen Sterntagebüchern erlebt Reiseheld Ijon Tichy (oder erträumt es nur) das ziemliche Gegenteil: er soll für die Menschheit bei der Föderation für Zutritt werben:

Achte Reise: Die achte Reise findet nur als Traum des Protagonisten statt. Ijon Tichy ist Delegierter der Erde und Kandidat beim Rat der Organisation der Vereinigten Planeten. Sprachliche Probleme können mit Hilfe einer informativ-translativen Tablette überwunden werden. Es bleiben körperliche und vordringlich kulturelle Schwierigkeiten für einen Menschen (kategorisiert als Typus Aberrantia > Nekroludentia > Monstroteratus Furiosus, übersetzt Abseitige > Leichenspieler > Gräßel-Wüteriche). Fazit unseres Werdegangs: Entwicklung durch Wettrüsten, Bombe vor Kraftwerk, Fleischfresserei. Anschuldigung z. B. Ausrottung der besseren Neandertaler und Geschichtsfälschung. Kann eine Zivilisation ihren extraplanetaren Ursprung nicht erforschen, gerät sie auf die Irrwege von Glaubenslehren, geschaffen aus Verwirrung und Verzweiflung. Erstaunliche Erklärung für UFOs vor dem alles verändernden Ende.

Hier ist der Mensch höchstens das Maß, wie man es nicht macht, es tunlichst sein lassen sollte. Vielleicht hat Sheldon die Sterntagebücher gekannt, 1966 ist die zweite Auflage mit der gegebenenfalls vorbildhaften Achten Reise erschienen. Ihre Kurzgeschichte erschien zuerst 1969: Your Haploid Heart, Novelette (dt. Zu Feinden geboren, 1974; Dein haploides Herz, 1987). So oder so hat sie in diese Kurzgeschichte so ziemlich alles hineingepackt, was sie quer durch ihr Werk stets interessiert hat. Eine faszinierende Autorin!

Lemomenale Kurzgeschichte – Der Drache

Hallo Mitwelt

Heute wird es erneut lemologisch. Denn ich habe rein zufällig ein feines Stück Lem entdeckt, eine – gerade einmal 12seitige – Kurzgeschichte mit dem Titel Der Drache. Erschienen im Eichborn Verlag 1984 just im „Namensjahr“ von 1984 von Eric Arthur Blair aka George Orwell. Der Dystopie aus dem Jahre 1948 „zu Ehren“ mit zwei Kurzgeschichtnn und einem Essay:

  • Stanislaw Lem: Der Drache bzw. mit vollem Titel Vom Nutzen des Drachen. Aus den Forschungsreisen Ijon Tichys“
  • Rainer Erler: Die Auserwählten
  • Gert Heidenreich: Guten Tag 1984

In Erlers Kurzgeschichte geht es ums Heiraten und Ehe)vollzug) in einer Freiheitsdiktatur. In der wird man nach Kriterien paarweise für diesen Staatsakt auserwählt und zusammengeführt, um für die Freiheit und wider die Freiheitsfeinde eine Familie zu begründen. In 10 sehr kurzen kapiteln abwechselnd im anonym bleibenden Er und Sie der Verehelichten – sehr eindrücklich.

Heidenreichs Essay geht den Fragen nach, wie viel von Orwells 1984 in realem 1984 angekommen ist, wo es noch nachzuholende Defizite gibt, welche Formen von Neusprech realisiert worden sind in Regierungszeiten Helmut Kohls. Auch sehr faszinierend, jedoch eher mit Schauder. Denn schon ZU VIELES hat es damals schon gegeben, woran wir trotz aller digitalisierenden Heilsversprechen noch heute kränkeln. Sogar „Datenschutz“ spricht er an, den es ergo bereits vor der DSGVO gegeben hat. Sehr lesens- und umso bedenkenswerter im Matchup weniger, aber auch mit Orwells Dystopie, noch mehr mit unserer Zeit eines realexistierenden Weltfraßkapitalismus!

Aber es soll um Lems Geschichte gehen[1], die dem vollem Titel nach ein bis dato unerzählter
Sterntagebucheintrag sein muss, der jedoch unnumeriert und damit gänzlich zeitlos bleibt. Innerhalb der Geschichte gibt es keinerlei Anspielung auf vorige/nachfolgende Erzählungen. In jedem Fall führt die Reise ins Sternbild des Walfischs. Und im Grunde ist sie eine wunderbar komprimierte Hommage an Lems Meisterspätwerk Lokaltermin (von 1982), dessen narrativen Verlauf es im Eiltempo nachvollzieht.

Laut Wikipedia sei diese Kurzgeschichte in dieser oder jener deutschen Edition der Sterntagebücher als „Anhang“ aus Ijon Tichys Erinnerungen enthalten, die ich dann nie in Händen hatte:- ( Bei mir bestanden die Erinnerungen stets ausschließlich aus Erlebnissen auf der Erde. Welch Versäum- und Ärgernis. Umso schöner das wohlgelungene Nachholen. Daher die Zusammenfassung laut Wiki:

Auf dem Planeten Abrasien lebt ein riesiger, einer Bergkette ähnelnder Drache, dessen Bewegungen Teile der Anrainerstaaten unbewohnbar machen. Die Bevölkerung des Planeten hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Drachen durch Fütterungen („Export“ von Nahrungsmitteln) milde zu stimmen. Bei Recherchen vor Ort erfährt Tichy, dass die gesamte Wirtschaftsordnung nur auf den Drachen ausgerichtet ist, obwohl von ihm faktisch keine Gefahr ausgeht, da der Drache ohne Fütterung eingehen würde. Am Ende der Geschichte steht die Aussage, der Drache sei für die Abrasier zum Prinzip und zu einer Art Staatsräsongeworden.

Der Drache

Es beginnt schon mit der Namensbezeichnung der Welt, zu der Ijon Tichy wissenseifrig fliegt (ohne, dass die Reise einer Erwähnung wert gewesen wäre). Abrasien, was gewiss herzuleiten ist von Abrasion. Lateinisch abrasio, was so viel wie „Abkratzung“ meint, als solche in vielerlei Kontexten u.a. medizinal von Bedeutung wird. Eventuell von der alltagsschnöden Zahnpasta bekannt, die mit einer bestimmten, grob dreigeteilten Abrasion daherkommt und je nach Zahn(schmelz)empfindlichkeit nicht höher als mittel sein sollte. Und schwer zu verkennen, ist der Drache der Abrasier schlechthin, der bzw. für den alles abgekratzt wird. Die eigentlichen Abrasier, so erfahren wir vorab, sind uns gleich ebenfalls Affenabkömmlinge, was ihr Verhalten verständlich macht…, wenn auch statt zweiohrig doppelnasig. Sie vermögen stereoskop zu riechen, gerade weil beide Nasen an den Stellen kopfseitlich liegen wie bei uns Affenabkömmlinge die Ohren. Das wird zwar anschaulich gemacht, auch dass sich um diesen biologischen Umstand reichlich Kultur in Form von Schmuck wie eine Flechte gelegt hat, doch ist es weiters nicht mehr wichtig. So stinke der Drache bis zu 1.000 Kilometer weit bei schlechter Wetterlage, doch ob das nur stereoskope Riecher wie die Abrasier wahrnehmen oder auch ein Einnäsler wie Tichy, bleibt ungenannt. Wie gesagt: bloß 12 Seiten.

Doch auf denen entfaltet Lemtichy meisterhaft die verworrene Skurrilität einer unanzweifelbar geronnenen Drachenhörigkeit, die für Außenstehende mit unvernebeltem Sachverstand wie Tichy – und uns – unbegreifbar bleibt. Aufgebrochen ins Unverständliche ist Tichy zunächst aufgrund empfangener Funksignale. Diese konnte wiederum nur SETI-esk entschlüsselt werden durch Wissenschaftler Katzenfänger(!), weil dieser einen Schnupfen hatte, der ihn DEN Einfall eingab: vielleicht ergibt das Kauderwelsch ja Sinn, wenn man annimmt, da sprächen keine doppeläugigen Sehlinge zu uns, sondern geruchsfixierte Wesen. Und rieche da, bis auf ein Geschwafel von einem Drachen klärt es sich. Wunderbar, wie in wenigsätziger Kürze (die mir fremd wäre O_o) Lem en passant und hinterrücks die geistesphilosophische Frage einfließen lässt: Wie ist es, ein Abrasier zu sein? Und wie wirkt sich ein solches abrasische Sein u.a. auf die Kommunikation und dessen Verstehbarkeit aus? Lemomenal!

Schon das ist die ultraverdichteteverstehende Ethnologie, wie sie in ausführlicher im Lokaltermin prächtig präsentiert wird – mit ein paar irrläufigen Zwischenschritten mehr. Und wie sich Tichy dort – oder auch auf Solaris – buchstäblich einliest, um vielleicht verstehen zu können, so orientiert er sich kaum vor Ort sogleich: Lektüre abrasischer Presse (das sind rein analoge Medien auf Papier, durch Schrift und Bild nie mehr als zweidimensional @Jüngere), geht später ins Presse- und Bibliotheksarchiv; ethnografiert aber auch persönlich, indem er mit erst einem Journalisten, später einem Professor der Drakologie spricht, sprich ihnen in einem fort Fragen stellt. In der Hinsicht dürfte Ijon Tichy wahrlich Lems alterego sein, da Lem – meines Wissens – bis zu seinem Tod topinformiert gewesen ist, eben indem er nicht nur Presse, sondern auch sämtliche Fachjournale wie Science oder Nature im Abonnement gründlich las und bei Fragen die noch so hochdekorierten Wissenschaftler*innen einfach telefonisch befragte. Medienkompetenz! Fefe wäre stolz

Aber zurück nach Abrasien, einer Welt mit nur einem Riesenkontinent, auf dem sich die Abrasier in 80 Staaten ausgebreitet haben. Ganz im Norden deren drei Anrainerstaaten, die direkt an den sich seit eh und je stetig ausbreitenden Drachen angrenzen, also bald „übergrenzt“ worden sein werden. Daher hat es „Vereinbarungen zur Zusammenarbeit mit dem Drachen“ gegeben, die von (nur!?) 49 der Staaten völkerrechtlich bindend ratifiziert wurden. Einseitig, denn der Drache ist einfach nur und macht außer Nahrung aufnehmen, gelegentlich ausdünsten und ausscheiden und sich ausbreiten nichts weiter, schon gar keinen Smalltalk. Vielleicht stammt er von Schnecken ab, wie Tichy gelesen haben will. Doch man sei längst darüber hinaus, nach dem Ursprung und Gewordensein des Drachen zu fragen, da sein Sein das Entscheidende sei. Prädrakonistik ist demnach out und Drakogenese ist somit eine zukunftszugewandte Unterdisziplin der Drakologie. Eine zutiefst ökonomisierte, wie mir scheint. Denn mit dem Drachen konnte man wider die Automatisierung eine nie erlebte Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme aufrollen. Um ihn kontinuierlich speisen zu können, investierte man allein vierhundert Milliarden (vermutlich Drachmen) in die Lebensmittelindustrie, die 146.000 Arbeiter*innen beschäftigt. All das mittels Exportkrediten, wodurch der Drache zum Auslandsmarkt mit kolossaler Nachfrage geworden ist.

Aber doch nicht nur einseitig, denn es gibt schließlich Drachenfleisch und man kann aus ihn Plastilin für die Kinder herstellen. Nungut, das stinke zwar erbärmlich, müsse für den Gebrauch deodoriert werden und koste in der Herstellung das Achtfache gewöhnlicher Alternativen, aber der Drache ist da und gibt, also nimmt man, was man bekommt. In der Anfangszeit noch diskutiert, bei Tichys Landung durch einen terroristischen Anschlag auf den Drachen aktualisiert, war dessen Beseitigung durchaus mal Thema gewesen. “Die Ökonomen erklärten dann jedoch, wie teuer eine solche Vorgangsweise käme.“ Und nachdem die Möglichkeit auf rechtzeitige Beseitigung verstrichen war, musste man sich zwecks Arrangement positive Kalkulationen ausdenken. Es gibt noch zahlreiche Beispiele, wie sich um den Drachen herum nicht bloß Terrorismus, sondern sogar Tourismus entwickelte, sich dutzende akademische Zweige zu seiner Erforschung ausdifferenzierten und etablierten. Angelagerte Unternehmen fokussierten arbeitsplatzreich spezialisierte Aufgaben.

Schön und gut, aber wieso all diesen Segen nicht endogen erzeugen, indem man nicht länger drachenzentriert wirtschaftet, sondern sich selber was gönnt? “Sollte man diese Mittel etwa an die Bürger verschenken?“ Nicht hin auf einen gemeinsamen Endzweck, sondern alle für sich in die eigene Tasche? Davon ab, wenn man den Drachen doch noch irgendwie beseitigte, wäre die postdrakologische Krise noch schlimmer. Denn was auch immer der Drache ist, was er geworden ist, was er kann und tut und was er werden mag… Vor allem wurde er

„Zur Idee[…] zur geschichtlichen Notwendigkeit und zu unserer Staatsräson. Ein wichtiger Faktor, der unseren vereinten Anstrengungen einen festen Sinn gibt.“

Der Drache!

Das ist der Drache also. Aber was ist er eigentlich? Außer schwammig wie eine
schneckenhauslose Schnecke? Der Drache ist mehr (geworden), als er ist, geht über sich hinaus, weil über ihn hinausgegangen wird. Der Drache steht laut Klappentext für den sich nur noch sinnlos selbstreproduzierenden „Selbstzweck der Wirtschaft“, für die ge- und erarbeitet wird, um was auch immer wozu auch immer zu erschaffen. Der Drache steht somit symbolisch genauso gut für den ideologischen, alles überwölbenden Kommunismus, den es 1984 noch gegeben hat; m.E. aber ebenso sehr für einen gleichermaßen sinnleerlaufenden Kapitalismus. Er kann jenseits der Wirtschaft, die aber doch Arbeitsplätze geschaffen hat, die man nicht verlieren darf, aber auch für jedwede geistig überformte Übersteigerung stehen, religiöser wie sonstwie eskapistisch welticher Art. Der Drache ist die symbolträchtige unanschauliche Veranschaulichung eines Hyperobjekts (im Sinne Timothy Mortons), dessen aktuellste Ausformung der Klimawandel ist, der längst zur Klimakrise geworden wurde. Ein in vielem eigentlich doch greifbares Etwas, also Objekt, das sich jedoch derart weit über die verstehenden Köpfe hinweg und hinaus überspannt hat, dass man es weder noch überschauen kann noch wirklich will. Es ist zu groß, um sich mit dessen Beseitigung trotz aller kaum ignorablen wirkmächtigen Nebenfolgen auseinandersetzen zu können. Zumindest scheint es so, so wie vom Nutzen des Drachen ein heller Schein besteht, so sinnentleert nutzlos dieser narzisstische Selbstnutzen auch sein mag. Da man sich zunehmend verstumpfsinnigt mit dem Drachen eingelassen hat, Schäden ignoriert und Nutzen überzeichnet, bleibt er, weil er da ist, weshalb er zu bleiben hat, damit er da bleibt. Zirkelschlüssig? Ja eben…

Exzellente Geschichte, die 1984 als Nachklang von Orwells 1984 entstanden ist, die aber bis heute stets aufs Neue aktualisierbar ist. Ein großartiges kleinen Lese- und Denkstück, das UNBEDINGT UND NICHT ANDERS MÖGLICH in die Sterntagebücher aufgenommen werden muss, in jede Edition, die nebenbei auch stets immer ALLE anderen durchnumerierten Geschichten zu enthalten hat. JAWOHL! (Al)So sprach Golem!

EDIT am 18.08.2021: ein paar Tippfehler korrigiert und den Schnecken-Link hinzugefügt


  • Zusammen mit zwei weiteren Kurzgeschichten ist Der Drache noch zweimal veröffentlicht worden und zwar

    • Insel Verlag (1. Auflage, 1990): Vom Nutzen des Drachen. Erzählungen. Gebundenes Buch;
    • Suhrkamp (2. Auflage, 1995): Vom Nutzen des Drachen. Erzählungen. Broschiertes Buch

    Auf 198 Seiten enthalten sind:

    • Die Wiederholung. Aus dem Polnischen von Herbert Schumann.
    • Ziffranios Erziehung. Die Geschichte des Ersten Entfrosteten. Die Geschichte des Zweiten Entfrosteten. Aus dem Polnischen von Hubert Schumann.
    • Vom Nutzend es Drachen. Aus den Forschungsreisen des Ijon Tichys. Aus dem Polnischen von Hanna Rottensteiner.

  • Trek zu den Sternen

    Hallo Mitwelt

    Aufbruch in unendliche Weiten, wo….naja…schon enorm viele Menschen gewesen sind. Nämlich alle Trekkies und die meist viel mehr als nur einmal. Und vorab gleich zur Einordnung: Trekkie bin ich nicht, wäre viel zu hoch gegriffen gemessen an insbesondere den mir zu Ohren gekommenen podcastenden Fans, die das mit so viel zeitaufwendiger Leidenschaft betreiben und hierfür die Folgen sichten und Hintergründe wälzen, um das dann Stunde um Stunde inhaltsfreudig wortreich zu präsentieren. Ich bin da bloß Star Trek-Sympathisant, der wohl – leider! – in der Jugend trotz Trekkie-Freund nie so richtig getribbelt worden ist, um aber doch den Weg zurück auf die Brücke der U.S.S Enterprise gefunden zu haben:))

    Ich bin jüngst über zwei Star Trek-Dokumentationen bzw. Beiträge gestolpert, die ich je ziemlich gut fand und hier teilen möchte. Zum einen die mit Sebastian Stoppe und der Sendung Wie sich Star Trek unsere Zukunft vorstellt | #gernelernen. Hier stellt Sebastian in einer Stunde dar, was der Titel verheißt: die Zukunftsvorstellungen in Star Trek, vor allem bei Raumschiff Enterprise rund um Kirk, Spock und Pille. Zumindest sind im Grunde alle technischen Visionen von Communicator, Tricorder, Warpantrieb und Beamen hier bereits angelegt, nur das Holodeck kam so richtig erst genau wie Androide Data in The Next Generation zum Zuge und Tragen. Ab Next Gen und somit dem visionären 24. Jahrhundert nehmen die gesellschaftlichen Vorstellungen einer Zukunft Kontur an, verkörpert in Jean-Luc Picard, was beim Trek zu den Sternen mit Captain Kirks Wildwest-Cowboy-Stil zuallermeist noch zu kurz gekommen war. Mutig bezieht er auch „New Trek“ mit ein, also die Star Trek-Serien unter Alexander Kurtzmans dirigierender Oberhoheit ab 2017 mit den Serien ab DISCOVERY und Folgende. Sebastian richtet sich zwar an Schüler*innen und nicht gestandene, altgediente Trekkies, da ich ein solcher jedoch selber eh nicht bin… Kurz zu hören ist Sebastian ebenfalls bei DLF-Sein und Streit zum Thema Das Wir in der Science-Fiction – Sternenflotte oder Borg-Kollektiv?

    Die zweite Sendung ist eine ZDFinfo-Doku, aus den USA importiert und zu Ehren von 50 Jahren Star Trek – ein Jubiläum, das auch schon wieder fast fünf Jahre her ist (08.09.1966 DER START) und ergo 2016 gefeiert wurde: Building Star Trek – Die Erfolgsgeschichte einer Serie in 87 Minuten. Skurril, dass die Doku immer noch abrufbar ist, das zu tun lohnt sich aber. Im besten Stile der Science Fiction-Propheten und passend zu Sebastians Vortrag werden Star Treks Visionen und das wissenschaftlich-technisch heute Mögliche gematcht. Drollig, dass man damals – 2016;-) – sich Smartphones als eine Art Tricorder noch gar nicht so recht vorstellen konnte. Passende Apps und das ein oder andere Gadges und man hat heutzutage für manche medizinale Anwendung ein nützliches Gerät zur hand – genau wie Pille McCoy! Vorgestellt wird vergangenes Star Trek und gegenwärtige Technik entlang von Requisiten, die für eine Jubiläumsausstellung in Washington mühsam zusammengesucht werden mussten. Zumeist nämlich wurden die Requisiten und darunter selbst die heute berühmtesten, nach Beenddigung der nur drei Staffeln kurzen Raumschiff Enterprise-Serie ausrangiert, weggeworfen oder von Fans ins private gerettet. Da ginge man heute merchandisbewusster an die Sache ran und würde das marketinggeschickter an die Fans bringen. Besagte Trek-Veteran*innen werden ggf. sogar auf der Ausstellung gewesen sein, in jedem Fall wissen, was alles präsentiert worden ist.

    Jetzt mag eine Doku von vor 5 Jahren zu einem längst gefeierten Jubiläum obsolet ercheinen und es vielleicht auch sein. Aber – und das ist der Dreh – 2016 bin ich überhaupt erst im Kielwasser des medial mitbegangenen Jubiläums zurückgekehrt zu Star Trek. Schlagartig abgeholt und warpantriebsflugs wieder eingeflogen hat mich exakt dieser Beitrag: 50 Jahre Star Trek – Ein Spiegel gesellschaftlicher Realitäten. Noch genauer hat mich CAPTAIN O CAPTAIN Jean-Luc rekrutiert, der im Einspieler mit der deutschen Filmsynchronstimme sagt, worauf es in Star Trek ankommt, was es, die Welt ausmacht. Da war ich sofort Feuer und Flamme.

    Und mit diesem Beitrag begann auch meine „Star Trek-Podcast-Karriere“, wenn auch nur als interpassiver Rezipient. Das aber hellhörig wie ein Ferengi mit dem im Beitrag erwähnten TrekCast, der Star Trek-Podcast, der zum Glück nur durch New Trek verstummt schien, weil mein TrekCast-Feed verhungert war:)) Sprich, den gibt es immer noch, wenn auch in stark gedrosselter und angesichts von New Trek wohl recht illusionslosem Erscheinungsrhythmus. Das Trio trekkinale hat mich Folge für Folge zurück in die Zukunft geführt. Und DLF-Beitragsautor Benjamin Schulz hat in TrekCast-Folge 55 seinen Auftritt und musste Rede und Antwort stehen zum – schwierigen – Verhältnis von Star Trek und die Medien!? Vor allem also zur Frage, wieso das andere Star so krass dominanter medial rezipiert wird, obwohl (oder weil?) es da doch bloß um Krieg geht…

    Und ein anderer Kreis schließt sich auch via TrekCast: besagter Sebastian Stoppe ist nicht erst seit kürzlich medienbekannter und –aktiver Trekkie, der für seine leidenschaft vorspricht. Nein, in TrekCast 40: Star Trek und die Politik diskutiert er die politischen Visionen und Axiome in Star Trek, worüber er sogar Akademiker geworden ist. Ein Thema, das mehr als genug für einen eigenen Beitrag ist…

    Und abschließend dann noch Ehre, wem Ehre gebührt. Nämlich dem zweiten Star Trek-Podcast, auf den ich stieß, der zum Teil bis zu phänomenalen DREI STUNDEN aufgenommen hat, um pro Folge eine volle Staffel Voyager komplett (alle sieben) und Deep Space Nine leider bis heute unvollständig (fünf von sieben) großartig zu besprechen: Rewatch-Podcast mit Lucy und Iris! Wenn jemand weiß, wie man die beiden reaktivieren kann, welchen Wein sie wollen, um ihn trinkend doch nochmal wieder weiter aufzunehmen….!? BTW: Ja, inzwischen ist drei Stunden der neue Standard, in der Zeit man eine einzelne Folge gerade so mit Begrüßung besprochen bekommt;-) Grüße an anderswann referenzierte Podcasts solcher Längen.

    PS Zitat schlechtin, über das ich gestolpert bin: „Es geht um eine dysfunktionale Familie im Weltraum, die irgendwie zusammenhalten muss.“ DAS SOLL STAR TREK SEIN???????

    Das Leben an sich

    Hallo Mitwelt

    Das Leben, das Universum und der ganze Rest – ein nicht unwichtiges Thema hier im Blog. Ziemlich basal sogar. Bisherige Reisen mit dem Raumschiff Erde (das noch nicht in Gänze muskifiziert/bransonisiert/bezosiert worden ist) waren eher kritisch bis betrüblich, weil die Evapotranspiration dort die Böden entwässern lässt (um anderswo übermäßig abzuregnen); da die Plastifizierung den Planeten wie unaufhaltsam überzieht und durchdringt und die verbleibenden Böden zubetoniert und klinisch abgetötet werden. Demnach scheint Raumschiff Erde kein Freudenhaus zu sein, in dem das Leben an sich Vorrang zu haben und hochgeschätzt zu werden scheint. Doch der Eindruck trügt angesichts der Gegenwart, die zwar zum Flaschenhals und Nadelöhr zu werden droht, das jedoch zum bereits sechsten Mal in der Biografie des Lebens, Bio-Grafie quasi…

    Das Leben findet einen Weg!

    One life to live for all
    One life to give birth them
    One life to be experienced in all
    And in only one world exist them!

    Das Leben schreitet fort und fort,
    von der Geburt wo es begann,
    aus dem Meer, von Fjord zu Ort,
    lebendig quillt’s, so gut’s nur kann.
    Es fließt dem Erdenrunde nach,
    wo es sich unendlich weit verflicht‘
    aus Gen und Wagnis tausenfach.
    Und wohin dann? Mensch weiß es nicht!

    Biosphärische Experimente

    Zur Zeit laufen unter der Regie des Homo sapiens – zur Erinnerung: der hirnseidank weise Mensch – ausgeklügelte weltweite Experimente, die die Biosphäre auf ihre Standfestigkeit prüfen, die bisher anhand und entlang wenigster paläontologischer Funde aufgestellte Behauptung eines zähen widerständischen Lebens verifizieren sollen. Die hierbei abhängige Variable ist das Leben an sich, das auf dem Prüfstein steht, derweil Experimentator Mensch die unabhängigen Variablen, die als lebenswert gelten, gezielt variiert.

    Eine führende Fachkraft mit mehreren speziellen Zusatzausbildungen ist zum Beispiel Forschungsleiter Bolsonaro. Der hat sich Reinhold Messner zum Vorbild genommen, der bekanntlich sauerstofflos die sogenannte Todeszone am Sagarmatha bzw. Qomolangma (imperialistisch: Mount Everest) alleine durchqueren und seither immer noch weiterleben konnte. Und weil damit induktiv bewiesen wäre, dass sich Leben auch an Orten halten kann, die als lebensfeindlich gelten, und dass Sauerstoff als Lebensquell offenkundig überbewertet ist, ergibt sich folgender, pfiffiger Experimentieraufbau: Als bloßes Nebenprodukt fällt Sauerstoff bei der Verstoffwechslung der Flora (Pflanzen) an, die CO2 aufnehmen und Sauerstoff abgeben. Anschaulich als Lunge des Planeten gilt hierbei der Amazonas-Regenwald als unterbezahlte Führungskraft, wo in außergewöhnlichem Maße CO2 ein- und Sauerstoff ausgeatmet wird. Zu den Annahmen gehört nun, dass sich das Leben an sich, wenn es auch nur halb so zäh wie behauptet ist, Messner-gleich mit einem viel Weniger an Sauerstoff durchs leben wird schlagen können. Hierfür wird nun en masse der Amazonas-Regenwald im ursprünglichen Sinne dezi-, eher zentimiert, um dortige Verhältnisse möglichst umzukehren. Statt CO2 aufzunehmen und Sauerstoff abzugeben, soll er dermaßen reduziert werden, dass er weniger Sauerstoff „produziert“ und mangels Aufnahme viel mehr CO2 in der Atmosphäre verbleibt. Da die bodennahe Atmosphäre die Troposphäre ist, nur in der die Biosphäre existiert, wären mit der gezielten Manipulation zweier unabhängiger Variablen (CO2 und Sauerstoff) eine Potenz an Einflussfaktorkraft mit einem Schlag erreicht, die es so noch nie gegeben hat seit Menschengedenken. Einmalige Bedingungen mit größtmöglicher Aussagekraft über das Leben und seine Verfasstheit. Vorläufige Ergebnisse sind extrem vielversprechend: aus einer CO2-Senke ist bereits eine CO2-Quelle geworden! Auf die anvisierten Verschärfungen der Experimentalbedingungen darf man folglich hoffen. Die optimierende Maximierung der Biostressoren kann ergo stetig perfektioniert werden und wir deinen großartigen Beitrag zur Grundlagenforschung liefern!

    Das Leben fand einen Weg

    Doch bloß weg vom Homo hybris in die Vergangenheit auf der Suche nach den ersten Tieren. Tiere, da sie die am weitesten entwickelten Lebensformn auf Erden sind und wir ihnen – je nach Perspektive – entstiegen sind oder gerade so den Kopf oder auch nur den Neocortex mühsam übers tierische Wasser halten können. So wie es Stephen Baxter in Evolution ausgeführt hat. Oder war es zuvor Darwin?…

    Wie dem auch sei, in aller Regel (siehe die folgenden Kapitel) geht man davon aus, kann sich auf gut gesicherte Befunde berufen, dass solcherlei Getier vor rund 560 Millionen Jahren die Eroberung der Welt antrat. Doch eine Nature-Studie: „Possible poriferan body fossils in early Neoproterozoic microbial reefs”science.ORF.at berichtet – verfolgt Tiere gnadenlos zurück in die Vergangenheit. Spannendste Kandidaten hierfür sind Schwämme:

    Die genügsamen Wasserbewohner haben keine Organe und keine Nervenzellen, ihre verwesten Strukturen können jedoch in Kalkstein über hunderte Millionen Jahre hinweg erhalten bleiben. Solche Steine fand die Geologin Elizabeth Turner in den Mackenzie Mountains im Nordwesten Kanadas – vor Milliarden von Jahren einmal Meeresboden. Diese Gesteinsproben dürften etwa 890 Millionen Jahre alt sein.

    „Es war in gewisser Weise nicht überraschend, mögliche schwammartige Strukturen in Steinen zu finden, die etwa 890 Millionen Jahre alt sind“, sagt Turner. Die ältesten Schwammfossilien, die man kenne, seien zwar jünger, etwa 530 Millionen Jahre alt, müssten sich aber aus Vorläuferorganismen entwickelt haben. Turners Forschung würde also die Entstehung vielzelligen tierischen Lebens auf der Erden noch weiter nach hinten datieren. Folglich müsste es mehr als eine Milliarde Jahre alt sein.

    Elizabeth Turner nach science.ORF:at

    Dass sie das recht sachlich behaupten kann, liegt auch daran, dass mithilfe des genetischen Verfahrens der sogenannten Molekularen Uhr längst Thesen aufgestellt worden sind, die das vermuten ließen. Mit dieser bildlich gemeinten „Uhr“ kann man die genetische Zeit quasi zurückdrehen und so nachverfolgen, wann sich Arten voneinander trennten und eigene Wege gingen; andersherum also, in etwa wann es gemeinsame Vorfahren gegeben haben muss. Ihre Entdeckung im kanadischen Nirgendwo ist hierfür jedoch der erste paläontologisch-empirische Beleg, wie lange schon Schwämme auf Erden schwammen.

    Doch das wirklich Aufregende an dieser Datierung bloß rund 60% zeitzruück zu bisherigen Befunden ist ein ganz anderer, worauf bei wissenschaft.de eingegangen wird:

    Erstaunlich ist dieser Befund angesichts der Tatsache, dass der Sauerstoffgehalt in der Erdatmosphäre und im Wasser bis vor rund 800 Millionen Jahren so gering war, dass tierisches Leben als beinah unmöglich galt. Von modernen Schwämmen ist zwar bekannt, dass sie auch mit vergleichsweise wenig Sauerstoff auskommen – doch auch für sie hätte der Sauerstoff vor 890 Millionen Jahren wahrscheinlich nicht ausgereicht.

    Turner fand in ihren Proben jedoch einen Hinweis, wie die urzeitlichen Schwämme dennoch überlebt haben könnten: „Der Organismus lebte nur auf, in und unmittelbar neben Riffen, die von kalkbildenden Cyanobakterien aufgebaut wurden, die Photosynthese betrieben“, berichtet sie. „Der gelöste Sauerstoff im Meer war zu dieser Zeit wahrscheinlich gering – außer in der Nähe dieser Mikroorganismen.“ Der Schwamm selbst kam dagegen offenbar ohne Licht aus. „Der wurmförmig-mikrostrukturierte Organismus war nicht in der Lage, mit den riffbildenden Cyanobakterien zu konkurrieren, sondern besetzte stattdessen Nischen, in denen die Kalkmikroben aufgrund von schlechter Beleuchtung oder hoher hydrodynamischer Energie nicht leben konnten“, so die Forscherin. Auf diese Weise nutzte er womöglich die Nachbarschaft der Cyanobakterien aus, ohne ihnen Konkurrenz zu machen.

    wissenschaft.de

    Kollege Urschwamm also ein ingrimmer Schmarotzer, der den diensteifrigen Cyanobakterien nur so den Sauerstoff wegatmete? Urschwamm, der sich den Mikroben nur so aufdrängte wie ein narzisstisches Größenklein, dass ohne das bakteriell einzellige Größenselbst nicht konnte? Bakterien als geburtshelfende Ammen des ach so hochentwickelten tierischen Lebens? Na wo kommen wir denn da hin, wenn sich Urahn Tier nicht aus eigener Kraft aus der Ursuppe entwickelt, sondern Stützräder und Händchenhalten gebraucht hat? Wenn schon der Urschwamm darin versagte, es dank Vielzellerei (Poly-/Metazoa) unbetreut geschafft zu haben, dann ist der Mensch etwa als Emporkömmling des Tierreichs auch bloß ständig umkippender Fahrradanfänger? Auch bloß ökologisch, umweltbedingt gemacht? PFF!

    Urschwämme als Herumdrücker in, auf und an bakteriell beherrschten Nischen, nur dort sie einer ansonsten lebensfeindseligen Umwelt die Schwammstirn bieten konnten. Das heißt dann aber doch auch, …?

    „Wenn die Strukturen als frühe Schwammkörperfossilien akzeptiert werden, würde ihr Alter von ca. 890 Millionen Jahren bedeuten, dass die evolutionäre Entwicklung der vielzelligen Tiere von der Sauerstoffanreicherung im Neoproterozoikum abgekoppelt war“, erklärt Turner. In diesem Fall hätte es die ersten Tiere schon vor den frühen Eiszeiten gegeben, die zwischen 720 und 635 Millionen vorkamen. „Wenn die Befunde stimmen, wurde das frühe tierische Leben von diesen Gletscherepisoden nicht katastrophal beeinflusst“, so Turner.

    wissenschaft.de

    Aber seit wann sind die Workerholics aka Cyanobakterien denn aktiv und bis wann kann man zurückverfolgen, dass sie in noch so kleinen Nischen photosynthese-eifrig ihren Sauerstoff produzierten?

    Erste sauerstoffproduzierende Organismen – die Cyanobakterien – tauchten vor etwa drei Milliarden Jahren auf, doch das von ihnen als Abfallprodukt gebildete O2 oxidierte vorerst noch Eisen- und Schwefelverbindungen und reicherte sich nicht in der Atmosphäre an. Erst als die Konzentration der eisen- und schwefelhaltigen Verbindungen abnahm, konnte sich Sauerstoff zunächst im Ozean und später in der irdischen Gashülle anreichern: Es kam zum „Großen Oxidationsereignis“ vor 2,4 Milliarden Jahren.

    “Frühe sauerstoffreiche Atmosphäre“ auf spektrum.de

    Schon nach einer weiteren Milliarde Jahre – 1,2 Milliarden Jahre vor uns – scheint der Sauerstoffgehalt signifikant angestiegen zu sein, so ein Rückschluss aus einem überraschenden Fund. Schon 2010 haben Forschende…

    […]in uralten Seesedimenten aus dem schottischen Hochland chemische Hinterlassenschaften von Bakterien nachgewiesen, die es zu dieser Zeit noch gar nicht hätte geben dürfen: Die Mikroben hatten Schwefelverbindungen oxidiert, um Energie zu gewinnen – ein Reaktionsweg, der nur möglich war, wenn ausreichend Sauerstoff den damaligen Seegrund durchsetzt hatte. Dies würde aber wiederum bedeuten, dass O2 in der Atmosphäre ebenfalls bereits in ausreichendem Maße vorhanden war, um komplexes Leben zu ermöglichen.

    “Frühe sauerstoffreiche Atmosphäre“ auf spektrum.de

    Die einen Bakterien (Cyanos) als Atzen für die anderen, diese somit auf den Schultern von Zwergen überhaupt nur in die Welt hineinblicken konnten? Nicht Mainzel-, sondern Baktelmännchen, die das Lebenshaus auf Vorderleben gebracht haben? Wenn dem so gewesen war, dann wäre es nicht mehr so überraschend, dass auch schon vor 890 Millionen Jahren für erste ambitionierte Vielzeller Sauerstoff genug zum Ausleben der quicklebendigen Gelüste zur Verfügung stand, womit sich manch Eiszeit überstheen ließ. Eventuell profitierten die mikrobiellen Urschotten Äonen zuvor auch bereits von den bakteriellen Kollegen wie dann der Schwamm, als er die Welt nicht länger atemberaubend vorfinden musste.

    Auf der Suche nach dem leben

    Das Leben, was es genau ist und wo es begann und wie es enden mag, bleibt unklar trotz zutiefster Involviertheit in es als Teil von es. Ein Blick in den Himmel hilft, um sich dem leben fundamentaler zu widmen. Wobei genau genommen nicht in den Himmel geguckt wird, sondern auf den Bildschirm rein Numerischer Exobiologie: dass auf der Suche nach Exoleben stets nach planetarem Wasser als Urquell fürs Leben Ausschau gehalten wird, ist schon blogkundig geworden. Doch ist Wasser noch kein Leben, nur eine Voraussetzung, menschlicher Meinung nach eine notwendige. Daher viel elementarer geblickt, ab wann und bei was denn der „Lebessensor“ anzuschlagen, worauf man ihn feinzujustieren hat. In einem Astrobiology-Essay nach spektrum.de sinnierte man darüber, was eine „universelle Signatur für Leben“ sein könnte. Ausgangspunkt hierfür eine 1994 von der NASA aufgestellte – sehr breit und weit gefasste – Nominaldefinition: Leben sei ein „sich selbst unterhaltendes chemisches System, das zu einer Evolution im Sinne Darwins im Stande ist“ (Im Originalwortlaut: „… a self-sustaining system capable of Darwinian evolution“). Handlich… Und wer hat nicht stets alle evolutionstheoretischen Aspekte Darwins im Sinn?

    Die sich anschließende Idee ist nun, dass sich evolutionäres Leben „verrät“, seine Anwesenheit buchstäblich ausdrückt hinein in die Welt:

    In jedem evolvierenden System […] würden sich die relativen Häufigkeiten der Bausteine gegenüber dem unbelebten Normalfall verschieben: Während bei der zufälligen, abiotischen Synthese beispielsweise von Aminosäuren die Reaktionskinetik entscheidend ist – einfacher zu erzeugende Moleküle liegen in größeren Mengen vor –, würden in Proben aus belebten Substraten bestimmte Bestandteile häufiger oder seltener auftreten als erwartet.

    Grund dafür sei die Evolution: Sie bevorzuge Bausteine, die sich als förderlich erweisen, und entferne oder unterdrücke nachteilige. Zu welcher Kategorie eine gegebene Substanz gehört, braucht der Forscher dabei nicht zu wissen. Entscheidend ist allein, dass es in der Häufigkeitsverteilung der mutmaßlichen Grundbausteine Unregelmäßigkeiten gibt.

    Jan Dönges in spektrum.de

    Auf den Begriff gebracht: „Monomer Abundance Distribution Biosignature“ (zu deutsch: Biosignatur der Häufigkeitsverteilung von Monomeren). Und weil es an realen Beispielen mangelt trotz einiger Kandidaten im Sonnensystem, zogen sich die Nerds schmollen an ihre Computer zurück und modellierten das Ganze, um das Prinzip auf Tauglichkeit zu prüfen. …, nachdem sie doch zunächst auf Erden abklopften, ob ihre Häufigkeitshypothese in Sedimenten zutrifft: ja. Und sodann auch im numerischen Modell:

    Tatsächlich zeigte sich auch hier ein ähnlicher Befund wie bei den Sedimenten: Obwohl alle Befehle mit gleicher Wahrscheinlichkeit durch Mutation in das Genom geraten, waren selbst nach zig Generationen neutrale Anweisungen überdurchschnittlich häufig vertreten. Befehle, die an bestimmten Schlüsselstellen des Kopiervorgangs eingreifen, tauchten hingegen extrem selten auf.

    Den Vorteil ihrer Biosignatur sehen Dorn und Adami darin, dass eine grobe Vorstellung von den Grundbausteinen einer außerirdischen Lebensform genügt, um den Test durchzuführen. Es fehlt dann nur noch die abiotische Vergleichsprobe, um den Stempel der Evolution zu entdecken – zumindest in der Theorie, denn wie die Forscher selbst eingestehen, könnten auch gänzlich profane Prozesse das Ergebnis verfälschen.

    Ebenda

    Auf auffällige Häufigkeitsanballungen zu setzen, scheint jedoch nur richtig gut zu helfen, wenn man nicht von Leben umzingelt ist und vor häufigkeitslauter Leben das Leben übersieht. Oder beginnt, auszuschließen, was dazugehören soll und was draußen zu bleiben hat. So wird immer wieder am Baum des Lebens gerüttelt und infragegestellt, ob Viren nun zum Leben gehören oder ob Leben erst mikrobiotisch mit Bakterien beginnt. Die nennenswerte Häufigkeit von Viren (auch nur einer Art) scheint seit anderthalb Jahren mehr als belegt…

    Überhaupt den Tatort ausfindig zu machen, um den oder eher die Ankläger – schuldig am Leben! – schlussendlich überführen zu können, ist eine biokriminalistische Kunst für sich. So war wohl am Anfang der Schlamm; weniger aus dem heraus das vielköpfige Ungeheuer Leben sich empormühte, sondern in dem es hexenküchengleich passiert ist:

    Das Leben begann möglicherweise damit, dass Luftbläschen durch tonhaltigen Schlamm blubberten. Dabei können nämlich stabile, kugelförmige Hüllen aus Tonmineralien entstehen, die alle Voraussetzungen für die Bildung primitiver Zellen erfüllen: Sie sind stabil, besitzen Poren, die unter anderem Bausteine für potenzielle Biomoleküle ins Innere lassen, und können sogar die Reaktionen zwischen solchen Bausteinen katalysieren. […] Haben sich im Inneren der Kügelchen dann erst einmal größere Moleküle aus den einzelnen Bausteinen gebildet, können diese nicht mehr hinaus. Es handelt sich demnach um ein natürliches Sortiersystem, das vor allem solche Moleküle festhält, die zur Selbstorganisation neigen – und damit die optimalen Voraussetzung für die Bildung von Biomolekülen erfüllen…

    Wissenschaft.de

    Und was belebte sich inmitten des Tons, aus dem auf gewisse Weise Gott also wirklich Adam, der zum Glück kein Mensch war, geformt hat? Irgendwann entstieg ihm auf alle Fälle ein Pilz:

    Pilze sind die zweitgrößte Organismengruppe und eine der ältesten Lebensformen unseres Planeten. Genvergleiche legen nahe, dass die ersten Pilze schon vor mindestens 1,5 Milliarden Jahren entstanden. Die bisher ältesten eindeutig als Pilz erkennbaren Fossilien stammen aus der Zeit vor rund 800 Millionen Jahren. Diese fädigen Ur-Pilze lebten wahrscheinlich am Rand einer urzeitlichen Küstenlagune und könnten daher schon erste Anpassungen an zeitweiliges Trockenfallen ihres Lebensraums besessen haben.

    scinexx

    In fädiger Detailarbeit hat man nun, schwer zu interpretieren, mutmaßliche Pilzfäden an Land von vor 635 Millionen Jahren ausfindig gemacht. Das wären weit über 200 Millionen Jahre früher als bisher bekannt, wäre das älteste Landfossil und wäre ein verstehender Quantensprung bei der Inlandnahme durch das Leben:

    Das könnte bedeuten, dass die Pilze lange vor den ersten mehrzelligen Pflanzen die urzeitlichen Landmassen eroberten. „Zusammen mit anderen terrestrischen Mikroorganismen wie Cyanobakterien und Grünalgen könnten diese pilzähnlichen Organismen ein erstes einfaches Landökosystem gebildet haben“, erklären die Wissenschaftler. Dann hätten diese Pilze eine wichtige Rolle auch für die geobiochemischen Stoffkreisläufe jener Zeit gespielt, indem sie die chemische Verwitterung von Gestein förderten und so zur mineralischen Bindung von Kohlendioxid, aber auch zum Transport von Nährstoffen ins Meer beitrugen.

    Scienexx ebenda

    Nicht ganz abwegig, dass vor 635 Millionen Jahren derlei in die Wege geleitet worden ist, denn für die Zeit von vor 450 Millionen Jahren ist es als vortrefflich gelingende Symbiose belegt:

    Eine „Freundschaft“ bildete offenbar die Grundlage der grünen Revolution auf unserem Planeten: Forscher präsentieren neue Hinweise darauf, dass die pflanzliche Besiedlung des Landes vor rund 450 Millionen Jahren durch eine symbiotische Beziehung mit Pilzen möglich wurde. Sie konnten zeigen, dass sogar die simplen Lebermoose – die als lebende Fossilien gelten – ihren Pilzpartnern Lipide als „Handelsgut“ anbieten – ähnlich wie die hochentwickelten Pflanzenarten. Bei Algen gibt es die entsprechende Lipid-Biosynthese hingegen nicht. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass dieses System auf die Zeit zurückgeht, als die ersten Gewächse mit der Unterstützung ihrer Pilzpartner das Land ergrünen ließen.

    Zitiert nach wissenschaft.de

    Doch der Landgang war ein Fehler, die Ozeane hätte man nie verlassen dürfen. Daher vom Lande zurück ins Wasser, dorthin wo der letzte gemeinsame Vorfahr von unsereins und den guten Seeigeln residierte, „ein wahres Höllenwesen“, also ein wahrer Urmensch, ein Winzling von 1,3 Millimetern, Saccorhytus coronarius. Allerdings hauste Sacco vor 540 Millionen Jahren, also ebenfalls inmitten des frühen Kambriums, das vor 545 Millionen Jahren begann und 505 Millionen Jahre vor unserer Zeit endete. Damit ist Sacco ein Zeitzeuge der Kambrischen (Arten)Explosion, in die es proaktiv involviert gewesen war und dem Leben den entscheidenden Schub zur Unendlichen Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination verlieh.

    In diese Zeit bzw. kaum erwähnenswert wenige Millionen Jahre zuvor, am Ende des Präkambriums, kam es zu zweierlei, das sich bedingte und wohl nur hierdurch das vielzellige Leben so artenexplodieren konnte: Sauerstoffanstieg und das HIF-System (idw-online) Erforscht anhand von Trichoplax adhaerens, die „anhaftende haarige Platte“:

    Wir gehen davon aus, dass vor 550 Millionen Jahren die ersten komplexeren tierischen Lebewesen entstanden sind, zur gleichen Zeit stieg der Gehalt des atmosphärischen Sauerstoffs auf dem Planeten stark an, von drei Prozent auf sein heutiges Niveau von 21 Prozent.

    Für jeden Vielzelligen Organismus ist es lebenswichtig, dass jede Zelle ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Dabei sind Vielzeller stärker gefordert als einzellige Organismen. Viellzellig zu sein, bedeutet, dass der Sauerstoff auch zu Zellen gelangen muss, die sich nicht an der Oberfläche des Organismus befinden. „Wir denken, das dies der Motor war, der die Vorfahren von Trichoplax adhaerens dazu trieb, ein System zu entwickeln, das einen Mangel an Sauerstoff in jeder Zelle misst und in der Lage ist, darauf zu reagieren“.

    Bernd Schierwater sowie Chris Schofield laut idw-online

    Die Frage ist aber, wie die jungkambrischen Vielzeller mit dem Sauerstoff umzugehen verstanden, wenn man auf einmal bis zu einem Siebenfachen des millionen Jahre lang eingeübten Niveaus klarzukommen hatte.

    Die Studie zeigt, wie Menschen in ihren Zellen Sauerstoff messen und wie der Sauerstoffgehalt die frühen Phasen der Evolution der Tiere beeinflusst hat. Das in Trichoplax entdeckte HIF-System (hypoxia induced factor system) ist ein effektives Werkzeug, um sich gegen Sauerstoffstress zu schützen. Ein Werkzeug, das vermutlich von allen Tieren beibehalten wurde. Das HIF-System wird aktiv, wenn Tiere in Sauerstoffstress geraten. Die Wissenschaftler glauben, dass die Methode existiert, seit die ersten Tiere vor rund 550 Millionen Jahren entstanden sind. Diese ersten Tiere sind Verwandte von Trichoplax adhaerens, einem einfach strukturierten Organismus ohne Organe, der nur fünf verschiedene Zellarten ausbildet.

    idw-online

    Auch du bist Trichoplax! Ein zu guter Anlass und Grund, mit hochgeschätzten Wolfgang Welsch uns Menschen jenseits eines anthropischen Prinzips zu verorten, nämlich vielmehr als zutiefst evolutionär gewordensein!

    <2>Ob Schwämme oder Quallen – Hauptsache Leben

    Nochmal zurück zu den Schwämmen, die nach neuester Befundlage der Tiere Kern, Urgrund tierischen Seins gewesen sein könnten. Was wäre daran denn jetzt so umwerfend? Und was macht sie denn schon zu Tieren? Allein der Umstand, mehr als eine Zelle mit sich herumzutragen? Zellen im Plural, die jedoch weder Organe, Nerven noch Muskeln ausgebildet haben! Laut der Nature-Studie von 2010: “The Amphimedon queenslandicagenome and the evolution of animal complexity” ist anhand proteincodierender Sequenzabschnitte augenfällig:

    Die Ähnlichkeit zwischen dem Schwamm-Genom und dem komplexerer Tiere war unerwartet groß, schreiben die Wissenschaftler. Insgesamt fanden sie mehr als 18.000 einzelne Gene, aus denen das Erbgut aufgebaut ist. So sei etwa der gesamte genetische Basis-Werkzeugkasten bereits vorhanden: Die Schwämme besitzen Gene, um den Zellzyklus zu kontrollieren, das Zellwachstum zu steuern und den Tod von Zellen zu überwachen sowie Gene für die Spezialisierung von Keimzellen, das Anheften der Zellen aneinander und für die Verteidigung und das Erkennen von fremden Eiweißstrukturen.

    Spiegel Online

    Und nochmal ausdrücklich: diese 18.000 betrachteten Gene sind nur solche, die nicht zur immer noch sogenannten Junk-DNA gehören. Die einfach außen vor zu lassen, ist ihrer evolutionären sowie innerkörperlich regulativen Wirkmächtigkeit wegen eigentlich kein wissenschaftlicher Status quo mehr. Und dennoch:

    All das deute darauf hin, dass der Übergang vom Ein- zum Mehrzeller die Entwicklung von Mechanismen erfordert habe, mit denen sich Zellteilung, -wachstum und -spezialisierung koordinieren ließen – und dass bereits der gemeinsame Vorfahr der Tiere über diese Mechanismen verfügte, sagen die Forscher. „Aus dem Erbgut der Schwämme können wir ablesen, was Mehrzeller brauchten, um solche zu werden“, sagt Forscher Srivastava. Die Frage sei nun, welche Funktion die Gene hatten, bevor es Schwämme überhaupt gab.

    Erneut Spiegel-Online

    Wenden wir uns abschließend noch einem Herausforderer des Schwamms zu, (generisch) der um den Status des Urtiers konkurriert: die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi, auch Meerwalnuss gerufen. Auch die ist unter die genetische Lupe gelegt worden:

    Der Vergleich mit dem Erbgut anderer Tiere verdeutlichte, dass die Rippenquallen einen ganz eigenen Zweig in der Evolution darstellt, der sich noch vor den Schwämmen von allen anderen Tierstämmen trennte. Sie stellen also die urtümlichste Abzweigung am Tierstammbaum dar.

    Die Wissenschaftler vom Meerwalnuss-Genomprojekt schließen aus ihren Resultaten, dass wohl bereits ganz am Anfang der tierischen Evolution der Bauplan für die Ausbildung eines Nervensystems vorlag, die Natur es aber in einigen Fällen wie bei den Schwämmen vorzog, im Lauf der Zeit wieder auf simplere Konstruktionen zu setzen. Die Vorstellung einer linearen Evolution, die sich stets vom Einfachen hin zum Komplexeren entwickelt, muss ad acta gelegt werden.

    “Am Anfang waren die Gallertartigen“ von Andrea Naica-Noebell

    So langsam wird es unübersichtlich. Demnach scheinen die Quallen den Schwämmen vorausgegangen, dennoch nicht das Urtier gewesen zu sein. Und Schwämme demnach „nur noch“ Abzweigler vom bereits bequallten Lebensweg mit veranlagtem Nervensystem, auf das Schwämme doch nochmal testweise verzichtet haben. Jetzt sei aber verraten: diese Studie über die Quallenherkunft stammt aus 2013, während Elizabeth Turners Befundung aktuell ist und schlicht empirisch aufzeigt, was einst – vor 890 Millionen Jahren – tierisch gewesen ist. Sprich, es ist immer einzupreisen, von wann der jeweilige Kenntnisstand ist und ob Labor- oder Feldbefunde vorliegen.

    Faszination leben

    Hier soll – für heute – die Reise enden. Das Leben lebt und ist nur manchmal an die Lebenden verschwendet. Nämlich leider dann immer, wenn solche Experimentatoren wie beispielhaft gewisser Bolsonaro in realitätsverweigertem Eskapismus am Lebensdasein mutwillig Massenmord begeht. Wenn es nur er wäre… Es bräuchte mehr, deren haltung ist:

    Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will

    Das unendlich Faszinierende ist in jedem Fall, wie sehr sich dieses oder jenes Leben gegenseitig stützte, dazu verhalf, zu leben: Cyanobakterien, die mit ihrem photosynthetischen Nebenprodukt erst Schwefelbakterien den Weg bahnten; diese als Anzeiger für so viel Sauerstoff dienen, dass eventuell bis 1,2 Milliarden Jahre zurück eine vielzellige Evolution von Schwämmen denkbar wird; deren Existenznachweis nun immerhin schon bis 890 Millionen jahre zurückweist. Die wiederum aber vielleicht doch nur eine Nebenlinie bilden, u.a. nervenlos, wohingegen die Quallen da wegweisender gewesen sein mögen.

    Hinzu die stete Frage, was als Leben eingepreist wird. Das Gros der Forschenden scheint sich (übermäßig) auf tierisches Leben zu versteifen und das auch erst so richtig in der Zeit der Kambrischen Artenexplosion anzusiedeln. Vereinzelte Eremiten in der Zeit sind dem vorausgegangen, doch ohne anständige 21% Sauerstoff wie in unseren hochtrabenden Zeiten taugte das noch nicht – was eine fehlgehende Vorannahme sein mag. Gerade deshalb, um Verwirrung zu stiften, habe ich den möglichen ländlichen Urpilz eingereiht, um die übliche Dichotomie aus Pflanzen (Flora) und Tiere (Fauna) aufzubrechen. Denn es gibt und hat gutmöglich länger als Pflanze und Getier schon Pilze gegeben, die dem Grünzeug vermutlich erst den Weg an Land bahnten, die Welt buchstäblich auflockerten. Ohne die Pilze hätte sonst niemand erfolgreich das Wasser verlassen können, sondern wäre elendig an Land verreckt. Und die Vorarbeiten über Jahrmilliarden durch die Mikroben, erst durch sie der Steinboden, hiernach die Atmosphäre zunehmend mit Sauerstoff angereichert wurde, wodurch sich sauerstoffaffin Neues ausbreiten konnte. Und inwieweit soll man (zumindest Riesen)Viren hinzuzählen, die über keine eigene Zelle verfügen, sondern nur eine Ansammlung von DNA oder gar bloß RNA sind. Viren, die sich zumindest als Retroviren bis in die DNA ihrer Wirte einschreiben und dort verewigen können. Reicht das schon? Alleine freilich nicht, aber wer ist schon so irre, sich unökologisch ein Leben isoliert vom Rest des Leben vorzustellen? Achja: Der Mensch! Fachausdruck hierfür – Obacht: Autopoiesis =Altgriechisch für Selbsterschaffung. Sich selbst erschaffen? Das ist doch reichlich schräg. Denn, um es fachausdrücklich noch weiter zu treiben: die Suche nach dem Urleben, dem allerersten Lebewesen auf Erden ist kausalitätsgetrieben verständlich, dorthin aber bis zu einer lebensurquellenden Singularität zu gelangen, ist meines Erachtens eine bloße Annahme, die es zu bestätigen gilt oder auch nicht. Warum sollte sich auf einer riesigen Erde, in diesem oder jenem Ton, dieser oder jener Heißen Quelle nicht parallel, und konvergent gleichzeitig Leben im Plural entstanden sein? Da und dort, ein eher so sowie ein eher anders geartetes Leben, das sich irgendwann traf und beschloss, ein gemeinsames Ökosystem auszubilden. Geteiltes Leid ist halbes Leid! Und wenn das rein zufällig passiert sein mag, als sich zwei Bakterien – nennen wir sie Cyano und Sulfado – trafen und es zu einem Gentransfer zwischen Einzellern kam, die sich sonst nur austauschlos vervielfältigen, so dann aber doch eine lebendige Dritte Macht schufen. Sonst ganz tabuverschämt Inzest vermeiden, um ihn singulär für das Leben zu postulieren – nunja.

    Um es mit der Perry Rhodan-Serie, der weltweit längsten und größten und umfangreichsten SF-Serie, auszudrücken, wobei anstelle der sog. Hohen Mächte (Ordnung und Chaos), wie sie sich nur zu gerne selber sehen und rufen lassen, per Copy-and-Paste der Homo sapiens und anstelle des Kosmos die Erde einzufügen wäre:

    [Wir] … wissen, dass das Universum längst nicht mehr von Ordnung und Chaos beherrscht wird, wie es in der Frühzeit der Schöpfung war. Sondern wir rechnen aus statistischer Sicht das Leben an sich längst hinzu. In seiner natürlichen Vielfalt, mit der Fähigkeit, jede noch so kleine Nische zu besetzen. Wir betrachten im Spiel der Mächte das Leben als dritte Kraft. Richtungslos, niemals übergreifend organisiert, amorph.

    Nur 21% aller Eingriffe innerhalb der Reichweite der Statistiker gehen auf die Kosmokraten zurück, für 16% aller Eingriffe sind die Chaotarchen verantwortlich. Nach den Beobachtungen der Pangalaktischen Statistiker gehen 63% aller Eingriffe in die kosmische Struktur des Universums von unabhängigen Mächten aus.

    Perrypedia zum Leben an sich

    Aber auch diesseits unserer Realität, wo Mensch sich als chaotischste Ordnung inszeniert, gibt das Leben den Takt auf Gaia vor, woran die Zwischenphase Anthropozän nichts ändern wird. Das Leben fand und findet seinen Weg und überwindet, ja besiegt am Ende nicht nur in Jurassic Park den Menschen! Life gotes on and ever on!

    EDIT (vom02.08.2021): Vier Wortverdrehtippfehler korrigiert, darunter am Peinlichsten: Mannigkaltigkeit statt korrekt natürlich Mannigfaltigkeit. Spock verzeihe!

    STANISLAW LEM – Der futurologische Kongress beginnt

    Hallo Mitwelt

    Nur in relativer Flugsheit, während der regulär nächste Beitrag vor sich hingärt und gedeihlich wächst: als ich jüngst die Propheten der Science Fiction als exzellenten ZDFinfo-Doku-Achtteiler von einem gewissen Ridley Scott dringend anempfahl, gab ich die Vermisstenanzeige zu Stanislaw Lem auf. Der fehlte nämlich ganz und gar, galt Sir Scott nicht als science fictionaler Prophet, was ich anmahnte. Ich hoffte allerdings auf Dokus und Ähnliches angesichts von Lems 100. Geburtstag, der dieses Jahr ansteht. Leider ohne ihn, der am 26.03.2006 mit 85 Jahren verstorben ist.

    Angesagt oder schon erschienen sind in jedem Falle mehrere Bücher, darunter mit

    • Stanislaw Lem – Leben in der Zukunft die meines Wissens erste deutschsprachige Biografie, hier in der Kurzrezension bei SWR2 lesenswert;
    • mit Kosmos Stanislaw Lem ein wissenschaftlicher Sammelband ihm zu Ehren,
    • mit Best of Lem bei Suhrkamp (wo Lem veröffentlicht wird) ein Viewover seines Schaffens,
    • aber auch Die große Hörspiel-Box (8 CDs, 473Minuten Spielzeit). Zur WDR3-Buchkritik.

    Für Lemolog*innen also eine reichhaltige Zeit des (Wieder)Entdeckens von Lem in all seiner Vielschichtigkeit, eben gerade weil er nicht nur „Science Fiction“-Autor gewesen war und sein wollte!

    Erwähnenswert auch noch die ARD-Doku: Utopia in Babelsberg – Science Fiction aus der DDR (via Mediathekviewweb), wo die Handvoll Science Fiction-Filme, die freilich so nicht genannt worden sind, gezeigt werden, die im berühmten Filmstudio gedreht wurden. Darunter auch auf Vorlage von Lems Roman Der Planet des Todes der Film Der schweigende Stern (leider aus Mediathek gerutscht).

    Lange Rede, nun entscheidender Verweis: Eine erste Doku gibt es!!! Die aber zum Anhören. Heute am 30.07.2021 online gegangen, geht es um das WDR3-Kulturfeature Baustelle Kosmos – Die phantastischen Konstruktionen des Stanislaw Lem (53,21m, bis zum 30.07.2022 abrufbar).

    Mit kühnen Ideen die Evolution überlisten – in seinem Werk nimmt Stanislaw Lem auf verblüffende Weise den technischen Fortschritt vorweg.

    So in aller präsentablen Kürze deren- und meinerseits. ANHÖREN! MAKE IT SO!

    EDIT vom 04.08.2021: Link zur SWR2 lesenswert-Rezension hinzugefügt
    EDIT vom 07.08.2021: Link der WDR3-Buchkritik zur Großen Hörspiel-Box hinzugefügt

    Japanerinnen

    Hallo Mitwelt.

    Heute wird erneut recycelt. Doch stehen heute keine mythisch verklärten Herkünfte von Großreichen oder ein andersweltliches Schicksal an, auch kein stets bemühter Erstversuch einer bestimmten Arbeitsform. Pünktlich zu dem Olympischen Spielen in Japan geht die Reise nach ebendort hin – ins Land der Aufgehenden Sonne, wie Nippon sich gerne mythifizieren lässt. Passend zum zuschauerlosen Event in pandemischen Zeiten, das keiner haben will, gibt es manch sehenswerte, gutgemachte Doku (via mediathekviewweb). Damit kann ich freilich nicht dienen, kann aber aus der Biografie eine studentische Hausarbeit ans Licht des Blogs hervorziehen. Es könnte die siebte ihrer Art gewesen sein, die dritte gemasterte und inhaltlich die dritte zu und über Japan. Eine dieser Themenausrichtung war vorangegangen, ein Triumvirat folgte. Das wurde buchstäblich hintereinander weggeschrieben, hausarbeitliche Wochen noch und nöcher. Als ich mittags die Endkorrektur für die dritte des Trios abschloss, um auszudrucken, war die Benotung der ersten Hausarbeit eingetroffen und floss quasi noch in letzte Handgreiflichkeiten ein… Die zweite, die nun hier vorliegt, war da längst auch schon raus und würde noch Wochen gebraucht haben, bis verspätet die Note hierzu einging.

    Warum nicht in korrekter Reihenfolge veröffentlichen? Tja, Erbsünde. Der arm(selig)e Student meinte, sie teilweise bei einem dieser Portale einstellen zu müssen, wofür man dort Geld erhielt (und weiterhin erhalten würde). Damit gingen auch wirrsterweise Rechte am Eigenen flöten – Irrsinn. Daher sind nicht alle einfach so hier einzustellen. Selbst Schuld – und nicht mal Reihbach gemacht. Davon ab ist das Thema – sperrig formuliert, wie es sich studentisch gehört – allemal relevant und interessant. Ob auch gut lesbar…

    Zu Risiken und Nebenwirkungen: Aufmerksame LeserInnen dieses Blogs werden wissen, dass hier nicht getweetet wird, dass Kürze gewiss und sicherlich seine Würze haben mag, hier aber andere Kräuter ans Gericht kommen. Auch das jungerego des Bloggers neigte schon zum Längeren und ist stets ein Freund von Kommata gewesen. Hinzu kommt jedoch, dass der Hausarbeitsautor inbrünstig, inständig und aus vollstem Herzen FORMALIA UND VOR ALLEM BLOCKSATZ HASST! Ein steter heroischer Kampf, ein titanisches Ringen um Wort für Wort, Buchstabe um Buchstabe. Jeder und jedes konnte einer/eines zu viel sein und blocksatzteuflisch ganze Absätze verrücken und das Layout einer fußbenoteten Seite ins zutiefste Unglück stürzen. Und das Gemüt des Studierenden gleich hoffnungslos hinterher in Dantes Höllenschlund hinein. Nebenfolge des formalistischen Zwanges war eine Suche nach ewiger Kompression, eine ständige Formulierungskomprimierung, ein Hinauskürzen des Abspeckbaren, eine verbale Verknappung, wie keine/r je spräche. Eben deshalb mag es sein, könnte es vorkommen, dass bisweilen manch Satz langgezogen wurde, um so neubeginnende Satzkonstruktionen einzusparen oder/und eine informationelle Verdichtung stattfand, die lektürische Aufmerksamkeit rigoros abverlangt O_o. Das ist keine Schmökerlektüre, was bitter für die meines Erachtens echt interessanten Inhalte ist.

    Die Aufbereitung: Eine Höllentour für sich. Naiv, wie der Bloggernewbie nunmal ist, nahm er an, man könnte doch einfach … LOL Alte docx-Datei als html abspeichern und den Quellcode lockerflockig bei WordPress reinkopieren – zack! Ja, zack durchaus, aber in ein Pandaemonium des Zeichengrauens. Also falls Microsoft Word mit KI arbeitet, dann ist die echt noch dumm. Zwar zählt formal HTML nicht einmal zu den Programmiersprachen, aber Mensch kann es sich ja für den Anfang mal einbilden. DANN jedoch kann Word echt nicht zeichensprarsam programmieren, sondern codiert in einem endlosen Wust, dass aus keinen 30 Ausdruck-Seiten inklusive aller Anhänge so viele Dutzende geworden sind – schrecklich. Naja, ach komm, greifste dir halt ab, was du HTML-codiert verstehst (wenig also) und baust darum herum das dir Mögliche. Vergiss es! Gutmöglich, dass folgende Präsentation der Hausarbeit in online digital noch das ein oder andere Update brauchen wird, bis es anzeig- und so erst lesbar geworden sein wird. Tipps und Tricks für Dummies gerne kommentieren., derer bedarf es reichlichst!

    Angepasst musste vieles werden, damit es – bestenfalls – nun lesbar ist. So packte ich die Internetverweise in schnittige Links, die ich jedoch auf Klickbarkeit nicht nochmal durchprüfte – ggf. gehen welche inzwischen ins Nirvana. Ansonsten geht es textlich und inhaltlich unverändert online. Daher fehlt an einer Stelle im LitVZ das Datum der Lektüre (Wer es findet!) und musste ich trotz so vieler einstmaliger Korrekturdurchgänge noch da und dort Fehler finden. Hoffentlich nur Kleinigkeiten exzessiver Flüchtigkeit. Zum Glück keine Doktorarbeit…

    Trotzdem nundenn zum Eigentlichen, der Hausarbeit mit diesem Thema, wozu Eindrücke und Einsichten gerne gelesen wären:

    Geschlechterverhältnisse in Beruf und Bildung – zum Status der Individualisierungsprozesse im Lebenszusammenhang japanischer Frauen

    Inhaltsverzeichnis

    1. Einleitung

    Als einen „der Meilensteine der Diskussion um die Bedeutung von Geschlecht in der „modernen Gesellschaft“ wurde Elisabeth Beck-Gernsheims 1983 erschienener Aufsatz „Vom ‚Dasein für andere‘ zum Anspruch auf ein Stück ‚eigenes Leben‘“ bezeichnet, in dem der Vergleich der Lebenslagen von Frauen diachron über Generationen hinweg mit Blick auf Bildung, Beruf sowie Sexualität und Partnerbeziehung empirisch erfolgt: Demnach sind Frauen Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten ausgesetzt, die deren Individualisierungsschub „sehr unterschiedlich zu dem der Männer ablaufen und immer wieder prekär werden lassen.“ (Wilz 2009: S. 9), dass nach mehreren „Frauengenerationen im Wandel […] die unauffälligen Alltagsveränderungen der weiblichen Normalbiographie“ den erreichten Zustand als ein „Nicht-mehr“
    sowie „Noch-nicht“ ambivalent beschreiben lassen (Beck-Gernsheim 2009: S. 15f.).
    Hieran schließt 20 Jahre später Karin Jurczyk an, um die
    „Geschlechterverhältnisse in Familie und Erwerb“ in der „Arena Familienarbeit / Erwerbsarbeit“ als „widersprüchliche Modernisierungen“ zu analysieren, da jene primär von Frauen ausgeübt und unentgeltlich als ‚unwert‘, diese primär von Männern ausgeübt und entlohnt als ‚wertvoll‘ aufgefasst wird, was durch neue „Formen der Entgrenzung von Arbeit“ inter- und intrageschlechtliche Ungleichheiten fortführt,
    sich annähern sowie neu entstehen lässt (Jurczyk 2009).

    Diesen und weiteren Arbeiten (vgl. Kursbeiträge des Moduls) der Frauen- und
    Geschlechterforschung ist jedoch im- oder explizit zu eigen, sich nur auf Deutschland oder Europa/die USA zu beziehen und so einen zwangsweise eurozentrischen Tunnelblick einzunehmen und einer mentalen Schollenbindung wie einem „Container-Modell“ eines Methodologischen Nationalismus zu erliegen, wo
    eine „Gleichsetzung von Staatsgrenzen und Relevanzgrenzen“ erfolgt (Beck 2008: S. 301) und den Horizont des Beobachtbaren durch Blinde Flecke verkürzt.

    Diese Arbeit möchte daher den Blick weiten und mit Japan beispielhaft ein Land in den Mittelpunkt stellen, deren Bevölkerung mit Buddhismus und Konfuzianismus statt Christentum
    und Aufklärung (Coulmas 2013: S. 105-150) historisch mit anderen Werten sozialisiert wurde und „am Rande der Welt“ als „Raumschiff Japan“ (Matsubara 1998) räumlich wie oftmals auch sozial ‚eigen‘ blieb, dessen „Longue durée“ im Sinne Fernand Braudels aufgrund derart anderer Bedingungen verschiedenartige
    soziokulturelle Verhältnisse geprägt hat. Wie es – im Vergleich zu hiesiger –
    um die „Individualisierungsprozesse im Lebenszusammenhang japanischer Frauen“ in so einer – zugespitzt – ‚soziokulturellen Ferne‘ steht, ist die Leitfrage vorliegender Arbeit. Einer Antwort soll sich mit einer mehrschichtigen Perspektive genähert werden: Im Fokus stehen Bildung und Beruf japanischer Frauen, die als weibliche
    Handlungsräume jedoch nur aus dem Verständnis der Familienstrukturen heraus begreifbar werden, an die sie mehr noch als Frauen in den übrigen Industrieländern ideell und mental als Haus- und Ehefrau gebunden sind. Dies herauszuarbeiten, erfolgt sowohl diachron, um den Status japanischer Frauen
    ‚durch die Zeiten‘ und die stattgefundene und –findende Genese erfassen zu
    können, als auch insofern synchron, als dass der jeweilige Zeitabschnitt in die
    umfassenderen androgen-patriarchal soziokulturellen Verhältnisse eingebettet
    wird, um so weibliches Handeln aus dem zeitlichen Lebenszusammenhang heraus zu
    begreifen. In dem Sinne ist die Arbeit dann auch aufgebaut, dass Kap. 2 zurückblickt
    in die sog. „Edo“-Zeit fast 260jähriger totaler Abschließung Japans gegenüber
    der Welt, während der sich lebenspraktisch und ideell viele Verhältnisse
    etablierten, die sich im Verlauf folgender exogen erzwungener Öffnung und
    ‚Aussetzung‘ des Landes in den sich verschärfenden westlichen Imperialismus,
    den Japan bis zum Pazifischen Krieg ‚gekonnt‘ übernahm, festigten (die Frauen
    als ryósai kenbo, „gute Ehefrauen und weise Mütter“). Nach der Kriegsniederlage
    und exogener sozialer Neuordnung gelangte Japan vom besiegten Feindstaat unter
    US-Administration 1968 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt und zum
    größten Konkurrenten der USA (Kap. 3). Wie die zunehmend gebildeten und
    beruflich tätigen Frauen bloß als „Gastarbeiterinnen im eigenen Land“ (Weber
    1990: S. 105) die „unsichtbare weibliche Seite des japanischen Aufstiegs“ (Lenz
    1993) blieben, wo sie „hinter der ‚Front‘ der japanischen Weltmarktoffensive
    die Männer und Betriebe entlaste[te]n“ (Lenz 1990: S. 88), ist aufzuklären.
    Erst durch eine platzende Bubble Economy Anfang der 1990er Jahre nahm die
    eingleisig anmutende Prosperität abrupt ein Ende und führte zu soziostrukturellen
    Umbrüchen auf dem bis dahin sicher geglaubten Arbeitsmarkt, dass sich diese
    neue Unordnung einer bis dahin homogen gedachten Mittelschichtgesellschaft bis
    in die Familien hinein auswirkte und sich in einem verstärkenden
    Individualisierungsprozess bisherige Gewissheiten für die Männer als „Ernährer“
    und Frauen als „Hausfrauen“ verflüssigten (Kap. 4). Kap. 5 zieht den Vergleich
    zwischen den zuvor dargelegten Lebenslagen japanischer und von Beck-Gernsheim
    und Jurczyk insbes. deutscher Frauen, inwieweit sich deren
    Individualisierungsbestrebungen und errungene Lebenslagen ähneln. Wie sehr von
    einer „varity of individualization“, quasi einer weiblichen „Individualisierung
    auf Japanisch“ (Beck/Beck-Gernsheim 2010) zu sprechen und welcher Status weiblicher
    Individualisierung in Japan heutzutage zu konstatieren ist, resümiert final das
    Fazit in Kap. 6.

    2. Blick zurück – Die historische Genese seit 1603 bis 1945


    Noch bis Ende des 16. Jahrhunderts waren in Japan die
    Ausläufer einer matrilinearen Gesellschaft (bokei shakai) zu erkennen, die
    folgend aber von einer „extremen Männerherrschaft“ (danseishijó-shakai) abgelöst wurde
    [1], die sich in den Verhältnissen zur Zeit fast 260jähriger Abschließung Japans gegenüber der Welt (sakoku[2], 1603-1868) ausformte und die japanischen zu den „unterwürfigsten Frauen der Welt“ (sekaiichi jújunna onna) werden ließ, für die „selbstlose Hingabe“ als
    Ehe- und Hausfrau die höchste Tugend war (mushi no kenshin) (Imai 1991b).
    Geistiger Quell hierfür war v.a. der aus China importierte (Neo-)Konfuzianismus[3] und dessen
    Werte einer kosmisch legitimierten Familienstruktur: „Die große Bedeutung, die
    hierarchischen Beziehungen, Loyalität und Pietät beigemessen wird; die Betonung
    der häuslichen Harmonie als Grundlage des Staates“, die den Konfuzianismus zur
    „Staatsideologie der Tokugawa“ werden ließ, teilte dieser mit dem
    volkstümlichen Shintóismus, dass in Melange beide „zu prägenden Elementen des
    japanischen Wertesystems“ wurden (Coulmas 2014: S. 233f.). So formte der
    Konfuzianismus das Geschlechterverhältnis und die Rolle von Mann und Frau aus.
    Es galt: „Die Männer sind draußen, die Frauen drinnen“, das als ‚geflügelte Sentenz‘
    ausdrückt, was sich mit dem patrilinearen ie-Familiensystem ab Ende des 17. Jahrhunderts
    bei den samurai an der Spitze eines Vierständesystems[4] etablierte: Das “‘Haus‘
    (ie) als Lebensgemeinschaft und Wirtschaftsform“, wo eine Trennung von
    Privatheit und Öffentlichkeit androzentriert noch nicht praktiziert wurde
    (Schwentker 2008: S. 61f.)[5] und wo „im Haus eingesperrt“ die Hausherrin (shufu) als Hauptfrau mithilfe von
    Nebenfrauen und Bediensteten auch finanziell die Pflichten der Haushaltsführung
    innehatte. Gleich in welcher Position hatte „Frauenerziehung und Frauenarbeit
    dieser Zeit […] nur die Ausbildung zur Braut und Ehefrau nach japanischer Art
    zum Ziel.“ Schule also nur als Brautschule! (Imai 1991b) Obwohl der Konfuzianismus
    Gelehrsamkeit hochschätzte und sich neben den buddhistischen Tempelschulen
    institutionell etablierte (Coulmas 2014: S. 233f.), gilt: „Je konfuzianischer die Erziehung, desto eingeschränkter
    die Frauenbildung.“ (Langer-Kaneko 1991: S. 92) Denn: „Eine Frau braucht sich nicht ums Lernen zu bemühen; sie hat nichts
    anderes zu tun als gehorsam zu sein.“ Durch Einbindung in den Arbeitsprozess, wo sie
    Geschick und Klugheit beweisen konnten, waren Händlerfrauen eher gleichgestellt
    als Bauernfrauen, obwohl diese innerfamiliär angesehen waren, aber von ihren
    samurai-Herren unterdrückt wurden; Am stärksten betroffen waren die
    samurai-shufu selbst. Letztlich also „ein totales Ausgeliefertsein ohne jede Rechte,
    nur mit auferlegten Forderungen und Pflichten.“ (ebd.: S. 96) Durch primär
    konfuzianische Moralbücher (jokun) bekamen die Frauen diese Vorstellung
    vermittelt, „daß die Frau niedriger und schwächer ist als der Mann“ [6] und „Keuschheit und Gehorsam; Nähen und Unterhaltungskunst“ die zu
    kultivierenden Tugenden seien, was noch um Bücher zur Sitte und Etikette
    ergänzt wurde, damit die Ausübung der hausberuflichen Pflichten auch angemessen
    erfolgen konnte (ebd.: S. 97ff.)[7].

    Die Edo-Zeit endete, als 1853 auf der ewigen Suche nach Absatzmärkten die USA die Öffnung des Landes erzwangen und 1868 durch die Meiji Ishin als „revolutionäre Restauration“ resp. „Renovatio“ und „gesellschaftliche Transformation von revolutionärem Ausmaß“ (Eisenstadt 2006: S. 379) in Japan eine bis heute andauernde „Modernisierung im Prozess“
    (Holdgrün/Vogt 2013) ausgelöst wurde. Oft als „das Land der Imitation und der
    Imitatoren etikettiert“, wurden durch den „alles aufsaugenden ‚japanischen
    Schwamm‘“ westlich „entlehnte Objekte einer weitgehenden Japanisierung
    unterzogen“, ohne dass sich ein „umfassendes Bewusstsein und ideologisches
    Modell für Diskontinuität und Wandel“ dadurch eingestellt hätte (Eisenstadt
    2006: S. 369ff.). Deshalb verwundert kaum, wenn die Kontinuität der Familie durch
    das ie-System sogar noch gefestigt wurde, indem ie als Haus(halt)/Familie zu
    einem ideologischen Konstrukt und zur kleinsten funktionalen
    Organisationseinheit des Staates quer durch alle ständeaufgelösten Schichten erklärt
    wurde. Hier bildete sich eine kinderzentrierte Privatsphäre „im Sinne eines
    rechtsfreien Raums“ aus, die aber über das patriarchalische Familienoberhaupt
    (koshu) als „Kontrollorgan“ durch den Staat erfasst wurde. So wurde das ie
    (ideal als Dreigenerationenfamilie) „aus den bisherigen Dorf- und
    Verwandtschaftsgemeinschaften, d.h. aus einer öffentlichen Struktur,
    herausgelöst und sozusagen direkt dem Staat gegenüber gestellt.“ (Mae/Schmitz
    2007: S. 50ff.) Aus der shufu als Hausherrin wurde nun die shufu als westlich
    inspirierte Hausfrau[8], die Kindererziehung und
    Haushaltsführung (Küchenarbeit, Ernährung, Gästebewirtung) ebenso alleine
    meistern sollte wie als (intellektuelle) Gesprächspartnerin dem Ehemann, der
    nun als familiarer Repräsentant in die Öffentlichkeit trat, daheim
    bereitzustehen. Hierzu im Kontrast stand, dass 1872 auf einmal „alle Frauen
    ‚nach draußen‘ gehen und in Schulen lernen“ sollten[9],
    wodurch im Laufe der Meiji- und Taishó-Zeit (1868-1926) Bildung für Frauen
    selbstverständlich wurde (Imai 1991b). Die „Erziehung der gesamten Bevölkerung,
    ohne Rücksicht auf Status und Geschlecht“, nun auch für „die Kinder der
    arbeitenden Massen und für die Frauen“ war in einem nachholenden
    „Verwestlichungsprozess“ die oberste Pflicht: In je 4jährigen normalen und
    höheren Kursen mit vorgeschriebenen Fächern (Handarbeit zusätzlich für Mädchen)
    wurde bis 1885 das moderne japanische Bildungswesen begründet. Elementar noch
    koedukativ beschult, erfolgte in der Sekundarstufe eine Trennung nach
    Geschlechtern, wobei das Niveau höherer Mädchen- dem der mittleren
    Jungenschulen unterlegen blieb. Das „System der Frauenbildung“ wurde jedoch nur
    bis 1910 revidiert und bis Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr angepasst. Demnach
    blieb Mädchen – von wenigen fakultären Ausnahmen – strukturell der Zugang zu
    Universitäten verwehrt, da sie über die „Nebenroute“ im Anschluss an die
    Sekundar- nur noch 3jährig eine Fachschule besuchen durften. Statistisch stieg
    zwar die stark um „Mädchen-spezifische Fächer“ ergänzte Mädchenausbildung
    signifikant an, eine Graduation blieb zumeist jedoch aus. Mehr als nur
    praktisches Wissen lehrten Missionarsschulen auch Frauen intellektuelle
    Bildung, ihre Blütezeit hatten sie 1882, bevor das Kaiserliche Erziehungsedikt
    (kyóiku chokugo) von 1890 den erneut „ganz auf konfuzianischen Gedanken beruhenden
    moralischen Standards wie Loyalität gegenüber dem Kaiser und der Nation und
    Liebe und Ehrfurcht der Kinder gegenüber ihren Eltern“ zur Staatsräson machte,
    um durch den Einfluss westlicher Zivilisation verlorengegangene traditionelle
    Werte und niedergehende Moral und Verhalten zu restaurieren. Das betraf v.a.
    die Frauen, die statt höherer Bildung nun zu „guten Ehefrauen und weisen
    Müttern“ (ryósai kenbo) für ihre Arbeit im ie „fast ohne Rechte, ausgeschlossen
    vom öffentlichen Leben“ moralisch zu erziehen waren (Langer-Kaneko 1991: S.
    100-106)[10]. Im Weiteren wurden
    Nationalstaat und Familie in „Parallelstruktur“ gesetzt, beide galten nun als
    „Modell“ füreinander, wobei der „Familienstaat (kazoku kokka)“, durch die
    kaiserliche Familie verkörpert, als (patrilineare) „Ursprungsfamilie“ zu
    verstehen war: „Der Kaiser wurde als Vater des Volkes gesehen, und das Volk
    wurde als seine Kinder betrachtet.“ Realitär bildete sich zwar westlich
    inspiriert (v.a. nach dem 1. Weltkrieg) eine Kernfamilie[11] (katei oder hómu von home) heraus, die 1920 auch in rund 54% aller Haushalte
    vorzufinden war (vs. das ie in einem Drittel), das verstärkte jedoch nur den
    Prozess der geschlechtlichen Arbeitsteilung und führte zur „‘Feminisierung‘ der
    Familie“: Familie wurde zunehmend ‚privatisiert‘, verschwand aus dem
    öffentlichen Diskurs und wurde „nur noch als eine die Frauen betreffende
    Angelegenheit“ abgetan (Mae/Schmitz 2007: S. 53ff.). Ohne vollwertige Bildung
    und bloß noch als privates Wesen ‚unsichtbar‘ geworden, sind die Entwicklungen
    im 15jährigen resp. Pazifischen Krieg durch den „Einsatz der Frauen für den
    Staat nicht als Rückschlag, sondern als Innovation“ und „als eine Form der
    Frauenbefreiung“ zu begreifen[12]. Von 1932 bis 1942
    wurden 20 Mio. japanische Frauen zur Großjapanischen Frauenvereinigung
    staatlich zusammengeschlossen[13] (Linhart 2011a), womit
    sie nun „eine wichtige Funktion für die nationale Öffentlichkeit und nicht mehr
    nur eine Bedeutung innerhalb des Raums des ie“ innehatten, was „für ihre
    soziale Stellung und für ihr Selbstverständnis sehr wichtig“ war. Die Mütterlichkeit
    (bosei) erlangte zunehmend an Bedeutung[14], wurde mittels
    „Muttertag“ auch symbolisch enger an die Kaiserin als „höchste Mutter“
    gebunden, womit der öffentliche Bedeutungszugewinn für Frauen de facto die
    Bindung an die Familie vertiefte. Indem nun aber die Frau als Mutter quasi in
    den ‚Staatsdienst‘ gezogen wurde, erhielt sie dem ie-Patriarchen gegenüber eine
    nicht gleichartige, aber (mindestens emotional) gleichwertige Aufgabe
    zugewiesen, die die „Frauen als Stützpfeiler der Familie für die Erziehung der
    nächsten Generation von Nationalbürgern“ durch den imperial-faschistischen
    Staat qualifizierte (Mae/Schmitz 2007: S. 56-62).

    3. Weibliche Individualisierung zur Zweiten Modernisierung 1945-1990

    In über 340 Jahren waren Japanerinnen „aufs Dasein für die Familie und den zukünftigen
    Ehemann“ (Beck-Gernsheim 2009: S. 20) beschränkt, ihre nuanciert gewandelte
    Rolle blieb die von Männern zugewiesene einer „guten Ehefrau und weisen
    Mutter“, wenn sie sich auch während des 15jährigen Krieges außerprivate
    Handlungsräume erschlossen resp. vom androzentrischen Staat zugewiesen bekamen.
    So wenig dadurch eine Herauslösung aus der Familie erfolgte, so sehr wurde der
    Einsatz für ‚Nation und Männer‘ oft doch wie eine „erworbene Rolle“ aufgrund
    des Heraustretens in die Öffentlichkeit und dort erfahrener Anerkennung als
    „Hoffnung auf ein Stück ‚eigenes Leben‘“ (ebd.: S. 19) wahrgenommen.

    Nach der Kriegsniederlage schloss sich für den Feindstaat Japan eine exogene
    demokratische Neuordnung durch die Sieger- und Besatzungsmacht USA bis zur
    Erlangung nationaler Souveränität 1952 an, wodurch sich auch für die Frauen die
    Verhältnisse formal grundlegend änderten: Viele der diversen Nachkriegsreformen
    waren „transwar endeavours“ – „Bestrebungen, die in Japan schon vor dem Krieg
    betrieben worden waren“ u.a. durch Aktivistinnen der Seitósha -, die vom
    „Frauenkomitee für Nachkriegsmaßnahmen“ eingefordert wurden
    [15]:
    Frauen gewannen bürgerrechtliche Gleichberechtigung, das patriarchalisch-patrilineare
    ie „als soziale Einheit der Bevölkerung“ wurde abgeschafft[16] und eine Schul- und Universitätsreform eröffnete Mädchen „weitgehend dieselben Ausbildungsmöglichkeiten“ (Linhart 2011b: Abs. 1). Durch einen
    „Konvoi-Kapitalismus“ als ein „Grundkonsens aus staatlichen Organen und
    Großindustrie“ (Goydke 2013: S. 83) wurde das BIP Japans ab 1952 mehr als
    verdreifacht und bis 1968 sogar zum zweitgrößten der Welt hinter den USA
    (Klein/Kreiner 2010: S. 445f.). Dieser Master Frame fundierte „den politisch induzierten
    Wunsch […], den Lebens- und Konsumstil einer prosperierenden Industriegesellschaft
    führen zu wollen“[17].
    Die „Ausbreitung einer industrialisierten Massengesellschaft […] sorgte sowohl
    für die Angleichung der Einkommen als auch eine Nivellierung der
    Lebensstandards in städtischen und ländlichen Gebieten“ und ließ sich durch
    diesen Fahrstuhleffekt bis in die 1980er Jahre 90% einer homogenen,
    klassenlosen 100 Millionen Mittelschicht zugehörig fühlen. Als forciertes
    Selbstbild prägte das ein „allgemeines Mittelschichtbewusstsein“ aus (Bude et
    al. 2012: S. 3; Schad-Seifert 2007: S. 1-7), wodurch „Konformität von der
    Kooperation in der Produktion zur Konformität im Konsum verschoben“ wurde. Eine
    „konservative Grundstimmung“ (Wright Mills) breitete sich in der Bevölkerung
    aus, die keine plötzlichen Wechsel favorisierte und sich nicht länger über
    Staat und Nation, sondern die Familie und die Firma als Garant eines
    materiellen Lebensstils gruppistisch identifizierte (Ishida 1993: S. 160-164).
    Dabei existierten nicht erst seit den Ölkrisen der 1970er Jahre
    Geschlechtspolar „substanzielle Ungleichheitsstrukturen“ bei
    Ressourcenzugang und –verteilung, weshalb Frauen „als Ehegattinnen, Mütter und
    Konsumentinnen in der Mittelschichtgesellschaft integriert“[18] und „unter dem Klassenstatus ihres Ehemannes eingestuft“ waren, was „in Japan stärker als in anderen Industrieländern die Institution der Hausfrauenehe
    gefördert hat.“ (Schad-Seifert 2007: S. 1-7)[19] Ein Aufbrechen
    der Familie als idealen Vergesellschaftungskern ist nicht erkennbar, vielmehr
    blieb sogar die ie-typische Dreigenerationenfamilie faktisch relevant (1960 in
    28%, 1990 in 17,2% der Haushalte, in Deutschland 1992 nur in 1,6%), wo 1975
    31,2%, 1990 noch 30,3% aller Kinder i.a.R. in einer lehrbuchmäßigen
    Zwei-Kinder-Familie aufwuchsen. Auch wurden rechtlich erleichterte Scheidungen
    nur ‚tröpfelnd‘ wahrgenommen: Von 1943 bis 1950 verdoppelte sich die Rate zwar
    angesichts neuer Optionen rasant (Linhart 2011b: Abs. 4), lag 1960 aber nur bei
    0,074% und verdoppelte sich in 35 Jahren 1995 auf 0,161%[20].
    Der Anteil außerehelicher Gemeinschaften und außerehelicher Kinder von je 1,1%
    lag niedriger als in allen Industrieländern (Lützeler 1996: S. 5-8). Allgemein
    ist festzuhalten: „Japan ist vermutlich in der Gegenwart diejenige Industrienation, in der der [frauenzentrierte; D.S.] Einfluß am geringsten ist“ und wo „Heirat bedeutet, daß die Frau die Mitgliedschaft in ihrer Familie aufgibt und durch den Initiationsritus der Trauung Vollmitglied in der Familie ihres Mannes wird“, was für „die Mehrheit der Familien im heutigen
    Japan“ gilt, und wo in männerzentrierter Teilkultur in der „Berufswelt […]
    deutlich sichtbar sozialer Status auf der sozialen Beziehung zwischen Männern
    beruht.“ (Helle 1981b: Kap. 3f.)[21]

    Zwar von der androzentrischen Normbiographie eingerahmt, hatte sich die weibliche
    Normalbiographie dennoch merklich geändert: 1905 geboren, nur bis 13 zur Schule
    gegangen, bis 23 industriell gearbeitet und dann geheiratet, gebar diese
    „statistische Frau“ mit 38 ihr letztes Kind, das sie mit 44,5 zur Schule
    schickte und bei dessen Heirat sowohl ihre Arbeit beendete als auch mit 63 dem
    Tode nahe war. 1959 geboren stand eine 7 Jahre längere Ausbildung der „statistischen
    Enkelin“ offen, die erst mit 25,4 heiratete, das zweite als letzte Kind kam mit
    29 zur Welt, das sie mit 35 zur Schule schickte, so dass sie bis zum
    Pensionsalter von 55 rund 20 Jahre arbeitete und sich eine 25jährige Phase
    reiner „Hausfrauenehe und Paarexistenz“ bis zum Tod mit über 80 noch anschloss
    (Lenz 1990: S. 77).

    Die „traditionelle Rolle“ („Die Ehe ist das Glück der Frau“) und die „Unterdrückung
    der Japanerin[nen]“ als „die braven Heimchen am Herd“ durch androzentrische
    Verhältnisse scheinen manifest, was als „moderne Mythen“ einer „industriellen
    Tradition“ zu relativieren ist, indem „nach der Macht der japanischen
    Hausfrauen in Heim, Nachbarschaft und Gemeinde zu fragen“ ist (ebd.: S. 73-75).
    Dafür ist auszuholen: Die auf ein 6-3-3-4jähriges System für beide Geschlechter
    erweiterte Bildung erwies sich als ambivalent. Der Anteil der Mädchen, die nach
    9jähriger Pflichtausbildung die Höhere Schule besuchten, erhöhte sich enorm von
    1955 47% bis 1975 auf 93%, stabilisierte sich 1980 bei 93,8% (Jungen 56/91/92%)
    (Langer-Kaneko 1991: S. 113), 1989 begannen auch erstmals mehr Frauen 36,8% als
    Männer 35,8% ein Studium und mit 240.000 zu 230.000 traten auch mehr graduierte
    Frauen als Männer in den Beruf ein… Jedoch hatten sich gemäß traditioneller
    Rollenbilder eingeschränkte Lehrpläne an Frauenuniversitäten (Schwerpunkt
    Hauswirtschaftskunde) und Frauenkurzhochschulen mit einer 2 Jahre kürzeren
    Studienzeit etabliert, die statt gleichwertiger eine geschlechtsrollenspezifische
    Lehre vermittelten, wo die junge Frau als im Privaten agierende Ehe-, Hausfrau
    und Mutter in spe angesehen wurde (Kameda 1991: S. 130f.). Ein „gewisses
    Bildungsniveau“ wurde von ihnen zwar erwartet, die Fähigkeit zur
    Haushaltsführung und Versorgung der Eltern stand aber im Fokus. Das machte
    bereits die Mädchenerziehung in der Familie und Schule aus, weshalb
    kostspielige Nachhilfe[22] zur Schulzeit primär den Söhnen zukam, damit diese sich für ein Vollstudium
    qualifizieren und darüber in einen festen Beruf eintreten könnten, um folgend
    als „Ernährer“ eine eigene Familie zu führen (Teruoka 1990: S. 93f.). Die derart
    oft finanziell beschnittenen Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen ließen ihnen
    die individualisierungstypische „Wahl unter Restriktionen“ (Beck/Beck-Gernsheim
    1993: S. 182), trotz dieser Hürden zu studieren und selbst bei Abschluss kaum
    adäquate Berufsperspektiven zu haben (s.u.) oder als Hausfrau die Hausarbeit
    als „Beruf und Berufung“ anzunehmen. Diese Wahl verfestigte dann zwar die geschlechtspolare
    Arbeitsteilung, darf aber nicht auf ‚putzen und kochen‘ verkürzt werden.
    Vielmehr ergriffen diese Hausfrauen und Mütter aus ihren Rollen heraus aktiv
    den „Reis-Kochlöffel“ als Symbol selbständiger Wirtschaftsführung, um
    öffentlich als Konsumentinnen, Erzieherinnen in Parent-Teacher-Associations der
    Schulen und Gestalterinnen in kommunalen Nachbarschaftsvereinigungen (jichikai)
    oder ökologischen Bürgerinitiativen aufzutreten. Diese „Ausweitung der
    Hausfrauenrolle in die Gemeinde“ förderte soziale Netzwerke, ließ ehrenamtlich
    bei z.B. Erdbebenübungen helfen und richtete sich als Konsumentinnen durchaus
    demonstrativ auch gegen Großkonzerne, blieb in „Verlängerung der […]
    Verantwortung“ im Anspruch auf „Macht über ‚Kinder, Küche, Kasse‘“ dem
    Selbstverständnis nach als „traditionelle Frauenorganisationen“ jedoch eine
    „Teilströmung der ‚industriellen Tradition‘“ (Lenz 1990: S. 85-88)[23]

    Ein „Drei-Phasen-Schema des (spezifisch) weiblichen Lebenszyklus“ verunmöglichte
    Frauen das Ideal lebenslangen Erwerbs bei steigendem Lohn, da ihre Ansprüche
    mit dem ersten Kind quasi verloschen (Lenz 1993: S. 253). Das hatte eine „sehr
    ausgeprägte Diskontinuität von Frauenerwerbsbeteiligung“ (Weber 1990: S. 105)
    zur Folge, dass sie durch den „Mutter-Malus“ i.a.R. nur noch „als relativ
    ungeschützte ‚Randbelegschaften‘ oder Teilzeitbeschäftigte“ tätig werden
    konnten. 1983 hatten zwar 21% die magische 10 Jahresgrenze dauerhafter Beschäftigung
    erreicht[24], mussten mangels öffentlicher Betreuungsangebote jedoch ‚kreative Lösungen‘ für ihre Kinder finden (Lenz 1990: S. 83). Für Mütter üblich und in keinem Industrieland so sehr ausgeprägt blieb ein „umfassender Rückzug aus der Erwerbsarbeit in der kritischen Phase der Kinderbetreuung“ (Weber 1990: S. 105). Andererseits gab es auf bloß „perspektivlosen Frauenarbeitsplätzen“ für die oft überqualifizierte
    „office lady“ als „Mädchen für alles“ meist nur „Teeservieren“ und „Bedienen
    des Kopiergeräts“ als ‚verzierende Aufgabe‘. Dass von hier die Grenze zum
    Salaryman unüberwindbar war (ebd.: S. 114 u. 120), ist anschauliches Beispiel
    für das Paradox, dass die umso qualifizierteren Frauen oftmals umso niedrigere
    Arbeiten erhielten, gerade weil sie ob ihres verlängerten resp. 4jährig
    normalen Studiums bis zur erwarteten Heirat nur noch kürzere Zeit dem
    Unternehmen zur Verfügung standen und darum keiner anspruchsvollen Tätigkeit
    wertgeschätzt wurden (ebd.: S. 106f.). Ihr Einkommen blieb so strukturell
    hinter dem männlicher Arbeitnehmer zurück, ergänzte so nur das Haushaltsbudget,
    was wiederum vielfach auch zur Begleichung hoher Mieten, eines Hauskaufs oder
    der Kinderausbildung von Nöten war (Teruoka 1990: S. 96). Die Nachfrage nach
    weiblichen „Arbeitsbienen“ in konjunktureller „Lückenbüßer- und
    Pufferfunktion“, dass sie in Aufschwungsphasen als erste eingestellt und in
    Krisenzeiten als erste entlassen und so zu „Gastarbeiterinnen im eigenen Land“
    wurden, stieg im Wandel zu einer Dienstleistungsgesellschaft an. Dieser Bedarf
    nach einer Flexibilisierung des Beschäftigungssystems dürfte mehr als das zu
    Ende gehende UN-Jahrzehnt der Frau 1986 zur Ratifizierung des Gleichbehandlungsgesetzes
    geführt haben (Weber 1990: S. 105-122), das weitgehend nur ins Gesetz goss, was
    zuvor bereits in den „tausend kleinen Schritten und Auseinandersetzungen“ zur
    Praxis gemacht worden war (Lenz 1990: S. 78). Trotz dieser Widerstände und
    Ausgrenzungen gilt: „Berufstätigkeit ist selbstverständlich“ geworden für
    Frauen, was in Zahlen auszudrücken ist: Die Hälfte über 15 übte einen Beruf
    außerhalb des Haushalts aus, 74% der 20-24Jährigen arbeiteten bis kurz vor dem üblichen
    Heiratsalter, der Anteil der 30-34Jährigen sank auf 51% und stieg zwischen 45
    und 49 wieder auf 70%, dass die kinderbedingte ‚Rückzugsdelle‘ signifikante 19%
    ausmacht. Von den Verheirateten arbeiteten 52% (Teruoka 1990: S. 95-97).

    <p<an die="" seite="" der="" „professionellen="" hausfrauen“="" in="" zyklischer="" erwerbsarbeit="" traten="" zunehmend="" „karrierefrauen“="" und="" bildete="" sich="" eine="" „frauennetzwerkbewegung“,="" ihnen="" neue="" handlungsräume="" erschließen="" sie="" aus="" traditionellen="" rollen="" lösen="" sollten="" (linhart="" o.a.),="" um="" „auf="" dem="" weg="" zur="" gleichberechtigung“="" zu="" treten.="" das="" hatte="" einstellungsänderungen="" folge,="" dass="" innerhalb="" des="" un-jahrzehnts="" frauen="" seit="" aufkommen="" von="" libu="" undó="" 1975="" 20%="" hälfte="" mehr="" (30,6%)="" 1985="" 24-29jährigen="" unverheiratet="" blieben="" so="" den="" normallebenslauf="" willentlich="" aufbrachen="" (teruoka="" 1990:="" s.="" 96).

    4. Sozioökonomische Zeitenwende – Soziale Folgen der Bubble Economy

    Eine Positionsbestimmung der Geschlechter und „ihre gesellschaftliche Situierung
    zueinander im Prozess der Modernisierung“ (Jurczyk 2009: S. 57) fällt bis
    hierhin ambivalent aus: in einer familienzentrischen Gesellschaft (ie shakai)
    stärker als in anderen Industrieländern auf die Rolle der Hausfrau festgelegt,
    erweiterten sich diese Hausfrauen in organisierten Verbünden ihre Rollenkompetenzen
    und griffen erstmals aktiv von sich aus auf zumindest kommunale Öffentlichkeit
    hinaus, für die sie Handlungsmacht für sich beanspruchten. Das verfestigte
    wiederum durchaus auch selbstgefördert die geschlechtspolaren Rollen(bilder),
    indem sie die „Komplexitäten der Gleichheitsforderungen“ übergingen und sich
    nicht den „Frösten der Freiheit“ aussetzten (Lenz 1990: S. 88). Es blieb jedoch
    fast nie bei innerhäuslicher oder kommunalnaher Hausarbeit, die durchaus „als
    Arbeit gesehen und anerkannt“ wurde (ebd.: S. 84), vielmehr war – wenn auch
    i.a.R. inferior positioniert – Erwerbsarbeit bei mehr als der Hälfte aller
    Frauen selbstverständlich, was auf der ‚Hinterbühne der Gesellschaft‘ die
    japanische Prosperitätsphase erst fundierte, aber entlang rollenspezifischer Attributionen
    trotz zunehmender Bildungsqualifikationen zu ausgeprägtem Diskontinuitätserwerb
    beitrug. Durch die Kraft westlicher Frauenbewegungen zur „Transformation der
    Intimität“ inspiriert (vgl. Kern 2010: Kap. 4.1), kam ab den 1970er Jahren v.a.
    mit der Libu undó nach 1911 eine zweite Frauenbewegung auf (vgl. Konkel 2013;
    Linhart o.A.; Terasaki 1991), die die Grundsteine für ganz anders zu denkende
    Konzepte selbständiger Frauen legte und in der ie shakai erste Ansätze einer
    „Unabhängigkeit vom Zugriff der Familie“ (Beck-Gernsheim 2009: S. 17) denken
    und ‚sprießen‘ ließ.

    Diese Entwicklungen aus den Reihen der Frauen heraus sind makrologisch zu umrahmen: Statt
    dass es durch die bis dahin Modernitätsstandards setzende
    „Vorreitergesellschaft“ (Schwinn 2006: S. 30) zu einer erwarteten „Pax
    Nipponica“ (Vogel 1993) kam, platzte mit 4jährigem Vorlauf 1990 eine Vermögens-
    und Immobilienblase (baburu keizai) (Willam 2012), was mit 3 Rezessionen in den
    1990er Jahren die Vorzeichen einer „Vollbeschäftigungsökonomie“ umkehrte, in
    Japans „endogenen Krisenpotentialen ihres institutionellen Grundmusters zu
    suchen“ ist und wodurch sich das „basale Institut der japanischen Beziehungen“
    entsicherte (Hessinger 2004: S. 321ff.). Die Folgen sind Legion: Entsicherungen
    auf dem Arbeitsmarkt ließen den toyotaistisch festangestellten Salaryman
    (sei-shain) des sicher geglaubten Vergesellschaftungskerns Firma (vgl. Coulmas 2014: Kap. 11) inkl. betrieblicher Kranken- und Rentenversicherung unsicher werden. An seine Seite traten anteilig bald gleichauf furíta (Freeter =free Arbeiter), die nur in Aushilfs- oder
    Teilzeitjobs (arubaito) tätig sind, deren Alter von Anfang zu Mitte 20 und
    deren Zahl von Anfang der 1980er von 0,5 auf 2 Mio. 2005 stieg, dass 2006 rund
    20% der 15-34Jährigen atypisch beschäftigt waren (wobei nur unverheiratete
    Frauen miterfasst werden, Gattinnen weiterhin (!) als Teil des
    Salaryman-Haushalts firmieren) (Hommerich/Kohlbacher 2007: S. 16-19)
    [25]. Das ging
    einher mit einer Entzauberung der bis dato andro-meritokratischen Erwerbsarbeit
    durch die Verdoppelung der Arbeitslosigkeit von 1991 2,1% auf 5,4% 2002 – eine
    „lost decade“ und unverkennbare „Erosion des Normalarbeitsverhältnisses“.
    Sozialstrukturell hatte dies eine zunehmende Einkommensungleichheit und eine
    abnehmende soziale Mobilität zur Folge, was prekäre Beschäftigung von 15% 1984
    auf 35,2% 2012 ebenfalls mehr als verdoppelte (gut 15% der Japaner gelten als
    arm). Zuvor betrieblich übernommene soziale Sicherungen wie Fürsorgeleistungen
    wurden stetig gekürzt, hingegen bisher unzureichend wohlfahrtstaatlich
    kompensiert – „sicherheitsspendende Selbstverständlichkeiten“ schmolzen daher
    dahin und ließen v.a. derart „Enttrieblichte“ sich sozial exkludiert fühlen
    (Bude et al 2012: S. 3-6; Hommerich 2011: S. 265ff.; Hommerich/Schöneck 2014:
    S. 6-9ff.).

    Was direkt den Männern widerfuhr, wirkte sich auch zu den Frauen durch: Ohne den
    Bedarf einer Vollbeschäftigungsökonomie rutschten sie erneut in ‚ein Tal‘ des
    Diskontinuitätserwerbs: ihre Arbeitskraft war weniger nachgefragt, durfte wegen
    des Gleichbehandlungsgesetzes aber nicht abgelehnt werden, was ihren Status als
    teilzeitangestellte Freeter, der für sie somit nicht so überraschend neu wie
    für die Männer war, eher festigte und die Aussicht auf Festerwerb verdüsterte[26]. Erst nach
    1999 zunehmend wahrgenommene und den Glauben an die homogene Mittelschicht erschütternde reale Ungleichheiten vertieften die Hoffnung auf das meritokratische Prinzip
    nur noch und führten bei der Bildung zu einer „Hyper-Meritocracy“
    (Hommerich/Schöneck 2014: S. 22)[27].
    Diese Prozesse ließen Männer wie Frauen „zur Individualisierung verdammt“ sein
    (Beck/Beck-Gernsheim 1993: S. 179), was auch die Familien spürbar betraf: die
    androzentrisch-familiare Normbiographie brach durch die Entsicherung des Mannes
    als ‚Ernährer‘ auf, wenn eine Familiengründung auch „natürlicher Wunsch“ und
    „Lebensideal in der Organisation von Lebenszyklen“ blieb. Doch veränderte sich
    das Heiratsverhalten signifikant durch die Trends „zum Heiratsaufschub/zur
    späten Heirat“ (bankonka), „zum Ledigsein“ (mikonka) wie „zur (dauerhaften)
    Ehelosigkeit“ (hikonka), die sogar den 30. Geburtstag als „magische Grenze für
    eine Hochzeit“ verflüssigten. Die Zahl der Eheschließungen sank seit 1980 zwar
    nicht mehr merklich[28],
    aber das Heiratsalter stieg bei Frauen von 1975 24,7 auf 28 Jahre 2005 (Männer
    27/29,8) inländisch rasant an. Da gleichzeitig Kohabitation unerwünscht blieb
    (Kottmann 2009: S. 114-119), ist zwar ein auffallender Anstieg um 0,9 auf 2%
    bei außerehelichen Kindern festzustellen (in den USA ein Drittel), dennoch
    bleiben sie die tabuisierte Ausnahme, obwohl sich der Anteil 35-44jähriger
    lediger Frauen in 20 Jahren bis 2005 auf 15% verdreifachte. Kinderbekommen und
    Ehe ist quasi kongruent zu setzen, während in der „lost decade“ die Scheidungsrate
    angesichts brüchiger und fraglicher Verhältnisse 2000 auf (in 90,9% der Fälle
    einvernehmlich erfolgte) 0,21% hochschnellte und so hoch lag wie zuletzt vor
    der Taishó-Zeit (1912-1926). Hierdurch zeichnen sich ganz neue Handlungsräume
    für die temporär viel länger unverheiratet bleibenden Frauen ab, die m.E.
    jedoch weniger als noch zur Prosperitätszeit wie durch Libu undó bestrebt auf
    intrinsischem Selbstbewusstsein wider die einengenden Umstände (von Haus und
    Mann) fußen, sondern Folge der ökonomischen Lage sind, die einen
    arbeitsplatzsicheren „Ehemann als Luxusgut“[29],
    das Familienführen finanziell riskant und praktisch weniger attraktiv sein
    lassen (Fuess 2002: S. 75-78; Schad-Seifert 2006; 2013).

    Im Feld der Medien als „Ort der Erzeugung geschlechtlicher Bedeutung“ (Fritzsche) ergriff eine „born into feminism“-Generation junger Frauen (Girls) in Nachfolge der Riot-Grrrl–Bewegung
    von Anfang der 1990er Jahre zumindest bis zur Ehe den ‚Status im Freiraum‘ als
    „citizens, consumers, producers“, um von Fans zu „new heroes of popular
    culture“ (Harris) zu werden. Zu „powerful citizens“ werden diese Girls durch
    Konsum als „Möglichkeit zur Entfaltung symbolischer Kreativität“, womit sie
    sich ‚populärkulturell ermächtigen‘, um so eine „feministische Mikropolitik“ als
    „Politik der Subjektwerdung“ zu betreiben. Für diese Girls ist Populärkultur
    ein „Ort der Hervorbringung von Widerständigkeit“ (Thomas), wo sie als
    konsumierende Fans und eigene Produzenten von Mangas und Co. kulturelles
    Kapital erzeugen, das sie aber kaum in ökonomisches konvertieren können und
    daher doch i.a.R. „in einer marginalisierten Position“ verbleiben (nach
    Hülsmann et al. 2016: S. 3-6). Manch anderer Rahmen bleibt derweil altbekannt:
    Unter den Frauen gehen 2016 66% (2013 62%) der arbeitsfähigen arbeiten, wovon
    75% resp. 49,5% der arbeitsfähigen es nur als „part timer“ können[30] und sie
    selbst bei gleicher Arbeit 27% (2013 33%) weniger verdienen; 70% der Mütter mit
    Neugeborenem kehren nicht in den Beruf zurück, was die Erwerbs- Ende 20 weiter
    zur einknickenden M-Kurve werden lässt[31].
    Und wo – noch so spät – geheiratet wurde und selbst wenn beide Ehepartner
    arbeiten, fallen mit 4,3 zu 1 Stunde über 80% der Hausarbeit der Frau zu, was
    ihr schon im ‚eigenen Heim‘ einen Vollzeiterwerb nahezu verunmöglicht. Neben
    Hürden auf der Makro- und Meso- kommen realitär noch solche auf der Mikroebene
    hinzu, die dafür sorgen, dass in Vorständen nur 1,1% (2013 1%) und im
    unteren und mittleren Management 11,9% Frauen sitzen. Weniger sind es in keinem
    Industrieland, obwohl Frauen als die „größte ungenutzte Ressource“ (Abe) als
    ökonomisches Gut (an-)erkannt wurden, durch deren Erwerbsarbeit das japanische
    BIP um 16% steigen könnte (Lill 2013; Rothaas 2016), was das Verhältnis von
    Männern zu Frauen von 3 zu 2 (59,3% vs. 40,7%) an der arbeitenden Bevölkerung
    noch unterstreicht (Linhart 2001). Für „eine Gesellschaft, in der die Frauen
    glänzen“ können, wurde 2013 regierungsseits das Programm „Womenomics“
    gestartet, „mit dem 30 Prozent der Führungspositionen bis 2020 an Frauen gehen
    sollen.“ (Fleuri 2016) Aufgrund dieser ökonomisch unsicheren und sozial
    ‚verschobenen‘ Verhältnisse breiteten sich „parasitäre Singles“ (parasaito
    shinguru) aus (1995 10 Mio., fast 8%), was sich als „private Entscheidung und Lebensform“
    ihrer Zahl, Ursachen und Folgen wegen zu einem sozialen Problem ausgewachsen
    habe (erhöhte Lebenshaltungskosten, soziale Entfremdung, …), da sie „in
    psychischer und ökonomischer Not […] keine Hilfe bekommen [und; D.S.] kaum anders
    als Flüchtlinge“ in der ie shakai zu kazokunanmin, zu exkludierten Mitgliedern
    in einer „Gesellschaft im Familienexil“ geworden sind (Yamada nach Bilke 2015).

    5. Japanischer Sonderweg oder typischer Verlauf?

    Der Rückblick auf 413 Jahre Geschichte japanischer Frauen weist Parallelen zum
    deutschen Pendant auf, die sich deskriptiv wie analytisch gleich fassen lassen,
    kulturell ausgeformte und beharrende Eigenheiten fallen aber ebenso auf: In den
    vormodernen 265 Jahren des Sakoku verfestigten sich durch den
    Staatskonfuzianismus kosmisch legitimiert soziale Axiome einer dem Mann
    lebenslang unterwürfigen und gehorsamen Frau, die ins Haus verbannt an Bildung
    als Moral nur vermittelt bekam, was für sie als shufu (Hauptfrau und
    Hausherrin) zur Haushaltsführung und zur Unterhaltung des Mannes von Nöten war.
    Mit der Meiji Ishin 1868 nach exogener Öffnung begann für Japan eine erste
    Modernisierung und für die Japanerinnen eine erste Phase ambivalenter
    Individualisierungstendenzen. Zum einen gerann das ie-Familiensystem zur nationalen
    Norm, die durch die kokutai—Ideologie als „nichtreligiöse Religion“ (Hagiwara
    1989) den Tennó zum Vater des Volkes im Familienstaat machte und wo die Übergänge
    von ‚innerer zu äußerer‘ Familie durch das ‚Kontrollorgan Patriarch‘ fluide
    waren. Zum anderen, wenn auch in der familienstaatlichen Gemengelage stets
    zugewiesen, erhielten die Japanerinnen die Chance auf Bildung, die für sie auch
    schnell selbstverständlich wurde, allerdings nicht intellektuell förderte,
    sondern im Sinne des androzentrischen Staates sehr frauenspezifische Inhalte
    erneut konfuzianischer Moral vermittelte. Der Ausweg für sie war katei, die
    Kernfamilie, in die sie sich ‚zurückzogen‘, wo sie zwar als shufu westlicher
    Prägung innerhäuslich nun alles alleine erledigen mussten, sich hier jedoch
    auch ein Frei-Raum auftat, in dem sie für sich bleiben konnten. Aufwind erhielt
    die Kernfamilie als ‚weiblicher Schutzraum‘ durch die 1911 aufkommende erste
    japanische Frauenbewegung, die die insgesamt sozial freizügigere, für
    parlamentarische Rechte eintretende Taishó-Zeit zum „Erwachen des ‚Modernen
    Ich‘ um 1920“ (Lenz 1990: S. 73) nutzte. Nichtintendierte Nebenfolge war die
    zunehmende Feminisierung und Privatisierung der Kernfamilie, die ihre inneren
    Freiräume auf Kosten des Verschwindens aus der Öffentlichkeit erkauft hatte und
    nun vermehrt als rechtsfreier Raum“ galt. Aus dem Freiraum wurde so emotional
    ein ‚Gefängnis‘, wenn sich ‚zum Ausgleich‘ spätestens jetzt auch ein
    intensiviertes Mutter-Kind-Verhältnis herausbildete. Ab den 1930er Jahren zur
    Shówa-Zeit endeten die relativen Freiheiten, Japan entwickelte sich zu einem
    nationalistisch-imperialistischen Akteur und in der Zuspitzung des Pazifischen
    Krieges änderte sich die zugewiesene Rolle der Frauen erneut: Aus ihrer
    familiären Privatheit wurden sie staatlich herausgeholt, um den männlichen
    ‚Kriegern‘ in der Heimat den Rücken freizuhalten und als „gute Hausfrauen und
    weise Mütter“ diverse Tätigkeiten in der Öffentlichkeit auszuüben, was ihnen
    ein Gefühl der Befreiung aus der Bedeutungslosigkeit gab.

    Dennoch war für sie wesentlich, „dass Japan den Krieg verloren hat“ (Imai nach Linhart
    2011b), weil erst durch die Nachkriegsreformen exogen erzwungen eine rechtliche
    Gleichstellung erfolgte. Von dieser Basis aus konnte eine „mittlere Generation“ von Frauen aufgrund ihrer Kriegserfahrungen eine „Demokratisierung der Familie ‚von unten‘“ durch Relativierung des patriarchalischen Haushaltsvorstandes und Befreiung von der real spürbareren
    schwiegermütterlichen Kontrolle versuchen. Unter diesen neuen Vorzeichen war
    die Wendung junger Frauen zur auf 60% verbreiteten Kernfamilie als
    My-Home-Denken ein Versuch zu „etwas größerer Eigenständigkeit“ zu verstehen,
    auch weil die Orientierung der Männer am Betrieb durch den „Auszug der Väter“
    „ein Vakuum zu Hause“ hinterließ. Die „Abkehr von der Norm der Unterordnung
    unter die (Schwieger-)Eltern“ und die „Orientierung auf das Privatleben in der
    Kleinfamilie unter Zurückstellung für den Betrieb und die Eltern“
    [32] verlangte, alleine im Haushalt „auch ohne Rücksichten auf sie für sich leben und planen [zu; D.S.] können.“ Dem widerstand wertkulturell und strukturell
    eine „industrielle Tradition“, die „spezifisch industriegesellschaftliche
    Verhältnisse als ‚immer schon so gewesen‘ und traditionell“ und „letztlich als
    selbstverständlich und unhinterfragbar“ darstellte, was das Bild von „guten Hausfrauen
    und weisen Müttern“ memetisch tradierte. Und das so erfolgreich, dass 1973 97%
    aller Frauen über 25 einmal verheiratet waren und nur 7,7% der 30-34Jährigen
    (vorerst) nicht (Lenz 1990: S. 73-79). „Professionelle Hausfrauen“ und
    „Erziehungsmamas“ modifizierten dieses Bild zwar nachhaltig, indem sie sich
    durch aktiv betriebene Netzwerke manifest ein ‚kommunal-öffentliches
    Hoheitsgebiet‘ erstritten, in dessen erweiterten „Haushalt als ihre ‚Domäne‘“
    (Jurczyk 2009: S. 77) sie über „Kind, Küche, Kasse“ verfügten[33]. So
    festigten sie aber – durchaus selbst-bewusst – auch konsumistisch als
    „Hauptkäuferinnen der Familieneinheit“ (Lennox nach Baur 2013a) die bestehende
    Geschlechtspolarität. „In der japanischen Gesellschaft sind die
    Geschlechterwelten zwar komplementär, bestehen aber relativ unabhängig voneinander“
    (Hülsmann et al. 2016: S. 1), obwohl es zu einer einseitig ‚unsichtbaren
    Diffusion‘ kam: Während sich Männer „monogamer Arbeit“ (Gross) hingaben,
    etablierte sich zum Besten der japanischen Vollbeschäftigungsökonomie (statt
    eines reinen „Ernährer-Hausfrau-Modells“; Baur 2013b) ein „Eineinhalb-Personen-Berufs“-Modell (Beck-Gernsheim), durch das es zu einer „begrenzten Integration“ (Gottschall) der Frauen kam, die eine „doppelte Vergesellschaftung“ als Haus- und i.a.R. Diskontinuitätserwerbsarbeiterinnen
    „auf Abruf“ durchlebten.

    Die 1990 platzende Wirtschaftsblase entsicherte Gewissheiten und Integrationsmechanismen auf dem androzentrischen Arbeitsmarkt und führte zu einer „‘Feminisierung‘ der Arbeit“,
    indem sich die bisher primär weiblichen Diskontinuitäten zu den Männern
    durchschlugen: „die ‚Krise der Arbeit‘ erweist sich für
    Männer als eine Infragestellung ihres Status Quo der vergangenen Jahrzehnte“ (zit.
    nach Jurczyk 2009: S. 72-76). Diese sozioökonomischen ‚Einbrüche‘
    führten die zuvor schon eingesetzten Trends fort: Die Heiratsrate ist seit den
    1970er Jahren auf fast die Hälfte abgesunken, v.a. aber hat sich das
    Heiratsverhalten verändert, ließ eine Heirat im Schnitt um Jahre später
    eingehen und bis dahin, aber auch in absoluten Zahlen mehr denn je Singles
    ‚entstehen‘ und aufgrund ihrer sozial problematischen Begleiterscheinungen
    erstmals ins Bewusstsein einer familienzentrischen Öffentlichkeit treten. Eine
    lebensweltliche Folge eines allgemeinen Krisengefühls ist sugomori genshó
    (Phänomen des Rückzugs ins Nest) als Rückzug (cocooning nach Popcorn) ins
    eigene Heim (homing), wo frau sich durch sugomori shóhi (Nestrückzugskonsum)
    „ein Stück eigenes Leben“ für die sugomori kazoku (Familie, die sich ins Nest
    zurückzieht) ausgestalten will (Platz 2009: S. 244f.) und so nach der
    Vorkriegs-katei und der Nachkriegs-Kernfamilie erneut das Private insb. für die
    Frauen ins Zentrum rückt. Diese müssen sich aber auch als „Arbeitskraftunternehmer“
    zunehmend in der Rolle als Freeter nicht nur mit prekarisierenden Verhältnissen
    auseinandersetzen, sondern ihr Bestreben „weg von der ‚selbstverständlichen‘ Abweichung von der männlichen Norm“ selber erarbeiten (zit. nach Jurczyk 2009: S. 74f.). Im Feld medialer Popkultur können sie dies zwar ‚widerständisch‘ ausleben, nehmen auch kulturelles, aber eben nur selten
    ausreichend ökonomisches Kapital ein. Und trotz zahlreicher Gesetzesreformen,
    die sie seit 1986 schrittweise formal im Status angleichen lassen, bleiben sie
    auf herkömmlichen Arbeitsplätzen sekuhara (sexueller Belästigung und Mobbing)
    sowie als Mütter matahara (Mutterbelästigung, bspw. die Mutterschaftszeit nicht
    wahrzunehmen) ausgesetzt (Fleuri 2016), dass sie alternativ nur den steinigen
    Weg der Selbständigkeit gehen können, der sie anderen wertkulturellen ‚Frösten
    der Freiheit‘ aussetzt (ebd.; Belz 2014; Rothaas 2016).

    6. Fazit

    Diese Arbeit stand vor dem Spagat, die Genese der Individualisierung japanischer Frauen der Gefahr wegen, „die Besonderheit der Veränderungen im weiblichen Lebenszusammenhang zu verkennen und damit auch die Entwicklungsdynamik und den sozialen und politischen Sprengstoff, die in der Bewußtwerdung von Fraueninteressen entfalten sind“, mit einem männlichen Maßstab zu messen und so „das ‚ewige Elend‘ der Zurücksetzung, Benachteiligung und Diskriminierung zu beklagen.“ Und der rein diachrone Blick barg „beim Vergleich der Frauengenerationen
    die Gefahr, daß die fortbestehenden materiellen und sozialen Ungleichheiten
    zwischen Männern und Frauen eingeebnet werden“, dem „wohlwollenden Bild eines
    ständig fortschreitenden ‚Fortschritts‘“ geschuldet (Beck-Gernsheim 2009: S.
    15f.). Auch um die unvertrauteren Umstände Japans angemessen einzubeziehen,
    wurde daher die einleitend skizzierte doppelte Perspektive auf androzentrische
    Sozialdominanzen und weibliche ‚Gegenbewegungen‘ gewählt, um so das
    Superior-Inferior-Verhältnis zwischen den Geschlechtern ebenso diachron wie die
    inferioren Handlungsspielräume der Japanerinnen in ihren Ambivalenzen
    auszuleuchten. Nur derart kontextual lässt sich m.E. auch erst den „tausend
    kleinen Schritten“ (Lenz 1990: S. 78) adäquat widmen, da sie ihre Relevanz für
    die Japanerinnen erst angesichts der noch heute ausgeprägten ‚Männerherrschaft‘
    offenbaren. Nur so wird der „Wandel im Schneckentempo“ (Stadlmayer 2000) als
    Wechselspiel aus androstaatlichen Vorgaben ‚von oben‘ und den weiblichen
    Ausgestaltungen ‚von unten‘ innerhalb dieser zugewiesenen Zwangsräume nachvollziehbar.
    Auffallend, wie oft hierfür Aspekte des Konfuzianismus androgenehm selektiert
    wurden, um die Unterwürfigkeit der Frauen kosmisch zu legitimieren (Edo-Zeit),
    sie zur Bildung zwecks ‚restaurativer Modernisierung‘ der Nation in moralisch
    engen Bahnen zu verpflichten (Meiji-Zeit), sie nach kurzer kernfamiliarer
    Taishó-Zeit durch Überbetonung der Mütterlichkeit nationalistisch wieder für
    die Volksfamilie einzufangen (Kriegs-Shówa-Zeit) und zur Prosperitätszeit – in
    zum dritten Mal grundlegend geänderter Sozialordnung – die
    Selbstverständlichkeit der Abweichung vom männlichen Lebenslauf trotz
    steigender Frauenbildung und doppelter Vergesellschaftung durch ein
    Eineinhalb-Personen-Berufsmodell aufrechtzuerhalten. Bis hierhin ist die Modernisierung
    japanischer Frauen vergleichbar ihren deutschen Pendants „als ‚nachholende
    Individualisierung‘ im Sinn zunehmender Arbeitsmarktpartizipation“ sowie auch
    beziehungsorientiert als „gebundene Individualisierung“ (Diezinger) zu charakterisieren
    (Jurczyk 2009: S. 78). Das Platzen der Bubble Economy verstärkte dann zuvor
    dezidiert nur durch Libu undó bestrebte Befreiungsprozesse aus traditionalen
    Verhältnissen. Durch die Verflüssigung normbiographischer Fixpunkte stieg „die
    Unabhängigkeit vom Zugriff der Familie“, was männliche Risiken in die weibliche
    Normalbiographie einbrechen und diese nun „vorbildlos“, offener und ungeschützter
    sein lässt denn je (Beck-Gernsheim 2009: S. 17). Da eine Hochzeit nunmehr statt
    als „Glück“ als „Grab des Lebens“ begriffen wird, sind bereits die Hälfte aller
    Frauen Singles und heiraten anstelle eines Mannes lieber solo nur sich; falls
    doch ‚normal‘, dann innerhalb von 7 Jahren 2012 mit 29,2 um im Schnitt erneut
    1,2 Jahre später (Schnabel 2016). Auch werden die weltweit als bestgebildet
    anerkannten Japanerinnen durch ein antiquiertes, gerichtsbestätigtes
    Namensrecht paradoxerweise von der Ehe ferngehalten, so sie selbstbewusst ihren
    Geburtsnamen beibehalten und nicht den des Mannes übernehmen wollen, was in nur
    4% der Ehen einvernehmlich zu realisieren ist (SPON 2015). So förmlich in ein
    „Familienexil“ gezwungen, obwohl rechtlich auf dem Arbeitsmarkt stetig gleichgestellter,
    erweist sich ob gelebter sekuhara (Mobbing wegen des Geschlechts) auch der Berufsweg
    nur selten als reintegrative Kraft. Biographische Freiheiten gibt es somit nur
    durch oft entzaubernde Risiken, die so aus der zunehmend freiräumlicheren Norm-
    eine Bastelbiographie gemacht haben, die japanische Frauen (wie die Männer) für
    sich ausgestalten müssen, um so eine Reintegration selbständig zu erwirken. Und
    in der Art des Zustandekommens und der auf sie einwirkenden Institutionen ist
    durchaus von einer spezifischen weiblichen „Individualisierung auf Japanisch“
    zu sprechen, die als eigenständige Variation des weiblichen
    Individualisierungsschubs in Deutschland anzusehen ist (vgl.
    Beck/Beck-Gernsheim 2010). Und das erbastelte Wie erweist sich als höchst
    konträr: Hier sugomori als Nestrückzugsphänomen, wo erneut das Privathäusliche
    zum Ausgestaltungsraum mit existenter Familie oder für Freunde wird; dort
    bilden sich in einem schwach ausgeprägten und zivilgesellschaftlich ergo erst noch
    zu festigenden Dritten Sektor (Foljanty-Jost/Haufe 2006) außerhäuslich in
    Anschluss an die Hausfrauen- sowie Libu undó- stetig neue Frauennetzwerke „als
    eine dritte Form der Institution neben Markt und Hierarchie“, „die eher als
    horizontal denn vertikal strukturierte, flexiblere Formen der Organisation“,
    somit „als ein alternatives Organisationsprinzip“ wider übliche „Top-Down“-Entscheidungen
    Japanerinnen neue Handlungsmacht lokal und inter-/national für sich erschließen
    lassen (Tanaka 2009: S. 17f.). Diese Lebenszusammenhänge lassen den
    Individualisierungsstatus der Japanerinnen frei nach Beck-Gernsheim ebenfalls
    als ein „Nicht-mehr“ und „Noch-nicht“ beschreiben!

    7. Literaturverzeichnis

    Monographien

    Coulmas, Florian (2014): Die Kultur Japans. Tradition und Moderne. München. C. H. Beck.

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    Wilz, Sylvia Marlene (2009): Struktur, Konstruktion, Askription – Perspektiven der
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    Askription – Theoretische und empirische Perspektiven auf Geschlecht und
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    Aufsätze in Fachzeitschriften

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    für sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis, Jg. 59, Heft 4, S. 301-325.

    Beck, Ulrich u. Beck-Gernsheim, Elisabeth (1993): Nicht Autonomie, sondern
    Bastelbiographie – Anmerkungen zur Individualisierungsdiskussion am Beispiel
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    Heft 3, S. 178-187.

    Fuess, Harald (2002): Als Japan die Welt anführte. „Das Land der schnellen
    Eheschließung und der schnellen Scheidung“1870-1940. In: Nachrichten der
    Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde (OAG), Jg. 77, Heft 171/172,
    S. 75-92.

    Hessinger, Philipp (2004): Die „Governance“-Depression in Japan – Überlegungen zur Strukturkrise der japanischen Wirtschaft. In: ZfS – Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft
    4, S. 321-344.

    Internet

    Baur, Nina (2013a): Der Ernährer und die Hausfrau, oder: Der Arbeitnehmer und die Verbraucherin.

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    Belz, (2014): Japans Männer suchen die neue Frau.

    Bilke, Ezgi (2015): Die Gesellschaft im „Familien-Exil“.

    Fleuri, Johann (2016): Sekuhara – Sexuelle Diskriminierung auf Japanisch.

    Hagiwara, Yoshihisa (1989): Über Begriff und Funktion der „kokutai“-Ideologie. Der Mythos des japanischen Kaisertums als Herrschaftsideologie vor dem zweiten Weltkrieg.

    Helle, Horst Jürgen (1981b): Auf dem Weg zur matrilinearen Gesellschaft? Kurzfassung.

    Imai, Yasuko (1991b): Vor dem Tagesanbruch für Frauen. Ein sozialhistorischer Essay.

    Konkel, Christine (2013): Geschichte der Frauenbewegung in Japan ab 1911.

    Lill, Felix (2013): Japan – Land der Ausgegrenzten.

    Linhart, Ruth (2001): Kind und Karriere in Japan. (aus: Welt der Frau, 4/2001, S. 35f.)

    Linhart, Ruth (2011a): Japanische Frauen und der Fünfzehnjährige Krieg.

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    Linhart, Ruth (o. A.): Die japanische Frauenbewegung der siebziger und achtziger Jahre.

    Rothhaas, Julia (2016): Berufstätige Frauen in Japan. Im Land des Hechelns.

    Schnabel, Lena (2016): Egoismus – Ich heirate. Mich!

    SPON (2015): Gerichtsentscheid – Japanerinnen verlieren Kampf gegen antiquiertes Namensrecht.

    Stadlmayer, Tina (2000): Wandel im Schneckentempo. Zetteln die Frauen eine stille Revolution an?


  • Es gilt dasPrinzip „dansonjohi“: Verehrung des Mannes, Herabsetzung der Frau, […] eine Einstellung, die sich im Laufe der
    Jahrhunderte des Feudalismus immer stärkerherausgebildet hatte“ und die Frauen sozial-rechtlich durch die 3 Arten des Gehorsams (sanjú) („Eine Frau ist abhängig ihr ganzes Leben.“) entmündigte (Langer-Kaneko 1991: S. 93).

  • Der Hauptstadt nach Edo-, der herrschenden Familie
    nach Tokugawa- und ihrer insellagigen Abgekapseltheit nach auch Raumschiff-Zeit
    genannt (Matsubara 1998).

  • Was insofern erstaunt, dass dieser jenseits der
    Landwirtschaft (v.a. Reis) keine Werte akzeptierte und sich so ein „japanischer
    Physiokratismus“ entwickelte (Distelraht 2010: S. 220ff.), eine stark von
    Gartenbaukultur (Nassreisfeldbau) abhängige Matrilinearität ((Helle 1981b: Abs.
    4) davon jedoch nicht profitierte, sondern hiervon final verdrängt wurde.

  • shinókóshó: 1. Schwertadel (bushi:
    samurai, aus denen daimyó als Landesfürsten und der shógun hervorgingen), 2.
    Landwirtschaft (Bauern hyakushó), 3. Handwerk, 4. Handel (je Stadtbevölkerung
    chónin). Darüber standen die Höflinge am Tennó-Hof in Kyoto und religiöse
    Berufe, darunter die Paria (buraku) (u.a. Schwentker 2008: S. 81-94).

  • Von oben verordnet und kleinste juristische
    Einheit, etablierte sich in den unteren Ständen ein Fünffamiliensystem von 5
    nebeneinander lebenden Familien, was den dorfbäuerlichen Gegebenheiten beim
    Reisanbau so gut entsprach, dass aus dem zur Bespitzelung gedachten System bis
    heute wirksame lebenspraktische „Selbsthilfeorganisationen“ von
    Schicksalsgemeinschaften“ überall im Lande wurden (Matsubara 1983: S. 207-210).

  • Das wiederum fußt auf der yin-yang-Theorie (inyó), demnach
    ist yang „das positive, helle, männliche Prinzip; yin das negative, dunkle,
    weibliche.“ (Langer-Kaneko 1991: S. 97).

  • Wichtig: Dem standesdistinktiv-elitären
    „Bildungshunger“ der samurai stand ein durch den Buddhismus ‚von unten‘
    entwickeltes „Volksschulsystem“ mit landesweit 15.000 Schulen und allein 3.000
    erhaltenen Schulbüchern gegenüber, das bzgl. Lesen, Schreiben und
    lebenspraktischen Wissen ein gutes Grundniveau verbreitete (Matsubara 1983:
    Kap. 19), für Frauen die Kluft zur männlichen ‚Vollbildung‘ jedoch umso größer
    sein ließ.

  • So wurde der westliche Feminismus als jokenron
    (Diskussion über Frauenrechte) und eine Modernisierung des
    Geschlechterverhältnisses durchaus erkannt, aber nur traditionalistisch (vgl.
    Antoni 1992) andro-genehm wohldosiert praktiziert – ein gentleman like galantes
    „lady first“ blieb bspw. undenkbar. Und ein Feminist war kein Streiter für Frauenrechte,
    sondern jemand, „der gegenüber Frauen freundlich ist“, „ein Mann, der Frauen
    verehrt“ (Imai 1991b).

  • Aus dem vorgeblichen, wenig anerkennenden ‚Grund‘,
    dass Japan wegen der Dummheit der Frauen und v.a. Mütter zurückgeblieben sei.
    Daher: „Machen wir die Mütter der nächsten Generation klüger.“ (Imai 1991b)

  • Im Widerstand hierzu begann später als bspw. in
    Deutschland mit der Feministischen Zeitschrift Seitó (Blaustrumpf) und der
    Vereinigung Seitósha 1911 die „alte Frauenbewegung“ in Japan für eigene
    (politisch-öffentliche Wahl-)Rechte und Bedürfnisse öffentlich (!) einzutreten
    (Konkel 2013). „Das Muster einer das ganze Leben hindurch autoritätsgebundenen
    Frau erwies sich jedoch als sehr zählebig.“ (Langer-Kaneko 1991: S. 107)

  • Als Mittelschicht- (aus erwerbstätigen Ehemann,
    Hausfrau und Kindern) auch als „Erziehungsfamilie“ (kyóiku kazoku) vom Staat
    instrumentalisiert (Mae/Schmitz 2007: S. 60).

  • Obwohl diese „totale Mobilisierung“ statt integrativ für
    die Frauen segregativ als „Bürger zweiter Klasse“ und „warme Urquelle, die den
    Haushalt beschützt“, erfolgte – frei dem Motto: „Landesverteidigung von der
    Küche aus!“ (Linhart 2011a)

  • Diese „schluckte auch die emanzipatorischen
    Fraueninitiativen aus den Vorkriegsjahren wie jene für Frauenwahlrecht,
    Konsumentenrechte und Geburtenkontrolle.“ (ebd.)

  • Und wenn nur, um ‚Nachschub‘ für die an der Front
    Gefallenen zu erzeugen: „umeyo fuyaseyo“, „Gebären wir, vermehren wir uns!“
    (Linhart 2011a

  • Für Frauen: Wahlrecht ab 20 und Recht
    bei Wahlen ab 25 zu kandidieren (erstmals am 10.04.1946 nahmen das 67%
    wahlberechtigter Frauen wahr und 39 von 70 Kandidatinnen wurden gewählt), Verbotsaufhebung politischer Aktivität, Aufnahme in den Staatsdienst und
    Regierungsreform, was in der neuen Verfassung, dem neuen Bürgerlichen Gesetzbuch
    und Erziehungsgrundgesetz realisiert wurde (Linhart 2011b: Abs. 1-2).

  • Als „Schutzgemeinschaft der Verwandten [übten] „Rücksichten
    auf die Familie im Sinne des ‚ie‘ großen Einfluss auf das Leben der Menschen
    aus“ (Linhart 2011b: Abs. 4).

  • Die „Drei Schätze“ Waschmaschine, Kühlschrank,
    Fernseher als Konsumgröße und Statussymbol (Ishida 2008: S. 252f., FN 19).

  • „[…] in der Wirtschaftswunderzeit der
    Fünfziger- und Sechzigerjahre löste das Bild der sengyôshufu, der
    ‚professionellen Hausfrau‘, und der ‚kyôiku mama‘, der ‚Erziehungsmama‘, das
    weibliche Ideal der ‚ryôsai kenbô‘, der ‚guten Ehefrau und weisen Mutter“ ab‘“
    (Linhart 2011b: Abs. 2)

  • Der Ehemann als „White Collar“-„salarii man“ war fest in die spezifischen Prinzipien der japanischen Betriebsorganisation (System lebenslanger
    Beschäftigung sowie Senioritätslohn) eingebunden (Toyotaismus), wodurch die
    Haushaltsfamilie der Frau über den Mann „als Teil der Unternehmensfamilie […]
    abgesichert“ war (Schad-Seifert 2007: S. 7).

  • 1975 bei 0,107%, Beginn der 1980er jäh auf 0,151%;
    zum Vergleich in Deutschland bei 0,156% 1981, Schweden 0,242%, USA 0,581% (Lenz
    1990: S. 91, Anm. 2).

  • I. Todd hingegen verortet die japanische als eine
    bilateral-vertikale, „d.h. die die väterliche und mütterliche Linie
    gleichberechtigende Familienstruktur“ und eine Ursache für ökonomischen
    Fortschritt (self generated take-off) (nach Obayashi 1995: S. 165f.).

  • Bildung als sozialer Aufstiegsmotor, was 1960 10%,
    1975 38% die „Jagd auf Bildungszertifikate“ (diploma disease) führen ließ
    (Hommerich/Schöneck 2014: S. 7).

  • Darüber hinaus ging die 1970 erstmals auftretende,
    von der „Women’s Liberation Movement“ aus den USA inspirierte „Libu undó“, wo
    Frauen „als Frauen ihr Selbst ganz und gar zurückerlangen wollen“, um so mehr
    Selbstverwirklichung als Gleichberechtigung jenseits geschlechtspolarer Rollen
    zu erreichen (Terasaki 1990).

  • Die Ambition auf Dauererwerb bei 23,4% der
    Uniabsolventinnen desillusionierte der Beruf: nur 12,6% der Berufsanfängerinnen
    wollten es bleiben (Weber 1990: S. 114).

  • keine Ausdrucksform von wider die Normbiographie nach
    „Freiheit und Individualität“ strebender oder als „wagamama“ (egoistisch und
    faul) und Rezessionsgrund gescholtener, sondern systemisch als „Opfer eines
    zunehmend deregulierten Arbeitsmarktes“ anzusehender Jungerwachsener ist
    (Hommerich/Kohlbacher 2007: S. 16-19).

  • Die Angst vor sozialem Abstieg stieg unter Befragten von 1990 15% 2012 auf 30% an, sogar 69% gaben Alltagssorgen und –unsicherheiten v.a. hinsichtlich der
    Finanzierung ihres Lebensabends zu haben an (Hommerich/Schöneck 2014: S. 9f.).

  • Was Ausprägung der durch die „Prüfungshölle“ gehenden
    „Bildungsganggesellschaft“ (gakurei shakai) ist, obwohl sie statt auf individualer Konkurrenz auf Gruppenkooperation fußt. Das „kann geradezu als
    eine spezifische Form begriffen werden, mit dem gesellschaftlichen Prozess der
    Individualisierung umzugehen“ (Schubert 2006: S. 188-191).

  • Von 1970 bis 2016 hingegen signifikant von 1% auf
    0,53% um fast die Hälfte (Fleuri 2016), was ein mentaler Wandel – ausgelöst
    durchs UN-Jahrzehnt der Frauen und die Libu undó-Aktivitäten – in den 1970er
    Jahren einschneidend bewirkt haben dürfte.

  • Denn 68% befragter lediger Frauen wollen einen
    Ehemann mit einem Jahreseinkommen von über 29.000€, „obwohl nur 25,1% der
    ledigen Männer über ein solches Einkommen verfügen.“ (Yamada nach Bilke 2015)

  • 1986 waren noch 68, 1998 57% der arbeitenden Frauen
    (anfangs) festangestellt (Linhart 2001), was belegt, wie sehr wie ökonomische
    Krise auch auf den Frauenerwerb wirkte.

  • Durch die implizite alte Geschlechtsordnung gibt es
    für die Frauenrollen nur ein Entweder-Oder, dass sie weiterhin Kinder bekommen
    (sonst sind sie „makeinu“ – „im Kampf geschlagene Hunde“) oder ihre Karriere
    selbständig durchziehen und diese nicht „gierig“ mit der Familie vereinbaren
    sollen, weshalb rund 70% der Japanerinnen Karriere prophylaktisch nicht als
    erstrebenswert erachten (Rothaas 2016).

  • Nebenfolge: Seit den 1980er Jahren Japan mit weltweit
    höchster Lebenserwartung (Frauen 81,4 Jahre), dass ohne das dreigenerative ie
    von 1975 bis 1983 die Zahl alleinlebender Frauen über 65 von 573.000 auf
    830.000 stieg und sie neben Männern bis 30 1986 bereits auf 18,2% angewachsene Einpersonenhaushalte bewohnten (Lenz 1990: S. 76).

  • Was realitär dennoch hieß, dass 1982 nur 40% der
    Schulkinder die abendliche Hauptmahlzeit in der „familialen Tischgemeinschaft“
    einnahmen (Schmidtpott 2011: S. 296), was als ein Indiz für einen schwindenden
    Zusammenhalt gelebter Familie anzusehen ist.
  • </p

    Propheten der Science Fiction

    Hallo Mitwelt!

    Heute eine Reise zu den Propheten der Science Fiction. Korrekter müsste es wohl heißen Propheten der Science und SchreiberIn der Fiction. Kurz und bündig und somit ganz im Gegensatz zu vorigen Beiträgen daher nur eine dringende Empfehlung zur achtteiligen Doku-Reihe, im Oktober 2018 bei ZDFinfo erschienen und NOCH in der Mediathek abrufbar. Als Download sogar möglich via mediathekviewweb.de

    Das ist allerdings keine ZDFinfo-exklusive Doku-Reihe, auch nicht in Deutschland gemacht; sondern von einem Mister Scott, Sir Ridley Scott. Keine harmlose Filmografie vielmehr eine Grafschaft nicht nur, aber vor allem science fictional wegweisender Filme. Der Mann weiß, was er macht, wovon er da spricht… – gelinde gesagt.

    Über welche Granden der und für die Science Fiction sprechen wir? In ihrer chronologischen Reihenfolge des Lebens und Werkwirkens, die ich so auch anzugucken empfehle, geht es um diese Acht, die in je 40-42 Minuten vorgestellt werden:

    • Mary Shelley (1797-1851) – Begründerin der Science Fiction; Mutter von Frankenstein; jüngst mit ihrem 1826 erstveröffentlichten “Verney, der letzte Mensch“ (The last Man) ins pandemische Bewusstsein gerückt – in vielem ein . biografisiertes Sittengemälde ihrer Zeit, das in unserer Zukunft spielt.
    • Jules-Gabriel Verne bzw. Julius Verne (1828-1905) – gilt allgemein als DER Urvater der Science Fiction, der SF-Adam, dem jedoch Eva vorausgegangen war. Abenteuerlicher Technikvisionär, der mutmaßlich wie keiner der übrigen SF-Propheten so sehr ins Kollektive Gedächtnis eingegangen ist.
    • Herbert George, H. G. Wells (1866-1946) – Erfinder der Zeitmaschine[1], der der kolonialherrlichen menschheit den invasorischen Spiegel vorhielt. Allein damit hat er zwei Stränge der SF geprägt – Zeitreisen und extraterrestrische Invasionen -, die bis heute nachwirken.
    • Robert A. (Anson) Heinlein (1907-1988) – Erstgeborener der „Big Three“ englischsprachiger Science Fiction; wohl amerikanischster dieser, patriot durch und durch; am bekanntesten sicher durch Starship Troopers, sicher Vorbild für gewisse Stormtroopers, mit ihnen Bepfadung des Subgenres der Military SF. Mir ist er bisher nur bekannt durch“Fremder in einer fremden Welt“, das Anfang der 1960er deren Ende vorwegnahm und wo ich in vielem mitfühlen kann bezüglich Fremdheitserfahrung…
    • Arthur C. Clarke (1917-2008) – Autor von Filmskript und Buch: „2001, Odyssee im Weltall“! Das würde für 99% der Menschen schon reichen, darüber hinaus war er technischer Visionär par excellence bzw. hat Leuten bei NASA & Co quasi vorgeschrieben, was sie dann umgesetzt haben.
    • Isaac Asimov (1920-1992) – der Herr der Roboter, nach Bekanntheit gewiss Erster der „Big Three“, der mit dem Foundation-Zyklus wohl die erste, bestimmt aber bekannteste vielbändige Future History, die in die Zukunft gesponnene Geschichte der Menschheit geschrieben hat.
    • Philip K. (Kindred) Dick (1928-1982) – Meister surrealer Science Fiction; Vorlagengeber für einen nicht unbedeutenden Film, der vor Kurzem einen zweiten Teil erhalten hat. Ausleuchter psychische Abwege und Abgründe, verunsichernder Realität, die immer doppelte Böden aufweist.
    • George alton Lucas Jr. oder kurz George Lucas (1944-*) ist vermutlich in nunmehr 44 Jahren gutmöglich der bekannteste aller acht Propheten. Ich verrate jetzt nicht, wofür er … bekannt ist. M.E. hat er jedoch nie Science Fiction verfasst, sondern Space Fantasy. Ggf. unterscheide ich hier jedoch auch schon für die allermeisten viel zu fein Dass er hier mit aufgeführt ist, irritiert mich deshalb, weil alle Sieben zuvor SchriftstellerIn sind, mit Ausnahme von Clarke und seinem Filmskript zu „2001“ keinmal direkt an Filmen mitwirkten. Und Lucas‘ Machwerk rein filmisch ist, als Film funktioniert und hierüber ausstrahlt.

    Die Reihe ist exzellent gemacht, zoomt in die Biografie des jeweiligen Propheten/der einen Prophetin hinein und verweist auf die jeweiligen technischen Visionen, Anregungen, weit vorauseilenden Gedankenexperimente, wie sie nach und nach schon oder so langsam erst Realität werden. Hierfür viele Wissenschaftler*innen, die begeistert für ihre Entwicklung vorsprechen, um sie auf die SF-Granden zurückzuführen. Keine stationären Satelliten ohne Clarke, zumindest nicht so schnell und früh. Keine Roboterethik ohne Asimovs Robotergesetze stets mitzuverhandeln usw. usf.

    Einziger Kritikpunkt wäre, dass es eine rein anglophone Auswahl ist, die Mister Scott getroffen hat. Mir fehlt allen voran, eigentlich gar unhintergehbar: Stanislaw (Herman) Lem (1921-2006), für mich mit der prägendste aller Autoren, obwohl ich eingestandenermaßen selbst zu seinem diesjährigsten 100. Geburtstag noch nicht all seine Schriften durchhabe. Dafür mit “Der Unbesiegbare“ und zuletzt erst nach Längerem wieder “Lokaltermin“ mehrere gleich mehrfach und immer wieder gerne. Und das noch vor seinem berühmtesten, allein schon weil zweimal verfilmten “Solaris“, der wie vielleicht kein anderer den Menschen den Spiegel vorhält. Und um auf eine Top Ten aufzustocken, hätte auch nicht ungenannt bleiben dürfen James Tiptree Jr. (1915-1987) aka Alice B. Sheldon durch das lange verwirrende Pseudonym und eine ganz neue Art quer zum Bekannten erzählender Kurzgeschichten. Und viele mehr!

    So viel in Kürze – diesmal! Der Worte wenige, weil die anempfohlenen Dokus entscheidend sind.


  • Wer diese Geschichte von Wells noch nicht kennt oder sie erstmals auf Deutsch lesen will, dem und der sei unbedingt die vollständig und neu übersetzte Ausgabe im Fischer-Verlag (2017) anempfohlen, mit einem Nachwort zu Leben, Werk und Wirkung. Laut Klappentext:

    Diese Ausgabe enthält neben einem Nachwort des Wells-Experten Elmar Schenkel die gestrichenen Passagen ‚Die Rückkehr des Zeitreisenden«; drei Vorworte der Ausgaben der Jahre 1924, 1931 und 1934; den Vorläufer: ‚Die Chrononauten‘ aus dem Jahr 1888 sowie die Essays aus dem Jahr 1893 ‚Der Mann aus dem Jahr 1.000.000. Eine wissenschaftliche Vorausschau‘ und’Das Aussterben des Menschen. Einige spekulative Gedanken‘ von 1894.

  • Vergil und Tolkien


    Hallo Mitwelt!

    Heute eine Reise zurück, eine Retroreise sozusagen. Eine wiedergefundene, ausgegrabene, digital restaurierte schuli-sche Facharbeit im Schulfache Latein. Die hat mit nichts zu tun, was bisher Blogthema gewesen ist, zur Hälfte nimmt aber eine wesentliche Literatur für mich den Themenraum ein. Angepasst ist die Facharbeit nur insoweit, dass blogdigitale Formalia zu berücksichtigen waren: Überschriften neu setzen, ein Inhaltsverzeichnis ad hoc erlernen. Auf der Strecke blieben jedoch leider Fußnoten, die allerdings auch bloß hingeklatschte Inhaltsquellen angegeben haben.

    Zu Risiken und Nebenwirkungen der Lektüre: nach einem sogenanntnen Praxisbericht, in dem es nur ums Praktizieren zuvor erlebter Praktikumspraxis ging, war die Facharbeit das lebensallererste Mal, dass ein selber erarbeitetes Thema länger als ein 10minütiges Referat 😀 aufs digitale und dann tatsächlich bedruckte Papier zu bringen war. Daher bitte milde Nachsicht mit meinem Erinnerten Selbst, meinem jungerego, das stets bemüht war, es aber noch nicht anders, geschweige denn besser wusste.

    Vergleich: Vergils „Aeneis“ und Tolkiens „Der Herr der Ringe“ –
    unter besonderer Berücksichtigung inhaltlicher Vergleichspunkte und epischer Stilistiken

    Inhaltsverzeichnis

    1 Prolog: Das Epos und die Fantasy (Seite3)

    1.1 Das Epos (Seite3)

    Das Epos, ein aus dem Griechischen stammender Begriff und soviel wie Erzählung und Gedicht bedeutend, gilt als früheste narrative Großform der Literatur in gebundener Sprache (Epik). Von einer zentralen Idee oder Gestalt zusammengehalten, erzählt das Epos ausführlich von einem bedeutenden, als historisch real verstandenen Ereignis in Versen oder Prosa, wobei es sich auf geschichtliche, mythologische oder märchenhafte Überlieferungen stützt.

    Zur Entstehung der einzelnen Epen gibt es diverse Theorien. Zum einen gäbe es die von einem meist umstrittenen Urheber verfassten älteren Epen, die mündlich überliefert, erst später zusammengefasst wurden; zum anderen wird davon ausgegangen, dass es wie bei den neueren Epen auch bei den alten von vornherein ein von einem Autor verfasstes Gesamtwerk gegeben habe.

    Die Darstellungsweise zeichnet sich durch weit ausholende Schilderungen und Freude an der bunten Fülle der Wirklichkeit aus, wobei der Mythos dabei für eine geordnete, umfassende, jedoch irrationale Weltvorstellung mit menschlichen und übermenschlichen Wesen sorgt, die in ihr alle ihren festen Ort und ihre naturhaften Bindungen haben. Der Erzähler selbst betrachtet sich auch als Teil des Weltgefüges, er überblickt und schildert es mit Ehrfurcht. Objektivität versucht er durch zeitliche und räumliche Distanz zum Geschehen zu erreichen , wobei er seinen Standpunkt nicht wechselt, da schon der Weg das Ziel ist. Das Ende schließt die Reihe oft nur ab, es ist nicht notwendigerweise Folge des Vorausgegangenen.

    1.2 Die Fantasy (Seite4)

    Als Subgattung der Phantastik entstand die Fantasy als eigenständiges Literaturgenre etwa in der Mitte des 19. Jahr-hunderts zusammen mit der nah verwandten Science Fiction und dem Horror. Der Begriff Fantasy ist allerdings im deutschen und englischen Sprachgebrauch unterschiedlich zu verstehen: Während jener darunter primär Literatur mit Bezug zu Mythen und Märchen, in einer imaginativen Welt spielend, versteht und oft als trivial verschmäht, meint dieser allgemein jede utopische beziehungsweise nicht-realistische Literatur wie zum Beispiel auch die Science Fiction. Als Definition kann man formulieren, dass eine in der realen Welt spielende Handlung als Fantasy bezeichnet wird, wenn das Geschehen nach unserer Wahrnehmung eigentlich unmöglich ist.

    Spielt die Handlung hingegen in einer sogenannten Gegen- oder Anderswelt, erscheint diese uns unmöglich, wenngleich die Handlung nach den dortigen Gesetzen der Gegenwelt realistisch anmutet. Der Reiz der klassischen Fantasy liegt gerade in einer realitätsnahen Darstellung der Anderswelt, bei der sich die Weltenschöpfer oft pseudo-historischer Vorbilder bedienen, um dann ihrer Welt eigene Biologie, Geschichte, Kulturen und zum Teil sogar detaillierte Sprachen hinzuzufügen. Als Charakteristikum der Fantasy ist Magie ein wichtiger und alltäglicher Bestandteil zur Erklärung weltlicher Vorgänge. Um eventuell elementare menschliche Themen in einem neuen Kontext und ohne Vorbelastung darstellen zu können, greift man auf die realitätsvereinfachende Unterteilung der Dinge in Gut und Böse zurück.

    Obgleich die Ursprünge des Genres wohl bei E.T.A. Hoffmann in der Romantik zu suchen sind, gehen viele klassische Schemata im Grunde auf den als geistigen Vater der heutigen Fantasy geltenden Tolkien zurück. Die groben Handlungsmuster wiederholen sich: Während die Ordnung der Welt vor der Vernichtung steht, müssen die Protagonisten die Rettung herbeiführen, um einen Heilungsprozess in Gang zu setzen. Am Ende erwartet den Leser meistens, da tragische Fantasy ziemlich unüblich ist, ein Happy End.

    2 Entstehung der Werke (Seite5)

    2.1 Vergils „Aeneis“ (Seite5)

    Auf Legenden und Gedichtsinterpretationen (zum Beispiel der Eclogae) beruhend, sind viele Angaben zu seiner Biografie unsicher.

    Publius Vergilius Maro, der unter dem Namen Vergil oder Virgil als römischer Dichter bekannt geworden ist, wurde am 15.10.70 v. Chr. als Sohn nicht un-vermögender Gutsbesitzer in Andes, nahe Mantua, im heutigen Norditalien geboren. Seine Eltern konnten ihm eine umfassende Ausbildung ermöglichen; anschließend ging er zum Studium der Rhetorik und griechisch-römischen Literatur nach Rom. Zu dieser Zeit entstanden einige kleine Gedichte Vergils, die im sogenannten Catalepton als Teil der Appendix Virgiliana erhalten sind.

    Nach der Niederlage der Caesar-Mörder bei der Schlacht von Philippi im Jahre 42 v. Chr. wurde ihm, ähnlich wie seinem Dichterfreund Horaz, der väterliche Grundbesitz infolge der Landverteilung Octavians enteignet, bekam ihn jedoch später wieder zurück. Bald darauf gehörte Vergil zum Kreis um Maecenas, Octavians fähige rechte Hand. Dieser war bestrebt, Octavians politischen Gegner Marcus Antonius dadurch zu entkräften, dass er dem Wohlwollen einfluss-reicher Familien diesem gegenüber entgegenwirkte, indem er römische Schriftsteller zu Octavians Hof holte. Nach Vollendung der Eclogae, die auch Bucolica oder Hirtengedichte genannt werden und die Theokrits Stil nachahmten, jedoch auf Vorgänge und Personen der römischen Gegenwart projizierten, arbeitete Virgil von 37 bis 29 v. Chr. an den Georgica. Dieses in vier Büchern verfasste Lehrgedicht behandelt den Landbau in einer die gebildeten Kreise ansprechenden Form und will somit keine Handlungsanweisung für römische Bauern aufzeigen, sondern die Liebe zum Lande und die Achtung vor der Bauernarbeit wieder wecken.

    Als Träger der Kultur entwickelten sich seine Gedichte rasch hin zu einer staatstragenden Dichtung im Sinne der Reformpolitik, des sogenannten Mos Maiorum. Octavian, nachdem er seinen Gegner Antonius 31 v. Chr. bei der Schlacht von Actium besiegt hatte und vier Jahre später vom Senat zum Augustus deklariert worden war, bedrängte den Dichter, ein Epos zum Ruhm seiner Herrschaft zu schreiben.

    In den zehn Jahren von 29 bis 19 v. Chr. arbeitete Virgil an seinem Hauptwerk, der „Aeneis“. In den ersten sechs Büchern orientiert er sich an Homers „Odyssee“; die letzten sechs sind das lateinische Gegenstück zur „Ilias“. An drei Höhepunkten, der Iuppiter-Rede, der Heldenschau und der Beschreibung des Schildes des Aeneas , weist es auf das Zeitalter des Augustus voraus, was bereits bei seinen Zeitgenossen höchste Bewunderung fand und es im Mittelalter zu einem der berühmtesten Gedichte des Abendlandes machte.

    Durch das Verbinden von Mythos und Geschichte zu einer höheren Einheit und die Art der Wortfügung und pathetische Ausdrucksweise seiner Sprache wurde der Wohllaut der Verse später kaum mehr erreicht. Auf der Rückfahrt von einer Griechenlandreise erkrankte Vergil und starb am 21.09.19 v. Chr. in Brindisi, ohne die „Aeneis“ vollenden zu können. Trotz testamentarischer Verfügung, das Werk den Flammen zu übergeben, wurde die „Aeneis“ gerettet und 17 v. Chr. fast unverändert auf Befehl Augustus hin veröffentlicht. Obwohl unvollendet, wurde sie sofort als Meisterwerk anerkannt und zum Nationalepos erhoben, das die imperiale Mission des Reiches, jedoch auch Mitgefühl für dessen Opfer und ihre Sorgen verkündet. Vergils Grab in Neapel genoss lange Zeit Verehrung.

    2.2 Tolkiens „Der Herr der Ringe“ (Seite6)

    John Ronald Reuel (J.R.R.) Tolkien behauptete einst von sich, dass, „was zu sagen ist, steht in meinen Büchern“.
    Dies als Grundlage nehmend, seine Biografie und die Entstehung seines Werkes „Der Herr der Ringe“ im Kontext zu sehen, erhält man interessante Einblicke auf die Intension des Autors. Als Sohn deutschstämmiger (die Tollkühns aus Sachsen) englischer Kolonisten wurde er am 03.01.1892 in Südafrika geboren. Wie die Hauptperson Frodo Beutlin seines Hauptwerkes „Der Herr der Ringe“ verlor auch Tolkien seine Eltern im frühen Kindesalter.

    Mit 19 Jahren ging er als Sprachtalentierter zum Studium nach Oxford. Als Leutnant und frisch verheirateter Ehe-mann überlebte er die Schlacht bei Somme, bei der er zwei seiner besten Freunde verlor, was er mutmaßlich bei der düsteren Schilderung der Totensümpfe verarbeitete, in der er auf die hart umkämpfte und entscheidende Schlacht bei Dagorlad verweist, wo ebenfalls mehrere bedeutende Charaktere gefallen sind. Durch seine erfundenen Sprachen inspiriert, begann er bereits 1917 mit der Einstellung „Ich bin Philologe, und alle meine Arbeiten sind philologisch“ mit einer ersten Niederschrift der „Verschollenen Geschichten“, die als Grundlage des erst nach seinem Tod durch seinen Sohn veröffentlichten Silmarillions dienen. „Nach dem Krieg arbeitete er eine kurze Zeit am Oxford English Dictionary mit, erhielt zuerst eine Dozentenstelle, dann einen Lehrstuhl an der Universität Leeds und schließlich 1925 den Lehrstuhl in Oxford“. Da er schon oft bemängelt hatte, dass es England an volksnahen Mythen und Sagen fehle, begann er ab 1922, auf das Fundament seiner Sprachen aufgesetzt, ein Nationalepos für England zu erschaffen.

    1930 als Unterhaltung für seine vier Kinder begonnen, vollendete Tolkien die Geschichte des kleinen Hobbits 1936, die ein Jahr später vom Verlag Allen & Unwin mit sensationellem Erfolg publiziert wurde, woraufhin eine Fortsetzung von Tolkien gefordert wurde. Während der zwölfjährigen Arbeit an dem Buch „Der Herr der Ringe“ hielt er 1936 seine immer noch als bedeutendste Interpretation geltende Vorlesung über das Gedicht Beowulf und 1939 den berühmten Vortrag „On Fairy-Stories“ über phantastische Literatur und Mythologie.

    Obwohl das Buch „Der Herr der Ringe“ 1949 fertiggestellt war, scheiterte die Veröffentlichung an seiner Komplexität und Eigenart, was Tolkien tief verletzte. Er konnte sich nur durch den Verkauf einiger Kurzgeschichten über Wasser halten. Nach mehrfacher Überarbeitung und Kürzung, wozu Tolkien feststellte, „Mir graut vor dem Erscheinen, denn es wird unmöglich sein, sich nichts daraus zu machen, was gesagt wird. Ich habe mein Herz bloßgelegt und nun kann man darauf schießen“ , erschienen die ersten beiden Bände des Werkes „Der Herr der Ringe“ und der Erfolg übertraf jegliche Erwartungen. Mit Erscheinen des dritten Bandes der Trilogie galt „Der Herr der Ringe“ als Geheimtipp. Als er Mitte der 60er Jahre als verbilligte Taschenbuch-Ausgabe auf den amerikanischen Massenmarkt gelangte, brach ein Fankult um den Mythos Mittelerde aus.

    Der 1959 in Pension gegangene Tolkien, der jeden erhaltenen Leserbrief ge-wissenhaft persönlich beantwortete, musste 1968 ob des enormen Fanansturmes an die Kanalküste umziehen. Drei Jahre später verstarb seine Frau Edith, woraufhin er 1972 auf Bitten der Universität nach Oxford zurückzog. Noch im selben Jahr verlieh ihm die Queen einen Orden für seine herausragende literarische Bedeutung und er wurde mit dem Ehrendoktorat der Literaturwissenschaft ausgezeichnet. Am Morgen des 02.09.1973 starb J.R.R. Tolkien nach kurzer Krankheit und wurde auf dem katholischen Friedhof bei seiner Frau in Oxford beerdigt.

    3 Inhaltliche Vergleichspunkte (Seite9)

    Gegen Tolkiens ursprüngliche Idee eines Gesamtwerkes wird „Der Herr der Ringe“ in drei Bänden publiziert, die jeweils zwei Bücher enthalten: Teil 1 „Die Gefährten“, Bücher 1 (12 Kap.) und 2 (10 Kap.); Teil 2 „Die Zwei Türme“, Bü-cher 3 (11 Kap.) und 4 (10 Kap.) und Teil 3 „Die Rückkehr des Königs“, Bücher 5 (10 Kap.) und 6 (9 Kap.).

    Während in „Die Gefährten“ vom Aufbruch Frodos und der Gründung der Ringgemeinschaft mit dem Ziel der Vernichtung des Ringes, bis zur Trennung der Gefährten berichtet wird, ist „Die zwei Türme“ zweigeteilt. Zuerst verfolgt man diejenigen der Gemeinschaft, die in den Menschenreichen gegen den Feind kämpfen. Anschließend richtet sich das Augenmerk auf Frodo und seinen Diener Sam, die nach Mordor vorzudringen versuchen. Inhaltlich ähnlich aufgebaut ist auch „Die Rückkehr des Königs“, wo man zuerst an den Schlachten um Minas Tirith teilnimmt bis zum Vorrücken der freien Völker vor das Schwarze Tor. Dann wird wieder auf Frodo umgeblendet, der sich auf der letzten Etappe seiner Reise befindet und letztlich die Aufgabe lösen kann. Nachdem alles seine schicksalhafte Befriedung gefunden hat, kehren die vier Hobbit Helden in ihre Heimat zurück, wo sie sich eines alten Feindes erwehren müssen. Als Belohnung seiner Taten endet die Trilogie damit, dass Frodo ins Land der göttlichen Valar reisen darf.

    Ähnlich wie in Homers „Odyssee“ wird zu Beginn eine lange Reise geschildert, wenngleich sie auch von zu Hause wegführt. In Buch 5 gipfelt das Geschehen in einer riesigen, alles entscheidenden Schlacht ähnlich wie in der „Ilias“, nur dass sie am Ende der Erzählung steht. Erneut an die Inhalte der „Odyssee“ angelehnt, kehrt der Held, Frodo, in seine Heimat zurück, wo er sich aber Problemen ausgesetzt sieht, die er noch zu lösen hat.

    Hingegen aus zwölf Gesängen und insgesamt 9896 Versen bestehend, wird in der „Aeneis“ von der Flucht Aeneas aus Troia berichtet, der durch göttliches Eingreifen fast zehn Jahre umherirrt, bis er an dem vorbestimmten Ort ankommt und dort um seine Bestimmung, das Volk der Römer zu gründen, kämpft.

    Beiden Werken ist gleich, dass sie einen Helden haben, von dessen Handeln schlussendlich alles abhängt und der von „Gefährten“ begleitet wird. Während in der „Aeneis“ die Götter eine aktive Rolle spielen, sie ständig eingreifen und Aeneas lenken, wird im Buch „Der Herr der Ringe“ nur zum Beispiel durch alte elbische Gedichte auf das Wirken der Götter, hier die Valar, hingewiesen und die Magie, wie von Saruman und Gandalf eingesetzt, tritt an die Stelle direkten göttlichen Handelns. Allerdings ist beiden das zugrunde liegende Schicksal gleich, auf das sich zum einen am Ende Iuppiter beruft, weil er den Streit von Venus und Iuno satt ist, und das zum anderen Gandalf als Erklärung dafür anführt, dass Frodo den Ring bekommen hat und deshalb auch die schwere Aufgabe übernehmen muss.

    Dem großen Ziel in beiden Fällen verpflichtet, stehen die beiden Haupthelden, Aeneas und Frodo, immer wieder vor Verlockungen und Hindernissen, die das Erreichen in Frage stellen. Anstatt bei Dido zu bleiben, kann Aeneas nur durch Merkur zum Weitersegeln bewegt werden. Frodo erfüllt die Aufgabe nur, weil Gollum ihn des Ringes entledigt und samt Schatz ins Feuer fällt. Die Voraussetzungen und Intensionen beider Helden sind allerdings völlig entgegengesetzt: Aeneas flieht aus der zerstörten Heimat und will sich irgendwo niederlassen, was ihn auf göttliches Geheiß nach Italien führt. Frodo hingegen verlässt seine idyllische Heimat nur, um durch die Vernichtung des Ringes den Frieden der Welt bewahren zu können. Da Aeneas, nach einer neuen Heimat suchend, umhervagabundiert, hat er keine konkreten Feinde, bis er schließlich gegen Turnus um sein Fatum kämpft. Im Gegensatz dazu werden im Buch „Der Herr der Ringe“ die Feinde Frodos und der freien Völker klar definiert und auch dementsprechend dargestellt, so dass hier alle Beteiligten in ihren Handlungen wesentlich teleologischer vorgehen.

    Die Figuren beider Hauptcharaktere sind als solches unterschiedlich: Aeneas ist ein Anführer, Kämpfer und Krieger und, wenn auch mit göttlicher Hilfe von Venus, ein großer Liebhaber. Allein vom Äußerlichen ist Frodo klein, kein Kämpfer und in dem Sinne auch kein Führer einer Gruppe. Jedoch muss Frodo derlei Eigenschaften auch nicht haben, da sie von anderen Charakteren übernommen werden wie zum Beispiel von dem Krieger und Anführer Aragorn. Frodos Merkmale sind primär der sehr starke Wille und seine Aufgabentreue, verbunden mit „Menschlichkeit“ gegenüber anderen, besonders deutlich wird dies bei dem Geschöpf Gollum. Aeneas steht, auch wenn er Gefährten zur Seite hat, als ziemlich vollkommener Held da, jedoch ist er, wenn es sein muss, hart in seinen Entscheidungen (siehe Dido).

    Nach eingangs gegebener Definition beider Genres kann man sagen, dass „Der Herr der Ringe“ von der inhaltlichen Struktur her sich der Fantasy bedient, indem er sich auf eine Anderswelt stützt und das dortige Geschehen, auf gewisse Prämissen aufbauend, realistisch darstellt. Die „Aeneis“ spielt in unserer Welt, bekommt zur Erklärung der Dinge jedoch die Götterwelt aufgesetzt, und orientiert sich beziehungsweise verweist auf reale Ereignisse.

    4 Epische Stilistiken (Seite12)

    Wie von Werner Suerbaum in seinem Werk aufgeführt, kommen in der „Aeneis“ diverse, wenn auch zur Variation tendierende epische Standardelemente zur Verwendung. Während Virgil, wie es in der Antike bei Epen häufiger zu finden ist, durchgehend das daktylische Hexameter als Versmaß seiner Dichtung nutzt, gebraucht Tolkien lediglich eine altertümlicher wirkende, getragenere Sprache, in der er vereinzelt kurze Gedichte einstreut. Auch die Aristie, die Schilderung von Einzelkämpfen, kommt in beiden Werken vor: Wenn in der „Aeneis“ der finale Kampf zwischen Aeneas und Turnus zu nennen ist, können aus dem Buch „Der Herr der Ringe“ das Duell um Leben und Tod zwischen Gandalf dem Grauen und dem Balrog auf der Brücke von Khazád-Dúm in Moria, der Kampf von Merry gegen den Hexenkönig auf den Feldern vor Minas Tirith oder der kurze Endkampf von Frodo und Gollum um den Ring in der Schicksalsklüfte angeführt werden.

    Im Gegensatz zu Vergil legt Tolkien ein größeres Augenmerk auf den Fahrten-verlauf, wenn er zum Beispiel zu Beginn von Buch 1 die Reise durch das Auenland schildert. In beiden Werken werden ebenso diverse Empfangs- und Abschiedsszenen beziehungsweise Schilderungen von Festen und Gastmäh-lern beschrieben, sei es der Empfang des Aeneas bei Dido mit anschließendem Fest oder Bilbos und Frodos Geburtstagsfeier, womit „Der Herr der Ringe“ öffnet.

    Ebenfalls lassen sich Parallelen bei der Schilderung von Gegenständen ziehen: Als herausragendes Beispiel sei in der „Aeneis“ die Beschreibung des Schildes genannt, auf dem Augustus zu sehen ist. Im Werk „Der Herr der Ringe“ wird ein besonderes Augenmerk auf Waffen und ihre zum Teil mystische Herkunft gelegt; so zum Beispiel Andúril, die Flamme des Westens, das Schwert Aragorns oder das bei sich nähernden Orks aufleuchtende Schwert Frodos namens Stich.

    Auffällig ist, dass neben den die augusteische Ära prophezeienden Götterreden Weissager wie Helenus dem Aeneas die Zukunft deuten, hingegen die einzige alte Prophezeiung im Buch „Der Herr der Ringe“ die ist, dass der Hexenkönig nicht durch das Schwert eines Mannes fallen wird. Kurzfristigere Weissagungen dagegen werden häufiger verwendet: Frodo sieht im Spiegel von Frau Galadriel ein versklavtes Auenland. Gandalf reitet, um Hilfe für das bedrängte Helms Klamm zu holen, mit der Aufforderung, am fünften Tage bei Morgenanbruch nach Osten zu schauen, fort.

    Wenn auch im Werk „Der Herr der Ringe“ keine durchgehende, formelhafte Wendung für den Tagesanbruch benutzt wird, so schildert Tolkien doch den Morgenbeginn in Mordor stets sehr düster. Sei es, weil Nebel und in den Lun-gen brennende Luft über dem Land liegt oder die Belastung durch das suchende Auge Saurons steigt beziehungsweise der Anblick des näherkommenden Schicksalsberges allgemein den Mut der beiden Hobbits senkt.

    Auch kommen mehrere Epitheton Ornantes zum Tragen, denn Sam wird häufig als „treu“ bezeichnet und die Zauberer geben sich zur Abstufung ihres Ranges im Zaubererorden Beinamen wie Gandalf der Graue beziehungsweise Weiße oder Saruman der Vielfarbige. Sehr ins Auge fällt, dass Tolkien eigentlich zeitlich parallel stattfindende Handlungen nacheinander erzählt, wie insbesondere im zweiten Teil nach der Spaltung der Gemeinschaft sehr deutlich wird. In der „Aeneis“ sieht man Ähnliches in den Büchern acht und neun, wo einmal Aeneas zwei tagelang, einmal primär Turnus und seine Mannen am troianischen Lager zur gleichen Zeit „begleitet“ werden.

    Der wohl markanteste Unterschied beider Stile ist es, dass Vergil direkt als Er-zähler eingreift, durch Apostrophen handelnde Personen anspricht und dem Leser so Hinweise auf den weiteren Verlauf gibt. Tolkien hingegen hält sich als Erzähler völlig heraus und überlässt es, seinen „Akteuren“, zu reden.

    5 Epilog (Seite14)

    Auch wenn der Erkenntnisprozess nach dreizehn Seiten intensiver Arbeit längst nicht als abgeschlossen angesehen werden kann, ist es durchaus möglich, im Hinblick auf die zugrunde liegende Fragestellung jetzt schon ein Fazit zu ziehen. Da die „Aeneis“ anerkanntermaßen ein Epos mit all seinen Merkmalen ist -und daran nach zweitausend Jahren auch nicht gerüttelt werden soll-, ist die Ausgangsfrage letztlich so zu verstehen: Ist das Buch „Der Herr der Ringe“ in seiner inhaltlichen und stilistischen Struktur ein Epos, wie die „Aeneis“, oder geht Tolkien einen eigenen schriftstellerischen Weg?

    Wie bereits am Ende des inhaltlichen Vergleichs angedeutet, weisen diese Merkmale eindeutig auf ein primär fantastisch geprägtes Werk hin, denn es spielt in einer Gegenwelt und reduziert alles auf gut beziehungsweise böse .

    Betrachtet man nun den Gebrauch von Stilistiken, so entdeckt man schnell eine relativ große Zahl von Vergleichpunkten. Selbst die Tatsache, dass Tolkien sich der Prosa statt der durchgehenden Dichtung bedient, wäre noch kein direktes Argument gegen das Werk als Epos. Als relevanter Unterschied, der zur Abgrenzung herangezogen werden kann, ist zu nennen, dass im Buch „Der Herr der Ringe“ nicht nur Frodo als Hauptcharakter im Mittelpunkt steht, sondern Helden wie Aragorn, Sam und viele Andere sowohl mitentscheidende Rollen in der Geschichte spielen, als auch ein hohes Maß an Sympathie beim Leser aufgrund ihrer Taten hervorrufen. Dies ist in zumindest tragenden Rollen so nicht in der „Aeneis“ gegeben, denn jemand wie Dido ist keine für den weiteren Verlauf relevante Person. Vielmehr ist sie eine Zwischenstation für Aeneas, wo er seine vergangenen sieben Jahre aufarbeiten kann.

    Deshalb auch mein schlussendlicher Standpunkt: „Der Herr der Ringe“ ist ein typisches Fantasy-Werk, wie es das heutige Genre auch geprägt hat, bedient sich aber im starken Maße epischer Stilistiken, um die geschilderte Handlung der Situation entsprechend bedeutend und „weltenbewegend“ darstellen zu können.

    Literatur und Internetverzeichnis (Seite16)

    Keine!

    Bzw. haben sie das Mühlrad der Zeit nicht unzermalmt überstanden. Die Fußnoten, die nur die Quelle schnörkellos angaben und nichts nachsinnierend vertieften, wären mit den URLs eh längst ins Leere gelaufen. Übrige Buchlektüren als Fachliteratur weiß ich konkret nicht mehr. Nur folgende beiden Ausnahmen, die mir der Lateinlehrer aus seinem Fundus spendierte, waren wichtig und prägekräftig, weil sie Tolkien biographisch ausleuchteten (Und Vergil?!? :-D):

    Nachwort zur zweiten unveränderten Auflage

    Zunächst einmal ist diese textlich „zweite unveränderte Auflage“;-) dem Lateinlehrer gewidmet, der auch schon die erste durchlesen musste. Ich habe gehört, dass ihm – zehn Jahre vor der Rente – gesundheitlich übel mitgespielt worden ist und er da einen schweren Schlag erleiden musste. Diesen Geist der Vergangenheit auferstehen zu sehen, wird ihm kein Trost sein können, im Gedanken bin ich aber bei ihm!

    Kann mich noch zu gut erinnern, wie erste Ideen hierzu auf dem Forum des Lateinkurses, also vor inhaltlich unbeteiligten MitschülerInnen, die ihre eigenen „Facharbeitenideen“ wälzten, besprochen wurden. Assoziationen, dass und wonach man denn Unterrichtsstoff „Aeneis“ und „Herr der Ringe“ vergleichen könnte. Seine Begeisterung über das Thema, da seinen profunden Wissens hierzu noch keine/r je was gemacht habe und wie einmalig es allein von daher sei. Dass er mir manch Literatur aus seinem Fundus auslieh, die ich dann verarbeitet habe.

    Und im Ergebnis dann eine „Eins ohne Latein!“ Das nämlich dann die gefeierte Endnote, obwohl ich – kritisch angemerkt – KEINMAL, auch nicht in eine Fußnote ausgelagert, Latein verwendete, sprich keinmal Vergil im Original rezitierte, sondern stets nur paraphrasierte oder in deutscher Übersetzung einstreute. „Nimmt doch nur Platz weg, erst zu zitieren und dann zu übersetzen“, so in etwa mein pragmatischer Gedanke 😀 Eine Platzsparsamkeit, die im Internet-Blog zum Glück nicht mehr gilt ABER sowohl Kapitel- als auch Fußnotennumerierung natürlich!() konsequent römisch beziffert!!!

    So retrospektiv geblickt, ein paar drollige Auffälligkeiten meiner arbeitsamen Herangehensweise, die so nicht mehr in studiosen Hausarbeiten vorkamen noch im Blog so je wieder geplant sind:

    • Einleitung, was ist eine Einleitung? Das war mir damals wohl nicht bewusst – ODER EGAL, zumindest gibt es de facto ja gar keine. Ich lege in Kapitel 1 los, was sonst immer erst Thema und Gegenstand näher definierendes Kapitel 2 übernimmt. Einleitende Worte zur Motivation, Sinn und Zweck der Textauswahl und all derlei verschwiegen, geht es unverzüglich mit Genredefinitionen (besser: -einordnungen) los, eben weil – kommentarlos als klar und bestätigt vorausgesetzt: Axiom – zufälligerweise die „Aeneis“ ein Epos und „Der Herr der Ringe“ Fantasy ist. Wozu dazu langatmig hinführen oder das als pseudo-offen zur Diskussion stellen? Tja, dabei ist noch heute diskutabel, ob “Ohne Tolkien keine Fantasy“?!
    • Content Gap: Wer die fünf Kapitel zuvor las, wird es erahnen – es gibt ein Ungleichgewicht in der tiefenbohrenden Behandlung beider Autoren und deren Texte – dezent formuliert. In der das Thema festsetzenden Hauptüberschrift – zur Erinnerung „Vergleich: Vergils „Aeneis“ und Tolkiens „Der Herr der Ringe“ –
      unter besonderer Berücksichtigung inhaltlicher Vergleichspunkte und epischer Stilistiken“ suggeriert noch eine Gleichwertigkeit, die ich im Fazit geschickt zu meinen Gunsten umformulierte: „Ist das Buch „Der Herr der Ringe“ in seiner inhaltlichen und stilistischen Struktur ein Epos, wie die „Aeneis“, oder geht Tolkien einen eigenen schriftstellerischen Weg?“ AUF EINMAL – und wohl nie so abgesprochen mit besagtem Lateinlehrer – war Tolkiens HdR das Maß aller Dinge, dessen Eigenständigkeit vermutet nur noch mit diesem Altwerk Vergils abzugleichen ist…
    • Detail Gap: Damit einhergehend unübersehbar, dass eines der beiden Werke dem Facharbeitsautoren deutlich näher lag, vertrauter war und ihm die Details hierzu nur so zuflogen, während das andere Werk doch recht rudimentär bleibt. Keine Namen;-) Vermutlich und zur Ehrenrettung dieses Autors, dass er HdR mehrfach vollständig las und noch die Filminterpretationen gut kannte, während Vergils „Aeneis“ bruchstückhaft blieb. Nur detailliert bekannt, wie ausschnittsweise übersetzt worden war im Unterricht, ggf. knappestmöglichst darüber hinaus, vervollständigt retromutmaßlich nur mittels Zusammenfassung O_o Kurzum, es lag eine überdeutliche kognitive Verzerrung vor, nämlich eine Verfügbarkeitsheuristik. Das eine war mental wesentlich besser und mehr repräsentiert und somit gedankendetailreicher verfügbar als das andere; dementsprechend auch übermäßig abgerufen. Nuuun ja…

    Wer noch Augenscheinliches auffindet, kann es gerne melden. In jedem Fall reicht das nicht für den “Hither Shore“, das wissenschaftliche Jahrbuch der Deutschen Tolkiengesellschaft. Auch damals wird es nicht gereicht haben, als die wissenschaftliche Tolkienwelt noch eine kleinere gewesen sein mag.

    Bleibt trotzdem was vom Werk? Eine nette Retrospektive und ein nächster Blogbeitrag – immerhin. Und inhaltlich? Ein Füßchen in der Tür, Tolkiens Werk AUCH auf die europäisch prägendsten Literaturen anzu-wenden, die ihn direkt jedoch nicht inspirierten und an denen er sich so bewusst nicht orientierte. Bekannt, dass er sich als Professor für Altanglistik allerbesten mit den Literaturen Britanniens auskannte und sich intensiv der nordischen Mythenwelt annahm und motivisch stark bediente. Ideen- und narrationsgeschichtlich wirkmächtiger jedoch Homers Epen „Ilias“ und „Odyssee“ und wiederum davon inspirierte „Aeneis“. Gerade weil das abseits der üblichen Inspirationsquellen Tolkiens liegt, lohnt sich hier vielleicht ein näherer – und gekonnterer – Blick, was sich da durch die Hintertür eingeschlichen haben mag.

    Und welch Zufall: gestern (13.07.2021) begonnen, die Facharbeit aufzuarbeiten, das Anlegen von HTML-Inhaltsverzeichnissen zu erlernen und auszuprobieren, da scrollt im Feed die Vorschau zur Sendung vom 14.07.2021 an mir vorbei: SWR2-Forum: „Tolkiens „Der Herr der Ringe“ – Was ist das Geheimnis des Erfolgs?“:

    Mehr als hundert Millionen Mal ist „The Lord of the Rings“ weltweit verkauft worden. Bis heute ist der Fantasy-Roman des englischen Autors J.R.R. Tolkien ein Bestseller. 1969 erschien er erstmals in deutscher Übersetzung, fünfzehn Jahre nach dem englischen Original. Die Geschichte vom magischen Ring, an dessen Vernichtung sich der Kampf zwischen Gut und Böse entscheidet, gilt als Inbegriff der „High Fantasy“. Regisseur Peter Jackson hat das Buch spektakulär fürs Kino verfilmt, Amazon will es jetzt als TV-Serie neu herausbringen. Was macht den „Herrn der Ringe“ zu einem der erfolgreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts? Gregor Papsch diskutiert mit Stephan Askani – Lektor Hobbit Presse, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, Prof. Dr. Thomas Honegger – Anglist und Tolkien-Forscher, Universität Jena, Lisa Kuppler – Übersetzerin, Berlin

    (…damit ist der letztmögliche Sinn der Facharbeit dahingeschmolzen, weil längst beiläufig eingeworfen wurde, dass schon Der Hobbit der Erzählform nach Anleihen an der Odyssee genommen habe – Art der
    Reise, ferne Heimweh des Helden *murmel*)

    Und wer diesen Vergil und sein Hauptwerk kennenlernen will, um nicht wie der Facharbeitsautor Verfügbarkeitsheuristiken erliegen zu müssen: im Beck Verlag erscheint in Bälde ein Büchlein in der Beck Wissen-Reihe: Markus Janka: Vergils Aeneis – Dichter, Werk und Wirkung:

    Die Aeneis des Vergil wurde gleichsam als „römisches Nationalepos“ zum be-rühmtesten Werk der antiken Literaturgeschichte überhaupt. Es erzählt von den Irrfahrten und Kämpfen des trojanischen Helden Aeneas, der schließlich zum mythischen Ahnherrn der Römer wird. Markus Janka stellt in seiner modernen Einführung die Protagonisten der Aeneis vor, erhellt die Grundzüge der Handlung, ordnet das Werk in das Œuvre Vergils ein, erklärt die Besonderheiten der dichterischen Komposition, erläutert die Bedeutung dieses Epos für die augusteische Zeit und ihre Ideologie und erschließt seinen literaturhistorischen und rezeptionsästhetischen Stellenwert.

    Bodenlos

    Hallo Mitwelt.

    Nach letztmaligem Missmut, einplastifiziert zu sein in einem life in plastic, tut nun ein Blick voraus Not und zzwar ein visionärer, was möglich geworden sein wird. Nicht ins Jahr 2000 blicken wir zurück in die Zukunft, sondern wir reisen ins Jahr 2050, 29 Jahre hinkünftig, wenn die Freitags von Übermorgen nicht nur Märchen sind. Ein Rückblick aus dem Jahre 2050 auf das Jahr 2021 mag verhelfen, das Jetzthandeln mithilfe von imageneering wirkmächtig auszurichten, um Ermöglichungsräume zu schaffen.

    Es geht also um nachhaltiges Handeln, das vielfach schon jetzt möglich ist, jedoch von den Einzelnen noch gezielte Aufmerksamkeit, Bewusstwerdung des Möglichen abverlangt und zumeist auch noch mehr Geld kostet. Sprich, nachhaltig zu handeln, sich zu ernähren und kleiden – leben, ist NOCH ein Schwimmen gegen den Strom, ein Handeln entgegen die Beharrungskräfte der Strukturen unserer Externalisierungs- =Auslagerungsgesellschaft. Fokus heute allerdings auf der Ernährung und diese ermöglichende Land- und Viehwirtschaft. Es läuft auf die Frage hinaus, ob Ökolandbau Europa ernähren kann. Eine schon mehrfach mit Ja beantwortete Frage, weshalb sie als nicht handlungsleitend wegignoriert wurde. Ganz aktuell und Anlass für heutigen Beitrag jedoch eine Studie…

    1. Die Studie

    Die Studie “Reshaping the European agro-food system and closing its nitrogen cycle: The potential of combining dietary change, agroecology, and circularity“ – zusammengefasst in scinexx geht der Frage nach, ob und vor allem wie Europa (schon!) im Jahr 2050 nachhaltig ernährt werden könnte. Zentral bei der Betrachtung ist der Stickstoffkreislauf bzw. –zyklus, bei dem der Stickstoff aus der Atmosphäre, die er zu 78% ausmacht, kreisförmig in Lebewesen verstoffwechselt und wieder ausgeschieden wird und so zum „Brennstoff für die Biosphäre“ geworden ist. So wichtig und doch oxidativ auf Dauer tödlich der Sauerstoff ist, so aufbauend wirkt der Stickstoff als wesentlicher Bestandteil von Proteinen.

    Dass der Stickstoffkreislauf trotz seiner Engpässe funktioniert, zeigen Stoffbilanzen und Abschätzungen. Demnach wurde der verfügbare Stickstoff während der Erdgeschichte im Durchschnitt schon 900- bis 1000-mal von Lebewesen in ihrenKörper eingebaut und wieder ausgeschieden, während er jedoch rund 900.000-mal ein- und ausgeatmet wurde, ohne dass er dabei chemisch verändert wurde. Zum Vergleich: Der Luft- und ozeanische Sauerstoff der Erde wurde bisher im Durchschnitt rund 60-mal von der „Fabrik Leben“ benutzt, in Biomasse eingebaut und wieder ausgeschieden.

    Wikipedia

    Die Bedeutung für die „Fabrik Leben“ ist also kaum zu überschätzen, weshalb eine Landwirtschaft entlang dieses Zyklus zu denken nur – sozusagen – „natürlich“ wäre. Doch hat der weise Mensch sich aus diesem Äonen währenden Zyklus mutwillig ausgeklinkt, indem er massenhaft künstlichen Stickstoffdünger eingetragen hat und so die (Stick)Stoffkreisläufe in seinem – kurzsichtig-einäugigen Sinne manipulieren zu können glaubte. Die lange ignorierten Nebenfolgen treten zunehmend unübersehbar zutage (hierzu weiter unten noch: 2.1), weswegen sie nun wieder einzupreisen richtig innovativ und visionär ist (Sarkasmus!).

    Doch womit befasst sich die Studie nun eigentlich?

    Ein Team um Gilles Billen von der Universität Paris hat nun die landwirtschaftliche Entwicklung in Europa seit 1960 untersucht und analysiert, wie sich bis 2050 eine nachhaltige Landwirtschaft schaffen lässt, die alle Menschen in Europa ernähren kann. Einen Fokus legten die Forscher dabei auf einen möglichst effizienten Stickstoffkreislauf.

    scinexx

    Denn:

    „Die bisher zu beobachtende Entwicklung des europäischen Agrar- und Ernährungssystems ist durch eine niedrige Effizienz bei der Nutzung von Nährstoffen und durch schädliche Stickstoffverluste in die Umwelt gekennzeichnet, die die Wasser-, Luft- und Bodenqualität gefährden und zum Klimawandel beitragen“, erläutern die Forscher.<

    Scinexx

    Ihre Analyse des Status quo stellt ein Auseinanderdriften und Nebeneinherarbeiten von Land- und Viehwirtschaft fest; ein klassischer Fall von soziologisch so genannter Ausdifferenzierung bzw. Binnendifferenzierung, wo zunehmend spezialisierte Aufgaben von Teilsystemen des Ganzen für das Ganze funktional übernommen werden:

    Die Analyse von Billen und seinen Kollegen zeigt: Im Vergleich zu den 1960er Jahren ist die menschliche Ernährung stickstoffreicher geworden, enthält also mehr Proteine. Während 1961 nur 35 Prozent der aufgenommenen Proteine aus tierischen Quellen stammten, ist dieser Anteil bis 2013 auf 55 Prozent gestiegen. Zugleich hat sich die landwirtschaftliche Fläche in Europa verringert, was auf eine intensivere Bewirtschaftung der besten Flächen zurückzuführen ist.

    Außerdem ist eine zunehmende Spezialisierung zu beobachten, die dazu führt, dass Viehhaltung und Ackerbau mehr und mehr voneinander getrennt werden. Während die stickstoffreiche Gülle mancherorts zum Problem wird und das Grundwasser belastet, sind Bauern andernorts auf synthetischen Stickstoffdünger für ihr Getreide angewiesen.

    Scinexx

    Wären sie mal zusammengeblieben oder hätten sinnvoll miteinander kommuniziert, als getrennt voneinander für sich zu agieren. Ein sinnhafter Aufeinanderbezug wäre gewiss möglich gewesen… Um trotzdem eine nachhaltige Ernährung zu realisieren, muss das Kunstwerk auf drei, entgegen des Status quo eng vernetzten Säulen fußen. Von Nöten sind demnach:

    • “lange, diversifizierte Fruchtfolgen, bei denen stickstofffixierende Zwischenfrüchte wie Klee und Hülsenfrüchte dem Boden auf natürliche Weise Stickstoff zuführen“ (scinexx), was das Ende der monokulturellen Herrschaft auf den Äckern bedeutete,;
    • eine engere Verzahnung zwischen Ackerbau und Viehzucht, damit es hier zu einem „Geben und Nehmen“ von natürlich anfallenden Stickstoff (Dung-Dünger) nach Bedarf kommen und man auf Kunstdünger verzichten kann, sowie
    • weniger tierische Produkte in der Ernährung, die bzw. deren Produktion ein Haupttreiber der naturzerstörung sind. Ein „Ernährungsmix mit 45 Prozent Getreideprodukten, 15 Prozent frischem Obst und Gemüse, zehn Prozent Hülsenfrüchten und 30 Prozent tierischen Produkten wie Fleisch, Milch und Eiern“ (scinexx) ist demgegenüber empfohlen. D.h., dass der tierische Proteinanteil in der Ernährung auf bzw. sogar unter das Niveau von 1961 (35%) zurückzugehen hat.

    Das ergäbe folgende Sachlage:

    Da ein solches System eine weniger intensive Landnutzung erlaubt, würden die Ernteerträge geringer ausfallen als bisher, prognostizieren die Forscher. Ausgeglichen würde dies dadurch, dass ein höherer Anteil davon für die menschliche Ernährung zur Verfügung stünde. „Aktuell dienen 75 Prozent von Europas Getreideproduktion als Viehfutter, zusätzlich zu Importen aus den USA und Südamerika“, erläutern die Autoren.

    Würden die Tiere hingegen schwerpunktmäßig lokal ernährt, idealerweise mit Gras und den für Menschen schlecht verwertbaren Teilen von Getreidepflanzen, bliebe trotz geringerer Ernten ausreichend Getreide übrig. Die Tierbestände würden in dem von den Forschern vorgeschlagenen Szenario so reduziert, dass sie mit lokal nachwachsendem Futter auskommen und die produzierte Gülle daran angepasst ist, was im Ackerbau benötigt wird. So würde auch das Grundwasser geschont.

    Scinexx

    Summa summarum ernährten sich die Menschen gesünder, wäre Europa zum Selbstversorger geworden, hätte man eine ökologische, kontinentale Grenzen nicht überfordernde Land- und Viehwirtschaft ohne toxische Nebenfolgen etabliert, könnte so viel an Hinterherräumen sparen, leistete einen Beitrag zur Biodiversität auch auf und nahe den Äckern, müsste nicht länger ökosoziale Nebenfolgen durch die Produktion des Nahrungsbedarf auslagern. All das abverlangte jedoch eine Umstellungs- und Anpassungsleistung bei Produzenten wie Konsumenten, diese sich anders ernähren müssten, damit / weil jene anders produzieren.

    2. Hintergründe

    Zur Vertiefung ein paar Aspekte aufgegriffen und schlaglichtartig angeleuchtet, die zusammengefasste Studie voraussetzt.

    2.1 Am Stickstoff ersticken

    Wie steht es denn um den anthropogen manipulierten Stickstoffkreislauf, welche Auswirkungen zeitigt der Eintrag von Kunstdünger durch den Menschen in die Ökosystemen? Hierfür geblickt in ein schon 2015 publiziertes Gutachten des hiesigen Umweltrats (Sachverständigen Rat für Umweltfragen!), der der Bundesregierung fachberatend zur Seite steht. Scinexx berichtete, beim Umweltrat ist die Kurzfassung “Stickstoff: Lösungsstrategien für ein drängendes Umweltproblem“ einseh- und downloadbar. Demnach:

    Seit Jahren gelangen aus Landwirtschaft und Tierhaltung gefährlich viel Stickstoff in Wasser, Luft und Böden. Nitrat kann so das Trinkwasser erheblich belasten. Durch die Überdüngung vermehren sich außerdem stickstoffliebende Arten von Mikroorganismen, es kommt zu Algenblüten und einem Verlust der Artenvielfalt.

    Nicht zuletzt tragen Stickstoffverbindungen zum Klimawandel bei: Das Distickstoffmonoxid Lachgas entsteht zwar in vergleichsweise geringen Mengen, ist jedoch ein rund 300 Mal stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid. Es tritt ebenfalls aus Düngemitteln aus, entsteht jedoch auch in Verkehrs- und Industrieabgasen.

    Scinexx

    • 2009 waren beinahe die Hälfte der natürlichen und naturnahen Ökosysteme von Überdüngung betroffen;
    • etwa 27 Prozent des Grundwassers seien wegen eines zu hohen Nitratgehaltes in schlechtem Zustand;
    • die Effizienz der Stickstoffdüngung ist „stark verbesserungsbedürftig“, denn nur 60% des gedüngten Stickstoffs finden sich in den Endprodukten, sprich den pflanzlichen Proteinen wieder; weltweit ist das Verhältnis ausgebrachten Stickstoffdüngers zu geernteten Proteinen noch schlechter.

    Letzteres nennt man Verschwendung, weil man offensichtlich zu viel hat und nicht nachzudenken zu müssen meint. Düngertanks sind doch voll, wozu komplizierte Einsparverfahren umständlich ersinnen. Dabei…

    Senken ließe sich die Menge der Stickstoffemissionen auf mehreren Wegen: In moderneren Düngeverfahren etwa lässt sich der Zustand der Pflanzen zunächst überprüfen, so dass anschließend nur so viel Dünger ausgebracht wird, wie wirklich nötig ist. Auch lässt sich der Dünger so in den Boden injizieren, dass weniger Stickstoffverbindungen in die Atmosphäre ausgasen können. Die DUH fordert außerdem, alte Kohlekraftwerke abzuschalten und höhere Anforderungen an die Automobilindustrie zu stellen, um Stickoxid-Emissionen drastisch und wirkungsvoll zu senken. Nur so könnten sich Stickoxide in Städten reduzieren und die EU-Grenzwerte einhalten lassen.

    Scinexx

    Zur Möglichkeit einer Senkung der Kunstdüngung siehe Abschnitt 2.2; die Sache mit dem betrugsmäßig Mehr an ausgestoßenen Stickoxiden deutscher Vierräder erhält so nochmal eine ganz neue Dimension, die meiner Erinnerung von 2015 an so kaum je kommuniziert worden ist. Auch per Auspuff greift der Mensch in den Stickstoffkreislauf ein, nur leider wie meist unbedacht, wie mit Schrotflinte ziellos in den Wald hinein. Und wer hoffte, dass seit 2015 doch lange sechs Jahre proaktiven handelns vergangen sind: bezüglich Nitrat im Grundwasser leider nein. Es scheint, als hätte man es in die Hände des euphemistisch Verkehrs- genannten Immobilitätsministeriums gelegt, das es seither ausgesessen hat. Denn die deutsche Handlungshomöopathie hat zu einer angemahnten Strafzahlung durch die EU-Kommission geführt, die längst ratifizierte Vorschriften einzuhalten erwartet. „Nur ein kleines Problem“…

    Aktueller die 2020 erschienene
    Nature-Studie: “A comprehensive quantification of global nitrous oxide sources and sinks“, wiedergegeben nach Br online. Die Studie konzentriert sich allein auf Distickstoffmonoxid / Lachgas, das 100-120 Jahre in der Atmosphäre verbleibt und dreihundertmal so stark aufs Klima einwirkt wie CO2; eine Tonne lachgas entspricht folglich 300 Tonnen CO2.

    Das eingerechnet, macht Lachgas derzeit etwa sieben Prozent derTreibhausgasemissionen aus, nach Kohlendioxid (rund siebzig Prozent) und Methan (zwanzig Prozent). Aber anders als CO2 oder Methan kann Lachgas nicht so leicht eingespart werden. Denn der Großteil des Distickstoffmonoxid-Ausstoßes stammt aus der Natur – Böden und Ozeane emittieren fast 10 Millionen Tonnen Lachgas pro Jahr[…]

    Doch der vom Menschen verursachte Anteil an den N2O-Emissionen nimmt beständig zu[…] In den vergangenen vier Jahrzehnten hat er sich um dreißig Prozent gesteigert auf inzwischen 7,3 Millionen Tonnen pro Jahr. Das sind über vierzig Prozent der jährlichen Lachgas-Emissionen.

    Es wird immer mehr Lachgas freigesetzt: In den vergangenen 150 Jahren hat die Menge von Lachgas in der Atmosphäre um zwanzig Prozent zugenommen. Auch der N2O-Ausstoß steigt – Inzwischen um zwei Prozent pro Jahrzehnt.

    BR online

    Man beachte dringend: in 150 Jahren ein Anstieg um 20%, aktuell Anstiege um 2% pro Jahrzehnt. Da 150 Jahre 15 Jahrzehnte sind, 20 aber nicht die neuen 30%, muss der Anstieg lange ausgeblieben oder weit unter 2% gelegen haben; andersherum droht es gerade steil abzugehen, sprich Lachgas geht exponential! Wo sind die Lauterbäche, wenn man sie braucht, um die Kurve abzuflachen??? Und fatal, dass es just jetzt anzieht, wo der Mensch proaktiv intensiv mitspielt, es also zunehmend (momentan besagte 40% Mittäterschaft) seine Spielweise ist. Nur die gewieftesten Verdränger können noch unbeteiligt weggucken.

    Rund 17 Millionen Tonnen werden jährlich emittiert, was beim Faktor 300 rund 5,10 Milliarden Tonnen CO2 entspräche – ein beachtlicher Batzen, der umso relevanter wird, da Lachgas nicht nur ein Treibhäuslebauer ist. Nein, es wirkt sich auch noch ungut auf die Ozonschicht aus (science.ORF.at):

    Der Polarwirbel ist ein Tiefdruckgebiet in der Stratosphäre in 15 bis 50 Kilometern Höhe, das sich in jedem Herbst über der Arktis bildet und unterschiedlich lange über den Winter bis in das Frühjahr hinein bestehen bleibt. Die Dichte der Ozonschicht über der Arktis schwankt im Jahresverlauf und erreicht stets im Frühjahr ihren geringsten Wert. Im Frühjahr 2020 war von „Mosaic“-Forschern ein Rekordverlust registriert worden: Im Höhenbereich des Ozonmaximums waren demnach etwa 95 Prozent des Ozons zerstört. Die Ozonschicht-Dicke sei dadurch um mehr als die Hälfte reduziert worden – obwohl die Konzentration ozonzerstörender Substanzen seit der Jahrtausendwende sinke.

    […] Der komplexe Mechanismus dahinter sei zumindest teilweise bekannt, hieß es vom AWI: Dieselben Gase, die an der Erdoberfläche zur globalen Erwärmung führen, fördern demnach eine Abkühlung der höheren Luftschichten in der Stratosphäre. Vermutlich trügen auch Änderungen in den Windsystemen im Zuge des Klimawandels zu den tieferen Temperaturen im Polarwirbel bei.

    Science.ORF.at

    Obwohl man direkt schädigende Gase wie allen voran FCKW hat ausmerzen können, hat Mensch es geschafft, auf reichlich indirekten Wegen die identische Wirkung zu bewirken. Mensch gibt nicht auf und lässt sich von einem kaputten Ozonloch doch nicht vorschreiben, wann er was zu emittieren hat! Und nein, die Arktis ist wettertechnisch nicht fern genug – dort defekte Ozonschicht kann bis nach Europa hinein wabern. Keine guten nachrichten für Sonnenanbetende.

    Und dann noch das: Mikroorganismen halten sich AUCH nicht an die Vorschriften – die Denitrifikation,die Verwertung von Nitrat zu Stickstoff oder auch Lachgas, verläuft anders. Letzteres, so die langzeitige Annahme, entweiche nur von feuchten Böden, nur in denen es lustig gärt. Nein, Mikroorganismen bekommen das auch in trockenen Böden hin, erst recht wenn sie wiederbefeuchtet werden. Nur gut, wenn wir feuchte Moore austrocknen und die Evapotranspiration den Rest übernimmt. Trockengebiete, gelegentliche Starkregen – das Beste vom Besten.

    2.2 Bioeffektoren statt Stickstoffdünger

    Wie angedeutet, gibt es sehr wohl bereits bekannte Möglichkeiten, zumindest mal den Kunstdüngeraustrag zu minimieren. Spannend hierzu das Scinexx-Dossier von 2019 “Wege aus dem Düngerdilemma gesucht: Bioeffektoren könnten die Landwirtschaft umweltfreundlicher machen“:

    Das Problem ist klar: Auf unseren Feldern und Äckern werden zu viel Dünger und Gülle ausgebracht. Die Folge sind überdüngte Gewässer, verunreinigtes Grundwasser und andere Umweltschäden. Doch ganz ohne Dünger geht es auch nicht, wenn man hohe Erträge möchte. Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma könnten Wissenschaftler nun gefunden haben.

    Das Konzept: Man nutzt bestimmte Mikroorganismen und bioaktive Substanzen, um die Nährstoffaufnahme der Pflanzenwurzeln zu verstärken. Durch solche Bioeffektoren können die Pflanzen den vorhandenen Dünger besser ausnutzen. Als Folge müssen die Bauern weniger düngen, erreichen aber trotzdem hohe Erträge. Gleichzeitig bleibt im Boden weniger ungenutzter Dünger übrig, der Gewässer und Grundwasser belasten könnte.

    Scinexx-Dossier

    Das problem beim Fachbegriff benannt: Eutrophierung, Altgriech. „gut nährend“, womit die unerwünshcte, weil unkontrolliert übermäßige nährstoffliche Anreicherung von Ökosystemen gemeint ist, im Speziellen die anthropogene (menschverursachte) Version davon. Dadurch steigert sich die sogenannte Primärproduktion, sprich die Biomasse nimmt durch Pflanzenwachstum zu. Und weil das für auf Wachstum getrimmte Menschen pauschal einfach immer gut ist, hat das auch quasi niemanden gestört. EINE Folge ist jedoch die Sauerstoffzehrung, die Sauerstoffverbrauchsrate wie nur der Deutsche auch sagt. In Gewässern ist sie ein wesentlicher Anzeiger dafür, wie es um die Aktivität der aquatischen Lebewesen bestellt ist. Je höher die Rate, desto aktiver die Aquas, umso ausgezehrter der Sauerstoff. Bis es kippt und hypoxisch wird.

    Aber zurück zu den besagten Bioeffektoren, die Abhilfe bei Kunstdünger versprechen:

    Weil der Nachschub für mineralische Dünger knapp und aufwendig herzustellen ist, sind Alternativen gefragt. Erste Lösungsansätze sind Alternativen auf Recycling-Basis. Zu diesen gehören kompostierter Haushaltsabfall, Aufbereitete Rückstände aus dem Abwasser, Aschen, Stallmist, Gülle, Abfallstoffe aus der Tierverwertung und Gärrückstände aus Biogasanlagen.

    „Ein Problem besteht hier vor allem darin, dass die nötigen Nährstoffe in diesen Düngern häufig nicht durchgängig in ausreichender Menge vorhanden oder pflanzenverfügbar sind“, erklärt der Pflanzenphysiologe Günter Neumann von der Universität Hohenheim. „Sie werden durch die Aktivität von Bodenorganismen erst langsam freigesetzt und können auch pflanzenschädliche Nebenwirkungen entwickeln.“

    Scinexx-Dossier

    Bioeffektoren sind aber anderen Kalibers, auch weil zuvor genannte Optionen nicht in ausreichender Menge verfügbar sind oder das sehr unstet je Region. Daher kommen für Bioeffektoren in Betracht:

    Einen anderen Ansatz verfolgen deshalb Günter Neumann und sein Team. Sie setzen auf sogenannte Bioeffektoren. Dies sind Mikroorganismen wie zum Beispiel Bakterien und Pilze, aber auch bioaktive Substanzen aus organischen Extrakten, die die Pflanze bei der Aufnahme von Nährstoffen aus Boden und Dünger unterstützen.

    [..]Der große Vorteil: Weil die Pflanze die vorhandenen Ressourcen effektiver nutzt, wird weniger zusätzlicher Dünger benötigt. „An der Wurzel platziert können Bioeffektoren den Pflanzen helfen, durch Förderung des Wurzelwachstums oder durch Mobilisierungsprozesse leichter an die Düngernährstoffe heranzukommen und diese effizienter zu nutzen“, erklärt Neumann. „Dadurch muss weniger Dünger ausgebracht werden.“ Das gelte sowohl für organische als auch für Mineralstoffdünger.

    Scinexx-Dossier

    Eine wahrlich mindestens radikale, wenn nicht gar revolutionäre Innovation
    – nur rund >450 Millionen Jahre verspätet, was sich Homo sapiens im Hirn ausgebrütet hat. Gut Ding will Weile haben, eine biopsychosoziale Entschleunigungsstrategie #SapiensExklusive. Denn schon während der ersten Grünen Revolution, dem Landgang der Pflanzen, hatte sich titellose Evo Lution solch symbiotische Tricks schon ausgedacht:

    Eine „Freundschaft“ bildete offenbar die Grundlage der grünen Revolution auf unserem Planeten: Forscher präsentieren neue Hinweise darauf, dass die pflanzliche Besiedlung des Landes vor rund 450 Millionen Jahren durch eine symbiotische Beziehung mit Pilzen möglich wurde. Sie konnten zeigen, dass sogar die simplen Lebermoose – die als lebende Fossilien gelten – ihren Pilzpartnern Lipide als „Handelsgut“ anbieten – ähnlich wie die hochentwickelten Pflanzenarten. Bei Algen gibt es die entsprechende Lipid-Biosynthese hingegen nicht. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass dieses System auf die Zeit zurückgeht, als die ersten Gewächse mit der Unterstützung ihrer Pilzpartner das Land ergrünen ließen.

    Zitiert nach wissenschaft.de

    Kein Grund, traurig zu sein, dass es höchstens auf menschmikroskopisch kleiner und kurzbelebter Ebene wie eine Innovation erscheint, was evolutionärer Standard immer schon war. Aber gerade dank bald halbmilliardenjähriger Erprobung darf das Verfahren als gut erforscht und sicher gelten, auch wenn man sich bei der Erfassung der detailreichen Komplexität noch schwer tut. Daten unzureichend für sinnvolle Antwort Nicht aufgeben – wird schon!

    2.3 Erhöhter Ökoflächenbedarf?

    Nicht immer jedoch ist Biolandbau, der ohne Stickstoffdünger auskommt, eine Lösung. Denn durch den erhöhten Flächenbedarf sind oft zusätzliche Lebensmittelimporte notwendig, die im schlechtesten Fall sogar zu höheren Treibhausgasemissionen führen.

    Scinexx zur unter 1. Genannter Studie

    Passend hierzu eine Nature Communications-Studie: „The greenhouse gas impacts of converting food production in England and Wales to organic methods“ – Zusammenfassung nach Daniela Albat bei scinexx. Stand 2019 will man ergründet haben:

    Öko-Dilemma: Der Umstieg auf ökologische Landwirtschaft hilft zwar der Natur, wirkt sich aber nicht unbedingt positiv auf das Klima aus. Wie eine Studie am Beispiel von England und Wales zeigt, kann es im Gegenteil sogar zu einem vermehrten Ausstoß von Treibhausgasen kommen. Schuld ist der erhöhte Flächenbedarf des Biolandbaus. So müssen bei einer Umstellung auf „Bio“ in diesen Ländern mehr Lebensmittel aus dem Ausland importiert werden. Trotz regionaler Einsparungen steigen die Emissionen dadurch insgesamt an, berichten die Forscher im Fachmagazin „Nature Communications“.

    Scinexx

    Bei Bedarf ebenda selber weiterlesen. Meine skeptische Formulierung „will man ergründet haben“ lässt schon durchklingen, dass ich die Annahmen, gesetzten Axiome, für fragwürdig bis schlicht falsch halte. Siehe den rant (nicht nur;-) ) in Abschnitt 4 Die Forscher*innen implizieren und unterstellen mehrere Invarianten, unveränderliche Gegebenheiten, als wären sie naturgegeben nicht anders möglich, obwohl sie kontingent, anders möglich sind. Denn egal welche Art von Landbau, konventionell oder Öko, in jedem Falle ist es nicht unveränderbar „natürlich“, sondern stets menschengemacht „kultürlich“! Nichts MUSS so, dass man zwangsweise massenhaft importieren müsste, nur weil Ökolandbau etwas mehr Fläche einnimmt für identischen Ertrag. Externalisierungsgesellschaft ist kein Schicksal, sondern nur eine Bequemlichkeit. Außerdem irreführend – errare humanum est – sind die angebauten Pflanzen…

    3. Mix statt Mono

    Was soll denn nun mit denen schon wieder nicht stimmen? Von mangelnder Robustheit gegen klimakrisenhafte Neuzustände und damit einhergehender altbekannt intensivierter oder neu aufkommender Krankheiten abgesehen? Sie sind ausschließlich auf Ertrag, also auf exzessives, erntefreundliches Wachstum gezüchtet, was ohnehin schon den Fokus weglenkt von u.a. Abwehrkräftigkeit. Einst prima, um der Malthusianischen Falle entgangen zu sein. Vor allem sind sie aber auch auf Monokultur gezüchtet, sollen also tunlichst in monokulturellem Anbau allein unter sich und ihresgleichen wachsen und ertragreich gedeihen. Monokulturelle Ertragsoptimierung kurzum. Versuche, mit samenfesten Sorten die Ernährung zu sichern, sind ein vergleichsweise neuer oder neubelebter Trend, alte Kulturpflanzen sozusagen wiederzubeleben und sie wegen größerer Robustheit, Widerstandsfähigkeit bei zugegeben geringerem Ertrag, dafür i.a.R. besserem Geschmack in Umlauf zu bringen. Das wider den Widerstand monokulturalisierter Konzernstrukturen, die in großem Maßstab die OptiPlants hergestellt haben und deren nicht samenfesten Anbau profitabel kontrollieren.

    Hierzu eine Nature Plants-Überblickstudie: „Syndromes of production in intercropping impact yield gains”, worüber science.ORF.at berichtet. Was in obiger Fokusanker-Studie (Abschnitt 1) eine der drei fundamentalen Säulen ist, nämlich der Zwischenfruchtanbau, wird in dieser Studie nun näher beäugt.

    Beim Intercropping oder Zwischenfruchtanbau wachsen auf einem Feld gleichzeitig zwei oder mehr Kulturen: Einige Reihen Mais wechseln sich beispielsweise mit einigen Reihen Bohnen ab. Die Pflanzen profitieren vielfach von der Nähe zu anderen Kulturen, die Bodenbeschaffenheit verbessert sich, und die Erträge wachsen.

    science.ORF.at

    Wichtig: Die Studie hat NUR die konventionelle Landwirtschaft betrachtet, weil… Sonst ein Teil der Antworten die Konventis verunsichert hätte? Im Ergebnis kam raus, wenn man Intercropping betreibt, erhält man

    • pro Hektar im Schnitt und quer durch die angebauten Pflanzensorten EINTAUSENDFÜNFHUNDERT KILOGRAMM mehr Ertrag als auf Monokulturwüsten!<
    • DAS VIERFACHE an Ertrag, wenn Mais eine der mitangebauten Mischwächsler gewesen ist.

    Der gewagte Schluss, der gewiss noch näher zu erforschen ist (Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme): „Zwischenfruchtanbau sei also ein wichtiger Schritt für die konventionelle Landwirtschaft“. Hört hört! Zum Glück gibt es die Wissenschaft, die Wissen schafft, sonst hätten wir es nicht gewusst.

    Ergebnisse, die den Agrarökologen Michael Hauser nicht überraschen. Er forscht derzeit in Kenia am ICRISAT, einer Forschungseinrichtung, die Lebensbedingungen und Ernährungssicherheit in Subsahara-Afrika verbessern möchte. Beim Zwischenfruchtanbau handle es sich um eine alte Technik, die nun von der industriellen Landwirtschaft entdeckt werde. „Das Intercropping haben nicht Wissenschaftler entwickelt, sondern Bäuerinnen und Bauern über viele Jahrhunderte hinweg“, so Hauser.

    science.ORF.at

    “entdeckt“ wie Kolumbus das indigen seit Jahrtausenden bewohnte Amerika? Nennt man sonst raubkopierende Piraterie, wenn es bspw. die bösen Chinesen als Gelbe Gefahr plagiierend wagen. Stellen Wissenschaftler Offensichtliches aus dem Kulturellen Gedächtnis der Menschheit hingegen fest, ist es eine Innovation. Mal drüber nachdenken, was das über die Kulturelle Demenz des Westens aussagt. Denn:

    Im 18. und 19. Jahrhundert sei der Zwischenfruchtanbau auch in vielen Regionen Subsahara-Afrikas weit verbreitet gewesen, so Hauser. Doch die Kolonialherren stellten die Technik unter Strafe, weil sie ihrer Vorstellung einer korrekten Landwirtschaft widersprach. Dabei habe das Intercropping gerade in trockeneren, klimatisch unberechenbareren Regionen entscheidende Vorteile, erklärt Hauser.

    science.oRF.at

    UNTER STRAFE, weil keine KORREKTE LANDWIRTSCHAFT? Zum Fremdschämen, ich bin zutiefst entsetzt und kann für diese irren Vorfahren nur um Gnade bitten. Sie waren imperial-zivilisatorisch schwer psychotisch und der Realität evidenterweise entrückt[1]. Jüngst ein SWR2-Wissen von 2010 zufälligerweise nochmal nachgehört. Nicht mehr online verfügbar, schade. Da ging es um einen australischen Waldmacher, der gegen das koloniale Erbe in Afrika ankämpfte. Denn besagte Psycotiker hatten der indigenen Bauernschaft den irren Gedanken eingepflanzt, Bäume auf und an Äckern seien schädlich, würden den Boden aussaugen und auslaugen und gehörten massenhaft abgeholzt. Denn viel wichtiger stattdessen der Anbau von Exportfrüchten für die Kolonialherren! Das liegt auch auf der Hand – was auch sonst! Dumm nur, dass in totaler, pervertierter Verkehrung realer ökologischer Umstände Bäume wesentlicher Biotopanker für ein gedeihlichen Acker sind, Schattenspender für kleine Pflanzen, wurzelnde Bodenauflockerer, Wasserbeschaffer usw. usf. Also bloß das zuvor auch vor Ort traditionale Wissen für dumm verkauft und das Gegenteil gepredigt[2]. Und jetzt plagiierende Wissenspiraterie, die als große Innovation den wohlklingenden Marketingsprech Intercropping erhält, um für Hipster anschlussfähig zu werden.

    Überlebenswichtige Vorteile des hipstercoolen Intercropping nämlich:

    Weil sich die Bäuerinnen und Bauern beim Zwischenfruchtanbau nicht auf eine einzige Kultur fokussieren, sinkt das Risiko für komplette Ernteausfälle. Darüber hinaus stehen den Menschen in der Region unterschiedliche Nutzpflanzen und damit Nahrungsmittel zur Verfügung, das verbessert die Versorgung mit Nährstoffen. Das gilt vor allem für Hülsenfrüchte, wie Bohnen oder Linsen, die proteinreich sind und im Zwischenfruchtanbau besser gedeihen.

    Durch die Mischkultur haben die Menschen gerade in ärmeren Ländern die Möglichkeit, teurere Produkte wie Hirse anzupflanzen und größere Gewinne zu machen, weil die Risiken eben insgesamt kleiner sind. „Das heißt, Intercropping ist bei Weitem nicht nur vorteilhaft für die industrielle Landwirtschaft, aber die entdecken diese Vorteile eben erst jetzt“, so Hauser.

    science.ORF.at

    Ergänzend eine weitere Nature Plants-Studie:“ Diversity increases yield but reduces harvest index in crop mixtures”, wissenschaft.de berichtet.

    Vor allem im ökologischen Gemüseanbau und in Privatgärten nutzt man […] bereits die Vorteile der Mischkultur: Dabei wechseln sich Reihen von Möhre, Zwiebel, Salat und Co ab – mehrere Nutzpflanzenarten oder Varietäten werden nebeneinander angebaut.

    Dabei kommt ein natürliches Prinzip zum Tragen: Ökosysteme können ihre Funktionen besser erfüllen und mehr Biomasse bilden, wenn die Artenvielfalt groß ist. Der positive Effekt auf die Pflanzenproduktivität ist dabei auch bereits im Fall von Agrar-Ökosystemen bekannt: „Forschung in landwirtschaftlich genutztem Wiesland hat gezeigt, dass vielfältigere Wiesen produktiver sind als solche, die nur aus einer oder wenigen angesäten Arten zusammengesetzt sind“, sagt Christian Schöb von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Für den Ackerbau gab es aber bisher kaum vergleichbare Studien. Deshalb haben Schöb und seine Kollegen nun untersucht, inwieweit sich Mischkulturen auch im Anbau von Pflanzen günstig auswirken, bei denen der Samenertrag im Vordergrund steht.

    wissenschaft.de

    Auf zwei Experimentalanbauflächen – in der Schweiz sowie in Spanien – wurden in festgelegten Reihen und Abständen zwei bis vier Pflanzen pestizid- und düngerfrei kombiniert: Weizen, Hafer, Koriander, Quinoa, Linsen, Lupine, Lein und einen Verwandten des Raps. Ergebnis:

    Der Vergleich mit den Samenerträgen der gleichen Pflanzenarten in Monokultur ergab: Schon ab Mischungen von zwei Arten stieg er um drei Prozent in Spanien und um 21 Prozent in der Schweiz. Säten die Forschenden vier Arten nebeneinander an, betrug der Mehrertrag sogar 13 beziehungsweise 44 Prozent in Spanien und der Schweiz. Den erzielten Mehrertrag führen die Forscher auf den Biodiversitätseffekt zurück. Es zeichnet sich demnach ab, dass auch bei diesen Ackerkulturen die Vielfalt eine bessere Ausnutzung der verfügbaren Ressourcen ermöglicht und vor allem eine bessere, natürliche Kontrolle von Schaderregern.

    Wie die Forscher weiter berichten, zeichnete sich auch ein überraschend wirkender Effekt der Mischkultur ab: Die Pflanzen bilden mehr Blätter und längere Stängel aus als in Monokultur. Insgesamt entstand dadurch mehr Biomasse. Dabei gilt allerdings: Die Investition in die vegetativen Pflanzenteile geht tendenziell zulasten der Samenproduktion. Dennoch bleibt es aber durch das insgesamt stärkere Wachstum bei dem Vorteil, betont Schöb: „Trotz allem führte die Mischkultur unterm Strich zu mehr Samenertrag als in der Monokultur“.

    Wissenschaft.de

    Die Erklärung für diese Beobachtung:

    Bei dem Effekt, das die Pflanzen mehr Energie in den Aufbau von vegetativer Biomasse investierten, könnte es sich den Forschern zufolge auch um eine Nebenwirkung der Zucht der verwendeten Sorten handeln. Denn deren Ertrag wurde dabei nur bei einem Wachstum unter ihresgleichen optimiert. Im Umkehrschluss scheint es somit möglich, dass das Potenzial für Mehrertrag mit Saatgut, das an Mischkulturen angepasst ist, noch besser ausgeschöpft werden kann, sagen die Wissenschaftler. Zurzeit gibt es jedoch keine Saatgutproduzenten, die Sorten speziell für den Einsatz in Mischkulturen anbieten.

    Damit die Mischkultur sich im Anbau durchsetzen kann, ist aber auch ein weiterer Aspekt wichtig, heben die Forsche abschließend hervor: Es sind Maschinen notwendig, die gleichzeitig verschiedene Nutzpflanzen ernten und das Erntegut trennen können. „Solche Maschinen gibt es bereits, aber sie sind noch die Ausnahme und teuer, wohl weil sie bislang wenig nachgefragt wurden“, sagt Schöb. Durch die Kombination von optimiertem Saatgut mit geeigneten Maschinen könnte sich der Anbau von Mischkulturen aber letztlich für viele Landwirte lohnen, meint der Agrarforscher.

    Wissenschaft.de

    In kolonialherrlichem Eskapismus hat man vorhandenes Wissen exnoviert, zu erlernter agrarischen Hilflosigkeit geführt und in irrläufiger Pfadabhängigkeit Pflanzen sowie (Ernte)Technik antiökologisch optimiert und ist bass erstaunt, wieso das Naturverhältnis nun so defekt ist. Chapeau! Danke naturzerstörend verklärende Aufklärung; Danke Industrialisierung; Danke Modernisierung; Danke erleuchteter Westen!

    4. Ein Rant – Flächenverbrauch =Weltverbrauch

    Weil ich nun schon so in Fahrt bin und das Entsetzen über die weltverweigerte Einsichtnahme so groß ist, kann ich doch glatt einen rant anschließen!:-P

    Man könne sich, so die perpetomobile Behauptung, hierzulande (Europa, dem Westen) Ökolandbau nicht oder nur in geringem Anteil LEISTEN, weil sonst ein Mehr zu viel werde, unanständig viel Fläche fresse, die man nicht habe. Und weil man die nicht habe, müsse man dann zwangsweise schicksalhaft-alternativlos – TINA – Überlebensnotwendiges wie Avocados, Mangos, Bananen, Ananas, Krokodilsteak, Straußenfilet, Tabak… importieren. Welch Drohung! Weil man das mit totaler Selbstverständlichkeit tagein, tagaus seit Jahrzehnten macht, bedenkenlos macht, ist das natürlich der ultimative Einspruch wider diesen landfressenden, alles wie eine Lawine unter sich begrabenden Ökolandbau. Der frisst uns buchstäblich das Land unter den Füßen weg. Und unser Land ist uns heilig, weshalb das freilich inakzeptabel ist, dass Ökolandbau unsere steten hegenden und pflegenden Anstrengungen zunichtemacht. Da kann man wirklich nur noch aus purer Verzweiflung auf Exklaven ökofreier Besinnlichkeit hoffen, die nicht unter dem Joch einer Ökosystemdiktatur stehen.

    Wenn es so wäre… Es ist gewiss ehrenhaft, dass sich solcherlei Vorsprecher so rührselig um den Boden sorgen und sich als Apologeten im Kampf gegen Landfraß …. MOMENT! Der landfraßterrorist Ökolandbau erhält die Rote Karte gezeigt, während diejenigen Schiedsrichter noch nie in vorderster Aktivistenfront gegen tagtäglichen landgefräßigen Flächenverbrauch gesichtet worden sind?

    Unter Flächenverbrauch versteht man die Umwandlung insbesondere von landwirtschaftlichen oder naturbelassenen Flächen in „Siedlungs- und Verkehrsfläche“. Flächenverbrauch ist damit eine spezielle Form der Änderung vonLandnutzung, und zwar einerseits Verlust von landwirtschaftlicher Nutzfläche und natürlichen Lebensräumen, andererseits Erweiterung von Siedlungs- und Verkehrsflächen. Eigentlich wird die Fläche nicht verbraucht, sondern anders genutzt und „in Anspruch genommen“.

    Wikipedia

    “Verlust von landwirtschaftlicher Nutzfläche und natürlichen Lebensräumen“ ist alltäglich praktizierter Usus? Ist der unhinterfragte, verbal verheimlichte, standardmäßige way of life? Gehört zur soziokulturellen DNA einer etwas auf sich haltenden Modernen Gesellschaft? Ein jedtägliches Weniger an landwirtschaftlich nutzbarer sowie naturwüchsig belebter Fläche wird – nicht einmal achselzuckend – stumpfsinnig hingenommen, während man studienweise langatmig Ressourcen verschwendet, dem Ökolandbau ein Mehr an Flächenbedarf nachzuweisen? Noch so sinnbefreit, ziellos unabgesprochen wird zubetoniert, zuzementiert, wie man es sich passend macht, um dann zu verkünden, hier sei kein Platz für Ökolandbau? Mir fehlen passende Worte, das nicht justiziabel auszudrücken

    Flächenverbrauch, der korrekt nichts als Landfraß zu nennen ist, ist nur eine Unterform des Landverbrauchs. Diesen jenseits nationaler Container gedacht, mündet in der einen einzigen globalisierten Welt – nach Peter Sloterdijk – in

    Weltverbrauch als Folge unserer modernen Lebensform des aktivischen Konsumismus oder konsumistischen Aktivismus. In seinem letzten BuchDie schrecklichen Kinder der Neuzeit sieht Sloterdijk diese Geisteshaltung schon mit der Aufklärung und dem Aufstieg des Bürgertums nach der französischen Revolution entstehen. Die seit dem gewollte bürgerliche Gleichheit hat global betrachtet ein ganz großes Problem: Ihr Versprechen bringt unbezahlbare Kosten und „mengentheoretische Pradoxien“ mit sich:

    Nach Geist und Gegenwart: Eine Übung für schreckliche Kinder ohne Zukunft

    Weil man sich wie Langoliers der Gegenwart nur so über die gesamte Welt frisst, dass der ökohochverschuldete Welterschöpfungstag außer in pandemischen Zeiten jährlich früher kommt, man mit dem nichtökologischen Beackern der Welt bloß schon mehrere Erden bräuchte, ist es der Ökolandbau, der über Gebühr maßlos viel Lebenswelt verbraucht. Schön, wenn man einen Sündenbock gefunden hat, auf den man mit billigem Ablasshandel sein Versagen ablagrn kann. Ich spitze zornig noch mehr zu: es ist auffallend, dass in Abschnitt 2.3 zitierte Studie aus UK kommt, einem infolge von Brexit und Co re-imperial träumenden Land, das alter Größe nachzutrauern scheint. Vielleicht täte da ein Blick ins Johari-Fenster Not und gut, damit der lange Schatten eigener imperialer Lebensweise ins Licht kommen kann. Ein kurzsichtiger Duktus, den gewiss nicht nur ehemalige Imperialisten nachpflegen. Da verwundert es nicht, dass und wie sehr Pankaj Mishra wie immer noch gepflegte „imperiale Arroganz“ scharf anprangert. In totaler Unwilligkeit, zunächst auch nur daheim mal „aufzuräumen“, lagert man ökosoziale Folgen des eigenen Lebensstils freimütig aus und hofft auf genug Weiße Flecken auf endlicher Erdenkarte, damit es irgendwie passt.

    Nur zu passender, ausgezeichneter Beitrag bei Wissenschaft im Brennpunkt des DLF:Andrea Hoferichter: „Bodenversiegelung – leben und Sterben unter dem Asphalt“:

    Wird der Lebensraum von Bienen, Eisbären oder Nashörnern vernichtet, ist die Empörung groß. Doch die Grundlage für die Vielfalt über Tage ist jene im Untergrund. Täglich werden unzählige Bodenlebewesen unter Asphalt, Beton und Pflastersteinen begraben. Welche Folgen das hat, ist nur wenigen klar.

    Bodenversiegelung als die vielleicht offensichtlichste Form des Landfraßes. In einem land vor unserer Zeit (5G, Smartphones), am Anfang des Jahrtausends wollte ein gallisches Regierungsdorf den deutschen landfraß auf endlichem Staatsgebiet von 120 Hektar auf 30 runterregulieren. Das bis 2020, also innerhalb von gut 15 Jahren um 75 auf nur noch 25% des damaligen Niveaus. Ein Jahr später liegt der Landfraß bei 60 Hektar, was nur minus 50% entspricht, nur die Hälfte des anvisierten Zieles ist. Es ist also zu einer unbedeutenden Zielabweichung gekommen, den Zielwert nur zum Negativen doppelt übertroffen. Da würde ich ein mangelhaft ausssprechen, obwohl ich das für ungenügend halte. Achja, besagte Hektar Landfraß …:

    30 Hektar Boden verschwinden in Deutschland jeden Tag unter Asphalt, Beton oder Pflastersteinen. Für neue Wohnhäuser, Gewerbegebiete, Parkplätze, Straßen. Ein artenreicher Lebensraum wird begraben.

    Andrea Hoferichter DLF

    TÄGLICH! Nur in Deutschland! Und wer kein strammer Neonationalsozialist ist, ahnt, dass Deutschland ein auf 357qkm begrenzter Staat ist und bleibt. Da kommt nichts einfach so hinzu, weil alles wegzementiert und man doch noch bräuchte… Und wehedem, man landfräßt guten, so richtig guten, weil lebhaftesten Boden weg:

    „Also wir haben für solche fruchtbaren Böden keine Ausgleichsmaßnahmen im Grunde. Oder Sie müssen eben die Fläche eben fünfmal so groß oder dreimal so groß machen, um ein gleiches Ertragspotenzial zu haben. Und dann haben Sie auch die dreifache Belastung durch Bewirtschaftung. Vielleicht müssen Sie da auch mehr Pestizide, mehr Dünger einsetzen, um das überhaupt auf das Niveau zu heben. Also es ist unverantwortlich, einen hoch produktiven Boden zu versiegeln.“

    Volkmar Wolters nach Andrea Hoferichters DLF-Beitrag

    Begräbt man lebendig besten Boden, was man sich hierzulande freimütig als „Veredelung“ herausnimmt, dann ist er abgetötet, ermordet, tot und nicht frankensteinartig revitalisierbar – nicht mal als Monstrum.. Zur Veranschaulichung:

    Zumal sich hinter dem staubtrockenen Begriff „produktiver Boden“ eine höchst lebendige Welt verbirgt: Mikroben, Tausendfüßer und die Larven von Insekten; Asseln, Springschwänze, Milben, Regenwürmer – in einer Handvoll Erde leben mehr Organismen als Menschen auf dem Planeten. „Da gibt es so welche, die sehen fast aus wie so kleine Nilpferdbabys und so kleine Kugeltypen. Auch die Fadenwürmer, tolle Tiere. Und Einzeller, das sind zum Beispiel schöne Aufnahmen von Einzellern im Boden. Hier ist mein Nilpferdbaby, Collembole. Oder der.“

    Volkmar Wolters zeigt ein Bild von einem knallgelben Springschwanz mit Fühlern und Kugelbauch. „Der sieht doch super aus. Das sind alles Collembolen. Oder das sind Milben. Also da kann man ja nicht meckern.“

    Ebenda

    Was noch so alles im Boden wimmelt bzw. wimmeln könnte, wenn man es ließe – Scinexx-Dossier: Leben im Erdreich. Faszinierend! Aufgrund anhaltender Bodenerstörung bedarf es dringend einer neuen Bodenethik, wie sie Franz Alt schon 2019 entfaltet hat! Sonst wird aus der guten alten Erde doch noch der Planet Matsch, auf dem zeitweise Arthur Dent lebte…

    5. Ende

    Nach Trübsal auf dem Plastic Planet sollte es doch visionär werden, eine Utopie entstehen, Frohsinn ins Blog kommen… Und dann Sarkasmus hier, Misanthropie und Zynismus dort, gar ein kapitaler rant. Da habe ich mich wohl aus der narrativen Bahn geschrieben! Nein, zwar war so viel sarkastisch-misanthropischer Kommentar nicht geplant, aber auch dieser Plan zerschellte, als er mit der spätimperialen Realität kollidierte. Und so viel Entsetzen mehrfach aufkam angesichts des toxischen Erbes imperialen Strebens nach einem Platz an der Sonne Afrikas, ist das Fundament dieses Blogbeitrags ein visionäres!

    Abschnitt 1 ist mein Kronzeuge, dort zitierte Studie ist, worauf die Hoffnung ruht! Die drei schnörkellos anmutenden Säulen, auf denen das futurzweite Gebäude fußt, wirken zunächst trivial, schon weil vermeintlich altbekannt. Das lässt sie trügerisch erscheinen, denn die Hürden sind in den Folgekapiteln dokumentiert. Allein der Aufschrei, statt bloß eines Veggie Day pro Woche ein vegetableres Ernährungsleben zu führen, erschüttert diese Säule gewiss. Und auch die Umsetzungen von Zwischenfruchtfolgen wie in alten Zeiten sowie ein konstruktives Miteinander von land- wie Viehwirtschaft – ambitioniert. Und doch ist es eine anschlussfähige Utopie und keine unerreichbar raumzeitferne. Der Weg zu ihr ist ersichtlich, auf der Landkarte in die Zukunft sind die Marken gesetzt, das Handeln kann dem Denken folgen. Hin zu Planetary Health, einem Gesundheitskonzept, das erdenweit über in der Pandemie zwangsweise kennengelerntes, rein nationalstaatlich organisiertes Public Health hinausgeht. Gesundheit bestimmt sich ökosystemisch, so dass ALLE INVOLVIERTEN ins Ökosystem Erde ihre Gesundheit erhalten können – nicht auf Kosten anderer belebter Biotope. Es geht darum, durch die Lebens- einschließlich Ernährungsweise schlussendlich die planetaren Grenzen wahr- und ernstzunehmen. Neun Grenzen, zu denen ohnehin neben rein klimatischen auch die biogeochemischen des Stickstoff- wie des hier sträflichst unterschlagenen Phosphorkreislaufs gehören. Es hängt eh alles mit allem zusammen, was auch den Kurzsichtigen auffallen wird (müssen). Und die Anker-Studie hat sich aufgemacht, kontinental für Europa auszubuchstabieren, wie man bei voller, gesund erhaltener Ernährung(sversorgung) insbesondere den Stickstoffkreislauf untergrenzwertig gestalten kann. Ein nicht zu überschätzendes Verdienst!

    Ob das in 29 Jahren, nur einer Generation so fundamental umsetzbar ist, weiß ich nicht. Zwar soll bis dahin (oder gar schon 2045) selbst der CO2-Ausstoß auf null runtergefahren und neutral geworden sein, um das Niveau sodann zu stabilisieren; aber schon das harrt noch ernsthafter Umsetzung und nicht bloßer Wahlversprechen, falls diese denn gegeben wurden. Und selbst wenn oder gerade wenn der konkrete, CO2 fixierte Klimaschutz doch noch entsprechend angegangen wird, mag das auch eh schon murrende Kräfte restlos binden und Stickstoffkreisläufe geraten dann ggf. aus dem Blick. Schlecht denken ist hier also einfach, aber auch einfach fehlführend. Hinzu und letztlich entscheidend, dass sich beides diesseits der Realität nicht nur nicht ausschließt, sondern zusammenhängt, sich bei aktuellem Fortlaufen negativ verstärken würde, bei zielführendem Handeln positiv abschwächen könnte. Als frisch gekürte EvapotranspirationsexpertInnen wissen wir bereits um entgrenzte Wasserkreisläufe auf Erden, in zunehmende Trockenheit geratene Böden auch für Landwirtschaft wie in Kalifornien, allein deshalb umzuschwenken ist. Und wenn man dann schon die TITANIC vom Eisbergspitzenkurs bringt, kann man es auch gleich richtig machen und weitere Riffs umschippern. In diesem Sinne des visionär entfalteten Machbaren endet der Blogbeitrag dann doch versöhnlich…

    EDIT vom 16.07.2021: Update der Version1.0 vom 07.07.2021:

    1. In Abschnitt 1 zur Anker-Studie bzgl. Stickstoff ergänzt, dass er die Atmosphäre zur 78% ausmacht
    2. Unter Abschnitt 2.1. Fehlberechnung korrigiert, demnach ein jährliches Emittieren von etwa 17 Millionen Tonnen Lachgas einer Treibhauswirkung von 510 Millionen Tonnen CO2 entspräche. Korrekt ist und eingepflegt wurde: <5,10 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent./b>

    3. Mit “psychotisch“ und „Psychotiker“ meine ich ausdrücklich nicht Betroffene mit der psychischen Erkrankung Psychose! Vielmehr in dem Sinne von Ariadne von Schirachs Diagnose einer psychotischen Gesellschaft:

      Selbstmordattentäter, Geflüchtete, populistische Präsidenten, das Klima, eine durchökonomisierte Welt. Der krisenhafte Zustand, in dem die Menschen stecken, hat viele Gründe. Er betrifft schon lange nicht mehr nur das Sichtbare, sondern reicht tief in das Unsichtbare hinein: in das Soziale, in den Umgang mit sich selbst, den anderen und der Welt.

      Ein alter (veralteter?( psychoanalytischer Sinnspruch hierzu wäre: „Für den Psychotiker ist 2 plus 2 natürlich fünf, für den Neurotiker ist 2 plus 2 zwar 4, aber es ärgert ihn.“ Oder: „Neurotiker bauen Luftschlößer, Psychotiker wohnen in ihnen.“


    4. “Für dumm verkaufen nennt man Marketing, an Dumm verkaufen Vertrieb.“ So Simone Solga zum daran Ersticken trefflich.