Der Schwarm

Hallo Mitwelt!

Ja, dieses Blog ist noch ein existierendes, das noch nicht an seinen Beiträgen in bloßer Zweistelligkeit zum schwarzen Löchlein kollabiert ist. Schreibblockade das anhaltende Zauberwort, das tiefschwarze Magie ist. Inzwischen hatte ich überlegt, ob das stille Schweigen nicht ein Ausdruck von Menschlichkeit ist, ein lebendiger Nachweis der Zugehörigkeit zu Homo sapiens. Denn verstummte Wortkargheit ist das Problem von ChatGPT freilich nicht und würde es auch nur jemals, wenn denn schlicht der Strom wegbliebe. Mensch kann schweigen, obwohl er reden könnte und etwas zu sagen hätte, derweil ChatGPT textet, wie ausufernd langatmig endlos man es abfragt. Und dann auch noch innerhalb viel kürzerer Zeit, als manche Menschen auch nur die Gedanken zum Thema grob geordnet haben. Und Tippfehler oder beharrliche Schreibfehler kommen dann auch noch massenhaft hinzu, die ChatGPT weitestgehend fremd sind (oder sein könnten, so es einmal korrekt gedeeplearnt hat).

Das Blog war also wiedermal abgetaucht, in die Untiefen des Ozeans der Stille, der Unschriftlichkeit, ohne die es in einem Blog ziemlich trist ist. Schriftlos schreibt sich schlecht, wie schon die Schriftweisen des Zweistromlandes wussten.

Vom Ab- und Auftauchen

Apropos abgetaucht. Diesen bemüht mühseligen Wortwitz kairosesk am Schopfe gepackt, sind wir auch schon beim Anlass des Tages: DER SCHWARM. Ausdrücklich die Serie, Event-Serie korrekt bezeichnet, die heute Abend linear auf ZDF zweiteilig anlaufen wird, um dann im Tagesrhythmus vollendet zu werden – Sendetermine live und linear:

  • Montag, 6. März 2023, 20.15 Uhr: „Der Schwarm“, Folge 1 und 2
  • Dienstag,7. März 2023, 20.15 Uhr: „Der Schwarm“, Folge 3 und 4
  • Mittwoch, 8. März 2023, 20.15 Uhr: „Der Schwarm“, Folge 5 und 6
  • Donnerstag, 9. März 2023, 20.15 Uhr: „Der Schwarm“, Folge 7 und 8

Wer sich von der medialen Disswelle nicht schon in die Flucht hat schlagen lassen, kann die Abende dieser Woche gut verbringen. Denn im Gegensatz zu dem Hohn und Spott, der massenmedial ausgeschwärmt ist, empfehle ich, mutig wenigstens heute die ersten beiden Folgen anzuschauen (je nach Abspielgerät auch mit Audiodeskription, wer ein „visuelles Hörspiel“ aus Angst vor CGI lieber doch nur hören will).

Das Ganze zuzüglich Dokumentationen und – mir zu – kleinschnipseligen Making Ofs findet sich selbstredend auch in der Mediathek, ZDF-Mediathek, die keinstenfalls anverwandt ist mit der von ARD. So eng und dicke sind die Öffentlich-Rechtlichen sich dann doch nicht, dass sie da gemeinsam am Strang ziehen würden. Für die Mediathek sind wir jedoch schon fast zu spät dran, die Einstelltermine dort waren:

    li>Mittwoch, 22. Februar 2023, ab 10.00 Uhr: „Der Schwarm“, Folge 1, 2 und 3

  • Mittwoch, 1. März 2023, ab 10.00 Uhr: „Der Schwarm“, Folge 4, 5 und 6
  • Mittwoch, 8. März 2023, ab 10.00 Uhr: „Der Schwarm“, Folge 7 und 8

>OBACHT: Alle Folgen original auf Englisch mit konnotierenden Akzenten, auf Deutsch sowie dieses mit besagter Audiodeskription als MP4 downloadbar via mediathekviewweb.de. Da wie dort für EIN JAHR LANG verfügbar!

Für mich etwas kontraintuitiv, wieso man nicht erst linear sendet und alle, die einst Interesse hatten, darüber bindet und anfixt. Wer nicht an allen Wochenabenden kann, kann ja Mediathek. Und dort ist das Finale schon zu schauen, während Folgen 6 & 7 linear erscheinen. So wurde irgendwie so vor sich hingebinget, haben die einen nur teilweise oder schon alle geguckt oder noch nicht. Am Ende ist ein konfuses Durcheinander rausgekommen, wo die einen schon übers Ende keifen, wo andere nicht mal den Anfang selber und unbetreut mit allem Wagemut gesichtet haben. Und wegen der vorzeitigen Zu-Ende-Gucker das dann auch lieber gleich sein lassen.

An der spöttischen Kritik, an der sich vorlagengebende Romanautor Frank Schätzing auch fleißig beteiligte und als Kronzeuge vielzitiert wurde, kam ich auch nicht vorbei. Der Schwarm versenkt oder journalismusstudierter Wortwitz ZDF-Serie Der Schwarm Der Schmarn. Unreime Rhymestyler als professionelle Journalisten. Angemerkt: Während man durch längst bezahlte GEZ wenigstens die Serie freizugänglich einsehen und beurteilen kann, verschanzen sich beide gelinkte SZ-Artikel hinter der Narrenkappe einer Antiallmendischen Schutzmauer (PayWall auf Neudeutsch). Das ist nicht ohne Amüsement, dass man Der Schwarm schon bezahlt hat, die Kritik dazu aber noch zusätzlich bezahlen soll. Erst recht wenn die Serie so untergegangen wäre, wie es heißt, zahlte ich doch keinen Pfennig mehr dafür, dann auch noch mehr dazu zu lesen.

Spannender und sachdienlicher hingegen der Beitrag bei Scala Hintergrund auf WDR5: „Der Schwarm“ und die Climate Fiction: Climate Fiction ist ein neuer Trend in Literatur und Film. Frank Schätzings Thriller „Der Schwarm“ zählt zu den ersten Romanen des Genres. Zum Start der ZDF-Serienadaption seines Stoffs hat sich Christel Wester im „Schwarm“ in der Climate Fiction umgesehen. . Dabei möchte ich dazu kritisch einwerfen:

  1. Der Schwarm, als Roman 2004 erschienen, ist KEINE Climate Fiction, weil Klima da noch gar keine Rolle gespielt hat (bzw. höchstens am Rande). Der Schwarm ist wenn dann ÖkoFiction, Ökothriller oder etwas derart, wo es um den Menschen und sein toxisches Verhalten dem Planeten und seiner – ozeanisch unbekannten – Bewohner gegenüber geht. Eine extraktivistische Landnahme um jeden Preis, daneben und dahinter die Sintflut, ist, woran sich der namensgebende Schwarm stört, der seinen Albert Schweitzer gelesen hat: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will! Doch „leben lassen“ ist des Menschen Tugend nicht, weshalb es zur 1300-seitigen Eskalation auf Erden kommt. Die Außerirdischen bloß als Außerlandliche, die aus dem unbekannten Universum Ozean emporsteigen und dem Menschen die Grenzen aufzeigen. Klimawandel, akute Klimakrise sind da als Erzählrahmen noch gar nicht von Nöten, WÄREN aber eine vortreffliche Aktualisierung des beinahe 20 Jahre alten Romanstoffs gewesen.
  2. Wer eine Orientierung über die ClimateFiction haben will, höre unbedingt obig gelinkten Scala Hintergrund, vertiefend aber bitte auch: Auf der Sturmhöhe der Zeit – Wie Climate Fiction vom aufgeheizten Planeten erzählt, Beitrag von Thekla Dannenberg beim Deutschlandfunk. Demnach ist Der Schwarm keine Kipppunkt-Erzählung, die dieses Subgenre der Science Fiction erschaffen oder ausformuliert hätte. Das tut allem keinen Abbruch – nicht erst, wenn und weil Der Schwarm subgenreformend gewesen wäre, taugt er.

Nochmal zur Serie

Wer heute die ersten beiden Folgen beäugt UND den Roman kennt, sollte eigentlich erstaunt bemerken, wie doch ziemlich romannah der Beginn umgesetzt ist. Ja, in Folge 1 taucht gleich eine Person auf, die es im Roman nicht gibt: Charly, meereskundliche Doktorandin, die sich kurz darauf mit Douglas, lokalem Fischer, … bondet;-) Kurz fürchtete ich auch, die für Frank Schätzing vermutlich wichtigste und für mich als Leser sehr zentrale Figur des Sigur Johanson käme gar nicht vor, wäre zu Gunsten Charlys (und eines zu kostspieligen Weinverbrauchs^^) rausgeschrieben worden. Nein, Folge 2, wo auch Tina Lund auftritt. Andere Namen, die Romanlesende kennen, sind ebenso dabei: Leon Anawak, Samantha Crowe, Greywolf O’Bannon usw. Das ist zunächst einmal sehr gut gemacht, da soweit auch alle an den „richtigen Orten“ auftauchen und romanbekannte Rollen einnehmen. Wer schon hier abwinkt und das mit dem Roman begründet, sollte nochmal nachlesen – ALLE EINTAUSENDDREIHUNDERT SEITEN 😛 Oder das seinerzeit zehnteilige Hörspiel nachhören, das der sehr namhaften Sprecher*innen wegen sicherlich auch überteuert produziert wurde. Für die „Event-Serie“ ist die Rede von 40-44 Millionen Euro. Selbstredend in Kriegs- und Inflationszeiten mehr als viel Geld, mit dem vermutlich selbst gelbe Verkehrsminister hätten Brücken bauen (lassen) können. Was hierbei zumeist untergeht: das ist eine internationale Produktion gewesen, wo mehrere europäische Länder und auch fernes Japan beteiligt waren. Wenn man zum Urteil kommt, die Serie tauge nichts, dann bestimmt nicht allein der in der Oberstube zuletzt etwas desorganisierten Angehörigen es Öffentlich-Rechtlichen wegen, sondern weil man itnernational einen schlechteren Serienproduktionsgeschmack zu pflegen scheint als die Kritiker.

Ich belass es für heute dabei, komme aber nochmal auf den Schwarm zurück (auch wenn solche Versprechen in diesem Blog auf tönernen Füßen stehen, leider). Allein zum Brettspiel „zum Roman“ habe ich nämlich noch massenhaft etwas zu notieren – hier wäre produktive Kritik hilfreich gewesen … Bis dahin: veni, vidi, vici! Mögen die Yrr mit dir sein!

😀 EDIT: menschliche, allzu menschliche Falschschreiber, die mangels Lektorat erst posthum korrigiert wurden. ChatGPT wäre das nicht passiert;-)

The Rising Earth

Hallo Mitwelt!

Der Blick aus dem Weltall auf die Erde war schließlich ein ›Muß‹ für jeden Touristen.

[…] Denn da unten schwebte die Erde, ein riesiger, leuchtender Ball mit rötlichgelben, blauen und weißen Flecken. Die dem Schiff zugewandte Hemisphäre lag fast völlig im Sonnenlicht; zwischen den Wolken waren wüstengelbe Kontinente mit vereinzelten, grünen Streifen zu erkennen. Wo die blauen Ozeane bis zum Horizont reichten, zeichneten sie sich scharf gegen die Schwärze des Weltalls ab. Und der klare, schwarze Himmel war übersät mit funkelnden Sternen.

Die Zuschauer warteten geduldig, denn was sie interessierte, war nicht die Taghälfte.

Blendend hell kam die Polkappe in Sicht. Das Schiff beschleunigte immer noch kaum merklich zur Seite hin und wurde langsam aus der Ekliptik getragen. Sachte glitt der Schatten der Nacht über den Globus, und der riesige eurasisch-afrikanische Inselkomplex betrat mit der Nordseite nach ›unten‹ majestätisch die Weltbühne.

Isaac Asimov: Sterne wie Staub [The Stars, Like Dust], Kap. 2 Der Zufall und die Armbanduhr

Das ist ein langes Zitat aus dem 1951(!) erschienenen Roman der drei sog.
Imperiumsromane Asimovs, die ergo noch vor legendärer Foundation-Trilogie erschienen sind und den unaufhaltsamen Aufstieg des Trantorianischen Imperiums Jahrtausende vorab vorzeichnen. Damit blickt er auch voraus in ganz anderer Weise, nämlich wirft Asimov einen Blick auf die Erde, auf die zuvor noch kein Mensch je geblickt hatte können. Sechs Jahre vor dem revolutionären
Sputnik-Schock vom 05.10.1957 (Obacht: Schock nur für den ignoranten Westen) nimmt der Prophet der Science Fiction die Erde visionär von oben, als Kugel, als Gesamt- und Einheit in den Blick, als im Roman ein Raumer mit der Hauptfigur Biron Farrill von der Erde „ablegt“ und sich zum Rand des Sonnensystems aufmacht. Eine Erde, die hier noch bekanntes, wenn da auch schon atomar verseuchtes Zentrum einer in die Galaxis hinausgestrebten, galaktisch gewordenen Menschheit ist, was Generationen später zum Mythos verschwimmen sollte.

Damit ist für ihn schon selbstverständlicher Teil der Narration, gehört für ihn ikonisch dazu, was für die realirdische Menschheit noch als Einsicht und Erkenntnis bevorstand, nämlich der Erde als Ganzheit inmitten des Weltalls. Per Drauf- zur Einsicht von der
Ikone Erde – Blaue Kugel im schwarzen All: Beim letzten bemannten Flug zum Mond, 1972, entstand ein Foto der voll erleuchteten Erdkugel, aufgenommen aus ca. 37.000 km Entfernung. Was hat dieses Bild mit unserem Selbstverständnis als Menschen gemacht? Von Ulrich Grober / WDR 2002. Ein exzellentes Kulturfeature bei WDR3, das eindrücklich nachzeichnet, was dieses Foto für Kreise gezogen hat, welche Bedeutung es für die Deutung vom Raumschiff Erde erlangt hat und wie sich diese Deutung im Laufe der Zeit mehrfach verändert hat. Gemacht wurde das Bild auf dem Rückflug von Apollo 17 (07.-19.12.1972),
der elften und bis heute letzten bemannten Mission zum Mond. Im Rahmen des Apollo-Programms gelang die sechste und bis heute letzte Landung auf unserem Trabanten, wo mit drei Tagen eine Rekordzeit verbracht wurde. Seither ist Mensch nicht einmal mehr über eine erdnahe Umlaufbahn hinausgekommen… Das Geschichte machende Bild,
Blue Marble, die Blaue Murmel
hat ökologische Bewegungen wie ein Fixstern den Weg gewiesen und steht seither symbolisch für den Erhalt und die Bewahrung der Erde!

Blue Marble, aufgenommen von Apollo 17am 07.12.1972; Wikipedia entnommen

Interessant ist, dass „erst“ 1972 dieses Bild von der Welt weltbewegend um die Welt ging. Denn es hatte bereits eines zuvor gegeben, das nicht minder beeindruckend hätte sein können, als allererstes seiner Art eigentlich auch schon hätte müssen: Der Moment, als die Erde am Horizont auftauchte – Earthrise auf der Apollo 8. Ein halbes Jahr vor Apollo 11, DER Mondmission von 1969 als kleiner Schritt für einen Menschen, der sich als größter für die Menschheit erweisen sollte, war
Apollo 8
als erster bemannter Flug gen Mond aufgebrochen. Zum ersten Mal wagten sich Menschen mehr als 1500 km über die Erde hinaus, was sogleich in zehn Mondumrundungen gipfelte, die exakt 20h 10m 13s andauerten. Die Mission fand vom 21. bis 27. Dezember 1968 statt, also ziemlich genau vier Jahre vor Apollo 17 als „letzte ihrer Art“.

Heiligabend 1968 knipsen die Astronauten ein Foto, das die Welt verändern sollte: Im Vordergrund der kahle graue Mond, im Hintergrund die aufgehende blauweiße Erde – die erste Weltraumperspektive auf unseren Planet

SWR2 Archivradio

Auch dieses Bild trägt einen eigenen Namen – Earthrise
Apollo-8-Aufnahme und zugleich erste Schwarz-Weiß-Fotografie der „aufgehenden“ Erde aus der Mondumlaufbahn, aufgenommen von Bill Anders; Wikipedia entnommen

Damit war man exakt 103 Jahre später endlich zum Erdbegleiter aufgebrochen, wohin da längst die Menschen gereist waren. Und zwar in Jules Vernes Roman Von der Erde zum Mond von 1865, wenngleich die
Reise um den Mond von 1870 sich um fünf Jahre verspätete. Das hat Apollo 8 in einem Rutsch vollbracht. Diese Science Fiction reist der Wirklichkeit doch immer voraus, weist ihr den Weg nur allzu oft, eröffnet Horizonte des Denkmöglichen, das Mensch dann nur zu gerne auch ermöglicht.

AD ASTRA TERRANER

[1]

  • Wenn sich das mal nicht als
    schmutzige Weiten erweist, in die wir da aufbrechen und den astralen Müll wie volle Windeln in der Wiege der Menschheit zurücklassen…
  • Das Leben an sich

    Hallo Mitwelt

    Das Leben, das Universum und der ganze Rest – ein nicht unwichtiges Thema hier im Blog. Ziemlich basal sogar. Bisherige Reisen mit dem Raumschiff Erde (das noch nicht in Gänze muskifiziert/bransonisiert/bezosiert worden ist) waren eher kritisch bis betrüblich, weil die Evapotranspiration dort die Böden entwässern lässt (um anderswo übermäßig abzuregnen); da die Plastifizierung den Planeten wie unaufhaltsam überzieht und durchdringt und die verbleibenden Böden zubetoniert und klinisch abgetötet werden. Demnach scheint Raumschiff Erde kein Freudenhaus zu sein, in dem das Leben an sich Vorrang zu haben und hochgeschätzt zu werden scheint. Doch der Eindruck trügt angesichts der Gegenwart, die zwar zum Flaschenhals und Nadelöhr zu werden droht, das jedoch zum bereits sechsten Mal in der Biografie des Lebens, Bio-Grafie quasi…

    Das Leben findet einen Weg!

    One life to live for all
    One life to give birth them
    One life to be experienced in all
    And in only one world exist them!

    Das Leben schreitet fort und fort,
    von der Geburt wo es begann,
    aus dem Meer, von Fjord zu Ort,
    lebendig quillt’s, so gut’s nur kann.
    Es fließt dem Erdenrunde nach,
    wo es sich unendlich weit verflicht‘
    aus Gen und Wagnis tausendfach.
    Und wohin dann? Mensch weiß es nicht!

    Biosphärische Experimente

    Zur Zeit laufen unter der Regie des Homo sapiens – zur Erinnerung: der hirnseidank weise Mensch – ausgeklügelte weltweite Experimente, die die Biosphäre auf ihre Standfestigkeit prüfen, die bisher anhand und entlang wenigster paläontologischer Funde aufgestellte Behauptung eines zähen widerständischen Lebens verifizieren sollen. Die hierbei abhängige Variable ist das Leben an sich, das auf dem Prüfstein steht, derweil Experimentator Mensch die unabhängigen Variablen, die als lebenswert gelten, gezielt variiert.

    Eine führende Fachkraft mit mehreren speziellen Zusatzausbildungen ist zum Beispiel Forschungsleiter Bolsonaro. Der hat sich Reinhold Messner zum Vorbild genommen, der bekanntlich sauerstofflos die sogenannte Todeszone am Sagarmatha bzw. Qomolangma (imperialistisch: Mount Everest) alleine durchqueren und seither immer noch weiterleben konnte. Und weil damit induktiv bewiesen wäre, dass sich Leben auch an Orten halten kann, die als lebensfeindlich gelten, und dass Sauerstoff als Lebensquell offenkundig überbewertet ist, ergibt sich folgender, pfiffiger Experimentieraufbau: Als bloßes Nebenprodukt fällt Sauerstoff bei der Verstoffwechslung der Flora (Pflanzen) an, die CO2 aufnehmen und Sauerstoff abgeben. Anschaulich als Lunge des Planeten gilt hierbei der Amazonas-Regenwald als unterbezahlte Führungskraft, wo in außergewöhnlichem Maße CO2 ein- und Sauerstoff ausgeatmet wird. Zu den Annahmen gehört nun, dass sich das Leben an sich, wenn es auch nur halb so zäh wie behauptet ist, Messner-gleich mit einem viel Weniger an Sauerstoff durchs Leben wird schlagen können. Hierfür wird nun en masse der Amazonas-Regenwald im ursprünglichen Sinne dezi-, eher zentimiert, um dortige Verhältnisse möglichst umzukehren. Statt CO2 aufzunehmen und Sauerstoff abzugeben, soll er dermaßen reduziert werden, dass er weniger Sauerstoff „produziert“ und mangels Aufnahme viel mehr CO2 in der Atmosphäre verbleibt. Da die bodennahe Atmosphäre die Troposphäre ist, nur in der die Biosphäre existiert, wären mit der gezielten Manipulation zweier unabhängiger Variablen (CO2 und Sauerstoff) eine Potenz an Einflussfaktorkraft mit einem Schlag erreicht, die es so noch nie gegeben hat seit Menschengedenken. Einmalige Bedingungen mit größtmöglicher Aussagekraft über das Leben und seine Verfasstheit. Vorläufige Ergebnisse sind extrem vielversprechend: aus einer CO2-Senke ist bereits eine CO2-Quelle geworden! Auf die anvisierten Verschärfungen der Experimentalbedingungen darf man folglich hoffen. Die optimierende Maximierung der Biostressoren kann ergo stetig perfektioniert werden und wir deinen großartigen Beitrag zur Grundlagenforschung liefern!

    Das Leben fand einen Weg

    Doch bloß weg vom Homo hybris in die Vergangenheit auf der Suche nach den ersten Tieren. Tiere, da sie die am weitesten entwickelten Lebensformen auf Erden sind und wir ihnen – je nach Perspektive – entstiegen sind oder gerade so den Kopf oder auch nur den Neocortex mühsam übers tierische Wasser halten können. So wie es Stephen Baxter in Evolution ausgeführt hat. Oder war es zuvor Darwin?…

    Wie dem auch sei, in aller Regel (siehe die folgenden Kapitel) geht man davon aus, kann sich auf gut gesicherte Befunde berufen, dass solcherlei Getier vor rund 560 Millionen Jahren die Eroberung der Welt antrat. Doch eine Nature-Studie: „Possible poriferan body fossils in early Neoproterozoic microbial reefs”science.ORF.at berichtet – verfolgt Tiere gnadenlos zurück in die Vergangenheit. Spannendste Kandidaten hierfür sind Schwämme:

    Die genügsamen Wasserbewohner haben keine Organe und keine Nervenzellen, ihre verwesten Strukturen können jedoch in Kalkstein über hunderte Millionen Jahre hinweg erhalten bleiben. Solche Steine fand die Geologin Elizabeth Turner in den Mackenzie Mountains im Nordwesten Kanadas – vor Milliarden von Jahren einmal Meeresboden. Diese Gesteinsproben dürften etwa 890 Millionen Jahre alt sein.

    „Es war in gewisser Weise nicht überraschend, mögliche schwammartige Strukturen in Steinen zu finden, die etwa 890 Millionen Jahre alt sind“, sagt Turner. Die ältesten Schwammfossilien, die man kenne, seien zwar jünger, etwa 530 Millionen Jahre alt, müssten sich aber aus Vorläuferorganismen entwickelt haben. Turners Forschung würde also die Entstehung vielzelligen tierischen Lebens auf der Erden noch weiter nach hinten datieren. Folglich müsste es mehr als eine Milliarde Jahre alt sein.

    Elizabeth Turner nach science.ORF.at

    Dass sie das recht sachlich behaupten kann, liegt auch daran, dass mithilfe des genetischen Verfahrens der sogenannten Molekularen Uhr längst Thesen aufgestellt worden sind, die das vermuten ließen. Mit dieser bildlich gemeinten „Uhr“ kann man die genetische Zeit quasi zurückdrehen und so nachverfolgen, wann sich Arten voneinander trennten und eigene Wege gingen; andersherum also, in etwa wann es gemeinsame Vorfahren gegeben haben muss. Ihre Entdeckung im kanadischen Nirgendwo ist hierfür jedoch der erste paläontologisch-empirische Beleg, wie lange schon Schwämme auf Erden schwammen.

    Doch das wirklich Aufregende an dieser Datierung bloß rund 60% zeitzurück zu bisherigen Befunden ist ein ganz anderer, worauf bei wissenschaft.de eingegangen wird:

    Erstaunlich ist dieser Befund angesichts der Tatsache, dass der Sauerstoffgehalt in der Erdatmosphäre und im Wasser bis vor rund 800 Millionen Jahren so gering war, dass tierisches Leben als beinah unmöglich galt. Von modernen Schwämmen ist zwar bekannt, dass sie auch mit vergleichsweise wenig Sauerstoff auskommen – doch auch für sie hätte der Sauerstoff vor 890 Millionen Jahren wahrscheinlich nicht ausgereicht.

    Turner fand in ihren Proben jedoch einen Hinweis, wie die urzeitlichen Schwämme dennoch überlebt haben könnten: „Der Organismus lebte nur auf, in und unmittelbar neben Riffen, die von kalkbildenden Cyanobakterien aufgebaut wurden, die Photosynthese betrieben“, berichtet sie. „Der gelöste Sauerstoff im Meer war zu dieser Zeit wahrscheinlich gering – außer in der Nähe dieser Mikroorganismen.“ Der Schwamm selbst kam dagegen offenbar ohne Licht aus. „Der wurmförmig-mikrostrukturierte Organismus war nicht in der Lage, mit den riffbildenden Cyanobakterien zu konkurrieren, sondern besetzte stattdessen Nischen, in denen die Kalkmikroben aufgrund von schlechter Beleuchtung oder hoher hydrodynamischer Energie nicht leben konnten“, so die Forscherin. Auf diese Weise nutzte er womöglich die Nachbarschaft der Cyanobakterien aus, ohne ihnen Konkurrenz zu machen.

    wissenschaft.de

    Kollege Urschwamm also ein ingrimmer Schmarotzer, der den diensteifrigen Cyanobakterien nur so den Sauerstoff wegatmete? Urschwamm, der sich den Mikroben nur so aufdrängte wie ein narzisstisches Größenklein, dass ohne das bakteriell einzellige Größenselbst nicht konnte? Bakterien als geburtshelfende Ammen des ach so hochentwickelten tierischen Lebens? Na wo kommen wir denn da hin, wenn sich Urahn Tier nicht aus eigener Kraft aus der Ursuppe entwickelt, sondern Stützräder und Händchenhalten gebraucht hat? Wenn schon der Urschwamm darin versagte, es dank Vielzellerei (Poly-/Metazoa) unbetreut geschafft zu haben, dann ist der Mensch etwa als Emporkömmling des Tierreichs auch bloß ständig umkippender Fahrradanfänger? Auch bloß ökologisch, umweltbedingt gemacht? PFF!

    Urschwämme als Herumdrücker in, auf und an bakteriell beherrschten Nischen, nur dort sie einer ansonsten lebensfeindseligen Umwelt die Schwammstirn bieten konnten. Das heißt dann aber doch auch, …?

    „Wenn die Strukturen als frühe Schwammkörperfossilien akzeptiert werden, würde ihr Alter von ca. 890 Millionen Jahren bedeuten, dass die evolutionäre Entwicklung der vielzelligen Tiere von der Sauerstoffanreicherung im Neoproterozoikum abgekoppelt war“, erklärt Turner. In diesem Fall hätte es die ersten Tiere schon vor den frühen Eiszeiten gegeben, die zwischen 720 und 635 Millionen vorkamen. „Wenn die Befunde stimmen, wurde das frühe tierische Leben von diesen Gletscherepisoden nicht katastrophal beeinflusst“, so Turner.

    wissenschaft.de

    Aber seit wann sind die Workerholics aka Cyanobakterien denn aktiv und bis wann kann man zurückverfolgen, dass sie in noch so kleinen Nischen photosynthese-eifrig ihren Sauerstoff produzierten?

    Erste sauerstoffproduzierende Organismen – die Cyanobakterien – tauchten vor etwa drei Milliarden Jahren auf, doch das von ihnen als Abfallprodukt gebildete O2 oxidierte vorerst noch Eisen- und Schwefelverbindungen und reicherte sich nicht in der Atmosphäre an. Erst als die Konzentration der eisen- und schwefelhaltigen Verbindungen abnahm, konnte sich Sauerstoff zunächst im Ozean und später in der irdischen Gashülle anreichern: Es kam zum „Großen Oxidationsereignis“ vor 2,4 Milliarden Jahren.

    “Frühe sauerstoffreiche Atmosphäre“ auf spektrum.de

    Schon nach einer weiteren Milliarde Jahre – 1,2 Milliarden Jahre vor uns – scheint der Sauerstoffgehalt signifikant angestiegen zu sein, so ein Rückschluss aus einem überraschenden Fund. Schon 2010 haben Forschende…

    […]in uralten Seesedimenten aus dem schottischen Hochland chemische Hinterlassenschaften von Bakterien nachgewiesen, die es zu dieser Zeit noch gar nicht hätte geben dürfen: Die Mikroben hatten Schwefelverbindungen oxidiert, um Energie zu gewinnen – ein Reaktionsweg, der nur möglich war, wenn ausreichend Sauerstoff den damaligen Seegrund durchsetzt hatte. Dies würde aber wiederum bedeuten, dass O2 in der Atmosphäre ebenfalls bereits in ausreichendem Maße vorhanden war, um komplexes Leben zu ermöglichen.

    “Frühe sauerstoffreiche Atmosphäre“ auf spektrum.de

    Die einen Bakterien (Cyanos) als Atzen für die anderen, diese somit auf den Schultern von Zwergen überhaupt nur in die Welt hineinblicken konnten? Nicht Mainzel-, sondern Baktelmännchen, die das Lebenshaus auf Vorderleben gebracht haben? Wenn dem so gewesen war, dann wäre es nicht mehr so überraschend, dass auch schon vor 890 Millionen Jahren für erste ambitionierte Vielzeller Sauerstoff genug zum Ausleben der quicklebendigen Gelüste zur Verfügung stand, womit sich manch Eiszeit überstehen ließ. Eventuell profitierten die mikrobiellen Urschotten Äonen zuvor auch bereits von den bakteriellen Kollegen wie dann der Schwamm, als er die Welt nicht länger atemberaubend vorfinden musste.

    Auf der Suche nach dem leben

    Das Leben, was es genau ist und wo es begann und wie es enden mag, bleibt unklar trotz zutiefster Involviertheit in es als Teil von es. Ein Blick in den Himmel hilft, um sich dem leben fundamentaler zu widmen. Wobei genau genommen nicht in den Himmel geguckt wird, sondern auf den Bildschirm rein Numerischer Exobiologie: dass auf der Suche nach Exoleben stets nach planetarem Wasser als Urquell fürs Leben Ausschau gehalten wird, ist schon blogkundig geworden. Doch ist Wasser noch kein Leben, nur eine Voraussetzung, menschlicher Meinung nach eine notwendige. Daher viel elementarer geblickt, ab wann und bei was denn der „Lebenssensor“ anzuschlagen, worauf man ihn feinzujustieren hat. In einem Astrobiology-Essay nach spektrum.de sinnierte man darüber, was eine „universelle Signatur für Leben“ sein könnte. Ausgangspunkt hierfür eine 1994 von der NASA aufgestellte – sehr breit und weit gefasste – Nominaldefinition: Leben sei ein „sich selbst unterhaltendes chemisches System, das zu einer Evolution im Sinne Darwins im Stande ist“ (Im Originalwortlaut: „… a self-sustaining system capable of Darwinian evolution“). Handlich… Und wer hat nicht stets alle evolutionstheoretischen Aspekte Darwins im Sinn?

    Die sich anschließende Idee ist nun, dass sich evolutionäres Leben „verrät“, seine Anwesenheit buchstäblich ausdrückt hinein in die Welt:

    In jedem evolvierenden System […] würden sich die relativen Häufigkeiten der Bausteine gegenüber dem unbelebten Normalfall verschieben: Während bei der zufälligen, abiotischen Synthese beispielsweise von Aminosäuren die Reaktionskinetik entscheidend ist – einfacher zu erzeugende Moleküle liegen in größeren Mengen vor –, würden in Proben aus belebten Substraten bestimmte Bestandteile häufiger oder seltener auftreten als erwartet.

    Grund dafür sei die Evolution: Sie bevorzuge Bausteine, die sich als förderlich erweisen, und entferne oder unterdrücke nachteilige. Zu welcher Kategorie eine gegebene Substanz gehört, braucht der Forscher dabei nicht zu wissen. Entscheidend ist allein, dass es in der Häufigkeitsverteilung der mutmaßlichen Grundbausteine Unregelmäßigkeiten gibt.

    Jan Dönges in spektrum.de

    Auf den Begriff gebracht: „Monomer Abundance Distribution Biosignature“ (zu Deutsch: Biosignatur der Häufigkeitsverteilung von Monomeren). Und weil es an realen Beispielen mangelt trotz einiger Kandidaten im Sonnensystem, zogen sich die Nerds schmollen an ihre Computer zurück und modellierten das Ganze, um das Prinzip auf Tauglichkeit zu prüfen. …, nachdem sie doch zunächst auf Erden abklopften, ob ihre Häufigkeitshypothese in Sedimenten zutrifft: ja. Und sodann auch im numerischen Modell:

    Tatsächlich zeigte sich auch hier ein ähnlicher Befund wie bei den Sedimenten: Obwohl alle Befehle mit gleicher Wahrscheinlichkeit durch Mutation in das Genom geraten, waren selbst nach zig Generationen neutrale Anweisungen überdurchschnittlich häufig vertreten. Befehle, die an bestimmten Schlüsselstellen des Kopiervorgangs eingreifen, tauchten hingegen extrem selten auf.

    Den Vorteil ihrer Biosignatur sehen Dorn und Adami darin, dass eine grobe Vorstellung von den Grundbausteinen einer außerirdischen Lebensform genügt, um den Test durchzuführen. Es fehlt dann nur noch die abiotische Vergleichsprobe, um den Stempel der Evolution zu entdecken – zumindest in der Theorie, denn wie die Forscher selbst eingestehen, könnten auch gänzlich profane Prozesse das Ergebnis verfälschen.

    Ebenda

    Auf auffällige Häufigkeitsanballungen zu setzen, scheint jedoch nur richtig gut zu helfen, wenn man nicht von Leben umzingelt ist und vor häufigkeitslauter Leben das Leben übersieht. Oder beginnt, auszuschließen, was dazugehören soll und was draußen zu bleiben hat. So wird immer wieder am Baum des Lebens gerüttelt und infrage gestellt, ob Viren nun zum Leben gehören oder ob Leben erst mikrobiotisch mit Bakterien beginnt. Die nennenswerte Häufigkeit von Viren (auch nur einer Art) scheint seit anderthalb Jahren mehr als belegt…

    Überhaupt den Tatort ausfindig zu machen, um den oder eher die Ankläger – schuldig am Leben! – schlussendlich überführen zu können, ist eine biokriminalistische Kunst für sich. So war wohl am Anfang der Schlamm; weniger aus dem heraus das vielköpfige Ungeheuer Leben sich empormühte, sondern in dem es hexenküchengleich passiert ist:

    Das Leben begann möglicherweise damit, dass Luftbläschen durch tonhaltigen Schlamm blubberten. Dabei können nämlich stabile, kugelförmige Hüllen aus Tonmineralien entstehen, die alle Voraussetzungen für die Bildung primitiver Zellen erfüllen: Sie sind stabil, besitzen Poren, die unter anderem Bausteine für potenzielle Biomoleküle ins Innere lassen, und können sogar die Reaktionen zwischen solchen Bausteinen katalysieren. […] Haben sich im Inneren der Kügelchen dann erst einmal größere Moleküle aus den einzelnen Bausteinen gebildet, können diese nicht mehr hinaus. Es handelt sich demnach um ein natürliches Sortiersystem, das vor allem solche Moleküle festhält, die zur Selbstorganisation neigen – und damit die optimalen Voraussetzung für die Bildung von Biomolekülen erfüllen…

    Wissenschaft.de

    Und was belebte sich inmitten des Tons, aus dem auf gewisse Weise Gott also wirklich Adam, der zum Glück kein Mensch war, geformt hat? Irgendwann entstieg ihm auf alle Fälle ein Pilz:

    Pilze sind die zweitgrößte Organismengruppe und eine der ältesten Lebensformen unseres Planeten. Genvergleiche legen nahe, dass die ersten Pilze schon vor mindestens 1,5 Milliarden Jahren entstanden. Die bisher ältesten eindeutig als Pilz erkennbaren Fossilien stammen aus der Zeit vor rund 800 Millionen Jahren. Diese fädigen Ur-Pilze lebten wahrscheinlich am Rand einer urzeitlichen Küstenlagune und könnten daher schon erste Anpassungen an zeitweiliges Trockenfallen ihres Lebensraums besessen haben.

    scinexx

    In fädiger Detailarbeit hat man nun, schwer zu interpretieren, mutmaßliche Pilzfäden an Land von vor 635 Millionen Jahren ausfindig gemacht. Das wären weit über 200 Millionen Jahre früher als bisher bekannt, wäre das älteste Landfossil und wäre ein verstehender Quantensprung bei der Landnahme durch das Leben:

    Das könnte bedeuten, dass die Pilze lange vor den ersten mehrzelligen Pflanzen die urzeitlichen Landmassen eroberten. „Zusammen mit anderen terrestrischen Mikroorganismen wie Cyanobakterien und Grünalgen könnten diese pilzähnlichen Organismen ein erstes einfaches Landökosystem gebildet haben“, erklären die Wissenschaftler. Dann hätten diese Pilze eine wichtige Rolle auch für die geobiochemischen Stoffkreisläufe jener Zeit gespielt, indem sie die chemische Verwitterung von Gestein förderten und so zur mineralischen Bindung von Kohlendioxid, aber auch zum Transport von Nährstoffen ins Meer beitrugen.

    Scienexx ebenda

    Nicht ganz abwegig, dass vor 635 Millionen Jahren derlei in die Wege geleitet worden ist, denn für die Zeit von vor 450 Millionen Jahren ist es als vortrefflich gelingende Symbiose belegt:

    Eine „Freundschaft“ bildete offenbar die Grundlage der grünen Revolution auf unserem Planeten: Forscher präsentieren neue Hinweise darauf, dass die pflanzliche Besiedlung des Landes vor rund 450 Millionen Jahren durch eine symbiotische Beziehung mit Pilzen möglich wurde. Sie konnten zeigen, dass sogar die simplen Lebermoose – die als lebende Fossilien gelten – ihren Pilzpartnern Lipide als „Handelsgut“ anbieten – ähnlich wie die hochentwickelten Pflanzenarten. Bei Algen gibt es die entsprechende Lipid-Biosynthese hingegen nicht. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass dieses System auf die Zeit zurückgeht, als die ersten Gewächse mit der Unterstützung ihrer Pilzpartner das Land ergrünen ließen.

    Zitiert nach wissenschaft.de

    Doch der Landgang war ein Fehler, die Ozeane hätte man nie verlassen dürfen. Daher vom Lande zurück ins Wasser, dorthin wo der letzte gemeinsame Vorfahr von unsereins und den guten Seeigeln residierte, „ein wahres Höllenwesen“, also ein wahrer Urmensch, ein Winzling von 1,3 Millimetern, Saccorhytus coronarius. Allerdings hauste Sacco vor 540 Millionen Jahren, also ebenfalls inmitten des frühen Kambriums, das vor 545 Millionen Jahren begann und 505 Millionen Jahre vor unserer Zeit endete. Damit ist Sacco ein Zeitzeuge der Kambrischen (Arten)Explosion, in die es proaktiv involviert gewesen war und dem Leben den entscheidenden Schub zur Unendlichen Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination verlieh.

    In diese Zeit bzw. kaum erwähnenswert wenige Millionen Jahre zuvor, am Ende des Präkambriums, kam es zu zweierlei, das sich bedingte und wohl nur hierdurch das vielzellige Leben so artenexplodieren konnte: Sauerstoffanstieg und das HIF-System (idw-online) Erforscht anhand von Trichoplax adhaerens, die „anhaftende haarige Platte“:

    Wir gehen davon aus, dass vor 550 Millionen Jahren die ersten komplexeren tierischen Lebewesen entstanden sind, zur gleichen Zeit stieg der Gehalt des atmosphärischen Sauerstoffs auf dem Planeten stark an, von drei Prozent auf sein heutiges Niveau von 21 Prozent.

    Für jeden Vielzelligen Organismus ist es lebenswichtig, dass jede Zelle ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Dabei sind Vielzeller stärker gefordert als einzellige Organismen. Vielzellig zu sein, bedeutet, dass der Sauerstoff auch zu Zellen gelangen muss, die sich nicht an der Oberfläche des Organismus befinden. „Wir denken, das dies der Motor war, der die Vorfahren von Trichoplax adhaerens dazu trieb, ein System zu entwickeln, das einen Mangel an Sauerstoff in jeder Zelle misst und in der Lage ist, darauf zu reagieren“.

    Bernd Schierwater sowie Chris Schofield laut idw-online

    Die Frage ist aber, wie die jungkambrischen Vielzeller mit dem Sauerstoff umzugehen verstanden, wenn man auf einmal bis zu einem Siebenfachen des Millionen Jahre lang eingeübten Niveaus klarzukommen hatte.

    Die Studie zeigt, wie Menschen in ihren Zellen Sauerstoff messen und wie der Sauerstoffgehalt die frühen Phasen der Evolution der Tiere beeinflusst hat. Das in Trichoplax entdeckte HIF-System (hypoxia induced factor system) ist ein effektives Werkzeug, um sich gegen Sauerstoffstress zu schützen. Ein Werkzeug, das vermutlich von allen Tieren beibehalten wurde. Das HIF-System wird aktiv, wenn Tiere in Sauerstoffstress geraten. Die Wissenschaftler glauben, dass die Methode existiert, seit die ersten Tiere vor rund 550 Millionen Jahren entstanden sind. Diese ersten Tiere sind Verwandte von Trichoplax adhaerens, einem einfach strukturierten Organismus ohne Organe, der nur fünf verschiedene Zellarten ausbildet.

    idw-online

    Auch du bist Trichoplax! Ein zu guter Anlass und Grund, mit hochgeschätzten Wolfgang Welsch uns Menschen jenseits eines anthropischen Prinzips zu verorten, nämlich vielmehr als zutiefst evolutionär geworden sein!

    Ob Schwämme oder Quallen – Hauptsache Leben

    Nochmal zurück zu den Schwämmen, die nach neuester Befundlage der Tiere Kern, Urgrund tierischen Seins gewesen sein könnten. Was wäre daran denn jetzt so umwerfend? Und was macht sie denn schon zu Tieren? Allein der Umstand, mehr als eine Zelle mit sich herumzutragen? Zellen im Plural, die jedoch weder Organe, Nerven noch Muskeln ausgebildet haben! Laut der Nature-Studie von 2010: “The Amphimedon queenslandicagenome and the evolution of animal complexity” ist anhand proteincodierender Sequenzabschnitte augenfällig:

    Die Ähnlichkeit zwischen dem Schwamm-Genom und dem komplexerer Tiere war unerwartet groß, schreiben die Wissenschaftler. Insgesamt fanden sie mehr als 18.000 einzelne Gene, aus denen das Erbgut aufgebaut ist. So sei etwa der gesamte genetische Basis-Werkzeugkasten bereits vorhanden: Die Schwämme besitzen Gene, um den Zellzyklus zu kontrollieren, das Zellwachstum zu steuern und den Tod von Zellen zu überwachen sowie Gene für die Spezialisierung von Keimzellen, das Anheften der Zellen aneinander und für die Verteidigung und das Erkennen von fremden Eiweißstrukturen.

    Spiegel Online

    Und nochmal ausdrücklich: diese 18.000 betrachteten Gene sind nur solche, die nicht zur immer noch sogenannten Junk-DNA gehören. Die einfach außen vor zu lassen, ist ihrer evolutionären sowie innerkörperlich regulativen Wirkmächtigkeit wegen eigentlich kein wissenschaftlicher Status quo mehr. Und dennoch:

    All das deute darauf hin, dass der Übergang vom Ein- zum Mehrzeller die Entwicklung von Mechanismen erfordert habe, mit denen sich Zellteilung, -wachstum und -spezialisierung koordinieren ließen – und dass bereits der gemeinsame Vorfahr der Tiere über diese Mechanismen verfügte, sagen die Forscher. „Aus dem Erbgut der Schwämme können wir ablesen, was Mehrzeller brauchten, um solche zu werden“, sagt Forscher Srivastava. Die Frage sei nun, welche Funktion die Gene hatten, bevor es Schwämme überhaupt gab.

    Erneut Spiegel-Online

    Wenden wir uns abschließend noch einem Herausforderer des Schwamms zu, (generisch) der um den Status des Urtiers konkurriert: die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi, auch Meerwalnuss gerufen. Auch die ist unter die genetische Lupe gelegt worden:

    Der Vergleich mit dem Erbgut anderer Tiere verdeutlichte, dass die Rippenquallen einen ganz eigenen Zweig in der Evolution darstellt, der sich noch vor den Schwämmen von allen anderen Tierstämmen trennte. Sie stellen also die urtümlichste Abzweigung am Tierstammbaum dar.

    Die Wissenschaftler vom Meerwalnuss-Genomprojekt schließen aus ihren Resultaten, dass wohl bereits ganz am Anfang der tierischen Evolution der Bauplan für die Ausbildung eines Nervensystems vorlag, die Natur es aber in einigen Fällen wie bei den Schwämmen vorzog, im Lauf der Zeit wieder auf simplere Konstruktionen zu setzen. Die Vorstellung einer linearen Evolution, die sich stets vom Einfachen hin zum Komplexeren entwickelt, muss ad acta gelegt werden.

    “Am Anfang waren die Gallertartigen“ von Andrea Naica-Noebell

    So langsam wird es unübersichtlich. Demnach scheinen die Quallen den Schwämmen vorausgegangen, dennoch nicht das Urtier gewesen zu sein. Und Schwämme demnach „nur noch“ Abzweigler vom bereits bequallten Lebensweg mit veranlagtem Nervensystem, auf das Schwämme doch nochmal testweise verzichtet haben. Jetzt sei aber verraten: diese Studie über die Quallenherkunft stammt aus 2013, während Elizabeth Turners Befundung aktuell ist und schlicht empirisch aufzeigt, was einst – vor 890 Millionen Jahren – tierisch gewesen ist. Sprich, es ist immer einzupreisen, von wann der jeweilige Kenntnisstand ist und ob Labor- oder Feldbefunde vorliegen.

    Faszination leben

    Hier soll – für heute – die Reise enden. Das Leben lebt und ist nur manchmal an die Lebenden verschwendet. Nämlich leider dann immer, wenn solche Experimentatoren wie beispielhaft gewisser Bolsonaro in realitätsverweigertem Eskapismus am Lebensdasein mutwillig Massenmord begeht. Wenn es nur er wäre… Es bräuchte mehr, deren Haltung ist:

    Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will

    Das unendlich Faszinierende ist in jedem Fall, wie sehr sich dieses oder jenes Leben gegenseitig stützte, dazu verhalf, zu leben: Cyanobakterien, die mit ihrem photosynthetischen Nebenprodukt erst Schwefelbakterien den Weg bahnten; diese als Anzeiger für so viel Sauerstoff dienen, dass eventuell bis 1,2 Milliarden Jahre zurück eine vielzellige Evolution von Schwämmen denkbar wird; deren Existenznachweis nun immerhin schon bis 890 Millionen Jahre zurückweist. Die wiederum aber vielleicht doch nur eine Nebenlinie bilden, u.a. nervenlos, wohingegen die Quallen da wegweisender gewesen sein mögen.

    Hinzu die stete Frage, was als Leben eingepreist wird. Das Gros der Forschenden scheint sich (übermäßig) auf tierisches Leben zu versteifen und das auch erst so richtig in der Zeit der Kambrischen Artenexplosion anzusiedeln. Vereinzelte Eremiten in der Zeit sind dem vorausgegangen, doch ohne anständige 21% Sauerstoff wie in unseren hochtrabenden Zeiten taugte das noch nicht – was eine fehlgehende Vorannahme sein mag. Gerade deshalb, um Verwirrung zu stiften, habe ich den möglichen ländlichen Urpilz eingereiht, um die übliche Dichotomie aus Pflanzen (Flora) und Tiere (Fauna) aufzubrechen. Denn es gibt und hat gutmöglich länger als Pflanze und Getier schon Pilze gegeben, die dem Grünzeug vermutlich erst den Weg an Land bahnten, die Welt buchstäblich auflockerten. Ohne die Pilze hätte sonst niemand erfolgreich das Wasser verlassen können, sondern wäre elendig an Land verreckt. Und die Vorarbeiten über Jahrmilliarden durch die Mikroben, erst durch sie der Steinboden, hiernach die Atmosphäre zunehmend mit Sauerstoff angereichert wurde, wodurch sich sauerstoffaffin Neues ausbreiten konnte. Und inwieweit soll man (zumindest Riesen)Viren hinzuzählen, die über keine eigene Zelle verfügen, sondern nur eine Ansammlung von DNA oder gar bloß RNA sind. Viren, die sich zumindest als Retroviren bis in die DNA ihrer Wirte einschreiben und dort verewigen können. Reicht das schon? Alleine freilich nicht, aber wer ist schon so irre, sich unökologisch ein Leben isoliert vom Rest des Leben vorzustellen? Achja: Der Mensch! Fachausdruck hierfür – Obacht: Autopoiesis =Altgriechisch für Selbsterschaffung. Sich selbst erschaffen? Das ist doch reichlich schräg. Denn, um es fachausdrücklich noch weiter zu treiben: die Suche nach dem Urleben, dem allerersten Lebewesen auf Erden ist kausalitätsgetrieben verständlich, dorthin aber bis zu einer lebensurquellenden Singularität zu gelangen, ist meines Erachtens eine bloße Annahme, die es zu bestätigen gilt oder auch nicht. Warum sollte sich auf einer riesigen Erde, in diesem oder jenem Ton, dieser oder jener Heißen Quelle nicht parallel, und konvergent gleichzeitig Leben im Plural entstanden sein? Da und dort, ein eher so sowie ein eher anders geartetes Leben, das sich irgendwann traf und beschloss, ein gemeinsames Ökosystem auszubilden. Geteiltes Leid ist halbes Leid! Und wenn das rein zufällig passiert sein mag, als sich zwei Bakterien – nennen wir sie Cyano und Sulfado – trafen und es zu einem Gentransfer zwischen Einzellern kam, die sich sonst nur austauschlos vervielfältigen, so dann aber doch eine lebendige Dritte Macht schufen. Sonst ganz tabuverschämt Inzest vermeiden, um ihn singulär für das Leben zu postulieren – nunja.

    Um es mit der Perry Rhodan-Serie, der weltweit längsten und größten und umfangreichsten SF-Serie, auszudrücken, wobei anstelle der sog. Hohen Mächte (Ordnung und Chaos), wie sie sich nur zu gerne selber sehen und rufen lassen, per Copy-and-Paste der Homo sapiens und anstelle des Kosmos die Erde einzufügen wäre:

    [Wir] … wissen, dass das Universum längst nicht mehr von Ordnung und Chaos beherrscht wird, wie es in der Frühzeit der Schöpfung war. Sondern wir rechnen aus statistischer Sicht das Leben an sich längst hinzu. In seiner natürlichen Vielfalt, mit der Fähigkeit, jede noch so kleine Nische zu besetzen. Wir betrachten im Spiel der Mächte das Leben als dritte Kraft. Richtungslos, niemals übergreifend organisiert, amorph.

    Nur 21% aller Eingriffe innerhalb der Reichweite der Statistiker gehen auf die Kosmokraten zurück, für 16% aller Eingriffe sind die Chaotarchen verantwortlich. Nach den Beobachtungen der Pangalaktischen Statistiker gehen 63% aller Eingriffe in die kosmische Struktur des Universums von unabhängigen Mächten aus.

    Perrypedia zum Leben an sich

    Aber auch diesseits unserer Realität, wo Mensch sich als chaotischste Ordnung inszeniert, gibt das Leben den Takt auf Gaia vor, woran die Zwischenphase Anthropozän nichts ändern wird. Das Leben fand und findet seinen Weg und überwindet, ja besiegt am Ende nicht nur in Jurassic Park den Menschen! Life goes on and ever on!

    Bodenlos

    Hallo Mitwelt.

    Nach letztmaligem Missmut, einplastifiziert zu sein in einem life in plastic, tut nun ein Blick voraus Not und zwar ein visionärer, was möglich geworden sein wird. Nicht ins Jahr 2000 blicken wir zurück in die Zukunft, sondern wir reisen ins Jahr 2050, 29 Jahre hinkünftig, wenn die Freitags von Übermorgen nicht nur Märchen sind. Ein Rückblick aus dem Jahre 2050 auf das Jahr 2021 mag verhelfen, das Jetzthandeln mithilfe von imageneering wirkmächtig auszurichten, um Ermöglichungsräume zu schaffen.

    Es geht also um nachhaltiges Handeln, das vielfach schon jetzt möglich ist, jedoch von den Einzelnen noch gezielte Aufmerksamkeit, Bewusstwerdung des Möglichen abverlangt und zumeist auch noch mehr Geld kostet. Sprich, nachhaltig zu handeln, sich zu ernähren und kleiden – leben, ist NOCH ein Schwimmen gegen den Strom, ein Handeln entgegen die Beharrungskräfte der Strukturen unserer Externalisierungs- =Auslagerungsgesellschaft. Fokus heute allerdings auf der Ernährung und diese ermöglichende Land- und Viehwirtschaft. Es läuft auf die Frage hinaus, ob Ökolandbau Europa ernähren kann. Eine schon mehrfach mit Ja beantwortete Frage, weshalb sie als nicht handlungsleitend wegignoriert wurde. Ganz aktuell und Anlass für heutigen Beitrag jedoch eine Studie…

    1. Die Studie

    Die Studie “Reshaping the European agro-food system and closing its nitrogen cycle: The potential of combining dietary change, agroecology, and circularity“ – zusammengefasst in scinexx geht der Frage nach, ob und vor allem wie Europa (schon!) im Jahr 2050 nachhaltig ernährt werden könnte. Zentral bei der Betrachtung ist der Stickstoffkreislauf bzw. –zyklus, bei dem der Stickstoff aus der Atmosphäre, die er zu 78% ausmacht, kreisförmig in Lebewesen verstoffwechselt und wieder ausgeschieden wird und so zum „Brennstoff für die Biosphäre“ geworden ist. So wichtig und doch oxidativ auf Dauer tödlich der Sauerstoff ist, so aufbauend wirkt der Stickstoff als wesentlicher Bestandteil von Proteinen.

    Dass der Stickstoffkreislauf trotz seiner Engpässe funktioniert, zeigen Stoffbilanzen und Abschätzungen. Demnach wurde der verfügbare Stickstoff während der Erdgeschichte im Durchschnitt schon 900- bis 1000-mal von Lebewesen in ihrenKörper eingebaut und wieder ausgeschieden, während er jedoch rund 900.000-mal ein- und ausgeatmet wurde, ohne dass er dabei chemisch verändert wurde. Zum Vergleich: Der Luft- und ozeanische Sauerstoff der Erde wurde bisher im Durchschnitt rund 60-mal von der „Fabrik Leben“ benutzt, in Biomasse eingebaut und wieder ausgeschieden.

    Wikipedia

    Die Bedeutung für die „Fabrik Leben“ ist also kaum zu überschätzen, weshalb eine Landwirtschaft entlang dieses Zyklus zu denken nur – sozusagen – „natürlich“ wäre. Doch hat der weise Mensch sich aus diesem Äonen währenden Zyklus mutwillig ausgeklinkt, indem er massenhaft künstlichen Stickstoffdünger eingetragen hat und so die (Stick)Stoffkreisläufe in seinem – kurzsichtig-einäugigen Sinne manipulieren zu können glaubte. Die lange ignorierten Nebenfolgen treten zunehmend unübersehbar zutage (hierzu weiter unten noch: 2.1), weswegen sie nun wieder einzupreisen richtig innovativ und visionär ist (Sarkasmus!).

    Doch womit befasst sich die Studie nun eigentlich?

    Ein Team um Gilles Billen von der Universität Paris hat nun die landwirtschaftliche Entwicklung in Europa seit 1960 untersucht und analysiert, wie sich bis 2050 eine nachhaltige Landwirtschaft schaffen lässt, die alle Menschen in Europa ernähren kann. Einen Fokus legten die Forscher dabei auf einen möglichst effizienten Stickstoffkreislauf.

    scinexx

    Denn:

    „Die bisher zu beobachtende Entwicklung des europäischen Agrar- und Ernährungssystems ist durch eine niedrige Effizienz bei der Nutzung von Nährstoffen und durch schädliche Stickstoffverluste in die Umwelt gekennzeichnet, die die Wasser-, Luft- und Bodenqualität gefährden und zum Klimawandel beitragen“, erläutern die Forscher.<

    Scinexx

    Ihre Analyse des Status quo stellt ein Auseinanderdriften und Nebeneinherarbeiten von Land- und Viehwirtschaft fest; ein klassischer Fall von soziologisch so genannter Ausdifferenzierung bzw. Binnendifferenzierung, wo zunehmend spezialisierte Aufgaben von Teilsystemen des Ganzen für das Ganze funktional übernommen werden:

    Die Analyse von Billen und seinen Kollegen zeigt: Im Vergleich zu den 1960er Jahren ist die menschliche Ernährung stickstoffreicher geworden, enthält also mehr Proteine. Während 1961 nur 35 Prozent der aufgenommenen Proteine aus tierischen Quellen stammten, ist dieser Anteil bis 2013 auf 55 Prozent gestiegen. Zugleich hat sich die landwirtschaftliche Fläche in Europa verringert, was auf eine intensivere Bewirtschaftung der besten Flächen zurückzuführen ist.

    Außerdem ist eine zunehmende Spezialisierung zu beobachten, die dazu führt, dass Viehhaltung und Ackerbau mehr und mehr voneinander getrennt werden. Während die stickstoffreiche Gülle mancherorts zum Problem wird und das Grundwasser belastet, sind Bauern andernorts auf synthetischen Stickstoffdünger für ihr Getreide angewiesen.

    Scinexx

    Wären sie mal zusammengeblieben oder hätten sinnvoll miteinander kommuniziert, als getrennt voneinander für sich zu agieren. Ein sinnhafter Aufeinanderbezug wäre gewiss möglich gewesen… Um trotzdem eine nachhaltige Ernährung zu realisieren, muss das Kunstwerk auf drei, entgegen des Status quo eng vernetzten Säulen fußen. Von Nöten sind demnach:

    • “lange, diversifizierte Fruchtfolgen, bei denen stickstofffixierende Zwischenfrüchte wie Klee und Hülsenfrüchte dem Boden auf natürliche Weise Stickstoff zuführen“ (scinexx), was das Ende der monokulturellen Herrschaft auf den Äckern bedeutete,;
    • eine engere Verzahnung zwischen Ackerbau und Viehzucht, damit es hier zu einem „Geben und Nehmen“ von natürlich anfallenden Stickstoff (Dung-Dünger) nach Bedarf kommen und man auf Kunstdünger verzichten kann, sowie
    • weniger tierische Produkte in der Ernährung, die bzw. deren Produktion ein Haupttreiber der naturzerstörung sind. Ein „Ernährungsmix mit 45 Prozent Getreideprodukten, 15 Prozent frischem Obst und Gemüse, zehn Prozent Hülsenfrüchten und 30 Prozent tierischen Produkten wie Fleisch, Milch und Eiern“ (scinexx) ist demgegenüber empfohlen. D.h., dass der tierische Proteinanteil in der Ernährung auf bzw. sogar unter das Niveau von 1961 (35%) zurückzugehen hat.

    Das ergäbe folgende Sachlage:

    Da ein solches System eine weniger intensive Landnutzung erlaubt, würden die Ernteerträge geringer ausfallen als bisher, prognostizieren die Forscher. Ausgeglichen würde dies dadurch, dass ein höherer Anteil davon für die menschliche Ernährung zur Verfügung stünde. „Aktuell dienen 75 Prozent von Europas Getreideproduktion als Viehfutter, zusätzlich zu Importen aus den USA und Südamerika“, erläutern die Autoren.

    Würden die Tiere hingegen schwerpunktmäßig lokal ernährt, idealerweise mit Gras und den für Menschen schlecht verwertbaren Teilen von Getreidepflanzen, bliebe trotz geringerer Ernten ausreichend Getreide übrig. Die Tierbestände würden in dem von den Forschern vorgeschlagenen Szenario so reduziert, dass sie mit lokal nachwachsendem Futter auskommen und die produzierte Gülle daran angepasst ist, was im Ackerbau benötigt wird. So würde auch das Grundwasser geschont.

    Scinexx

    Summa summarum ernährten sich die Menschen gesünder, wäre Europa zum Selbstversorger geworden, hätte man eine ökologische, kontinentale Grenzen nicht überfordernde Land- und Viehwirtschaft ohne toxische Nebenfolgen etabliert, könnte so viel an Hinterherräumen sparen, leistete einen Beitrag zur Biodiversität auch auf und nahe den Äckern, müsste nicht länger ökosoziale Nebenfolgen durch die Produktion des Nahrungsbedarf auslagern. All das abverlangte jedoch eine Umstellungs- und Anpassungsleistung bei Produzenten wie Konsumenten, diese sich anders ernähren müssten, damit / weil jene anders produzieren.

    2. Hintergründe

    Zur Vertiefung ein paar Aspekte aufgegriffen und schlaglichtartig angeleuchtet, die zusammengefasste Studie voraussetzt.

    2.1 Am Stickstoff ersticken

    Wie steht es denn um den anthropogen manipulierten Stickstoffkreislauf, welche Auswirkungen zeitigt der Eintrag von Kunstdünger durch den Menschen in die Ökosystemen? Hierfür geblickt in ein schon 2015 publiziertes Gutachten des hiesigen Umweltrats (Sachverständigen Rat für Umweltfragen!), der der Bundesregierung fachberatend zur Seite steht. Scinexx berichtete, beim Umweltrat ist die Kurzfassung “Stickstoff: Lösungsstrategien für ein drängendes Umweltproblem“ einseh- und downloadbar. Demnach:

    Seit Jahren gelangen aus Landwirtschaft und Tierhaltung gefährlich viel Stickstoff in Wasser, Luft und Böden. Nitrat kann so das Trinkwasser erheblich belasten. Durch die Überdüngung vermehren sich außerdem stickstoffliebende Arten von Mikroorganismen, es kommt zu Algenblüten und einem Verlust der Artenvielfalt.

    Nicht zuletzt tragen Stickstoffverbindungen zum Klimawandel bei: Das Distickstoffmonoxid Lachgas entsteht zwar in vergleichsweise geringen Mengen, ist jedoch ein rund 300 Mal stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid. Es tritt ebenfalls aus Düngemitteln aus, entsteht jedoch auch in Verkehrs- und Industrieabgasen.

    Scinexx

    • 2009 waren beinahe die Hälfte der natürlichen und naturnahen Ökosysteme von Überdüngung betroffen;
    • etwa 27 Prozent des Grundwassers seien wegen eines zu hohen Nitratgehaltes in schlechtem Zustand;
    • die Effizienz der Stickstoffdüngung ist „stark verbesserungsbedürftig“, denn nur 60% des gedüngten Stickstoffs finden sich in den Endprodukten, sprich den pflanzlichen Proteinen wieder; weltweit ist das Verhältnis ausgebrachten Stickstoffdüngers zu geernteten Proteinen noch schlechter.

    Letzteres nennt man Verschwendung, weil man offensichtlich zu viel hat und nicht nachzudenken zu müssen meint. Düngertanks sind doch voll, wozu komplizierte Einsparverfahren umständlich ersinnen. Dabei…

    Senken ließe sich die Menge der Stickstoffemissionen auf mehreren Wegen: In moderneren Düngeverfahren etwa lässt sich der Zustand der Pflanzen zunächst überprüfen, so dass anschließend nur so viel Dünger ausgebracht wird, wie wirklich nötig ist. Auch lässt sich der Dünger so in den Boden injizieren, dass weniger Stickstoffverbindungen in die Atmosphäre ausgasen können. Die DUH fordert außerdem, alte Kohlekraftwerke abzuschalten und höhere Anforderungen an die Automobilindustrie zu stellen, um Stickoxid-Emissionen drastisch und wirkungsvoll zu senken. Nur so könnten sich Stickoxide in Städten reduzieren und die EU-Grenzwerte einhalten lassen.

    Scinexx

    Zur Möglichkeit einer Senkung der Kunstdüngung siehe Abschnitt 2.2; die Sache mit dem betrugsmäßig Mehr an ausgestoßenen Stickoxiden deutscher Vierräder erhält so nochmal eine ganz neue Dimension, die meiner Erinnerung von 2015 an so kaum je kommuniziert worden ist. Auch per Auspuff greift der Mensch in den Stickstoffkreislauf ein, nur leider wie meist unbedacht, wie mit Schrotflinte ziellos in den Wald hinein. Und wer hoffte, dass seit 2015 doch lange sechs Jahre proaktiven handelns vergangen sind: bezüglich Nitrat im Grundwasser leider nein. Es scheint, als hätte man es in die Hände des euphemistisch Verkehrs- genannten Immobilitätsministeriums gelegt, das es seither ausgesessen hat. Denn die deutsche Handlungshomöopathie hat zu einer angemahnten Strafzahlung durch die EU-Kommission geführt, die längst ratifizierte Vorschriften einzuhalten erwartet. „Nur ein kleines Problem“…

    Aktueller die 2020 erschienene
    Nature-Studie: “A comprehensive quantification of global nitrous oxide sources and sinks“, wiedergegeben nach Br online. Die Studie konzentriert sich allein auf Distickstoffmonoxid / Lachgas, das 100-120 Jahre in der Atmosphäre verbleibt und dreihundertmal so stark aufs Klima einwirkt wie CO2; eine Tonne lachgas entspricht folglich 300 Tonnen CO2.

    Das eingerechnet, macht Lachgas derzeit etwa sieben Prozent derTreibhausgasemissionen aus, nach Kohlendioxid (rund siebzig Prozent) und Methan (zwanzig Prozent). Aber anders als CO2 oder Methan kann Lachgas nicht so leicht eingespart werden. Denn der Großteil des Distickstoffmonoxid-Ausstoßes stammt aus der Natur – Böden und Ozeane emittieren fast 10 Millionen Tonnen Lachgas pro Jahr[…]

    Doch der vom Menschen verursachte Anteil an den N2O-Emissionen nimmt beständig zu[…] In den vergangenen vier Jahrzehnten hat er sich um dreißig Prozent gesteigert auf inzwischen 7,3 Millionen Tonnen pro Jahr. Das sind über vierzig Prozent der jährlichen Lachgas-Emissionen.

    Es wird immer mehr Lachgas freigesetzt: In den vergangenen 150 Jahren hat die Menge von Lachgas in der Atmosphäre um zwanzig Prozent zugenommen. Auch der N2O-Ausstoß steigt – Inzwischen um zwei Prozent pro Jahrzehnt.

    BR online

    Man beachte dringend: in 150 Jahren ein Anstieg um 20%, aktuell Anstiege um 2% pro Jahrzehnt. Da 150 Jahre 15 Jahrzehnte sind, 20 aber nicht die neuen 30%, muss der Anstieg lange ausgeblieben oder weit unter 2% gelegen haben; andersherum droht es gerade steil abzugehen, sprich Lachgas geht exponential! Wo sind die Lauterbäche, wenn man sie braucht, um die Kurve abzuflachen??? Und fatal, dass es just jetzt anzieht, wo der Mensch proaktiv intensiv mitspielt, es also zunehmend (momentan besagte 40% Mittäterschaft) seine Spielweise ist. Nur die gewieftesten Verdränger können noch unbeteiligt weggucken.

    Rund 17 Millionen Tonnen werden jährlich emittiert, was beim Faktor 300 rund 5,10 Milliarden Tonnen CO2 entspräche – ein beachtlicher Batzen, der umso relevanter wird, da Lachgas nicht nur ein Treibhäuslebauer ist. Nein, es wirkt sich auch noch ungut auf die Ozonschicht aus (science.ORF.at):

    Der Polarwirbel ist ein Tiefdruckgebiet in der Stratosphäre in 15 bis 50 Kilometern Höhe, das sich in jedem Herbst über der Arktis bildet und unterschiedlich lange über den Winter bis in das Frühjahr hinein bestehen bleibt. Die Dichte der Ozonschicht über der Arktis schwankt im Jahresverlauf und erreicht stets im Frühjahr ihren geringsten Wert. Im Frühjahr 2020 war von „Mosaic“-Forschern ein Rekordverlust registriert worden: Im Höhenbereich des Ozonmaximums waren demnach etwa 95 Prozent des Ozons zerstört. Die Ozonschicht-Dicke sei dadurch um mehr als die Hälfte reduziert worden – obwohl die Konzentration ozonzerstörender Substanzen seit der Jahrtausendwende sinke.

    […] Der komplexe Mechanismus dahinter sei zumindest teilweise bekannt, hieß es vom AWI: Dieselben Gase, die an der Erdoberfläche zur globalen Erwärmung führen, fördern demnach eine Abkühlung der höheren Luftschichten in der Stratosphäre. Vermutlich trügen auch Änderungen in den Windsystemen im Zuge des Klimawandels zu den tieferen Temperaturen im Polarwirbel bei.

    Science.ORF.at

    Obwohl man direkt schädigende Gase wie allen voran FCKW hat ausmerzen können, hat Mensch es geschafft, auf reichlich indirekten Wegen die identische Wirkung zu bewirken. Mensch gibt nicht auf und lässt sich von einem kaputten Ozonloch doch nicht vorschreiben, wann er was zu emittieren hat! Und nein, die Arktis ist wettertechnisch nicht fern genug – dort defekte Ozonschicht kann bis nach Europa hinein wabern. Keine guten nachrichten für Sonnenanbetende.

    Und dann noch das: Mikroorganismen halten sich AUCH nicht an die Vorschriften – die Denitrifikation,die Verwertung von Nitrat zu Stickstoff oder auch Lachgas, verläuft anders. Letzteres, so die langzeitige Annahme, entweiche nur von feuchten Böden, nur in denen es lustig gärt. Nein, Mikroorganismen bekommen das auch in trockenen Böden hin, erst recht wenn sie wiederbefeuchtet werden. Nur gut, wenn wir feuchte Moore austrocknen und die Evapotranspiration den Rest übernimmt. Trockengebiete, gelegentliche Starkregen – das Beste vom Besten.

    2.2 Bioeffektoren statt Stickstoffdünger

    Wie angedeutet, gibt es sehr wohl bereits bekannte Möglichkeiten, zumindest mal den Kunstdüngeraustrag zu minimieren. Spannend hierzu das Scinexx-Dossier von 2019 “Wege aus dem Düngerdilemma gesucht: Bioeffektoren könnten die Landwirtschaft umweltfreundlicher machen“:

    Das Problem ist klar: Auf unseren Feldern und Äckern werden zu viel Dünger und Gülle ausgebracht. Die Folge sind überdüngte Gewässer, verunreinigtes Grundwasser und andere Umweltschäden. Doch ganz ohne Dünger geht es auch nicht, wenn man hohe Erträge möchte. Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma könnten Wissenschaftler nun gefunden haben.

    Das Konzept: Man nutzt bestimmte Mikroorganismen und bioaktive Substanzen, um die Nährstoffaufnahme der Pflanzenwurzeln zu verstärken. Durch solche Bioeffektoren können die Pflanzen den vorhandenen Dünger besser ausnutzen. Als Folge müssen die Bauern weniger düngen, erreichen aber trotzdem hohe Erträge. Gleichzeitig bleibt im Boden weniger ungenutzter Dünger übrig, der Gewässer und Grundwasser belasten könnte.

    Scinexx-Dossier

    Das Problem beim Fachbegriff benannt: Eutrophierung, Altgriech.: „gut nährend“, womit die unerwünschte, weil unkontrolliert übermäßige nährstoffliche Anreicherung von Ökosystemen gemeint ist, im Speziellen die anthropogene (menschverursachte) Version davon. Dadurch steigert sich die sogenannte Primärproduktion, sprich die Biomasse nimmt durch Pflanzenwachstum zu. Und weil das für auf Wachstum getrimmte Menschen pauschal einfach immer gut ist, hat das auch quasi niemanden gestört. EINE Folge ist jedoch die Sauerstoffzehrung, die Sauerstoffverbrauchsrate wie nur der Deutsche auch sagt. In Gewässern ist sie ein wesentlicher Anzeiger dafür, wie es um die Aktivität der aquatischen Lebewesen bestellt ist. Je höher die Rate, desto aktiver die Aquas, umso ausgezehrter der Sauerstoff. Bis es kippt und hypoxisch wird.

    Aber zurück zu den besagten Bioeffektoren, die Abhilfe bei Kunstdünger versprechen:

    Weil der Nachschub für mineralische Dünger knapp und aufwendig herzustellen ist, sind Alternativen gefragt. Erste Lösungsansätze sind Alternativen auf Recycling-Basis. Zu diesen gehören kompostierter Haushaltsabfall, Aufbereitete Rückstände aus dem Abwasser, Aschen, Stallmist, Gülle, Abfallstoffe aus der Tierverwertung und Gärrückstände aus Biogasanlagen.

    „Ein Problem besteht hier vor allem darin, dass die nötigen Nährstoffe in diesen Düngern häufig nicht durchgängig in ausreichender Menge vorhanden oder pflanzenverfügbar sind“, erklärt der Pflanzenphysiologe Günter Neumann von der Universität Hohenheim. „Sie werden durch die Aktivität von Bodenorganismen erst langsam freigesetzt und können auch pflanzenschädliche Nebenwirkungen entwickeln.“

    Scinexx-Dossier

    Bioeffektoren sind aber anderen Kalibers, auch weil zuvor genannte Optionen nicht in ausreichender Menge verfügbar sind oder das sehr unstet je Region. Daher kommen für Bioeffektoren in Betracht:

    Einen anderen Ansatz verfolgen deshalb Günter Neumann und sein Team. Sie setzen auf sogenannte Bioeffektoren. Dies sind Mikroorganismen wie zum Beispiel Bakterien und Pilze, aber auch bioaktive Substanzen aus organischen Extrakten, die die Pflanze bei der Aufnahme von Nährstoffen aus Boden und Dünger unterstützen.

    [..]Der große Vorteil: Weil die Pflanze die vorhandenen Ressourcen effektiver nutzt, wird weniger zusätzlicher Dünger benötigt. „An der Wurzel platziert können Bioeffektoren den Pflanzen helfen, durch Förderung des Wurzelwachstums oder durch Mobilisierungsprozesse leichter an die Düngernährstoffe heranzukommen und diese effizienter zu nutzen“, erklärt Neumann. „Dadurch muss weniger Dünger ausgebracht werden.“ Das gelte sowohl für organische als auch für Mineralstoffdünger.

    Scinexx-Dossier

    Eine wahrlich mindestens radikale, wenn nicht gar revolutionäre Innovation
    – nur rund >450 Millionen Jahre verspätet, was sich Homo sapiens im Hirn ausgebrütet hat. Gut Ding will Weile haben, eine biopsychosoziale Entschleunigungsstrategie #SapiensExklusive. Denn schon während der ersten Grünen Revolution, dem Landgang der Pflanzen, hatte sich titellose Evo Lution solch symbiotische Tricks schon ausgedacht:

    Eine „Freundschaft“ bildete offenbar die Grundlage der grünen Revolution auf unserem Planeten: Forscher präsentieren neue Hinweise darauf, dass die pflanzliche Besiedlung des Landes vor rund 450 Millionen Jahren durch eine symbiotische Beziehung mit Pilzen möglich wurde. Sie konnten zeigen, dass sogar die simplen Lebermoose – die als lebende Fossilien gelten – ihren Pilzpartnern Lipide als „Handelsgut“ anbieten – ähnlich wie die hochentwickelten Pflanzenarten. Bei Algen gibt es die entsprechende Lipid-Biosynthese hingegen nicht. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass dieses System auf die Zeit zurückgeht, als die ersten Gewächse mit der Unterstützung ihrer Pilzpartner das Land ergrünen ließen.

    Zitiert nach wissenschaft.de

    Kein Grund, traurig zu sein, dass es höchstens auf menschmikroskopisch kleiner und kurzbelebter Ebene wie eine Innovation erscheint, was evolutionärer Standard immer schon war. Aber gerade dank bald halbmilliardenjähriger Erprobung darf das Verfahren als gut erforscht und sicher gelten, auch wenn man sich bei der Erfassung der detailreichen Komplexität noch schwer tut. Daten unzureichend für sinnvolle Antwort Nicht aufgeben – wird schon!

    2.3 Erhöhter Ökoflächenbedarf?

    Nicht immer jedoch ist Biolandbau, der ohne Stickstoffdünger auskommt, eine Lösung. Denn durch den erhöhten Flächenbedarf sind oft zusätzliche Lebensmittelimporte notwendig, die im schlechtesten Fall sogar zu höheren Treibhausgasemissionen führen.

    Scinexx zur unter 1. Genannter Studie

    Passend hierzu eine Nature Communications-Studie: „The greenhouse gas impacts of converting food production in England and Wales to organic methods“ – Zusammenfassung nach Daniela Albat bei scinexx. Stand 2019 will man ergründet haben:

    Öko-Dilemma: Der Umstieg auf ökologische Landwirtschaft hilft zwar der Natur, wirkt sich aber nicht unbedingt positiv auf das Klima aus. Wie eine Studie am Beispiel von England und Wales zeigt, kann es im Gegenteil sogar zu einem vermehrten Ausstoß von Treibhausgasen kommen. Schuld ist der erhöhte Flächenbedarf des Biolandbaus. So müssen bei einer Umstellung auf „Bio“ in diesen Ländern mehr Lebensmittel aus dem Ausland importiert werden. Trotz regionaler Einsparungen steigen die Emissionen dadurch insgesamt an, berichten die Forscher im Fachmagazin „Nature Communications“.

    Scinexx

    Bei Bedarf ebenda selber weiterlesen. Meine skeptische Formulierung „will man ergründet haben“ lässt schon durchklingen, dass ich die Annahmen, gesetzten Axiome, für fragwürdig bis schlicht falsch halte. Siehe den rant (nicht nur;-) ) in Abschnitt 4 Die Forscher*innen implizieren und unterstellen mehrere Invarianten, unveränderliche Gegebenheiten, als wären sie naturgegeben nicht anders möglich, obwohl sie kontingent, anders möglich sind. Denn egal welche Art von Landbau, konventionell oder Öko, in jedem Falle ist es nicht unveränderbar „natürlich“, sondern stets menschengemacht „kultürlich“! Nichts MUSS so, dass man zwangsweise massenhaft importieren müsste, nur weil Ökolandbau etwas mehr Fläche einnimmt für identischen Ertrag. Externalisierungsgesellschaft ist kein Schicksal, sondern nur eine Bequemlichkeit. Außerdem irreführend – errare humanum est – sind die angebauten Pflanzen…

    3. Mix statt Mono

    Was soll denn nun mit denen schon wieder nicht stimmen? Von mangelnder Robustheit gegen klimakrisenhafte Neuzustände und damit einhergehender altbekannt intensivierter oder neu aufkommender Krankheiten abgesehen? Sie sind ausschließlich auf Ertrag, also auf exzessives, erntefreundliches Wachstum gezüchtet, was ohnehin schon den Fokus weglenkt von u.a. Abwehrkräftigkeit. Einst prima, um der Malthusianischen Falle entgangen zu sein. Vor allem sind sie aber auch auf Monokultur gezüchtet, sollen also tunlichst in monokulturellem Anbau allein unter sich und ihresgleichen wachsen und ertragreich gedeihen. Monokulturelle Ertragsoptimierung kurzum. Versuche, mit samenfesten Sorten die Ernährung zu sichern, sind ein vergleichsweise neuer oder neubelebter Trend, alte Kulturpflanzen sozusagen wiederzubeleben und sie wegen größerer Robustheit, Widerstandsfähigkeit bei zugegeben geringerem Ertrag, dafür i.a.R. besserem Geschmack in Umlauf zu bringen. Das wider den Widerstand monokulturalisierter Konzernstrukturen, die in großem Maßstab die OptiPlants hergestellt haben und deren nicht samenfesten Anbau profitabel kontrollieren.

    Hierzu eine Nature Plants-Überblickstudie: „Syndromes of production in intercropping impact yield gains”, worüber science.ORF.at berichtet. Was in obiger Fokusanker-Studie (Abschnitt 1) eine der drei fundamentalen Säulen ist, nämlich der Zwischenfruchtanbau, wird in dieser Studie nun näher beäugt.

    Beim Intercropping oder Zwischenfruchtanbau wachsen auf einem Feld gleichzeitig zwei oder mehr Kulturen: Einige Reihen Mais wechseln sich beispielsweise mit einigen Reihen Bohnen ab. Die Pflanzen profitieren vielfach von der Nähe zu anderen Kulturen, die Bodenbeschaffenheit verbessert sich, und die Erträge wachsen.

    science.ORF.at

    Wichtig: Die Studie hat NUR die konventionelle Landwirtschaft betrachtet, weil… Sonst ein Teil der Antworten die Konventis verunsichert hätte? Im Ergebnis kam raus, wenn man Intercropping betreibt, erhält man

    • pro Hektar im Schnitt und quer durch die angebauten Pflanzensorten EINTAUSENDFÜNFHUNDERT KILOGRAMM mehr Ertrag als auf Monokulturwüsten!<
    • DAS VIERFACHE an Ertrag, wenn Mais eine der mitangebauten Mischwächsler gewesen ist.

    Der gewagte Schluss, der gewiss noch näher zu erforschen ist (Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme): „Zwischenfruchtanbau sei also ein wichtiger Schritt für die konventionelle Landwirtschaft“. Hört, hört! Zum Glück gibt es die Wissenschaft, die Wissen schafft, sonst hätten wir es nicht gewusst.

    Ergebnisse, die den Agrarökologen Michael Hauser nicht überraschen. Er forscht derzeit in Kenia am ICRISAT, einer Forschungseinrichtung, die Lebensbedingungen und Ernährungssicherheit in Subsahara-Afrika verbessern möchte. Beim Zwischenfruchtanbau handle es sich um eine alte Technik, die nun von der industriellen Landwirtschaft entdeckt werde. „Das Intercropping haben nicht Wissenschaftler entwickelt, sondern Bäuerinnen und Bauern über viele Jahrhunderte hinweg“, so Hauser.

    science.ORF.at

    “entdeckt“ wie Kolumbus das indigen seit Jahrtausenden bewohnte Amerika? Nennt man sonst raubkopierende Piraterie, wenn es bspw. die bösen Chinesen als Gelbe Gefahr plagiierend wagen. Stellen Wissenschaftler Offensichtliches aus dem Kulturellen Gedächtnis der Menschheit hingegen fest, ist es eine Innovation. Mal drüber nachdenken, was das über die Kulturelle Demenz des Westens aussagt. Denn:

    Im 18. und 19. Jahrhundert sei der Zwischenfruchtanbau auch in vielen Regionen Subsahara-Afrikas weit verbreitet gewesen, so Hauser. Doch die Kolonialherren stellten die Technik unter Strafe, weil sie ihrer Vorstellung einer korrekten Landwirtschaft widersprach. Dabei habe das Intercropping gerade in trockeneren, klimatisch unberechenbareren Regionen entscheidende Vorteile, erklärt Hauser.

    science.oRF.at

    UNTER STRAFE, weil keine KORREKTE LANDWIRTSCHAFT? Zum Fremdschämen, ich bin zutiefst entsetzt und kann für diese ***** Vorfahren nur um Gnade bitten. Sie waren imperial-zivilisatorisch schwer psychotisch und der Realität evidenterweise entrückt[1]. Jüngst ein SWR2-Wissen von 2010 zufälligerweise nochmal nachgehört. Nicht mehr online verfügbar, schade. Da ging es um einen australischen Waldmacher, der gegen das koloniale Erbe in Afrika ankämpfte. Denn besagte Psychotiker hatten der indigenen Bauernschaft den irren Gedanken eingepflanzt, Bäume auf und an Äckern seien schädlich, würden den Boden aussaugen und auslaugen und gehörten massenhaft abgeholzt. Denn viel wichtiger stattdessen der Anbau von Exportfrüchten für die Kolonialherren! Das liegt auch auf der Hand – was auch sonst! Dumm nur, dass in totaler, pervertierter Verkehrung realer ökologischer Umstände Bäume wesentlicher Biotopanker für ein gedeihlichen Acker sind, Schattenspender für kleine Pflanzen, wurzelnde Bodenauflockerer, Wasserbeschaffer usw. usf. Also bloß das zuvor auch vor Ort traditionale Wissen für dumm verkauft und das Gegenteil gepredigt[2]. Und jetzt plagiierende Wissenspiraterie, die als große Innovation den wohlklingenden Marketingsprech Intercropping erhält, um für Hipster anschlussfähig zu werden.

    Überlebenswichtige Vorteile des hipstercoolen Intercropping nämlich:

    Weil sich die Bäuerinnen und Bauern beim Zwischenfruchtanbau nicht auf eine einzige Kultur fokussieren, sinkt das Risiko für komplette Ernteausfälle. Darüber hinaus stehen den Menschen in der Region unterschiedliche Nutzpflanzen und damit Nahrungsmittel zur Verfügung, das verbessert die Versorgung mit Nährstoffen. Das gilt vor allem für Hülsenfrüchte, wie Bohnen oder Linsen, die proteinreich sind und im Zwischenfruchtanbau besser gedeihen.

    Durch die Mischkultur haben die Menschen gerade in ärmeren Ländern die Möglichkeit, teurere Produkte wie Hirse anzupflanzen und größere Gewinne zu machen, weil die Risiken eben insgesamt kleiner sind. „Das heißt, Intercropping ist bei Weitem nicht nur vorteilhaft für die industrielle Landwirtschaft, aber die entdecken diese Vorteile eben erst jetzt“, so Hauser.

    science.ORF.at

    Ergänzend eine weitere Nature Plants-Studie:“ Diversity increases yield but reduces harvest index in crop mixtures”, wissenschaft.de berichtet.

    Vor allem im ökologischen Gemüseanbau und in Privatgärten nutzt man […] bereits die Vorteile der Mischkultur: Dabei wechseln sich Reihen von Möhre, Zwiebel, Salat und Co ab – mehrere Nutzpflanzenarten oder Varietäten werden nebeneinander angebaut.

    Dabei kommt ein natürliches Prinzip zum Tragen: Ökosysteme können ihre Funktionen besser erfüllen und mehr Biomasse bilden, wenn die Artenvielfalt groß ist. Der positive Effekt auf die Pflanzenproduktivität ist dabei auch bereits im Fall von Agrar-Ökosystemen bekannt: „Forschung in landwirtschaftlich genutztem Wiesland hat gezeigt, dass vielfältigere Wiesen produktiver sind als solche, die nur aus einer oder wenigen angesäten Arten zusammengesetzt sind“, sagt Christian Schöb von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Für den Ackerbau gab es aber bisher kaum vergleichbare Studien. Deshalb haben Schöb und seine Kollegen nun untersucht, inwieweit sich Mischkulturen auch im Anbau von Pflanzen günstig auswirken, bei denen der Samenertrag im Vordergrund steht.

    wissenschaft.de

    Auf zwei Experimentalanbauflächen – in der Schweiz sowie in Spanien – wurden in festgelegten Reihen und Abständen zwei bis vier Pflanzen pestizid- und düngerfrei kombiniert: Weizen, Hafer, Koriander, Quinoa, Linsen, Lupine, Lein und einen Verwandten des Raps. Ergebnis:

    Der Vergleich mit den Samenerträgen der gleichen Pflanzenarten in Monokultur ergab: Schon ab Mischungen von zwei Arten stieg er um drei Prozent in Spanien und um 21 Prozent in der Schweiz. Säten die Forschenden vier Arten nebeneinander an, betrug der Mehrertrag sogar 13 beziehungsweise 44 Prozent in Spanien und der Schweiz. Den erzielten Mehrertrag führen die Forscher auf den Biodiversitätseffekt zurück. Es zeichnet sich demnach ab, dass auch bei diesen Ackerkulturen die Vielfalt eine bessere Ausnutzung der verfügbaren Ressourcen ermöglicht und vor allem eine bessere, natürliche Kontrolle von Schaderregern.

    Wie die Forscher weiter berichten, zeichnete sich auch ein überraschend wirkender Effekt der Mischkultur ab: Die Pflanzen bilden mehr Blätter und längere Stängel aus als in Monokultur. Insgesamt entstand dadurch mehr Biomasse. Dabei gilt allerdings: Die Investition in die vegetativen Pflanzenteile geht tendenziell zulasten der Samenproduktion. Dennoch bleibt es aber durch das insgesamt stärkere Wachstum bei dem Vorteil, betont Schöb: „Trotz allem führte die Mischkultur unterm Strich zu mehr Samenertrag als in der Monokultur“.

    Wissenschaft.de

    Die Erklärung für diese Beobachtung:

    Bei dem Effekt, das die Pflanzen mehr Energie in den Aufbau von vegetativer Biomasse investierten, könnte es sich den Forschern zufolge auch um eine Nebenwirkung der Zucht der verwendeten Sorten handeln. Denn deren Ertrag wurde dabei nur bei einem Wachstum unter ihresgleichen optimiert. Im Umkehrschluss scheint es somit möglich, dass das Potenzial für Mehrertrag mit Saatgut, das an Mischkulturen angepasst ist, noch besser ausgeschöpft werden kann, sagen die Wissenschaftler. Zurzeit gibt es jedoch keine Saatgutproduzenten, die Sorten speziell für den Einsatz in Mischkulturen anbieten.

    Damit die Mischkultur sich im Anbau durchsetzen kann, ist aber auch ein weiterer Aspekt wichtig, heben die Forsche abschließend hervor: Es sind Maschinen notwendig, die gleichzeitig verschiedene Nutzpflanzen ernten und das Erntegut trennen können. „Solche Maschinen gibt es bereits, aber sie sind noch die Ausnahme und teuer, wohl weil sie bislang wenig nachgefragt wurden“, sagt Schöb. Durch die Kombination von optimiertem Saatgut mit geeigneten Maschinen könnte sich der Anbau von Mischkulturen aber letztlich für viele Landwirte lohnen, meint der Agrarforscher.

    Wissenschaft.de

    In kolonialherrlichem Eskapismus hat man vorhandenes Wissen exnoviert, zu erlernter agrarischen Hilflosigkeit geführt und in irrläufiger Pfadabhängigkeit Pflanzen sowie (Ernte)Technik antiökologisch optimiert und ist bass erstaunt, wieso das Naturverhältnis nun so defekt ist. Chapeau! Danke naturzerstörend verklärende Aufklärung; Danke Industrialisierung; Danke Modernisierung; Danke erleuchteter Westen!

    4. Ein Rant – Flächenverbrauch =Weltverbrauch

    Weil ich nun schon so in Fahrt bin und das Entsetzen über die weltverweigerte Einsichtnahme so groß ist, kann ich doch glatt einen rant anschließen!:-P

    Man könne sich, so die perpetomobile Behauptung, hierzulande (Europa, dem Westen) Ökolandbau nicht oder nur in geringem Anteil LEISTEN, weil sonst ein Mehr zu viel werde, unanständig viel Fläche fresse, die man nicht habe. Und weil man die nicht habe, müsse man dann zwangsweise schicksalhaft-alternativlos – TINA – Überlebensnotwendiges wie Avocados, Mangos, Bananen, Ananas, Krokodilsteak, Straußenfilet, Tabak… importieren. Welch Drohung! Weil man das mit totaler Selbstverständlichkeit tagein, tagaus seit Jahrzehnten macht, bedenkenlos macht, ist das natürlich der ultimative Einspruch wider diesen landfressenden, alles wie eine Lawine unter sich begrabenden Ökolandbau. Der frisst uns buchstäblich das Land unter den Füßen weg. Und unser Land ist uns heilig, weshalb das freilich inakzeptabel ist, dass Ökolandbau unsere steten hegenden und pflegenden Anstrengungen zunichtemacht. Da kann man wirklich nur noch aus purer Verzweiflung auf Exklaven ökofreier Besinnlichkeit hoffen, die nicht unter dem Joch einer Ökosystemdiktatur stehen.

    Wenn es so wäre… Es ist gewiss ehrenhaft, dass sich solcherlei Vorsprecher so rührselig um den Boden sorgen und sich als Apologeten im Kampf gegen Landfraß …. MOMENT! Der landfraßterrorist Ökolandbau erhält die Rote Karte gezeigt, während diejenigen Schiedsrichter noch nie in vorderster Aktivistenfront gegen tagtäglichen landgefräßigen Flächenverbrauch gesichtet worden sind?

    Unter Flächenverbrauch versteht man die Umwandlung insbesondere von landwirtschaftlichen oder naturbelassenen Flächen in „Siedlungs- und Verkehrsfläche“. Flächenverbrauch ist damit eine spezielle Form der Änderung vonLandnutzung, und zwar einerseits Verlust von landwirtschaftlicher Nutzfläche und natürlichen Lebensräumen, andererseits Erweiterung von Siedlungs- und Verkehrsflächen. Eigentlich wird die Fläche nicht verbraucht, sondern anders genutzt und „in Anspruch genommen“.

    Wikipedia

    “Verlust von landwirtschaftlicher Nutzfläche und natürlichen Lebensräumen“ ist alltäglich praktizierter Usus? Ist der unhinterfragte, verbal verheimlichte, standardmäßige way of life? Gehört zur soziokulturellen DNA einer etwas auf sich haltenden Modernen Gesellschaft? Ein jedtägliches Weniger an landwirtschaftlich nutzbarer sowie naturwüchsig belebter Fläche wird – nicht einmal achselzuckend – stumpfsinnig hingenommen, während man studienweise langatmig Ressourcen verschwendet, dem Ökolandbau ein Mehr an Flächenbedarf nachzuweisen? Noch so sinnbefreit, ziellos unabgesprochen wird zubetoniert, zuzementiert, wie man es sich passend macht, um dann zu verkünden, hier sei kein Platz für Ökolandbau? Mir fehlen passende Worte, das nicht justiziabel auszudrücken

    Flächenverbrauch, der korrekt nichts als Landfraß zu nennen ist, ist nur eine Unterform des Landverbrauchs. Diesen jenseits nationaler Container gedacht, mündet in der einen einzigen globalisierten Welt – nach Peter Sloterdijk – in

    Weltverbrauch als Folge unserer modernen Lebensform des aktivischen Konsumismus oder konsumistischen Aktivismus. In seinem letzten BuchDie schrecklichen Kinder der Neuzeit sieht Sloterdijk diese Geisteshaltung schon mit der Aufklärung und dem Aufstieg des Bürgertums nach der französischen Revolution entstehen. Die seit dem gewollte bürgerliche Gleichheit hat global betrachtet ein ganz großes Problem: Ihr Versprechen bringt unbezahlbare Kosten und „mengentheoretische Pradoxien“ mit sich:

    Nach Geist und Gegenwart: Eine Übung für schreckliche Kinder ohne Zukunft

    Weil man sich wie Langoliers der Gegenwart nur so über die gesamte Welt frisst, dass der ökohochverschuldete Welterschöpfungstag außer in pandemischen Zeiten jährlich früher kommt, man mit dem nichtökologischen Beackern der Welt bloß schon mehrere Erden bräuchte, ist es der Ökolandbau, der über Gebühr maßlos viel Lebenswelt verbraucht. Schön, wenn man einen Sündenbock gefunden hat, auf den man mit billigem Ablasshandel sein Versagen ablagrn kann. Ich spitze zornig noch mehr zu: es ist auffallend, dass in Abschnitt 2.3 zitierte Studie aus UK kommt, einem infolge von Brexit und Co re-imperial träumenden Land, das alter Größe nachzutrauern scheint. Vielleicht täte da ein Blick ins Johari-Fenster Not und gut, damit der lange Schatten eigener imperialer Lebensweise ins Licht kommen kann. Ein kurzsichtiger Duktus, den gewiss nicht nur ehemalige Imperialisten nachpflegen. Da verwundert es nicht, dass und wie sehr Pankaj Mishra wie immer noch gepflegte „imperiale Arroganz“ scharf anprangert. In totaler Unwilligkeit, zunächst auch nur daheim mal „aufzuräumen“, lagert man ökosoziale Folgen des eigenen Lebensstils freimütig aus und hofft auf genug Weiße Flecken auf endlicher Erdenkarte, damit es irgendwie passt.

    Nur zu passender, ausgezeichneter Beitrag bei Wissenschaft im Brennpunkt des DLF:Andrea Hoferichter: „Bodenversiegelung – leben und Sterben unter dem Asphalt“:

    Wird der Lebensraum von Bienen, Eisbären oder Nashörnern vernichtet, ist die Empörung groß. Doch die Grundlage für die Vielfalt über Tage ist jene im Untergrund. Täglich werden unzählige Bodenlebewesen unter Asphalt, Beton und Pflastersteinen begraben. Welche Folgen das hat, ist nur wenigen klar.

    Bodenversiegelung als die vielleicht offensichtlichste Form des Landfraßes. In einem land vor unserer Zeit (5G, Smartphones), am Anfang des Jahrtausends wollte ein gallisches Regierungsdorf den deutschen landfraß auf endlichem Staatsgebiet von 120 Hektar auf 30 runterregulieren. Das bis 2020, also innerhalb von gut 15 Jahren um 75 auf nur noch 25% des damaligen Niveaus. Ein Jahr später liegt der Landfraß bei 60 Hektar, was nur minus 50% entspricht, nur die Hälfte des anvisierten Zieles ist. Es ist also zu einer unbedeutenden Zielabweichung gekommen, den Zielwert nur zum Negativen doppelt übertroffen. Da würde ich ein mangelhaft ausssprechen, obwohl ich das für ungenügend halte. Achja, besagte Hektar Landfraß …:

    30 Hektar Boden verschwinden in Deutschland jeden Tag unter Asphalt, Beton oder Pflastersteinen. Für neue Wohnhäuser, Gewerbegebiete, Parkplätze, Straßen. Ein artenreicher Lebensraum wird begraben.

    Andrea Hoferichter DLF

    TÄGLICH! Nur in Deutschland! Und wer kein strammer Neonationalsozialist ist, ahnt, dass Deutschland ein auf 357qkm begrenzter Staat ist und bleibt. Da kommt nichts einfach so hinzu, weil alles wegzementiert und man doch noch bräuchte… Und wehedem, man landfräßt guten, so richtig guten, weil lebhaftesten Boden weg:

    „Also wir haben für solche fruchtbaren Böden keine Ausgleichsmaßnahmen im Grunde. Oder Sie müssen eben die Fläche eben fünfmal so groß oder dreimal so groß machen, um ein gleiches Ertragspotenzial zu haben. Und dann haben Sie auch die dreifache Belastung durch Bewirtschaftung. Vielleicht müssen Sie da auch mehr Pestizide, mehr Dünger einsetzen, um das überhaupt auf das Niveau zu heben. Also es ist unverantwortlich, einen hoch produktiven Boden zu versiegeln.“

    Volkmar Wolters nach Andrea Hoferichters DLF-Beitrag

    Begräbt man lebendig besten Boden, was man sich hierzulande freimütig als „Veredelung“ herausnimmt, dann ist er abgetötet, ermordet, tot und nicht frankensteinartig revitalisierbar – nicht mal als Monstrum.. Zur Veranschaulichung:

    Zumal sich hinter dem staubtrockenen Begriff „produktiver Boden“ eine höchst lebendige Welt verbirgt: Mikroben, Tausendfüßer und die Larven von Insekten; Asseln, Springschwänze, Milben, Regenwürmer – in einer Handvoll Erde leben mehr Organismen als Menschen auf dem Planeten. „Da gibt es so welche, die sehen fast aus wie so kleine Nilpferdbabys und so kleine Kugeltypen. Auch die Fadenwürmer, tolle Tiere. Und Einzeller, das sind zum Beispiel schöne Aufnahmen von Einzellern im Boden. Hier ist mein Nilpferdbaby, Collembole. Oder der.“

    Volkmar Wolters zeigt ein Bild von einem knallgelben Springschwanz mit Fühlern und Kugelbauch. „Der sieht doch super aus. Das sind alles Collembolen. Oder das sind Milben. Also da kann man ja nicht meckern.“

    Ebenda

    Was noch so alles im Boden wimmelt bzw. wimmeln könnte, wenn man es ließe – Scinexx-Dossier: Leben im Erdreich. Faszinierend! Aufgrund anhaltender Bodenerstörung bedarf es dringend einer neuen Bodenethik, wie sie Franz Alt schon 2019 entfaltet hat! Sonst wird aus der guten alten Erde doch noch der Planet Matsch, auf dem zeitweise Arthur Dent lebte…

    5. Ende

    Nach Trübsal auf dem Plastic Planet sollte es doch visionär werden, eine Utopie entstehen, Frohsinn ins Blog kommen… Und dann Sarkasmus hier, Misanthropie und Zynismus dort, gar ein kapitaler rant. Da habe ich mich wohl aus der narrativen Bahn geschrieben! Nein, zwar war so viel sarkastisch-misanthropischer Kommentar nicht geplant, aber auch dieser Plan zerschellte, als er mit der spätimperialen Realität kollidierte. Und so viel Entsetzen mehrfach aufkam angesichts des toxischen Erbes imperialen Strebens nach einem Platz an der Sonne Afrikas, ist das Fundament dieses Blogbeitrags ein visionäres!

    Abschnitt 1 ist mein Kronzeuge, dort zitierte Studie ist, worauf die Hoffnung ruht! Die drei schnörkellos anmutenden Säulen, auf denen das futurzweite Gebäude fußt, wirken zunächst trivial, schon weil vermeintlich altbekannt. Das lässt sie trügerisch erscheinen, denn die Hürden sind in den Folgekapiteln dokumentiert. Allein der Aufschrei, statt bloß eines Veggie Day pro Woche ein vegetableres Ernährungsleben zu führen, erschüttert diese Säule gewiss. Und auch die Umsetzungen von Zwischenfruchtfolgen wie in alten Zeiten sowie ein konstruktives Miteinander von land- wie Viehwirtschaft – ambitioniert. Und doch ist es eine anschlussfähige Utopie und keine unerreichbar raumzeitferne. Der Weg zu ihr ist ersichtlich, auf der Landkarte in die Zukunft sind die Marken gesetzt, das Handeln kann dem Denken folgen. Hin zu Planetary Health, einem Gesundheitskonzept, das erdenweit über in der Pandemie zwangsweise kennengelerntes, rein nationalstaatlich organisiertes Public Health hinausgeht. Gesundheit bestimmt sich ökosystemisch, so dass ALLE INVOLVIERTEN ins Ökosystem Erde ihre Gesundheit erhalten können – nicht auf Kosten anderer belebter Biotope. Es geht darum, durch die Lebens- einschließlich Ernährungsweise schlussendlich die planetaren Grenzen wahr- und ernstzunehmen. Neun Grenzen, zu denen ohnehin neben rein klimatischen auch die biogeochemischen des Stickstoff- wie des hier sträflichst unterschlagenen Phosphorkreislaufs gehören. Es hängt eh alles mit allem zusammen, was auch den Kurzsichtigen auffallen wird (müssen). Und die Anker-Studie hat sich aufgemacht, kontinental für Europa auszubuchstabieren, wie man bei voller, gesund erhaltener Ernährung(sversorgung) insbesondere den Stickstoffkreislauf untergrenzwertig gestalten kann. Ein nicht zu überschätzendes Verdienst!

    Ob das in 29 Jahren, nur einer Generation so fundamental umsetzbar ist, weiß ich nicht. Zwar soll bis dahin (oder gar schon 2045) selbst der CO2-Ausstoß auf null runtergefahren und neutral geworden sein, um das Niveau sodann zu stabilisieren; aber schon das harrt noch ernsthafter Umsetzung und nicht bloßer Wahlversprechen, falls diese denn gegeben wurden. Und selbst wenn oder gerade wenn der konkrete, CO2 fixierte Klimaschutz doch noch entsprechend angegangen wird, mag das auch eh schon murrende Kräfte restlos binden und Stickstoffkreisläufe geraten dann ggf. aus dem Blick. Schlecht denken ist hier also einfach, aber auch einfach fehlführend. Hinzu und letztlich entscheidend, dass sich beides diesseits der Realität nicht nur nicht ausschließt, sondern zusammenhängt, sich bei aktuellem Fortlaufen negativ verstärken würde, bei zielführendem Handeln positiv abschwächen könnte. Als frisch gekürte EvapotranspirationsexpertInnen wissen wir bereits um entgrenzte Wasserkreisläufe auf Erden, in zunehmende Trockenheit geratene Böden auch für Landwirtschaft wie in Kalifornien, allein deshalb umzuschwenken ist. Und wenn man dann schon die TITANIC vom Eisbergspitzenkurs bringt, kann man es auch gleich richtig machen und weitere Riffs umschippern. In diesem Sinne des visionär entfalteten Machbaren endet der Blogbeitrag dann doch versöhnlich…


  • Mit “psychotisch“ und „Psychotiker“ meine ich ausdrücklich nicht Betroffene mit der psychischen Erkrankung Psychose! Vielmehr in dem Sinne von Ariadne von Schirachs Diagnose einer psychotischen Gesellschaft:

    Selbstmordattentäter, Geflüchtete, populistische Präsidenten, das Klima, eine durchökonomisierte Welt. Der krisenhafte Zustand, in dem die Menschen stecken, hat viele Gründe. Er betrifft schon lange nicht mehr nur das Sichtbare, sondern reicht tief in das Unsichtbare hinein: in das Soziale, in den Umgang mit sich selbst, den anderen und der Welt.

    Ein alter (veralteter?( psychoanalytischer Sinnspruch hierzu wäre: „Für den Psychotiker ist 2 plus 2 natürlich fünf, für den Neurotiker ist 2 plus 2 zwar 4, aber es ärgert ihn.“ Oder: „Neurotiker bauen Luftschlößer, Psychotiker wohnen in ihnen.“


  • “Für dumm verkaufen nennt man Marketing, an Dumm verkaufen Vertrieb.“ So Simone Solga zum daran Ersticken trefflich.
  • Life in plastic, it’s fantastic

    I‘m a Barbie girl in a Barbie world
    Life in plastic, it’s fantastic
    You can brush my hair, undress me everywhere
    Imagination, life is your creation

    Refrain aus BARBIE GIRL von Aqua

    Hallo Mitwelt!

    Oder besser: Hallo Plastikwelt. Heute führt die Reise über eine plastifizierte Welt, einen in Plastik verpackten Planeten, überzogen von Plastik, durchdrungen von Plastik, zugrunde gerichtet von Plastik? Ein Leben in und zwischen Plastik. Ein Beitrag, der akut not-wendig wird, weil sich nur selber so nennender Homo sapiens die augenscheinlich offensichtliche Chance, seit 2009 etwas gegen den Plastic Planet durch zielgerichtetes, rationales Handeln getan zu haben, dümmlichst versäumt hat. Aber was sind schon Jahrzehnte angesichts von auch diesbezüglich exponentiellem Wachstum? Wenn man es sich nur lange ungestört genug (im Sinne von: selber noch angefeuert) entwickeln lässt, wächst es derart über einen hinaus, dass man es als Hyperobjekt wegen seiner unübersichtlichen Unüberschaubarkeit auch gleich rigoros verdrängen kann. War was?

    Doch worum geht es eigentlich? Ganz aktuell zum Schwerpunktthema in Science um den Übersichtsartikel „The global threat from plastic pollution“. Zum Reinkommen bei science.ORF.at sowie von Nadja Podbregar bei scienexx. Das Forschungsteam aus mehreren Ländern stellt kompakt zusammen, was zur Ausbreitung, zu Auswirkungen, zur Entwicklung der weltweiten Plastiklawine bekannt ist und spricht eine ausdrückliche Warnung aus, dringend notwendig sofort politisch zu handeln! Denn sonst wird es absehbar irreversibel, ist in den Auswirkungen nicht länger rückgängig zu machen, wird zum Turning Point, zum Kipppunkt in eine andere Welt!

    Plastik überall

    Als Übersicht, wie Mikroplastik die Welt vergiftet, der Artikel von Nick Reimer bei Telepolis, wo er verweisungsreich Ausformungen und Auswirkungen beschreibt.

    Doch zur Übersicht in Science und welche Problembereiche dort „skizziert“ werden – weitreichender als die Wege von Globetrottern:

    Die Autoren benennen zahlreiche Bereiche, in denen Plastik verschiedenster Art bekanntermaßen oder möglicherweise Probleme verursacht. Auf biologischer Ebene sind zum einen große Kunststoffteile gefährlich: „In einer kürzlich durchgeführten Analyse wurden 914 Arten von Meerestieren aufgelistet, die durch Verfangen oder Verschlucken betroffen sind, darunter 226 Seevogelarten, 86 Meeressäugetierarten, alle Arten von Meeresschildkröten und 430 Fischarten“, berichten die Forscher. Neben diesen oft unmittelbar tödlichen Folgen wurde auch nachgewiesen, dass sich Mikroplastik im Körper von Lebewesen anreichert – mit bislang noch nicht vollständig absehbaren Konsequenzen.

    Denkbar seien zudem geochemische und geophysikalische Auswirkungen. Die Forscher halten es für möglich, dass die Plastikverschmutzung globale Kohlenstoffkreisläufe beeinflusst. Beispielsweise könnte Mikroplastik im Meer die dort lebenden Cyanobakterien und Mikroalgen beeinträchtigen, die daraufhin weniger Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre binden. Statt also in marine Nahrungsnetze einzufließen, würde dieser Kohlenstoff in der Atmosphäre bleiben und den Klimawandel verschärfen. Gleichzeitig würde in Plastik gebundenes, nicht für biologische Organismen verwertbarer Kohlenstoff auf den Meeresgrund sinken und sich im Sediment anreichern. Bei der langsamen Zersetzung dieser Plastikablagerungen könnten zudem Substanzen entstehen, die eine toxische Wirkung entfalten.

    Nadja Podbregar bei scinexx.de

    Ja aber, das ist doch fern und passiert außerhalb von mir! Ja aber – NÖ! Die Wege des Plastiks sind unergründlich oder zumindest derart vielwegig, dass das Plastik noch immer seinen Weg findet:

    Aus den Böden ist der Weg in unseren Körper programmiert: Pflanzen nehmen nicht nur Nährstoffe auf, sondern auch Mikroplastik. Dienen die Pflanzen als Tierfutter reichern sie sich im Schwein oder im Rind an und gelangen dann auf unseren Tisch.

    Nick Reimer bei Telepolis

    Veganer sparen sich zwar den Umweg Tottier, aber selbst ihre Pflänzchen sind nicht mehr unschuldig rein, was heißt, dass die Nahrung als Hort der Freiheit von Plastik ausscheidet. Falls du also freiheitsliebend bist, bist du in deiner Freiheit von Plastik ungemein eingeschränkt und seist daher motiviert, dir die Freiheit zurückzuholen! Bei Bedarf lebt es sich freilich auch in einem plastikharten Gehäuse der Hörigkeit.

    Um welche Mengen geht es? Stand 2016 um 9 bis 23 Millionen Tonnen Plastik als Eintrag in Seen, Flüsse und Ozeane, in die Ökosysteme an Land wiederum seien 2016 etwa 13 bis 25 Millionen Tonnen gelangt, in Summe also Minimum 22 bis Maximum 48 Millionen Tonnen. Die Spannbreite ist zugegeben ziemlich groß, die Amplitude beträgt immerhin stolze 26 Millionen Tonnen, maximal also mehr als das Doppelte des Minimum. Wer dazu neigt, kann es sich also schönrechnen, wenn man eine solche Dyskalkulie beschönigend so nennen sollte. Das, nur am Rande notiert, ist ohnehin so ein merkwürdiger Auswuchs des Homo sapiens, bei eventuellen Problemlagen sich selbstpassivierend am Minimum zu orientieren und das spontan – ohne Grund – als „nur kleines Problem“ (Wortwahl ehemaligen Freundes) zu verklären. Das Minimum kann (pauschal einfach so) ja noch kein Problem sein, denn erst das Maximum wäre es. Und dass man nachweislich schon beim Maximum angelangt ist, ist noch offen; deshalb nur mal ruhigbleiben und Folgeuntersuchungen abwarten, bis dahin man anderswo hinguckt…

    Der Beitrag geht noch weiter und schätzt ab, wohin das in Bälde geführt haben wird. Demnach ist zu erwarten, dass die Plastifizierung zunimmt und wir in den 9 Jahren von 2016 bis 2025 eine Verdoppelung des Eintrags zu Wasser wie zu Lande zustande bringen. Das hieße, dass wir in kaum 4 Jahren das neue Minimum bei schon 44 Millionen Tonnen anzusetzen hätten, was dem Maximum von 2016 erschreckend nahegekommen wäre. Das Maximum mit möglichen 96 Millionen Tonnen kurz vor dreistellig. NOCH im Konjunktiv gesprochen, da ergo noch volle vier Jahre des Handelns in ein Futurzwei hinein möglich sind. Also nur fleißig die Gelbe oder gar Wertstoff-Tonne bestücken und das anfallende Plastik sauber vom Restmüll scheiden, dann wird schon alles recycelt und somit gut – nicht wahr? Tagträumereien sind erlaubt, kippen aber zu schnell ins Psychotische, dass man sich gemütlich in den Luftschlössern einnistet, die man für so gut erbaut hält, wie man sie sich ausgedacht hat. Denn:

    „Plastik ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, und es sickert überall in die Umwelt, selbst in Ländern mit einer guten Infrastruktur für die Abfallbehandlung“, sagt Matthew MacLeod von der Universität Stockholm. Die Emissionen nähmen zu, obwohl das Bewusstsein für Plastikverschmutzung in Wissenschaft und Öffentlichkeit in den letzten Jahren deutlich gestiegen sei.

    […]

    „Technologisch gesehen hat das Recycling von Plastik viele Einschränkungen, und Länder, die über eine gute Infrastruktur verfügen, exportieren ihren Plastikmüll in Länder mit schlechteren Einrichtungen.“ Zudem gebe es ein grundsätzliches Problem mit biologisch nicht abbaubaren Materialien. [Mine] Tekman fordert daher drastische Maßnahmen, wie etwa ein Verbot des Exports von Kunststoffabfällen – es sei denn, dieser erfolge in Länder mit entwickelter Recycling-Infrastruktur.

    science.ORF.at

    Das Bewusstsein, des Homo sapiens‘ größter (oder einziger) Stolz, nimmt seit Jahren rapide zu, man spricht zunehmend darüber, um bisher noch nahezu nichts den Worten Taten folgen zu lassen. Denn Obacht: seit 2016 sind schon 5 der 9 Jahre vergangen und gut die Hälfte der Exponentialzeit vergangen. Oder wenn doch „gehandelt“ worden ist, dann nur in solch homöopathischer Dosierung, dass es den Handlungsüberzeugungen vieler Politiker und Bürger*innen nach eine wirksame Soziale Homöopathie zu geben scheint. Wenn man den Wirkungsgrad des Präparats/der Handlung nur genügend potenziert =verdünnt, dann reicht der Glaube an die reaktante Wirkmächtigkeit aus bzw. muss es wohl. Ein paar Plastiktütchen beim Einkauf eingespart und alles ist gut, während man auf die Tastatur aus Plastik eintippt, das plastikummantelte Smartphone streichelt, sich die mikroplastifizierte Seife an die Finger schmiert, mit Plastikabrieb an den Reifen durch die Gegend braust, die Plastikhüllen der BluRays gewissenhaft entstaubt und neusortiert, mit der Plastikgießkanne engagiert die Balkonpflanzen wässert und sich sodann erschöpft auf die Plastikstühle setzt, um sich durch einen Plastikhalm ein Kaltgetränk aus Plastikflasche zu gönnen, bevor man sich für das in Plastikhüllen für längere Haltbarkeit gesteckte Kartenspiel mental vorbereitet. Diese Aufzählung ist unvollständig!

    Daher ein paar Schlaglichter, wo du noch Plastik im Dunkeln wie bei Lichte begegnen kannst:

    Alltagsplastikmüll

    Schlechte Laune? Dann kann ich passend dazu noch folgende Studien anbieten, die konkreter auf die Art des Plastiks und dessen Auswirkstoffe eingehen.

    Abgelegene Gegenden sind besonders von Plastikmüll bedroht, wie Annika Jahnke vom UFZ erklärt, denn dort könne Plastikmüll nicht durch Aufräumarbeiten entfernt werden. Auch führe die Verwitterung großer Plastikteile unweigerlich zur Entstehung von Mikro- und Nanoplastikpartikeln sowie zur Auswaschung von Chemikalien, die dem Plastik zugesetzt wurden.

    science.ORF.at

    Chemikalien? Nicht nur die eigentlichen Plastikbestandteile, mit denen man klarkommen muss? Beginnen wir mit einer in “Science“ im Februar dieses Jahres erschienenen Studie: „Chemicals of concern in plastic toys“ (Nadja Podbregar in scienexx). Zur bekannten(!) Problemlage:

    Das Problem ist nicht neu: Damit Kunststoffe elastisch bleiben, sich nicht so leicht entzünden oder eine spezielle Konsistenz bekommen, werden ihnen zahlreiche Chemikalien zugesetzt – darunter Weichmacher, Flammschutzmittel und Stabilisatoren. Doch viele dieser Substanzen haben sich als gesundheitsschädlich erwiesen. So könnenWeichmacher und ihr Zusatzstoff Bisphenol A eine hormonähnliche Wirkung entfalten, Übergewicht begünstigen undAsthma fördern. Flammschutzmittel können ebenfalls den Hormonstoffwechsel stören und einige gelten als krebserregend.scinexx

    Konkret nun geschaut, wie es um Plastikspielzeug für Kinder bestellt ist, die noch damit umzugehen wissen, es ständig in Händen halten, ggf. in den Mund nehmen, sprich in Kontakt kommen. Weich- und Hartplastikspielzeuge wurden nun auf 419 Chemikalien gescannt, welche A) überhaupt enthalten sind, B) welche Auswirkungen ihnen zugeschrieben werden und C) wieviel sich in den Spielkindern wiederfindet. Zu der Literatur und den Angaben von Herstellern und Laboren entnommener Daten haben die Forscher*innen auch das Spielverhalten und die Spieldauer versucht einzupreisen. So ließ sich modellieren, wie hoch die Belastung für die Kinder wird und welche Referenzwerte als vertretbar demgegenüber angesehen werden.

    Das Ergebnis: „Von den 419 Chemikalien, die in dem Hartplastik, Weichplastik und Schaumstoff von Kinderspielzeug enthalten sind, haben wir 126 Substanzen identifiziert, die die Gesundheit der Kinder potenziell schädigen könnten – weil sie krebserregend sind oder auf andere Weise“, berichtet Aurisanos Kollege Peter Fantke. Als potenziell schädlich stuften er und sein Team Konzentrationen ein, die die Richtwerte oder die offiziellen Risiko-Schwellen für eine krebserregende Wirkung überschritten.

    Unter den potenziell schädlichen Inhaltsstoffen waren 31 Weichmacher, 18 Flammschutzmittel und acht Duftstoffe. Die Konzentrationen der einzelnen Chemikalien waren dabei je nach Plastikmaterial sehr unterschiedlich und differierten bei verschiedenen Spielzeugen um mehrere Größenordnungen. So war der Weichmacher Diisodecylphthalat (DiDP) in Weichplastik in Anteilen zwischen 0,003 und 30 Prozent enthalten, wie die Forscher berichten.

    scinexx

    Ach ganz einfach, nämlich einfach diese detektierten Chemikalien des Bösen ersetzen durch ganz sicher unbedenkliche. Doch, ach weh:

    Allerdings: Unter den Chemikalien, die Kinder über das Spielzeug in potenziell bedenklichen Mengen aufnehmen könnten, waren auch einige dieser vermeintlich gesünderen Ersatzstoffe. Unter diesen haben die Forscher ebenfalls einige identifiziert, die zu einer Gesundheitsbelastung führen könnten. Darunter sind die Weichmacher TIXB und ATBC. Letzteres wird vor allem in Plastikgeschirr oder Folien aus PVC eingesetzt.

    scinexx

    Ganz wichtig für Praktiker, die dennoch nicht auf Plastik verzichten wollen, dass das Gros der Gefahrstoffe durch Ausdünstung aus dem Plastik entweicht, bedeutend weniger über tatsächlichen direkten Hautkontakt übergeht. Vermute daher mal, dass es insbesondere irre ist, wenn Plastik direktem Sonnenlicht ausgesetzt wird, es förmlich in durchs Fenster scheinenden Sommersonne mal so richtig durchglüht, damit vor allem Weichplastik dann ordentlich abgibt. Und bedenkt man, dass Kinder hierzulande IM SCHNITT achtzehn Kilogramm Plastikspielzeug besitzen, dann ist das Ausdünstungspotenzial gewaltig. Äh….allein meine Dinosaurier-Figuren AUS PLASTIK O_o

    In “Environmental Science & Technology“ – schon 2019 – erschienen ist die Studie: „Benchmarking the in Vitro Toxicity and Chemical Composition of Plastic Consumer Products” (Daniela Albat in scinexx). Zu den bereits angedeuteten Kenntnisnahmen diverser Auswirkungen kommt noch hinzu:

    Doch das ist noch nicht alles: Je nach Typ und Anwendung werden Plastik bei der Herstellung zahlreiche weitere Zusatzstoffe wie Stabilisatoren und Farbstoffe beigesetzt. Außerdem entstehen während der Produktion viele Neben- oder Abbauprodukte. „In dem komplexen Herstellungsprozess von Kunststoffen entsteht ein regelrechter Cocktail an Substanzen, von denen wir einen Großteil überhaupt nicht kennen“, erklärt Carolin Völker vom Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main.

    scinexx

    Daher haben die Forscher*innen 34 Alltagsprodukte aus Kunststoff unter die Lupe genommen, so Joghurtbecher, Mehrwegtrinkflaschen, Gefrierbeutel und Shampoo-Behälter. Acht verschiedene Kunststofftypen haben diese Produkte ausgemacht, u.a. PET, PVC und Polyurethan (PUR). Im labor hat man die Produkte in die einzelnen fraglichen Substanzen zerlegt, auf Anteil, genaue Zusammensetzung geprüft und abgeglichen mit Referenzmengen sowie an Zellkulturen deren Schädlichkeit abgeschätzt.

    Das Ergebnis: Insgesamt wies Zimmermanns Team in den Proben 1.411 chemische Substanzen nach. In einzelnen Produkten waren dabei sogar mehr als hundert unterschiedliche Chemikalien enthalten. Entscheidend aber ist folgender Befund: „Wir fanden in drei von vier getesteten Produkten schädliche Substanzen“, berichtet Zimmermann. Diese Produkte enthielten demnach Chemikalien, die mindestens eine der untersuchten negativen Auswirkungen hatten – sie wirkten zum Beispiel toxisch auf Zellen, lösten oxidativen Stress aus oder riefen hormonähnliche Effekte hervor.

    Die größte Anzahl an Chemikalien mit den im Schnitt bedenklichsten Wirkungen fanden sich den Auswertungen zufolge in den Plastiktypen PVC und PUR. Und: Sogar als Bioplastik vermarktete Kunststoffe enthielten in allen Fällen schädliche Chemikalien. Auch diese vermeintlich „grünen“ Alternativen können also möglicherweise negative Gesundheitseffekte entfalten, wie die Forscher berichten.

    scinexx

    Da verwundert es fast gar nicht mehr, wenn man bei all dem Wust von 1.400 Substanzen bloß 260 zweifelsfrei identifizieren konnte; der Rest ist nicht näher bekannt, wurde nur schon mal vorsorglich von der Plastikindustrie eingebaut. „Was man nicht weiß, macht niemanden heiß.“

    Sodann noch zur erneut in “Environmental Science & Technology“ erschienene Studie: „Deep Dive into Plastic Monomers, Additives, and Processing Aids” (science.ORF.at): Blieb in voriger Studie noch kritikwürdig, dass man – als wäre das die Schuld und das Problem der Forschenden – das Gros der detektierten Chemikalien eben nicht auf Gefährlichkeit hin hat abklären können, wird nun auch klar warum. Jetzige Forscher*innengruppe hat nämlich 190 öffentlich zugängliche Verzeichnisse aus Forschung, Industrie und Behörden durchforstet und bloß in 60 davon, keinem Drittel ausreichende Informationen über Zusätze in Plastik vorfinden können. D.h., Augen zu und durch das bisherige Lebensmotto von AUFSICHTS-Behörden und verkaufender Konsumindustrie. Und trotzdem ist festzuhalten:

    Die Forschenden stießen in ihrer Detektivarbeit auf 10.500 Chemikalien in Plastik, die etwa in Verpackungen, Textilien und Spielzeugen eingesetzt werden, wie die ETH Zürich am Dienstag mitteilte. 24 Prozent davon stuften sie als potenziell besorgniserregend ein. „Das bedeutet, dass knapp ein Viertel aller Chemikalien in Plastik entweder nicht abbaubar sind, sich in Organismen anreichern oder toxisch sind. Häufig sind diese Stoffe für Wasserlebewesen giftig, verursachen Krebs oder schädigen bestimmte Zielorgane“, so Wiesinger.

    Etwa die Hälfte der bedenklichen Stoffe sind in den USA, der EU und in Japan nicht reguliert. Hingegen sind 901 gefährliche Substanzen in diesen Regionen für die Verwendung in Kunststoffen mit Lebensmittelkontakt zugelassen. Und für zehn Prozent dieser Substanzen würden wissenschaftliche Studien fehlen. Zudem seien die erfassten Gefahrendaten oft begrenzt, sagte Mitautor Zhanyun Wang: „Für 4.100 oder 39 Prozent aller von uns identifizierten Stoffe fehlen noch Gefahrklassifikationen.“ Er weist deshalb darauf hin, dass noch mehr Plastikchemikalien problematisch sein könnten.

    science.ORF.at

    Noch Fragen? Keine Fragen mehr Euer Ehren!

    Das Ende

    MacLeod kommt zu dem Schluss: „Die Kosten, die entstehen, wenn man die Anhäufung von langlebiger Plastikverschmutzung in der Umwelt ignoriert, könnten enorm sein. Das Vernünftigste, was wir tun können, ist, so schnell wie möglich zu handeln, um den Eintrag von Plastik in die Umwelt zu reduzieren.“

    science.ORF.at

    Eigentlich nichts mehr weiter dazu zu sagen. Zum Glück gibt es Vorbilder für ein Lernen am Modell, um angeregt und inspiriert zu werden, wie man es noch so kleinschrittig im eigenen Alltag besser machen kann, indem man Plastik IMMERMÖGLICH weglässt! Klick dich daher mal bei Wasteland Rebel Shia Su durchs Blog. Leider hat sie seit Corona kaum noch veröffentlicht, aber alles Vorige bleibt einsehbar und hilft weiter. Zugegeben, ein Quantensprung an hilfreicher Nützlichkeit wäre ein UN-Verpacktladen nebenan, wodurch man beim regulären Lebensmitteleinkauf das Gros an UNNÖTIGER Umverpackung sich ersparen könnte. So sind die vielfach nur als Werbetafeln „nötigen“ Umverpackungen nur Material für die Aufdrucke, meistens – nicht nur bei Chips – viel zu groß für das verkaufte Volumen. Aber für den Schein muss es größer wirken, als die inneren Werte dann tatsächlich sind. Es gibt immerhin Alternativen für vielerlei des Alltags, um bspw. bei Zahnpasta das umverpackende Plastik wie enthaltende Mikroplastik zu vermeiden. Doch es fehlt an den Strukturen, die so etwas gezielt anbieten, damit man nicht wiederum kartonverpackungsreich übers Internet bestellen zu müssen.

    Achja, doch noch das eine: der grässliche, dennoch kindheitserinnerte Song Barbie Girl lügt natürlich oder will ironisch bis sarkastisch sein: „life in plastic, it’s fantastic“ wäre nichts als ein fataler Selbstbetrug. Oder es ist die Fortführung von “Gestern war die Zukunft“, wie man sich selbst das Wohnen in Plastik, Gebäuden aus Plastik vorgestellt hat. Wie suizidal…

    EDIT am 04.07.: Link in Auflistung betriebsfähig gemacht und ein paar Vertipper korrigiert; inhaltlich und am Text nichts verändert

    EDIT vom 04.12.2021: LOL!!! Hatte – von den leserschaftsmassen unbemerkt 😛 – statt Wertstoff- Rohstoff-Tonne geschrieben :-D. Drolliger Vertipperfreud. Wenn denn der Werstofftonneninhalt mal so wirklich Rohstoffquelle wäre…

    Vom Wasser, dem leben und dem ganzen Rest

    Hallo Mitwelt!

    Nach nun einigen Tagen, gefühlt einer Woche erst ansteigender, dann stehender, sodann schwüler Hitze hat es sich beimirzulande über Nacht von Samstag auf Sonntag schwer gewittrig entladen und der Himmel mal alles rausgelassen, was sich aufgestaut hatte. Zunächst also schwitzendes Verdunsten en masse, um es dann auf Heller und Pfennig von oben über Gebühr zurück zu bekommen. Eine wechselhafte Klimatische Wasserbilanz… Grund genug, sich eines Artikels zu erinnern, wo es genau um dieses feuchte Geben und nehmen gegangen ist, das aber auf globaler Ebene mit meteorologischer Perspektive geblickt.

    Evapo- und -transpiration – Begriffsklärungen

    Bevor es im nächsten Abschnitt aufs Eigentliche kommt, müssen wir uns hier zunächst mehr als nur einen Deut um relevante Begriffe kümmern, ohne die das Thema unergründlich bleibt. Es geht um Verdunstung, die wir Menschen zur Zeit tüchtig als Schwitzen durchleben, womit sich aber auch die umgebende Mitwelt herumschlagen muss.

    Erster meteorologischer Begriff hierbei ist die Evaporation und meint „die Verdunstung von Wasser auf unbewachsenen bzw. freien Land- oder Wasserflächen“. Ausdrücklich geht es hier um unbelebte Flächen, die durch Verdunstung Wasser an die Luft abgeben. Gemäß der Penman-Formel lässt sich annäherungsweise die von hier ausgehende Verdunstungsrate (Millimeter pro Tag) abschätzen, drei Faktoren sind zu berücksichtigen:

    • Energielieferanten in Form von Strahlungsquellen (Sonne) und Erdwärme,
    • die Windgeschwindigkeit,
    • die Luftfeuchtigkeit, vertreten durch das Sättigungsdefizit.

    So schätzt man also die potenzielle Verdunstung ab und setzt sie ins Verhältnis zur aktuellen /realen, sprich tatsächlich gemessenen Verdunstung. Diese ist dabei kleiner oder gleichgroß jener.

    Nun gibt es zumindest auf Generationsraumschiff Erde auch noch inmitten der Biosphäre vielfältige Lebewesen, Pflanzen (Flora) wie Tiere (Fauna), die je per Transpiration zur lokalen Verdunstung beitragen. Definitorisch sind Tiere nachrangig, denn es geht zunächst um die Verdunstung durch Pflanzen. Unterschieden nach solcher, die A) durch die regulierbaren Spaltöffnungen der Blätter, den Stomata erfolgt (stomatäre Transpiration), sowie B) über die übrige Außenhaut der Blätter, die Cuticula (cuticuläre Transpiration). Lebart der Pflanze, Temperatur, Wasserverfügbarkeit, Lichtintensität, Windgeschwindigkeit sowie atmosphärische Feuchte sind wirkmächtige Umweltfaktoren, die es einzupreisen gilt.

    Für Tiere einschließlich Homo neurotis spricht man bekanntlich von Diaphorese bzw. Hidrosis, umgangssprachlich Schweiß, der fließt, als Hyperhidrose zu viel, als Hypo-/Anhidrose zu wenig. Floras und Faunas Feuchtigkeitsabgabe an die Umgebung innerhalb bekannter Umweltfaktoren und Zeitspanne ergibt die Transpirationsrate, die genauer benannt abhängig ist von

    • den Umgebungsbedingungen (Temperatur, Feuchte, Luftgeschwindigkeit, Sonneneinstrahlung),
    • der Anatomie des Lebewesens (ein Reptil mit trockener, dichter Haut hat z. B. eine geringere Transpirationsrate als ein Lurch mit seiner dünnen, feuchten Haut),
    • dem Stoffwechsel (intensive Körperaktivität erhöht die Kerntemperatur, die bei höherer Außentemperatur durch vermehrte Transpiration wieder reduziert werden muss),
    • psychischen Faktoren („Angstschweiß“).

    Nimmt man nun zwei in eins beides zusammen, die unbelebte Evaporation und die belebte Transpiration, dann erhält man innovativerweise Evapotranspiration. Und die hierbei einwirkenden Faktoren sind als Summe vorgenannter Summanden auch vorhersehbar:

    • Wassergehalt des Bodens,
    • Intensität (Biomasse, Produktion) und Artengefüge (manche Pflanzen verdunsten mehr als andere) der Vegetation,
    • Bedeckung des Bodens und Sonneneinstrahlung,
    • Luftfeuchtigkeit,
    • Temperatur der Erd- bzw. Wasseroberfläche
    • Temperatur der bodennahen Luftschichten,
    • Windgeschwindigkeit an der Erdoberfläche

    Doch wie lässt sich das denn ermitteln? Insbesondere für Pflanzen mittels einer Transpirationswaage, auf die man buchstäblich transpirierende Pflanzenteile legt, zum Ausschluss von Wind und Co möglichst unter einer abschirmenden Glocke, um nach einer festgelegten Weile das Plus an Wasser in der umglockten Luft zu messen. Das Ergebnis abzüglich des Wertes einer Vorabmessung ergibt dann die Transpirationsrate eines bestimmten Pflanzenteils / einer Pflanze, was man dann für alle Pflanzen(teile) dieser Art auf einer bestimmten Fläche hochrechnen kann. Nicht so kleinteilig, sondern hochskaliert verwendet man dann sogenannte Atmo- oder anverwandte Evaporimeter, um im großen Stil der Evapotranspiration auf die Schliche zu kommen. Schlussendlich geht es darum eine Klimatische Wasserbilanz für ganze Landstriche, Regionen, Kontinente oder gar die Welt insgesamt zu erstellen. Ein Ergebnis davon wäre der Ariditäts- / Trockenheitsindex, an den orientiert man Klimazonen kartografieren kann:

    • Humides =feuchtes, nasses Klimat, wo der Niederschlag größer als die mögliche Verdunstung und eine hohe Luftfeuchtigkeit die Folge ist;
    • semihumides Klimat, wo im jährlichen Mittel von mehr als sechs Monaten der Niederschlag die Verdunstung übersteigt, humides Klimat also vorherrscht, in der restlichen Zeit jedoch nicht;
    • semiarides =halbtrockenes Klimat als Gegenstück zur Semihumidität. Hier herrscht mehrzeitlich trockenes Klima vor, sprich die Verdunstung übersteigt den Niederschlag in mehr als sechs Monaten im Jahr;
    • (voll)arides Klimat, wo im 30jährigen Mittel die Verdunstung den Niederschlag ganzjährig übersteigt oder/und keine Abflüsse von Flüssen oder Seen ins Meer bestehen (endorheisch). Wüsten allen voran die Atacama die Prachtbeispiele hierfür.

    Evapotranspiration global – die Studie

    Soweit in erster (grobschlächtiger) Orientierung (oder in reaktivierter Erinnerung einstmaliger Erdkundestunden) zu einigen wichtigen Begriffen, die den lokalen, regionalen bis globalen Wasserhaushalt im Wechselspiel von un-/belebten Verdunstungen und Niederschlägen ausmachen. Mit diesem Rüstzeug schweißtreibenden Schrittes zu einer aktuell in Nature publizierten Studie (nach Nadja Podbregar in Scinexx).

    NASA-Mitarbeiter*innen konnten mithilfe von Satellitenmissionen von GRACE sowie GRACE-FO, die regelmäßig das Schwerefeld der Erde vermessen, die globale Massenverteilung des Wassers in seinem eisfesten, wasserflüssigen und luftfeuchtgasförmigen Zustand genauer bestimmen, indem sie sozusagen gravitative Täler und Berge kartografieren konnten. Das Ergebnis:

    Die Auswertungen ergaben: Seit 2003 hat sich die Evapotranspiration von rund 405 Millimeter pro Jahr auf 444 Millimeter pro Jahr im Jahr 2019 erhöht. Das entspricht einer Zunahme von rund zehn Prozent gegenüber dem langjährigen globalen Mittelwert. „Dieses Ausmaß der Evaporations-Zunahme hat uns wirklich erstaunt“, sagt Reager. Das sei fast doppelt so viel wie aufgrund von früheren Schätzungen und Modellen erwartet.

    Damit ist global ersichtlich, was in Australien, Kalifornien und anderswo zunehends zu sehen ist:

    „Das ist ein deutliches Signal, dass der Wasserkreislauf unseres Planeten sich verändert“, betont das Forschungsteam. „Ein zehnprozentiger Anstieg der Evapotranspiration repräsentiert einen vermehrten Wasserverlust der Landflächen – und das hat potenzielle Auswirkungen auf die Wasserressourcen, auf das Klima und die Landwirtschaft.“ Denn durch die verstärkte Verdunstung trocknen Böden schneller aus und regenarme Phasen können so leichter zu Dürren führen.

    Für die Vegetation kann eine verstärkte Transpiration ebenfalls ein höheres Risiko der Austrocknung bedeuten. Schon jetzt belegen Messungen aus dem Amazonas-Gebiet, , dass die Luft über dem Regenwald in den letzten 20 Jahren messbar trockener geworden ist, wodurch weniger Niederschlag fällt. Einige andere Tropenwaldregionen erleben immer häufiger Phasen, in denen sie wegen verringerten Wachstums und Trockenstress mehr Kohlendioxid abgeben als sie aufnehmen.

    Des Pudels Kern der anthropogene Klimawandel als auch in dieser Hinsicht ausgewachsene nicht mehr nur Klima-, sondern auch Wasserkreislaufkrise. Diese Krise führt zu Wasserkonflikten und mag so zentrale Ursache für das sein, worauf es in “Klimakriege“ von Harald Welzer hinausläuft, eine multifaktorielle Systemkrise globalen Ausmaßes.

    Umverteilung von unten und Bilanzierung der Energie

    Wer im Übrigen ingrimmig rätselt, ob das Ausrufen des Zeitalters des Menschen, Anthropozän, voreilig erfolgt sei und nicht doch noch mehrere Entings abzuwarten seien: aufgrund besagter Massen-UM-verteilungen des aggregierenden Wassers mit steter Abnahme an den vereisten Polen, austrocknender Oberflächengewässer und studienberwiesener Zunahme in Luft aufgelösten Wasserdampfes hat es der Mensch unbeabsichtigt, aber selbbstverschuldet hinbekommen, dass sich die Erdachse verschiebt! Der Mensch als weltenrüttelnde Wirkmacht. Der alte Witz unter Ökologischen bleibt unlustig aktuell: Treffen sich zwei Erden, sagt die eine zur anderen: „Ich habe Fieber.“ „Wieso das denn?“ „Menschen.“ „Die habe ich auch, gehen vorüber.“

    Zurück zur Studie:

    Es zeigte sich: Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich die Polwanderung deutlich verändert. Ihre Richtung wechselte von eher südlich auf östlich, gleichzeitig nahm das Tempo der Poldrift um das 17-Fache zu. „Überraschenderweise wird dieser Wechsel aber weder vom isostatischen Ausgleich der Eiszeit noch von der Mantelkonvektion verursacht“, berichten Deng und ihr Team. Auch die Einflüsse von Ozeanen und Atmosphäre erklären die beobachteten Veränderungen nicht vollständig.

    Erneut mit Rückgriff auf die GRACE- und GRACE-FO-Satellitenmissionen, die sich jetzt schon ausgezahlt, weil den Täter Mensch überführt haben, hat sich erwiesen:

    „Die terrestrische Wasserverteilung hatte zwar schon vor den 1990ern einen leichten Einfluss auf die Polwanderung, aber seither treibt sie die Poldrift mit einer mittleren Rate von 3,26 Millimetern pro Jahr Richtung Osten“, berichten Deng und ihre Kollegen. Als größten Einflussfaktor identifizieren sie dabei den Verlust großer Eismassen durch die globale Erwärmung. Weil dadurch vor allem in der Arktis Eis verloren geht, hat sich die Wasserverteilung der Erde und damit auch die Massenbalance verschoben.

    Und noch fundamentaler geblickt, worauf – wieso auch immer nur – in einer kurzen Mitteilung auf SPON hinweist, hier zur Studie in “Geophysical Research Letters“:

    Das Klima auf der Erde hängt unter anderem davon ab, wie viel Wärmestrahlung der Sonne die Atmosphäre, Böden und Ozeane aufnehmen und wie viel als thermische Strahlung zurück ins All abgegeben wird. »Ein positives Energieungleichgewicht bedeutet, dass das Erdsystem Energie dazugewinnt, wodurch sich der Planet aufheizt«, schreibt die NASA. Dieses positive Ungleichgewicht war 2019 fast doppelt so groß wie noch 2005.

    […]

    Höhere Mengen Treibhausgase in der Atmosphäre verringern zunehmend die Wärmestrahlung, die die Erde zurück ins All geben kann. Die dadurch vorangetriebene Erwärmung der Erde begünstigt wiederum die Eisschmelze und beeinflusst die Wolkenbildung, was sich ebenfalls aufs Klima auswirkt. Seit 2005 hat die Menge an Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO₂) und Methan in der Atmosphäre weiter zugenommen.

    Du erahnst die sich gegenseitig verstärkenden Kreisläufe, weshalb man von Treibhaus und wieso man von Kipppunkten spricht, die einmal genommen zu unwiderruflichen Zuständen führen? Halt mal händeweise Steine ins Wasser geworfen ohne Sinn und Verstand und nun schwer am Staunen, was das so für Kreise zieht. Mensch…

    Am Beispiel: Kalifornien evapotranspiriert und brennt

    USA, Kalifornien, größter Bundesstaat und, wäre er eigenständig, einer der wirtschaftlich größten der Welt, agrarische „Kornkammer“ der USA. Doch, wie am 01.06. Tomasz Konicz auf Telepolis berichtet:

    Die Schneeschmelze in den Bergen der Sierra Nevada, dem „verschneiten Gebirgszug“ Kaliforniens, bildet eine der wichtigsten Wasserquellen des westlichen Bundeslandes der Vereinigten Staaten. Doch dieses Jahr scheint die alljährliche, im Frühling einsetzende Wasserzufuhr gänzlich auszubleiben[…]

    Zwar erreichte die Schneedecke in diesem Jahr nur 59 Prozent des langjährigen Durchschnittswertes, doch hofften die Hydrologen des Bundesstaates, in dem sich eines der wichtigsten landwirtschaftlichen Anbaugebiete der USA befindet, dass die Schneeschmelze dennoch die Wasserreservoirs zumindest etwas auffüllen werde. Doch dem war nicht so: Das im Frühjahr in der Sierra sich bildende Schmelzwasser kam zumeist gar nicht mehr an den Gebirgsausläufern an, da es sofort in der ausgedörrten Erde versickerte, oder in der trockenen, warmen Luft verdunstete.

    Als ad hoc gewordene Verdunstungsexperten werden wir da sofort hellhörig, wenn da unübersehbare evapotranspirierende Effekte geschildert werden. Kalifornien als Brennglas solcher Einflüsse? Doch wie ausgeprägt ist das Übel schon?

    Wenn der Schnee der Sierra „im Boden versickert oder verdunstet, bevor er in die Reservoirs flussabwärts fließen“ könne, dann sei klar, dass Kalifornien sich wieder in einer schweren Dürre befinde, erläuterte die Los Angeles Times. Dabei sieht sich nahezu der gesamte Westen der Vereinigten Staaten seit Jahren mit einer schweren Trockenperiode konfrontiert.

    Die New York Times (NYT) berichtete Mitte Mai unter Verweis auf den entsprechenden Überwachungsdienst, den United States Drought Monitor, dass 84 Prozent des Westens der USA einen mehr oder minder stark ausgeprägten Wassermangel erfahren. Knapp die Hälfte des Westens sei gar von einer „schweren oder extremen“ Dürre betroffen. In Kalifornien sei die Lage nochmals dramatischer, hier fielen 73 Prozent der Fläche in diese beiden Kategorien.

    Der ausgetrocknete Boden verhalte sich wie ein Schwamm, der nichts mehr halten kann, sondern in den alles versickert. Grund hierfür eine Halbdekade an vorangegangener Trockenheit (2012-2016), die noch nachwirkt und von der sich Boden und Vegetation nicht hatten erholen können. Vegetative Reste sind so ausgezehrt, nicht mehr widerstandsfähig oder gar zäh, dass sich sogar die Feuersaison von Spätsommer in dem Mai verfrüht und ergo umso heftiger wütet und Frühlingssprößlinge an Pflanzen verbrennt, bevor sie richtig wurzeln können.

    Fest steht schon jetzt: Besonders hart wird die Landwirtschaft Kaliforniens von der Klimakrise getroffen, die gleich von zwei Seiten in die Zange genommen wird. Zum einen führt das ausblendende Schmelzwasser dazu, dass nur fünf Prozent des nachgefragten Nutzwassers geliefert werden können. Hinzu kommen die Folgen der übermäßigen Grundwasserentnahme durch die profitorientierte Agrarindustrie in den vergangenen Jahrzehnten, was zum Austrocknen vieler Brunnen führte. Inzwischen sinken Teile des Landes immer tiefer ab, weil die durch den Wasserraubbau entstandenen, unterirdischen Hohlräume einbrechen. Mitunter sind Straßen, Brücken undganze Städte betroffen.

    Und darüber hinaus auch die gesamte USA, nämlich weil der Ernährungssektor vielfältig abhängt von den Produktionen im Sonnenscheinstaat:

    Während der mittlere Westen aufgrund des dort vorherrschenden Getreide- und Maisanbaus als der Brotkorb der Vereinigten Staaten gilt, kann Kalifornien als deren Obst- und Gemüsegarten bezeichnet werden. Der Sonnenstaat ist für ein Drittel der Gemüse- und sogar zwei Drittel der Obstproduktion in den USA verantwortlich. Doch damit wird es in naher Zukunft ein Ende haben, was zur Verteuerung gesunder Lebensmittel zwischen New York und Los Angeles beitragen dürfte.

    Sprich, die Auswirkungen der sich evapotranspirierenden Klimakrise reichen bis in das Ernährungsangebot der US-Amerikaner*innen, für die Obst und Gemüse demnach zunehmend eine Preis- und somit soziale Frage sein wird, ob man es sich wird leisten können, Obst und Gemüse und somit gesund zu essen. Gelinkter Artikel von Tomasz Konicz geht noch weit über die Zitate hinaus und verdeutlicht die klimaprekäre Lage erschreckend anschaulich.

    Für weitere Vertiefungen hier nur noch auf einen Scinexx-Artikel verwiesen sowie Wolfgang Pomrehns Blick auf sich verschärfende Hitze und Feuer in den USA insgesamt vom 17.06.

    Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft

    Bei Campus Talks berichtet Prof. Dr.-Ing. Jörg E. Drewes über „Urbane Wasserkreisläufe in Städten der Zukunft“: die Wasserversorgung, die es in heute bekannter Form mittels sog. einer Schwemmkanalisation seit 1843 zunächst in London gab (in Deutschland als erstes in Hamburg), ist allergrößtenteils eine Unsichtbare Infrastruktur. Von ihr sieht man i.a.R. nur die Wasserhähne, aus denen das Wasser vielleicht 30cm lang sichtbar als purer Luxus fließt. Da bis 2030 voraussichtlich 70% der Weltbevölkerung in Städten bzw. Metropolen und deren Großraum leben werden, ballt sich der Versorgungsbedarf für zunehmende Massen auf relativ kleiner Fläche. Herausforderungen sind dann die Bereitstellung ausreichender Wassermengen, was s.o. wie in Kalifornien zunehmend schwerer fallen könnte. Und wenn man, für den Einzelnen nur logisch, Wasser tunlichst spart und keinstenfalls nutz- und sinnlos verschwendet, bedeutet dies wiederum, dass die Wasserleitungen mitunter nicht ausreichend durchspült werden. Ausgelegt für stetigen Durchfluss bestimmter Mengen kann sich bei entsprechender Einsparung das zähflüssige Abwasser an- und festsetzen, ein Nachreinigungsbedarf wird immer größer. Größer wird jedoch auch das Potenzial, den Energiemehrbedarf zur Aufrechterhaltung all dessen durch das Abwasser selber zu ermöglichen. Indem man bspw., im Beitrag ausgeführt, die weggespülten Ausscheidungen in Biogasanlagen zur Stromerzeugung nutzt. Kreisläufe schließen, ist hierbei das Zauberwort, damit nichts ungewollt rein und v.a. nicht raus gelangt und man – lokal oder regional organisiert – das wiedergenutzte Abwasser als Energiequelle zur Aufrechterhaltung des Systems verwendet.

    Wie gelingt eine nachhaltige Wasserversorgung? Das ist die Frage angesichts zunehmender Starkregenereignisse (wie in der Nacht von letzten Samstag auf Sonntag bei mir). Bei Campus Talks berichtet die
    Siedlungswasserwirtschaftsfachfrau Prof. Brigitte Helmreich anschaulich: ihre Perspektive ist die, dass immer mehr Leute in Städte ziehen (s.o., bis 2030 70% der Weltbevölkerung) und das zu Nachverdichtungen innerhalb der bestehenden urbanen Räume führt. D.h., die Nachversiegelung (Zementierung, Asphaltierung) natürlicher (belebter/bewachsener) Flächen nimmt zu. Davon ab, wie hässlich das aussehen kann, greift Homo ?sapiens? damit extrem in den lokalen Wasserhaushalt ein, der nicht länger natürlich selbstgesteuert ist, sondern frei Schnauze von Mensch bisher irgendwie gesteuert wurde. Folge ist ein ausgeprägtes Stadtklima, dessen Klimaprofil sich mitunter extrem vom Umland absetzt und sich richtige Wärme- oder inzwischen eher Hitzeinseln ausbilden. Das dann als sich verstärkende Prozesse, wo ein Mehr an hochragender Bebauung auch mehr „Angriffsfläche“ für Sonnen- als Wärmestrahlung bietet, die sich dort sozusagen „verfangen“ und insbesondere „speichern“ kann. Für Regenfälle bedeutet die Asphaltierung, dass es an Abfließmöglichkeiten mangelt, weshalb es dann auch gleich zu Überschwemmungen kommt. Aber selbst da, wo ein Abfluss möglich ist, schafft es Mensch, die Sache zu versauen: denn mit dem Wasser, das über Straßen, Häuser und selbst über an sich großartige, weil bepflanzte Dächer abfließt, werden auch alle menschgemachten Giftstoffe in den Materialien mit rausgewaschen und weggespült. Beispiel Plastik, in dem tausende gefährliche Chemikalien bisher meist unbekannterweise gefunden worden sind. Wie man die in meist nur mehrstufigen Verfahren über Sickergruben u.Ä. abfangen kann, um das verfügbare Regenwasser nutzbar zu machen, scheint machbar, ist aber vielfach aufwendig und steht noch zu oft in den Kinderschuhen.

    Zuletzt noch ein frohsinniges Beispiel, publiziert in “Science Advances“, meine Bezugsquelle science.ORF.at:

    Eine halbe Milliarde Menschen weltweit leben in Gebieten, wo ständig Wasserknappheit herrscht. Ein gewaltiger Süßwasserspeicher ist die Atmosphäre, die im Prinzip den Durst der ganzen Welt stillen könnte. Forscher präsentieren nun eine Methode, wie sich das Reservoir in Regionen mit hoher Luftfeuchtigkeit anzapfen lässt.

    Das Prinzip ist denkbar einfach und ist, wie wir gelernt haben, angesichts signifikant zunehmender Evapotranspiration und eines anschwellenden irdischen Energiehaushaltes auch dringend von Nöten:

    Herzstück der Entwicklung ist eine Glasscheibe, an der Wasserdampf zu Tröpfchen kondensiert. Diese Wassertröpfchen perlen dank einer speziellen Beschichtung von der Oberfläche ab und träufeln in ein Sammelbecken.

    […]

    Die Forscher demonstrierten an einer kleinen Pilot-Anlage auf dem Dach eines ETH-Gebäudes, dass sich unter idealen Bedingungen – hohe Luftfeuchtigkeit, wenig Wind, wenig Sonne – rund ein halber Deziliter Wasser pro Quadratmeter Scheibenfläche und Stunde gewinnen lässt.

    Herausforderung, dass diese Art Wasserscheiben kühler als die Umgebung sein müssen, damit an ihnen das Wasser auch kondensiert (Gegenteil von Verdunstung). Das Erfreuliche ist, dass dies ohne allzu großen Geldaufwand möglich sei, abhängig freilich von der Flächengröße, um die es gehen soll. Profiteure könnten dann sein:

    Insbesondere in Regionen nahe am Meer würde die grüne Technologie die Wasserknappheit entschärfen, beispielsweise in Indien, Saudi-Arabien oder Israel. Hier wäre auch eine Kombination mit Entsalzungstechnologien von Meerwasser denkbar. In afrikanischen Ländern südlich der Sahara allerdings sei die Luftfeuchtigkeit zu gering, als dass sich die Wasser-Ernte aus der Luft mit dieser Technologie eignen würde.

    Das Wasser ist nass – ein Fazit

    Das Wasser ist naß,
    das Wasser ist naß,
    wie köstlich schluckt
    und schlürft sich das.
    Das Wasser ist kühl,
    kühl ist das Naß,
    ich schwimme
    in einem ganzen Faß,
    denn heute –
    ist das Wasser naß.
    Atlans Wasservers in Heft Nr.50 „Der Einsame der Zeit“

    So lässt sich dichten, wenn man genug Wasser zum Trinken und Überleben hat oder seinen (vermeintlichen) Feind in den wasserlos austrocknenden Wahnsinn treiben will. Die fundamentale Bedeutung des Wassers als Lebensgut, Quell und Urgrund des Lebens macht Ralf Jaumann bei Campus Talks deutlich: auf der Suche nach Leben außerhalb der Erde (einstmals Mars, eventuell auf Saturn- oder/und Jupiter-Monde) ist die Frage, wonach man eigentlich sucht, wie und woran sich Leben zeigt und worin es fußt. Und wie Jaumann anschaulich macht, ist das in so vielfältigen Aggregatszuständen vorkommende und die Welt in diesem Wechsel zwischen den Zuständen so sehr bewegende Wasser der aufzuspürende Heilige Gral exobiologischer Suche. Und in diesen Spiegel geblickt, erweist sich die Überlebenswichtigkeit des Wassers für das Leben. Und wie sehr es sich außer Reichweite verflüchtigen kann, lebensfern entweicht, hat hier vorgestellte Studie gezeigt. Die Selbstverständlichkeit Wasser ist keine, sondern ein vielfältig beeinflusstes Gut.

    Abschließend daher ans Ende von Kim Stanley Robinsons großartigen Meisterwerk Aurora gesprungen: ein Generationenraumschiff der Menschheit kurz vor dem Ziel einer neuen Lebenswelt, Aurora, der Morgenröte für ein neues Leben. Vielerlei ereignet sich, geschieht und passiert, was die vorab gemachten Pläne an der Realität abprallen lässt – wissenschaftlich als Aurora-Effekt geadelt – und einen Turning Point erzwingt. Zurückgeworfen auf die Erde, wo alles begonnen hatte in den Tiefen der Ozeane, endet das Buch damit, wie die eine Hauptperson Freya inmitten des lebendigen Nass eines Meeres quicklebendig schwimmt, das Wogen der Wellen und die Kraft des Wassers erlebt und sich inmitten von Wasser lebendig fühlt wie vielleicht nie zuvor. Wie schon im Eingangsposting zitiert, ist Douglas Adams erneut wiederzugeben:

    Viele kamen allmählich zu der Überzeugung, einen großen Fehler gemacht zu haben, als sie von den Bäumen heruntergekommen waren. Und einige sagten, schon die Bäume seien ein Holzweg gewesen, die Ozeane hätte man niemals verlassen dürfen.

    Und so führt auch in Aurora der kürzeste Weg zu sich selbst durch das Weltall, um so erst den eigentlichen Lebensquell daheim wiederzuentdecken! Wasser ist und bleibt lebens-NOT-wendig. Jeder gebohrte Brunnen wiegt alles Gold auf und stiftet mehr Zukunft als jede Sonntagsrede:

    Tief unter der Erde liegt die Hoffnung – kommt sie nach oben, verändert sich das ganze Leben.
    Neven Subotic