Kolumbus Erbe – von Austausch, Angleichung und Imperialismus

Hallo Mitwelt!

Heute ein Lesetipp! Wobei nicht nur: auch ein Sofortkauftipp, eine dringende Leseempfehlung per Kauf. Und zwar des eBook zum Print-Exemplar. Es geht mir eindringlich um Charles C. Mann, Autor von „Amerika vor Kolumbus. Die Geschichte eines unentdeckten Kontinents“. Das hat ihn bereits berühmt gemacht oder sollte es. Hier erzählt er die Geschichte des Kontinents, seiner Flora und Fauna und menschlichen Ureinwohner, bevor Kolumbus auf der Suche nach Indien (und missionierbaren Absatzmärkten) dort anlandet, damit die (erste) Globalisierung lostritt und unchristlich massenhaft Leid über die „neue Welt“ bringt. Das zu lesen ist auch anzuraten und wäre genau genommen sogar als Präludium nur zu empfehlen. Dann wüsste man um die vielfältigen Verhältnisse auf „Prä-Amerika“, das noch nicht von Amerigo Vespucci als ‚Nicht-Indien‘ und eigener Kontinent erkannt und später nach ihm benannt worden war.

Ich möchte ins Schaufenster gehaltvoller und bereichernder Lektüre den Folgeband stellen: „Kolumbus‘ Erbe. Wie Menschen, Tiere, Pflanzen die Ozeane überquerten und die Welt von heute schufen“ (Originaltitel „1493: Uncovering the New World Columbus Created“ – erschienen 2011). Während das Print stolze 36€ kostet, bei über 800 Seiten und detailtiefenschärfstem Inhalt auch so viel kosten darf, gibt es momentan UND BIS ZUM 31.05.2022 das eBook für nur 4,99€, also weniger als einem Siebentel des Printpreises. Jenseits des großen A-Schlundes ist es allerdings nur als seitenzahlloses epub erhältlich, was schade ist.

Doch worum geht es und wieso empfehle ich es so ausdrücklich? Charles C. Mann hat eine furiose, lesenswerteste, detailreichste Umweltgeschichte der anbrechenden Zeiten geschrieben, die mit Kolumbus‘ „Entdeckung“ losgetreten wurden. Das „Erbe“, das er uns dadurch hinterlassen hat und worum es Mann geht, ist jedoch keines einer Abenteuergeschichte zäher mittelalter weißer Männer und deren Gold- und Silberfunde. Das Erbe ist hier als ein ökologisches gemeint und betrifft transkontinental Amerika wie Europa, schließlich die ganze Welt. Der Sockel der Beobachtungen lässt sich anhand dreier Kernbegriffe des Buches begreifen:

  • Columbian Exchange – Kolumbianischer/Kolumbischer Austausch, womit gemeint ist, dass mit der Anlandung von Kolumbus ein sukzessiver Austausch (exchange) der durch den Atlantik getrennten Ökosysteme Europas und des karibischen, später auch restlichen Amerikas eingesetzt hat. Die seit Zeiten der Dinosaurier getrennten Landmassen und dort voneinander weitestgehend isoliert vor sich hinlebenden Getiere und Pflanzen wurden nun zwangsweise aufeinander geprallt. Das wird einen eigenen Beitrag wert sein, aber nur so viel: hier kann man noch fein unterscheiden, ob so ein Austausch gezielt stattfand, wie im Falle von sog. „Nutzpflanzen“ wie Kartoffeln, Mais, Tomaten, Paprika usw. Oder ob er sich hinterrücks und ungesehen, vor allem aber unintendiert vollzog, wenn zum Beispiel Ratten und sonstiges „Ungeziefer“ mit den Schiffen den Ozean überquerten und als invasive Arten mit den Conquistadores in Amerika einfielen.
  • Homogenozän: nicht noch im Holo- oder schon im Anthropozän leben wir seit Kolumbus‘ Anlandung, sondern im Homogenozän. Aus dem Altgriechischen geborgt bedeutet der sperrige Ausdruck „das gleichmachende Neue“ und steht damit für den Homogenisierungsprozess, der mit besagtem Kolumbischen Austausch Fahrt aufgenommen hat. Es erfolgte im Zuge dessen eine zunehmende Angleichung (Homogenisierung) der Floren und Faunen der Kontinente, was ein völlig Neues ergeben hat, wie wir es als Menschen so noch nie (vorgefunden) hatten. „Selbst ist der Mensch“, „was noch nicht ist, kann ja noch werden“ – die Sinnsprüche hierbei.
  • Ökologischer Imperialismus: „Der Begriff „ökologischer Imperialismus“ wurde 1986 von Alfred W. Crosby in seinem Buch Ecological Imperialism: The Biological Expansion of Europe, 900-1900 geprägt. Darin vertritt Crosby die These, dass die europäische Kolonisierung Amerikas vornehmlich mit ökologischen Faktoren wie eingeschleppten Krankheiten und mitgebrachten Tier- und Pflanzenarten einherging und nicht, wie häufig zu lesen, vor allem auf überlegene Waffen oder Technologie zurückzuführen ist.“ (Zit. n. Wikipedia) Es gibt über Crosby hinaus noch weitere Ausdeutungen desselben Begriffs, die hier aber außen vor bleiben.

Und damit wäre Manns Pate, auf den er sich vor allem zu Beginn seines Buchs „Kolumbus‘ Erbe“ andächtig und mit größter Anerkennung bezieht, genannt: Alfred W. Crosby (1931-2018). Historiker seines Amtes, der mit „The Columbian Exchange. Biological and Cultural Consequences of 1492“ (bereits von 1972) sowie „Ecological Imperialism: The Biological Expansion of Europe, 900-1900“ (1986/1993/2004) die beiden Werke und Begriffe vorarbeitete und prägte, auf die auch Mann baut. Crosby hat sich mit diesen beiden Streichen den Rang des global blickenden Umwelthistorikers erschrieben, der noch vor dem Boom der neoliberalisierten Globalisierung der schrankenlos anmutenden 1990er Jahre die wahren Tiefenstrukturen globalisierender Prozesse herausgearbeitet hat. Crosby wie Mann geht es dabei stets jedoch um die – von mir mal so frech bezeichnete – „grüne Infrastruktur“ dieser Globalisierung, auf die meist unbewusst, zuallermeist nebenher aufgebaut wird. Während besagte Nutzpflanzen zur Ernährung noch gezielt ihrer ökologischen Umwelten entwurzelt wurden, waren freilaufende Pferde, auf die sich die ‚Indianer‘ der nordamerikanischen Prärie nur zu bereitwillig setzten und sie sodann zu nutzen wussten gegen ihre Importeure, so nicht vorgesehen.

Mann vermag es aber mit beeindruckender Schreibe nicht nur ökologisch zu blicken, was ohnedies schon ein bereichernder Zugewinn wäre. Vielmehr verbindet er rein menschliche Kulturgeschichte mit der unterbaulichen Geschichte der Ökologie, was ohnehin stets zusammenging. Allein die Fundgruben an Details und – so in der Schule nicht gelernten – Hintergründe der Entdeckungsreisen sind selbst für ausschließlich unökologisch Interessierte hier exzellent verdichtet! Die endlose Silbergier Spaniens, die Conquistador um Conquistador vorantrieb, damit Philipp II., span. König (Geburtstag, 21.05.1527) seine Armada genauso bezahlen konnte wie seine brieflichen Korrespondenzen, ist auch in „Kolumbus‘ Erbe“ vordergründige Leitlinie der Geschichte. Doch wenn wir den Wegen des Silbers folgen, dann folgen dem Silber auch stets auf dem Fuß die Tiere und Pflanzen seiner Fundstätten.

Um ein besseren Eindruck zu zeichnen, was Manns pompöses Werk verheißt, habe ich folgend mal zu Crosbys Studien einige Beiträge rausgesucht, die das sehr gründlich rezensieren. So sei verwiesen auf

  • das Inhaltsverzeichnis als PDF zu „Alfred W. Crosby
    Die Früchte des weißen Mannes – Ökologischer Imperialismus 900 -1900“
    .
  • Markus Arnold auf stay-in-touch, der als Bruder im Geiste auch sehr gerne zitiert. So das folgende Zitat aus „Früchte des weißen Mannes“, das den Prozess der Homogenisierung verdeutlicht:

    »Die europäischen Auswanderer waren in der Lage, fremdes Land zu erreichen und sogar zu erobern. Aber zur Siedlungskolonie wurde es erst, wenn es Europa ähnlicher geworden war als im Urzustand. Zum Glück für die Europäer waren ihre domestizierten und optimal anpassungsfähigen Tiere trefflich geeignet, diesen Umwandlungsprozeß in Gang zu bringen. […] Selbst mit den technologischen Hilfsmitteln des 20. Jahrhunderts wären die Europäer in der Neuen Welt, in Australien und Neuseeland nicht im Stande gewesen, ihre Umwelt so erfolgreich zu verändern, wie sie es mit Hilfe ihrer Pferde, Rinder, Schweine, Ziegen, Schafe, Esel, Hühner, Katzen usw. erreichten. Insofern sich diese Tiere selbst reproduzieren, sind sie hinsichtlich Tempo und Wirkungsgrad der Umgestaltung ihrer Umwelt – selbst eines ganzen Kontinents – jeder bislang erfundenen Maschine überlegen.« (ibid., 287–289)Alfred W. Crosby nach Markus Arnold auf stay-in-touch

  • Und besonders spannend ein „Zeitzeuge“ der deutschen Erstveröffentlichung der bahnbrechenden Studie – Thomas Schmid in der ZEIT von 1991:

    Die Störung beziehungsweise Komplizierung dieser Kommunikation durch das einzige Wesen, das gezielt in die Umwelt eingreift, durch den Menschen also, steht am Ausgangspunkt von Alfred Crosbys Untersuchung. Der Untertitel („Ökologischer Imperialismus 900-1900“) weist die Richtung – und führt zugleich in die Irre. Denn es könnte scheinen, als ginge es dem Autor nur um die Erweiterung des bisher geläufigen Begriffs von Imperialismus um eine neue Dimension, eben die ökologische; also um die Eingriffe in nichteuropäische Ökosysteme, um den Export europäischer Viren und Krankheitserreger und um frühe Formen der „bakteriologischen Kriegsführung“. Darum geht es Crosby auch, doch er holt sehr viel weiter aus; er beschreibt eine große Schuld der westlichen Gesellschaften, hinter der sich ein der Zivilisation inhärentes Problem verbirgt: Jeder Versuch, die geschlossene Gesellschaft zu verlassen, bedeutet Grenzüberschreitung und hat einen Wettbewerb nicht nur zwischen Gesellschaften, sondern auch zwischen verschiedenen tierischen und pflanzlichen Ökosystemen zur Folge, bei dem die beweglichen Gesellschaften stets im Vorteil sind gegenüber den eher abgeschlossenen.Thomas Schmid in der ZEIT am 06.09.1991 „Ökologischer Imperialismus: Der Siegeszug des weißen Mannes. Alfred W. Crosbys Studie über den Prozeß zivilisatorischer Ungleichzeitigkeit“ (nur hinter der „Registrierungsschranke“)

Bis hierhin. Ich werde auf Crosby genauso wie auf Mann zurückkommen, gewiss auch nur zu gerne mit eindrücklichen Zitaten verziert. Denn beide denken für mich tiefenscharf vor auf global(isierter) Ebene, wozu ich mir meine Gedanken auf interplanetarer Ebene machte, ob überhaupt und wie tödlich einander fremde Biosphären sein müssten. Hierfür induktiv vom einzigen uns bekannten Einzelfall zu lernen, The Living Earth, wird den Weg weisen!

Imperativ des Tages: „Kolumbus‘ Erbe“ lesen!

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3 Kommentare zu „Kolumbus Erbe – von Austausch, Angleichung und Imperialismus

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