Kolumbus Erbe – von Austausch, Angleichung und Imperialismus

Hallo Mitwelt!

Heute ein Lesetipp! Wobei nicht nur: auch ein Sofortkauftipp, eine dringende Leseempfehlung per Kauf. Und zwar des eBook zum Print-Exemplar. Es geht mir eindringlich um Charles C. Mann, Autor von „Amerika vor Kolumbus. Die Geschichte eines unentdeckten Kontinents“. Das hat ihn bereits berühmt gemacht oder sollte es. Hier erzählt er die Geschichte des Kontinents, seiner Flora und Fauna und menschlichen Ureinwohner, bevor Kolumbus auf der Suche nach Indien (und missionierbaren Absatzmärkten) dort anlandet, damit die (erste) Globalisierung lostritt und unchristlich massenhaft Leid über die „neue Welt“ bringt. Das zu lesen ist auch anzuraten und wäre genau genommen sogar als Präludium nur zu empfehlen. Dann wüsste man um die vielfältigen Verhältnisse auf „Prä-Amerika“, das noch nicht von Amerigo Vespucci als ‚Nicht-Indien‘ und eigener Kontinent erkannt und später nach ihm benannt worden war.

Ich möchte ins Schaufenster gehaltvoller und bereichernder Lektüre den Folgeband stellen: „Kolumbus‘ Erbe. Wie Menschen, Tiere, Pflanzen die Ozeane überquerten und die Welt von heute schufen“ (Originaltitel „1493: Uncovering the New World Columbus Created“ – erschienen 2011). Während das Print stolze 36€ kostet, bei über 800 Seiten und detailtiefenschärfstem Inhalt auch so viel kosten darf, gibt es momentan UND BIS ZUM 31.05.2022 das eBook für nur 4,99€, also weniger als einem Siebentel des Printpreises. Jenseits des großen A-Schlundes ist es allerdings nur als seitenzahlloses epub erhältlich, was schade ist.

Doch worum geht es und wieso empfehle ich es so ausdrücklich? Charles C. Mann hat eine furiose, lesenswerteste, detailreichste Umweltgeschichte der anbrechenden Zeiten geschrieben, die mit Kolumbus‘ „Entdeckung“ losgetreten wurden. Das „Erbe“, das er uns dadurch hinterlassen hat und worum es Mann geht, ist jedoch keines einer Abenteuergeschichte zäher mittelalter weißer Männer und deren Gold- und Silberfunde. Das Erbe ist hier als ein ökologisches gemeint und betrifft transkontinental Amerika wie Europa, schließlich die ganze Welt. Der Sockel der Beobachtungen lässt sich anhand dreier Kernbegriffe des Buches begreifen:

  • Columbian Exchange – Kolumbianischer/Kolumbischer Austausch, womit gemeint ist, dass mit der Anlandung von Kolumbus ein sukzessiver Austausch (exchange) der durch den Atlantik getrennten Ökosysteme Europas und des karibischen, später auch restlichen Amerikas eingesetzt hat. Die seit Zeiten der Dinosaurier getrennten Landmassen und dort voneinander weitestgehend isoliert vor sich hinlebenden Getiere und Pflanzen wurden nun zwangsweise aufeinander geprallt. Das wird einen eigenen Beitrag wert sein, aber nur so viel: hier kann man noch fein unterscheiden, ob so ein Austausch gezielt stattfand, wie im Falle von sog. „Nutzpflanzen“ wie Kartoffeln, Mais, Tomaten, Paprika usw. Oder ob er sich hinterrücks und ungesehen, vor allem aber unintendiert vollzog, wenn zum Beispiel Ratten und sonstiges „Ungeziefer“ mit den Schiffen den Ozean überquerten und als invasive Arten mit den Conquistadores in Amerika einfielen.
  • Homogenozän: nicht noch im Holo- oder schon im Anthropozän leben wir seit Kolumbus‘ Anlandung, sondern im Homogenozän. Aus dem Altgriechischen geborgt bedeutet der sperrige Ausdruck „das gleichmachende Neue“ und steht damit für den Homogenisierungsprozess, der mit besagtem Kolumbischen Austausch Fahrt aufgenommen hat. Es erfolgte im Zuge dessen eine zunehmende Angleichung (Homogenisierung) der Floren und Faunen der Kontinente, was ein völlig Neues ergeben hat, wie wir es als Menschen so noch nie (vorgefunden) hatten. „Selbst ist der Mensch“, „was noch nicht ist, kann ja noch werden“ – die Sinnsprüche hierbei.
  • Ökologischer Imperialismus: „Der Begriff „ökologischer Imperialismus“ wurde 1986 von Alfred W. Crosby in seinem Buch Ecological Imperialism: The Biological Expansion of Europe, 900-1900 geprägt. Darin vertritt Crosby die These, dass die europäische Kolonisierung Amerikas vornehmlich mit ökologischen Faktoren wie eingeschleppten Krankheiten und mitgebrachten Tier- und Pflanzenarten einherging und nicht, wie häufig zu lesen, vor allem auf überlegene Waffen oder Technologie zurückzuführen ist.“ (Zit. n. Wikipedia) Es gibt über Crosby hinaus noch weitere Ausdeutungen desselben Begriffs, die hier aber außen vor bleiben.

Und damit wäre Manns Pate, auf den er sich vor allem zu Beginn seines Buchs „Kolumbus‘ Erbe“ andächtig und mit größter Anerkennung bezieht, genannt: Alfred W. Crosby (1931-2018). Historiker seines Amtes, der mit „The Columbian Exchange. Biological and Cultural Consequences of 1492“ (bereits von 1972) sowie „Ecological Imperialism: The Biological Expansion of Europe, 900-1900“ (1986/1993/2004) die beiden Werke und Begriffe vorarbeitete und prägte, auf die auch Mann baut. Crosby hat sich mit diesen beiden Streichen den Rang des global blickenden Umwelthistorikers erschrieben, der noch vor dem Boom der neoliberalisierten Globalisierung der schrankenlos anmutenden 1990er Jahre die wahren Tiefenstrukturen globalisierender Prozesse herausgearbeitet hat. Crosby wie Mann geht es dabei stets jedoch um die – von mir mal so frech bezeichnete – „grüne Infrastruktur“ dieser Globalisierung, auf die meist unbewusst, zuallermeist nebenher aufgebaut wird. Während besagte Nutzpflanzen zur Ernährung noch gezielt ihrer ökologischen Umwelten entwurzelt wurden, waren freilaufende Pferde, auf die sich die ‚Indianer‘ der nordamerikanischen Prärie nur zu bereitwillig setzten und sie sodann zu nutzen wussten gegen ihre Importeure, so nicht vorgesehen.

Mann vermag es aber mit beeindruckender Schreibe nicht nur ökologisch zu blicken, was ohnedies schon ein bereichernder Zugewinn wäre. Vielmehr verbindet er rein menschliche Kulturgeschichte mit der unterbaulichen Geschichte der Ökologie, was ohnehin stets zusammenging. Allein die Fundgruben an Details und – so in der Schule nicht gelernten – Hintergründe der Entdeckungsreisen sind selbst für ausschließlich unökologisch Interessierte hier exzellent verdichtet! Die endlose Silbergier Spaniens, die Conquistador um Conquistador vorantrieb, damit Philipp II., span. König (Geburtstag, 21.05.1527) seine Armada genauso bezahlen konnte wie seine brieflichen Korrespondenzen, ist auch in „Kolumbus‘ Erbe“ vordergründige Leitlinie der Geschichte. Doch wenn wir den Wegen des Silbers folgen, dann folgen dem Silber auch stets auf dem Fuß die Tiere und Pflanzen seiner Fundstätten.

Um ein besseren Eindruck zu zeichnen, was Manns pompöses Werk verheißt, habe ich folgend mal zu Crosbys Studien einige Beiträge rausgesucht, die das sehr gründlich rezensieren. So sei verwiesen auf

  • das Inhaltsverzeichnis als PDF zu „Alfred W. Crosby
    Die Früchte des weißen Mannes – Ökologischer Imperialismus 900 -1900“
    .
  • Markus Arnold auf stay-in-touch, der als Bruder im Geiste auch sehr gerne zitiert. So das folgende Zitat aus „Früchte des weißen Mannes“, das den Prozess der Homogenisierung verdeutlicht:

    »Die europäischen Auswanderer waren in der Lage, fremdes Land zu erreichen und sogar zu erobern. Aber zur Siedlungskolonie wurde es erst, wenn es Europa ähnlicher geworden war als im Urzustand. Zum Glück für die Europäer waren ihre domestizierten und optimal anpassungsfähigen Tiere trefflich geeignet, diesen Umwandlungsprozeß in Gang zu bringen. […] Selbst mit den technologischen Hilfsmitteln des 20. Jahrhunderts wären die Europäer in der Neuen Welt, in Australien und Neuseeland nicht im Stande gewesen, ihre Umwelt so erfolgreich zu verändern, wie sie es mit Hilfe ihrer Pferde, Rinder, Schweine, Ziegen, Schafe, Esel, Hühner, Katzen usw. erreichten. Insofern sich diese Tiere selbst reproduzieren, sind sie hinsichtlich Tempo und Wirkungsgrad der Umgestaltung ihrer Umwelt – selbst eines ganzen Kontinents – jeder bislang erfundenen Maschine überlegen.« (ibid., 287–289)Alfred W. Crosby nach Markus Arnold auf stay-in-touch

  • Und besonders spannend ein „Zeitzeuge“ der deutschen Erstveröffentlichung der bahnbrechenden Studie – Thomas Schmid in der ZEIT von 1991:

    Die Störung beziehungsweise Komplizierung dieser Kommunikation durch das einzige Wesen, das gezielt in die Umwelt eingreift, durch den Menschen also, steht am Ausgangspunkt von Alfred Crosbys Untersuchung. Der Untertitel („Ökologischer Imperialismus 900-1900“) weist die Richtung – und führt zugleich in die Irre. Denn es könnte scheinen, als ginge es dem Autor nur um die Erweiterung des bisher geläufigen Begriffs von Imperialismus um eine neue Dimension, eben die ökologische; also um die Eingriffe in nichteuropäische Ökosysteme, um den Export europäischer Viren und Krankheitserreger und um frühe Formen der „bakteriologischen Kriegsführung“. Darum geht es Crosby auch, doch er holt sehr viel weiter aus; er beschreibt eine große Schuld der westlichen Gesellschaften, hinter der sich ein der Zivilisation inhärentes Problem verbirgt: Jeder Versuch, die geschlossene Gesellschaft zu verlassen, bedeutet Grenzüberschreitung und hat einen Wettbewerb nicht nur zwischen Gesellschaften, sondern auch zwischen verschiedenen tierischen und pflanzlichen Ökosystemen zur Folge, bei dem die beweglichen Gesellschaften stets im Vorteil sind gegenüber den eher abgeschlossenen.Thomas Schmid in der ZEIT am 06.09.1991 „Ökologischer Imperialismus: Der Siegeszug des weißen Mannes. Alfred W. Crosbys Studie über den Prozeß zivilisatorischer Ungleichzeitigkeit“ (nur hinter der „Registrierungsschranke“)

Bis hierhin. Ich werde auf Crosby genauso wie auf Mann zurückkommen, gewiss auch nur zu gerne mit eindrücklichen Zitaten verziert. Denn beide denken für mich tiefenscharf vor auf global(isierter) Ebene, wozu ich mir meine Gedanken auf interplanetarer Ebene machte, ob überhaupt und wie tödlich einander fremde Biosphären sein müssten. Hierfür induktiv vom einzigen uns bekannten Einzelfall zu lernen, The Living Earth, wird den Weg weisen!

Imperativ des Tages: „Kolumbus‘ Erbe“ lesen!

Per Anhalter – das Leben findet einen Weg

Hallo Mitwelt!

Faszinierend! Kaum im vorigen Beitrag darüber sinniert, ist auch schon eine ergänzende Studie hierzu erschienen und besprochen worden (s.u.). Mir ging und geht es darum, wie unwahrscheinlich bis unrealistisch ich es finde, wie in der SF biologisch meist nur zu konform und erzählungspassend Evolutionsfremde miteinander können. Dabei müsste es doch noch umwerfender werden, noch krasser kollidieren, wenn insbesondere evolutionsfremde Mikrofauna auf großtierische Invasoren trifft. In ‚pandemischer Vorwärtsverteidigung‘ sollte sich die invadierte Welt mikrobiell problemlos erwehren können – man lese: Aurora von Kim Stanley Robinson. Grund meines Erachtens: fehlende gemeinsame Evolution! Trotz solcher erleiden wir zwar die Corona-Pandemie, obwohl wir mit anderen Corona-Viren bspw. bei Influenza sehr wohl schon bekannt bis vertraut sind. Aber auch nur deshalb war Corona einschneidend, trotz allem aber nicht massentödlich wie zum Beispiel die Pest oder „Captain Trips“. Hie und da gab es doch noch genügend kreuzreaktivierte Immunsysteme. Diese und nur diese sind es nämlich, die aus einer gemeinsamen Evolution hervorgehen können, als widerständige Anpassung gegen die widerfahrigen Zufügnisse aus der Umwelt. Mal gut, mal weniger tauglich justiert, aber doch zuallermeist justier-, sprich trainierbar. Und an jedwedem immunsystemischen Training fehlt es in evolutionsfremden Erstkontakten, wenn es dann mikrobiell artspringt. Dann bricht es nur so brutalstmöglichst, wie immunsystemungeschützt in die invasive Fauna ein, die weder eine robuste zweite Abwehrlinie haben kann (T-Zellen) noch eine schnelle Eingreiftruppe für den, ggf. grobschlächtigen Erstzugriff (Antikörper). Wie schnell das diesseits der Realität gehen kann, dass sich ein Immunsystem mangels kontinuierlichem Training ‚abschwächt‘ bzw. nicht mehr gar so zupackkräftig sein könnte, wird sich in nächster Grippe-Saison nach zweimaliger Pause erweisen.

Außer: Panspermie – „All-Saat“! Außer das Leben wäre zwar evolutionsunvertraut miteinander, weil zwar auf je ureigenem Planet pfadabhängig ertüchtigt, aber panspermisch aus einer gemeinsamen Quelle gespeist. Dann wäre es wiederum denkbar, dass das Leben an sich fundamental gleichartig ist und es doch Wege geben könnte, die das in die Verteidigung gedrängte leben finden könnte. Viele Konjunktive! Ohnehin die Frage, ob man ’nur‘ von unbelebten Bausteinen ausgeht, die da von kosmischen Lieferservices angeliefert werden und die sich sowieso erst in je planetarer Ursuppe lebhaft zusammenfinden müssen. Oder ob gar Leben selber kosmisch umherreist und somit ein- und dasselbe (v.a. bakterielle) Leben auf verschiedenen habitablen Gestaden angelandet wäre, um sich vor Ort dann eigenwillig auszudifferenzieren. Die dritte, wenn man so will Meta-Perspektive wäre eine gerichtete Panspermie, demnach es so weit entwickeltes Leben gibt, dass dieses selber für die Weiterver- und Ausbreitung von Leben sorgt. Das Leben zieht zentrifugal immer weitere Kreise. Im Perryversum durch die Sporenschiffe der Kosmokraten, die „Biophoren“ im Universum verteilen, woraus auch an entlegensten Unorten des Kosmos Leben überhaupt oder schneller als ’natürlich‘ entstehen kann. Aber das ist schon krass weit hergeholt und erklärt so gar nichts, vergöttlicht nur das Leben schaffende Leben als Über-Leben. Denn woher kam denn dieses panspermierende Leben seinerseits her? Vielleicht auch bloß zyklisch aus noch älteren Panvita, das panspermiert worden war. Und so weiter fort auf immerda!

Ich endete damit, dass es ja panspermisch geworden sein mag, wir das jedoch nie wissen können. Auf und für Erden schon, hier ließe sich nachzeichnen, ob und wie viele taugliche Himmelskörper samt belebender Ware hier einschlugen. Induktiv von diesem Einzelfall kann man dann vermuten, aber auch nicht mehr, dass es anderswo vergleichbar zustande kommt. Biosignaturen ließen sich gegebenenfalls exoplanetar dank hyperspektraler Einsichtnahme aus der Ferne detektieren. Doch wie das Leben überhaupt ausschaut und vor allem wie es seinerseits entstanden ist, ob panspermisch, müsste doch für alle Zeiten uneinsichtig bleiben. Oder?

Oder auch nicht

Oder auch nicht! Um zu panspermieren, bedarf es Himmelskörpern, die zwischen nicht nur den Planeten herumreisen, sondern gar zwischen den Sternen: Sternenvagabunden, die den Baukasten für das Leben mit sich führen und, einmal von solarer Gravitation eingefangen, nur zu passend auf einen potentiell lebensfreundlichen Planeten hinabstürzen. Dafür kommen keine, größtenteils keine Exoplaneten in Frage, sondern wesentlich kleinere Massen. Exoplaneten ihrerseits sind seit bald 30 Jahren entdeckt und immerfort werden neue gesichtet. Jüngstes Beispiel – nur zu naheliegend – Proxima Centauri! Nunmehr mit schon drei Welten, wenn auch kaum lebensbejahend. Und direkt nebenan, um das Zweisternensystem Alpha centauri könnte modellerwartbar sehr wohl eine erdähnliche Welt kreisen. Einen verdächtigen Wärmefleck hat man schon detektiert. Seit 1961 wissen Insider allerdings diesbezüglich schon um das Orion-Delta-System und seine Planeten 😉 🙂. Skurrilitäten wie einen Planeten, der um gleich drei Sonnen kreist, ist auch schon bekannt.

Das Gros der entdeckten Welten ist allerdings gasriesenriesig, vergleichbar unserem Jupiter oder Saturn. Je größer, desto besser aus der Ferne wahrzunehmen. Vor allem das mittels der „Transit“-Methode, dernach ein Planet durch seine Masse seine Sonne – noch so seicht – „ruckeln“ lässt, zu vermeintlichen Schwankungen im Helligkeitsbild der Sonne führt. Das kann man argusäugig beobachten und so auf zumindest Größe und eventuell Mehrzahl von Planeten schließen. Ggf. auch deshalb, methodenbedingt, dass wir anteilig so wenige Welten erspäht haben, die überhaupt nach unseren Vorstellungen belebbar sein könnten. Und weil die Größe bisher ausschlaggebend ist, konnten wir trotz allem auch noch keine extrasolaren Monde, Monde außerhalb unseres Sonnensystems scouten. Zu den Gründen genauer der Fachmann schlechthin, nämlich der Sternengeschichten-Erzähler in Sternengeschichten Folge 469: Extrasolare Monde:

Wir können sie natürlich nicht direkt sehen; das geht ja schon bei den extrasolaren Planeten sehr schwer bis gar nicht. So wie die Planeten leuchten auch die Monde nicht mit ihrem eigenen Licht. Sie reflektieren nur das Licht ihres Sterns. Und weil Monde im Allgemeinen kleiner sind als die Planeten, leuchten sie noch viel schwächer. Und werden nicht nur durch das Licht des Sterns überstrahlt, sondern zusätzlich auch noch vom Licht des Planets, den sie umkreisen.
Wir können aber durchaus indirekte Nachweise führen. Viele Planeten anderer Sterne haben wir durch die sogenannte „Transitmethode“ gefunden. Wir beobachten das Licht eines Sterns und messen seine Helligkeit über mehrere Tage, Wochen oder Monate hinweg. Wenn von uns aus gesehen zufällig gerade ein Planet vor dem Stern vorüber zieht, blockiert der ein ganz klein bisschen von dessen Licht. Das können wir messen und wenn der Planet den Stern umkreist, wiederholt sich diese Mini-Verdunkelung in regelmäßigen Abständen. Wenn der Planet der so einen „Transit“ verursacht zusätzlich auch noch von einem Mond umkreist wird, wird die Sache interessant. Denn der Mond ist zwar kleiner als der Planet und hat weniger Masse. Aber er übt trotzdem eine Gravitationskraft auf den Planet aus. […]
Bei einem extrasolaren Planet mit Mond ist das genauso. Je nach Konfiguration kann das Wackeln größer oder kleiner sein. Aber ein Planet mit Mond wackelt immer – und das bedeutet, dass die Verdunkelungen die er beim Stern hervor ruft, nicht VÖLLIG regelmäßig sind. Bei seiner Hin- und Her Wackelei wird mal ein kleines bisschen früher ankommen und mal ein kleines bisschen später. Das nennt man eine „Transitzeitvariation“ und wenn man so etwas beobachtet, kann man daraus prinzipiell auf die Existenz des Mondes schließen.Sternengeschichten-Erzähler

Hierzu ebenfalls im Spektrum-Podcast

Wenn man schon schwer kleine Planeten und bisher noch gar keine Monde fernab von uns erkennen kann, ist Folgendes für mich daher umso erstaunlicher: Die Studie „Exocomets Size Distribution in the X Pictoris planetary system“Spektrum der Wissenschaft berichtet -, dokumentiert den Fund von nichts – buchstäblich – Geringerem als 30 Kometen:

Gleich 30 Kometen auf einen Streich haben Astronominnen und Astronomen im rund 63 Lichtjahre von der Erde entfernten Sternsystem Beta Pictoris entdeckt. Die Exokometen sollen in etwa so groß wie die Kometen in unserem Sonnensystem sein – ein Hinweis darauf, dass ähnliche Prozesse bei der Entstehung von Kometen am Werk seien. Das schreibt das Team um Alain Lecavelier des Etangs von der Pariser Sorbonne UniversitéSpektrum der Wissenschaft – Linkeinfügung durch den Blogautor

Mithilfe von TESS hat man von 2019 bis 2021 Beta Pictoris argwöhnisch beäugt und die besagten 30 schweifigen Kometen durch obige Transit-Methode ausmachen können. Aber um welche Größe geht es denn dabei?

Anhand dieser kleinen Verdunkelungen konnten die Forschenden auf die Größe der Exokometen schließen. Die Kerne der Exokometen sollen demnach Durchmesser von 3 bis 14 Kilometern aufweisen. Eine ähnliche Größenverteilung findet sich auch bei den Kometen in unserem Sonnensystem. Und das würde wiederum folgern lassen, so das Forscherteam, dass all diese Himmelskörper auf vergleichbare Art und Weise entstanden seien – nämlich durch Kollisionen und durch das Auseinanderbrechen größerer Objekte.Ebenda

HM! Über die Kleine von erdengroßen Planeten jammern, aber 30 Steinbröckchen durch ein wenig Umherschweifeln an ihrem jungen – kaum 23 Millionen Jahre brutfrischen – Stern vorbei ausfindig machen? Das dürfte auch an der Perspektive liegen, mit dem man Beta Pictoris ins Visier nehmen kann: nämlich „von der Seite“, von der das Einsehen anscheinend besser gelingt. Aber auch die Kometen, die man weit vor ersten Exoplaneten (1995) schon seit 1987 aufzuspüren vermag, haben ihre auffindbaren Besonderheiten – die fachliche Erklärung lautet so:

Obwohl Kometen erheblich kleiner als Planeten sind, lassen sie sich vergleichsweise einfach aufspüren. Das liegt an ihrer Gashülle, die entsteht, wenn flüchtige Stoffe bei der Erwärmung der Kometenkerne verdampfen. Manchmal schieben sich die Schweifsterne für eine kurze Zeit zwischen den Beobachter und ihren Stern. Während solcher Transits verändert sich dessen Spektrum, da zusätzliche Absorptionslinien auftreten. Sie entstehen im Gas der Kometen und sind typischerweise zu längeren Wellenlängen hin verschoben. Eine solche Dopplerverschiebung geht auf die Bewegung der Körper in Richtung ihrer Zentralgestirne zurück und erlaubt gleichzeitig Rückschlüsse auf die Geschwindigkeiten der Objekte. Die Exokometen werden auch als „Falling Evaporating Bodies“ (FEBs) bezeichnet.Spektrum der Wissenschaft: „Hunderte Exokometen in jungem Planetensystem“

Richtig gelesen: es gab bereits HUNDERTE Kometenfunde auf einmal und zwar schon 2014 bei – natürlich – Beta Pictoris:

Die rund 500 beobachteten Kometen ließen sich in zwei Gruppen einordnen. Sie unterscheiden sich in ihren Geschwindigkeiten, ihren Entfernungen zum Stern und vermutlich auch in ihrer Beschaffenheit.Ebenda

Also nicht nur so genau lassen sich Kometen feststellen, dass man ihre genaue Zahl auseinander halten kann, sondern noch bedeutende Details zu Bahnverlauf, Größe bis hin zur Zusammensetzung sind möglich. Ging an mir vorbei, macht mich bass erstaunt!

Mit oder ohne Schweif, das ist die Frage

Zunächst einmal kräftig durchatmen und beruhigen. Kometen aufzuspüren ist also die leichteste Übung – warum sollte man das auch wesentlich eindrücklicher herumerzählen, bloß damit es Allgemeinwissen werden kann? Jetzt gilt es dennoch innezuhalten, denn ein Komet mit Schweif ist ein Komet mit Schweif. Da gibt es aber doch noch ganz andere Brocken und Kaliber, die im Sauseschritt durch die Schwärze des Alls brausen, nicht wahr?

Wobei wir vielleicht kurz noch einmal die Sache mit den Bezeichnungen klären müssen. „Meteor“ beschreibt nämlich eigentlich nur die Leuchterscheinung, die von dem durch die Atmosphäre sausenden Objekt erzeugt wird. Das, was durch die Atmosphäre fliegt, wird „Asteroid“ genannt wenn es groß ist und „Meteoroid“, wenn es klein ist (wie etwa im Fall einer Sternschnuppe). Und wenn etwas unten am Erdboden ankommt das man aufsammeln kann, heißen diese Steine dann „Meteorite“. Ja, das ist verwirrend – aber so ist es halt, da kann man nix machen.Zit. aus: Sternengeschichten Folge 481: Der Meteor von Tscheljabinsk – eingefügte Links zu Wiki vom Blogautor

Das als flugse Klärung des Namenwirrwarrs. Für unser Sherlock-eskes Deduzieren geht es letztlich also um Meteorite, nur die es bis zum Bodenkontakt geschafft haben. Denn wir wollen ja zwecks Panspermie, dass sie ihre fragile Ladung auch ‚abladen‘ und nicht schon in der Atmosphäre tödlich heiß verglühen. Wobei Bakterien so ziemlich alles abkönnten, wenn sie es ohnehin schon quer durchs All geschafft hätten. Was all den harten Strahlungen des Alls widerstehen vermag, lässt sich von ein bisserl atmosphärischer Reibungshitze nicht mehr aus der Bahn werfen! Mit 99%iger Wahrscheinlichkeit verbrennt die kosmische UV-C-Strahlung allerdings alles von E. coli, S. aureus bis zum Coronavirus gnadenlos. Versprengteste Reste vom Wenigen regneten da bloß noch hinab. Vielleicht sollten wir ohnehin nur auf präbiotische Bausteine setzen, aus denen Klötzlebauerin Evolution dann schon was machen wird – kommt Zeit, kommt Leben.

Folgend und SCHON in Richtung Ende beim Sternengeschichten-Erzähler einige interplanetare Herumtreiber aufgegriffen, denen man auf Erden angesichtig werden konnte. Denn Kometen alleine taugen nichts, das Gros, was je hier heruntergekommen ist, waren Asteroiden. Am Berühmtesten einer, der im Frühling kam, aber nichts als den Tod säte: der Chicxulub-Asteroid, der Schwefel über die erstickenden Dinosaurier brachte – und ihr Ende. Zum Glück für Homo sapiens nicht gar so prachtvoll war das Tunguska-Ereignis [Sternengeschichten 380], das für „Die Astronauten“ der Vorbeginn für die Reise zum „Planet des Todes“ war [Einmal Lem pro Beitrag gehört zur DNA 😛 ]! Im Stakkato-Linking weitere Einschläge oder solche, die es nochw erden können oder niemals werden:

Ein beeindruckendes Who is Who der Herumflieger, hinter denen spannende Geschichten der Entdeckung stehen! Doch für unsere Spurensuche bedeutsamer sind diese beiden, da sie von ‚außerhalb‘ kommen, extrasolare Reisende gewesen, die jedoch längst wieder on tour gegangen sind bzw. diese keinmal unterbrochen haben:

Das wäre daher auch das Problem mit beiden, dass sie, falls sie „Lebensträger“ gewesen sein sollten, dafür schlicht falsch abgebogen sind. Sie haben, bloß weil das Sonnensystem ein bisschen arg groß und die Erde vergleichsweise winzig ist, diese verfehlt. Oben erwähnte „Spoenschiffe“ können das also nicht gewesen sein, da sie zu sporen vergessen haben.

Ein echtes Problem, um mich zu wiederholen: Bereits gewordenes Leben wie Bakterien hat angesichts der UV-C-Strahlung so gut wie keine Chance, egal wie massenhaft es zu Reisebeginn rücklings auf den interstellaren Tramps aufgesessen ist, ihre „journey to life“ zu überleben. Bzw. ihre Anzahl dünnt sich zu bloß 99% aus, um dann den Eintrittsstrapazen Herr werden zu müssen. Eintritt? Falls denn das Bodyguard-Unternehmen ‚Vakuum unlimited‘ denn das Schild vom habitablen Planeten entfernt hat: „Ihr kommt hier nicht rein!“. Ach und eine für sie atembare Atmosphäre bedarf es dann ja auch noch. Sollten sie keine Sauerstoffatmer sein, gerieten die spärlichen Überlebenden dann in ihre persönliche Große Sauerstoffkatastrophe – oder andersherum: Sauerstoffatmer stürzen in eine bspw. „Große Methankatastrophe“ o.Ä. Kommt das eine Prozent heil unten an, kann erleichtert durchatmen, ist damit das Evolutionsrad noch längs tnicht unaufhaltsam perpetomobilisiert. „Per Anhalter“ müsste man reisen, aber vogonische Gedichte bringen letztlich alles um, was je zu leben gehofft hatte. Das Leben hat es nicht leicht…

Final lasse ich den Großmeister der Hard SF zu Wort kommen: Stephen Baxter, der in seinem zeitenumspannenden Meisterwerk „Evolution“ eine nur zu wunderbar lesenswerte Vision einer irgendwie doch perpetomobil-zyklischen Panspermie gezeichnet hat – AD ASTRA VITA 500 Millionen Jahre hinkünftig, auf einer entwässerten, einkontinentalen Erde:

Es gab immer noch Erschütterungen, als hin und wieder Asteroiden und Kometen auf dem sonnendurchglühten Land einschlugen – alles Ereignisse im Chicxulub-Maßstab. Nur dass sie natürlich keine Todesopfer mehr forderten. Aber der Erdboden wurde eingedellt und schleuderte beim Zurückschnellen riesige Gesteinsmengen ins All.
Ein Teil dieses Materials, und zwar von den Rändern der Einschlagzonen, war nicht beschädigt worden – und wurde deshalb unsterilisiert ins All befördert. So verließen die Bakteriensporen die Erde.
Sie drifteten unter dem sanften, aber nachhaltigen Druck des Sonnenlichts von der Erde weg und formierten sich zu einer riesigen diffusen Wolke um die Sonne. Die in den Sporen zystenartig eingeschlossenen Bakterien waren praktisch unsterblich. Und sie waren ausdauernde interplanetare Reisende. Die Bakterien hatten ihre DNA-Stränge mit kleinen Proteinen beschichtet, die die Wendelstruktur versteiften und vor chemischen Angriffen schützten. Wenn eine Spore keimte, vermochte sie zur Reparatur von DNA-Schäden spezialisierte Enzyme zu mobilisieren.
Die Sonne setzte derweil mit ihren Planeten, Kometen und der Sporenwolke die endlose Umkreisung des Herzens der Galaxis fort.
Schließlich driftete die Sonne in eine dichte Molekülwolke. Es war ein Ort, wo Sterne geboren wurden. Der Himmel war hier überfüllt und wimmelte von gleißenden jungen Sternen. Die lodernde heiße Sonne mit den Planetenruinen glich einer verbitterten alten Frau, die einen Kreißsaal betrat.
Hin und wieder stieß eine der von der Sonne getriebenen Sporen jedoch auf ein interstellares Staubkorn, das mit organischen Molekülen und Wassereis angereichert war.
Die harte Strahlung naher Supernovae schlug eine Bresche in die Wolke. Eine neue Sonne wurde geboren und ein neues Planetensystem aus gasgefüllten Riesen und harten steinigen Welten. Kometen fielen auf die Oberfläche der neuen Gesteinsplaneten, so wie damals die Erde durch Einschläge befruchtet worden war.
Und in manchen dieser Kometen waren irdische Bakterien. Nur ein paar. Aber es brauchte auch nur ein paar.
Die Sonne alterte weiter. Sie blähte sich zu einer monströsen rot glühenden Kugel auf. Die Erde tangierte die diffuse Peripherie der angeschwollenen Sonne wie eine Mücke, die einen Elefanten umschwirrte. Der sterbende Stern verbrannte alles, was er hatte. Im Endstadium loderte die Hülle aus Gas und Staub auf, die die Sonne umspannte. Das Sonnensystem wurde zu einem planetaren Nebel, einer in fantastischen Farben schillernden Sphäre, die über Lichtjahre zu sehen war.
Diese großen Zuckungen markierten den Untergang der Erde. Doch auf einem neuen Planeten eines neuen Sterns war der Nebel nur eine Lichtshow am Himmel. Was zählte, war das Hier und Jetzt, die Meere und das Land, wo neue Ökosysteme entstanden, wo die Lebewesen durch Veränderung ihrer Gestalt auf Veränderungen der Umwelt reagierten und wo Variation und Selektion blindlings immer komplexere Organismen formten.
Das Leben war immer schon ein Glücksspiel gewesen. Und nun hatte es Mittel und Wege gefunden, sogar dem ultimativen Auslöschungsereignis ein Schnippchen zu schlagen. In neuen Meeren und in einem unbekannten Land hatte die Evolution wieder begonnen.
Aber es entstand keine neue Menschheit.
Stephen Baxter: Evolution [Dritter Teil – 19 Eine sehr ferne Zukunft – III; letzter Satz vom Blogautor fett markiert]

Das Leben an sich

Hallo Mitwelt

Das Leben, das Universum und der ganze Rest – ein nicht unwichtiges Thema hier im Blog. Ziemlich basal sogar. Bisherige Reisen mit dem Raumschiff Erde (das noch nicht in Gänze muskifiziert/bransonisiert/bezosiert worden ist) waren eher kritisch bis betrüblich, weil die Evapotranspiration dort die Böden entwässern lässt (um anderswo übermäßig abzuregnen); da die Plastifizierung den Planeten wie unaufhaltsam überzieht und durchdringt und die verbleibenden Böden zubetoniert und klinisch abgetötet werden. Demnach scheint Raumschiff Erde kein Freudenhaus zu sein, in dem das Leben an sich Vorrang zu haben und hochgeschätzt zu werden scheint. Doch der Eindruck trügt angesichts der Gegenwart, die zwar zum Flaschenhals und Nadelöhr zu werden droht, das jedoch zum bereits sechsten Mal in der Biografie des Lebens, Bio-Grafie quasi…

Das Leben findet einen Weg!

One life to live for all
One life to give birth them
One life to be experienced in all
And in only one world exist them!

Das Leben schreitet fort und fort,
von der Geburt wo es begann,
aus dem Meer, von Fjord zu Ort,
lebendig quillt’s, so gut’s nur kann.
Es fließt dem Erdenrunde nach,
wo es sich unendlich weit verflicht‘
aus Gen und Wagnis tausendfach.
Und wohin dann? Mensch weiß es nicht!

Biosphärische Experimente

Zur Zeit laufen unter der Regie des Homo sapiens – zur Erinnerung: der hirnseidank weise Mensch – ausgeklügelte weltweite Experimente, die die Biosphäre auf ihre Standfestigkeit prüfen, die bisher anhand und entlang wenigster paläontologischer Funde aufgestellte Behauptung eines zähen widerständischen Lebens verifizieren sollen. Die hierbei abhängige Variable ist das Leben an sich, das auf dem Prüfstein steht, derweil Experimentator Mensch die unabhängigen Variablen, die als lebenswert gelten, gezielt variiert.

Eine führende Fachkraft mit mehreren speziellen Zusatzausbildungen ist zum Beispiel Forschungsleiter Bolsonaro. Der hat sich Reinhold Messner zum Vorbild genommen, der bekanntlich sauerstofflos die sogenannte Todeszone am Sagarmatha bzw. Qomolangma (imperialistisch: Mount Everest) alleine durchqueren und seither immer noch weiterleben konnte. Und weil damit induktiv bewiesen wäre, dass sich Leben auch an Orten halten kann, die als lebensfeindlich gelten, und dass Sauerstoff als Lebensquell offenkundig überbewertet ist, ergibt sich folgender, pfiffiger Experimentieraufbau: Als bloßes Nebenprodukt fällt Sauerstoff bei der Verstoffwechslung der Flora (Pflanzen) an, die CO2 aufnehmen und Sauerstoff abgeben. Anschaulich als Lunge des Planeten gilt hierbei der Amazonas-Regenwald als unterbezahlte Führungskraft, wo in außergewöhnlichem Maße CO2 ein- und Sauerstoff ausgeatmet wird. Zu den Annahmen gehört nun, dass sich das Leben an sich, wenn es auch nur halb so zäh wie behauptet ist, Messner-gleich mit einem viel Weniger an Sauerstoff durchs Leben wird schlagen können. Hierfür wird nun en masse der Amazonas-Regenwald im ursprünglichen Sinne dezi-, eher zentimiert, um dortige Verhältnisse möglichst umzukehren. Statt CO2 aufzunehmen und Sauerstoff abzugeben, soll er dermaßen reduziert werden, dass er weniger Sauerstoff „produziert“ und mangels Aufnahme viel mehr CO2 in der Atmosphäre verbleibt. Da die bodennahe Atmosphäre die Troposphäre ist, nur in der die Biosphäre existiert, wären mit der gezielten Manipulation zweier unabhängiger Variablen (CO2 und Sauerstoff) eine Potenz an Einflussfaktorkraft mit einem Schlag erreicht, die es so noch nie gegeben hat seit Menschengedenken. Einmalige Bedingungen mit größtmöglicher Aussagekraft über das Leben und seine Verfasstheit. Vorläufige Ergebnisse sind extrem vielversprechend: aus einer CO2-Senke ist bereits eine CO2-Quelle geworden! Auf die anvisierten Verschärfungen der Experimentalbedingungen darf man folglich hoffen. Die optimierende Maximierung der Biostressoren kann ergo stetig perfektioniert werden und wir deinen großartigen Beitrag zur Grundlagenforschung liefern!

Das Leben fand einen Weg

Doch bloß weg vom Homo hybris in die Vergangenheit auf der Suche nach den ersten Tieren. Tiere, da sie die am weitesten entwickelten Lebensformen auf Erden sind und wir ihnen – je nach Perspektive – entstiegen sind oder gerade so den Kopf oder auch nur den Neocortex mühsam übers tierische Wasser halten können. So wie es Stephen Baxter in Evolution ausgeführt hat. Oder war es zuvor Darwin?…

Wie dem auch sei, in aller Regel (siehe die folgenden Kapitel) geht man davon aus, kann sich auf gut gesicherte Befunde berufen, dass solcherlei Getier vor rund 560 Millionen Jahren die Eroberung der Welt antrat. Doch eine Nature-Studie: „Possible poriferan body fossils in early Neoproterozoic microbial reefs”science.ORF.at berichtet – verfolgt Tiere gnadenlos zurück in die Vergangenheit. Spannendste Kandidaten hierfür sind Schwämme:

Die genügsamen Wasserbewohner haben keine Organe und keine Nervenzellen, ihre verwesten Strukturen können jedoch in Kalkstein über hunderte Millionen Jahre hinweg erhalten bleiben. Solche Steine fand die Geologin Elizabeth Turner in den Mackenzie Mountains im Nordwesten Kanadas – vor Milliarden von Jahren einmal Meeresboden. Diese Gesteinsproben dürften etwa 890 Millionen Jahre alt sein.

„Es war in gewisser Weise nicht überraschend, mögliche schwammartige Strukturen in Steinen zu finden, die etwa 890 Millionen Jahre alt sind“, sagt Turner. Die ältesten Schwammfossilien, die man kenne, seien zwar jünger, etwa 530 Millionen Jahre alt, müssten sich aber aus Vorläuferorganismen entwickelt haben. Turners Forschung würde also die Entstehung vielzelligen tierischen Lebens auf der Erden noch weiter nach hinten datieren. Folglich müsste es mehr als eine Milliarde Jahre alt sein.

Elizabeth Turner nach science.ORF.at

Dass sie das recht sachlich behaupten kann, liegt auch daran, dass mithilfe des genetischen Verfahrens der sogenannten Molekularen Uhr längst Thesen aufgestellt worden sind, die das vermuten ließen. Mit dieser bildlich gemeinten „Uhr“ kann man die genetische Zeit quasi zurückdrehen und so nachverfolgen, wann sich Arten voneinander trennten und eigene Wege gingen; andersherum also, in etwa wann es gemeinsame Vorfahren gegeben haben muss. Ihre Entdeckung im kanadischen Nirgendwo ist hierfür jedoch der erste paläontologisch-empirische Beleg, wie lange schon Schwämme auf Erden schwammen.

Doch das wirklich Aufregende an dieser Datierung bloß rund 60% zeitzurück zu bisherigen Befunden ist ein ganz anderer, worauf bei wissenschaft.de eingegangen wird:

Erstaunlich ist dieser Befund angesichts der Tatsache, dass der Sauerstoffgehalt in der Erdatmosphäre und im Wasser bis vor rund 800 Millionen Jahren so gering war, dass tierisches Leben als beinah unmöglich galt. Von modernen Schwämmen ist zwar bekannt, dass sie auch mit vergleichsweise wenig Sauerstoff auskommen – doch auch für sie hätte der Sauerstoff vor 890 Millionen Jahren wahrscheinlich nicht ausgereicht.

Turner fand in ihren Proben jedoch einen Hinweis, wie die urzeitlichen Schwämme dennoch überlebt haben könnten: „Der Organismus lebte nur auf, in und unmittelbar neben Riffen, die von kalkbildenden Cyanobakterien aufgebaut wurden, die Photosynthese betrieben“, berichtet sie. „Der gelöste Sauerstoff im Meer war zu dieser Zeit wahrscheinlich gering – außer in der Nähe dieser Mikroorganismen.“ Der Schwamm selbst kam dagegen offenbar ohne Licht aus. „Der wurmförmig-mikrostrukturierte Organismus war nicht in der Lage, mit den riffbildenden Cyanobakterien zu konkurrieren, sondern besetzte stattdessen Nischen, in denen die Kalkmikroben aufgrund von schlechter Beleuchtung oder hoher hydrodynamischer Energie nicht leben konnten“, so die Forscherin. Auf diese Weise nutzte er womöglich die Nachbarschaft der Cyanobakterien aus, ohne ihnen Konkurrenz zu machen.

wissenschaft.de

Kollege Urschwamm also ein ingrimmer Schmarotzer, der den diensteifrigen Cyanobakterien nur so den Sauerstoff wegatmete? Urschwamm, der sich den Mikroben nur so aufdrängte wie ein narzisstisches Größenklein, dass ohne das bakteriell einzellige Größenselbst nicht konnte? Bakterien als geburtshelfende Ammen des ach so hochentwickelten tierischen Lebens? Na wo kommen wir denn da hin, wenn sich Urahn Tier nicht aus eigener Kraft aus der Ursuppe entwickelt, sondern Stützräder und Händchenhalten gebraucht hat? Wenn schon der Urschwamm darin versagte, es dank Vielzellerei (Poly-/Metazoa) unbetreut geschafft zu haben, dann ist der Mensch etwa als Emporkömmling des Tierreichs auch bloß ständig umkippender Fahrradanfänger? Auch bloß ökologisch, umweltbedingt gemacht? PFF!

Urschwämme als Herumdrücker in, auf und an bakteriell beherrschten Nischen, nur dort sie einer ansonsten lebensfeindseligen Umwelt die Schwammstirn bieten konnten. Das heißt dann aber doch auch, …?

„Wenn die Strukturen als frühe Schwammkörperfossilien akzeptiert werden, würde ihr Alter von ca. 890 Millionen Jahren bedeuten, dass die evolutionäre Entwicklung der vielzelligen Tiere von der Sauerstoffanreicherung im Neoproterozoikum abgekoppelt war“, erklärt Turner. In diesem Fall hätte es die ersten Tiere schon vor den frühen Eiszeiten gegeben, die zwischen 720 und 635 Millionen vorkamen. „Wenn die Befunde stimmen, wurde das frühe tierische Leben von diesen Gletscherepisoden nicht katastrophal beeinflusst“, so Turner.

wissenschaft.de

Aber seit wann sind die Workerholics aka Cyanobakterien denn aktiv und bis wann kann man zurückverfolgen, dass sie in noch so kleinen Nischen photosynthese-eifrig ihren Sauerstoff produzierten?

Erste sauerstoffproduzierende Organismen – die Cyanobakterien – tauchten vor etwa drei Milliarden Jahren auf, doch das von ihnen als Abfallprodukt gebildete O2 oxidierte vorerst noch Eisen- und Schwefelverbindungen und reicherte sich nicht in der Atmosphäre an. Erst als die Konzentration der eisen- und schwefelhaltigen Verbindungen abnahm, konnte sich Sauerstoff zunächst im Ozean und später in der irdischen Gashülle anreichern: Es kam zum „Großen Oxidationsereignis“ vor 2,4 Milliarden Jahren.

“Frühe sauerstoffreiche Atmosphäre“ auf spektrum.de

Schon nach einer weiteren Milliarde Jahre – 1,2 Milliarden Jahre vor uns – scheint der Sauerstoffgehalt signifikant angestiegen zu sein, so ein Rückschluss aus einem überraschenden Fund. Schon 2010 haben Forschende…

[…]in uralten Seesedimenten aus dem schottischen Hochland chemische Hinterlassenschaften von Bakterien nachgewiesen, die es zu dieser Zeit noch gar nicht hätte geben dürfen: Die Mikroben hatten Schwefelverbindungen oxidiert, um Energie zu gewinnen – ein Reaktionsweg, der nur möglich war, wenn ausreichend Sauerstoff den damaligen Seegrund durchsetzt hatte. Dies würde aber wiederum bedeuten, dass O2 in der Atmosphäre ebenfalls bereits in ausreichendem Maße vorhanden war, um komplexes Leben zu ermöglichen.

“Frühe sauerstoffreiche Atmosphäre“ auf spektrum.de

Die einen Bakterien (Cyanos) als Atzen für die anderen, diese somit auf den Schultern von Zwergen überhaupt nur in die Welt hineinblicken konnten? Nicht Mainzel-, sondern Baktelmännchen, die das Lebenshaus auf Vorderleben gebracht haben? Wenn dem so gewesen war, dann wäre es nicht mehr so überraschend, dass auch schon vor 890 Millionen Jahren für erste ambitionierte Vielzeller Sauerstoff genug zum Ausleben der quicklebendigen Gelüste zur Verfügung stand, womit sich manch Eiszeit überstehen ließ. Eventuell profitierten die mikrobiellen Urschotten Äonen zuvor auch bereits von den bakteriellen Kollegen wie dann der Schwamm, als er die Welt nicht länger atemberaubend vorfinden musste.

Auf der Suche nach dem leben

Das Leben, was es genau ist und wo es begann und wie es enden mag, bleibt unklar trotz zutiefster Involviertheit in es als Teil von es. Ein Blick in den Himmel hilft, um sich dem leben fundamentaler zu widmen. Wobei genau genommen nicht in den Himmel geguckt wird, sondern auf den Bildschirm rein Numerischer Exobiologie: dass auf der Suche nach Exoleben stets nach planetarem Wasser als Urquell fürs Leben Ausschau gehalten wird, ist schon blogkundig geworden. Doch ist Wasser noch kein Leben, nur eine Voraussetzung, menschlicher Meinung nach eine notwendige. Daher viel elementarer geblickt, ab wann und bei was denn der „Lebenssensor“ anzuschlagen, worauf man ihn feinzujustieren hat. In einem Astrobiology-Essay nach spektrum.de sinnierte man darüber, was eine „universelle Signatur für Leben“ sein könnte. Ausgangspunkt hierfür eine 1994 von der NASA aufgestellte – sehr breit und weit gefasste – Nominaldefinition: Leben sei ein „sich selbst unterhaltendes chemisches System, das zu einer Evolution im Sinne Darwins im Stande ist“ (Im Originalwortlaut: „… a self-sustaining system capable of Darwinian evolution“). Handlich… Und wer hat nicht stets alle evolutionstheoretischen Aspekte Darwins im Sinn?

Die sich anschließende Idee ist nun, dass sich evolutionäres Leben „verrät“, seine Anwesenheit buchstäblich ausdrückt hinein in die Welt:

In jedem evolvierenden System […] würden sich die relativen Häufigkeiten der Bausteine gegenüber dem unbelebten Normalfall verschieben: Während bei der zufälligen, abiotischen Synthese beispielsweise von Aminosäuren die Reaktionskinetik entscheidend ist – einfacher zu erzeugende Moleküle liegen in größeren Mengen vor –, würden in Proben aus belebten Substraten bestimmte Bestandteile häufiger oder seltener auftreten als erwartet.

Grund dafür sei die Evolution: Sie bevorzuge Bausteine, die sich als förderlich erweisen, und entferne oder unterdrücke nachteilige. Zu welcher Kategorie eine gegebene Substanz gehört, braucht der Forscher dabei nicht zu wissen. Entscheidend ist allein, dass es in der Häufigkeitsverteilung der mutmaßlichen Grundbausteine Unregelmäßigkeiten gibt.

Jan Dönges in spektrum.de

Auf den Begriff gebracht: „Monomer Abundance Distribution Biosignature“ (zu Deutsch: Biosignatur der Häufigkeitsverteilung von Monomeren). Und weil es an realen Beispielen mangelt trotz einiger Kandidaten im Sonnensystem, zogen sich die Nerds schmollen an ihre Computer zurück und modellierten das Ganze, um das Prinzip auf Tauglichkeit zu prüfen. …, nachdem sie doch zunächst auf Erden abklopften, ob ihre Häufigkeitshypothese in Sedimenten zutrifft: ja. Und sodann auch im numerischen Modell:

Tatsächlich zeigte sich auch hier ein ähnlicher Befund wie bei den Sedimenten: Obwohl alle Befehle mit gleicher Wahrscheinlichkeit durch Mutation in das Genom geraten, waren selbst nach zig Generationen neutrale Anweisungen überdurchschnittlich häufig vertreten. Befehle, die an bestimmten Schlüsselstellen des Kopiervorgangs eingreifen, tauchten hingegen extrem selten auf.

Den Vorteil ihrer Biosignatur sehen Dorn und Adami darin, dass eine grobe Vorstellung von den Grundbausteinen einer außerirdischen Lebensform genügt, um den Test durchzuführen. Es fehlt dann nur noch die abiotische Vergleichsprobe, um den Stempel der Evolution zu entdecken – zumindest in der Theorie, denn wie die Forscher selbst eingestehen, könnten auch gänzlich profane Prozesse das Ergebnis verfälschen.

Ebenda

Auf auffällige Häufigkeitsanballungen zu setzen, scheint jedoch nur richtig gut zu helfen, wenn man nicht von Leben umzingelt ist und vor häufigkeitslauter Leben das Leben übersieht. Oder beginnt, auszuschließen, was dazugehören soll und was draußen zu bleiben hat. So wird immer wieder am Baum des Lebens gerüttelt und infrage gestellt, ob Viren nun zum Leben gehören oder ob Leben erst mikrobiotisch mit Bakterien beginnt. Die nennenswerte Häufigkeit von Viren (auch nur einer Art) scheint seit anderthalb Jahren mehr als belegt…

Überhaupt den Tatort ausfindig zu machen, um den oder eher die Ankläger – schuldig am Leben! – schlussendlich überführen zu können, ist eine biokriminalistische Kunst für sich. So war wohl am Anfang der Schlamm; weniger aus dem heraus das vielköpfige Ungeheuer Leben sich empormühte, sondern in dem es hexenküchengleich passiert ist:

Das Leben begann möglicherweise damit, dass Luftbläschen durch tonhaltigen Schlamm blubberten. Dabei können nämlich stabile, kugelförmige Hüllen aus Tonmineralien entstehen, die alle Voraussetzungen für die Bildung primitiver Zellen erfüllen: Sie sind stabil, besitzen Poren, die unter anderem Bausteine für potenzielle Biomoleküle ins Innere lassen, und können sogar die Reaktionen zwischen solchen Bausteinen katalysieren. […] Haben sich im Inneren der Kügelchen dann erst einmal größere Moleküle aus den einzelnen Bausteinen gebildet, können diese nicht mehr hinaus. Es handelt sich demnach um ein natürliches Sortiersystem, das vor allem solche Moleküle festhält, die zur Selbstorganisation neigen – und damit die optimalen Voraussetzung für die Bildung von Biomolekülen erfüllen…

Wissenschaft.de

Und was belebte sich inmitten des Tons, aus dem auf gewisse Weise Gott also wirklich Adam, der zum Glück kein Mensch war, geformt hat? Irgendwann entstieg ihm auf alle Fälle ein Pilz:

Pilze sind die zweitgrößte Organismengruppe und eine der ältesten Lebensformen unseres Planeten. Genvergleiche legen nahe, dass die ersten Pilze schon vor mindestens 1,5 Milliarden Jahren entstanden. Die bisher ältesten eindeutig als Pilz erkennbaren Fossilien stammen aus der Zeit vor rund 800 Millionen Jahren. Diese fädigen Ur-Pilze lebten wahrscheinlich am Rand einer urzeitlichen Küstenlagune und könnten daher schon erste Anpassungen an zeitweiliges Trockenfallen ihres Lebensraums besessen haben.

scinexx

In fädiger Detailarbeit hat man nun, schwer zu interpretieren, mutmaßliche Pilzfäden an Land von vor 635 Millionen Jahren ausfindig gemacht. Das wären weit über 200 Millionen Jahre früher als bisher bekannt, wäre das älteste Landfossil und wäre ein verstehender Quantensprung bei der Landnahme durch das Leben:

Das könnte bedeuten, dass die Pilze lange vor den ersten mehrzelligen Pflanzen die urzeitlichen Landmassen eroberten. „Zusammen mit anderen terrestrischen Mikroorganismen wie Cyanobakterien und Grünalgen könnten diese pilzähnlichen Organismen ein erstes einfaches Landökosystem gebildet haben“, erklären die Wissenschaftler. Dann hätten diese Pilze eine wichtige Rolle auch für die geobiochemischen Stoffkreisläufe jener Zeit gespielt, indem sie die chemische Verwitterung von Gestein förderten und so zur mineralischen Bindung von Kohlendioxid, aber auch zum Transport von Nährstoffen ins Meer beitrugen.

Scienexx ebenda

Nicht ganz abwegig, dass vor 635 Millionen Jahren derlei in die Wege geleitet worden ist, denn für die Zeit von vor 450 Millionen Jahren ist es als vortrefflich gelingende Symbiose belegt:

Eine „Freundschaft“ bildete offenbar die Grundlage der grünen Revolution auf unserem Planeten: Forscher präsentieren neue Hinweise darauf, dass die pflanzliche Besiedlung des Landes vor rund 450 Millionen Jahren durch eine symbiotische Beziehung mit Pilzen möglich wurde. Sie konnten zeigen, dass sogar die simplen Lebermoose – die als lebende Fossilien gelten – ihren Pilzpartnern Lipide als „Handelsgut“ anbieten – ähnlich wie die hochentwickelten Pflanzenarten. Bei Algen gibt es die entsprechende Lipid-Biosynthese hingegen nicht. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass dieses System auf die Zeit zurückgeht, als die ersten Gewächse mit der Unterstützung ihrer Pilzpartner das Land ergrünen ließen.

Zitiert nach wissenschaft.de

Doch der Landgang war ein Fehler, die Ozeane hätte man nie verlassen dürfen. Daher vom Lande zurück ins Wasser, dorthin wo der letzte gemeinsame Vorfahr von unsereins und den guten Seeigeln residierte, „ein wahres Höllenwesen“, also ein wahrer Urmensch, ein Winzling von 1,3 Millimetern, Saccorhytus coronarius. Allerdings hauste Sacco vor 540 Millionen Jahren, also ebenfalls inmitten des frühen Kambriums, das vor 545 Millionen Jahren begann und 505 Millionen Jahre vor unserer Zeit endete. Damit ist Sacco ein Zeitzeuge der Kambrischen (Arten)Explosion, in die es proaktiv involviert gewesen war und dem Leben den entscheidenden Schub zur Unendlichen Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination verlieh.

In diese Zeit bzw. kaum erwähnenswert wenige Millionen Jahre zuvor, am Ende des Präkambriums, kam es zu zweierlei, das sich bedingte und wohl nur hierdurch das vielzellige Leben so artenexplodieren konnte: Sauerstoffanstieg und das HIF-System (idw-online) Erforscht anhand von Trichoplax adhaerens, die „anhaftende haarige Platte“:

Wir gehen davon aus, dass vor 550 Millionen Jahren die ersten komplexeren tierischen Lebewesen entstanden sind, zur gleichen Zeit stieg der Gehalt des atmosphärischen Sauerstoffs auf dem Planeten stark an, von drei Prozent auf sein heutiges Niveau von 21 Prozent.

Für jeden Vielzelligen Organismus ist es lebenswichtig, dass jede Zelle ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Dabei sind Vielzeller stärker gefordert als einzellige Organismen. Vielzellig zu sein, bedeutet, dass der Sauerstoff auch zu Zellen gelangen muss, die sich nicht an der Oberfläche des Organismus befinden. „Wir denken, das dies der Motor war, der die Vorfahren von Trichoplax adhaerens dazu trieb, ein System zu entwickeln, das einen Mangel an Sauerstoff in jeder Zelle misst und in der Lage ist, darauf zu reagieren“.

Bernd Schierwater sowie Chris Schofield laut idw-online

Die Frage ist aber, wie die jungkambrischen Vielzeller mit dem Sauerstoff umzugehen verstanden, wenn man auf einmal bis zu einem Siebenfachen des Millionen Jahre lang eingeübten Niveaus klarzukommen hatte.

Die Studie zeigt, wie Menschen in ihren Zellen Sauerstoff messen und wie der Sauerstoffgehalt die frühen Phasen der Evolution der Tiere beeinflusst hat. Das in Trichoplax entdeckte HIF-System (hypoxia induced factor system) ist ein effektives Werkzeug, um sich gegen Sauerstoffstress zu schützen. Ein Werkzeug, das vermutlich von allen Tieren beibehalten wurde. Das HIF-System wird aktiv, wenn Tiere in Sauerstoffstress geraten. Die Wissenschaftler glauben, dass die Methode existiert, seit die ersten Tiere vor rund 550 Millionen Jahren entstanden sind. Diese ersten Tiere sind Verwandte von Trichoplax adhaerens, einem einfach strukturierten Organismus ohne Organe, der nur fünf verschiedene Zellarten ausbildet.

idw-online

Auch du bist Trichoplax! Ein zu guter Anlass und Grund, mit hochgeschätzten Wolfgang Welsch uns Menschen jenseits eines anthropischen Prinzips zu verorten, nämlich vielmehr als zutiefst evolutionär geworden sein!

Ob Schwämme oder Quallen – Hauptsache Leben

Nochmal zurück zu den Schwämmen, die nach neuester Befundlage der Tiere Kern, Urgrund tierischen Seins gewesen sein könnten. Was wäre daran denn jetzt so umwerfend? Und was macht sie denn schon zu Tieren? Allein der Umstand, mehr als eine Zelle mit sich herumzutragen? Zellen im Plural, die jedoch weder Organe, Nerven noch Muskeln ausgebildet haben! Laut der Nature-Studie von 2010: “The Amphimedon queenslandicagenome and the evolution of animal complexity” ist anhand proteincodierender Sequenzabschnitte augenfällig:

Die Ähnlichkeit zwischen dem Schwamm-Genom und dem komplexerer Tiere war unerwartet groß, schreiben die Wissenschaftler. Insgesamt fanden sie mehr als 18.000 einzelne Gene, aus denen das Erbgut aufgebaut ist. So sei etwa der gesamte genetische Basis-Werkzeugkasten bereits vorhanden: Die Schwämme besitzen Gene, um den Zellzyklus zu kontrollieren, das Zellwachstum zu steuern und den Tod von Zellen zu überwachen sowie Gene für die Spezialisierung von Keimzellen, das Anheften der Zellen aneinander und für die Verteidigung und das Erkennen von fremden Eiweißstrukturen.

Spiegel Online

Und nochmal ausdrücklich: diese 18.000 betrachteten Gene sind nur solche, die nicht zur immer noch sogenannten Junk-DNA gehören. Die einfach außen vor zu lassen, ist ihrer evolutionären sowie innerkörperlich regulativen Wirkmächtigkeit wegen eigentlich kein wissenschaftlicher Status quo mehr. Und dennoch:

All das deute darauf hin, dass der Übergang vom Ein- zum Mehrzeller die Entwicklung von Mechanismen erfordert habe, mit denen sich Zellteilung, -wachstum und -spezialisierung koordinieren ließen – und dass bereits der gemeinsame Vorfahr der Tiere über diese Mechanismen verfügte, sagen die Forscher. „Aus dem Erbgut der Schwämme können wir ablesen, was Mehrzeller brauchten, um solche zu werden“, sagt Forscher Srivastava. Die Frage sei nun, welche Funktion die Gene hatten, bevor es Schwämme überhaupt gab.

Erneut Spiegel-Online

Wenden wir uns abschließend noch einem Herausforderer des Schwamms zu, (generisch) der um den Status des Urtiers konkurriert: die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi, auch Meerwalnuss gerufen. Auch die ist unter die genetische Lupe gelegt worden:

Der Vergleich mit dem Erbgut anderer Tiere verdeutlichte, dass die Rippenquallen einen ganz eigenen Zweig in der Evolution darstellt, der sich noch vor den Schwämmen von allen anderen Tierstämmen trennte. Sie stellen also die urtümlichste Abzweigung am Tierstammbaum dar.

Die Wissenschaftler vom Meerwalnuss-Genomprojekt schließen aus ihren Resultaten, dass wohl bereits ganz am Anfang der tierischen Evolution der Bauplan für die Ausbildung eines Nervensystems vorlag, die Natur es aber in einigen Fällen wie bei den Schwämmen vorzog, im Lauf der Zeit wieder auf simplere Konstruktionen zu setzen. Die Vorstellung einer linearen Evolution, die sich stets vom Einfachen hin zum Komplexeren entwickelt, muss ad acta gelegt werden.

“Am Anfang waren die Gallertartigen“ von Andrea Naica-Noebell

So langsam wird es unübersichtlich. Demnach scheinen die Quallen den Schwämmen vorausgegangen, dennoch nicht das Urtier gewesen zu sein. Und Schwämme demnach „nur noch“ Abzweigler vom bereits bequallten Lebensweg mit veranlagtem Nervensystem, auf das Schwämme doch nochmal testweise verzichtet haben. Jetzt sei aber verraten: diese Studie über die Quallenherkunft stammt aus 2013, während Elizabeth Turners Befundung aktuell ist und schlicht empirisch aufzeigt, was einst – vor 890 Millionen Jahren – tierisch gewesen ist. Sprich, es ist immer einzupreisen, von wann der jeweilige Kenntnisstand ist und ob Labor- oder Feldbefunde vorliegen.

Faszination leben

Hier soll – für heute – die Reise enden. Das Leben lebt und ist nur manchmal an die Lebenden verschwendet. Nämlich leider dann immer, wenn solche Experimentatoren wie beispielhaft gewisser Bolsonaro in realitätsverweigertem Eskapismus am Lebensdasein mutwillig Massenmord begeht. Wenn es nur er wäre… Es bräuchte mehr, deren Haltung ist:

Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will

Das unendlich Faszinierende ist in jedem Fall, wie sehr sich dieses oder jenes Leben gegenseitig stützte, dazu verhalf, zu leben: Cyanobakterien, die mit ihrem photosynthetischen Nebenprodukt erst Schwefelbakterien den Weg bahnten; diese als Anzeiger für so viel Sauerstoff dienen, dass eventuell bis 1,2 Milliarden Jahre zurück eine vielzellige Evolution von Schwämmen denkbar wird; deren Existenznachweis nun immerhin schon bis 890 Millionen Jahre zurückweist. Die wiederum aber vielleicht doch nur eine Nebenlinie bilden, u.a. nervenlos, wohingegen die Quallen da wegweisender gewesen sein mögen.

Hinzu die stete Frage, was als Leben eingepreist wird. Das Gros der Forschenden scheint sich (übermäßig) auf tierisches Leben zu versteifen und das auch erst so richtig in der Zeit der Kambrischen Artenexplosion anzusiedeln. Vereinzelte Eremiten in der Zeit sind dem vorausgegangen, doch ohne anständige 21% Sauerstoff wie in unseren hochtrabenden Zeiten taugte das noch nicht – was eine fehlgehende Vorannahme sein mag. Gerade deshalb, um Verwirrung zu stiften, habe ich den möglichen ländlichen Urpilz eingereiht, um die übliche Dichotomie aus Pflanzen (Flora) und Tiere (Fauna) aufzubrechen. Denn es gibt und hat gutmöglich länger als Pflanze und Getier schon Pilze gegeben, die dem Grünzeug vermutlich erst den Weg an Land bahnten, die Welt buchstäblich auflockerten. Ohne die Pilze hätte sonst niemand erfolgreich das Wasser verlassen können, sondern wäre elendig an Land verreckt. Und die Vorarbeiten über Jahrmilliarden durch die Mikroben, erst durch sie der Steinboden, hiernach die Atmosphäre zunehmend mit Sauerstoff angereichert wurde, wodurch sich sauerstoffaffin Neues ausbreiten konnte. Und inwieweit soll man (zumindest Riesen)Viren hinzuzählen, die über keine eigene Zelle verfügen, sondern nur eine Ansammlung von DNA oder gar bloß RNA sind. Viren, die sich zumindest als Retroviren bis in die DNA ihrer Wirte einschreiben und dort verewigen können. Reicht das schon? Alleine freilich nicht, aber wer ist schon so irre, sich unökologisch ein Leben isoliert vom Rest des Leben vorzustellen? Achja: Der Mensch! Fachausdruck hierfür – Obacht: Autopoiesis =Altgriechisch für Selbsterschaffung. Sich selbst erschaffen? Das ist doch reichlich schräg. Denn, um es fachausdrücklich noch weiter zu treiben: die Suche nach dem Urleben, dem allerersten Lebewesen auf Erden ist kausalitätsgetrieben verständlich, dorthin aber bis zu einer lebensurquellenden Singularität zu gelangen, ist meines Erachtens eine bloße Annahme, die es zu bestätigen gilt oder auch nicht. Warum sollte sich auf einer riesigen Erde, in diesem oder jenem Ton, dieser oder jener Heißen Quelle nicht parallel, und konvergent gleichzeitig Leben im Plural entstanden sein? Da und dort, ein eher so sowie ein eher anders geartetes Leben, das sich irgendwann traf und beschloss, ein gemeinsames Ökosystem auszubilden. Geteiltes Leid ist halbes Leid! Und wenn das rein zufällig passiert sein mag, als sich zwei Bakterien – nennen wir sie Cyano und Sulfado – trafen und es zu einem Gentransfer zwischen Einzellern kam, die sich sonst nur austauschlos vervielfältigen, so dann aber doch eine lebendige Dritte Macht schufen. Sonst ganz tabuverschämt Inzest vermeiden, um ihn singulär für das Leben zu postulieren – nunja.

Um es mit der Perry Rhodan-Serie, der weltweit längsten und größten und umfangreichsten SF-Serie, auszudrücken, wobei anstelle der sog. Hohen Mächte (Ordnung und Chaos), wie sie sich nur zu gerne selber sehen und rufen lassen, per Copy-and-Paste der Homo sapiens und anstelle des Kosmos die Erde einzufügen wäre:

[Wir] … wissen, dass das Universum längst nicht mehr von Ordnung und Chaos beherrscht wird, wie es in der Frühzeit der Schöpfung war. Sondern wir rechnen aus statistischer Sicht das Leben an sich längst hinzu. In seiner natürlichen Vielfalt, mit der Fähigkeit, jede noch so kleine Nische zu besetzen. Wir betrachten im Spiel der Mächte das Leben als dritte Kraft. Richtungslos, niemals übergreifend organisiert, amorph.

Nur 21% aller Eingriffe innerhalb der Reichweite der Statistiker gehen auf die Kosmokraten zurück, für 16% aller Eingriffe sind die Chaotarchen verantwortlich. Nach den Beobachtungen der Pangalaktischen Statistiker gehen 63% aller Eingriffe in die kosmische Struktur des Universums von unabhängigen Mächten aus.

Perrypedia zum Leben an sich

Aber auch diesseits unserer Realität, wo Mensch sich als chaotischste Ordnung inszeniert, gibt das Leben den Takt auf Gaia vor, woran die Zwischenphase Anthropozän nichts ändern wird. Das Leben fand und findet seinen Weg und überwindet, ja besiegt am Ende nicht nur in Jurassic Park den Menschen! Life goes on and ever on!