Protest in Japan – japanischer Protest

Hallo Mitwelt!

Heute kehre ich erneut nach Japan zurück. Eigentlich ohne spezifischen Anlass, nur weil ich eine nächste altgediente Hausarbeit digital aufpoliere und als zweite ihrer Art online stellen möchte.

Und doch gibt es nun so etwas wie einen Anlass, der zum Thema der digitalisierten Hausarbeit tendenziell passt. Ein Beitrag bei DLF-Eine Welt:Tod in Abschiebehaft: Japans ridiger Umgang mit Migranten – auch als MP3. Zum Thema wird es, wenn man es als protestwürdig ansieht, dass bei einer 99%igen Abschiebequote die arbeitswilligen Migranten menschenunwürdig in den Asylzentren be-, wenn nicht gar misshandelt werden und wie im vorliegenden Fall sogar an Unterernährung sterben. Etwas, worüber nur zu gerne, (nicht nur) kulturspezifisch geschwiegen wird. Etwas, was nur durch digitale Videos, auf Onlineplattformen verbreitet, vom – dem namen nach – ausländischen Reporter publik gemacht und so dem Schweigen entrissen wird. All das, nachdem sich Japan als so zuvorkommend ausländerfreundlich während der para-/olympischen Spiele inszeniert hat. Offensichtlich jedoch leider nur gegenüber „Ausländern auf Zeit“, im Grunde also bloß gegenüber Touristen, die kommen, um wieder zu gehen. Nicht / weniger aber gegenüber einwanderungswilligen Migranten, die wie im Beispiel sogar längst die Sprache erlernt hatten. Ob sich dagegen, gegen das vertuschende, totschweigende Verhalten allerdings Protest formieren wird?

Heute vorgelegte Hausarbeit ist die finale von vieren, die ich über Japan als Gesellschaft geschrieben habe. Folgend die Titel des Quartetts, wovon Nummer eins als Jugendsünde bei einem geldversprechenden Anbieter gelandet ist und es daher nicht hier ins Blog schaffen kann.

  1. Ist Japan eine moderne Gesellschaft? Modernisierungen in Japan und ihre sozialen Auswirkungen
  2. Ist Japan eine individualisierte Gesellschaft? Individualisierungsprozesse und Individualität in Japan
  3. Geschlechterverhältnisse in Beruf und Bildung – zum Status der Individualisierungsprozesse im Lebenszusammenhang japanischer Frauen
  4. Protest und seine Formen in Japan – eine diachrone Betrachtung seiner Genese und Analyse der sozialen Bedingungen

Das Trio zwei bis vier schrieb ich hingegen quasi am Stück, hintereinander weg, bis der Schädel qualmte und ich nur noch hierzu denken konnte. Dies ist – in vielem – die ultraverdichtete Schreibe, die sich am Ende eines solchen Marathons einstellt. Dazu in der Nachbemerkung mehr. Nun mit großem Lektüremut ans Werk!

Protest und seine Formen in Japan – eine diachrone Betrachtung seiner Genese und Analyse der sozialen Bedingungen

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Japan und Protest – das scheint assoziativ für den unbedarften westlichen Betrachter kaum zusammenzugehören, verbindet man mit Japan doch eine auf konfuzianische
Ordnung bedachte, nach innerer Harmonie strebende Gesellschaft des stillen Ausgleichs und unterstellt „Japan hinter dem Lächeln“ (Buruma 1988) keine Anwandlungen zum Protest. Eine nach der Dreifach-Katastrophe aus Erdbeben, Tsunami und Atomkraftwerkzerstörung vom 11.03.2011 erinnerte medial vermittelte Szene scheint dies noch zu belegen: Eine ältere Dame unter 400.000 in Turnhallen und Schulen provisorisch versorgten Obdachlosen (Harootunian 2011) verneigte sich erst höflich vor dem damaligen Premierminister Kan Naoto der
Demokratischen Partei Japans (DPJ), äußerte dem Klang nach zwar entschieden, aber beherrscht ihren Unmut über die momentane Lage, bevor sie sich abermals verneigte. Seither schwelt die Frage, die hier ihre soziologisch fundierte
Antwort sucht, ob selbst in Momenten verlorener Gegenwart und ungewisser Zukunft
Protest in Japan keinen entschiedeneren Ausdruck als stilbildend in beflissen
befolgter Etikette findet. Dass dem freilich nicht nur so ist, zeigte wenig später im Regierungsviertel Tókyós einsetzender demonstrativer Protest, der mit bis zu 170.000 Teilnehmern zahlenmäßig so stark war wie seit den Studentenprotesten Ende der 1960er Jahre nicht mehr (Holdgrün 2012: S. 240). Als „horizontale Solidarität und vertikales Misstrauen“ (Ikezawa 2011) pro Betroffene und contra Regierung richtete er sich aufgrund des Super-Gau des AKW in Fukushima gegen
den Weiterbetrieb der Atomkraft in Japan. Obwohl eine „kritische Masse“ Protestierender
ihrer expansiven Anzahl nach doch gewiss erreicht war, wurde schon anderthalb
Jahre später die gegen Atomkraft engagierte Regierung abgewählt und nach nur 3jährigem
Intermezzo kontraktiv durch die „ewige Partei“ der „konservativen Partei, die
ironischerweise Liberal-Demokratische Partei heißt“ (Ishida 1993a: S. 165),
ersetzt, die bereits heruntergefahrene AKW wieder in Betrieb nehmen wollte. Das
vertieft die Frage danach, wer da eigentlich und ob nur einem situativen
„Prozessnutzen“ (Holdgrün 2012) wegen protestierte, da an Ergebnissen
(AKW-Abschaltungen) Orientierte doch anders hätten abstimmen, ihren Protest
also auch politisch hätten fortführen müssen. Diese offensichtliche, anhand
dieser drei skizzenhaften Eindrücke veranschaulichte Kluft zwischen verbalen
Protest nach Etikette, demonstrativer Protest größer denn lange und den nach
alledem unterlassenden Konsequenzen fordert einen genaueren Blick auf Protest,
seine Genese, Formen und sozialen Bedingungen in Japan, um in diachroner Perspektive
an charakteristischen Beispielen Muster herauszuarbeiten.

Für die soziologische Analyse wird in Kap. 2 – in auf
Relevantes beschränkter Kürze – das Instrumentarium zur Fallbearbeitung
geschärft: Neben der Ressourcenmobilisierungstheorie (Zald/McCarthy), um
konkrete Formen und Typen von Protestorganisation, Protestakteuren und deren Handlungsmöglichkeiten zu erfassen, treten zur Bestimmung sozialer Deutungen und Protestbedingungen das (Master) Framing und die Gelegenheitsstrukturen; sprich, es geht um
personale Push- wie um kontextuale Pullfaktoren sozial wirksamen Protestes.
Grundlage hierfür ist Thomas Kerns Kursband „Modernisierung und Protest“ mit
‚langem Kap. 5‘, aus dem primär inhaltlich geschöpft wird. Sodann wird entlang
der 2. und 3. Modernisierungsphase Japans (Holdgrün/Vogt 2013: S. 15-18)
beobachtet: Phase 2 setzt nach dem verlorenen Pazifischen Krieg ein, wo sich
Japan vom besiegten Feindstaat unter US-Administration dank ‚erblühender
Prosperität‘ ab den 1950er Jahren 1968 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der
Welt hinter den USA entwickelte, mittels Fahrstuhleffekt die Bürger in einer
homogen gedachten Mittelschichtgesellschaft Konsum und Komfort für sich
entdeckten, aber auch die ersten (Neben-)Folgen der ersten industriellen
Modernisierung wahrnahmen. Beispielhaft sollen hier die im „Betrieb als
Vergesellschaftungskern“ (Bude et al. 2012: S. 3) fußenden Gewerkschaften als
Träger insb. in der „Frühlingsoffensive“ zunehmend ritualisierten Protests
ebenso in den Blick genommen werden wie „professionelle Hausfrauen“
(sengyóshufu) und „Erziehungsmamas“ (kyóiku mama), die „[s]olidarisches Handeln
lokaler Initiativgruppen“ (Franz 1977) in Nachbarschaftsvereinigungen
(jichikai) hervorbrachten und von diesem Fundament auch u.a. ökologische
Bürgerinitiativen anstießen. In Kap. 4 wird Phase 3 ab der geplatzten Bubble
Economy 1990 bis heute fokussiert, die durch Entsicherung auf dem Arbeitsmarkt
ausgeprägte Sozialfolgen bis in die Familien zeitigte. Protest ist seiner Art,
Orientierung und Ausprägung nach als Fol
ge einer „‘Restrisikogesellschaft‘ im Aufbruch“ (Schmidt 2013) – dennoch mehr evolutionär als revolutionär – in „vor und nach ‘Fukushima‘“ (Gengenbach/Trunk 2012) einzuteilen, dem hier Rechnung getragen wird. Kap. 3 und 4 fragen nach den Formen der Ressourcen zur Mobilisierung
als Pushfaktoren, Kap. 5 blickt übergreifend und fragt nach dem pullfaktoriellen
Master Frames und den kulturellen Gelegenheitsstrukturen dieses bis heute 71
Jahre langen Zeitraums, um protestualen Wandel tiefergehend – den Begrenzungen
einer etischbleibenden Perspektive unterworfen – zu erfassen. Das Fazit (Kap.
6) schließt mit dem Resümee des zuvor Behandelten und ordnet die Erkenntnisse noch einmal ein.

2. Das Instrumentarium der Analyse


Soziale Bewegungen[1] konstituieren sich durch „netzwerkförmige Organisationsform“, „kollektive Identität und Wertebasis der Mitglieder“, öffentlichen, kollektiven, medial
inszenierten Protest[2], den „sie mangels anderer Möglichkeiten der Einflussnahme“ nicht-exklusiv zur Selbstdarstellung ausüben, sowie „relative Dauerhaftigkeit der
Protestkampagnen“. Zu unterscheiden sind sie von spontanen sozialen Phänomenen
wie Hungerstreiks und wegen stärkerer Verhaftung in der Lebenswelt von
Institutionen wie bürgerferneren Parteien und Verbänden (Rucht n. Herriger
o.A.: S. 2f.). In steter Bewegung sind sie vielmehr als „‘weicher‘ Gegenstand
mit fließenden Grenzen sowohl zur Seite der kollektiven Episode und nicht
zuletzt auch zu den historischen Vorläufern vormoderner Bewegungen“ anzusehen (Raschke
n. Christophersen 2006b: S. 6). Die Fähigkeit zur Mobilisierung und die
Artikulation von Protest als öffentlich wahrnehmbarer, empirisch messbarer
Ausdruck des oppositionellen, gesellschaftlichen Umweltbezugs macht sie stets
zu sozialen Protestbewegungen (ebd.: S. 9)[3].

Zeitlich sind sie in „klassische“ emanzipatorische Bürger- und hierarchisierte
Arbeiterbewegungen, für die soziale Verteilungsfragen zentral waren, sowie nach
dem Zweiten Weltkrieg zunehmend Neue Soziale Bewegungen einzuteilen (Kern 2010:
S. 44, Tab. 1). Für diese „bunt zusammengewürfelte[n] Peripherie“ der
Gesellschaft waren „Fragen der Grammatik von Lebensformen“ (Lebensqualität,
Gleichberechtigung, Selbstverwirklichung, Partizipation, Menschenrechte)
wesentlich, da sie den „selbstdestruktiven Folgen des Komplexitätswachstums“ in
der Moderne stärker ausgesetzt waren (Habermas n. ebd.: S. 46) [4]. Eine in den
1960er Jahren entstandene Bewegungsforschung nahm diese Neuen Bewegungen
zunehmend als rational handelnde, Ziele gezielt verfolgende Kollektive wahr,
dass sich die Fragen nach deren Zustandekommen und Handlungsmöglichkeiten
stellten und zu Theorien führte, wo der Fokus auf dem organisatorischen Wie
personaler Push- oder dem sozialen Warum kontextualer Pullfaktoren lag. Die
Ressourcenmobilisierungstheorie (RMT) fragt danach, wie im „Bewegungssektor“[5]
einer Gesellschaft Ressourcen[6] zwecks Protest von ‚Bewegten‘ um „Kollektivgüter“ durch motivierende „selektive Anreize“ (Olson n. ebd.: S. 95f.) in Kooperation, Konkurrenz oder Konflikt mit gesellschaftlich ‚Unbewegten‘ mobilisiert werden. Ressourcen sind demnach
„Einflusspotenziale“, um „innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen
auch gegen Widerstreben durchzusetzen“ (Weber), die vor einer Protestbeteiligung
von den potentiellen Akteuren bei Verfügung oder zur Erlangung nach Kosten und
Nutzen abzuwägen sind (ebd.: S. 104). Unzufriedenheit (grievances) der
Problembetroffenen ist notwendig, aber erst „in dem Ausmaß, wie nichtorganisierten,
aber benachteiligten Gruppen soziale Ressourcen zur Verfügung stehen, so dass
sie eine organisierte Forderung nach Wandel äußern können“ (Herriger o.A: S.
9), wird der Protestanreiz für Akteure hinreichend. Die Wirkung von Ressourcen
ist dabei nach dem Ansatzpunkt der Handlungstriebe der Akteure[7], den Instrumenten
zur Belohnung (Versprechen bei Fügsamkeit) oder Bestrafung (Drohung bei
Nicht-Fügsamkeit) und dem Generalisierungsniveau ihrer räumlich-sozialen
Reichweite zu unterscheiden. Je nach Verfügung erfolgt durch ihre Kombination
eine „Mikromobilisierung“ von Akteuren (Schimank n. Kern 2010: S. 105ff.). Von
Ressourcenzugang und -verteilung hängt ab, welche Form die Protestbewegungen
organisationell annehmen: Entweder „isoliert“ mit oft professioneller Führungselite,
die meist nur mittelbar mit den Akteuren kommuniziert, oder „föderal“, wo dann
lokale Segmente um die Ressourcen ringen. Dies erfordert die Pflege der
kollektiven Identität, birgt Konfliktpotenzial, ermöglicht aber auch verstärkte
Rekrutierung (ebd.: S. 109ff.).

Fragt die RMT v.a. nach Geld und Zeit als „unerlässliche Ressourcen für alle Aktivitäten“
und konkrete Mittel zur Protestrealisierung, fragt die Framing-Theorie (FT)
nach der „Voraussetzung für erfolgreiche Ressourcenmobilisierung“ durch „frames“
(Deutungsrahmen der Akteure)[8], die problembezogen im (öffentlichen) Diskurs zu konstruieren sind und „ihre Weltsichten und Wertorientierungen transportieren, die ihre Forderungen
öffentlich nachvollziehbar machen und legitimieren sollen.“ (Herriger o.A.: S.
12f.) Soziale Protestbewegungen sind nicht nur Träger von Deutungs- und
Glaubenssystemen für die „kognitive Organisation von Erfahrungen und
Handlungen“, sondern auch deren Produzenten, als die sie Einfluss auf „die
gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ (Berger/Luckmann) ausüben und
so die Lokalisierung, Wahrnehmung, Identifikation und Benennung von Ereignissen
steuern. Damit sie durch frames potentielle Akteure überzeugen können, bedarf
es interner Konstruktion und gesellschaftlicher Anschlussfähigkeit durch eine
Deutungsarbeit entlang der Entwicklung von Problemdiagnosen (was, warum, durch
wen; diagnostic framing), des Angebots von Lösungen (wie, womit, mit wem;
prognostic framing), der Ausarbeitung von Motivationsstrategien zur Gewinnung
der „Meinungsöffentlichkeit“ (motivational framing) und der „Stabilisierung der
Bewegungsidentität im Zeitverlauf“ funktional durch Reflexion und Orientierung
(memory framing). Diese 4 frames[9] sind „unverzichtbare Ressourcen für die Mobilisierung kollektiven Handelns“ (ebd.; Kern 2010: S. 120-125; Kreissl/Sack 1998: S. 43)[10]. Übergreifende,
auch für disparate Bewegungen anschlussfähige Frames nennt man Master Frames,
die „gegenüber den kulturellen Traditionsbeständen einer Population“ Resonanz
erzeugen: „je stärker die kulturelle Resonanz, desto größer das
Mobilisierungspotenzial.“ Die aktuelle Stimmung in der Bevölkerung ist dabei
ein Resonanzfaktor, wobei es auch mehrere konkurrierende Master Frames geben
kann (Kern 2010: Kap. 5.3.3).

Bezogen sich RMT und FT auf die personalen Pushfaktoren, sieht die Theorie der
Gelegenheitsstrukturen (TGS) „die Entstehungsbedingungen sozialer Bewegungen in
wechselnden gesellschaftlichen Handlungszwängen oder Handlungsmöglichkeiten.“
Gelegenheitsstrukturen beziehen sich als pullfaktorielle Makrovariablen auf
soziale Kontexte, die external „für die Zielerreichung individueller Akteure
von Bedeutung sind.“ Sie sind „als bestimmte Ereignisse oder Sachverhalte, die
die Möglichkeiten für die Zielerreichung vermindern oder erhöhen“, zu
begreifen, weshalb „die Wahrnehmung der Gelegenheitsstrukturen durch die
Akteure für ihr Handeln wichtig ist.“ (Tilly) (Opp 1996: S. 223; 229ff.) Zwar
wurde die TGS „zu einem bedeutenden Instrument zur Erklärung von
Protestbewegungen“ und erlangte „Hegemonie“ (Goodwin/Jasper), ihr Fokus auf das
Politische verkürzte den realitären Blickwinkel jedoch auf Institutionelles[11], dass durch eine
„Soziologisierung“ die aus Sicht der Akteure „external relational fields“
(Goldstone) in den erweiterten Blick genommen wurden, demnach ein
multidimensionales soziales Feld den Akteuren „gleichzeitig Gelegenheiten
bietet und restriktive Bedingungen setzt“ (Neidhardt). Dieses akteursseits zu
realisierende „opportunity set“ (Elster) ist nach Schimank dreidimensional: Institutionelle
Erwartungsstrukturen als soziale Regeln (rechtliche Normen, Konventionen…),
„die einer Gruppe von Akteuren offenstehende Handlungsverläufe strukturieren“[12]
(Scharpf); Deutungsstrukturen als Konstitut sozial vermittelten Wissens zur Interpretation der
Akteurserfahrungen[13]; Konstellationsstrukturen sind als intentionale Interferenz die Beziehungsmuster zwischen den Akteuren[13] (Kern 2010: S. 132).

Kurzum: Innerhalb dieses ‚Ermöglichungsraums‘ müssen Protestakteure zur Vermittlung und
Erreichung ihrer Ziele ‚Problemrahmungen‘ ausarbeiten, um so an die für die
Protestrealisierung notwendigen Ressourcen zu gelangen.

3. Japans Kurs gen Wohlstand – Nachkriegs- und Prosperitätszeit bis 1990

Die Bewegungen ‚Professioneller Hausfrauen‘ und der Betriebsgewerkschaften sollen
beispielhaft für die Zeit japanischer Prosperität und die eng damit verbundene
sozial gepflegte Geschlechtspolarität stehen, deren ursächliche Hintergründe
Kap. 5 beleuchtet, deren Ressourcenmobilisierungen hier im Fokus stehen sollen:

Die Professionellen Hausfrauen – „archetypische Verkörperung von Weiblichkeit“ und „Hauptperson im Hintergrund“ der „kigyó shakai“ (Nachkriegszeit) (Linhart o.A.: Kap. 8) – erweiterten sich nach „Auszug der Väter“ in die Betriebe im „Vakuum zu Hause“ den „Haushalt
als ihre ‚Domäne‘“ (Jurczyk 2009: S. 77) durch die „Ausweitung der
Hausfrauenrolle in die Gemeinde“ (Lenz 1990: S. 79; 85) in einer
selbstbehauptenden identity extension um neue Handlungsräume. Ein weiterer
Handlungstrieb als Ansatzpunkt war die Befolgung von Normkonformität
[14], da sich der
Zugewinn an Handlungsmöglichkeiten nicht über die erworbene wie zugestandene
Semiöffentlichkeit als Mütter, Erzieherinnen und „Haupteinkäuferinnen der
Familieneinheit“ (Lennox n. Baur 2013a) hinaus in neue, männliche Felder
erstreckte (s.u. u. Kap. 5), sondern den Normen als Hausfrauen verpflichtet
blieb, dass dieses „Engagement als Verlängerung der mütterlichen und hausfraulichen
Verantwortung“ begriffen wurde (Lenz 1990: S. 88). Das Fundament der
Hausfrauenbewegung bildete sich so in Nachbarschaftsvereinigungen (jichikai),
wo ‚Frau‘ durch kommunales Engagement Gemeinschaftlichkeit in den Vierteln
pflegte, und Parent-Teacher-Associations in den Schulen, wo nicht nur für die
Kinder gestritten wurde, sondern auch demokratische Petitionen zu heiklen
Fragen wie Prostitution entstanden. Aktiv wurde der Anspruch „auf Demokratisierung
der Familie, Macht über ‚Kinder, Küche, Kasse‘ und Beteiligung in Nachbarschaft
und Gemeinde“ proklamiert. Auf diese kommunalen Netzwerke mit lokalem
Generalisierungsniveau konnte die 1948 gegründete Hausfrauenliga (shufu
rengókai/shufuren) als wichtigster Trägerverband der Hausfrauen als Konsumentinnen
bauen, die den „Reis-Kochlöffel“ – „schon das Recht der Bäuerin auf
selbständige Wirtschaftsführung“ (orientierender memory frame) – zum Symbol
einer selbstbewusst gelebten Rolle erhob. In lokalen Kleingruppen mikromobilisiert
und föderal organisiert, gelang die kollektive Identitätsbildung und -wahrung
bis in die 1970er Jahre hinein dank eines hohen moralischen Kapitals
(sachnotwendiger Dienst an der Gesellschaft, s. Kap. 5) durch nur altersverschiedene,
geschlechts- und rollenhomogene „Überzeugungs-Mitgliedschaftlerinnen“
weitgehend problemlos, auch wenn regionale Koalitionen mit Gewerkschaften eingegangen
und im Gegensatz zu Deutschland populistisch Arbeiterinnen einbezogen wurden[15].
Auf dieser Basis und mit der seit 1947 auch für Frauen freizugänglichen Ressource Bildung[17] verfügte shufuren über Einflusspotentiale, um Kampagnen gegen hohe Preise/Lebenshaltungskosten,
Produkttests mit dem Gesicht von Takada Yuri als bekannte
„Hausfrauen-Wissenschaftlerin“ im Shufuren-Labor und alternative
Vermarktungsnetze[18] wie 1955 zur Senkung der Milchpreise in Tókyó zu organisieren und für Konsumentinnen-Aufklärung, Boykott-Kampagnen und Alternativ-Vorschläge den
Koch-Reislöffel konfrontativ auch gegen Großkonzerne symbolträchtig und mediale
Aufmerksamkeit gewinnend zu erheben (Lenz 1990: S. 85-88). Aus den „lokalen
Initiativgruppen“ (Franz 1977) heraus wandten sich insb. Mütter auch anderen
Themenfeldern zu und schlossen sich zum Gedenken an die Grauen des Pazifischen
Krieges pazifistischen und als „arbeitende Mütter“ für Mutterschaft
gewerkschaftlichen Forderungen an (Lenz 1990: S. 87). Ebenfalls zu erwähnen
sind eher der Gerechtigkeit und des Paternalismus als der Natur selbst wegen
betriebener „reaktiver“ Umweltprotest, dem es ergo nicht um ein neues
Politikparadigma ging. Für ihn bildeten in Städten die Hausfrauen v.a. der
Mittelschicht in ihren gemeinschaftlichen Strukturen (auf dem Land eher der
Unterschicht) das Mobilisierungspotential, wohin sich die Rekrutierungsbasis
auch zunehmend verschob. Dank naher Vertrautheit folgten in quasi-mechanischer,
vertikaler Solidarität potentielle Mitstreiterinnen den lokalen charismatischen
Aktivistinnen, die oftmals auch in den Konsumentinnengruppen tätig waren und so
kooperative Querverbindungen herstellen konnten. Diese Proteste blieben ihrer
lokalen Verortung wegen stets einem Problem verhaftet (Minamata[19]
und Tóyama
itai-itai Krankheit, Yokaichi Asthma), selbst wenn dieses überregionale
Aufmerksamkeit erlangte. Informelle Verhandlungen bevorzugt auf lokaler Ebene
und z.T. Gewalt bildeten das Handlungsrepertoire, dem als kulturell
unkonventioneller Protest das Beschreiten des Rechtsweges hinzugefügt wurde, um
dann in einem „moralischen Kreuzzug“ die paternalistische Ordnung als Status
quo ante wieder herstellen zu lassen (Viehöver 1996: S. 49-55)[20].

Trotz temporärer Koalitionen mit der Hausfrauenbewegung sind die Gewerkschaften Teil
einer männerzentrierten Teilkultur, wo in der „Berufswelt […] deutlich sichtbar
sozialer Status auf der sozialen Beziehung zwischen Männern beruht“ (Helle
1981b: Kap. 3f.), was den „selektiven Anreiz“ zur aktiven Teilnahme (Statuserwerb
und –erhalt) ausmachte. Die Homogenität der Gruppe als Ingroup förderte sozial
die kollektive Identität[21],
weshalb sich ihr Vertretungsanspruch und ergo ihre Rekrutierungsbasis auch
weitestgehend auf den Mann als ‚Hauptperson im Vordergrund‘ beschränkte[22]. Basis der
Organisationsform war kein überbetrieblich definiertes „Klasseninteresse“ aller
abhängig Beschäftigten, sondern das durchgesetzte und nicht kulturgegebene
Konzept des „Betriebs als Gemeinschaft“. In der konnte starker Einfluss
ausgeübt werden, in die war jedoch nur eine bessergestellte Minorität der
Stammbelegschaft in-, die Peripheriebelegschaft der Groß- sowie i.a.R. Klein-
und Mittelunternehmen exklusiert. Die Kernbelegschaft bestand aus regulär/fest
Angestellten (den „salari men“, sei-shain), die de facto lebenslang eingestellt
wurden und gemäß Senioritätsprinzip steigenden Lohn erhielten. Ihr Anteil machte
unter den Abhängigbeschäftigten nur rund 18-25% aus, was dem gewerkschaftlichen
Organisationsgrad von 23,4% (1995) ziemlich genau entsprach (1949 noch 55%,
2009 nur noch 16,1%; vgl. Abb. 1 im Anhang) (Ehrke 1996: S. 1f.)[23]. Die
gewerkschaftliche Bewegungsindustrie ist dreigestuft: Zu unterst die
Unternehmensgewerkschaft, nur der der Salaryman beitreten kann, die ihn direkt
vertritt und die ggf. plural mehrere Betriebsgewerkschaften einschließt;
übergeordnet auf der mittleren Ebene kommt es zu Branchen- oder regionalen
Föderationen (councils); zuoberst schließen sich mehrere dieser zu einem
Dachverband/nationalen Zentrum zusammen (IW Köln 2011)[24]. Derart föderal
organisiert, kommt mittlerer und oberer Ebene allerdings nur eine koordinative
Funktion zu, die auch nur geringe Anteile der relativ hohen, bei der Lohnauszahlung
einbehaltenen Mitgliedsbeiträge als Handlungsressourcen abbekommen. Das Primat
liegt auf der Betriebs- bzw. Unternehmensgewerkschaft, die das gesetzlich
garantierte Koalitions-, Streik- und Recht auf Abschlüsse von Tarifverträgen ausübt
(ebd.; Daimon 2012: Kap. 3). Sie hat jedoch nicht nur ihre Basis im Betrieb,
sondern gehört zu dessen Organisation, wo Betriebsgewerkschaftsführer ins Betriebsmanagement
aufsteigen und die Arbeiter stärker als im Westen üblich konsensual eingebunden
sind (Ehrke 1996: S. 5). Zwecks größerer Durchsetzungskraft, aber auch um den
Unternehmen als zuverlässige Partner zuarbeiten zu können, wurden seit 1955 die
Tarifverhandlungen landesweit auf den Februar und März, kurz vor Beginn des
unternehmerischen Fiskaljahrs im April, gelegt – die Frühjahrs-Offensive
„shuntó“. Die höheren Ebenen griffen koordinativ ein, letztlich konnte aber
auch branchenintern auf Betriebsebene eigen verhandelt werden, wofür sich oft
militanter, politisch aufgeladener Slogans zur Mobilisierung und v.a.
Positionierung gegenüber der Öffentlichkeit und Regierung als repressive Kräfte
bedient wurde. Shuntó wurde im Weiteren so etabliert, dass sie rituelle Züge
annahm, Verhandlungsergebnisse voraussagbar wurden, was ein Spannungsverhältnis
zwischen gewerkschaftlichen Verhandlern und damit unzufriedenen Mitgliedern
erzeugte (Daimon 2012: Kap. 4.1; Ishida 1993b: S. 128f.). Ganz im Gegensatz zu
den Hausfrauen waren die Gewerkschaften von Anfang an politisch verbandelt, was
Einfluss und Ressourcen stärkte, aber historisch gewachsen stets auf Seiten der
ab 1955 ‚Daueropposition‘ blieb und sie so zur bewegten Repression (s. Kap. 5)
wie Provokation machte (Daimon 2012: Kap. 4.4).

4. Ökonomischer Abschwung – Protest in stagnierenden
Verhältnissen


Die vorgestellten Bewegungen der japanischen Prosperitätszeit waren national
verhaftet und dort in der Hauptsache im erweiterten Haushalt der Hausfrauen, an
bestimmten Orten der Umweltschädigung oder in den Betrieben als Gemeinschaft
der Salarymen aktiv, wo Mobilisierung und Rekrutierung also üblicherweise in
unilateral-vertikal strukturierten
[25] sozialen Räumen eines geringen Generalisierungsniveaus erfolgte und an single issues zur paternalistischen Instandsetzung orientiert war. Verbände höherer
Ebene stellten formal zwar die Spitze föderaler Organisationen dar, hatten
i.a.R. aber nur nach unten koordinierende und national repräsentierende
Funktionen, ohne deshalb notwendig das Generalisierungsniveau vergrößern zu
können. In einem „vierten Religionsboom“ und einhergehend mit der New-Age-Bewegung
ab den 1970ern kamen in starkem Maße synkretistische „Neue Religionen“ (vgl.
Coulmas 2014: Kap. 8) auf, die 2004 in über 600 religiösen Gruppen 10-15% der
japanischen Bevölkerung für sich mobilisieren konnten. Sie bezogen sich
mitnichten nur auf Jenseitiges[26],
sondern sind als „Produkte und Produzenten sozialen Wandels“ (Raschke) zu
kulturorientierten Bewegungen zu zählen, die auf gestaltbare und
gestaltungsbedürftige soziale Aspekte hinwiesen. Sie zielten „primär auf eine
Veränderung des alltäglichen Lebens, der unmittelbaren Umwelt und des Selbst“ (identity
transformation) ab und waren so religiös motivierte Gegenbewegungen zur
politischen Partizipationsarmut – „eine Art ‚stiller Widerspruch‘ gegenüber
staatlichen Autoritäten und etablierten Institutionen“[27] – und somit
Wegbereiter der Individualisierungsprozesse, die 1990 ökonomisch noch
beschleunigt wurden (Wiczorek 2004: S. 69ff.). Denn durch diese ökonomischen
Einbrüche veränderte Bedingungen und somit auch Gelegenheitsstrukturen (s. Kap.
5) führten zu einer Erweiterung resp. Intensivierung zuvor noch schwächer
ausgeprägter Formen sozialer (Protest-)Bewegungen[28], was den
Wandel hin zu einem „pluralistischen, multithematischen, dezentralen und transnational
vernetzten“ Bewegungssektor einleitete (Gengenbach/Trunk 2012: S. 262). So sehr
die lokale Gemeinschaft die föderale Basis japanischer Bewegungsindustrien
gebildet hat und vielfach noch bildet (Broadbent n. Viehöver 1996: S. 49), so
wenig deshalb eine anonyme Spenderkultur und die damit verbundene isolierte
Organisationsform bis weit in die 1990er Jahre hinein zum Leidwesen von u.a.
INGOs wie Greenpeace Fuß fasste (ebd.: S. 50f.), so sehr sind ab den 1990ern
subkulturelle Elemente wie Cosplay aus den sozialen Milieus in die japanische
Protestkultur verwoben und verleihen ihr vielfältig bunten Ausdruck[29].
Die ökonomischen Entsicherungen als geteiltes diagnostic framing ließen
zunehmend sozial-/systemkritische Bewegungen erwachsen, deren Charakteristikum
ein grundlegenderes Infragestellen, deren konkreter Problembezugsrahmen und ihr
Angebot an prognostic framing jedoch divers war: „Aki no Arashi“ (Herbststurm),
der sich „Kritik an gesamtgesellschaftlicher Ordnung, Autorität und Hierarchie“
widmete; „Dameren“ (Vereinigung der Armseligen), die sich an einer „autonom
organisierten Lebensform für Arme“ versuchte und so erst diese wohlstandsverkannte
Gruppe ins Licht holte; „tentóteki ródósha kyókai“
(Badehaus-Arbeiter-Bewegung), die das Verschwinden von städtischen Badehäusern
als Gentrifizierung ansah und deren Erhalt zum Politikum machte, oder seit 2004
“Shiroto no Ran“ (Aufstand der Laien). Dieser organisierte am 10.04.2011 die
erste Anti-Atomkraft-Demonstration mit 15.000 Teilnehmern und bediente sich
„dissidenten Praktiken der Selbstversorgung, Organisation und Information“[30]
(Do-it-yourself-Taktiken, Recycling-Shops) als emotionale identity amplification. Damit werden statt traditioneller Möglichkeiten politischer Partizipation „neue aktivistische
Elemente und ihre eigene Lebensform für gesellschaftlichen Wandel […] als
‚emanzipatorischen Radikalismus‘“ eingesetzt. Diese „new generation“-Bewegung
knüpft nicht mehr wie noch die Gewerkschaften Vernetzungen zur
sozialistisch/kommunistischen Daueropposition, ist aber in linkspolitischer Ausrichtung
als „post-new left“[31] einzuordnen. Die andere Seite dieser intranational handelnden sind
globalisierungskritische Einzelbewegungen. Die „Tradition der ‚singe issue politics‘“[32] (u.a. Feminismus[33]) pluralisierte sich zunehmend, indem Bewegungen der Hausfrauen oder Gewerkschaften
unideologisch mit ihren Mitteln insb. an Protesten rund um „Fukushima“
teilnahmen und sich so multithematische, vielschichtige Koalitionen ausbildeten
(Gengenbach/Trunk 2012: Kap. 3). Als Wegbereiter solch vernetzter,
multithematischer und dezentraler „Post 3.11“-Demonstrationen ist die besagte
globalisierungskritische Bewegung in Japan einzuschätzen, die v.a. rund um die
Aktivitäten zum G8-Gipfel in Hokkaidó 2008 Protestformen und Strategien
ausbildete. Eine Transformation sozialer Missstände, so die Motivation
dahinter, sei nur noch durch Vernetzung von punktuellen Einzelaktionen
angesichts global-dynamischer Rahmungen zu bewirken. Eine transnationale
Vernetzung verlangt organisational stärkere Institutionalisierung als bei
single issue Ad-hoc-Allianzen, um sich als Koalitionspartner über bisherige
Grenzen hinweg zuverlässig bzgl. Ressourcen austauschen und so in wirksamer Bewegung
bleiben zu können; im Gegensatz zu INGOs und TSMOGs (Greenpeace, Oxfam) wird
aber auf „organisatorische und strategische Autonomie der beteiligten
Mitgliedergruppen“, die fachspezifische Forschungsinstitutionen bis
Laien-Graswurzelbewegungen einschließen können, wert gelegt. Weil die klassischen
Medien vom „Zirkel der Macht“ (s. Kap. 5) eingenommen sind und so Informationsvermittlung
auf herkömmlichem Wege erschwert ist, ist eine der wichtigsten Ressourcen, die
zu gewinnen ist und über die zu gewinnen ist, Wissen und dessen Vermittlung.
Neben „benkyókai“ (Lerntreffen) oder weiträumigeren „Bildungs-Karawanen“ gab es
in Vorbereitung auf den G8-Gipfel noch Internetkurse und Radioprogramme, die
von Bürgerreportern (shimin kisha) moderiert wurden. Erst durch dieses frame
bridging konnten multisektorale Koalitionen zu interdisziplinären cross
issue-Aktivitäten zusammenfinden und sich so anlassbezogen (Irak-Krieg oder
WTO-Treffen in Cancún 2003…) übergreifende Solidaritäten gegen gemeinsame
Gegner festigen. Beim G8-Gipfel auf Hokkaidó gipfelte all dies in
quasi-professioneller Organisation und Zusammenführung transnationaler Gruppen
(Gengenbach/Trunk 2012: Kap. 4). An diese Erfahrungen (memory frame der
Bewegungen) konnte erfolgreich angeschlossen werden, als es am 11.03.2011 zur
Dreifach-Katastrophe kam: Die Chiffre „Fukushima“[34]
stand im Protest nicht nur für technisches Versagen eines AKW, sondern für das Versagen
staatlicher Risikokommunikation[35],
weshalb in Parallele zu Occupy, dem Arabischen Frühling und der europäischen
Demokratiebewegung in Japan das „Eiserne Dreieck als „Zirkel der Macht“ (s.
Kap. 5) derart erstmals unter Beschuss geriet. Ziel der Proteste (und somit
prognostic wie als Selektive Anreize auch motivational framing) war
„generationen- und kulturübergreifend“ Wandel durch konsequentes Beharren auf
formal zustehenden Bürgerrechten einzuleiten, indem Demonstrationen unübersehbar
in die Öffentlichkeit getragen werden (Beispiel der institutionalisierten
„Freitagsdemos“). Hatten Hausfrauenbewegung und Gewerkschaften nur das Ziel
einer ‚Semiöffentlichkeit auf Zeit‘ (Erweiterung der Haushaltsdomäne resp.
Shuntó), wurden mit u.a. Zeltlagern dauerhaft öffentliche Räume ‚erobert‘, um
mit unkonventionellen Aktionsformen eine junge, kreative Alternativkultur vorzuleben
(ebd.: Kap. 5). Auffallend, wie sehr hierbei der Handlungstrieb des
Prozessnutzens zur Erlangung von zuvor ungeübter Autonomie, Verbundenheit und
Kompetenz reziprok zur Aktivität motiviert und durch sie für sich profitieren
lässt (Holdgrün 2012: S. 256f.), wie es auch auf die meisten
Katastrophenvolunteers nach dem Tóhoku-Erdbeben zutraf (Klien 2013).

5. Protestualer Wandel? Der diachrone Blick


Um das „opportunity set“, das den Akteuren Gelegenheiten bietet und restriktive
Bedingungen setzt, als deren wahrgenommene Handlungschancen innerhalb eines
sozialen Kontextes zu bestimmen, sind aus Sicht dieser die „external relational
fields“ zu analysieren: Nach 15jährigem/Pazifischem Krieg durchlief Japan bis
1952 als besiegter Feindstaat unter US-Administration nach der ersten Landesöffnung
1868 erneut eine exogene „Transformation von revolutionärem Ausmaß“ (Eisenstadt
2006: S. 379)
[36].
Diese baute jedoch auf diverse „transwar endeavours“ (vor dem Krieg schon
angestoßene Bestrebungen), weshalb diese kein „umfassendes Bewusstsein und
ideologisches Modell für Diskontinuität und Wandel“ ausformten (ebd.: S.
369f.). Zur Steigerung des BIP wurde ein „Konvoi-Kapitalismus“ in einem
„Grundkonsens zwischen staatlichen Organen und Großindustrie“ in Gang gesetzt,
der 3 Jahrzehnte typisch für Japan war (Goydke 2013: S. 83f.) und es 1968 zur
zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt machte. Dafür wurde „der Begriff
‚Eisernes Dreieck‘ [kangyósei] geprägt, ein Dreieck, das unter Ausschluss und
auf Kosten der Öffentlichkeit agierte“ (Klein/Kreiner 2010: S. 445). Diese
„Entkopplung von System und Lebenswelt“ ging jedoch mit der „Kolonisierung“
dieser in Form „einer Unterwerfung immer weiterer sozialer Bereiche unter Marktgesetze
[…], in der Ersetzung kommunikativer Beziehungen durch Warenbeziehungen also“,
einher (Habermas n. Sacchi 1994: Kap. 2). 1955 gefördert durch die
Kangyósei-initiierte Bewegung „Neues Leben“ (shin seikatsu) wurde eine
geschlechtspolare Arbeitsteilung etabliert, um in festen Rollen[37]
„alle Mitglieder der Gesellschaft auf einen sparsamen Umgang mit den Ressourcen und auf das
Wachstum der Wirtschaft“ auszurichten[38],
was zum Zwecke nationaler Prosperität parteiübergreifend und von den
Gewerkschaften mitgetragen wurde (Linhart o.A.: Kap. 8). Durch diese Art
„industrieller Tradition“, die „spezifisch industriegesellschaftliche
Verhältnisse als ‚immer schon so gewesen‘ und traditionell“ und „letztlich als
selbstverständlich und unhinterfragbar“ darstellte (Lenz 1990: S. 73), und
weiterer Tradition(alism)en (Antoni 1992) wurde eine wertkulturell verdichtete
Gelegenheitsstruktur gefestigt, deren „narrative fidelity“ einer familienzentrischen
Gesellschaft (ie shakai) als Master Frame für disparate Gruppen höchst
anschlussfähig und resonierend war[39]. Diese
so zu nennende ‚restaurative Integration‘ band das gesellschaftliche Gros so fest
ein, dass soziale Bewegungen wie die der Hausfrauen und institutionalisierte
Organisationen wie die Gewerkschaften ihre Frames zur Ressourcenmobilisierung
im weiteren Sinne durch frame amplification nur in Nuancen spezifizierten,
sonst aber voll auf nationaler Linie blieben. Nicht die Abweichung, sondern die
Angleichung der auf hausfrauliche Anerkennung in außerhäuslicher
Konsum-Semiöffentlichkeit resp. auf Arbeitsplatzsicherheit und
Einkommenssteigerung zwecks Konsum abzielenden Master Frames an die Kangyósei-geprägte
„diskursive Möglichkeitsstruktur“ (Koopmans/Statham) war integraler
Handlungstrieb der Bewegungsakteure. Neben Patriotismus u.Ä. verführte der
(politisch induzierte) „selektive Anreiz“, „ den Lebens- und
Konsumstil einer prosperierenden Industriegesellschaft führen zu wollen“, zur
geschlechtspolar arbeitsamen Ausbreitung einer industrialisierten Massengesellschaft,
die „sowohl für eine Angleichung der Einkommen als auch eine Nivellierung der
Lebensstandards in städtischen und ländlichen Gebieten“ (Fahrstuhleffekt)
sorgte, was bei 90% ein „allgemeines Mittelschichtbewusstsein“ (Schad-Seifert
2007: S. 1-7) durch das forcierte „Selbstbild einer homogenen Mittelschichtgesellschaft“
(Bude et al. 2012: S.3) ausprägte. Dadurch wurde „Konformität von der
Kooperation in der Produktion zur Konformität im Konsum verschoben“ und „die
Dominanz der ‚anonymen Autorität‚ (Fromm) als typisch für eine fortgeschrittene Industriegesellschaft etabliert. Im Zuge dessen breitete sich eine „konservative Grundstimmung“ (Wright Mills) in der Bevölkerung aus, die keine plötzlichen Wechsel favorisierte und wo
Identifikation nicht (mehr) über den Staat, sondern die (Kern-)Familie und die
Firma als Garant eines materiellen Lebensstils gruppistisch erfolgte (Ishida
1993a: S. 160-164). Das schließt den Kreis, in dem Konsum- und
Wohlstandsverheißung das Gros lange ruhig hielt und es so ihren repressiven
Anteil für „die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“
(Berger/Luckmann) leistete. Bis heute hat diese ‚Konspiration‘ des 1. und 2.
Sektors allerdings zur Folge, dass Öffentlichkeit (kókyósei) und Zivilgesellschaft
(shimin shakai) im 3. Sektor schwach ausgeprägt sind (Foljanty-Jost/Haufe
2006), was die „politischen Chancenstrukturen für politische Partizipation […]
traditionellerweise gering“ sein und „kaum Möglichkeiten der partizipativen
Einflußnahme“ zuließ (Viehöver 1996: S. 54) und die Bevölkerung so ungeübt in
die nächste Modernisierungsphase entließ.

Die Verhältnisse änderten sich scharf, als mit 4jährigem Vorlauf 1990 eine Vermögens-
und Immobilienblase platzte (Willam 2012) und es so nicht zur erwarteten „Pax
Nipponica“ (Vogel 1993) durch die Standards setzende „Vorreitergesellschaft“
(Schwinn 2006: S. 30) kam, sondern die Vorzeigenation unter Druck geriet: Die 1990er
wurden durch die rasante Verdoppelung der Arbeitslosigkeit von 2,1 auf 5,4% zu
einer „lost decade“ (Hommerich/Schöneck 2014: S. 9ff.), was die Vorzeichen
einer „Vollbeschäftigungsökonomie“ umkehrte, so dass sich das „basale Institut
japanischer Arbeitsbeziehungen“ (Hessinger 2004: S. 221f.) in einer Erosion des
Normalarbeitsverhältnisses entsicherte. Auch wenn die 90% Mittelschicht als
„Magie der Mitte“ (Lenk) der gewünschte Stratifikationstyp blieb, konnte der
Glaube an sie nur durch eine v.a. in der Bildung exzessive „Hyper-Meritocracy“
aufrechterhalten werden (Hommerich/Schöneck 2014: S. 9f.; 22).

Folge dessen war „The Individualizattion of Relationships in Japan“ (Ishida et al. 2010) [40], die als
Enttraditionalisierung zur Freisetzung aus der „industriellen Tradition“
beitrug, so diese kulturelle Gelegenheitsstruktur verflüssigte und den höchst
anschlussfähigen, resonierenden Master Frame einer stark integrierenden „Bewegung
Neues Leben“ seiner „narrative fidelity“ als quasi Alleinstellungsmerkmal entzauberte.
Gab es bis 1990 durchaus erste Modulationsversuche[41], so zeichnet sich
die Zeit ab 1990 dadurch aus, dass Protestbewegungen von Grund auf eigene
Master Frames durch frame extension (um durch neue Inhalte
neue/individualisierte Gruppen zu erreichen) und frame transformation (um sich
den geänderten Überzeugungen inhaltsprogrammatisch anzupassen) entwickeln
mussten. Zugleich gab es weiterhin beharrende Kräfte, die das „opportunity set“
ausformten: Zwar als prosperitätsstiftendes Eisernes Dreieck de facto ökonomisch
und in Form einer „Elitentransformation“ (Giddens) weg von einer „kohäsiven
Machtelite“ politisch sukzessive erodiert (Rothacher 2010)[42], blieb es als
„Zirkel der Macht“ dennoch bis heute etabliert und prägend, da die
verschränkten Beziehungen bis in die Massenmedien ausgedehnt wurden, über die
nun (Des-)Informationen gezielt in die Bevölkerung diffundieren (Schmidt 2013:
S. 9f.).

„Die spezifische Struktur des Dritten Sektors“ als „Nebeneinander von wenigen
einflussreichen starken Organisationen und vielen einflussarmen, ressourcenarmen
Nachbarschaftsvereinigungen“ (Pekkanen) wurde durch ein NPO-Gesetz von 1998
möglichkeitsstrukturell diversifiziert: Es ist eine „neue spezifische
Rechtsform der gemeinnützigen Körperschaften eingeführt worden, die lokalen,
bislang nicht eingetragenen Bürgervereinen einen Rechtsstatus bietet.“ Dadurch
nahmen NPOs quantitativ zu und fassten als 3. Segment im 3. Sektor neben traditionellen
Nachbarschaftsvereinigungen und Bürgergruppen Fuß. Das belässt rechtlich
induziert dem Staat eine Zuweisungsfunktion staatlicher Outsourcings inkl.
einflussnehmender Durchdringung, schafft hierarchische Abhängigkeiten und formt
die drittsektorale Struktur sehr ungleichheitlich aus (s. Abb. 2 im Anhang)
(Foljanty-Jost/Haufe 2008: S. 62ff.). Ein Aufschmelzen der „administrierten
Gesellschaft“ (kanri shakai) (Kurihara n. Lenz 1993: S. 89) hin zu einer Bürger(selbst)verwaltung
(shimin jichi) wird seit etwa 2000 ausschließlich auf kommunaler Ebene (quasi
im alten ‚Heim‘ der Hausfrauenbewegung) durch diverse Partizipationsangebote
erprobt, die jedoch trotz eines regelrechten Booms eher nur „kommunikative
Funktion“ haben und so „im Rahmen von Entscheidungs- und Planungsprozessen als
verwaltungsgelenkte, singuläre und wenig verbindliche Beteiligung zu
bezeichnen“ sind (Foljanty-Jost/Haufe 2011: S. 92; 114ff).

6. Fazit


Vor der Conclusio zur betrachteten diachronen Protestgenese und deren sozialen Bedingungen sind Blinde Flecke der Analyse herauszustellen: Kapazitätsbedingt blieb es, wie einleitend eingeschränkt, bei einer etischen Perspektive, was frühe Syntheseleistungen japanischer
Bewegungsforschung seit den 1980er Jahren bzgl. isoliert existierender Theorien
in Europa und den USA ebenso außen vorlässt wie an konkrete japanische
Bewegungen orientierte Forschungen aus emischer Sicht. Auch außen vor blieb die
1. Modernisierungsphase Japans (1868-1945), in die diverse der kollektiven
Biographien zurückzuführen wären und die die Grundlage für verschiedentliche
memory frames bildet. In der seither zwar „verwestlichten“, dennoch
„nicht-westlichen“ Industrienation (Derichs) hielt trotz des Imports der
„Sozialen Frage“ Ende des 19. Jahrhunderts und einer „jiyú minken undó“
[43]
erst nach dem 15jährigen Krieg mit „shakai undó“ ein Oberbegriff für soziale
Bewegung in Japan Einzug, zuvor wurde bewegungsförmige Aktivität konkret und
isoliert benannt. Nicht unerwähnt darf die „Lebensreformbewegung“ (seikatsu
kaizen undó) Anfang des 20. Jahrhunderts bleiben, die „zur Verbesserung des
Alltags“ vom Staat initiiert worden war, der sich aus der Bewegung aber
zurückzog, die sich daraufhin verselbständigte und anfangs
funktional-integraler staatlicher Kontrolle entzog (Mathias-Pauer) (zit. n.
Galbani 1997: S. 109f.). D.h., dass bereits 50 Jahre vor der „Bewegung Neues
Leben“ eine staatsinitiierte Kampagne eine Bewegung in Gang gesetzt hatte und
es sich somit nicht um singuläre, sondern im Zuge japanischer Modernisierungsprozesse
um typische Formen kultureller Gelegenheitsstrukturen handelt, die die
Definition einer sozialen stets als Protestbewegung (Kap. 2, S. 3) relativiert
und sie anscheinend auch nicht notwendig in provokanter Opposition entstehen
lassen muss. Diese Art von „nationbezogener Kulturalität“ diente „zur
Vereinheitlichung der lebensverhältnisse und zur Bildung einer kollektiven
Identität der Menschen“ und „beruht auf abgrenzenden und ausschließenden
Differenzsetzungen“, deren wichtigste, weil grundlegende die „Genderordnung“
ist (Mae 2008: S. 237). In diesem Lichte ist die Hausfrauenbewegung shufuren
„in einer Grauzone zwischen fest etablierten Interessengruppen und sozialen
Massenbewegungen innerhalb des gegebenen politischen Systems“ zu verorten, die
„ihre politisch-orientierten Ziele in einer Mischung aus Kooperation und
Konfrontation“ verfolgte, „auf lokaler Ebene eine aktive und bedeutende Rolle“
spielte, doch auf nationaler Ebene hatte „sie lediglich eine repräsentative
Stellung inne“, blieb ohne Stimme und ohne politische Partizipation auch
konservativ (Maclachlan n. Galbani 1997: S. 110). Vergleichbares, nur mit
betrieblicher Orientierung gilt m.E. für die Gewerkschaften. Der durch die
geplatzte Wirtschaftsblase ausgelöste Individualisierungsprozess setzte – ganz
im Sinne Becks (vgl. Beck 1983; Beck/Beck-Gernsheim 1993) – die Individuen aus
klassenförmig einnehmenden Konstellationen frei, was für den Protest bedeutete,
dass Handlungstriebe der Normkonformität zurücktraten und zunehmend von Eigen-
bzw. Prozessnutzen abgelöst wurden; an die Stelle von „everyday kantians“ quasi
„occasional users“ getreten sind, die sich anlassbezogen gezielt für eine tiefergehende
lebensweltliche Umgestaltung (v.a.) auch zum eigenen Vorteil einsetzen; in einem
Findungsprozess steht für sie auch mehr identity consolidation und darauf
folgender transformation (am zugespitztesten bei den Neuen Religionen) im
Vordergrund. So pluralisiert die Identitätsbildung erfolgt, so plural sind auch
die Deutungsrahmen geworden: Wurde per diagnostic framing erfasst, wer und was
die paternalistische, nämlich prosperitäre Ordnung gefährdete, kam im
prognostic framing die gendergeordnete Arbeitsteilung zum Zwecke der
Wohlstandswahrung als Lösung auf den Tisch, was lange kaum noch eines
motivational framing bedurfte, um dafür zu rekrutieren, da in ‚restaurativer
Integration‘ das memory framing griff. Inzwischen gibt es je nach Standpunkt
und Perspektive der Probleme und deren Lösungen viele, die Motivierung muss
spezifischer ausfallen und referentiell gemeinsame ‚Erinnerungen‘ sind in eine
gruppistische Vielzahl fragmentiert. Dementsprechend bedarf es verstärkt frame
bridging zur Herstellung neuer Gemeinsamkeiten; frame amplification, um sich
Gehör und so Resonanz zu verschaffen; aber auch frame extension, um stets neue
Inhalte bis zur anvisierten Meinungsöffentlichkeit auszudehnen sowie frame
transformation, um alternativ die eigene Agenda dem ggf. wechselnden Mainstream
anzupassen. Kurzum: Das Sammelsurium an Framing-Techniken muss in Gänze
proaktiv angewandt und situativ neukombiniert werden, um den neuen Kontexten
einer „Differenzgesellschaft im Familienexil“ (anstelle einer „homogenen
Familien-Mittelschichtgesellschaft) gerecht zu werden.
Partizipationsgelegenheiten werden de jure formal zwar stetig vergrößert, durch
den „Zirkel der Macht“ in ‚guter alter Tradition‘ jedoch faktisch ‚gezähmt‘,
dass die Dreifach-Katastrophe rund um Fukushima v.a. als Chance auf Protest für
Partizipation in neuen Räumen zu sehen ist – Weiterentwicklungsprognose: offen.

7. Literaturverzeichnis

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Internetquellen

Baur, Nina (2013a): Der Ernährer und die Hausfrau, oder: Der Arbeitnehmer und die Verbraucherin.

Baur, Nina (2013b): Die Koppelung von Arbeitsmarkt und Sozialstaat über das Ernährer-Hausfrau-Modell.

Bilke, Ezgi (2015): Die Gesellschaft im „Familien-Exil“.

Christophersen, Claas (2006b): Sozialer Protest zwischen Bewegung und Institutionalisierung (ZOESS, ExMA Papers).

Daimon, Masahiko (2012): Studie – Gewerkschaften in Japan.

Ehrke, Michael (1996): Gewerkschaften in Japan: betriebliche Rolle und politische Positionen.

Harootunian, Harry (2011): Gescheiterter Staat mit intaktem Kaiser. Im Katastrophenfall hält sich Japan an seinem Monarchen fest.

Helle, Horst Jürgen (1981b): Auf dem Weg zur matrilinearen Gesellschaft? Kurzfassung.

Herriger, Norbert (o.A.): Materialien 6. Soziale Bewegungen und politisches Empowerment. Begleitskript zur Lehrveranstaltung. [PDF]

Ikezawa, Natsuki (2011): Vier Lehren aus Fukushima. Horizontale Solidarität und vertikales Misstrauen.

IW Köln (2011): Gewerkschaften im internationalen Vergleich ()))= – Japan.

Linhart, Ruth (o. A.): Die japanische Frauenbewegung der siebziger und achtziger Jahre.

MacCormack, Gavan (2015): Rebellion auf Okinawa – Die japanische Insel wehrt sich gegen eine große neue US-Militärbasis.

Makoto, Katsumata (2015): Shinzo Abes Verrat. Japans Regierungschef will das Militär künftig auch im Ausland einsetzen. Sein Volk ist dagegen.

Pomrehn, Wolfgang (2016a): Japan – Friedensdemos im ganzen Land.

Pomrehn, Wolfgang (2016b): Japan – Proteste gegen US-Stützpunkte.

Zöllner, Reinhard (2015): Mythen, Flaggen, Heldentum – Das Geschichtsbild der japanischen Liberaldemokraten.

8. Nachbemerkung

Wie in der Vorbemerkung bemerkt;-), liegt nun digital aufpoliert die letzte des Quartetts und die finale des Trio skriptorale vor, was meine universitäre Beschäftigung mit Japan betrifft. Wer es bis hierhin geschafft hat, verdient Respekt!

Nur zur Info, wer noch ganz atemlos vor Erschöpfung ist: Die Betreuerin hat diese soeben durchgelesene Arbeit mit maximal bester 1.0 bewertet und benotet. Am Ende der Kräfte, auf dem Zahnfleisch kriechend, soll mir somit das Beste aller Hausarbeiten nipponicae gelungen sein, der (gekonnte?) Glücksgriff. Wer auch dieser Meinung ist NACH DER LEKTÜRE VON KAPITEL ZWEI, melde sich im Kommentarbereich. LÜGEN IST ZWECKLOS!

Gerade dieses Kapitel zwei ist derart ultraverdichtet, zwecks Platzeinsparung ist hier so viel Inhaltsgewichtiges in die Fußnoten ausgelagert, gibt sich relevanter Fachausdruck mit wichtigem Fachterminus die Klinke in die Hand. Und noch krasser: Just an dem Tag der Abgabe, als ich mittags nochmal Luft holen wollte, kam die Benotung der Trio-ersten Hausarbeit rein, also zur Individualisierung-These. Daraufhin, das weiß ich noch arg genau, habe ich diverse letztmögliche Eingriffe in den Satzbau und die Satzstruktur vorgenommen, habe sogar noch – kaum noch erahnbar – entzerrt und Sätze entschachtelt. Diese Version von kapitel zwei (und ebenso der folgenden) ist also bereits eine entschärfte, ein Versuch der Lesbarmachung. Ich komme schon mit meinem eigenen Machwerk klar, aber dieses berüchtigte Kapitel zwo ist so angefüllt, derart voll mit Jedwortwichtigkeit, dass man es nur höchst konzentriert Wort für Wort erlesen darf. Zumindest sollte, wollte man folgend dann meine versuchten Zuordnungen und Erklärungen nachvollziehen können. Nur wer hier aufgepasst und noch im Sinn hat, versteht allen voran Kapitel fünf mit dem großen Überblick all der Rahmen gebenden, Gelegenheiten strukturierenden, kommunikative Anschlüsse herstellenden Umstände in Japan.

Und dennoch ist es auf gewisse Weise die konkreteste aller vier Hausarbeiten, die den zeitnächsten Bezug hat und sich – zumindest aus der Ferne, massenmedial vermittelt – auf real miterlebte Geschehnisse bezieht. Alle übrigen Arbeiten sind theoretisch fundierter, fußen auf Theorien mittlerer Reichweite, mit denen ich wie durch eine Brille auf Japan blickte. Das in Kapitel zwei geschärfte Instrumentarium ist zwar gleichermaßen wie diese Theorien in Europa/USA konzipiert worden, wollen aber konkrete Protestformn erfassen und beschreiben. Dieser Clash – detaillierter als sonst hinblickend versus mehr denn je theorieverdichtet abstrahiert formulierend – lässt mich noch heute bass erstaunt sein. Und weil das nirgendwo sonst im Quartett so sehr auseinander klafft, ist genau diese Arbeit dann optimal bewertet. Sachen gibt’s…

EDIT vom 13.12.2021: Da brauche ich überlange Stunden, bis das Ganze umgewandelt ist, um dan doch Fehler vorzufinden. 1. In der Übersicht der Titel, wo ich den Link auf bereits online gegangene Arbeit fixte; 2. Im InhaltsVZ die Sprungmarke, damit man ohne die Zwischenlektüre sogleich ans Ende zur Nachbemerkung hopsen kann 😛

  • Als „ein auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen, welche sozialen Wandel mit Mitteln des Protests – notfalls bis hin zur Gewaltanwendung – herbeiführen, verhindern oder rückgängig machen wollen“ (Rucht zit. n. Herriger o.A.: S. 2).
  • Verstanden als „öffentliche, kollektive Handlungen nicht-staatlicher Träger, die Widerspruch oder Kritik zum Ausdruck bringen und mit der Formulierung eines gesellschaftlichen bzw. politischen Anliegens verbunden sind“ (Rucht/Neidhardt zit. n. ebd.).
  • Diese gelten nicht mehr als „dysfunktional“ und „irrational“ (Massenpsychologie), die „entstehen, wenn die gesellschaftlichen Institutionen […] nicht ausreichend funktionieren“, „soziale Kontrollmechanismen versagen“ (strukturfunktionalistische Theorie kollektiven Verhaltens) und „Menschen zum Mittel des Protests greifen, wenn die Diskrepanzzwischen Anspruch und Wirklichkeit zu groß wird“ (Theorie relativer Deprivation). Damit wurden sie „auf zu schnellen sozialen Wandel, ökonomische Krisen und gesellschaftliche Integrationsdefizite zurückgeführt“ (Kern 2010: S. 3; 42).
  • Gegen patriarchalische Fesseln und pro Demokratisierung als emanzipatorische Frauen- und Bürgerrechtsbewegungen sowie in Form neuer Kooperations- und Lebensweisen als Bürgerinitiativen oder ökologische/autonome Gruppen im „Widerstand gegen die Tendenzen einer Kolonialisierung der Lebenswelt“ probten sie an „den Nahtstellen zwischen System und Lebenswelt“ eine „stille Revolution“ (Habermas n. ebd.: S. 46).
  • Als die Summe aller „Bewegungsindustrien“, die sich wiederum aus den Konstellationen aller Organisationen innerhalb einer Protestbewegung bilden und im Zuge des Wohlstand- auch ein Wachstum des Ressourcenzuflusses erfuhren (ebd.: S. 110f.).
  • „Zu diesen Ressourcen gehören Geld, Personal, Arbeit, Fachwissen, Legitimität, Informiertheit (tangible goods) und andere Dimensionen wie etwa moralische Reserven (z.B. Erinnerungen, Mythen, Opfer), Solidarität, ideologische Zugehörigkeit einer sozialen Bewegung“ (Zimmermann 1998: S. 55).
  • 4 Idealtypen: (Kostenkalkulation und Maximierung von) Eigennutzen (vgl. Prozessnutzen bei Holdgrün 2012); Normkonformität für soziale Anerkennung bestimmten Verhaltens (Stärke beim „bloc recruitment“); Identitätsbehauptung (durch identity amplification / consolidation / extension / transformation); auszulebende Emotionalität.
  • „sind kollektive Deutungsmuster, in denen bestimmte Problemdefinitionen, Kausalzuschreibungen, Ansprüche, Begründungen und Wertorientierungen in einen mehr oder weniger konsistenten Zusammenhang gebracht werden, um Sachverhalte zu erklären, Kritik zu formulieren und Forderungen zu legitimieren“ (Neidhardt/Rucht n. Herriger o.A.: S. 12).
  • Oder zum Aufzeigen von Ungerechtigkeiten injustice frames; Stärkung des kollektiven Zusammenhalts identity frames; Entwicklung von Handlungskonzepten und Erzeugung öffentlicher Aufmerksamkeit agency frames (Gamson n. Kern 2010: S. 122, FN 46).
  • Zur Mobilisierung von Mitgliedern/Sympathisanten/Ressourcen stehen 4 Framing-Techniken zur Verfügung: frame bridging zur Erlangung gemeinsamer Agenda disparater Bündnisteilnehmer durch Inhaltsaustausch; frame amplification zur Verstärkung einzelner Ideenvergrößert die kulturelle Resonanz des Deutungsrahmens; frame extension als Herausstellung neuer Inhalte zur Erreichung anvisierter Zielgruppe; frametransformation als Umdeutung/Erzeugung neuer Inhalte zur Adaptation desBewegungsprogramms an vorherrschende Überzeugungen (Neues wider den Mainstream)(ebd.: Kap. 5.3.2).
  • Zudem sei die TGS ein „definitional sloppiness“ (Kriesi), ein „Schwamm“ (Gamson/Meyer) (ebd.: S. 131), verbinde Mikro- und Makroebene nicht und mache „ad hoc“ zur Gelegenheitsstruktur, was situativ passend scheine (Opp 1996: v.a. Kap. 2f.).
  • Binnenstrukturell nach teilsystemischer Differenzierung (segmentäre Ökonomie, funktionale Politik), „funktionalen Antagonismen“ (binäre Codes wie Lehre/Forschung in der Wissenschaft), Art und Ausmaß arbeits- und interessenorganisationaler Institutionen, mit denen Protestbewegungen in Kooperenz stehen (Kern 2010: S. 134).
  • Auf der Basis „narrative fidelity“ kultureller Gelegenheitsstrukturen müssen Master Frames im Bewegungssektor diskursiv durch Modulation (Goffman) kulturell anerkannter Symbole usw. für sich Resonanz gewinnen. Je besser, sprich anschlussfähiger die Modulation kultureller Bestände gelingt, desto größer die Resonanz (ebd.: Kap. 5.4.2).
  • Analytisch 2 konträre Akteurskoalitionen möglich: mobilisierender „Provokation“ und demobilisierender „Repression“. Ihre Stärke im Verhältnis ist für den Verlauf relevant (ggf. gegenseitige „Auslöschung“) und ob staatliche Akzeptanz den Protest fundiert, der sich bei positiver Resonanz zu einer „Protestwelle“ ausweiten kann, ansonsten in bestimmten Räumen und soziokulturellen Milieus isoliert bleibt (ebd.: Kap. 5.4.3).
  • Deren Nicht-/Befolgung einherging mit den Instrumenten der Belohnung/Bestrafung in Form zu gewinnenden oder verlierenden Sozialprestige im eigenen Wohnviertel.
  • Was daran lag, dass sich kein Ernährer-Hausfrau- (Baur 2013b), sondern ein „Eineinhalb-Personen-Berufs“-Modell (Beck-Gernsheim n. Jurczyk 2009: S. 75) festigte, wo 52% der Hausfrauen i.a.R. als „part timer“ berufstätig waren (Teruoka 1990: S. 95-97), worüber sie neben der Verwaltung des Gatteneinkommens insb. die Ressource Geld bezogen.
  • Lange auf „Brautschule“ verkürzt und inhaltlich beschnitten eröffnete erst die Nachkriegsdemokratisierung des Erziehungswesens Optionen, dass 1955 nach 9jähriger Schule 47%, 1980 93,8% der Mädchen eine Höhere Schule besuchten (Langer-Kaneko 1991: S. 113) und 1989 erstmals mit 36,8% 1% mehr Mädchen auf die Uni gingen und 10.000 mehr als Jungen diese Richtung Beruf verließen (Kameda 1991: S. 130f.).
  • Eine verbraucherkooperative Genossenschaftsbewegung entstand 1951 unter maßgeblicher Beteiligung linker Parteien und der Gewerkschaften, die sich ab den 70er Jahren zunehmend als „linksunabhängig“ verstanden und deren 22 Mio. Mitglieder 2002 größtenteils Frauen sind (Schmidt 2005: S. 20ff.). Diese erwuchsen jedoch weniger aus den lokalen Hausfrauen-Gemeinschaften, sondern gründen auf freiwilliger Assoziation in den präfektural statt lokal organisierten „Han“- als Verteilergruppen (Viehöver 1996: S. 51).
  • Stadt in Präfektur Kumamoto und Chiffre für die erste Umweltkatastrophe, mit der sich die Medien Mitte der 1950er Jahre beschäftigten: Wegen ungefilterter Abwässer mit organischem Quecksilber, das 3000 Tote und 35000 widerständisch anerkannte Geschädigte forderte und Negativbeispiel einer antibürgerlichen Verwaltungsgesellschaft (Kap. 5) ist (Coulmas/stalpers 2014: Frage 20).
  • Bis zur Ölkrise 1973 gewannen Bürgerumweltinitiativen durch das zunehmende Interesse an qualitativem sozialen Wachstum an Zulauf, was sich danach wieder umkehrte und konsumförderlichen quantitativen Wachstum Vorrang gab. Die zeitweisen Koalitionen mit Gewerkschaften zerbrachen hier i.a.R., da diese zwecks Arbeitsplatzerhalt die Seite der verursachenden Industrie übernahmen (Ishida 1993a: S. 167f.; 1993b: S. 130f.).
  • Vergleichbar der historischen Haushaltszentrierung der Frauen erwächst eine kollektive Biographie der Betriebsgewerkschaften aus Japans Industriegeschichte v.a. zur Kriegszeit, als in den Fabriken auf der untersten nationalen Organisationsebene (neben den Weilern) zwecks Konformität Arbeiterorganisationen und Abteilungen gebildet und diese so gestärkt wurden, was als implizit-latenter memory frame fungiert (Ishida 1993b: 126).
  • Bis 1984 sind über Jahre konstant 27% der Gewerkschaftsmitglieder Frauen, die sich kaum in Führungspositionen fanden und deren Organisationsgrad mit 22,2% klar unter dem der Männer (32,6%) lag und weiter abfiel (Lenz 1993: S. 260).
  • Das Gewerkschaftsgesetz vom Dezember 1945 schloss zwar die Mitgliedschaft leitender Positionen aus, de facto formierten aber Vorarbeiter und Angestellte die Gründungen. „Deshalb neigt natürlich die Organisationsstruktur der Gewerkschaften bis heute dazu, der des Managements zu ähneln.“ (Ishida 1993b: S. 126f.).
  • Beispiel Toyota: 241 Betriebsgewerkschaften sind in der All Toyota Workers‘ Federation als Unternehmensgewerkschaft inkludiert, diese ist Mitglied der Automobilarbeitergewerkschaft Jidosha Soren, die dem zentralen Koordinierungsgremium der Metallarbeiter sowie dem 1989 gegründeten Dachverband Rengó angehört (Ehrke 1996: S. 1).
  • Unter „Anwendung japanischer Maßstäbe“ erfasstes, oft mit „Rückständigkeit aus der Zeit der Feudalherrschaft“ verkanntes „plus alpha“ sozialstruktureller Grundprinzipien der Gesellschaft Japans, wo ein vertikal hierarchisierter Fokus unilateral auf eine Gruppe das Primat vor horizontalen Orientierungen habe (Nakane 1993: S. 171ff.; Kap. 4).
  • Nach 1990 gegründete Neue Religionen überbetonen häufiger das Jenseits und das Leben nach dem Tod und werden von charismatischen Stiftern nicht mehr als „Übermittler von“, sondern als „lebende Gottheiten“ angeführt. Jenseitsbezug als „geschicktes Mittel“ zur Gewinnung diesseitig gestaltungsarmer Menschen (Wiczorek 2004: S. 71).
  • Sprich: Selbstbehauptungsbestrebungen wider die „Kolonisierung“ der eigenen Lebenswelt (vgl. Habermas n. Kern 2010 u. Sacchi 1994; hier in FN 4; Kap. 5, S. 15).
  • Einklammerung deshalb, weil Protestbewegungen auf der Ebene sektoraler Veränderungen analytisch abtrennbar seien von Sozialen Bewegungen, die auf „konkrete politische, ökonomische oder soziokulturelle Veränderungen innerhalb der bestehenden sozialen Ordnung“ abzielten, und somit je eigene Bewegungsarten seien (Rucht n. Gengenbach/Trunk 2012: S. 263f.), was der ‚Einheitsdefinition‘ (Kap. 2) widerspricht.
  • Von der Presse ignoriert oder von der deutschen als „Pokemon“-Protest abgetan. Das widerspricht der definitorischen Trennung von sozialem Milieu und sozialer Bewegung aufgrund der politischen und sozialen Motiviertheit dieser gegenüber jenem (Herkenrath n. ebd.: S. 264). Das entspricht dafür umso mehr der „Möglichkeit zur Entfaltung einer symbolischen Kreativität“ einer „born into feminism“-Generation junger Frauen (girls), die als „citizens, consumers, producers“ durch Mangas und Co. in „populärkultureller Ermächtigung“ zu „new heroes of popular culture“ (Harris) geworden hierüber eine „feministische Mikropolitik“ zum Ausdruck bringen (Hülsmann et al. 2016: S. 3f.).
  • „Im Sinne einer gelebten Kritik an bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen entgegen der Mehrheit und unter bewusster Inkaufnahme von persönlichen Nachteilen.“ (zit. n. Gengenbach/Trunk 2014: S. 267, FN 2). Das m.E. einer Mixtur aus injustice, identy und agency frame gleichkommt, da die Ungerechtigkeit der Entmündigung angesprochen wird, den eigenen Zusammenhalt stärkt und Aufmerksamkeit erzeugt.
  • Ihr Vorgänger shinsayoku undó (Neue Linke) war als Bewegung mit Einfluss in Nachfolge der Studentenbewegung von Ende der 1960er Jahre umstritten, gerierte sich selbsternannt zur Avantgarde, umfasste 1995 jedoch nur 35.000 Mitglieder (Derichs 1995).
  • Als solche könnten auch die „Friedensdemos im ganzen Land“ (Pomrehn 2016a) gesehen werden, die ihre Wurzeln wider den Vietnam-Krieg in den 1970ern hatten, sich heutzutage durch „Proteste gegen US-Stützpunkte“ (Pomrehn 2016b) förmlich als „Rebellion auf Okinawa“ (MacCormack 2015) ausdrücken und, eng damit verwoben, sich gegen die als „Verrat“ an der Geschichte betrachteten Absichten zur Aufweichung des Friedens- resp. Selbstverteidigungsparagraphen 9 der Verfassung (Makoto 2015) richten.
  • Was stark zu relativieren ist, da sich gerade Frauennetzwerke in Nachfolge der Libu undó um transnationale, aber auch und regional ganz wichtig um postkoloniale Kommunikation bemühen und dabei „als eine dritte Form der Institution neben Markt und Hierarchie“, „die eher als horizontal denn vertikal strukturierte, flexiblere Formen der Organisation […] als ein alternatives Organisationsprinzip“ wider übliche „Top-Down“-Entscheidungen, auftreten und so vielmehr lehrbuchmäßig eine Fülle an Themen einbeziehen und allerorts zur Sprache bringen (Tanaka 2009: S. 17-22).
  • Die als Soft Power-Instrument zwecks eines banalen, marktorientierten „Markennationalismus“ in die „Nation Branding“-Strategie Japans ab 2000 als „Umweltnation“ eingepflegt wurde (Raddatz 2012) und instrumentalisierte, dass seit den 1990ern ein sprunghafter Anstieg von bilateralen Umweltkooperationen zwischen Umweltgruppen und Unternehmen eingesetzt hatte, was die Vorzeichen konfrontativer Umweltproteste wie in Minamata (vgl. FN 19) nahezu umkehrt und als Hinweis auf einen Wahrnehmungswandel auf Augenhöhe, ohne den Gegensatz zwischen Ökonomie und Ökologie tatsächlich aufzubrechen, einzuschätzen ist (Brucksch 2007).
  • Die in einer „mediengesteuerten Öffentlichkeit“ die „Haltung der Bevölkerung zur Atomkraft“ und v.a. die „Risikofolgen, Risikobeurteilung und Grenzwertdebatte“ manipulierte (Schmidt 2013), dass sich eine informationelle Unsicherheit insb. bzgl. der Sicherheit von Lebensmitteln ausbreitete und sich eine informative Gegenöffentlichkeit ausbildete, die im Falle von Verbraucherkooperativen jedoch vielfach im Interessenkonflikt zwischen Verbrauchern und Produzenten liegt (Reiher 2012).
  • Als erstes Land Asiens wurde es demokratisiert: „weitgehend dieselben Ausbildungsmöglichkeiten“ im Erziehungswesen; Zerstörung der monopolistischen Wirtschaftsstrukturen (zaibatsu/Wirtschaftsimperien); volle politische Rechte inkl. Gewerkschaftsfreiheit für bürgerrechtlich gleichgestellte Frauen und Arbeitnehmer; Abschaffung des patriarchalischen „ie“-Familiensystems (Linhart 2011b: Kap. 1) und „Auflösung der wichtigsten Gewalt- und Repressionsapparate, insbesondere der Armee“ (Ishida 2008: S. 327).
  • „Die Hauptperson im Vordergrund ist der ‚salari man‘, der lohnabhängige Angestellte, der seine gesamte Persönlichkeit in den Dienst der Firma stellt. Die Hauptperson im Hintergrund ist die Ehegattin, die ‚professionelle Hausfrau‘, die ihm durch ihre Unterstützung die Kraft dazu gibt.“ (Linhart o.A.: Kap. 8) Frauen wurden so „als Ehegattinnen, Mütter und Konsumentinnen in der Mittelschichtgesellschaft integriert“ und „unter dem Klassenstatus ihres Ehemannes eingestuft“, was „stärker als in anderen Industrieländern die Institution der Hausfrauenehe gefördert hat.“ (Schad-Seifert 2007: S. 1-7) Das festigte „substanzielle Ungleichheitsstrukturen“ zwischen den Geschlechtern, wo Frauen letztlich nur als „Gastarbeiterinnen im eigenen Land“ (Weber 1990: S. 104) die „unsichtbare Seite des japanischen Aufschwungs“ (Lenz 1993) bildeten.
  • Das vereinbarte „großen Enthusiasmus über die Möglichkeiten der modernen Wissenschaften und Rationalität … mit einem Moralismus, der in der kargen (austere) Welt des japanischen Konfuzianismus der Edo-Zeit wurzelte.“ (Gordon n. Linhart o.A.: Kap. 8)
  • Zugleich fungierte dieses „Mem“ allgemein als Memory Frame insofern, dass es funktional als ‚transtime narrative‘ reflexiv die sozialen Verhältnisse bestätigte und Orientierung zur Lösung gegenwärtiger Probleme immer noch ‚im Schoße einer (Haushalts-oder Betriebs-)Familie‘ bot.
  • Dem toyotaistisch Festangestellten kamen gleichauf Freeter (free Arbeiter) in Diskontinuitätserwerb (Hommerich/Kohlbacher 2007), dass der davon besonders betroffene männliche Ernährer zunehmend zum „Ehemann als Luxusgut“ (Schad-Seifert 2013) wurde, was die Anreize zum Einhalten der familienzentrierten Normbiographie schwinden ließ und sich in einem stark geänderten Heiratverhaltens (Kottmann 2009) ausdrückt, sich bspw. ein Gros junger Männer als Herbivoren lebensstilistich vom Alten abgesetzt haben (Buchmeier 2010), umstandsbedingt „parasitäre Singles“ aufkamen und zu einer „Gesellschaft im Familienexil“ (Yamada n. Bilke 2015) führten.
  • Insb. zu nennen die Libu undó, die Anfang der 1970er Jahre durch die „Women’s Liberation Movement“ aus den USA inspiriert war, durch das UN-Jahr der Frau 1975 und das UN-Jahrzehnt der Frau bis 1985 gestärkt wurde und bei der Frauen „als Frauen ihr Selbst ganz und gar zurückerlangen wollen“, um Selbstverwirklichung in eigenen Räumen jenseits geschlechtspolarer Rollen statt realer Gleichberechtigung in einer tradiert geschlechtsgestuften Gesellschaft zu erreichen (Konkel 2013; Linhart o.A.; Terasaki 1991).
  • Was die LDP durch Einflussnahme auf Schulbücher zu kompensieren versucht, wo „Liebe zu Land und Geschichte“, „Heldentum“… gelobt werden (Zöllner 2015), was Tendenzen zur „Eskapistischen Introspektion“, „die Verehrung der Helden der Meiji-Restauration“ und eine „Tokugawa-Nostalgie“ nach sich zog (n. Rothacher 2010: S. 92).
  • Bewegung für Freiheit und Volksrechte, die keine Massenbewegung war und trotz starken Kommunikationsgrads an geringer Realisierungskapazität litt, deren Relevanz im Verweis auf „innergesellschaftliche Mißstände“ und in „den indirekt erzielten Wirkungen“ gelegen habe (Mathias-Pauer n. Galbani 1997: S. 109f.)
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    Japanerinnen

    Hallo Mitwelt.

    Heute wird erneut recycelt. Doch stehen heute keine mythisch verklärten Herkünfte von Großreichen oder ein andersweltliches Schicksal an, auch kein stets bemühter Erstversuch einer bestimmten Arbeitsform. Pünktlich zu dem Olympischen Spielen in Japan geht die Reise nach ebendort hin – ins Land der Aufgehenden Sonne, wie Nippon sich gerne mythifizieren lässt. Passend zum zuschauerlosen Event in pandemischen Zeiten, das keiner haben will, gibt es manch sehenswerte, gutgemachte Doku (via mediathekviewweb). Damit kann ich freilich nicht dienen, kann aber aus der Biografie eine studentische Hausarbeit ans Licht des Blogs hervorziehen. Es könnte die siebte ihrer Art gewesen sein, die dritte gemasterte und inhaltlich die dritte zu und über Japan. Eine dieser Themenausrichtung war vorangegangen, ein Triumvirat folgte. Das wurde buchstäblich hintereinander weggeschrieben, hausarbeitliche Wochen noch und nöcher. Als ich mittags die Endkorrektur für die dritte des Trios abschloss, um auszudrucken, war die Benotung der ersten Hausarbeit eingetroffen und floss quasi noch in letzte Handgreiflichkeiten ein… Die zweite, die nun hier vorliegt, war da längst auch schon raus und würde noch Wochen gebraucht haben, bis verspätet die Note hierzu einging.

    Warum nicht in korrekter Reihenfolge veröffentlichen? Tja, Erbsünde. Der arm(selig)e Student meinte, sie teilweise bei einem dieser Portale einstellen zu müssen, wofür man dort Geld erhielt (und weiterhin erhalten würde). Damit gingen auch wirrsterweise Rechte am Eigenen flöten – Irrsinn. Daher sind nicht alle einfach so hier einzustellen. Selbst Schuld – und nicht mal Reihbach gemacht. Davon ab ist das Thema – sperrig formuliert, wie es sich studentisch gehört – allemal relevant und interessant. Ob auch gut lesbar…

    Zu Risiken und Nebenwirkungen: Aufmerksame LeserInnen dieses Blogs werden wissen, dass hier nicht getweetet wird, dass Kürze gewiss und sicherlich seine Würze haben mag, hier aber andere Kräuter ans Gericht kommen. Auch das jungerego des Bloggers neigte schon zum Längeren und ist stets ein Freund von Kommata gewesen. Hinzu kommt jedoch, dass der Hausarbeitsautor inbrünstig, inständig und aus vollstem Herzen FORMALIA UND VOR ALLEM BLOCKSATZ HASST! Ein steter heroischer Kampf, ein titanisches Ringen um Wort für Wort, Buchstabe um Buchstabe. Jeder und jedes konnte einer/eines zu viel sein und blocksatzteuflisch ganze Absätze verrücken und das Layout einer fußbenoteten Seite ins zutiefste Unglück stürzen. Und das Gemüt des Studierenden gleich hoffnungslos hinterher in Dantes Höllenschlund hinein. Nebenfolge des formalistischen Zwanges war eine Suche nach ewiger Kompression, eine ständige Formulierungskomprimierung, ein Hinauskürzen des Abspeckbaren, eine verbale Verknappung, wie keine/r je spräche. Eben deshalb mag es sein, könnte es vorkommen, dass bisweilen manch Satz langgezogen wurde, um so neubeginnende Satzkonstruktionen einzusparen oder/und eine informationelle Verdichtung stattfand, die lektürische Aufmerksamkeit rigoros abverlangt O_o. Das ist keine Schmökerlektüre, was bitter für die meines Erachtens echt interessanten Inhalte ist.

    Die Aufbereitung: Eine Höllentour für sich. Naiv, wie der Bloggernewbie nunmal ist, nahm er an, man könnte doch einfach … LOL Alte docx-Datei als html abspeichern und den Quellcode lockerflockig bei WordPress reinkopieren – zack! Ja, zack durchaus, aber in ein Pandaemonium des Zeichengrauens. Also falls Microsoft Word mit KI arbeitet, dann ist die echt noch dumm. Zwar zählt formal HTML nicht einmal zu den Programmiersprachen, aber Mensch kann es sich ja für den Anfang mal einbilden. DANN jedoch kann Word echt nicht zeichensprarsam programmieren, sondern codiert in einem endlosen Wust, dass aus keinen 30 Ausdruck-Seiten inklusive aller Anhänge so viele Dutzende geworden sind – schrecklich. Naja, ach komm, greifste dir halt ab, was du HTML-codiert verstehst (wenig also) und baust darum herum das dir Mögliche. Vergiss es! Gutmöglich, dass folgende Präsentation der Hausarbeit in online digital noch das ein oder andere Update brauchen wird, bis es anzeig- und so erst lesbar geworden sein wird. Tipps und Tricks für Dummies gerne kommentieren., derer bedarf es reichlichst!

    Angepasst musste vieles werden, damit es – bestenfalls – nun lesbar ist. So packte ich die Internetverweise in schnittige Links, die ich jedoch auf Klickbarkeit nicht nochmal durchprüfte – ggf. gehen welche inzwischen ins Nirvana. Ansonsten geht es textlich und inhaltlich unverändert online. Daher fehlt an einer Stelle im LitVZ das Datum der Lektüre (Wer es findet!) und musste ich trotz so vieler einstmaliger Korrekturdurchgänge noch da und dort Fehler finden. Hoffentlich nur Kleinigkeiten exzessiver Flüchtigkeit. Zum Glück keine Doktorarbeit…

    Trotzdem nundenn zum Eigentlichen, der Hausarbeit mit diesem Thema, wozu Eindrücke und Einsichten gerne gelesen wären:

    Geschlechterverhältnisse in Beruf und Bildung – zum Status der Individualisierungsprozesse im Lebenszusammenhang japanischer Frauen

    Inhaltsverzeichnis

    1. Einleitung

    Als einen „der Meilensteine der Diskussion um die Bedeutung von Geschlecht in der „modernen Gesellschaft“ wurde Elisabeth Beck-Gernsheims 1983 erschienener Aufsatz „Vom ‚Dasein für andere‘ zum Anspruch auf ein Stück ‚eigenes Leben‘“ bezeichnet, in dem der Vergleich der Lebenslagen von Frauen diachron über Generationen hinweg mit Blick auf Bildung, Beruf sowie Sexualität und Partnerbeziehung empirisch erfolgt: Demnach sind Frauen Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten ausgesetzt, die deren Individualisierungsschub „sehr unterschiedlich zu dem der Männer ablaufen und immer wieder prekär werden lassen.“ (Wilz 2009: S. 9), dass nach mehreren „Frauengenerationen im Wandel […] die unauffälligen Alltagsveränderungen der weiblichen Normalbiographie“ den erreichten Zustand als ein „Nicht-mehr“
    sowie „Noch-nicht“ ambivalent beschreiben lassen (Beck-Gernsheim 2009: S. 15f.).
    Hieran schließt 20 Jahre später Karin Jurczyk an, um die
    „Geschlechterverhältnisse in Familie und Erwerb“ in der „Arena Familienarbeit / Erwerbsarbeit“ als „widersprüchliche Modernisierungen“ zu analysieren, da jene primär von Frauen ausgeübt und unentgeltlich als ‚unwert‘, diese primär von Männern ausgeübt und entlohnt als ‚wertvoll‘ aufgefasst wird, was durch neue „Formen der Entgrenzung von Arbeit“ inter- und intrageschlechtliche Ungleichheiten fortführt,
    sich annähern sowie neu entstehen lässt (Jurczyk 2009).

    Diesen und weiteren Arbeiten (vgl. Kursbeiträge des Moduls) der Frauen- und
    Geschlechterforschung ist jedoch im- oder explizit zu eigen, sich nur auf Deutschland oder Europa/die USA zu beziehen und so einen zwangsweise eurozentrischen Tunnelblick einzunehmen und einer mentalen Schollenbindung wie einem „Container-Modell“ eines Methodologischen Nationalismus zu erliegen, wo
    eine „Gleichsetzung von Staatsgrenzen und Relevanzgrenzen“ erfolgt (Beck 2008: S. 301) und den Horizont des Beobachtbaren durch Blinde Flecke verkürzt.

    Diese Arbeit möchte daher den Blick weiten und mit Japan beispielhaft ein Land in den Mittelpunkt stellen, deren Bevölkerung mit Buddhismus und Konfuzianismus statt Christentum
    und Aufklärung (Coulmas 2013: S. 105-150) historisch mit anderen Werten sozialisiert wurde und „am Rande der Welt“ als „Raumschiff Japan“ (Matsubara 1998) räumlich wie oftmals auch sozial ‚eigen‘ blieb, dessen „Longue durée“ im Sinne Fernand Braudels aufgrund derart anderer Bedingungen verschiedenartige
    soziokulturelle Verhältnisse geprägt hat. Wie es – im Vergleich zu hiesiger –
    um die „Individualisierungsprozesse im Lebenszusammenhang japanischer Frauen“ in so einer – zugespitzt – ‚soziokulturellen Ferne‘ steht, ist die Leitfrage vorliegender Arbeit. Einer Antwort soll sich mit einer mehrschichtigen Perspektive genähert werden: Im Fokus stehen Bildung und Beruf japanischer Frauen, die als weibliche
    Handlungsräume jedoch nur aus dem Verständnis der Familienstrukturen heraus begreifbar werden, an die sie mehr noch als Frauen in den übrigen Industrieländern ideell und mental als Haus- und Ehefrau gebunden sind. Dies herauszuarbeiten, erfolgt sowohl diachron, um den Status japanischer Frauen
    ‚durch die Zeiten‘ und die stattgefundene und –findende Genese erfassen zu
    können, als auch insofern synchron, als dass der jeweilige Zeitabschnitt in die
    umfassenderen androgen-patriarchal soziokulturellen Verhältnisse eingebettet
    wird, um so weibliches Handeln aus dem zeitlichen Lebenszusammenhang heraus zu
    begreifen. In dem Sinne ist die Arbeit dann auch aufgebaut, dass Kap. 2 zurückblickt
    in die sog. „Edo“-Zeit fast 260jähriger totaler Abschließung Japans gegenüber
    der Welt, während der sich lebenspraktisch und ideell viele Verhältnisse
    etablierten, die sich im Verlauf folgender exogen erzwungener Öffnung und
    ‚Aussetzung‘ des Landes in den sich verschärfenden westlichen Imperialismus,
    den Japan bis zum Pazifischen Krieg ‚gekonnt‘ übernahm, festigten (die Frauen
    als ryósai kenbo, „gute Ehefrauen und weise Mütter“). Nach der Kriegsniederlage
    und exogener sozialer Neuordnung gelangte Japan vom besiegten Feindstaat unter
    US-Administration 1968 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt und zum
    größten Konkurrenten der USA (Kap. 3). Wie die zunehmend gebildeten und
    beruflich tätigen Frauen bloß als „Gastarbeiterinnen im eigenen Land“ (Weber
    1990: S. 105) die „unsichtbare weibliche Seite des japanischen Aufstiegs“ (Lenz
    1993) blieben, wo sie „hinter der ‚Front‘ der japanischen Weltmarktoffensive
    die Männer und Betriebe entlaste[te]n“ (Lenz 1990: S. 88), ist aufzuklären.
    Erst durch eine platzende Bubble Economy Anfang der 1990er Jahre nahm die
    eingleisig anmutende Prosperität abrupt ein Ende und führte zu soziostrukturellen
    Umbrüchen auf dem bis dahin sicher geglaubten Arbeitsmarkt, dass sich diese
    neue Unordnung einer bis dahin homogen gedachten Mittelschichtgesellschaft bis
    in die Familien hinein auswirkte und sich in einem verstärkenden
    Individualisierungsprozess bisherige Gewissheiten für die Männer als „Ernährer“
    und Frauen als „Hausfrauen“ verflüssigten (Kap. 4). Kap. 5 zieht den Vergleich
    zwischen den zuvor dargelegten Lebenslagen japanischer und von Beck-Gernsheim
    und Jurczyk insbes. deutscher Frauen, inwieweit sich deren
    Individualisierungsbestrebungen und errungene Lebenslagen ähneln. Wie sehr von
    einer „varity of individualization“, quasi einer weiblichen „Individualisierung
    auf Japanisch“ (Beck/Beck-Gernsheim 2010) zu sprechen und welcher Status weiblicher
    Individualisierung in Japan heutzutage zu konstatieren ist, resümiert final das
    Fazit in Kap. 6.

    2. Blick zurück – Die historische Genese seit 1603 bis 1945


    Noch bis Ende des 16. Jahrhunderts waren in Japan die
    Ausläufer einer matrilinearen Gesellschaft (bokei shakai) zu erkennen, die
    folgend aber von einer „extremen Männerherrschaft“ (danseishijó-shakai) abgelöst wurde
    [1], die sich in den Verhältnissen zur Zeit fast 260jähriger Abschließung Japans gegenüber der Welt (sakoku[2], 1603-1868) ausformte und die japanischen zu den „unterwürfigsten Frauen der Welt“ (sekaiichi jújunna onna) werden ließ, für die „selbstlose Hingabe“ als
    Ehe- und Hausfrau die höchste Tugend war (mushi no kenshin) (Imai 1991b).
    Geistiger Quell hierfür war v.a. der aus China importierte (Neo-)Konfuzianismus[3] und dessen
    Werte einer kosmisch legitimierten Familienstruktur: „Die große Bedeutung, die
    hierarchischen Beziehungen, Loyalität und Pietät beigemessen wird; die Betonung
    der häuslichen Harmonie als Grundlage des Staates“, die den Konfuzianismus zur
    „Staatsideologie der Tokugawa“ werden ließ, teilte dieser mit dem
    volkstümlichen Shintóismus, dass in Melange beide „zu prägenden Elementen des
    japanischen Wertesystems“ wurden (Coulmas 2014: S. 233f.). So formte der
    Konfuzianismus das Geschlechterverhältnis und die Rolle von Mann und Frau aus.
    Es galt: „Die Männer sind draußen, die Frauen drinnen“, das als ‚geflügelte Sentenz‘
    ausdrückt, was sich mit dem patrilinearen ie-Familiensystem ab Ende des 17. Jahrhunderts
    bei den samurai an der Spitze eines Vierständesystems[4] etablierte: Das “‘Haus‘
    (ie) als Lebensgemeinschaft und Wirtschaftsform“, wo eine Trennung von
    Privatheit und Öffentlichkeit androzentriert noch nicht praktiziert wurde
    (Schwentker 2008: S. 61f.)[5] und wo „im Haus eingesperrt“ die Hausherrin (shufu) als Hauptfrau mithilfe von
    Nebenfrauen und Bediensteten auch finanziell die Pflichten der Haushaltsführung
    innehatte. Gleich in welcher Position hatte „Frauenerziehung und Frauenarbeit
    dieser Zeit […] nur die Ausbildung zur Braut und Ehefrau nach japanischer Art
    zum Ziel.“ Schule also nur als Brautschule! (Imai 1991b) Obwohl der Konfuzianismus
    Gelehrsamkeit hochschätzte und sich neben den buddhistischen Tempelschulen
    institutionell etablierte (Coulmas 2014: S. 233f.), gilt: „Je konfuzianischer die Erziehung, desto eingeschränkter
    die Frauenbildung.“ (Langer-Kaneko 1991: S. 92) Denn: „Eine Frau braucht sich nicht ums Lernen zu bemühen; sie hat nichts
    anderes zu tun als gehorsam zu sein.“ Durch Einbindung in den Arbeitsprozess, wo sie
    Geschick und Klugheit beweisen konnten, waren Händlerfrauen eher gleichgestellt
    als Bauernfrauen, obwohl diese innerfamiliär angesehen waren, aber von ihren
    samurai-Herren unterdrückt wurden; Am stärksten betroffen waren die
    samurai-shufu selbst. Letztlich also „ein totales Ausgeliefertsein ohne jede Rechte,
    nur mit auferlegten Forderungen und Pflichten.“ (ebd.: S. 96) Durch primär
    konfuzianische Moralbücher (jokun) bekamen die Frauen diese Vorstellung
    vermittelt, „daß die Frau niedriger und schwächer ist als der Mann“ [6] und „Keuschheit und Gehorsam; Nähen und Unterhaltungskunst“ die zu
    kultivierenden Tugenden seien, was noch um Bücher zur Sitte und Etikette
    ergänzt wurde, damit die Ausübung der hausberuflichen Pflichten auch angemessen
    erfolgen konnte (ebd.: S. 97ff.)[7].

    Die Edo-Zeit endete, als 1853 auf der ewigen Suche nach Absatzmärkten die USA die Öffnung des Landes erzwangen und 1868 durch die Meiji Ishin als „revolutionäre Restauration“ resp. „Renovatio“ und „gesellschaftliche Transformation von revolutionärem Ausmaß“ (Eisenstadt 2006: S. 379) in Japan eine bis heute andauernde „Modernisierung im Prozess“
    (Holdgrün/Vogt 2013) ausgelöst wurde. Oft als „das Land der Imitation und der
    Imitatoren etikettiert“, wurden durch den „alles aufsaugenden ‚japanischen
    Schwamm‘“ westlich „entlehnte Objekte einer weitgehenden Japanisierung
    unterzogen“, ohne dass sich ein „umfassendes Bewusstsein und ideologisches
    Modell für Diskontinuität und Wandel“ dadurch eingestellt hätte (Eisenstadt
    2006: S. 369ff.). Deshalb verwundert kaum, wenn die Kontinuität der Familie durch
    das ie-System sogar noch gefestigt wurde, indem ie als Haus(halt)/Familie zu
    einem ideologischen Konstrukt und zur kleinsten funktionalen
    Organisationseinheit des Staates quer durch alle ständeaufgelösten Schichten erklärt
    wurde. Hier bildete sich eine kinderzentrierte Privatsphäre „im Sinne eines
    rechtsfreien Raums“ aus, die aber über das patriarchalische Familienoberhaupt
    (koshu) als „Kontrollorgan“ durch den Staat erfasst wurde. So wurde das ie
    (ideal als Dreigenerationenfamilie) „aus den bisherigen Dorf- und
    Verwandtschaftsgemeinschaften, d.h. aus einer öffentlichen Struktur,
    herausgelöst und sozusagen direkt dem Staat gegenüber gestellt.“ (Mae/Schmitz
    2007: S. 50ff.) Aus der shufu als Hausherrin wurde nun die shufu als westlich
    inspirierte Hausfrau[8], die Kindererziehung und
    Haushaltsführung (Küchenarbeit, Ernährung, Gästebewirtung) ebenso alleine
    meistern sollte wie als (intellektuelle) Gesprächspartnerin dem Ehemann, der
    nun als familiarer Repräsentant in die Öffentlichkeit trat, daheim
    bereitzustehen. Hierzu im Kontrast stand, dass 1872 auf einmal „alle Frauen
    ‚nach draußen‘ gehen und in Schulen lernen“ sollten[9],
    wodurch im Laufe der Meiji- und Taishó-Zeit (1868-1926) Bildung für Frauen
    selbstverständlich wurde (Imai 1991b). Die „Erziehung der gesamten Bevölkerung,
    ohne Rücksicht auf Status und Geschlecht“, nun auch für „die Kinder der
    arbeitenden Massen und für die Frauen“ war in einem nachholenden
    „Verwestlichungsprozess“ die oberste Pflicht: In je 4jährigen normalen und
    höheren Kursen mit vorgeschriebenen Fächern (Handarbeit zusätzlich für Mädchen)
    wurde bis 1885 das moderne japanische Bildungswesen begründet. Elementar noch
    koedukativ beschult, erfolgte in der Sekundarstufe eine Trennung nach
    Geschlechtern, wobei das Niveau höherer Mädchen- dem der mittleren
    Jungenschulen unterlegen blieb. Das „System der Frauenbildung“ wurde jedoch nur
    bis 1910 revidiert und bis Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr angepasst. Demnach
    blieb Mädchen – von wenigen fakultären Ausnahmen – strukturell der Zugang zu
    Universitäten verwehrt, da sie über die „Nebenroute“ im Anschluss an die
    Sekundar- nur noch 3jährig eine Fachschule besuchen durften. Statistisch stieg
    zwar die stark um „Mädchen-spezifische Fächer“ ergänzte Mädchenausbildung
    signifikant an, eine Graduation blieb zumeist jedoch aus. Mehr als nur
    praktisches Wissen lehrten Missionarsschulen auch Frauen intellektuelle
    Bildung, ihre Blütezeit hatten sie 1882, bevor das Kaiserliche Erziehungsedikt
    (kyóiku chokugo) von 1890 den erneut „ganz auf konfuzianischen Gedanken beruhenden
    moralischen Standards wie Loyalität gegenüber dem Kaiser und der Nation und
    Liebe und Ehrfurcht der Kinder gegenüber ihren Eltern“ zur Staatsräson machte,
    um durch den Einfluss westlicher Zivilisation verlorengegangene traditionelle
    Werte und niedergehende Moral und Verhalten zu restaurieren. Das betraf v.a.
    die Frauen, die statt höherer Bildung nun zu „guten Ehefrauen und weisen
    Müttern“ (ryósai kenbo) für ihre Arbeit im ie „fast ohne Rechte, ausgeschlossen
    vom öffentlichen Leben“ moralisch zu erziehen waren (Langer-Kaneko 1991: S.
    100-106)[10]. Im Weiteren wurden
    Nationalstaat und Familie in „Parallelstruktur“ gesetzt, beide galten nun als
    „Modell“ füreinander, wobei der „Familienstaat (kazoku kokka)“, durch die
    kaiserliche Familie verkörpert, als (patrilineare) „Ursprungsfamilie“ zu
    verstehen war: „Der Kaiser wurde als Vater des Volkes gesehen, und das Volk
    wurde als seine Kinder betrachtet.“ Realitär bildete sich zwar westlich
    inspiriert (v.a. nach dem 1. Weltkrieg) eine Kernfamilie[11] (katei oder hómu von home) heraus, die 1920 auch in rund 54% aller Haushalte
    vorzufinden war (vs. das ie in einem Drittel), das verstärkte jedoch nur den
    Prozess der geschlechtlichen Arbeitsteilung und führte zur „‘Feminisierung‘ der
    Familie“: Familie wurde zunehmend ‚privatisiert‘, verschwand aus dem
    öffentlichen Diskurs und wurde „nur noch als eine die Frauen betreffende
    Angelegenheit“ abgetan (Mae/Schmitz 2007: S. 53ff.). Ohne vollwertige Bildung
    und bloß noch als privates Wesen ‚unsichtbar‘ geworden, sind die Entwicklungen
    im 15jährigen resp. Pazifischen Krieg durch den „Einsatz der Frauen für den
    Staat nicht als Rückschlag, sondern als Innovation“ und „als eine Form der
    Frauenbefreiung“ zu begreifen[12]. Von 1932 bis 1942
    wurden 20 Mio. japanische Frauen zur Großjapanischen Frauenvereinigung
    staatlich zusammengeschlossen[13] (Linhart 2011a), womit
    sie nun „eine wichtige Funktion für die nationale Öffentlichkeit und nicht mehr
    nur eine Bedeutung innerhalb des Raums des ie“ innehatten, was „für ihre
    soziale Stellung und für ihr Selbstverständnis sehr wichtig“ war. Die Mütterlichkeit
    (bosei) erlangte zunehmend an Bedeutung[14], wurde mittels
    „Muttertag“ auch symbolisch enger an die Kaiserin als „höchste Mutter“
    gebunden, womit der öffentliche Bedeutungszugewinn für Frauen de facto die
    Bindung an die Familie vertiefte. Indem nun aber die Frau als Mutter quasi in
    den ‚Staatsdienst‘ gezogen wurde, erhielt sie dem ie-Patriarchen gegenüber eine
    nicht gleichartige, aber (mindestens emotional) gleichwertige Aufgabe
    zugewiesen, die die „Frauen als Stützpfeiler der Familie für die Erziehung der
    nächsten Generation von Nationalbürgern“ durch den imperial-faschistischen
    Staat qualifizierte (Mae/Schmitz 2007: S. 56-62).

    3. Weibliche Individualisierung zur Zweiten Modernisierung 1945-1990

    In über 340 Jahren waren Japanerinnen „aufs Dasein für die Familie und den zukünftigen
    Ehemann“ (Beck-Gernsheim 2009: S. 20) beschränkt, ihre nuanciert gewandelte
    Rolle blieb die von Männern zugewiesene einer „guten Ehefrau und weisen
    Mutter“, wenn sie sich auch während des 15jährigen Krieges außerprivate
    Handlungsräume erschlossen resp. vom androzentrischen Staat zugewiesen bekamen.
    So wenig dadurch eine Herauslösung aus der Familie erfolgte, so sehr wurde der
    Einsatz für ‚Nation und Männer‘ oft doch wie eine „erworbene Rolle“ aufgrund
    des Heraustretens in die Öffentlichkeit und dort erfahrener Anerkennung als
    „Hoffnung auf ein Stück ‚eigenes Leben‘“ (ebd.: S. 19) wahrgenommen.

    Nach der Kriegsniederlage schloss sich für den Feindstaat Japan eine exogene
    demokratische Neuordnung durch die Sieger- und Besatzungsmacht USA bis zur
    Erlangung nationaler Souveränität 1952 an, wodurch sich auch für die Frauen die
    Verhältnisse formal grundlegend änderten: Viele der diversen Nachkriegsreformen
    waren „transwar endeavours“ – „Bestrebungen, die in Japan schon vor dem Krieg
    betrieben worden waren“ u.a. durch Aktivistinnen der Seitósha -, die vom
    „Frauenkomitee für Nachkriegsmaßnahmen“ eingefordert wurden
    [15]:
    Frauen gewannen bürgerrechtliche Gleichberechtigung, das patriarchalisch-patrilineare
    ie „als soziale Einheit der Bevölkerung“ wurde abgeschafft[16] und eine Schul- und Universitätsreform eröffnete Mädchen „weitgehend dieselben Ausbildungsmöglichkeiten“ (Linhart 2011b: Abs. 1). Durch einen
    „Konvoi-Kapitalismus“ als ein „Grundkonsens aus staatlichen Organen und
    Großindustrie“ (Goydke 2013: S. 83) wurde das BIP Japans ab 1952 mehr als
    verdreifacht und bis 1968 sogar zum zweitgrößten der Welt hinter den USA
    (Klein/Kreiner 2010: S. 445f.). Dieser Master Frame fundierte „den politisch induzierten
    Wunsch […], den Lebens- und Konsumstil einer prosperierenden Industriegesellschaft
    führen zu wollen“[17].
    Die „Ausbreitung einer industrialisierten Massengesellschaft […] sorgte sowohl
    für die Angleichung der Einkommen als auch eine Nivellierung der
    Lebensstandards in städtischen und ländlichen Gebieten“ und ließ sich durch
    diesen Fahrstuhleffekt bis in die 1980er Jahre 90% einer homogenen,
    klassenlosen 100 Millionen Mittelschicht zugehörig fühlen. Als forciertes
    Selbstbild prägte das ein „allgemeines Mittelschichtbewusstsein“ aus (Bude et
    al. 2012: S. 3; Schad-Seifert 2007: S. 1-7), wodurch „Konformität von der
    Kooperation in der Produktion zur Konformität im Konsum verschoben“ wurde. Eine
    „konservative Grundstimmung“ (Wright Mills) breitete sich in der Bevölkerung
    aus, die keine plötzlichen Wechsel favorisierte und sich nicht länger über
    Staat und Nation, sondern die Familie und die Firma als Garant eines
    materiellen Lebensstils gruppistisch identifizierte (Ishida 1993: S. 160-164).
    Dabei existierten nicht erst seit den Ölkrisen der 1970er Jahre
    Geschlechtspolar „substanzielle Ungleichheitsstrukturen“ bei
    Ressourcenzugang und –verteilung, weshalb Frauen „als Ehegattinnen, Mütter und
    Konsumentinnen in der Mittelschichtgesellschaft integriert“[18] und „unter dem Klassenstatus ihres Ehemannes eingestuft“ waren, was „in Japan stärker als in anderen Industrieländern die Institution der Hausfrauenehe
    gefördert hat.“ (Schad-Seifert 2007: S. 1-7)[19] Ein Aufbrechen
    der Familie als idealen Vergesellschaftungskern ist nicht erkennbar, vielmehr
    blieb sogar die ie-typische Dreigenerationenfamilie faktisch relevant (1960 in
    28%, 1990 in 17,2% der Haushalte, in Deutschland 1992 nur in 1,6%), wo 1975
    31,2%, 1990 noch 30,3% aller Kinder i.a.R. in einer lehrbuchmäßigen
    Zwei-Kinder-Familie aufwuchsen. Auch wurden rechtlich erleichterte Scheidungen
    nur ‚tröpfelnd‘ wahrgenommen: Von 1943 bis 1950 verdoppelte sich die Rate zwar
    angesichts neuer Optionen rasant (Linhart 2011b: Abs. 4), lag 1960 aber nur bei
    0,074% und verdoppelte sich in 35 Jahren 1995 auf 0,161%[20].
    Der Anteil außerehelicher Gemeinschaften und außerehelicher Kinder von je 1,1%
    lag niedriger als in allen Industrieländern (Lützeler 1996: S. 5-8). Allgemein
    ist festzuhalten: „Japan ist vermutlich in der Gegenwart diejenige Industrienation, in der der [frauenzentrierte; D.S.] Einfluß am geringsten ist“ und wo „Heirat bedeutet, daß die Frau die Mitgliedschaft in ihrer Familie aufgibt und durch den Initiationsritus der Trauung Vollmitglied in der Familie ihres Mannes wird“, was für „die Mehrheit der Familien im heutigen
    Japan“ gilt, und wo in männerzentrierter Teilkultur in der „Berufswelt […]
    deutlich sichtbar sozialer Status auf der sozialen Beziehung zwischen Männern
    beruht.“ (Helle 1981b: Kap. 3f.)[21]

    Zwar von der androzentrischen Normbiographie eingerahmt, hatte sich die weibliche
    Normalbiographie dennoch merklich geändert: 1905 geboren, nur bis 13 zur Schule
    gegangen, bis 23 industriell gearbeitet und dann geheiratet, gebar diese
    „statistische Frau“ mit 38 ihr letztes Kind, das sie mit 44,5 zur Schule
    schickte und bei dessen Heirat sowohl ihre Arbeit beendete als auch mit 63 dem
    Tode nahe war. 1959 geboren stand eine 7 Jahre längere Ausbildung der „statistischen
    Enkelin“ offen, die erst mit 25,4 heiratete, das zweite als letzte Kind kam mit
    29 zur Welt, das sie mit 35 zur Schule schickte, so dass sie bis zum
    Pensionsalter von 55 rund 20 Jahre arbeitete und sich eine 25jährige Phase
    reiner „Hausfrauenehe und Paarexistenz“ bis zum Tod mit über 80 noch anschloss
    (Lenz 1990: S. 77).

    Die „traditionelle Rolle“ („Die Ehe ist das Glück der Frau“) und die „Unterdrückung
    der Japanerin[nen]“ als „die braven Heimchen am Herd“ durch androzentrische
    Verhältnisse scheinen manifest, was als „moderne Mythen“ einer „industriellen
    Tradition“ zu relativieren ist, indem „nach der Macht der japanischen
    Hausfrauen in Heim, Nachbarschaft und Gemeinde zu fragen“ ist (ebd.: S. 73-75).
    Dafür ist auszuholen: Die auf ein 6-3-3-4jähriges System für beide Geschlechter
    erweiterte Bildung erwies sich als ambivalent. Der Anteil der Mädchen, die nach
    9jähriger Pflichtausbildung die Höhere Schule besuchten, erhöhte sich enorm von
    1955 47% bis 1975 auf 93%, stabilisierte sich 1980 bei 93,8% (Jungen 56/91/92%)
    (Langer-Kaneko 1991: S. 113), 1989 begannen auch erstmals mehr Frauen 36,8% als
    Männer 35,8% ein Studium und mit 240.000 zu 230.000 traten auch mehr graduierte
    Frauen als Männer in den Beruf ein… Jedoch hatten sich gemäß traditioneller
    Rollenbilder eingeschränkte Lehrpläne an Frauenuniversitäten (Schwerpunkt
    Hauswirtschaftskunde) und Frauenkurzhochschulen mit einer 2 Jahre kürzeren
    Studienzeit etabliert, die statt gleichwertiger eine geschlechtsrollenspezifische
    Lehre vermittelten, wo die junge Frau als im Privaten agierende Ehe-, Hausfrau
    und Mutter in spe angesehen wurde (Kameda 1991: S. 130f.). Ein „gewisses
    Bildungsniveau“ wurde von ihnen zwar erwartet, die Fähigkeit zur
    Haushaltsführung und Versorgung der Eltern stand aber im Fokus. Das machte
    bereits die Mädchenerziehung in der Familie und Schule aus, weshalb
    kostspielige Nachhilfe[22] zur Schulzeit primär den Söhnen zukam, damit diese sich für ein Vollstudium
    qualifizieren und darüber in einen festen Beruf eintreten könnten, um folgend
    als „Ernährer“ eine eigene Familie zu führen (Teruoka 1990: S. 93f.). Die derart
    oft finanziell beschnittenen Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen ließen ihnen
    die individualisierungstypische „Wahl unter Restriktionen“ (Beck/Beck-Gernsheim
    1993: S. 182), trotz dieser Hürden zu studieren und selbst bei Abschluss kaum
    adäquate Berufsperspektiven zu haben (s.u.) oder als Hausfrau die Hausarbeit
    als „Beruf und Berufung“ anzunehmen. Diese Wahl verfestigte dann zwar die geschlechtspolare
    Arbeitsteilung, darf aber nicht auf ‚putzen und kochen‘ verkürzt werden.
    Vielmehr ergriffen diese Hausfrauen und Mütter aus ihren Rollen heraus aktiv
    den „Reis-Kochlöffel“ als Symbol selbständiger Wirtschaftsführung, um
    öffentlich als Konsumentinnen, Erzieherinnen in Parent-Teacher-Associations der
    Schulen und Gestalterinnen in kommunalen Nachbarschaftsvereinigungen (jichikai)
    oder ökologischen Bürgerinitiativen aufzutreten. Diese „Ausweitung der
    Hausfrauenrolle in die Gemeinde“ förderte soziale Netzwerke, ließ ehrenamtlich
    bei z.B. Erdbebenübungen helfen und richtete sich als Konsumentinnen durchaus
    demonstrativ auch gegen Großkonzerne, blieb in „Verlängerung der […]
    Verantwortung“ im Anspruch auf „Macht über ‚Kinder, Küche, Kasse‘“ dem
    Selbstverständnis nach als „traditionelle Frauenorganisationen“ jedoch eine
    „Teilströmung der ‚industriellen Tradition‘“ (Lenz 1990: S. 85-88)[23]

    Ein „Drei-Phasen-Schema des (spezifisch) weiblichen Lebenszyklus“ verunmöglichte
    Frauen das Ideal lebenslangen Erwerbs bei steigendem Lohn, da ihre Ansprüche
    mit dem ersten Kind quasi verloschen (Lenz 1993: S. 253). Das hatte eine „sehr
    ausgeprägte Diskontinuität von Frauenerwerbsbeteiligung“ (Weber 1990: S. 105)
    zur Folge, dass sie durch den „Mutter-Malus“ i.a.R. nur noch „als relativ
    ungeschützte ‚Randbelegschaften‘ oder Teilzeitbeschäftigte“ tätig werden
    konnten. 1983 hatten zwar 21% die magische 10 Jahresgrenze dauerhafter Beschäftigung
    erreicht[24], mussten mangels öffentlicher Betreuungsangebote jedoch ‚kreative Lösungen‘ für ihre Kinder finden (Lenz 1990: S. 83). Für Mütter üblich und in keinem Industrieland so sehr ausgeprägt blieb ein „umfassender Rückzug aus der Erwerbsarbeit in der kritischen Phase der Kinderbetreuung“ (Weber 1990: S. 105). Andererseits gab es auf bloß „perspektivlosen Frauenarbeitsplätzen“ für die oft überqualifizierte
    „office lady“ als „Mädchen für alles“ meist nur „Teeservieren“ und „Bedienen
    des Kopiergeräts“ als ‚verzierende Aufgabe‘. Dass von hier die Grenze zum
    Salaryman unüberwindbar war (ebd.: S. 114 u. 120), ist anschauliches Beispiel
    für das Paradox, dass die umso qualifizierteren Frauen oftmals umso niedrigere
    Arbeiten erhielten, gerade weil sie ob ihres verlängerten resp. 4jährig
    normalen Studiums bis zur erwarteten Heirat nur noch kürzere Zeit dem
    Unternehmen zur Verfügung standen und darum keiner anspruchsvollen Tätigkeit
    wertgeschätzt wurden (ebd.: S. 106f.). Ihr Einkommen blieb so strukturell
    hinter dem männlicher Arbeitnehmer zurück, ergänzte so nur das Haushaltsbudget,
    was wiederum vielfach auch zur Begleichung hoher Mieten, eines Hauskaufs oder
    der Kinderausbildung von Nöten war (Teruoka 1990: S. 96). Die Nachfrage nach
    weiblichen „Arbeitsbienen“ in konjunktureller „Lückenbüßer- und
    Pufferfunktion“, dass sie in Aufschwungsphasen als erste eingestellt und in
    Krisenzeiten als erste entlassen und so zu „Gastarbeiterinnen im eigenen Land“
    wurden, stieg im Wandel zu einer Dienstleistungsgesellschaft an. Dieser Bedarf
    nach einer Flexibilisierung des Beschäftigungssystems dürfte mehr als das zu
    Ende gehende UN-Jahrzehnt der Frau 1986 zur Ratifizierung des Gleichbehandlungsgesetzes
    geführt haben (Weber 1990: S. 105-122), das weitgehend nur ins Gesetz goss, was
    zuvor bereits in den „tausend kleinen Schritten und Auseinandersetzungen“ zur
    Praxis gemacht worden war (Lenz 1990: S. 78). Trotz dieser Widerstände und
    Ausgrenzungen gilt: „Berufstätigkeit ist selbstverständlich“ geworden für
    Frauen, was in Zahlen auszudrücken ist: Die Hälfte über 15 übte einen Beruf
    außerhalb des Haushalts aus, 74% der 20-24Jährigen arbeiteten bis kurz vor dem üblichen
    Heiratsalter, der Anteil der 30-34Jährigen sank auf 51% und stieg zwischen 45
    und 49 wieder auf 70%, dass die kinderbedingte ‚Rückzugsdelle‘ signifikante 19%
    ausmacht. Von den Verheirateten arbeiteten 52% (Teruoka 1990: S. 95-97).

    <p<an die="" seite="" der="" „professionellen="" hausfrauen“="" in="" zyklischer="" erwerbsarbeit="" traten="" zunehmend="" „karrierefrauen“="" und="" bildete="" sich="" eine="" „frauennetzwerkbewegung“,="" ihnen="" neue="" handlungsräume="" erschließen="" sie="" aus="" traditionellen="" rollen="" lösen="" sollten="" (linhart="" o.a.),="" um="" „auf="" dem="" weg="" zur="" gleichberechtigung“="" zu="" treten.="" das="" hatte="" einstellungsänderungen="" folge,="" dass="" innerhalb="" des="" un-jahrzehnts="" frauen="" seit="" aufkommen="" von="" libu="" undó="" 1975="" 20%="" hälfte="" mehr="" (30,6%)="" 1985="" 24-29jährigen="" unverheiratet="" blieben="" so="" den="" normallebenslauf="" willentlich="" aufbrachen="" (teruoka="" 1990:="" s.="" 96).

    4. Sozioökonomische Zeitenwende – Soziale Folgen der Bubble Economy

    Eine Positionsbestimmung der Geschlechter und „ihre gesellschaftliche Situierung
    zueinander im Prozess der Modernisierung“ (Jurczyk 2009: S. 57) fällt bis
    hierhin ambivalent aus: in einer familienzentrischen Gesellschaft (ie shakai)
    stärker als in anderen Industrieländern auf die Rolle der Hausfrau festgelegt,
    erweiterten sich diese Hausfrauen in organisierten Verbünden ihre Rollenkompetenzen
    und griffen erstmals aktiv von sich aus auf zumindest kommunale Öffentlichkeit
    hinaus, für die sie Handlungsmacht für sich beanspruchten. Das verfestigte
    wiederum durchaus auch selbstgefördert die geschlechtspolaren Rollen(bilder),
    indem sie die „Komplexitäten der Gleichheitsforderungen“ übergingen und sich
    nicht den „Frösten der Freiheit“ aussetzten (Lenz 1990: S. 88). Es blieb jedoch
    fast nie bei innerhäuslicher oder kommunalnaher Hausarbeit, die durchaus „als
    Arbeit gesehen und anerkannt“ wurde (ebd.: S. 84), vielmehr war – wenn auch
    i.a.R. inferior positioniert – Erwerbsarbeit bei mehr als der Hälfte aller
    Frauen selbstverständlich, was auf der ‚Hinterbühne der Gesellschaft‘ die
    japanische Prosperitätsphase erst fundierte, aber entlang rollenspezifischer Attributionen
    trotz zunehmender Bildungsqualifikationen zu ausgeprägtem Diskontinuitätserwerb
    beitrug. Durch die Kraft westlicher Frauenbewegungen zur „Transformation der
    Intimität“ inspiriert (vgl. Kern 2010: Kap. 4.1), kam ab den 1970er Jahren v.a.
    mit der Libu undó nach 1911 eine zweite Frauenbewegung auf (vgl. Konkel 2013;
    Linhart o.A.; Terasaki 1991), die die Grundsteine für ganz anders zu denkende
    Konzepte selbständiger Frauen legte und in der ie shakai erste Ansätze einer
    „Unabhängigkeit vom Zugriff der Familie“ (Beck-Gernsheim 2009: S. 17) denken
    und ‚sprießen‘ ließ.

    Diese Entwicklungen aus den Reihen der Frauen heraus sind makrologisch zu umrahmen: Statt
    dass es durch die bis dahin Modernitätsstandards setzende
    „Vorreitergesellschaft“ (Schwinn 2006: S. 30) zu einer erwarteten „Pax
    Nipponica“ (Vogel 1993) kam, platzte mit 4jährigem Vorlauf 1990 eine Vermögens-
    und Immobilienblase (baburu keizai) (Willam 2012), was mit 3 Rezessionen in den
    1990er Jahren die Vorzeichen einer „Vollbeschäftigungsökonomie“ umkehrte, in
    Japans „endogenen Krisenpotentialen ihres institutionellen Grundmusters zu
    suchen“ ist und wodurch sich das „basale Institut der japanischen Beziehungen“
    entsicherte (Hessinger 2004: S. 321ff.). Die Folgen sind Legion: Entsicherungen
    auf dem Arbeitsmarkt ließen den toyotaistisch festangestellten Salaryman
    (sei-shain) des sicher geglaubten Vergesellschaftungskerns Firma (vgl. Coulmas 2014: Kap. 11) inkl. betrieblicher Kranken- und Rentenversicherung unsicher werden. An seine Seite traten anteilig bald gleichauf furíta (Freeter =free Arbeiter), die nur in Aushilfs- oder
    Teilzeitjobs (arubaito) tätig sind, deren Alter von Anfang zu Mitte 20 und
    deren Zahl von Anfang der 1980er von 0,5 auf 2 Mio. 2005 stieg, dass 2006 rund
    20% der 15-34Jährigen atypisch beschäftigt waren (wobei nur unverheiratete
    Frauen miterfasst werden, Gattinnen weiterhin (!) als Teil des
    Salaryman-Haushalts firmieren) (Hommerich/Kohlbacher 2007: S. 16-19)
    [25]. Das ging
    einher mit einer Entzauberung der bis dato andro-meritokratischen Erwerbsarbeit
    durch die Verdoppelung der Arbeitslosigkeit von 1991 2,1% auf 5,4% 2002 – eine
    „lost decade“ und unverkennbare „Erosion des Normalarbeitsverhältnisses“.
    Sozialstrukturell hatte dies eine zunehmende Einkommensungleichheit und eine
    abnehmende soziale Mobilität zur Folge, was prekäre Beschäftigung von 15% 1984
    auf 35,2% 2012 ebenfalls mehr als verdoppelte (gut 15% der Japaner gelten als
    arm). Zuvor betrieblich übernommene soziale Sicherungen wie Fürsorgeleistungen
    wurden stetig gekürzt, hingegen bisher unzureichend wohlfahrtstaatlich
    kompensiert – „sicherheitsspendende Selbstverständlichkeiten“ schmolzen daher
    dahin und ließen v.a. derart „Enttrieblichte“ sich sozial exkludiert fühlen
    (Bude et al 2012: S. 3-6; Hommerich 2011: S. 265ff.; Hommerich/Schöneck 2014:
    S. 6-9ff.).

    Was direkt den Männern widerfuhr, wirkte sich auch zu den Frauen durch: Ohne den
    Bedarf einer Vollbeschäftigungsökonomie rutschten sie erneut in ‚ein Tal‘ des
    Diskontinuitätserwerbs: ihre Arbeitskraft war weniger nachgefragt, durfte wegen
    des Gleichbehandlungsgesetzes aber nicht abgelehnt werden, was ihren Status als
    teilzeitangestellte Freeter, der für sie somit nicht so überraschend neu wie
    für die Männer war, eher festigte und die Aussicht auf Festerwerb verdüsterte[26]. Erst nach
    1999 zunehmend wahrgenommene und den Glauben an die homogene Mittelschicht erschütternde reale Ungleichheiten vertieften die Hoffnung auf das meritokratische Prinzip
    nur noch und führten bei der Bildung zu einer „Hyper-Meritocracy“
    (Hommerich/Schöneck 2014: S. 22)[27].
    Diese Prozesse ließen Männer wie Frauen „zur Individualisierung verdammt“ sein
    (Beck/Beck-Gernsheim 1993: S. 179), was auch die Familien spürbar betraf: die
    androzentrisch-familiare Normbiographie brach durch die Entsicherung des Mannes
    als ‚Ernährer‘ auf, wenn eine Familiengründung auch „natürlicher Wunsch“ und
    „Lebensideal in der Organisation von Lebenszyklen“ blieb. Doch veränderte sich
    das Heiratsverhalten signifikant durch die Trends „zum Heiratsaufschub/zur
    späten Heirat“ (bankonka), „zum Ledigsein“ (mikonka) wie „zur (dauerhaften)
    Ehelosigkeit“ (hikonka), die sogar den 30. Geburtstag als „magische Grenze für
    eine Hochzeit“ verflüssigten. Die Zahl der Eheschließungen sank seit 1980 zwar
    nicht mehr merklich[28],
    aber das Heiratsalter stieg bei Frauen von 1975 24,7 auf 28 Jahre 2005 (Männer
    27/29,8) inländisch rasant an. Da gleichzeitig Kohabitation unerwünscht blieb
    (Kottmann 2009: S. 114-119), ist zwar ein auffallender Anstieg um 0,9 auf 2%
    bei außerehelichen Kindern festzustellen (in den USA ein Drittel), dennoch
    bleiben sie die tabuisierte Ausnahme, obwohl sich der Anteil 35-44jähriger
    lediger Frauen in 20 Jahren bis 2005 auf 15% verdreifachte. Kinderbekommen und
    Ehe ist quasi kongruent zu setzen, während in der „lost decade“ die Scheidungsrate
    angesichts brüchiger und fraglicher Verhältnisse 2000 auf (in 90,9% der Fälle
    einvernehmlich erfolgte) 0,21% hochschnellte und so hoch lag wie zuletzt vor
    der Taishó-Zeit (1912-1926). Hierdurch zeichnen sich ganz neue Handlungsräume
    für die temporär viel länger unverheiratet bleibenden Frauen ab, die m.E.
    jedoch weniger als noch zur Prosperitätszeit wie durch Libu undó bestrebt auf
    intrinsischem Selbstbewusstsein wider die einengenden Umstände (von Haus und
    Mann) fußen, sondern Folge der ökonomischen Lage sind, die einen
    arbeitsplatzsicheren „Ehemann als Luxusgut“[29],
    das Familienführen finanziell riskant und praktisch weniger attraktiv sein
    lassen (Fuess 2002: S. 75-78; Schad-Seifert 2006; 2013).

    Im Feld der Medien als „Ort der Erzeugung geschlechtlicher Bedeutung“ (Fritzsche) ergriff eine „born into feminism“-Generation junger Frauen (Girls) in Nachfolge der Riot-Grrrl–Bewegung
    von Anfang der 1990er Jahre zumindest bis zur Ehe den ‚Status im Freiraum‘ als
    „citizens, consumers, producers“, um von Fans zu „new heroes of popular
    culture“ (Harris) zu werden. Zu „powerful citizens“ werden diese Girls durch
    Konsum als „Möglichkeit zur Entfaltung symbolischer Kreativität“, womit sie
    sich ‚populärkulturell ermächtigen‘, um so eine „feministische Mikropolitik“ als
    „Politik der Subjektwerdung“ zu betreiben. Für diese Girls ist Populärkultur
    ein „Ort der Hervorbringung von Widerständigkeit“ (Thomas), wo sie als
    konsumierende Fans und eigene Produzenten von Mangas und Co. kulturelles
    Kapital erzeugen, das sie aber kaum in ökonomisches konvertieren können und
    daher doch i.a.R. „in einer marginalisierten Position“ verbleiben (nach
    Hülsmann et al. 2016: S. 3-6). Manch anderer Rahmen bleibt derweil altbekannt:
    Unter den Frauen gehen 2016 66% (2013 62%) der arbeitsfähigen arbeiten, wovon
    75% resp. 49,5% der arbeitsfähigen es nur als „part timer“ können[30] und sie
    selbst bei gleicher Arbeit 27% (2013 33%) weniger verdienen; 70% der Mütter mit
    Neugeborenem kehren nicht in den Beruf zurück, was die Erwerbs- Ende 20 weiter
    zur einknickenden M-Kurve werden lässt[31].
    Und wo – noch so spät – geheiratet wurde und selbst wenn beide Ehepartner
    arbeiten, fallen mit 4,3 zu 1 Stunde über 80% der Hausarbeit der Frau zu, was
    ihr schon im ‚eigenen Heim‘ einen Vollzeiterwerb nahezu verunmöglicht. Neben
    Hürden auf der Makro- und Meso- kommen realitär noch solche auf der Mikroebene
    hinzu, die dafür sorgen, dass in Vorständen nur 1,1% (2013 1%) und im
    unteren und mittleren Management 11,9% Frauen sitzen. Weniger sind es in keinem
    Industrieland, obwohl Frauen als die „größte ungenutzte Ressource“ (Abe) als
    ökonomisches Gut (an-)erkannt wurden, durch deren Erwerbsarbeit das japanische
    BIP um 16% steigen könnte (Lill 2013; Rothaas 2016), was das Verhältnis von
    Männern zu Frauen von 3 zu 2 (59,3% vs. 40,7%) an der arbeitenden Bevölkerung
    noch unterstreicht (Linhart 2001). Für „eine Gesellschaft, in der die Frauen
    glänzen“ können, wurde 2013 regierungsseits das Programm „Womenomics“
    gestartet, „mit dem 30 Prozent der Führungspositionen bis 2020 an Frauen gehen
    sollen.“ (Fleuri 2016) Aufgrund dieser ökonomisch unsicheren und sozial
    ‚verschobenen‘ Verhältnisse breiteten sich „parasitäre Singles“ (parasaito
    shinguru) aus (1995 10 Mio., fast 8%), was sich als „private Entscheidung und Lebensform“
    ihrer Zahl, Ursachen und Folgen wegen zu einem sozialen Problem ausgewachsen
    habe (erhöhte Lebenshaltungskosten, soziale Entfremdung, …), da sie „in
    psychischer und ökonomischer Not […] keine Hilfe bekommen [und; D.S.] kaum anders
    als Flüchtlinge“ in der ie shakai zu kazokunanmin, zu exkludierten Mitgliedern
    in einer „Gesellschaft im Familienexil“ geworden sind (Yamada nach Bilke 2015).

    5. Japanischer Sonderweg oder typischer Verlauf?

    Der Rückblick auf 413 Jahre Geschichte japanischer Frauen weist Parallelen zum
    deutschen Pendant auf, die sich deskriptiv wie analytisch gleich fassen lassen,
    kulturell ausgeformte und beharrende Eigenheiten fallen aber ebenso auf: In den
    vormodernen 265 Jahren des Sakoku verfestigten sich durch den
    Staatskonfuzianismus kosmisch legitimiert soziale Axiome einer dem Mann
    lebenslang unterwürfigen und gehorsamen Frau, die ins Haus verbannt an Bildung
    als Moral nur vermittelt bekam, was für sie als shufu (Hauptfrau und
    Hausherrin) zur Haushaltsführung und zur Unterhaltung des Mannes von Nöten war.
    Mit der Meiji Ishin 1868 nach exogener Öffnung begann für Japan eine erste
    Modernisierung und für die Japanerinnen eine erste Phase ambivalenter
    Individualisierungstendenzen. Zum einen gerann das ie-Familiensystem zur nationalen
    Norm, die durch die kokutai—Ideologie als „nichtreligiöse Religion“ (Hagiwara
    1989) den Tennó zum Vater des Volkes im Familienstaat machte und wo die Übergänge
    von ‚innerer zu äußerer‘ Familie durch das ‚Kontrollorgan Patriarch‘ fluide
    waren. Zum anderen, wenn auch in der familienstaatlichen Gemengelage stets
    zugewiesen, erhielten die Japanerinnen die Chance auf Bildung, die für sie auch
    schnell selbstverständlich wurde, allerdings nicht intellektuell förderte,
    sondern im Sinne des androzentrischen Staates sehr frauenspezifische Inhalte
    erneut konfuzianischer Moral vermittelte. Der Ausweg für sie war katei, die
    Kernfamilie, in die sie sich ‚zurückzogen‘, wo sie zwar als shufu westlicher
    Prägung innerhäuslich nun alles alleine erledigen mussten, sich hier jedoch
    auch ein Frei-Raum auftat, in dem sie für sich bleiben konnten. Aufwind erhielt
    die Kernfamilie als ‚weiblicher Schutzraum‘ durch die 1911 aufkommende erste
    japanische Frauenbewegung, die die insgesamt sozial freizügigere, für
    parlamentarische Rechte eintretende Taishó-Zeit zum „Erwachen des ‚Modernen
    Ich‘ um 1920“ (Lenz 1990: S. 73) nutzte. Nichtintendierte Nebenfolge war die
    zunehmende Feminisierung und Privatisierung der Kernfamilie, die ihre inneren
    Freiräume auf Kosten des Verschwindens aus der Öffentlichkeit erkauft hatte und
    nun vermehrt als rechtsfreier Raum“ galt. Aus dem Freiraum wurde so emotional
    ein ‚Gefängnis‘, wenn sich ‚zum Ausgleich‘ spätestens jetzt auch ein
    intensiviertes Mutter-Kind-Verhältnis herausbildete. Ab den 1930er Jahren zur
    Shówa-Zeit endeten die relativen Freiheiten, Japan entwickelte sich zu einem
    nationalistisch-imperialistischen Akteur und in der Zuspitzung des Pazifischen
    Krieges änderte sich die zugewiesene Rolle der Frauen erneut: Aus ihrer
    familiären Privatheit wurden sie staatlich herausgeholt, um den männlichen
    ‚Kriegern‘ in der Heimat den Rücken freizuhalten und als „gute Hausfrauen und
    weise Mütter“ diverse Tätigkeiten in der Öffentlichkeit auszuüben, was ihnen
    ein Gefühl der Befreiung aus der Bedeutungslosigkeit gab.

    Dennoch war für sie wesentlich, „dass Japan den Krieg verloren hat“ (Imai nach Linhart
    2011b), weil erst durch die Nachkriegsreformen exogen erzwungen eine rechtliche
    Gleichstellung erfolgte. Von dieser Basis aus konnte eine „mittlere Generation“ von Frauen aufgrund ihrer Kriegserfahrungen eine „Demokratisierung der Familie ‚von unten‘“ durch Relativierung des patriarchalischen Haushaltsvorstandes und Befreiung von der real spürbareren
    schwiegermütterlichen Kontrolle versuchen. Unter diesen neuen Vorzeichen war
    die Wendung junger Frauen zur auf 60% verbreiteten Kernfamilie als
    My-Home-Denken ein Versuch zu „etwas größerer Eigenständigkeit“ zu verstehen,
    auch weil die Orientierung der Männer am Betrieb durch den „Auszug der Väter“
    „ein Vakuum zu Hause“ hinterließ. Die „Abkehr von der Norm der Unterordnung
    unter die (Schwieger-)Eltern“ und die „Orientierung auf das Privatleben in der
    Kleinfamilie unter Zurückstellung für den Betrieb und die Eltern“
    [32] verlangte, alleine im Haushalt „auch ohne Rücksichten auf sie für sich leben und planen [zu; D.S.] können.“ Dem widerstand wertkulturell und strukturell
    eine „industrielle Tradition“, die „spezifisch industriegesellschaftliche
    Verhältnisse als ‚immer schon so gewesen‘ und traditionell“ und „letztlich als
    selbstverständlich und unhinterfragbar“ darstellte, was das Bild von „guten Hausfrauen
    und weisen Müttern“ memetisch tradierte. Und das so erfolgreich, dass 1973 97%
    aller Frauen über 25 einmal verheiratet waren und nur 7,7% der 30-34Jährigen
    (vorerst) nicht (Lenz 1990: S. 73-79). „Professionelle Hausfrauen“ und
    „Erziehungsmamas“ modifizierten dieses Bild zwar nachhaltig, indem sie sich
    durch aktiv betriebene Netzwerke manifest ein ‚kommunal-öffentliches
    Hoheitsgebiet‘ erstritten, in dessen erweiterten „Haushalt als ihre ‚Domäne‘“
    (Jurczyk 2009: S. 77) sie über „Kind, Küche, Kasse“ verfügten[33]. So
    festigten sie aber – durchaus selbst-bewusst – auch konsumistisch als
    „Hauptkäuferinnen der Familieneinheit“ (Lennox nach Baur 2013a) die bestehende
    Geschlechtspolarität. „In der japanischen Gesellschaft sind die
    Geschlechterwelten zwar komplementär, bestehen aber relativ unabhängig voneinander“
    (Hülsmann et al. 2016: S. 1), obwohl es zu einer einseitig ‚unsichtbaren
    Diffusion‘ kam: Während sich Männer „monogamer Arbeit“ (Gross) hingaben,
    etablierte sich zum Besten der japanischen Vollbeschäftigungsökonomie (statt
    eines reinen „Ernährer-Hausfrau-Modells“; Baur 2013b) ein „Eineinhalb-Personen-Berufs“-Modell (Beck-Gernsheim), durch das es zu einer „begrenzten Integration“ (Gottschall) der Frauen kam, die eine „doppelte Vergesellschaftung“ als Haus- und i.a.R. Diskontinuitätserwerbsarbeiterinnen
    „auf Abruf“ durchlebten.

    Die 1990 platzende Wirtschaftsblase entsicherte Gewissheiten und Integrationsmechanismen auf dem androzentrischen Arbeitsmarkt und führte zu einer „‘Feminisierung‘ der Arbeit“,
    indem sich die bisher primär weiblichen Diskontinuitäten zu den Männern
    durchschlugen: „die ‚Krise der Arbeit‘ erweist sich für
    Männer als eine Infragestellung ihres Status Quo der vergangenen Jahrzehnte“ (zit.
    nach Jurczyk 2009: S. 72-76). Diese sozioökonomischen ‚Einbrüche‘
    führten die zuvor schon eingesetzten Trends fort: Die Heiratsrate ist seit den
    1970er Jahren auf fast die Hälfte abgesunken, v.a. aber hat sich das
    Heiratsverhalten verändert, ließ eine Heirat im Schnitt um Jahre später
    eingehen und bis dahin, aber auch in absoluten Zahlen mehr denn je Singles
    ‚entstehen‘ und aufgrund ihrer sozial problematischen Begleiterscheinungen
    erstmals ins Bewusstsein einer familienzentrischen Öffentlichkeit treten. Eine
    lebensweltliche Folge eines allgemeinen Krisengefühls ist sugomori genshó
    (Phänomen des Rückzugs ins Nest) als Rückzug (cocooning nach Popcorn) ins
    eigene Heim (homing), wo frau sich durch sugomori shóhi (Nestrückzugskonsum)
    „ein Stück eigenes Leben“ für die sugomori kazoku (Familie, die sich ins Nest
    zurückzieht) ausgestalten will (Platz 2009: S. 244f.) und so nach der
    Vorkriegs-katei und der Nachkriegs-Kernfamilie erneut das Private insb. für die
    Frauen ins Zentrum rückt. Diese müssen sich aber auch als „Arbeitskraftunternehmer“
    zunehmend in der Rolle als Freeter nicht nur mit prekarisierenden Verhältnissen
    auseinandersetzen, sondern ihr Bestreben „weg von der ‚selbstverständlichen‘ Abweichung von der männlichen Norm“ selber erarbeiten (zit. nach Jurczyk 2009: S. 74f.). Im Feld medialer Popkultur können sie dies zwar ‚widerständisch‘ ausleben, nehmen auch kulturelles, aber eben nur selten
    ausreichend ökonomisches Kapital ein. Und trotz zahlreicher Gesetzesreformen,
    die sie seit 1986 schrittweise formal im Status angleichen lassen, bleiben sie
    auf herkömmlichen Arbeitsplätzen sekuhara (sexueller Belästigung und Mobbing)
    sowie als Mütter matahara (Mutterbelästigung, bspw. die Mutterschaftszeit nicht
    wahrzunehmen) ausgesetzt (Fleuri 2016), dass sie alternativ nur den steinigen
    Weg der Selbständigkeit gehen können, der sie anderen wertkulturellen ‚Frösten
    der Freiheit‘ aussetzt (ebd.; Belz 2014; Rothaas 2016).

    6. Fazit

    Diese Arbeit stand vor dem Spagat, die Genese der Individualisierung japanischer Frauen der Gefahr wegen, „die Besonderheit der Veränderungen im weiblichen Lebenszusammenhang zu verkennen und damit auch die Entwicklungsdynamik und den sozialen und politischen Sprengstoff, die in der Bewußtwerdung von Fraueninteressen entfalten sind“, mit einem männlichen Maßstab zu messen und so „das ‚ewige Elend‘ der Zurücksetzung, Benachteiligung und Diskriminierung zu beklagen.“ Und der rein diachrone Blick barg „beim Vergleich der Frauengenerationen
    die Gefahr, daß die fortbestehenden materiellen und sozialen Ungleichheiten
    zwischen Männern und Frauen eingeebnet werden“, dem „wohlwollenden Bild eines
    ständig fortschreitenden ‚Fortschritts‘“ geschuldet (Beck-Gernsheim 2009: S.
    15f.). Auch um die unvertrauteren Umstände Japans angemessen einzubeziehen,
    wurde daher die einleitend skizzierte doppelte Perspektive auf androzentrische
    Sozialdominanzen und weibliche ‚Gegenbewegungen‘ gewählt, um so das
    Superior-Inferior-Verhältnis zwischen den Geschlechtern ebenso diachron wie die
    inferioren Handlungsspielräume der Japanerinnen in ihren Ambivalenzen
    auszuleuchten. Nur derart kontextual lässt sich m.E. auch erst den „tausend
    kleinen Schritten“ (Lenz 1990: S. 78) adäquat widmen, da sie ihre Relevanz für
    die Japanerinnen erst angesichts der noch heute ausgeprägten ‚Männerherrschaft‘
    offenbaren. Nur so wird der „Wandel im Schneckentempo“ (Stadlmayer 2000) als
    Wechselspiel aus androstaatlichen Vorgaben ‚von oben‘ und den weiblichen
    Ausgestaltungen ‚von unten‘ innerhalb dieser zugewiesenen Zwangsräume nachvollziehbar.
    Auffallend, wie oft hierfür Aspekte des Konfuzianismus androgenehm selektiert
    wurden, um die Unterwürfigkeit der Frauen kosmisch zu legitimieren (Edo-Zeit),
    sie zur Bildung zwecks ‚restaurativer Modernisierung‘ der Nation in moralisch
    engen Bahnen zu verpflichten (Meiji-Zeit), sie nach kurzer kernfamiliarer
    Taishó-Zeit durch Überbetonung der Mütterlichkeit nationalistisch wieder für
    die Volksfamilie einzufangen (Kriegs-Shówa-Zeit) und zur Prosperitätszeit – in
    zum dritten Mal grundlegend geänderter Sozialordnung – die
    Selbstverständlichkeit der Abweichung vom männlichen Lebenslauf trotz
    steigender Frauenbildung und doppelter Vergesellschaftung durch ein
    Eineinhalb-Personen-Berufsmodell aufrechtzuerhalten. Bis hierhin ist die Modernisierung
    japanischer Frauen vergleichbar ihren deutschen Pendants „als ‚nachholende
    Individualisierung‘ im Sinn zunehmender Arbeitsmarktpartizipation“ sowie auch
    beziehungsorientiert als „gebundene Individualisierung“ (Diezinger) zu charakterisieren
    (Jurczyk 2009: S. 78). Das Platzen der Bubble Economy verstärkte dann zuvor
    dezidiert nur durch Libu undó bestrebte Befreiungsprozesse aus traditionalen
    Verhältnissen. Durch die Verflüssigung normbiographischer Fixpunkte stieg „die
    Unabhängigkeit vom Zugriff der Familie“, was männliche Risiken in die weibliche
    Normalbiographie einbrechen und diese nun „vorbildlos“, offener und ungeschützter
    sein lässt denn je (Beck-Gernsheim 2009: S. 17). Da eine Hochzeit nunmehr statt
    als „Glück“ als „Grab des Lebens“ begriffen wird, sind bereits die Hälfte aller
    Frauen Singles und heiraten anstelle eines Mannes lieber solo nur sich; falls
    doch ‚normal‘, dann innerhalb von 7 Jahren 2012 mit 29,2 um im Schnitt erneut
    1,2 Jahre später (Schnabel 2016). Auch werden die weltweit als bestgebildet
    anerkannten Japanerinnen durch ein antiquiertes, gerichtsbestätigtes
    Namensrecht paradoxerweise von der Ehe ferngehalten, so sie selbstbewusst ihren
    Geburtsnamen beibehalten und nicht den des Mannes übernehmen wollen, was in nur
    4% der Ehen einvernehmlich zu realisieren ist (SPON 2015). So förmlich in ein
    „Familienexil“ gezwungen, obwohl rechtlich auf dem Arbeitsmarkt stetig gleichgestellter,
    erweist sich ob gelebter sekuhara (Mobbing wegen des Geschlechts) auch der Berufsweg
    nur selten als reintegrative Kraft. Biographische Freiheiten gibt es somit nur
    durch oft entzaubernde Risiken, die so aus der zunehmend freiräumlicheren Norm-
    eine Bastelbiographie gemacht haben, die japanische Frauen (wie die Männer) für
    sich ausgestalten müssen, um so eine Reintegration selbständig zu erwirken. Und
    in der Art des Zustandekommens und der auf sie einwirkenden Institutionen ist
    durchaus von einer spezifischen weiblichen „Individualisierung auf Japanisch“
    zu sprechen, die als eigenständige Variation des weiblichen
    Individualisierungsschubs in Deutschland anzusehen ist (vgl.
    Beck/Beck-Gernsheim 2010). Und das erbastelte Wie erweist sich als höchst
    konträr: Hier sugomori als Nestrückzugsphänomen, wo erneut das Privathäusliche
    zum Ausgestaltungsraum mit existenter Familie oder für Freunde wird; dort
    bilden sich in einem schwach ausgeprägten und zivilgesellschaftlich ergo erst noch
    zu festigenden Dritten Sektor (Foljanty-Jost/Haufe 2006) außerhäuslich in
    Anschluss an die Hausfrauen- sowie Libu undó- stetig neue Frauennetzwerke „als
    eine dritte Form der Institution neben Markt und Hierarchie“, „die eher als
    horizontal denn vertikal strukturierte, flexiblere Formen der Organisation“,
    somit „als ein alternatives Organisationsprinzip“ wider übliche „Top-Down“-Entscheidungen
    Japanerinnen neue Handlungsmacht lokal und inter-/national für sich erschließen
    lassen (Tanaka 2009: S. 17f.). Diese Lebenszusammenhänge lassen den
    Individualisierungsstatus der Japanerinnen frei nach Beck-Gernsheim ebenfalls
    als ein „Nicht-mehr“ und „Noch-nicht“ beschreiben!

    7. Literaturverzeichnis

    Monographien

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    Tanaka-Naji, Hiromi (): Japanische Frauennetzwerke und Geschlechterpolitik im Zeitalter der Globalisierung. München: iudicium Verlag (Band 44).

    Aufsätze in Sammelbänden

    Antoni, Klaus (1992): Tradition und „Traditionalismus“ im modernen Japan – ein kulturanthropologischer Versuch. In: Krebs, Gerhard u. Küppers, Andreas N. (Hg.): Konflikt. München: iudicium Verlag (Japanstudien, 3).

    Beck, Ulrich u. Beck-Gernsheim, Elisabeth (2010): Chinesische Bastelbiographie? Variationen der Individualisierung in kosmopolitischer Perspektive. In: Honer,
    Anne et al. (Hg.): Fragile Sozialität. Inszenierungen, Sinnwelten, Existenzbastler. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

    Beck-Gernsheim, Elisabeth (2009): Vom „Dasein für andere“ zum Anspruch auf ein Stück „eigenes Leben“ – Individualisierungsprozesse im weiblichen Lebenszusammenhang. In: Wilz, Sylvia (Hg.): Struktur, Konstruktion, Askription – Theoretische und empirische Perspektiven auf Geschlecht und Gesellschaft. Hagen: FernUniversität
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    Modernisierungsprozesse in Japan. München/Tókyó: iudicium Verlag.

    Hülsmann, Katharina (2016): Einleitung – Japanische Populärkultur und Gender. In:
    Hülsmann, Katharina (Hg.): Japanische Populärkultur und Gender. Ein
    Studienbuch. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (Geschlecht und
    Gesellschaft, 62).

    Hommerich, Carola (2011): Neue Risiken, neues Selbstbild – Japan in verunsicherten Zeiten.
    In: Chiavacci, David u. Wieczorek, Iris (Hg.): Japan 2011 – Politik,
    Wirtschaft, Gesellschaft. Zürich: VSJF – Vereinigung für sozialwissenschaftliche
    Japanforschung (Japan jahrbuch, 38).

    Hommerich, Carola u. Kohlbacher, Florian (2007): Japans „freie Arbeiter – individueller
    Lebensstil oder aufgedrängte Prekarität? In: JapanMarkt. Tókyó: Deutsche
    Industrie- und Handelskammer in Japan.

    Hommerich, Carola u. Schöneck, Nadine M. (2014): Vorzeigenationen unter Druck? Wahrnehmungen von sozialer Ungleichheit und Statuserwerbsprozessen – Deutschland und Japan im Vergleich. In: Working Papers 14/2. Tokyo: Deutsches Institut für Japanstudien
    / Stiftung D.G.I.A..

    Imai, Yasuko (1991a): Vor dem Tagesanbruch für Frauen. Ein sozialhistorischer Essay.
    In: Linhart, Ruth (Onna da kara – weil ich eine Frau bin – Liebe, Ehe und
    Sexualität in Japan. Wien: Wiener Frauenverlag/Milena-Verlag (Frauenforschung,
    16).

    Ishida, Takeshi (1993): Die Integration von Konformität und Konkurrenz. In: Menzel,
    Ulrich (Hg.): Im Schatten des Siegers – Japan – Kultur und Gesellschaft.
    Frankfurt a. M.: Suhrkamp (Japan, Band 1).

    Jurczyk, Karin (2009): Geschlechterverhältnisse in Familie und Erwerb – widersprüchliche
    Modernisierungen. In: Wilz, Sylvia (Hg.): Struktur, Konstruktion, Askription – Theoretische und
    empirische Perspektiven auf Geschlecht und Gesellschaft. Hagen: FernUniversität
    (Kursband).

    Kameda, Atsuko (1991): Die Frau als Lehrende und Lernende an japanischen Universitäten.
    In: Gössmann, Elisabeth (Hg.): Japan – Ein Land der Frauen? München: iudicium
    Verlag.

    Klein, Axel u. Kreiner, Josef (2010): Japan in der zweiten Hälfte des 20.
    Jahrhunderts. In: Kreiner, Josef (Hg.): Kleine Geschichte Japans. Stuttgart:
    Reclam.

    Langer-Kaneko, Christiane (1991): Zur Geschichte der Erziehung und Bildung der Frau in Japan,
    reflektiert an ihrer Rolle in der Gesellschaft. In: Gössmann, Elisabeth (Hg.):
    Japan – Ein Land der Frauen? München: iudicium Verlag.

    Lenz, Ilse (1990): Hausarbeit als Beruf und Berufung. In: Linhart, Ruth u. Wöss,
    Fleur (Hg.): Nippons neue Frauen. Hamburg: Rowohlt.

    Lenz, Ilse (1993): Die unsichtbare weibliche Seite des japanischen Aufstiegs:
    Das Verhältnis von geschlechtlicher Arbeitsteilung und kapitalistischer
    Entwicklung. In: Menzel, Ulrich (Hg.): Im Schatten des Siegers – Japan –
    Ökonomie und Politik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp (Japan, Band 3).

    Lützeler, Ralph (1996): Die japanische Familie der Gegenwart – Wandel und Beharrung aus
    demographischer Sicht. In: Duisburg Working Papers (Green Series, 7).

    Kottmann, Nora (2009): Heirat in Japan heute. Japan – ein Heiratsparadies!? In: Hoppner,
    Inge (Hg.): 2. Deutsch-japanisch-koreanisches Stipendiatenseminar,
    10.-11.07.2008. Berlin: JDZB – Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin (Reihe 1,
    Tagungsband 58).

    Mae, Michiko u. Schmitz, Julia (2007): Zwischen Öffentlichkeit und Privatheit – Die
    moderne Familie in Japan und Deutschland bis 1945. In: Backhaus, Peter (Hg.):
    Familienangelegenheiten. München: iudicium Verlag (Japanstudien, 19).

    Obayashi, Taryó (1995): Traditionelle Gesellschaftstypen und Kulturprovinzen in Japan.
    In: Hemmert, Martin u. Lützeler, Ralph (Hg.): Raum. München: iudicium Verlag
    (Japanstudien, 6).

    Platz, Anemone (2009): Sutekina kurashi – Rückbesinnung auf Heim und Familie. In:
    Chiavacci, David u. Wieczorek, Iris (Hg.): Japan 2009 – Politik, Wirtschaft und
    Gesellschaft. Zürich: VSJF – Vereinigung für sozialwissenschaftliche
    Japanforschung.

    Schad-Seifert, Annette (2006): Japans kinderarme Gesellschaft – Die niedrige Geburtenrate und
    das Gender-Problem. In: Working Papers 06/1. Tokyo: Deutsches Institut für
    Japanstudien / Stiftung D.G.I.A..

    Schad-Seifert, Annette (2007): Japans Abschied von der Mittelschichtgesellschaft. Auflösung
    des Familienhaushalts oder Pluralisierung der Lebensformen? In: Backhaus, Peter
    (Hg.): Familienangelegenheiten. München: iudicium Verlag (Japanstudien, 19).

    Schad-Seifert, Annette (2013): „Der Ehemann als Luxusgut“ – Japans Trend zur späten Heirat.
    In: Holdgrün, Phoebe u. Vogt, Gabriele (Hg.): Modernisierungsprozesse in Japan.
    München/Tókyó: iudicium Verlag.

    Schmidtpott, Katja (2011): Die familiale Tischgemeinschaft in Japan zwischen Ideal und Alltagspraxis vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. In: Chiavacci, David u. Wieczorek,
    Iris (Hg.): Japan 2011 – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zürich: VSJF –
    Vereinigung für sozialwissenschaftliche Japanforschung.

    Schubert, Volker (2006): Individualisierung und Konformität – Kontrastierende Modelle in
    Japan und Deutschland. In: Schwinn, Thomas (Hg.): Die Vielfalt und Einheit der
    Moderne. Kultur- und strukturvergleichende Analysen. Wiesbaden: VS Verlag für
    Sozialwissenschaften.

    Schwinn, Thomas (2006): Die Vielfalt und die Einheit der Moderne — Perspektiven und
    Probleme eines Forschungsprogramms. In: Schwinn, Thomas (hg.): Die Vielfalt und
    Einheit der Moderne. Kultur- und strukturvergleichende Analysen. Wiesbaden: VS
    Verlag für Sozialwissenschaften.

    Terasaki, Akiko (1991): Die Frauenbewegung in Japan während der siebziger und achtziger
    Jahre. In: Gössmann, Elisabeth (Hg.): Japan – Ein Land der Frauen? München:
    iudicium Verlag.

    Teruoka, Itsuko (1990): Gedämpfer Optimismus. Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung.
    In: Linhart, Ruth u. Wöss, Fleur (Hg.): Nippons neue Frauen. Hamburg: Rowohlt.

    Vogel, Ezra F. (1993): Pax Nipponica? In: Menzel, Ulrich (Hg.): Im Schatten des
    Siegers – Japan – Weltwirtschaft und Weltpolitik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
    (Japan, Band 4).

    Weber, Claudia (1990): Chancengleichheit per Gesetz. Linhart, Ruth u. Wöss, Fleur
    (Hg.): Nippons neue Frauen. Hamburg: Rowohlt.

    Willam, Daniel (2012): Ein Vergleich der 2007/2008 US Subprime- Finanzkrise mit der
    Finanzkrise durch die Vermögens- und Immobilienblase Japans 1987–90 – Verlauf,
    Ursachen und Auswirkungen. In: Hoppner, Inge (Hg.): 5.
    Deutsch-japanisch-koreanisches Stipendiatenseminar, 23.-24.05.2011. Berlin:
    JDZB – Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin (Reihe 1, Tagungsband 63).

    Wilz, Sylvia Marlene (2009): Struktur, Konstruktion, Askription – Perspektiven der
    Analyse von Geschlecht. In: Wilz, Sylvia (Hg.): Struktur, Konstruktion,
    Askription – Theoretische und empirische Perspektiven auf Geschlecht und
    Gesellschaft. Hagen: FernUniversität (Kursband).

    Aufsätze in Fachzeitschriften

    Beck, Ulrich (2008): Jenseits von Klasse und Nation – Individualisierung und
    Transnationalisierung sozialer Ungleichheiten. In: Soziale Welt – Zeitschrift
    für sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis, Jg. 59, Heft 4, S. 301-325.

    Beck, Ulrich u. Beck-Gernsheim, Elisabeth (1993): Nicht Autonomie, sondern
    Bastelbiographie – Anmerkungen zur Individualisierungsdiskussion am Beispiel
    des Aufsatzes von Günter Burkart. In: ZfS – Zeitschrift für Soziologie, Jg. 22,
    Heft 3, S. 178-187.

    Fuess, Harald (2002): Als Japan die Welt anführte. „Das Land der schnellen
    Eheschließung und der schnellen Scheidung“1870-1940. In: Nachrichten der
    Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde (OAG), Jg. 77, Heft 171/172,
    S. 75-92.

    Hessinger, Philipp (2004): Die „Governance“-Depression in Japan – Überlegungen zur Strukturkrise der japanischen Wirtschaft. In: ZfS – Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft
    4, S. 321-344.

    Internet

    Baur, Nina (2013a): Der Ernährer und die Hausfrau, oder: Der Arbeitnehmer und die Verbraucherin.

    Baur, Nina (2013b): Die Koppelung von Arbeitsmarkt und Sozialstaat über das Ernährer-Hausfrau-Modell.

    Belz, (2014): Japans Männer suchen die neue Frau.

    Bilke, Ezgi (2015): Die Gesellschaft im „Familien-Exil“.

    Fleuri, Johann (2016): Sekuhara – Sexuelle Diskriminierung auf Japanisch.

    Hagiwara, Yoshihisa (1989): Über Begriff und Funktion der „kokutai“-Ideologie. Der Mythos des japanischen Kaisertums als Herrschaftsideologie vor dem zweiten Weltkrieg.

    Helle, Horst Jürgen (1981b): Auf dem Weg zur matrilinearen Gesellschaft? Kurzfassung.

    Imai, Yasuko (1991b): Vor dem Tagesanbruch für Frauen. Ein sozialhistorischer Essay.

    Konkel, Christine (2013): Geschichte der Frauenbewegung in Japan ab 1911.

    Lill, Felix (2013): Japan – Land der Ausgegrenzten.

    Linhart, Ruth (2001): Kind und Karriere in Japan. (aus: Welt der Frau, 4/2001, S. 35f.)

    Linhart, Ruth (2011a): Japanische Frauen und der Fünfzehnjährige Krieg.

    Linhart, Ruth (2011b): Japanische Frauen und die amerikanische Besatzung 1945-1952.

    Linhart, Ruth (o. A.): Die japanische Frauenbewegung der siebziger und achtziger Jahre.

    Rothhaas, Julia (2016): Berufstätige Frauen in Japan. Im Land des Hechelns.

    Schnabel, Lena (2016): Egoismus – Ich heirate. Mich!

    SPON (2015): Gerichtsentscheid – Japanerinnen verlieren Kampf gegen antiquiertes Namensrecht.

    Stadlmayer, Tina (2000): Wandel im Schneckentempo. Zetteln die Frauen eine stille Revolution an?


  • Es gilt dasPrinzip „dansonjohi“: Verehrung des Mannes, Herabsetzung der Frau, […] eine Einstellung, die sich im Laufe der
    Jahrhunderte des Feudalismus immer stärkerherausgebildet hatte“ und die Frauen sozial-rechtlich durch die 3 Arten des Gehorsams (sanjú) („Eine Frau ist abhängig ihr ganzes Leben.“) entmündigte (Langer-Kaneko 1991: S. 93).

  • Der Hauptstadt nach Edo-, der herrschenden Familie
    nach Tokugawa- und ihrer insellagigen Abgekapseltheit nach auch Raumschiff-Zeit
    genannt (Matsubara 1998).

  • Was insofern erstaunt, dass dieser jenseits der
    Landwirtschaft (v.a. Reis) keine Werte akzeptierte und sich so ein „japanischer
    Physiokratismus“ entwickelte (Distelraht 2010: S. 220ff.), eine stark von
    Gartenbaukultur (Nassreisfeldbau) abhängige Matrilinearität ((Helle 1981b: Abs.
    4) davon jedoch nicht profitierte, sondern hiervon final verdrängt wurde.

  • shinókóshó: 1. Schwertadel (bushi:
    samurai, aus denen daimyó als Landesfürsten und der shógun hervorgingen), 2.
    Landwirtschaft (Bauern hyakushó), 3. Handwerk, 4. Handel (je Stadtbevölkerung
    chónin). Darüber standen die Höflinge am Tennó-Hof in Kyoto und religiöse
    Berufe, darunter die Paria (buraku) (u.a. Schwentker 2008: S. 81-94).

  • Von oben verordnet und kleinste juristische
    Einheit, etablierte sich in den unteren Ständen ein Fünffamiliensystem von 5
    nebeneinander lebenden Familien, was den dorfbäuerlichen Gegebenheiten beim
    Reisanbau so gut entsprach, dass aus dem zur Bespitzelung gedachten System bis
    heute wirksame lebenspraktische „Selbsthilfeorganisationen“ von
    Schicksalsgemeinschaften“ überall im Lande wurden (Matsubara 1983: S. 207-210).

  • Das wiederum fußt auf der yin-yang-Theorie (inyó), demnach
    ist yang „das positive, helle, männliche Prinzip; yin das negative, dunkle,
    weibliche.“ (Langer-Kaneko 1991: S. 97).

  • Wichtig: Dem standesdistinktiv-elitären
    „Bildungshunger“ der samurai stand ein durch den Buddhismus ‚von unten‘
    entwickeltes „Volksschulsystem“ mit landesweit 15.000 Schulen und allein 3.000
    erhaltenen Schulbüchern gegenüber, das bzgl. Lesen, Schreiben und
    lebenspraktischen Wissen ein gutes Grundniveau verbreitete (Matsubara 1983:
    Kap. 19), für Frauen die Kluft zur männlichen ‚Vollbildung‘ jedoch umso größer
    sein ließ.

  • So wurde der westliche Feminismus als jokenron
    (Diskussion über Frauenrechte) und eine Modernisierung des
    Geschlechterverhältnisses durchaus erkannt, aber nur traditionalistisch (vgl.
    Antoni 1992) andro-genehm wohldosiert praktiziert – ein gentleman like galantes
    „lady first“ blieb bspw. undenkbar. Und ein Feminist war kein Streiter für Frauenrechte,
    sondern jemand, „der gegenüber Frauen freundlich ist“, „ein Mann, der Frauen
    verehrt“ (Imai 1991b).

  • Aus dem vorgeblichen, wenig anerkennenden ‚Grund‘,
    dass Japan wegen der Dummheit der Frauen und v.a. Mütter zurückgeblieben sei.
    Daher: „Machen wir die Mütter der nächsten Generation klüger.“ (Imai 1991b)

  • Im Widerstand hierzu begann später als bspw. in
    Deutschland mit der Feministischen Zeitschrift Seitó (Blaustrumpf) und der
    Vereinigung Seitósha 1911 die „alte Frauenbewegung“ in Japan für eigene
    (politisch-öffentliche Wahl-)Rechte und Bedürfnisse öffentlich (!) einzutreten
    (Konkel 2013). „Das Muster einer das ganze Leben hindurch autoritätsgebundenen
    Frau erwies sich jedoch als sehr zählebig.“ (Langer-Kaneko 1991: S. 107)

  • Als Mittelschicht- (aus erwerbstätigen Ehemann,
    Hausfrau und Kindern) auch als „Erziehungsfamilie“ (kyóiku kazoku) vom Staat
    instrumentalisiert (Mae/Schmitz 2007: S. 60).

  • Obwohl diese „totale Mobilisierung“ statt integrativ für
    die Frauen segregativ als „Bürger zweiter Klasse“ und „warme Urquelle, die den
    Haushalt beschützt“, erfolgte – frei dem Motto: „Landesverteidigung von der
    Küche aus!“ (Linhart 2011a)

  • Diese „schluckte auch die emanzipatorischen
    Fraueninitiativen aus den Vorkriegsjahren wie jene für Frauenwahlrecht,
    Konsumentenrechte und Geburtenkontrolle.“ (ebd.)

  • Und wenn nur, um ‚Nachschub‘ für die an der Front
    Gefallenen zu erzeugen: „umeyo fuyaseyo“, „Gebären wir, vermehren wir uns!“
    (Linhart 2011a

  • Für Frauen: Wahlrecht ab 20 und Recht
    bei Wahlen ab 25 zu kandidieren (erstmals am 10.04.1946 nahmen das 67%
    wahlberechtigter Frauen wahr und 39 von 70 Kandidatinnen wurden gewählt), Verbotsaufhebung politischer Aktivität, Aufnahme in den Staatsdienst und
    Regierungsreform, was in der neuen Verfassung, dem neuen Bürgerlichen Gesetzbuch
    und Erziehungsgrundgesetz realisiert wurde (Linhart 2011b: Abs. 1-2).

  • Als „Schutzgemeinschaft der Verwandten [übten] „Rücksichten
    auf die Familie im Sinne des ‚ie‘ großen Einfluss auf das Leben der Menschen
    aus“ (Linhart 2011b: Abs. 4).

  • Die „Drei Schätze“ Waschmaschine, Kühlschrank,
    Fernseher als Konsumgröße und Statussymbol (Ishida 2008: S. 252f., FN 19).

  • „[…] in der Wirtschaftswunderzeit der
    Fünfziger- und Sechzigerjahre löste das Bild der sengyôshufu, der
    ‚professionellen Hausfrau‘, und der ‚kyôiku mama‘, der ‚Erziehungsmama‘, das
    weibliche Ideal der ‚ryôsai kenbô‘, der ‚guten Ehefrau und weisen Mutter“ ab‘“
    (Linhart 2011b: Abs. 2)

  • Der Ehemann als „White Collar“-„salarii man“ war fest in die spezifischen Prinzipien der japanischen Betriebsorganisation (System lebenslanger
    Beschäftigung sowie Senioritätslohn) eingebunden (Toyotaismus), wodurch die
    Haushaltsfamilie der Frau über den Mann „als Teil der Unternehmensfamilie […]
    abgesichert“ war (Schad-Seifert 2007: S. 7).

  • 1975 bei 0,107%, Beginn der 1980er jäh auf 0,151%;
    zum Vergleich in Deutschland bei 0,156% 1981, Schweden 0,242%, USA 0,581% (Lenz
    1990: S. 91, Anm. 2).

  • I. Todd hingegen verortet die japanische als eine
    bilateral-vertikale, „d.h. die die väterliche und mütterliche Linie
    gleichberechtigende Familienstruktur“ und eine Ursache für ökonomischen
    Fortschritt (self generated take-off) (nach Obayashi 1995: S. 165f.).

  • Bildung als sozialer Aufstiegsmotor, was 1960 10%,
    1975 38% die „Jagd auf Bildungszertifikate“ (diploma disease) führen ließ
    (Hommerich/Schöneck 2014: S. 7).

  • Darüber hinaus ging die 1970 erstmals auftretende,
    von der „Women’s Liberation Movement“ aus den USA inspirierte „Libu undó“, wo
    Frauen „als Frauen ihr Selbst ganz und gar zurückerlangen wollen“, um so mehr
    Selbstverwirklichung als Gleichberechtigung jenseits geschlechtspolarer Rollen
    zu erreichen (Terasaki 1990).

  • Die Ambition auf Dauererwerb bei 23,4% der
    Uniabsolventinnen desillusionierte der Beruf: nur 12,6% der Berufsanfängerinnen
    wollten es bleiben (Weber 1990: S. 114).

  • keine Ausdrucksform von wider die Normbiographie nach
    „Freiheit und Individualität“ strebender oder als „wagamama“ (egoistisch und
    faul) und Rezessionsgrund gescholtener, sondern systemisch als „Opfer eines
    zunehmend deregulierten Arbeitsmarktes“ anzusehender Jungerwachsener ist
    (Hommerich/Kohlbacher 2007: S. 16-19).

  • Die Angst vor sozialem Abstieg stieg unter Befragten von 1990 15% 2012 auf 30% an, sogar 69% gaben Alltagssorgen und –unsicherheiten v.a. hinsichtlich der
    Finanzierung ihres Lebensabends zu haben an (Hommerich/Schöneck 2014: S. 9f.).

  • Was Ausprägung der durch die „Prüfungshölle“ gehenden
    „Bildungsganggesellschaft“ (gakurei shakai) ist, obwohl sie statt auf individualer Konkurrenz auf Gruppenkooperation fußt. Das „kann geradezu als
    eine spezifische Form begriffen werden, mit dem gesellschaftlichen Prozess der
    Individualisierung umzugehen“ (Schubert 2006: S. 188-191).

  • Von 1970 bis 2016 hingegen signifikant von 1% auf
    0,53% um fast die Hälfte (Fleuri 2016), was ein mentaler Wandel – ausgelöst
    durchs UN-Jahrzehnt der Frauen und die Libu undó-Aktivitäten – in den 1970er
    Jahren einschneidend bewirkt haben dürfte.

  • Denn 68% befragter lediger Frauen wollen einen
    Ehemann mit einem Jahreseinkommen von über 29.000€, „obwohl nur 25,1% der
    ledigen Männer über ein solches Einkommen verfügen.“ (Yamada nach Bilke 2015)

  • 1986 waren noch 68, 1998 57% der arbeitenden Frauen
    (anfangs) festangestellt (Linhart 2001), was belegt, wie sehr wie ökonomische
    Krise auch auf den Frauenerwerb wirkte.

  • Durch die implizite alte Geschlechtsordnung gibt es
    für die Frauenrollen nur ein Entweder-Oder, dass sie weiterhin Kinder bekommen
    (sonst sind sie „makeinu“ – „im Kampf geschlagene Hunde“) oder ihre Karriere
    selbständig durchziehen und diese nicht „gierig“ mit der Familie vereinbaren
    sollen, weshalb rund 70% der Japanerinnen Karriere prophylaktisch nicht als
    erstrebenswert erachten (Rothaas 2016).

  • Nebenfolge: Seit den 1980er Jahren Japan mit weltweit
    höchster Lebenserwartung (Frauen 81,4 Jahre), dass ohne das dreigenerative ie
    von 1975 bis 1983 die Zahl alleinlebender Frauen über 65 von 573.000 auf
    830.000 stieg und sie neben Männern bis 30 1986 bereits auf 18,2% angewachsene Einpersonenhaushalte bewohnten (Lenz 1990: S. 76).

  • Was realitär dennoch hieß, dass 1982 nur 40% der
    Schulkinder die abendliche Hauptmahlzeit in der „familialen Tischgemeinschaft“
    einnahmen (Schmidtpott 2011: S. 296), was als ein Indiz für einen schwindenden
    Zusammenhalt gelebter Familie anzusehen ist.
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