STANISLAW LEM – Der futurologische Kongress beginnt

Hallo Mitwelt

Nur in relativer Flugsheit, während der regulär nächste Beitrag vor sich hingärt und gedeihlich wächst: als ich jüngst die Propheten der Science Fiction als exzellenten ZDFinfo-Doku-Achtteiler von einem gewissen Ridley Scott dringend anempfahl, gab ich die Vermisstenanzeige zu Stanislaw Lem auf. Der fehlte nämlich ganz und gar, galt Sir Scott nicht als science fictionaler Prophet, was ich anmahnte. Ich hoffte allerdings auf Dokus und Ähnliches angesichts von Lems 100. Geburtstag, der dieses Jahr ansteht. Leider ohne ihn, der am 26.03.2006 mit 85 Jahren verstorben ist.

Angesagt oder schon erschienen sind in jedem Falle mehrere Bücher, darunter mit

  • Stanislaw Lem – Leben in der Zukunft die meines Wissens erste deutschsprachige Biografie, hier in der Kurzrezension bei SWR2 lesenswert;
  • mit Kosmos Stanislaw Lem ein wissenschaftlicher Sammelband ihm zu Ehren,
  • mit Best of Lem bei Suhrkamp (wo Lem veröffentlicht wird) ein Viewover seines Schaffens,
  • aber auch Die große Hörspiel-Box (8 CDs, 473Minuten Spielzeit). Zur WDR3-Buchkritik.

Für Lemolog*innen also eine reichhaltige Zeit des (Wieder)Entdeckens von Lem in all seiner Vielschichtigkeit, eben gerade weil er nicht nur „Science Fiction“-Autor gewesen war und sein wollte!

Erwähnenswert auch noch die ARD-Doku: Utopia in Babelsberg – Science Fiction aus der DDR (via Mediathekviewweb), wo die Handvoll Science Fiction-Filme, die freilich so nicht genannt worden sind, gezeigt werden, die im berühmten Filmstudio gedreht wurden. Darunter auch auf Vorlage von Lems Roman Der Planet des Todes der Film Der schweigende Stern (leider aus Mediathek gerutscht).

Lange Rede, nun entscheidender Verweis: Eine erste Doku gibt es!!! Die aber zum Anhören. Heute am 30.07.2021 online gegangen, geht es um das WDR3-Kulturfeature Baustelle Kosmos – Die phantastischen Konstruktionen des Stanislaw Lem (53,21m, bis zum 30.07.2022 abrufbar).

Mit kühnen Ideen die Evolution überlisten – in seinem Werk nimmt Stanislaw Lem auf verblüffende Weise den technischen Fortschritt vorweg.

So in aller präsentablen Kürze deren- und meinerseits. ANHÖREN! MAKE IT SO!

EDIT vom 04.08.2021: Link zur SWR2 lesenswert-Rezension hinzugefügt
EDIT vom 07.08.2021: Link der WDR3-Buchkritik zur Großen Hörspiel-Box hinzugefügt

Japanerinnen

Hallo Mitwelt.

Heute wird erneut recycelt. Doch stehen heute keine mythisch verklärten Herkünfte von Großreichen oder ein andersweltliches Schicksal an, auch kein stets bemühter Erstversuch einer bestimmten Arbeitsform. Pünktlich zu dem Olympischen Spielen in Japan geht die Reise nach ebendort hin – ins Land der Aufgehenden Sonne, wie Nippon sich gerne mythifizieren lässt. Passend zum zuschauerlosen Event in pandemischen Zeiten, das keiner haben will, gibt es manch sehenswerte, gutgemachte Doku (via mediathekviewweb). Damit kann ich freilich nicht dienen, kann aber aus der Biografie eine studentische Hausarbeit ans Licht des Blogs hervorziehen. Es könnte die siebte ihrer Art gewesen sein, die dritte gemasterte und inhaltlich die dritte zu und über Japan. Eine dieser Themenausrichtung war vorangegangen, ein Triumvirat folgte. Das wurde buchstäblich hintereinander weggeschrieben, hausarbeitliche Wochen noch und nöcher. Als ich mittags die Endkorrektur für die dritte des Trios abschloss, um auszudrucken, war die Benotung der ersten Hausarbeit eingetroffen und floss quasi noch in letzte Handgreiflichkeiten ein… Die zweite, die nun hier vorliegt, war da längst auch schon raus und würde noch Wochen gebraucht haben, bis verspätet die Note hierzu einging.

Warum nicht in korrekter Reihenfolge veröffentlichen? Tja, Erbsünde. Der arm(selig)e Student meinte, sie teilweise bei einem dieser Portale einstellen zu müssen, wofür man dort Geld erhielt (und weiterhin erhalten würde). Damit gingen auch wirrsterweise Rechte am Eigenen flöten – Irrsinn. Daher sind nicht alle einfach so hier einzustellen. Selbst Schuld – und nicht mal Reihbach gemacht. Davon ab ist das Thema – sperrig formuliert, wie es sich studentisch gehört – allemal relevant und interessant. Ob auch gut lesbar…

Zu Risiken und Nebenwirkungen: Aufmerksame LeserInnen dieses Blogs werden wissen, dass hier nicht getweetet wird, dass Kürze gewiss und sicherlich seine Würze haben mag, hier aber andere Kräuter ans Gericht kommen. Auch das jungerego des Bloggers neigte schon zum Längeren und ist stets ein Freund von Kommata gewesen. Hinzu kommt jedoch, dass der Hausarbeitsautor inbrünstig, inständig und aus vollstem Herzen FORMALIA UND VOR ALLEM BLOCKSATZ HASST! Ein steter heroischer Kampf, ein titanisches Ringen um Wort für Wort, Buchstabe um Buchstabe. Jeder und jedes konnte einer/eines zu viel sein und blocksatzteuflisch ganze Absätze verrücken und das Layout einer fußbenoteten Seite ins zutiefste Unglück stürzen. Und das Gemüt des Studierenden gleich hoffnungslos hinterher in Dantes Höllenschlund hinein. Nebenfolge des formalistischen Zwanges war eine Suche nach ewiger Kompression, eine ständige Formulierungskomprimierung, ein Hinauskürzen des Abspeckbaren, eine verbale Verknappung, wie keine/r je spräche. Eben deshalb mag es sein, könnte es vorkommen, dass bisweilen manch Satz langgezogen wurde, um so neubeginnende Satzkonstruktionen einzusparen oder/und eine informationelle Verdichtung stattfand, die lektürische Aufmerksamkeit rigoros abverlangt O_o. Das ist keine Schmökerlektüre, was bitter für die meines Erachtens echt interessanten Inhalte ist.

Die Aufbereitung: Eine Höllentour für sich. Naiv, wie der Bloggernewbie nunmal ist, nahm er an, man könnte doch einfach … LOL Alte docx-Datei als html abspeichern und den Quellcode lockerflockig bei WordPress reinkopieren – zack! Ja, zack durchaus, aber in ein Pandaemonium des Zeichengrauens. Also falls Microsoft Word mit KI arbeitet, dann ist die echt noch dumm. Zwar zählt formal HTML nicht einmal zu den Programmiersprachen, aber Mensch kann es sich ja für den Anfang mal einbilden. DANN jedoch kann Word echt nicht zeichensprarsam programmieren, sondern codiert in einem endlosen Wust, dass aus keinen 30 Ausdruck-Seiten inklusive aller Anhänge so viele Dutzende geworden sind – schrecklich. Naja, ach komm, greifste dir halt ab, was du HTML-codiert verstehst (wenig also) und baust darum herum das dir Mögliche. Vergiss es! Gutmöglich, dass folgende Präsentation der Hausarbeit in online digital noch das ein oder andere Update brauchen wird, bis es anzeig- und so erst lesbar geworden sein wird. Tipps und Tricks für Dummies gerne kommentieren., derer bedarf es reichlichst!

Angepasst musste vieles werden, damit es – bestenfalls – nun lesbar ist. So packte ich die Internetverweise in schnittige Links, die ich jedoch auf Klickbarkeit nicht nochmal durchprüfte – ggf. gehen welche inzwischen ins Nirvana. Ansonsten geht es textlich und inhaltlich unverändert online. Daher fehlt an einer Stelle im LitVZ das Datum der Lektüre (Wer es findet!) und musste ich trotz so vieler einstmaliger Korrekturdurchgänge noch da und dort Fehler finden. Hoffentlich nur Kleinigkeiten exzessiver Flüchtigkeit. Zum Glück keine Doktorarbeit…

Trotzdem nundenn zum Eigentlichen, der Hausarbeit mit diesem Thema, wozu Eindrücke und Einsichten gerne gelesen wären:

Geschlechterverhältnisse in Beruf und Bildung – zum Status der Individualisierungsprozesse im Lebenszusammenhang japanischer Frauen

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Als einen „der Meilensteine der Diskussion um die Bedeutung von Geschlecht in der „modernen Gesellschaft“ wurde Elisabeth Beck-Gernsheims 1983 erschienener Aufsatz „Vom ‚Dasein für andere‘ zum Anspruch auf ein Stück ‚eigenes Leben‘“ bezeichnet, in dem der Vergleich der Lebenslagen von Frauen diachron über Generationen hinweg mit Blick auf Bildung, Beruf sowie Sexualität und Partnerbeziehung empirisch erfolgt: Demnach sind Frauen Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten ausgesetzt, die deren Individualisierungsschub „sehr unterschiedlich zu dem der Männer ablaufen und immer wieder prekär werden lassen.“ (Wilz 2009: S. 9), dass nach mehreren „Frauengenerationen im Wandel […] die unauffälligen Alltagsveränderungen der weiblichen Normalbiographie“ den erreichten Zustand als ein „Nicht-mehr“
sowie „Noch-nicht“ ambivalent beschreiben lassen (Beck-Gernsheim 2009: S. 15f.).
Hieran schließt 20 Jahre später Karin Jurczyk an, um die
„Geschlechterverhältnisse in Familie und Erwerb“ in der „Arena Familienarbeit / Erwerbsarbeit“ als „widersprüchliche Modernisierungen“ zu analysieren, da jene primär von Frauen ausgeübt und unentgeltlich als ‚unwert‘, diese primär von Männern ausgeübt und entlohnt als ‚wertvoll‘ aufgefasst wird, was durch neue „Formen der Entgrenzung von Arbeit“ inter- und intrageschlechtliche Ungleichheiten fortführt,
sich annähern sowie neu entstehen lässt (Jurczyk 2009).

Diesen und weiteren Arbeiten (vgl. Kursbeiträge des Moduls) der Frauen- und
Geschlechterforschung ist jedoch im- oder explizit zu eigen, sich nur auf Deutschland oder Europa/die USA zu beziehen und so einen zwangsweise eurozentrischen Tunnelblick einzunehmen und einer mentalen Schollenbindung wie einem „Container-Modell“ eines Methodologischen Nationalismus zu erliegen, wo
eine „Gleichsetzung von Staatsgrenzen und Relevanzgrenzen“ erfolgt (Beck 2008: S. 301) und den Horizont des Beobachtbaren durch Blinde Flecke verkürzt.

Diese Arbeit möchte daher den Blick weiten und mit Japan beispielhaft ein Land in den Mittelpunkt stellen, deren Bevölkerung mit Buddhismus und Konfuzianismus statt Christentum
und Aufklärung (Coulmas 2013: S. 105-150) historisch mit anderen Werten sozialisiert wurde und „am Rande der Welt“ als „Raumschiff Japan“ (Matsubara 1998) räumlich wie oftmals auch sozial ‚eigen‘ blieb, dessen „Longue durée“ im Sinne Fernand Braudels aufgrund derart anderer Bedingungen verschiedenartige
soziokulturelle Verhältnisse geprägt hat. Wie es – im Vergleich zu hiesiger –
um die „Individualisierungsprozesse im Lebenszusammenhang japanischer Frauen“ in so einer – zugespitzt – ‚soziokulturellen Ferne‘ steht, ist die Leitfrage vorliegender Arbeit. Einer Antwort soll sich mit einer mehrschichtigen Perspektive genähert werden: Im Fokus stehen Bildung und Beruf japanischer Frauen, die als weibliche
Handlungsräume jedoch nur aus dem Verständnis der Familienstrukturen heraus begreifbar werden, an die sie mehr noch als Frauen in den übrigen Industrieländern ideell und mental als Haus- und Ehefrau gebunden sind. Dies herauszuarbeiten, erfolgt sowohl diachron, um den Status japanischer Frauen
‚durch die Zeiten‘ und die stattgefundene und –findende Genese erfassen zu
können, als auch insofern synchron, als dass der jeweilige Zeitabschnitt in die
umfassenderen androgen-patriarchal soziokulturellen Verhältnisse eingebettet
wird, um so weibliches Handeln aus dem zeitlichen Lebenszusammenhang heraus zu
begreifen. In dem Sinne ist die Arbeit dann auch aufgebaut, dass Kap. 2 zurückblickt
in die sog. „Edo“-Zeit fast 260jähriger totaler Abschließung Japans gegenüber
der Welt, während der sich lebenspraktisch und ideell viele Verhältnisse
etablierten, die sich im Verlauf folgender exogen erzwungener Öffnung und
‚Aussetzung‘ des Landes in den sich verschärfenden westlichen Imperialismus,
den Japan bis zum Pazifischen Krieg ‚gekonnt‘ übernahm, festigten (die Frauen
als ryósai kenbo, „gute Ehefrauen und weise Mütter“). Nach der Kriegsniederlage
und exogener sozialer Neuordnung gelangte Japan vom besiegten Feindstaat unter
US-Administration 1968 zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt und zum
größten Konkurrenten der USA (Kap. 3). Wie die zunehmend gebildeten und
beruflich tätigen Frauen bloß als „Gastarbeiterinnen im eigenen Land“ (Weber
1990: S. 105) die „unsichtbare weibliche Seite des japanischen Aufstiegs“ (Lenz
1993) blieben, wo sie „hinter der ‚Front‘ der japanischen Weltmarktoffensive
die Männer und Betriebe entlaste[te]n“ (Lenz 1990: S. 88), ist aufzuklären.
Erst durch eine platzende Bubble Economy Anfang der 1990er Jahre nahm die
eingleisig anmutende Prosperität abrupt ein Ende und führte zu soziostrukturellen
Umbrüchen auf dem bis dahin sicher geglaubten Arbeitsmarkt, dass sich diese
neue Unordnung einer bis dahin homogen gedachten Mittelschichtgesellschaft bis
in die Familien hinein auswirkte und sich in einem verstärkenden
Individualisierungsprozess bisherige Gewissheiten für die Männer als „Ernährer“
und Frauen als „Hausfrauen“ verflüssigten (Kap. 4). Kap. 5 zieht den Vergleich
zwischen den zuvor dargelegten Lebenslagen japanischer und von Beck-Gernsheim
und Jurczyk insbes. deutscher Frauen, inwieweit sich deren
Individualisierungsbestrebungen und errungene Lebenslagen ähneln. Wie sehr von
einer „varity of individualization“, quasi einer weiblichen „Individualisierung
auf Japanisch“ (Beck/Beck-Gernsheim 2010) zu sprechen und welcher Status weiblicher
Individualisierung in Japan heutzutage zu konstatieren ist, resümiert final das
Fazit in Kap. 6.

2. Blick zurück – Die historische Genese seit 1603 bis 1945


Noch bis Ende des 16. Jahrhunderts waren in Japan die
Ausläufer einer matrilinearen Gesellschaft (bokei shakai) zu erkennen, die
folgend aber von einer „extremen Männerherrschaft“ (danseishijó-shakai) abgelöst wurde
[1], die sich in den Verhältnissen zur Zeit fast 260jähriger Abschließung Japans gegenüber der Welt (sakoku[2], 1603-1868) ausformte und die japanischen zu den „unterwürfigsten Frauen der Welt“ (sekaiichi jújunna onna) werden ließ, für die „selbstlose Hingabe“ als
Ehe- und Hausfrau die höchste Tugend war (mushi no kenshin) (Imai 1991b).
Geistiger Quell hierfür war v.a. der aus China importierte (Neo-)Konfuzianismus[3] und dessen
Werte einer kosmisch legitimierten Familienstruktur: „Die große Bedeutung, die
hierarchischen Beziehungen, Loyalität und Pietät beigemessen wird; die Betonung
der häuslichen Harmonie als Grundlage des Staates“, die den Konfuzianismus zur
„Staatsideologie der Tokugawa“ werden ließ, teilte dieser mit dem
volkstümlichen Shintóismus, dass in Melange beide „zu prägenden Elementen des
japanischen Wertesystems“ wurden (Coulmas 2014: S. 233f.). So formte der
Konfuzianismus das Geschlechterverhältnis und die Rolle von Mann und Frau aus.
Es galt: „Die Männer sind draußen, die Frauen drinnen“, das als ‚geflügelte Sentenz‘
ausdrückt, was sich mit dem patrilinearen ie-Familiensystem ab Ende des 17. Jahrhunderts
bei den samurai an der Spitze eines Vierständesystems[4] etablierte: Das “‘Haus‘
(ie) als Lebensgemeinschaft und Wirtschaftsform“, wo eine Trennung von
Privatheit und Öffentlichkeit androzentriert noch nicht praktiziert wurde
(Schwentker 2008: S. 61f.)[5] und wo „im Haus eingesperrt“ die Hausherrin (shufu) als Hauptfrau mithilfe von
Nebenfrauen und Bediensteten auch finanziell die Pflichten der Haushaltsführung
innehatte. Gleich in welcher Position hatte „Frauenerziehung und Frauenarbeit
dieser Zeit […] nur die Ausbildung zur Braut und Ehefrau nach japanischer Art
zum Ziel.“ Schule also nur als Brautschule! (Imai 1991b) Obwohl der Konfuzianismus
Gelehrsamkeit hochschätzte und sich neben den buddhistischen Tempelschulen
institutionell etablierte (Coulmas 2014: S. 233f.), gilt: „Je konfuzianischer die Erziehung, desto eingeschränkter
die Frauenbildung.“ (Langer-Kaneko 1991: S. 92) Denn: „Eine Frau braucht sich nicht ums Lernen zu bemühen; sie hat nichts
anderes zu tun als gehorsam zu sein.“ Durch Einbindung in den Arbeitsprozess, wo sie
Geschick und Klugheit beweisen konnten, waren Händlerfrauen eher gleichgestellt
als Bauernfrauen, obwohl diese innerfamiliär angesehen waren, aber von ihren
samurai-Herren unterdrückt wurden; Am stärksten betroffen waren die
samurai-shufu selbst. Letztlich also „ein totales Ausgeliefertsein ohne jede Rechte,
nur mit auferlegten Forderungen und Pflichten.“ (ebd.: S. 96) Durch primär
konfuzianische Moralbücher (jokun) bekamen die Frauen diese Vorstellung
vermittelt, „daß die Frau niedriger und schwächer ist als der Mann“ [6] und „Keuschheit und Gehorsam; Nähen und Unterhaltungskunst“ die zu
kultivierenden Tugenden seien, was noch um Bücher zur Sitte und Etikette
ergänzt wurde, damit die Ausübung der hausberuflichen Pflichten auch angemessen
erfolgen konnte (ebd.: S. 97ff.)[7].

Die Edo-Zeit endete, als 1853 auf der ewigen Suche nach Absatzmärkten die USA die Öffnung des Landes erzwangen und 1868 durch die Meiji Ishin als „revolutionäre Restauration“ resp. „Renovatio“ und „gesellschaftliche Transformation von revolutionärem Ausmaß“ (Eisenstadt 2006: S. 379) in Japan eine bis heute andauernde „Modernisierung im Prozess“
(Holdgrün/Vogt 2013) ausgelöst wurde. Oft als „das Land der Imitation und der
Imitatoren etikettiert“, wurden durch den „alles aufsaugenden ‚japanischen
Schwamm‘“ westlich „entlehnte Objekte einer weitgehenden Japanisierung
unterzogen“, ohne dass sich ein „umfassendes Bewusstsein und ideologisches
Modell für Diskontinuität und Wandel“ dadurch eingestellt hätte (Eisenstadt
2006: S. 369ff.). Deshalb verwundert kaum, wenn die Kontinuität der Familie durch
das ie-System sogar noch gefestigt wurde, indem ie als Haus(halt)/Familie zu
einem ideologischen Konstrukt und zur kleinsten funktionalen
Organisationseinheit des Staates quer durch alle ständeaufgelösten Schichten erklärt
wurde. Hier bildete sich eine kinderzentrierte Privatsphäre „im Sinne eines
rechtsfreien Raums“ aus, die aber über das patriarchalische Familienoberhaupt
(koshu) als „Kontrollorgan“ durch den Staat erfasst wurde. So wurde das ie
(ideal als Dreigenerationenfamilie) „aus den bisherigen Dorf- und
Verwandtschaftsgemeinschaften, d.h. aus einer öffentlichen Struktur,
herausgelöst und sozusagen direkt dem Staat gegenüber gestellt.“ (Mae/Schmitz
2007: S. 50ff.) Aus der shufu als Hausherrin wurde nun die shufu als westlich
inspirierte Hausfrau[8], die Kindererziehung und
Haushaltsführung (Küchenarbeit, Ernährung, Gästebewirtung) ebenso alleine
meistern sollte wie als (intellektuelle) Gesprächspartnerin dem Ehemann, der
nun als familiarer Repräsentant in die Öffentlichkeit trat, daheim
bereitzustehen. Hierzu im Kontrast stand, dass 1872 auf einmal „alle Frauen
‚nach draußen‘ gehen und in Schulen lernen“ sollten[9],
wodurch im Laufe der Meiji- und Taishó-Zeit (1868-1926) Bildung für Frauen
selbstverständlich wurde (Imai 1991b). Die „Erziehung der gesamten Bevölkerung,
ohne Rücksicht auf Status und Geschlecht“, nun auch für „die Kinder der
arbeitenden Massen und für die Frauen“ war in einem nachholenden
„Verwestlichungsprozess“ die oberste Pflicht: In je 4jährigen normalen und
höheren Kursen mit vorgeschriebenen Fächern (Handarbeit zusätzlich für Mädchen)
wurde bis 1885 das moderne japanische Bildungswesen begründet. Elementar noch
koedukativ beschult, erfolgte in der Sekundarstufe eine Trennung nach
Geschlechtern, wobei das Niveau höherer Mädchen- dem der mittleren
Jungenschulen unterlegen blieb. Das „System der Frauenbildung“ wurde jedoch nur
bis 1910 revidiert und bis Ende des 2. Weltkriegs nicht mehr angepasst. Demnach
blieb Mädchen – von wenigen fakultären Ausnahmen – strukturell der Zugang zu
Universitäten verwehrt, da sie über die „Nebenroute“ im Anschluss an die
Sekundar- nur noch 3jährig eine Fachschule besuchen durften. Statistisch stieg
zwar die stark um „Mädchen-spezifische Fächer“ ergänzte Mädchenausbildung
signifikant an, eine Graduation blieb zumeist jedoch aus. Mehr als nur
praktisches Wissen lehrten Missionarsschulen auch Frauen intellektuelle
Bildung, ihre Blütezeit hatten sie 1882, bevor das Kaiserliche Erziehungsedikt
(kyóiku chokugo) von 1890 den erneut „ganz auf konfuzianischen Gedanken beruhenden
moralischen Standards wie Loyalität gegenüber dem Kaiser und der Nation und
Liebe und Ehrfurcht der Kinder gegenüber ihren Eltern“ zur Staatsräson machte,
um durch den Einfluss westlicher Zivilisation verlorengegangene traditionelle
Werte und niedergehende Moral und Verhalten zu restaurieren. Das betraf v.a.
die Frauen, die statt höherer Bildung nun zu „guten Ehefrauen und weisen
Müttern“ (ryósai kenbo) für ihre Arbeit im ie „fast ohne Rechte, ausgeschlossen
vom öffentlichen Leben“ moralisch zu erziehen waren (Langer-Kaneko 1991: S.
100-106)[10]. Im Weiteren wurden
Nationalstaat und Familie in „Parallelstruktur“ gesetzt, beide galten nun als
„Modell“ füreinander, wobei der „Familienstaat (kazoku kokka)“, durch die
kaiserliche Familie verkörpert, als (patrilineare) „Ursprungsfamilie“ zu
verstehen war: „Der Kaiser wurde als Vater des Volkes gesehen, und das Volk
wurde als seine Kinder betrachtet.“ Realitär bildete sich zwar westlich
inspiriert (v.a. nach dem 1. Weltkrieg) eine Kernfamilie[11] (katei oder hómu von home) heraus, die 1920 auch in rund 54% aller Haushalte
vorzufinden war (vs. das ie in einem Drittel), das verstärkte jedoch nur den
Prozess der geschlechtlichen Arbeitsteilung und führte zur „‘Feminisierung‘ der
Familie“: Familie wurde zunehmend ‚privatisiert‘, verschwand aus dem
öffentlichen Diskurs und wurde „nur noch als eine die Frauen betreffende
Angelegenheit“ abgetan (Mae/Schmitz 2007: S. 53ff.). Ohne vollwertige Bildung
und bloß noch als privates Wesen ‚unsichtbar‘ geworden, sind die Entwicklungen
im 15jährigen resp. Pazifischen Krieg durch den „Einsatz der Frauen für den
Staat nicht als Rückschlag, sondern als Innovation“ und „als eine Form der
Frauenbefreiung“ zu begreifen[12]. Von 1932 bis 1942
wurden 20 Mio. japanische Frauen zur Großjapanischen Frauenvereinigung
staatlich zusammengeschlossen[13] (Linhart 2011a), womit
sie nun „eine wichtige Funktion für die nationale Öffentlichkeit und nicht mehr
nur eine Bedeutung innerhalb des Raums des ie“ innehatten, was „für ihre
soziale Stellung und für ihr Selbstverständnis sehr wichtig“ war. Die Mütterlichkeit
(bosei) erlangte zunehmend an Bedeutung[14], wurde mittels
„Muttertag“ auch symbolisch enger an die Kaiserin als „höchste Mutter“
gebunden, womit der öffentliche Bedeutungszugewinn für Frauen de facto die
Bindung an die Familie vertiefte. Indem nun aber die Frau als Mutter quasi in
den ‚Staatsdienst‘ gezogen wurde, erhielt sie dem ie-Patriarchen gegenüber eine
nicht gleichartige, aber (mindestens emotional) gleichwertige Aufgabe
zugewiesen, die die „Frauen als Stützpfeiler der Familie für die Erziehung der
nächsten Generation von Nationalbürgern“ durch den imperial-faschistischen
Staat qualifizierte (Mae/Schmitz 2007: S. 56-62).

3. Weibliche Individualisierung zur Zweiten Modernisierung 1945-1990

In über 340 Jahren waren Japanerinnen „aufs Dasein für die Familie und den zukünftigen
Ehemann“ (Beck-Gernsheim 2009: S. 20) beschränkt, ihre nuanciert gewandelte
Rolle blieb die von Männern zugewiesene einer „guten Ehefrau und weisen
Mutter“, wenn sie sich auch während des 15jährigen Krieges außerprivate
Handlungsräume erschlossen resp. vom androzentrischen Staat zugewiesen bekamen.
So wenig dadurch eine Herauslösung aus der Familie erfolgte, so sehr wurde der
Einsatz für ‚Nation und Männer‘ oft doch wie eine „erworbene Rolle“ aufgrund
des Heraustretens in die Öffentlichkeit und dort erfahrener Anerkennung als
„Hoffnung auf ein Stück ‚eigenes Leben‘“ (ebd.: S. 19) wahrgenommen.

Nach der Kriegsniederlage schloss sich für den Feindstaat Japan eine exogene
demokratische Neuordnung durch die Sieger- und Besatzungsmacht USA bis zur
Erlangung nationaler Souveränität 1952 an, wodurch sich auch für die Frauen die
Verhältnisse formal grundlegend änderten: Viele der diversen Nachkriegsreformen
waren „transwar endeavours“ – „Bestrebungen, die in Japan schon vor dem Krieg
betrieben worden waren“ u.a. durch Aktivistinnen der Seitósha -, die vom
„Frauenkomitee für Nachkriegsmaßnahmen“ eingefordert wurden
[15]:
Frauen gewannen bürgerrechtliche Gleichberechtigung, das patriarchalisch-patrilineare
ie „als soziale Einheit der Bevölkerung“ wurde abgeschafft[16] und eine Schul- und Universitätsreform eröffnete Mädchen „weitgehend dieselben Ausbildungsmöglichkeiten“ (Linhart 2011b: Abs. 1). Durch einen
„Konvoi-Kapitalismus“ als ein „Grundkonsens aus staatlichen Organen und
Großindustrie“ (Goydke 2013: S. 83) wurde das BIP Japans ab 1952 mehr als
verdreifacht und bis 1968 sogar zum zweitgrößten der Welt hinter den USA
(Klein/Kreiner 2010: S. 445f.). Dieser Master Frame fundierte „den politisch induzierten
Wunsch […], den Lebens- und Konsumstil einer prosperierenden Industriegesellschaft
führen zu wollen“[17].
Die „Ausbreitung einer industrialisierten Massengesellschaft […] sorgte sowohl
für die Angleichung der Einkommen als auch eine Nivellierung der
Lebensstandards in städtischen und ländlichen Gebieten“ und ließ sich durch
diesen Fahrstuhleffekt bis in die 1980er Jahre 90% einer homogenen,
klassenlosen 100 Millionen Mittelschicht zugehörig fühlen. Als forciertes
Selbstbild prägte das ein „allgemeines Mittelschichtbewusstsein“ aus (Bude et
al. 2012: S. 3; Schad-Seifert 2007: S. 1-7), wodurch „Konformität von der
Kooperation in der Produktion zur Konformität im Konsum verschoben“ wurde. Eine
„konservative Grundstimmung“ (Wright Mills) breitete sich in der Bevölkerung
aus, die keine plötzlichen Wechsel favorisierte und sich nicht länger über
Staat und Nation, sondern die Familie und die Firma als Garant eines
materiellen Lebensstils gruppistisch identifizierte (Ishida 1993: S. 160-164).
Dabei existierten nicht erst seit den Ölkrisen der 1970er Jahre
Geschlechtspolar „substanzielle Ungleichheitsstrukturen“ bei
Ressourcenzugang und –verteilung, weshalb Frauen „als Ehegattinnen, Mütter und
Konsumentinnen in der Mittelschichtgesellschaft integriert“[18] und „unter dem Klassenstatus ihres Ehemannes eingestuft“ waren, was „in Japan stärker als in anderen Industrieländern die Institution der Hausfrauenehe
gefördert hat.“ (Schad-Seifert 2007: S. 1-7)[19] Ein Aufbrechen
der Familie als idealen Vergesellschaftungskern ist nicht erkennbar, vielmehr
blieb sogar die ie-typische Dreigenerationenfamilie faktisch relevant (1960 in
28%, 1990 in 17,2% der Haushalte, in Deutschland 1992 nur in 1,6%), wo 1975
31,2%, 1990 noch 30,3% aller Kinder i.a.R. in einer lehrbuchmäßigen
Zwei-Kinder-Familie aufwuchsen. Auch wurden rechtlich erleichterte Scheidungen
nur ‚tröpfelnd‘ wahrgenommen: Von 1943 bis 1950 verdoppelte sich die Rate zwar
angesichts neuer Optionen rasant (Linhart 2011b: Abs. 4), lag 1960 aber nur bei
0,074% und verdoppelte sich in 35 Jahren 1995 auf 0,161%[20].
Der Anteil außerehelicher Gemeinschaften und außerehelicher Kinder von je 1,1%
lag niedriger als in allen Industrieländern (Lützeler 1996: S. 5-8). Allgemein
ist festzuhalten: „Japan ist vermutlich in der Gegenwart diejenige Industrienation, in der der [frauenzentrierte; D.S.] Einfluß am geringsten ist“ und wo „Heirat bedeutet, daß die Frau die Mitgliedschaft in ihrer Familie aufgibt und durch den Initiationsritus der Trauung Vollmitglied in der Familie ihres Mannes wird“, was für „die Mehrheit der Familien im heutigen
Japan“ gilt, und wo in männerzentrierter Teilkultur in der „Berufswelt […]
deutlich sichtbar sozialer Status auf der sozialen Beziehung zwischen Männern
beruht.“ (Helle 1981b: Kap. 3f.)[21]

Zwar von der androzentrischen Normbiographie eingerahmt, hatte sich die weibliche
Normalbiographie dennoch merklich geändert: 1905 geboren, nur bis 13 zur Schule
gegangen, bis 23 industriell gearbeitet und dann geheiratet, gebar diese
„statistische Frau“ mit 38 ihr letztes Kind, das sie mit 44,5 zur Schule
schickte und bei dessen Heirat sowohl ihre Arbeit beendete als auch mit 63 dem
Tode nahe war. 1959 geboren stand eine 7 Jahre längere Ausbildung der „statistischen
Enkelin“ offen, die erst mit 25,4 heiratete, das zweite als letzte Kind kam mit
29 zur Welt, das sie mit 35 zur Schule schickte, so dass sie bis zum
Pensionsalter von 55 rund 20 Jahre arbeitete und sich eine 25jährige Phase
reiner „Hausfrauenehe und Paarexistenz“ bis zum Tod mit über 80 noch anschloss
(Lenz 1990: S. 77).

Die „traditionelle Rolle“ („Die Ehe ist das Glück der Frau“) und die „Unterdrückung
der Japanerin[nen]“ als „die braven Heimchen am Herd“ durch androzentrische
Verhältnisse scheinen manifest, was als „moderne Mythen“ einer „industriellen
Tradition“ zu relativieren ist, indem „nach der Macht der japanischen
Hausfrauen in Heim, Nachbarschaft und Gemeinde zu fragen“ ist (ebd.: S. 73-75).
Dafür ist auszuholen: Die auf ein 6-3-3-4jähriges System für beide Geschlechter
erweiterte Bildung erwies sich als ambivalent. Der Anteil der Mädchen, die nach
9jähriger Pflichtausbildung die Höhere Schule besuchten, erhöhte sich enorm von
1955 47% bis 1975 auf 93%, stabilisierte sich 1980 bei 93,8% (Jungen 56/91/92%)
(Langer-Kaneko 1991: S. 113), 1989 begannen auch erstmals mehr Frauen 36,8% als
Männer 35,8% ein Studium und mit 240.000 zu 230.000 traten auch mehr graduierte
Frauen als Männer in den Beruf ein… Jedoch hatten sich gemäß traditioneller
Rollenbilder eingeschränkte Lehrpläne an Frauenuniversitäten (Schwerpunkt
Hauswirtschaftskunde) und Frauenkurzhochschulen mit einer 2 Jahre kürzeren
Studienzeit etabliert, die statt gleichwertiger eine geschlechtsrollenspezifische
Lehre vermittelten, wo die junge Frau als im Privaten agierende Ehe-, Hausfrau
und Mutter in spe angesehen wurde (Kameda 1991: S. 130f.). Ein „gewisses
Bildungsniveau“ wurde von ihnen zwar erwartet, die Fähigkeit zur
Haushaltsführung und Versorgung der Eltern stand aber im Fokus. Das machte
bereits die Mädchenerziehung in der Familie und Schule aus, weshalb
kostspielige Nachhilfe[22] zur Schulzeit primär den Söhnen zukam, damit diese sich für ein Vollstudium
qualifizieren und darüber in einen festen Beruf eintreten könnten, um folgend
als „Ernährer“ eine eigene Familie zu führen (Teruoka 1990: S. 93f.). Die derart
oft finanziell beschnittenen Ausbildungsmöglichkeiten für Mädchen ließen ihnen
die individualisierungstypische „Wahl unter Restriktionen“ (Beck/Beck-Gernsheim
1993: S. 182), trotz dieser Hürden zu studieren und selbst bei Abschluss kaum
adäquate Berufsperspektiven zu haben (s.u.) oder als Hausfrau die Hausarbeit
als „Beruf und Berufung“ anzunehmen. Diese Wahl verfestigte dann zwar die geschlechtspolare
Arbeitsteilung, darf aber nicht auf ‚putzen und kochen‘ verkürzt werden.
Vielmehr ergriffen diese Hausfrauen und Mütter aus ihren Rollen heraus aktiv
den „Reis-Kochlöffel“ als Symbol selbständiger Wirtschaftsführung, um
öffentlich als Konsumentinnen, Erzieherinnen in Parent-Teacher-Associations der
Schulen und Gestalterinnen in kommunalen Nachbarschaftsvereinigungen (jichikai)
oder ökologischen Bürgerinitiativen aufzutreten. Diese „Ausweitung der
Hausfrauenrolle in die Gemeinde“ förderte soziale Netzwerke, ließ ehrenamtlich
bei z.B. Erdbebenübungen helfen und richtete sich als Konsumentinnen durchaus
demonstrativ auch gegen Großkonzerne, blieb in „Verlängerung der […]
Verantwortung“ im Anspruch auf „Macht über ‚Kinder, Küche, Kasse‘“ dem
Selbstverständnis nach als „traditionelle Frauenorganisationen“ jedoch eine
„Teilströmung der ‚industriellen Tradition‘“ (Lenz 1990: S. 85-88)[23]

Ein „Drei-Phasen-Schema des (spezifisch) weiblichen Lebenszyklus“ verunmöglichte
Frauen das Ideal lebenslangen Erwerbs bei steigendem Lohn, da ihre Ansprüche
mit dem ersten Kind quasi verloschen (Lenz 1993: S. 253). Das hatte eine „sehr
ausgeprägte Diskontinuität von Frauenerwerbsbeteiligung“ (Weber 1990: S. 105)
zur Folge, dass sie durch den „Mutter-Malus“ i.a.R. nur noch „als relativ
ungeschützte ‚Randbelegschaften‘ oder Teilzeitbeschäftigte“ tätig werden
konnten. 1983 hatten zwar 21% die magische 10 Jahresgrenze dauerhafter Beschäftigung
erreicht[24], mussten mangels öffentlicher Betreuungsangebote jedoch ‚kreative Lösungen‘ für ihre Kinder finden (Lenz 1990: S. 83). Für Mütter üblich und in keinem Industrieland so sehr ausgeprägt blieb ein „umfassender Rückzug aus der Erwerbsarbeit in der kritischen Phase der Kinderbetreuung“ (Weber 1990: S. 105). Andererseits gab es auf bloß „perspektivlosen Frauenarbeitsplätzen“ für die oft überqualifizierte
„office lady“ als „Mädchen für alles“ meist nur „Teeservieren“ und „Bedienen
des Kopiergeräts“ als ‚verzierende Aufgabe‘. Dass von hier die Grenze zum
Salaryman unüberwindbar war (ebd.: S. 114 u. 120), ist anschauliches Beispiel
für das Paradox, dass die umso qualifizierteren Frauen oftmals umso niedrigere
Arbeiten erhielten, gerade weil sie ob ihres verlängerten resp. 4jährig
normalen Studiums bis zur erwarteten Heirat nur noch kürzere Zeit dem
Unternehmen zur Verfügung standen und darum keiner anspruchsvollen Tätigkeit
wertgeschätzt wurden (ebd.: S. 106f.). Ihr Einkommen blieb so strukturell
hinter dem männlicher Arbeitnehmer zurück, ergänzte so nur das Haushaltsbudget,
was wiederum vielfach auch zur Begleichung hoher Mieten, eines Hauskaufs oder
der Kinderausbildung von Nöten war (Teruoka 1990: S. 96). Die Nachfrage nach
weiblichen „Arbeitsbienen“ in konjunktureller „Lückenbüßer- und
Pufferfunktion“, dass sie in Aufschwungsphasen als erste eingestellt und in
Krisenzeiten als erste entlassen und so zu „Gastarbeiterinnen im eigenen Land“
wurden, stieg im Wandel zu einer Dienstleistungsgesellschaft an. Dieser Bedarf
nach einer Flexibilisierung des Beschäftigungssystems dürfte mehr als das zu
Ende gehende UN-Jahrzehnt der Frau 1986 zur Ratifizierung des Gleichbehandlungsgesetzes
geführt haben (Weber 1990: S. 105-122), das weitgehend nur ins Gesetz goss, was
zuvor bereits in den „tausend kleinen Schritten und Auseinandersetzungen“ zur
Praxis gemacht worden war (Lenz 1990: S. 78). Trotz dieser Widerstände und
Ausgrenzungen gilt: „Berufstätigkeit ist selbstverständlich“ geworden für
Frauen, was in Zahlen auszudrücken ist: Die Hälfte über 15 übte einen Beruf
außerhalb des Haushalts aus, 74% der 20-24Jährigen arbeiteten bis kurz vor dem üblichen
Heiratsalter, der Anteil der 30-34Jährigen sank auf 51% und stieg zwischen 45
und 49 wieder auf 70%, dass die kinderbedingte ‚Rückzugsdelle‘ signifikante 19%
ausmacht. Von den Verheirateten arbeiteten 52% (Teruoka 1990: S. 95-97).

<p<an die="" seite="" der="" „professionellen="" hausfrauen“="" in="" zyklischer="" erwerbsarbeit="" traten="" zunehmend="" „karrierefrauen“="" und="" bildete="" sich="" eine="" „frauennetzwerkbewegung“,="" ihnen="" neue="" handlungsräume="" erschließen="" sie="" aus="" traditionellen="" rollen="" lösen="" sollten="" (linhart="" o.a.),="" um="" „auf="" dem="" weg="" zur="" gleichberechtigung“="" zu="" treten.="" das="" hatte="" einstellungsänderungen="" folge,="" dass="" innerhalb="" des="" un-jahrzehnts="" frauen="" seit="" aufkommen="" von="" libu="" undó="" 1975="" 20%="" hälfte="" mehr="" (30,6%)="" 1985="" 24-29jährigen="" unverheiratet="" blieben="" so="" den="" normallebenslauf="" willentlich="" aufbrachen="" (teruoka="" 1990:="" s.="" 96).

4. Sozioökonomische Zeitenwende – Soziale Folgen der Bubble Economy

Eine Positionsbestimmung der Geschlechter und „ihre gesellschaftliche Situierung
zueinander im Prozess der Modernisierung“ (Jurczyk 2009: S. 57) fällt bis
hierhin ambivalent aus: in einer familienzentrischen Gesellschaft (ie shakai)
stärker als in anderen Industrieländern auf die Rolle der Hausfrau festgelegt,
erweiterten sich diese Hausfrauen in organisierten Verbünden ihre Rollenkompetenzen
und griffen erstmals aktiv von sich aus auf zumindest kommunale Öffentlichkeit
hinaus, für die sie Handlungsmacht für sich beanspruchten. Das verfestigte
wiederum durchaus auch selbstgefördert die geschlechtspolaren Rollen(bilder),
indem sie die „Komplexitäten der Gleichheitsforderungen“ übergingen und sich
nicht den „Frösten der Freiheit“ aussetzten (Lenz 1990: S. 88). Es blieb jedoch
fast nie bei innerhäuslicher oder kommunalnaher Hausarbeit, die durchaus „als
Arbeit gesehen und anerkannt“ wurde (ebd.: S. 84), vielmehr war – wenn auch
i.a.R. inferior positioniert – Erwerbsarbeit bei mehr als der Hälfte aller
Frauen selbstverständlich, was auf der ‚Hinterbühne der Gesellschaft‘ die
japanische Prosperitätsphase erst fundierte, aber entlang rollenspezifischer Attributionen
trotz zunehmender Bildungsqualifikationen zu ausgeprägtem Diskontinuitätserwerb
beitrug. Durch die Kraft westlicher Frauenbewegungen zur „Transformation der
Intimität“ inspiriert (vgl. Kern 2010: Kap. 4.1), kam ab den 1970er Jahren v.a.
mit der Libu undó nach 1911 eine zweite Frauenbewegung auf (vgl. Konkel 2013;
Linhart o.A.; Terasaki 1991), die die Grundsteine für ganz anders zu denkende
Konzepte selbständiger Frauen legte und in der ie shakai erste Ansätze einer
„Unabhängigkeit vom Zugriff der Familie“ (Beck-Gernsheim 2009: S. 17) denken
und ‚sprießen‘ ließ.

Diese Entwicklungen aus den Reihen der Frauen heraus sind makrologisch zu umrahmen: Statt
dass es durch die bis dahin Modernitätsstandards setzende
„Vorreitergesellschaft“ (Schwinn 2006: S. 30) zu einer erwarteten „Pax
Nipponica“ (Vogel 1993) kam, platzte mit 4jährigem Vorlauf 1990 eine Vermögens-
und Immobilienblase (baburu keizai) (Willam 2012), was mit 3 Rezessionen in den
1990er Jahren die Vorzeichen einer „Vollbeschäftigungsökonomie“ umkehrte, in
Japans „endogenen Krisenpotentialen ihres institutionellen Grundmusters zu
suchen“ ist und wodurch sich das „basale Institut der japanischen Beziehungen“
entsicherte (Hessinger 2004: S. 321ff.). Die Folgen sind Legion: Entsicherungen
auf dem Arbeitsmarkt ließen den toyotaistisch festangestellten Salaryman
(sei-shain) des sicher geglaubten Vergesellschaftungskerns Firma (vgl. Coulmas 2014: Kap. 11) inkl. betrieblicher Kranken- und Rentenversicherung unsicher werden. An seine Seite traten anteilig bald gleichauf furíta (Freeter =free Arbeiter), die nur in Aushilfs- oder
Teilzeitjobs (arubaito) tätig sind, deren Alter von Anfang zu Mitte 20 und
deren Zahl von Anfang der 1980er von 0,5 auf 2 Mio. 2005 stieg, dass 2006 rund
20% der 15-34Jährigen atypisch beschäftigt waren (wobei nur unverheiratete
Frauen miterfasst werden, Gattinnen weiterhin (!) als Teil des
Salaryman-Haushalts firmieren) (Hommerich/Kohlbacher 2007: S. 16-19)
[25]. Das ging
einher mit einer Entzauberung der bis dato andro-meritokratischen Erwerbsarbeit
durch die Verdoppelung der Arbeitslosigkeit von 1991 2,1% auf 5,4% 2002 – eine
„lost decade“ und unverkennbare „Erosion des Normalarbeitsverhältnisses“.
Sozialstrukturell hatte dies eine zunehmende Einkommensungleichheit und eine
abnehmende soziale Mobilität zur Folge, was prekäre Beschäftigung von 15% 1984
auf 35,2% 2012 ebenfalls mehr als verdoppelte (gut 15% der Japaner gelten als
arm). Zuvor betrieblich übernommene soziale Sicherungen wie Fürsorgeleistungen
wurden stetig gekürzt, hingegen bisher unzureichend wohlfahrtstaatlich
kompensiert – „sicherheitsspendende Selbstverständlichkeiten“ schmolzen daher
dahin und ließen v.a. derart „Enttrieblichte“ sich sozial exkludiert fühlen
(Bude et al 2012: S. 3-6; Hommerich 2011: S. 265ff.; Hommerich/Schöneck 2014:
S. 6-9ff.).

Was direkt den Männern widerfuhr, wirkte sich auch zu den Frauen durch: Ohne den
Bedarf einer Vollbeschäftigungsökonomie rutschten sie erneut in ‚ein Tal‘ des
Diskontinuitätserwerbs: ihre Arbeitskraft war weniger nachgefragt, durfte wegen
des Gleichbehandlungsgesetzes aber nicht abgelehnt werden, was ihren Status als
teilzeitangestellte Freeter, der für sie somit nicht so überraschend neu wie
für die Männer war, eher festigte und die Aussicht auf Festerwerb verdüsterte[26]. Erst nach
1999 zunehmend wahrgenommene und den Glauben an die homogene Mittelschicht erschütternde reale Ungleichheiten vertieften die Hoffnung auf das meritokratische Prinzip
nur noch und führten bei der Bildung zu einer „Hyper-Meritocracy“
(Hommerich/Schöneck 2014: S. 22)[27].
Diese Prozesse ließen Männer wie Frauen „zur Individualisierung verdammt“ sein
(Beck/Beck-Gernsheim 1993: S. 179), was auch die Familien spürbar betraf: die
androzentrisch-familiare Normbiographie brach durch die Entsicherung des Mannes
als ‚Ernährer‘ auf, wenn eine Familiengründung auch „natürlicher Wunsch“ und
„Lebensideal in der Organisation von Lebenszyklen“ blieb. Doch veränderte sich
das Heiratsverhalten signifikant durch die Trends „zum Heiratsaufschub/zur
späten Heirat“ (bankonka), „zum Ledigsein“ (mikonka) wie „zur (dauerhaften)
Ehelosigkeit“ (hikonka), die sogar den 30. Geburtstag als „magische Grenze für
eine Hochzeit“ verflüssigten. Die Zahl der Eheschließungen sank seit 1980 zwar
nicht mehr merklich[28],
aber das Heiratsalter stieg bei Frauen von 1975 24,7 auf 28 Jahre 2005 (Männer
27/29,8) inländisch rasant an. Da gleichzeitig Kohabitation unerwünscht blieb
(Kottmann 2009: S. 114-119), ist zwar ein auffallender Anstieg um 0,9 auf 2%
bei außerehelichen Kindern festzustellen (in den USA ein Drittel), dennoch
bleiben sie die tabuisierte Ausnahme, obwohl sich der Anteil 35-44jähriger
lediger Frauen in 20 Jahren bis 2005 auf 15% verdreifachte. Kinderbekommen und
Ehe ist quasi kongruent zu setzen, während in der „lost decade“ die Scheidungsrate
angesichts brüchiger und fraglicher Verhältnisse 2000 auf (in 90,9% der Fälle
einvernehmlich erfolgte) 0,21% hochschnellte und so hoch lag wie zuletzt vor
der Taishó-Zeit (1912-1926). Hierdurch zeichnen sich ganz neue Handlungsräume
für die temporär viel länger unverheiratet bleibenden Frauen ab, die m.E.
jedoch weniger als noch zur Prosperitätszeit wie durch Libu undó bestrebt auf
intrinsischem Selbstbewusstsein wider die einengenden Umstände (von Haus und
Mann) fußen, sondern Folge der ökonomischen Lage sind, die einen
arbeitsplatzsicheren „Ehemann als Luxusgut“[29],
das Familienführen finanziell riskant und praktisch weniger attraktiv sein
lassen (Fuess 2002: S. 75-78; Schad-Seifert 2006; 2013).

Im Feld der Medien als „Ort der Erzeugung geschlechtlicher Bedeutung“ (Fritzsche) ergriff eine „born into feminism“-Generation junger Frauen (Girls) in Nachfolge der Riot-Grrrl–Bewegung
von Anfang der 1990er Jahre zumindest bis zur Ehe den ‚Status im Freiraum‘ als
„citizens, consumers, producers“, um von Fans zu „new heroes of popular
culture“ (Harris) zu werden. Zu „powerful citizens“ werden diese Girls durch
Konsum als „Möglichkeit zur Entfaltung symbolischer Kreativität“, womit sie
sich ‚populärkulturell ermächtigen‘, um so eine „feministische Mikropolitik“ als
„Politik der Subjektwerdung“ zu betreiben. Für diese Girls ist Populärkultur
ein „Ort der Hervorbringung von Widerständigkeit“ (Thomas), wo sie als
konsumierende Fans und eigene Produzenten von Mangas und Co. kulturelles
Kapital erzeugen, das sie aber kaum in ökonomisches konvertieren können und
daher doch i.a.R. „in einer marginalisierten Position“ verbleiben (nach
Hülsmann et al. 2016: S. 3-6). Manch anderer Rahmen bleibt derweil altbekannt:
Unter den Frauen gehen 2016 66% (2013 62%) der arbeitsfähigen arbeiten, wovon
75% resp. 49,5% der arbeitsfähigen es nur als „part timer“ können[30] und sie
selbst bei gleicher Arbeit 27% (2013 33%) weniger verdienen; 70% der Mütter mit
Neugeborenem kehren nicht in den Beruf zurück, was die Erwerbs- Ende 20 weiter
zur einknickenden M-Kurve werden lässt[31].
Und wo – noch so spät – geheiratet wurde und selbst wenn beide Ehepartner
arbeiten, fallen mit 4,3 zu 1 Stunde über 80% der Hausarbeit der Frau zu, was
ihr schon im ‚eigenen Heim‘ einen Vollzeiterwerb nahezu verunmöglicht. Neben
Hürden auf der Makro- und Meso- kommen realitär noch solche auf der Mikroebene
hinzu, die dafür sorgen, dass in Vorständen nur 1,1% (2013 1%) und im
unteren und mittleren Management 11,9% Frauen sitzen. Weniger sind es in keinem
Industrieland, obwohl Frauen als die „größte ungenutzte Ressource“ (Abe) als
ökonomisches Gut (an-)erkannt wurden, durch deren Erwerbsarbeit das japanische
BIP um 16% steigen könnte (Lill 2013; Rothaas 2016), was das Verhältnis von
Männern zu Frauen von 3 zu 2 (59,3% vs. 40,7%) an der arbeitenden Bevölkerung
noch unterstreicht (Linhart 2001). Für „eine Gesellschaft, in der die Frauen
glänzen“ können, wurde 2013 regierungsseits das Programm „Womenomics“
gestartet, „mit dem 30 Prozent der Führungspositionen bis 2020 an Frauen gehen
sollen.“ (Fleuri 2016) Aufgrund dieser ökonomisch unsicheren und sozial
‚verschobenen‘ Verhältnisse breiteten sich „parasitäre Singles“ (parasaito
shinguru) aus (1995 10 Mio., fast 8%), was sich als „private Entscheidung und Lebensform“
ihrer Zahl, Ursachen und Folgen wegen zu einem sozialen Problem ausgewachsen
habe (erhöhte Lebenshaltungskosten, soziale Entfremdung, …), da sie „in
psychischer und ökonomischer Not […] keine Hilfe bekommen [und; D.S.] kaum anders
als Flüchtlinge“ in der ie shakai zu kazokunanmin, zu exkludierten Mitgliedern
in einer „Gesellschaft im Familienexil“ geworden sind (Yamada nach Bilke 2015).

5. Japanischer Sonderweg oder typischer Verlauf?

Der Rückblick auf 413 Jahre Geschichte japanischer Frauen weist Parallelen zum
deutschen Pendant auf, die sich deskriptiv wie analytisch gleich fassen lassen,
kulturell ausgeformte und beharrende Eigenheiten fallen aber ebenso auf: In den
vormodernen 265 Jahren des Sakoku verfestigten sich durch den
Staatskonfuzianismus kosmisch legitimiert soziale Axiome einer dem Mann
lebenslang unterwürfigen und gehorsamen Frau, die ins Haus verbannt an Bildung
als Moral nur vermittelt bekam, was für sie als shufu (Hauptfrau und
Hausherrin) zur Haushaltsführung und zur Unterhaltung des Mannes von Nöten war.
Mit der Meiji Ishin 1868 nach exogener Öffnung begann für Japan eine erste
Modernisierung und für die Japanerinnen eine erste Phase ambivalenter
Individualisierungstendenzen. Zum einen gerann das ie-Familiensystem zur nationalen
Norm, die durch die kokutai—Ideologie als „nichtreligiöse Religion“ (Hagiwara
1989) den Tennó zum Vater des Volkes im Familienstaat machte und wo die Übergänge
von ‚innerer zu äußerer‘ Familie durch das ‚Kontrollorgan Patriarch‘ fluide
waren. Zum anderen, wenn auch in der familienstaatlichen Gemengelage stets
zugewiesen, erhielten die Japanerinnen die Chance auf Bildung, die für sie auch
schnell selbstverständlich wurde, allerdings nicht intellektuell förderte,
sondern im Sinne des androzentrischen Staates sehr frauenspezifische Inhalte
erneut konfuzianischer Moral vermittelte. Der Ausweg für sie war katei, die
Kernfamilie, in die sie sich ‚zurückzogen‘, wo sie zwar als shufu westlicher
Prägung innerhäuslich nun alles alleine erledigen mussten, sich hier jedoch
auch ein Frei-Raum auftat, in dem sie für sich bleiben konnten. Aufwind erhielt
die Kernfamilie als ‚weiblicher Schutzraum‘ durch die 1911 aufkommende erste
japanische Frauenbewegung, die die insgesamt sozial freizügigere, für
parlamentarische Rechte eintretende Taishó-Zeit zum „Erwachen des ‚Modernen
Ich‘ um 1920“ (Lenz 1990: S. 73) nutzte. Nichtintendierte Nebenfolge war die
zunehmende Feminisierung und Privatisierung der Kernfamilie, die ihre inneren
Freiräume auf Kosten des Verschwindens aus der Öffentlichkeit erkauft hatte und
nun vermehrt als rechtsfreier Raum“ galt. Aus dem Freiraum wurde so emotional
ein ‚Gefängnis‘, wenn sich ‚zum Ausgleich‘ spätestens jetzt auch ein
intensiviertes Mutter-Kind-Verhältnis herausbildete. Ab den 1930er Jahren zur
Shówa-Zeit endeten die relativen Freiheiten, Japan entwickelte sich zu einem
nationalistisch-imperialistischen Akteur und in der Zuspitzung des Pazifischen
Krieges änderte sich die zugewiesene Rolle der Frauen erneut: Aus ihrer
familiären Privatheit wurden sie staatlich herausgeholt, um den männlichen
‚Kriegern‘ in der Heimat den Rücken freizuhalten und als „gute Hausfrauen und
weise Mütter“ diverse Tätigkeiten in der Öffentlichkeit auszuüben, was ihnen
ein Gefühl der Befreiung aus der Bedeutungslosigkeit gab.

Dennoch war für sie wesentlich, „dass Japan den Krieg verloren hat“ (Imai nach Linhart
2011b), weil erst durch die Nachkriegsreformen exogen erzwungen eine rechtliche
Gleichstellung erfolgte. Von dieser Basis aus konnte eine „mittlere Generation“ von Frauen aufgrund ihrer Kriegserfahrungen eine „Demokratisierung der Familie ‚von unten‘“ durch Relativierung des patriarchalischen Haushaltsvorstandes und Befreiung von der real spürbareren
schwiegermütterlichen Kontrolle versuchen. Unter diesen neuen Vorzeichen war
die Wendung junger Frauen zur auf 60% verbreiteten Kernfamilie als
My-Home-Denken ein Versuch zu „etwas größerer Eigenständigkeit“ zu verstehen,
auch weil die Orientierung der Männer am Betrieb durch den „Auszug der Väter“
„ein Vakuum zu Hause“ hinterließ. Die „Abkehr von der Norm der Unterordnung
unter die (Schwieger-)Eltern“ und die „Orientierung auf das Privatleben in der
Kleinfamilie unter Zurückstellung für den Betrieb und die Eltern“
[32] verlangte, alleine im Haushalt „auch ohne Rücksichten auf sie für sich leben und planen [zu; D.S.] können.“ Dem widerstand wertkulturell und strukturell
eine „industrielle Tradition“, die „spezifisch industriegesellschaftliche
Verhältnisse als ‚immer schon so gewesen‘ und traditionell“ und „letztlich als
selbstverständlich und unhinterfragbar“ darstellte, was das Bild von „guten Hausfrauen
und weisen Müttern“ memetisch tradierte. Und das so erfolgreich, dass 1973 97%
aller Frauen über 25 einmal verheiratet waren und nur 7,7% der 30-34Jährigen
(vorerst) nicht (Lenz 1990: S. 73-79). „Professionelle Hausfrauen“ und
„Erziehungsmamas“ modifizierten dieses Bild zwar nachhaltig, indem sie sich
durch aktiv betriebene Netzwerke manifest ein ‚kommunal-öffentliches
Hoheitsgebiet‘ erstritten, in dessen erweiterten „Haushalt als ihre ‚Domäne‘“
(Jurczyk 2009: S. 77) sie über „Kind, Küche, Kasse“ verfügten[33]. So
festigten sie aber – durchaus selbst-bewusst – auch konsumistisch als
„Hauptkäuferinnen der Familieneinheit“ (Lennox nach Baur 2013a) die bestehende
Geschlechtspolarität. „In der japanischen Gesellschaft sind die
Geschlechterwelten zwar komplementär, bestehen aber relativ unabhängig voneinander“
(Hülsmann et al. 2016: S. 1), obwohl es zu einer einseitig ‚unsichtbaren
Diffusion‘ kam: Während sich Männer „monogamer Arbeit“ (Gross) hingaben,
etablierte sich zum Besten der japanischen Vollbeschäftigungsökonomie (statt
eines reinen „Ernährer-Hausfrau-Modells“; Baur 2013b) ein „Eineinhalb-Personen-Berufs“-Modell (Beck-Gernsheim), durch das es zu einer „begrenzten Integration“ (Gottschall) der Frauen kam, die eine „doppelte Vergesellschaftung“ als Haus- und i.a.R. Diskontinuitätserwerbsarbeiterinnen
„auf Abruf“ durchlebten.

Die 1990 platzende Wirtschaftsblase entsicherte Gewissheiten und Integrationsmechanismen auf dem androzentrischen Arbeitsmarkt und führte zu einer „‘Feminisierung‘ der Arbeit“,
indem sich die bisher primär weiblichen Diskontinuitäten zu den Männern
durchschlugen: „die ‚Krise der Arbeit‘ erweist sich für
Männer als eine Infragestellung ihres Status Quo der vergangenen Jahrzehnte“ (zit.
nach Jurczyk 2009: S. 72-76). Diese sozioökonomischen ‚Einbrüche‘
führten die zuvor schon eingesetzten Trends fort: Die Heiratsrate ist seit den
1970er Jahren auf fast die Hälfte abgesunken, v.a. aber hat sich das
Heiratsverhalten verändert, ließ eine Heirat im Schnitt um Jahre später
eingehen und bis dahin, aber auch in absoluten Zahlen mehr denn je Singles
‚entstehen‘ und aufgrund ihrer sozial problematischen Begleiterscheinungen
erstmals ins Bewusstsein einer familienzentrischen Öffentlichkeit treten. Eine
lebensweltliche Folge eines allgemeinen Krisengefühls ist sugomori genshó
(Phänomen des Rückzugs ins Nest) als Rückzug (cocooning nach Popcorn) ins
eigene Heim (homing), wo frau sich durch sugomori shóhi (Nestrückzugskonsum)
„ein Stück eigenes Leben“ für die sugomori kazoku (Familie, die sich ins Nest
zurückzieht) ausgestalten will (Platz 2009: S. 244f.) und so nach der
Vorkriegs-katei und der Nachkriegs-Kernfamilie erneut das Private insb. für die
Frauen ins Zentrum rückt. Diese müssen sich aber auch als „Arbeitskraftunternehmer“
zunehmend in der Rolle als Freeter nicht nur mit prekarisierenden Verhältnissen
auseinandersetzen, sondern ihr Bestreben „weg von der ‚selbstverständlichen‘ Abweichung von der männlichen Norm“ selber erarbeiten (zit. nach Jurczyk 2009: S. 74f.). Im Feld medialer Popkultur können sie dies zwar ‚widerständisch‘ ausleben, nehmen auch kulturelles, aber eben nur selten
ausreichend ökonomisches Kapital ein. Und trotz zahlreicher Gesetzesreformen,
die sie seit 1986 schrittweise formal im Status angleichen lassen, bleiben sie
auf herkömmlichen Arbeitsplätzen sekuhara (sexueller Belästigung und Mobbing)
sowie als Mütter matahara (Mutterbelästigung, bspw. die Mutterschaftszeit nicht
wahrzunehmen) ausgesetzt (Fleuri 2016), dass sie alternativ nur den steinigen
Weg der Selbständigkeit gehen können, der sie anderen wertkulturellen ‚Frösten
der Freiheit‘ aussetzt (ebd.; Belz 2014; Rothaas 2016).

6. Fazit

Diese Arbeit stand vor dem Spagat, die Genese der Individualisierung japanischer Frauen der Gefahr wegen, „die Besonderheit der Veränderungen im weiblichen Lebenszusammenhang zu verkennen und damit auch die Entwicklungsdynamik und den sozialen und politischen Sprengstoff, die in der Bewußtwerdung von Fraueninteressen entfalten sind“, mit einem männlichen Maßstab zu messen und so „das ‚ewige Elend‘ der Zurücksetzung, Benachteiligung und Diskriminierung zu beklagen.“ Und der rein diachrone Blick barg „beim Vergleich der Frauengenerationen
die Gefahr, daß die fortbestehenden materiellen und sozialen Ungleichheiten
zwischen Männern und Frauen eingeebnet werden“, dem „wohlwollenden Bild eines
ständig fortschreitenden ‚Fortschritts‘“ geschuldet (Beck-Gernsheim 2009: S.
15f.). Auch um die unvertrauteren Umstände Japans angemessen einzubeziehen,
wurde daher die einleitend skizzierte doppelte Perspektive auf androzentrische
Sozialdominanzen und weibliche ‚Gegenbewegungen‘ gewählt, um so das
Superior-Inferior-Verhältnis zwischen den Geschlechtern ebenso diachron wie die
inferioren Handlungsspielräume der Japanerinnen in ihren Ambivalenzen
auszuleuchten. Nur derart kontextual lässt sich m.E. auch erst den „tausend
kleinen Schritten“ (Lenz 1990: S. 78) adäquat widmen, da sie ihre Relevanz für
die Japanerinnen erst angesichts der noch heute ausgeprägten ‚Männerherrschaft‘
offenbaren. Nur so wird der „Wandel im Schneckentempo“ (Stadlmayer 2000) als
Wechselspiel aus androstaatlichen Vorgaben ‚von oben‘ und den weiblichen
Ausgestaltungen ‚von unten‘ innerhalb dieser zugewiesenen Zwangsräume nachvollziehbar.
Auffallend, wie oft hierfür Aspekte des Konfuzianismus androgenehm selektiert
wurden, um die Unterwürfigkeit der Frauen kosmisch zu legitimieren (Edo-Zeit),
sie zur Bildung zwecks ‚restaurativer Modernisierung‘ der Nation in moralisch
engen Bahnen zu verpflichten (Meiji-Zeit), sie nach kurzer kernfamiliarer
Taishó-Zeit durch Überbetonung der Mütterlichkeit nationalistisch wieder für
die Volksfamilie einzufangen (Kriegs-Shówa-Zeit) und zur Prosperitätszeit – in
zum dritten Mal grundlegend geänderter Sozialordnung – die
Selbstverständlichkeit der Abweichung vom männlichen Lebenslauf trotz
steigender Frauenbildung und doppelter Vergesellschaftung durch ein
Eineinhalb-Personen-Berufsmodell aufrechtzuerhalten. Bis hierhin ist die Modernisierung
japanischer Frauen vergleichbar ihren deutschen Pendants „als ‚nachholende
Individualisierung‘ im Sinn zunehmender Arbeitsmarktpartizipation“ sowie auch
beziehungsorientiert als „gebundene Individualisierung“ (Diezinger) zu charakterisieren
(Jurczyk 2009: S. 78). Das Platzen der Bubble Economy verstärkte dann zuvor
dezidiert nur durch Libu undó bestrebte Befreiungsprozesse aus traditionalen
Verhältnissen. Durch die Verflüssigung normbiographischer Fixpunkte stieg „die
Unabhängigkeit vom Zugriff der Familie“, was männliche Risiken in die weibliche
Normalbiographie einbrechen und diese nun „vorbildlos“, offener und ungeschützter
sein lässt denn je (Beck-Gernsheim 2009: S. 17). Da eine Hochzeit nunmehr statt
als „Glück“ als „Grab des Lebens“ begriffen wird, sind bereits die Hälfte aller
Frauen Singles und heiraten anstelle eines Mannes lieber solo nur sich; falls
doch ‚normal‘, dann innerhalb von 7 Jahren 2012 mit 29,2 um im Schnitt erneut
1,2 Jahre später (Schnabel 2016). Auch werden die weltweit als bestgebildet
anerkannten Japanerinnen durch ein antiquiertes, gerichtsbestätigtes
Namensrecht paradoxerweise von der Ehe ferngehalten, so sie selbstbewusst ihren
Geburtsnamen beibehalten und nicht den des Mannes übernehmen wollen, was in nur
4% der Ehen einvernehmlich zu realisieren ist (SPON 2015). So förmlich in ein
„Familienexil“ gezwungen, obwohl rechtlich auf dem Arbeitsmarkt stetig gleichgestellter,
erweist sich ob gelebter sekuhara (Mobbing wegen des Geschlechts) auch der Berufsweg
nur selten als reintegrative Kraft. Biographische Freiheiten gibt es somit nur
durch oft entzaubernde Risiken, die so aus der zunehmend freiräumlicheren Norm-
eine Bastelbiographie gemacht haben, die japanische Frauen (wie die Männer) für
sich ausgestalten müssen, um so eine Reintegration selbständig zu erwirken. Und
in der Art des Zustandekommens und der auf sie einwirkenden Institutionen ist
durchaus von einer spezifischen weiblichen „Individualisierung auf Japanisch“
zu sprechen, die als eigenständige Variation des weiblichen
Individualisierungsschubs in Deutschland anzusehen ist (vgl.
Beck/Beck-Gernsheim 2010). Und das erbastelte Wie erweist sich als höchst
konträr: Hier sugomori als Nestrückzugsphänomen, wo erneut das Privathäusliche
zum Ausgestaltungsraum mit existenter Familie oder für Freunde wird; dort
bilden sich in einem schwach ausgeprägten und zivilgesellschaftlich ergo erst noch
zu festigenden Dritten Sektor (Foljanty-Jost/Haufe 2006) außerhäuslich in
Anschluss an die Hausfrauen- sowie Libu undó- stetig neue Frauennetzwerke „als
eine dritte Form der Institution neben Markt und Hierarchie“, „die eher als
horizontal denn vertikal strukturierte, flexiblere Formen der Organisation“,
somit „als ein alternatives Organisationsprinzip“ wider übliche „Top-Down“-Entscheidungen
Japanerinnen neue Handlungsmacht lokal und inter-/national für sich erschließen
lassen (Tanaka 2009: S. 17f.). Diese Lebenszusammenhänge lassen den
Individualisierungsstatus der Japanerinnen frei nach Beck-Gernsheim ebenfalls
als ein „Nicht-mehr“ und „Noch-nicht“ beschreiben!

7. Literaturverzeichnis

Monographien

Coulmas, Florian (2014): Die Kultur Japans. Tradition und Moderne. München. C. H. Beck.

Eisenstadt, Shmuel N. (2006): Theorie und Moderne. Soziologische Essays. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Ishida, Takeshi (2008): Die Entdeckung der Gesellschaft. Zur Entwicklung der Sozialwissenschaften in Japan. Frankfurt a. M.: Suhrkamp.

Kern, Thomas (2010): Modernisierung und Protest – Politikformen individualisierter Betroffenheiten. Einführung in die Soziologie sozialer Bewegungen. Hagen: FernUniversität Hagen (Kursband).

Matsubara, Hisako (1983): Weg zu Japan. West-östliche Erfahrungen. Hamburg: Albrecht Knaus Verlag.

Matsubara, Hisako (1998): Raumschiff Japan. Realität und Provokation. Hamburg: Albrecht Knaus Verlag.

Schwentker, Wolfgang (2008): Die Samurai. München: C. H. Beck.

Tanaka-Naji, Hiromi (): Japanische Frauennetzwerke und Geschlechterpolitik im Zeitalter der Globalisierung. München: iudicium Verlag (Band 44).

Aufsätze in Sammelbänden

Antoni, Klaus (1992): Tradition und „Traditionalismus“ im modernen Japan – ein kulturanthropologischer Versuch. In: Krebs, Gerhard u. Küppers, Andreas N. (Hg.): Konflikt. München: iudicium Verlag (Japanstudien, 3).

Beck, Ulrich u. Beck-Gernsheim, Elisabeth (2010): Chinesische Bastelbiographie? Variationen der Individualisierung in kosmopolitischer Perspektive. In: Honer,
Anne et al. (Hg.): Fragile Sozialität. Inszenierungen, Sinnwelten, Existenzbastler. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Beck-Gernsheim, Elisabeth (2009): Vom „Dasein für andere“ zum Anspruch auf ein Stück „eigenes Leben“ – Individualisierungsprozesse im weiblichen Lebenszusammenhang. In: Wilz, Sylvia (Hg.): Struktur, Konstruktion, Askription – Theoretische und empirische Perspektiven auf Geschlecht und Gesellschaft. Hagen: FernUniversität
(Kursband).

Bude, Heinz et al. (2012): Das Gefühl der Krise – Prozesse sozialstruktureller Verortung im deutsch-japanischen Vergleich. In: Soeffner, Hans-Georg (Hg.):
Transnationale Vergesellschaftungen. Verhandlungen des 35. Kongresses der
Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Frankfurt am Main 2010, CD-ROM. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Distelraht, Günther (2010). Die vorindustrielle Dynamik der frühen Neuzeit. In: Kreiner, Josef (Hg.): Kleine Geschichte Japans. Stuttgart: Reclam.

Foljanty-Jost, Gesine u. Haufe, Karoline (2006): Bürgerliche Gesellschaft versus Zivilgesellschaft – Die neuere Debatte in Japan. In: Hack, René (Hg.): Arbeitswelten in Japan. München: iudicium Verlag (Japanstudien, 18).

Goydke, Tim (2013): Die Rolle des Staates in der japanischen Wirtschaftsentwicklung nach 1945. In: Holdgrün, Phoebe u. Vogt, Gabriele (Hg.):
Modernisierungsprozesse in Japan. München/Tókyó: iudicium Verlag.

Helle, Horst Jürgen (1981a): Auf dem Weg zur matrilinearen Gesellschaft? 429-440 in: Joachim Matthes (Hg.): Lebenswelt und soziale Probleme. Verhandlungen des 20.
Deutschen Soziologentages zu Bremen 1980. Frankfurt am Main: Campus.

Holdgrün, Phoebe u. Vogt, Gabriele (2013): Modernisierungsprozesse in Japan – von Meiji
bis zur Gegenwart. In: Holdgrün, Phoebe u. Vogt, Gabriele (Hg.):
Modernisierungsprozesse in Japan. München/Tókyó: iudicium Verlag.

Hülsmann, Katharina (2016): Einleitung – Japanische Populärkultur und Gender. In:
Hülsmann, Katharina (Hg.): Japanische Populärkultur und Gender. Ein
Studienbuch. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften (Geschlecht und
Gesellschaft, 62).

Hommerich, Carola (2011): Neue Risiken, neues Selbstbild – Japan in verunsicherten Zeiten.
In: Chiavacci, David u. Wieczorek, Iris (Hg.): Japan 2011 – Politik,
Wirtschaft, Gesellschaft. Zürich: VSJF – Vereinigung für sozialwissenschaftliche
Japanforschung (Japan jahrbuch, 38).

Hommerich, Carola u. Kohlbacher, Florian (2007): Japans „freie Arbeiter – individueller
Lebensstil oder aufgedrängte Prekarität? In: JapanMarkt. Tókyó: Deutsche
Industrie- und Handelskammer in Japan.

Hommerich, Carola u. Schöneck, Nadine M. (2014): Vorzeigenationen unter Druck? Wahrnehmungen von sozialer Ungleichheit und Statuserwerbsprozessen – Deutschland und Japan im Vergleich. In: Working Papers 14/2. Tokyo: Deutsches Institut für Japanstudien
/ Stiftung D.G.I.A..

Imai, Yasuko (1991a): Vor dem Tagesanbruch für Frauen. Ein sozialhistorischer Essay.
In: Linhart, Ruth (Onna da kara – weil ich eine Frau bin – Liebe, Ehe und
Sexualität in Japan. Wien: Wiener Frauenverlag/Milena-Verlag (Frauenforschung,
16).

Ishida, Takeshi (1993): Die Integration von Konformität und Konkurrenz. In: Menzel,
Ulrich (Hg.): Im Schatten des Siegers – Japan – Kultur und Gesellschaft.
Frankfurt a. M.: Suhrkamp (Japan, Band 1).

Jurczyk, Karin (2009): Geschlechterverhältnisse in Familie und Erwerb – widersprüchliche
Modernisierungen. In: Wilz, Sylvia (Hg.): Struktur, Konstruktion, Askription – Theoretische und
empirische Perspektiven auf Geschlecht und Gesellschaft. Hagen: FernUniversität
(Kursband).

Kameda, Atsuko (1991): Die Frau als Lehrende und Lernende an japanischen Universitäten.
In: Gössmann, Elisabeth (Hg.): Japan – Ein Land der Frauen? München: iudicium
Verlag.

Klein, Axel u. Kreiner, Josef (2010): Japan in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts. In: Kreiner, Josef (Hg.): Kleine Geschichte Japans. Stuttgart:
Reclam.

Langer-Kaneko, Christiane (1991): Zur Geschichte der Erziehung und Bildung der Frau in Japan,
reflektiert an ihrer Rolle in der Gesellschaft. In: Gössmann, Elisabeth (Hg.):
Japan – Ein Land der Frauen? München: iudicium Verlag.

Lenz, Ilse (1990): Hausarbeit als Beruf und Berufung. In: Linhart, Ruth u. Wöss,
Fleur (Hg.): Nippons neue Frauen. Hamburg: Rowohlt.

Lenz, Ilse (1993): Die unsichtbare weibliche Seite des japanischen Aufstiegs:
Das Verhältnis von geschlechtlicher Arbeitsteilung und kapitalistischer
Entwicklung. In: Menzel, Ulrich (Hg.): Im Schatten des Siegers – Japan –
Ökonomie und Politik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp (Japan, Band 3).

Lützeler, Ralph (1996): Die japanische Familie der Gegenwart – Wandel und Beharrung aus
demographischer Sicht. In: Duisburg Working Papers (Green Series, 7).

Kottmann, Nora (2009): Heirat in Japan heute. Japan – ein Heiratsparadies!? In: Hoppner,
Inge (Hg.): 2. Deutsch-japanisch-koreanisches Stipendiatenseminar,
10.-11.07.2008. Berlin: JDZB – Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin (Reihe 1,
Tagungsband 58).

Mae, Michiko u. Schmitz, Julia (2007): Zwischen Öffentlichkeit und Privatheit – Die
moderne Familie in Japan und Deutschland bis 1945. In: Backhaus, Peter (Hg.):
Familienangelegenheiten. München: iudicium Verlag (Japanstudien, 19).

Obayashi, Taryó (1995): Traditionelle Gesellschaftstypen und Kulturprovinzen in Japan.
In: Hemmert, Martin u. Lützeler, Ralph (Hg.): Raum. München: iudicium Verlag
(Japanstudien, 6).

Platz, Anemone (2009): Sutekina kurashi – Rückbesinnung auf Heim und Familie. In:
Chiavacci, David u. Wieczorek, Iris (Hg.): Japan 2009 – Politik, Wirtschaft und
Gesellschaft. Zürich: VSJF – Vereinigung für sozialwissenschaftliche
Japanforschung.

Schad-Seifert, Annette (2006): Japans kinderarme Gesellschaft – Die niedrige Geburtenrate und
das Gender-Problem. In: Working Papers 06/1. Tokyo: Deutsches Institut für
Japanstudien / Stiftung D.G.I.A..

Schad-Seifert, Annette (2007): Japans Abschied von der Mittelschichtgesellschaft. Auflösung
des Familienhaushalts oder Pluralisierung der Lebensformen? In: Backhaus, Peter
(Hg.): Familienangelegenheiten. München: iudicium Verlag (Japanstudien, 19).

Schad-Seifert, Annette (2013): „Der Ehemann als Luxusgut“ – Japans Trend zur späten Heirat.
In: Holdgrün, Phoebe u. Vogt, Gabriele (Hg.): Modernisierungsprozesse in Japan.
München/Tókyó: iudicium Verlag.

Schmidtpott, Katja (2011): Die familiale Tischgemeinschaft in Japan zwischen Ideal und Alltagspraxis vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. In: Chiavacci, David u. Wieczorek,
Iris (Hg.): Japan 2011 – Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zürich: VSJF –
Vereinigung für sozialwissenschaftliche Japanforschung.

Schubert, Volker (2006): Individualisierung und Konformität – Kontrastierende Modelle in
Japan und Deutschland. In: Schwinn, Thomas (Hg.): Die Vielfalt und Einheit der
Moderne. Kultur- und strukturvergleichende Analysen. Wiesbaden: VS Verlag für
Sozialwissenschaften.

Schwinn, Thomas (2006): Die Vielfalt und die Einheit der Moderne — Perspektiven und
Probleme eines Forschungsprogramms. In: Schwinn, Thomas (hg.): Die Vielfalt und
Einheit der Moderne. Kultur- und strukturvergleichende Analysen. Wiesbaden: VS
Verlag für Sozialwissenschaften.

Terasaki, Akiko (1991): Die Frauenbewegung in Japan während der siebziger und achtziger
Jahre. In: Gössmann, Elisabeth (Hg.): Japan – Ein Land der Frauen? München:
iudicium Verlag.

Teruoka, Itsuko (1990): Gedämpfer Optimismus. Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung.
In: Linhart, Ruth u. Wöss, Fleur (Hg.): Nippons neue Frauen. Hamburg: Rowohlt.

Vogel, Ezra F. (1993): Pax Nipponica? In: Menzel, Ulrich (Hg.): Im Schatten des
Siegers – Japan – Weltwirtschaft und Weltpolitik. Frankfurt a. M.: Suhrkamp
(Japan, Band 4).

Weber, Claudia (1990): Chancengleichheit per Gesetz. Linhart, Ruth u. Wöss, Fleur
(Hg.): Nippons neue Frauen. Hamburg: Rowohlt.

Willam, Daniel (2012): Ein Vergleich der 2007/2008 US Subprime- Finanzkrise mit der
Finanzkrise durch die Vermögens- und Immobilienblase Japans 1987–90 – Verlauf,
Ursachen und Auswirkungen. In: Hoppner, Inge (Hg.): 5.
Deutsch-japanisch-koreanisches Stipendiatenseminar, 23.-24.05.2011. Berlin:
JDZB – Japanisch-Deutsches Zentrum Berlin (Reihe 1, Tagungsband 63).

Wilz, Sylvia Marlene (2009): Struktur, Konstruktion, Askription – Perspektiven der
Analyse von Geschlecht. In: Wilz, Sylvia (Hg.): Struktur, Konstruktion,
Askription – Theoretische und empirische Perspektiven auf Geschlecht und
Gesellschaft. Hagen: FernUniversität (Kursband).

Aufsätze in Fachzeitschriften

Beck, Ulrich (2008): Jenseits von Klasse und Nation – Individualisierung und
Transnationalisierung sozialer Ungleichheiten. In: Soziale Welt – Zeitschrift
für sozialwissenschaftliche Forschung und Praxis, Jg. 59, Heft 4, S. 301-325.

Beck, Ulrich u. Beck-Gernsheim, Elisabeth (1993): Nicht Autonomie, sondern
Bastelbiographie – Anmerkungen zur Individualisierungsdiskussion am Beispiel
des Aufsatzes von Günter Burkart. In: ZfS – Zeitschrift für Soziologie, Jg. 22,
Heft 3, S. 178-187.

Fuess, Harald (2002): Als Japan die Welt anführte. „Das Land der schnellen
Eheschließung und der schnellen Scheidung“1870-1940. In: Nachrichten der
Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde (OAG), Jg. 77, Heft 171/172,
S. 75-92.

Hessinger, Philipp (2004): Die „Governance“-Depression in Japan – Überlegungen zur Strukturkrise der japanischen Wirtschaft. In: ZfS – Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft
4, S. 321-344.

Internet

Baur, Nina (2013a): Der Ernährer und die Hausfrau, oder: Der Arbeitnehmer und die Verbraucherin.

Baur, Nina (2013b): Die Koppelung von Arbeitsmarkt und Sozialstaat über das Ernährer-Hausfrau-Modell.

Belz, (2014): Japans Männer suchen die neue Frau.

Bilke, Ezgi (2015): Die Gesellschaft im „Familien-Exil“.

Fleuri, Johann (2016): Sekuhara – Sexuelle Diskriminierung auf Japanisch.

Hagiwara, Yoshihisa (1989): Über Begriff und Funktion der „kokutai“-Ideologie. Der Mythos des japanischen Kaisertums als Herrschaftsideologie vor dem zweiten Weltkrieg.

Helle, Horst Jürgen (1981b): Auf dem Weg zur matrilinearen Gesellschaft? Kurzfassung.

Imai, Yasuko (1991b): Vor dem Tagesanbruch für Frauen. Ein sozialhistorischer Essay.

Konkel, Christine (2013): Geschichte der Frauenbewegung in Japan ab 1911.

Lill, Felix (2013): Japan – Land der Ausgegrenzten.

Linhart, Ruth (2001): Kind und Karriere in Japan. (aus: Welt der Frau, 4/2001, S. 35f.)

Linhart, Ruth (2011a): Japanische Frauen und der Fünfzehnjährige Krieg.

Linhart, Ruth (2011b): Japanische Frauen und die amerikanische Besatzung 1945-1952.

Linhart, Ruth (o. A.): Die japanische Frauenbewegung der siebziger und achtziger Jahre.

Rothhaas, Julia (2016): Berufstätige Frauen in Japan. Im Land des Hechelns.

Schnabel, Lena (2016): Egoismus – Ich heirate. Mich!

SPON (2015): Gerichtsentscheid – Japanerinnen verlieren Kampf gegen antiquiertes Namensrecht.

Stadlmayer, Tina (2000): Wandel im Schneckentempo. Zetteln die Frauen eine stille Revolution an?


  • Es gilt dasPrinzip „dansonjohi“: Verehrung des Mannes, Herabsetzung der Frau, […] eine Einstellung, die sich im Laufe der
    Jahrhunderte des Feudalismus immer stärkerherausgebildet hatte“ und die Frauen sozial-rechtlich durch die 3 Arten des Gehorsams (sanjú) („Eine Frau ist abhängig ihr ganzes Leben.“) entmündigte (Langer-Kaneko 1991: S. 93).

  • Der Hauptstadt nach Edo-, der herrschenden Familie
    nach Tokugawa- und ihrer insellagigen Abgekapseltheit nach auch Raumschiff-Zeit
    genannt (Matsubara 1998).

  • Was insofern erstaunt, dass dieser jenseits der
    Landwirtschaft (v.a. Reis) keine Werte akzeptierte und sich so ein „japanischer
    Physiokratismus“ entwickelte (Distelraht 2010: S. 220ff.), eine stark von
    Gartenbaukultur (Nassreisfeldbau) abhängige Matrilinearität ((Helle 1981b: Abs.
    4) davon jedoch nicht profitierte, sondern hiervon final verdrängt wurde.

  • shinókóshó: 1. Schwertadel (bushi:
    samurai, aus denen daimyó als Landesfürsten und der shógun hervorgingen), 2.
    Landwirtschaft (Bauern hyakushó), 3. Handwerk, 4. Handel (je Stadtbevölkerung
    chónin). Darüber standen die Höflinge am Tennó-Hof in Kyoto und religiöse
    Berufe, darunter die Paria (buraku) (u.a. Schwentker 2008: S. 81-94).

  • Von oben verordnet und kleinste juristische
    Einheit, etablierte sich in den unteren Ständen ein Fünffamiliensystem von 5
    nebeneinander lebenden Familien, was den dorfbäuerlichen Gegebenheiten beim
    Reisanbau so gut entsprach, dass aus dem zur Bespitzelung gedachten System bis
    heute wirksame lebenspraktische „Selbsthilfeorganisationen“ von
    Schicksalsgemeinschaften“ überall im Lande wurden (Matsubara 1983: S. 207-210).

  • Das wiederum fußt auf der yin-yang-Theorie (inyó), demnach
    ist yang „das positive, helle, männliche Prinzip; yin das negative, dunkle,
    weibliche.“ (Langer-Kaneko 1991: S. 97).

  • Wichtig: Dem standesdistinktiv-elitären
    „Bildungshunger“ der samurai stand ein durch den Buddhismus ‚von unten‘
    entwickeltes „Volksschulsystem“ mit landesweit 15.000 Schulen und allein 3.000
    erhaltenen Schulbüchern gegenüber, das bzgl. Lesen, Schreiben und
    lebenspraktischen Wissen ein gutes Grundniveau verbreitete (Matsubara 1983:
    Kap. 19), für Frauen die Kluft zur männlichen ‚Vollbildung‘ jedoch umso größer
    sein ließ.

  • So wurde der westliche Feminismus als jokenron
    (Diskussion über Frauenrechte) und eine Modernisierung des
    Geschlechterverhältnisses durchaus erkannt, aber nur traditionalistisch (vgl.
    Antoni 1992) andro-genehm wohldosiert praktiziert – ein gentleman like galantes
    „lady first“ blieb bspw. undenkbar. Und ein Feminist war kein Streiter für Frauenrechte,
    sondern jemand, „der gegenüber Frauen freundlich ist“, „ein Mann, der Frauen
    verehrt“ (Imai 1991b).

  • Aus dem vorgeblichen, wenig anerkennenden ‚Grund‘,
    dass Japan wegen der Dummheit der Frauen und v.a. Mütter zurückgeblieben sei.
    Daher: „Machen wir die Mütter der nächsten Generation klüger.“ (Imai 1991b)

  • Im Widerstand hierzu begann später als bspw. in
    Deutschland mit der Feministischen Zeitschrift Seitó (Blaustrumpf) und der
    Vereinigung Seitósha 1911 die „alte Frauenbewegung“ in Japan für eigene
    (politisch-öffentliche Wahl-)Rechte und Bedürfnisse öffentlich (!) einzutreten
    (Konkel 2013). „Das Muster einer das ganze Leben hindurch autoritätsgebundenen
    Frau erwies sich jedoch als sehr zählebig.“ (Langer-Kaneko 1991: S. 107)

  • Als Mittelschicht- (aus erwerbstätigen Ehemann,
    Hausfrau und Kindern) auch als „Erziehungsfamilie“ (kyóiku kazoku) vom Staat
    instrumentalisiert (Mae/Schmitz 2007: S. 60).

  • Obwohl diese „totale Mobilisierung“ statt integrativ für
    die Frauen segregativ als „Bürger zweiter Klasse“ und „warme Urquelle, die den
    Haushalt beschützt“, erfolgte – frei dem Motto: „Landesverteidigung von der
    Küche aus!“ (Linhart 2011a)

  • Diese „schluckte auch die emanzipatorischen
    Fraueninitiativen aus den Vorkriegsjahren wie jene für Frauenwahlrecht,
    Konsumentenrechte und Geburtenkontrolle.“ (ebd.)

  • Und wenn nur, um ‚Nachschub‘ für die an der Front
    Gefallenen zu erzeugen: „umeyo fuyaseyo“, „Gebären wir, vermehren wir uns!“
    (Linhart 2011a

  • Für Frauen: Wahlrecht ab 20 und Recht
    bei Wahlen ab 25 zu kandidieren (erstmals am 10.04.1946 nahmen das 67%
    wahlberechtigter Frauen wahr und 39 von 70 Kandidatinnen wurden gewählt), Verbotsaufhebung politischer Aktivität, Aufnahme in den Staatsdienst und
    Regierungsreform, was in der neuen Verfassung, dem neuen Bürgerlichen Gesetzbuch
    und Erziehungsgrundgesetz realisiert wurde (Linhart 2011b: Abs. 1-2).

  • Als „Schutzgemeinschaft der Verwandten [übten] „Rücksichten
    auf die Familie im Sinne des ‚ie‘ großen Einfluss auf das Leben der Menschen
    aus“ (Linhart 2011b: Abs. 4).

  • Die „Drei Schätze“ Waschmaschine, Kühlschrank,
    Fernseher als Konsumgröße und Statussymbol (Ishida 2008: S. 252f., FN 19).

  • „[…] in der Wirtschaftswunderzeit der
    Fünfziger- und Sechzigerjahre löste das Bild der sengyôshufu, der
    ‚professionellen Hausfrau‘, und der ‚kyôiku mama‘, der ‚Erziehungsmama‘, das
    weibliche Ideal der ‚ryôsai kenbô‘, der ‚guten Ehefrau und weisen Mutter“ ab‘“
    (Linhart 2011b: Abs. 2)

  • Der Ehemann als „White Collar“-„salarii man“ war fest in die spezifischen Prinzipien der japanischen Betriebsorganisation (System lebenslanger
    Beschäftigung sowie Senioritätslohn) eingebunden (Toyotaismus), wodurch die
    Haushaltsfamilie der Frau über den Mann „als Teil der Unternehmensfamilie […]
    abgesichert“ war (Schad-Seifert 2007: S. 7).

  • 1975 bei 0,107%, Beginn der 1980er jäh auf 0,151%;
    zum Vergleich in Deutschland bei 0,156% 1981, Schweden 0,242%, USA 0,581% (Lenz
    1990: S. 91, Anm. 2).

  • I. Todd hingegen verortet die japanische als eine
    bilateral-vertikale, „d.h. die die väterliche und mütterliche Linie
    gleichberechtigende Familienstruktur“ und eine Ursache für ökonomischen
    Fortschritt (self generated take-off) (nach Obayashi 1995: S. 165f.).

  • Bildung als sozialer Aufstiegsmotor, was 1960 10%,
    1975 38% die „Jagd auf Bildungszertifikate“ (diploma disease) führen ließ
    (Hommerich/Schöneck 2014: S. 7).

  • Darüber hinaus ging die 1970 erstmals auftretende,
    von der „Women’s Liberation Movement“ aus den USA inspirierte „Libu undó“, wo
    Frauen „als Frauen ihr Selbst ganz und gar zurückerlangen wollen“, um so mehr
    Selbstverwirklichung als Gleichberechtigung jenseits geschlechtspolarer Rollen
    zu erreichen (Terasaki 1990).

  • Die Ambition auf Dauererwerb bei 23,4% der
    Uniabsolventinnen desillusionierte der Beruf: nur 12,6% der Berufsanfängerinnen
    wollten es bleiben (Weber 1990: S. 114).

  • keine Ausdrucksform von wider die Normbiographie nach
    „Freiheit und Individualität“ strebender oder als „wagamama“ (egoistisch und
    faul) und Rezessionsgrund gescholtener, sondern systemisch als „Opfer eines
    zunehmend deregulierten Arbeitsmarktes“ anzusehender Jungerwachsener ist
    (Hommerich/Kohlbacher 2007: S. 16-19).

  • Die Angst vor sozialem Abstieg stieg unter Befragten von 1990 15% 2012 auf 30% an, sogar 69% gaben Alltagssorgen und –unsicherheiten v.a. hinsichtlich der
    Finanzierung ihres Lebensabends zu haben an (Hommerich/Schöneck 2014: S. 9f.).

  • Was Ausprägung der durch die „Prüfungshölle“ gehenden
    „Bildungsganggesellschaft“ (gakurei shakai) ist, obwohl sie statt auf individualer Konkurrenz auf Gruppenkooperation fußt. Das „kann geradezu als
    eine spezifische Form begriffen werden, mit dem gesellschaftlichen Prozess der
    Individualisierung umzugehen“ (Schubert 2006: S. 188-191).

  • Von 1970 bis 2016 hingegen signifikant von 1% auf
    0,53% um fast die Hälfte (Fleuri 2016), was ein mentaler Wandel – ausgelöst
    durchs UN-Jahrzehnt der Frauen und die Libu undó-Aktivitäten – in den 1970er
    Jahren einschneidend bewirkt haben dürfte.

  • Denn 68% befragter lediger Frauen wollen einen
    Ehemann mit einem Jahreseinkommen von über 29.000€, „obwohl nur 25,1% der
    ledigen Männer über ein solches Einkommen verfügen.“ (Yamada nach Bilke 2015)

  • 1986 waren noch 68, 1998 57% der arbeitenden Frauen
    (anfangs) festangestellt (Linhart 2001), was belegt, wie sehr wie ökonomische
    Krise auch auf den Frauenerwerb wirkte.

  • Durch die implizite alte Geschlechtsordnung gibt es
    für die Frauenrollen nur ein Entweder-Oder, dass sie weiterhin Kinder bekommen
    (sonst sind sie „makeinu“ – „im Kampf geschlagene Hunde“) oder ihre Karriere
    selbständig durchziehen und diese nicht „gierig“ mit der Familie vereinbaren
    sollen, weshalb rund 70% der Japanerinnen Karriere prophylaktisch nicht als
    erstrebenswert erachten (Rothaas 2016).

  • Nebenfolge: Seit den 1980er Jahren Japan mit weltweit
    höchster Lebenserwartung (Frauen 81,4 Jahre), dass ohne das dreigenerative ie
    von 1975 bis 1983 die Zahl alleinlebender Frauen über 65 von 573.000 auf
    830.000 stieg und sie neben Männern bis 30 1986 bereits auf 18,2% angewachsene Einpersonenhaushalte bewohnten (Lenz 1990: S. 76).

  • Was realitär dennoch hieß, dass 1982 nur 40% der
    Schulkinder die abendliche Hauptmahlzeit in der „familialen Tischgemeinschaft“
    einnahmen (Schmidtpott 2011: S. 296), was als ein Indiz für einen schwindenden
    Zusammenhalt gelebter Familie anzusehen ist.
  • </p

    Propheten der Science Fiction

    Hallo Mitwelt!

    Heute eine Reise zu den Propheten der Science Fiction. Korrekter müsste es wohl heißen Propheten der Science und SchreiberIn der Fiction. Kurz und bündig und somit ganz im Gegensatz zu vorigen Beiträgen daher nur eine dringende Empfehlung zur achtteiligen Doku-Reihe, im Oktober 2018 bei ZDFinfo erschienen und NOCH in der Mediathek abrufbar. Als Download sogar möglich via mediathekviewweb.de

    Das ist allerdings keine ZDFinfo-exklusive Doku-Reihe, auch nicht in Deutschland gemacht; sondern von einem Mister Scott, Sir Ridley Scott. Keine harmlose Filmografie vielmehr eine Grafschaft nicht nur, aber vor allem science fictional wegweisender Filme. Der Mann weiß, was er macht, wovon er da spricht… – gelinde gesagt.

    Über welche Granden der und für die Science Fiction sprechen wir? In ihrer chronologischen Reihenfolge des Lebens und Werkwirkens, die ich so auch anzugucken empfehle, geht es um diese Acht, die in je 40-42 Minuten vorgestellt werden:

    • Mary Shelley (1797-1851) – Begründerin der Science Fiction; Mutter von Frankenstein; jüngst mit ihrem 1826 erstveröffentlichten “Verney, der letzte Mensch“ (The last Man) ins pandemische Bewusstsein gerückt – in vielem ein . biografisiertes Sittengemälde ihrer Zeit, das in unserer Zukunft spielt.
    • Jules-Gabriel Verne bzw. Julius Verne (1828-1905) – gilt allgemein als DER Urvater der Science Fiction, der SF-Adam, dem jedoch Eva vorausgegangen war. Abenteuerlicher Technikvisionär, der mutmaßlich wie keiner der übrigen SF-Propheten so sehr ins Kollektive Gedächtnis eingegangen ist.
    • Herbert George, H. G. Wells (1866-1946) – Erfinder der Zeitmaschine[1], der der kolonialherrlichen menschheit den invasorischen Spiegel vorhielt. Allein damit hat er zwei Stränge der SF geprägt – Zeitreisen und extraterrestrische Invasionen -, die bis heute nachwirken.
    • Robert A. (Anson) Heinlein (1907-1988) – Erstgeborener der „Big Three“ englischsprachiger Science Fiction; wohl amerikanischster dieser, patriot durch und durch; am bekanntesten sicher durch Starship Troopers, sicher Vorbild für gewisse Stormtroopers, mit ihnen Bepfadung des Subgenres der Military SF. Mir ist er bisher nur bekannt durch“Fremder in einer fremden Welt“, das Anfang der 1960er deren Ende vorwegnahm und wo ich in vielem mitfühlen kann bezüglich Fremdheitserfahrung…
    • Arthur C. Clarke (1917-2008) – Autor von Filmskript und Buch: „2001, Odyssee im Weltall“! Das würde für 99% der Menschen schon reichen, darüber hinaus war er technischer Visionär par excellence bzw. hat Leuten bei NASA & Co quasi vorgeschrieben, was sie dann umgesetzt haben.
    • Isaac Asimov (1920-1992) – der Herr der Roboter, nach Bekanntheit gewiss Erster der „Big Three“, der mit dem Foundation-Zyklus wohl die erste, bestimmt aber bekannteste vielbändige Future History, die in die Zukunft gesponnene Geschichte der Menschheit geschrieben hat.
    • Philip K. (Kindred) Dick (1928-1982) – Meister surrealer Science Fiction; Vorlagengeber für einen nicht unbedeutenden Film, der vor Kurzem einen zweiten Teil erhalten hat. Ausleuchter psychische Abwege und Abgründe, verunsichernder Realität, die immer doppelte Böden aufweist.
    • George alton Lucas Jr. oder kurz George Lucas (1944-*) ist vermutlich in nunmehr 44 Jahren gutmöglich der bekannteste aller acht Propheten. Ich verrate jetzt nicht, wofür er … bekannt ist. M.E. hat er jedoch nie Science Fiction verfasst, sondern Space Fantasy. Ggf. unterscheide ich hier jedoch auch schon für die allermeisten viel zu fein Dass er hier mit aufgeführt ist, irritiert mich deshalb, weil alle Sieben zuvor SchriftstellerIn sind, mit Ausnahme von Clarke und seinem Filmskript zu „2001“ keinmal direkt an Filmen mitwirkten. Und Lucas‘ Machwerk rein filmisch ist, als Film funktioniert und hierüber ausstrahlt.

    Die Reihe ist exzellent gemacht, zoomt in die Biografie des jeweiligen Propheten/der einen Prophetin hinein und verweist auf die jeweiligen technischen Visionen, Anregungen, weit vorauseilenden Gedankenexperimente, wie sie nach und nach schon oder so langsam erst Realität werden. Hierfür viele Wissenschaftler*innen, die begeistert für ihre Entwicklung vorsprechen, um sie auf die SF-Granden zurückzuführen. Keine stationären Satelliten ohne Clarke, zumindest nicht so schnell und früh. Keine Roboterethik ohne Asimovs Robotergesetze stets mitzuverhandeln usw. usf.

    Einziger Kritikpunkt wäre, dass es eine rein anglophone Auswahl ist, die Mister Scott getroffen hat. Mir fehlt allen voran, eigentlich gar unhintergehbar: Stanislaw (Herman) Lem (1921-2006), für mich mit der prägendste aller Autoren, obwohl ich eingestandenermaßen selbst zu seinem diesjährigsten 100. Geburtstag noch nicht all seine Schriften durchhabe. Dafür mit “Der Unbesiegbare“ und zuletzt erst nach Längerem wieder “Lokaltermin“ mehrere gleich mehrfach und immer wieder gerne. Und das noch vor seinem berühmtesten, allein schon weil zweimal verfilmten “Solaris“, der wie vielleicht kein anderer den Menschen den Spiegel vorhält. Und um auf eine Top Ten aufzustocken, hätte auch nicht ungenannt bleiben dürfen James Tiptree Jr. (1915-1987) aka Alice B. Sheldon durch das lange verwirrende Pseudonym und eine ganz neue Art quer zum Bekannten erzählender Kurzgeschichten. Und viele mehr!

    So viel in Kürze – diesmal! Der Worte wenige, weil die anempfohlenen Dokus entscheidend sind.


  • Wer diese Geschichte von Wells noch nicht kennt oder sie erstmals auf Deutsch lesen will, dem und der sei unbedingt die vollständig und neu übersetzte Ausgabe im Fischer-Verlag (2017) anempfohlen, mit einem Nachwort zu Leben, Werk und Wirkung. Laut Klappentext:

    Diese Ausgabe enthält neben einem Nachwort des Wells-Experten Elmar Schenkel die gestrichenen Passagen ‚Die Rückkehr des Zeitreisenden«; drei Vorworte der Ausgaben der Jahre 1924, 1931 und 1934; den Vorläufer: ‚Die Chrononauten‘ aus dem Jahr 1888 sowie die Essays aus dem Jahr 1893 ‚Der Mann aus dem Jahr 1.000.000. Eine wissenschaftliche Vorausschau‘ und’Das Aussterben des Menschen. Einige spekulative Gedanken‘ von 1894.

  • Vergil und Tolkien

    Hallo Mitwelt!

    Heute eine Reise zurück, eine Retroreise sozusagen. Eine wiedergefundene, ausgegrabene, digital restaurierte
    schulische Facharbeit im Schulfache Latein. Die hat mit nichts zu tun, was bisher Blogthema gewesen ist, zur Hälfte nimmt aber eine wesentliche Literatur für mich den Themenraum ein. Angepasst ist die Facharbeit nur insoweit, dass blogdigitale Formalia zu berücksichtigen waren: Überschriften neu setzen, ein Inhaltsverzeichnis ad hoc erlernen. Auf der Strecke blieben jedoch leider Fußnoten, die allerdings auch bloß hingeklatschte Inhaltsquellen angegeben haben.

    Zu Risiken und Nebenwirkungen der Lektüre: nach einem sogenanntnen Praxisbericht, in dem es nur ums Praktizieren zuvor erlebter Praktikumspraxis ging, war die Facharbeit das lebensallererste Mal, dass ein selber erarbeitetes Thema länger als ein 10minütiges Referat 😀 aufs digitale und dann tatsächlich bedruckte Papier zu bringen war. Daher bitte milde Nachsicht mit meinem Erinnerten Selbst, meinem jungerego, das stets bemüht war, es aber noch nicht anders, geschweige denn besser wusste.

    Vergleich: Vergils „Aeneis“ und Tolkiens „Der Herr der Ringe“ –
    unter besonderer Berücksichtigung inhaltlicher Vergleichspunkte und epischer Stilistiken

    Inhaltsverzeichnis

    1 Prolog: Das Epos und die Fantasy (Seite3)


    1.1 Das Epos (Seite3)

    Das Epos, ein aus dem Griechischen stammender Begriff und soviel wie Erzählung und Gedicht bedeutend, gilt als früheste narrative Großform der Literatur in gebundener Sprache (Epik). Von einer zentralen Idee oder Gestalt zusammengehalten, erzählt das Epos ausführlich von einem bedeutenden, als historisch real verstandenen Ereignis in Versen oder Prosa, wobei es sich auf geschichtliche, mythologische oder märchenhafte Überlieferungen stützt.

    Zur Entstehung der einzelnen Epen gibt es diverse Theorien. Zum einen gäbe es die von einem meist umstrittenen Urheber verfassten älteren Epen, die mündlich überliefert, erst später zusammengefasst wurden; zum anderen wird davon ausgegangen, dass es wie bei den neueren Epen auch bei den alten von vornherein ein von einem Autor verfasstes Gesamtwerk gegeben habe.

    Die Darstellungsweise zeichnet sich durch weit ausholende Schilderungen und Freude an der bunten Fülle der Wirklichkeit aus, wobei der Mythos dabei für eine geordnete, umfassende, jedoch irrationale Weltvorstellung mit menschlichen und übermenschlichen Wesen sorgt, die in ihr alle ihren festen Ort und ihre naturhaften Bindungen haben. Der Erzähler selbst betrachtet sich auch als Teil des Weltgefüges, er überblickt und schildert es mit Ehrfurcht. Objektivität versucht er durch zeitliche und räumliche Distanz zum Geschehen zu erreichen , wobei er seinen Standpunkt nicht wechselt, da schon der Weg das Ziel ist. Das Ende schließt die Reihe oft nur ab, es ist nicht notwendigerweise Folge des Vorausgegangenen.

    1.2 Die Fantasy (Seite4)

    Als Subgattung der Phantastik entstand die Fantasy als eigenständiges Literaturgenre etwa in der Mitte des 19. Jahr-hunderts zusammen mit der nah verwandten Science Fiction und dem Horror. Der Begriff Fantasy ist allerdings im deutschen und englischen Sprachgebrauch unterschiedlich zu verstehen: Während jener darunter primär Literatur mit Bezug zu Mythen und Märchen, in einer imaginativen Welt spielend, versteht und oft als trivial verschmäht, meint dieser allgemein jede utopische beziehungsweise nicht-realistische Literatur wie zum Beispiel auch die Science Fiction. Als Definition kann man formulieren, dass eine in der realen Welt spielende Handlung als Fantasy bezeichnet wird, wenn das Geschehen nach unserer Wahrnehmung eigentlich unmöglich ist.

    Spielt die Handlung hingegen in einer sogenannten Gegen- oder Anderswelt, erscheint diese uns unmöglich, wenngleich die Handlung nach den dortigen Gesetzen der Gegenwelt realistisch anmutet. Der Reiz der klassischen Fantasy liegt gerade in einer realitätsnahen Darstellung der Anderswelt, bei der sich die Weltenschöpfer oft pseudo-historischer Vorbilder bedienen, um dann ihrer Welt eigene Biologie, Geschichte, Kulturen und zum Teil sogar detaillierte Sprachen hinzuzufügen. Als Charakteristikum der Fantasy ist Magie ein wichtiger und alltäglicher Bestandteil zur Erklärung weltlicher Vorgänge. Um eventuell elementare menschliche Themen in einem neuen Kontext und ohne Vorbelastung darstellen zu können, greift man auf die realitätsvereinfachende Unterteilung der Dinge in Gut und Böse zurück.

    Obgleich die Ursprünge des Genres wohl bei E.T.A. Hoffmann in der Romantik zu suchen sind, gehen viele klassische Schemata im Grunde auf den als geistigen Vater der heutigen Fantasy geltenden Tolkien zurück. Die groben Handlungsmuster wiederholen sich: Während die Ordnung der Welt vor der Vernichtung steht, müssen die Protagonisten die Rettung herbeiführen, um einen Heilungsprozess in Gang zu setzen. Am Ende erwartet den Leser meistens, da tragische Fantasy ziemlich unüblich ist, ein Happy End.

    2 Entstehung der Werke (Seite5)


    2.1 Vergils „Aeneis“ (Seite5)

    Auf Legenden und Gedichtsinterpretationen (zum Beispiel der Eclogae) beruhend, sind viele Angaben zu seiner Biografie unsicher.

    Publius Vergilius Maro, der unter dem Namen Vergil oder Virgil als römischer Dichter bekannt geworden ist, wurde am 15.10.70 v. Chr. als Sohn nicht un-vermögender Gutsbesitzer in Andes, nahe Mantua, im heutigen Norditalien geboren. Seine Eltern konnten ihm eine umfassende Ausbildung ermöglichen; anschließend ging er zum Studium der Rhetorik und griechisch-römischen Literatur nach Rom. Zu dieser Zeit entstanden einige kleine Gedichte Vergils, die im sogenannten Catalepton als Teil der Appendix Virgiliana erhalten sind.

    Nach der Niederlage der Caesar-Mörder bei der Schlacht von Philippi im Jahre 42 v. Chr. wurde ihm, ähnlich wie seinem Dichterfreund Horaz, der väterliche Grundbesitz infolge der Landverteilung Octavians enteignet, bekam ihn jedoch später wieder zurück. Bald darauf gehörte Vergil zum Kreis um Maecenas, Octavians fähige rechte Hand. Dieser war bestrebt, Octavians politischen Gegner Marcus Antonius dadurch zu entkräften, dass er dem Wohlwollen einfluss-reicher Familien diesem gegenüber entgegenwirkte, indem er römische Schriftsteller zu Octavians Hof holte. Nach Vollendung der Eclogae, die auch Bucolica oder Hirtengedichte genannt werden und die Theokrits Stil nachahmten, jedoch auf Vorgänge und Personen der römischen Gegenwart projizierten, arbeitete Virgil von 37 bis 29 v. Chr. an den Georgica. Dieses in vier Büchern verfasste Lehrgedicht behandelt den Landbau in einer die gebildeten Kreise ansprechenden Form und will somit keine Handlungsanweisung für römische Bauern aufzeigen, sondern die Liebe zum Lande und die Achtung vor der Bauernarbeit wieder wecken.

    Als Träger der Kultur entwickelten sich seine Gedichte rasch hin zu einer staatstragenden Dichtung im Sinne der Reformpolitik, des sogenannten Mos Maiorum. Octavian, nachdem er seinen Gegner Antonius 31 v. Chr. bei der Schlacht von Actium besiegt hatte und vier Jahre später vom Senat zum Augustus deklariert worden war, bedrängte den Dichter, ein Epos zum Ruhm seiner Herrschaft zu schreiben.

    In den zehn Jahren von 29 bis 19 v. Chr. arbeitete Virgil an seinem Hauptwerk, der „Aeneis“. In den ersten sechs Büchern orientiert er sich an Homers „Odyssee“; die letzten sechs sind das lateinische Gegenstück zur „Ilias“. An drei Höhepunkten, der Iuppiter-Rede, der Heldenschau und der Beschreibung des Schildes des Aeneas , weist es auf das Zeitalter des Augustus voraus, was bereits bei seinen Zeitgenossen höchste Bewunderung fand und es im Mittelalter zu einem der berühmtesten Gedichte des Abendlandes machte.

    Durch das Verbinden von Mythos und Geschichte zu einer höheren Einheit und die Art der Wortfügung und pathetische Ausdrucksweise seiner Sprache wurde der Wohllaut der Verse später kaum mehr erreicht. Auf der Rückfahrt von einer Griechenlandreise erkrankte Vergil und starb am 21.09.19 v. Chr. in Brindisi, ohne die „Aeneis“ vollenden zu können. Trotz testamentarischer Verfügung, das Werk den Flammen zu übergeben, wurde die „Aeneis“ gerettet und 17 v. Chr. fast unverändert auf Befehl Augustus hin veröffentlicht. Obwohl unvollendet, wurde sie sofort als Meisterwerk anerkannt und zum Nationalepos erhoben, das die imperiale Mission des Reiches, jedoch auch Mitgefühl für dessen Opfer und ihre Sorgen verkündet. Vergils Grab in Neapel genoss lange Zeit Verehrung.

    2.2 Tolkiens „Der Herr der Ringe“ (Seite6)

    John Ronald Reuel (J.R.R.) Tolkien behauptete einst von sich, dass, „was zu sagen ist, steht in meinen Büchern“. Dies als Grundlage nehmend, seine Biografie und die Entstehung seines Werkes „Der Herr der Ringe“ im Kontext zu sehen, erhält man interessante Einblicke auf die Intension des Autors. Als Sohn deutschstämmiger (die Tollkühns aus Sachsen) englischer Kolonisten wurde er am 03.01.1892 in Südafrika geboren. Wie die Hauptperson Frodo Beutlin seines Hauptwerkes „Der Herr der Ringe“ verlor auch Tolkien seine Eltern im frühen Kindesalter.

    Mit 19 Jahren ging er als Sprachtalentierter zum Studium nach Oxford. Als Leutnant und frisch verheirateter Ehe-mann überlebte er die Schlacht bei Somme, bei der er zwei seiner besten Freunde verlor, was er mutmaßlich bei der düsteren Schilderung der Totensümpfe verarbeitete, in der er auf die hart umkämpfte und entscheidende Schlacht bei Dagorlad verweist, wo ebenfalls mehrere bedeutende Charaktere gefallen sind. Durch seine erfundenen Sprachen inspiriert, begann er bereits 1917 mit der Einstellung „Ich bin Philologe, und alle meine Arbeiten sind philologisch“ mit einer ersten Niederschrift der „Verschollenen Geschichten“, die als Grundlage des erst nach seinem Tod durch seinen Sohn veröffentlichten Silmarillions dienen. „Nach dem Krieg arbeitete er eine kurze Zeit am Oxford English Dictionary mit, erhielt zuerst eine Dozentenstelle, dann einen Lehrstuhl an der Universität Leeds und schließlich 1925 den Lehrstuhl in Oxford“. Da er schon oft bemängelt hatte, dass es England an volksnahen Mythen und Sagen fehle, begann er ab 1922, auf das Fundament seiner Sprachen aufgesetzt, ein Nationalepos für England zu erschaffen.

    1930 als Unterhaltung für seine vier Kinder begonnen, vollendete Tolkien die Geschichte des kleinen Hobbits 1936, die ein Jahr später vom Verlag Allen & Unwin mit sensationellem Erfolg publiziert wurde, woraufhin eine Fortsetzung von Tolkien gefordert wurde. Während der zwölfjährigen Arbeit an dem Buch „Der Herr der Ringe“ hielt er 1936 seine immer noch als bedeutendste Interpretation geltende Vorlesung über das Gedicht Beowulf und 1939 den berühmten Vortrag „On Fairy-Stories“ über phantastische Literatur und Mythologie.

    Obwohl das Buch „Der Herr der Ringe“ 1949 fertiggestellt war, scheiterte die Veröffentlichung an seiner Komplexität und Eigenart, was Tolkien tief verletzte. Er konnte sich nur durch den Verkauf einiger Kurzgeschichten über Wasser halten. Nach mehrfacher Überarbeitung und Kürzung, wozu Tolkien feststellte, „Mir graut vor dem Erscheinen, denn es wird unmöglich sein, sich nichts daraus zu machen, was gesagt wird. Ich habe mein Herz bloßgelegt und nun kann man darauf schießen“ , erschienen die ersten beiden Bände des Werkes „Der Herr der Ringe“ und der Erfolg übertraf jegliche Erwartungen. Mit Erscheinen des dritten Bandes der Trilogie galt „Der Herr der Ringe“ als Geheimtipp. Als er Mitte der 60er Jahre als verbilligte Taschenbuch-Ausgabe auf den amerikanischen Massenmarkt gelangte, brach ein Fankult um den Mythos Mittelerde aus.

    Der 1959 in Pension gegangene Tolkien, der jeden erhaltenen Leserbrief ge-wissenhaft persönlich beantwortete, musste 1968 ob des enormen Fanansturmes an die Kanalküste umziehen. Drei Jahre später verstarb seine Frau Edith, woraufhin er 1972 auf Bitten der Universität nach Oxford zurückzog. Noch im selben Jahr verlieh ihm die Queen einen Orden für seine herausragende literarische Bedeutung und er wurde mit dem Ehrendoktorat der Literaturwissenschaft ausgezeichnet. Am Morgen des 02.09.1973 starb J.R.R. Tolkien nach kurzer Krankheit und wurde auf dem katholischen Friedhof bei seiner Frau in Oxford beerdigt.

    3 Inhaltliche Vergleichspunkte (Seite9)

    Gegen Tolkiens ursprüngliche Idee eines Gesamtwerkes wird „Der Herr der Ringe“ in drei Bänden publiziert, die jeweils zwei Bücher enthalten: Teil 1 „Die Gefährten“, Bücher 1 (12 Kap.) und 2 (10 Kap.); Teil 2 „Die Zwei Türme“, Bü-cher 3 (11 Kap.) und 4 (10 Kap.) und Teil 3 „Die Rückkehr des Königs“, Bücher 5 (10 Kap.) und 6 (9 Kap.).

    Während in „Die Gefährten“ vom Aufbruch Frodos und der Gründung der Ringgemeinschaft mit dem Ziel der Vernichtung des Ringes, bis zur Trennung der Gefährten berichtet wird, ist „Die zwei Türme“ zweigeteilt. Zuerst verfolgt man diejenigen der Gemeinschaft, die in den Menschenreichen gegen den Feind kämpfen. Anschließend richtet sich das Augenmerk auf Frodo und seinen Diener Sam, die nach Mordor vorzudringen versuchen. Inhaltlich ähnlich aufgebaut ist auch „Die Rückkehr des Königs“, wo man zuerst an den Schlachten um Minas Tirith teilnimmt bis zum Vorrücken der freien Völker vor das Schwarze Tor. Dann wird wieder auf Frodo umgeblendet, der sich auf der letzten Etappe seiner Reise befindet und letztlich die Aufgabe lösen kann. Nachdem alles seine schicksalhafte Befriedung gefunden hat, kehren die vier Hobbit Helden in ihre Heimat zurück, wo sie sich eines alten Feindes erwehren müssen. Als Belohnung seiner Taten endet die Trilogie damit, dass Frodo ins Land der göttlichen Valar reisen darf.

    Ähnlich wie in Homers „Odyssee“ wird zu Beginn eine lange Reise geschildert, wenngleich sie auch von zu Hause wegführt. In Buch 5 gipfelt das Geschehen in einer riesigen, alles entscheidenden Schlacht ähnlich wie in der „Ilias“, nur dass sie am Ende der Erzählung steht. Erneut an die Inhalte der „Odyssee“ angelehnt, kehrt der Held, Frodo, in seine Heimat zurück, wo er sich aber Problemen ausgesetzt sieht, die er noch zu lösen hat.

    Hingegen aus zwölf Gesängen und insgesamt 9896 Versen bestehend, wird in der „Aeneis“ von der Flucht Aeneas aus Troia berichtet, der durch göttliches Eingreifen fast zehn Jahre umherirrt, bis er an dem vorbestimmten Ort ankommt und dort um seine Bestimmung, das Volk der Römer zu gründen, kämpft.

    Beiden Werken ist gleich, dass sie einen Helden haben, von dessen Handeln schlussendlich alles abhängt und der von „Gefährten“ begleitet wird. Während in der „Aeneis“ die Götter eine aktive Rolle spielen, sie ständig eingreifen und Aeneas lenken, wird im Buch „Der Herr der Ringe“ nur zum Beispiel durch alte elbische Gedichte auf das Wirken der Götter, hier die Valar, hingewiesen und die Magie, wie von Saruman und Gandalf eingesetzt, tritt an die Stelle direkten göttlichen Handelns. Allerdings ist beiden das zugrunde liegende Schicksal gleich, auf das sich zum einen am Ende Iuppiter beruft, weil er den Streit von Venus und Iuno satt ist, und das zum anderen Gandalf als Erklärung dafür anführt, dass Frodo den Ring bekommen hat und deshalb auch die schwere Aufgabe übernehmen muss.

    Dem großen Ziel in beiden Fällen verpflichtet, stehen die beiden Haupthelden, Aeneas und Frodo, immer wieder vor Verlockungen und Hindernissen, die das Erreichen in Frage stellen. Anstatt bei Dido zu bleiben, kann Aeneas nur durch Merkur zum Weitersegeln bewegt werden. Frodo erfüllt die Aufgabe nur, weil Gollum ihn des Ringes entledigt und samt Schatz ins Feuer fällt. Die Voraussetzungen und Intensionen beider Helden sind allerdings völlig entgegengesetzt: Aeneas flieht aus der zerstörten Heimat und will sich irgendwo niederlassen, was ihn auf göttliches Geheiß nach Italien führt. Frodo hingegen verlässt seine idyllische Heimat nur, um durch die Vernichtung des Ringes den Frieden der Welt bewahren zu können. Da Aeneas, nach einer neuen Heimat suchend, umhervagabundiert, hat er keine konkreten Feinde, bis er schließlich gegen Turnus um sein Fatum kämpft. Im Gegensatz dazu werden im Buch „Der Herr der Ringe“ die Feinde Frodos und der freien Völker klar definiert und auch dementsprechend dargestellt, so dass hier alle Beteiligten in ihren Handlungen wesentlich teleologischer vorgehen.

    Die Figuren beider Hauptcharaktere sind als solches unterschiedlich: Aeneas ist ein Anführer, Kämpfer und Krieger und, wenn auch mit göttlicher Hilfe von Venus, ein großer Liebhaber. Allein vom Äußerlichen ist Frodo klein, kein Kämpfer und in dem Sinne auch kein Führer einer Gruppe. Jedoch muss Frodo derlei Eigenschaften auch nicht haben, da sie von anderen Charakteren übernommen werden wie zum Beispiel von dem Krieger und Anführer Aragorn. Frodos Merkmale sind primär der sehr starke Wille und seine Aufgabentreue, verbunden mit „Menschlichkeit“ gegenüber anderen, besonders deutlich wird dies bei dem Geschöpf Gollum. Aeneas steht, auch wenn er Gefährten zur Seite hat, als ziemlich vollkommener Held da, jedoch ist er, wenn es sein muss, hart in seinen Entscheidungen (siehe Dido).

    Nach eingangs gegebener Definition beider Genres kann man sagen, dass „Der Herr der Ringe“ von der inhaltlichen Struktur her sich der Fantasy bedient, indem er sich auf eine Anderswelt stützt und das dortige Geschehen, auf gewisse Prämissen aufbauend, realistisch darstellt. Die „Aeneis“ spielt in unserer Welt, bekommt zur Erklärung der Dinge jedoch die Götterwelt aufgesetzt, und orientiert sich beziehungsweise verweist auf reale Ereignisse.

    4 Epische Stilistiken (Seite12)

    Wie von Werner Suerbaum in seinem Werk aufgeführt, kommen in der „Aeneis“ diverse, wenn auch zur Variation tendierende epische Standardelemente zur Verwendung. Während Virgil, wie es in der Antike bei Epen häufiger zu finden ist, durchgehend das daktylische Hexameter als Versmaß seiner Dichtung nutzt, gebraucht Tolkien lediglich eine altertümlicher wirkende, getragenere Sprache, in der er vereinzelt kurze Gedichte einstreut. Auch die Aristie, die Schilderung von Einzelkämpfen, kommt in beiden Werken vor: Wenn in der „Aeneis“ der finale Kampf zwischen Aeneas und Turnus zu nennen ist, können aus dem Buch „Der Herr der Ringe“ das Duell um Leben und Tod zwischen Gandalf dem Grauen und dem Balrog auf der Brücke von Khazád-Dúm in Moria, der Kampf von Merry gegen den Hexenkönig auf den Feldern vor Minas Tirith oder der kurze Endkampf von Frodo und Gollum um den Ring in der Schicksalsklüfte angeführt werden.

    Im Gegensatz zu Vergil legt Tolkien ein größeres Augenmerk auf den Fahrten-verlauf, wenn er zum Beispiel zu Beginn von Buch 1 die Reise durch das Auenland schildert. In beiden Werken werden ebenso diverse Empfangs- und Abschiedsszenen beziehungsweise Schilderungen von Festen und Gastmäh-lern beschrieben, sei es der Empfang des Aeneas bei Dido mit anschließendem Fest oder Bilbos und Frodos Geburtstagsfeier, womit „Der Herr der Ringe“ öffnet.

    Ebenfalls lassen sich Parallelen bei der Schilderung von Gegenständen ziehen: Als herausragendes Beispiel sei in der „Aeneis“ die Beschreibung des Schildes genannt, auf dem Augustus zu sehen ist. Im Werk „Der Herr der Ringe“ wird ein besonderes Augenmerk auf Waffen und ihre zum Teil mystische Herkunft gelegt; so zum Beispiel Andúril, die Flamme des Westens, das Schwert Aragorns oder das bei sich nähernden Orks aufleuchtende Schwert Frodos namens Stich.

    Auffällig ist, dass neben den die augusteische Ära prophezeienden Götterreden Weissager wie Helenus dem Aeneas die Zukunft deuten, hingegen die einzige alte Prophezeiung im Buch „Der Herr der Ringe“ die ist, dass der Hexenkönig nicht durch das Schwert eines Mannes fallen wird. Kurzfristigere Weissagungen dagegen werden häufiger verwendet: Frodo sieht im Spiegel von Frau Galadriel ein versklavtes Auenland. Gandalf reitet, um Hilfe für das bedrängte Helms Klamm zu holen, mit der Aufforderung, am fünften Tage bei Morgenanbruch nach Osten zu schauen, fort.

    Wenn auch im Werk „Der Herr der Ringe“ keine durchgehende, formelhafte Wendung für den Tagesanbruch benutzt wird, so schildert Tolkien doch den Morgenbeginn in Mordor stets sehr düster. Sei es, weil Nebel und in den Lun-gen brennende Luft über dem Land liegt oder die Belastung durch das suchende Auge Saurons steigt beziehungsweise der Anblick des näherkommenden Schicksalsberges allgemein den Mut der beiden Hobbits senkt.

    Auch kommen mehrere Epitheton Ornantes zum Tragen, denn Sam wird häufig als „treu“ bezeichnet und die Zauberer geben sich zur Abstufung ihres Ranges im Zaubererorden Beinamen wie Gandalf der Graue beziehungsweise Weiße oder Saruman der Vielfarbige. Sehr ins Auge fällt, dass Tolkien eigentlich zeitlich parallel stattfindende Handlungen nacheinander erzählt, wie insbesondere im zweiten Teil nach der Spaltung der Gemeinschaft sehr deutlich wird. In der „Aeneis“ sieht man Ähnliches in den Büchern acht und neun, wo einmal Aeneas zwei tagelang, einmal primär Turnus und seine Mannen am troianischen Lager zur gleichen Zeit „begleitet“ werden.

    Der wohl markanteste Unterschied beider Stile ist es, dass Vergil direkt als Er-zähler eingreift, durch Apostrophen handelnde Personen anspricht und dem Leser so Hinweise auf den weiteren Verlauf gibt. Tolkien hingegen hält sich als Erzähler völlig heraus und überlässt es, seinen „Akteuren“, zu reden.

    5 Epilog (Seite14)

    Auch wenn der Erkenntnisprozess nach dreizehn Seiten intensiver Arbeit längst nicht als abgeschlossen angesehen werden kann, ist es durchaus möglich, im Hinblick auf die zugrunde liegende Fragestellung jetzt schon ein Fazit zu ziehen. Da die „Aeneis“ anerkanntermaßen ein Epos mit all seinen Merkmalen ist -und daran nach zweitausend Jahren auch nicht gerüttelt werden soll-, ist die Ausgangsfrage letztlich so zu verstehen: Ist das Buch „Der Herr der Ringe“ in seiner inhaltlichen und stilistischen Struktur ein Epos, wie die „Aeneis“, oder geht Tolkien einen eigenen schriftstellerischen Weg?

    Wie bereits am Ende des inhaltlichen Vergleichs angedeutet, weisen diese Merkmale eindeutig auf ein primär fantastisch geprägtes Werk hin, denn es spielt in einer Gegenwelt und reduziert alles auf gut beziehungsweise böse .

    Betrachtet man nun den Gebrauch von Stilistiken, so entdeckt man schnell eine relativ große Zahl von Vergleichpunkten. Selbst die Tatsache, dass Tolkien sich der Prosa statt der durchgehenden Dichtung bedient, wäre noch kein direktes Argument gegen das Werk als Epos. Als relevanter Unterschied, der zur Abgrenzung herangezogen werden kann, ist zu nennen, dass im Buch „Der Herr der Ringe“ nicht nur Frodo als Hauptcharakter im Mittelpunkt steht, sondern Helden wie Aragorn, Sam und viele Andere sowohl mitentscheidende Rollen in der Geschichte spielen, als auch ein hohes Maß an Sympathie beim Leser aufgrund ihrer Taten hervorrufen. Dies ist in zumindest tragenden Rollen so nicht in der „Aeneis“ gegeben, denn jemand wie Dido ist keine für den weiteren Verlauf relevante Person. Vielmehr ist sie eine Zwischenstation für Aeneas, wo er seine vergangenen sieben Jahre aufarbeiten kann.

    Deshalb auch mein schlussendlicher Standpunkt: „Der Herr der Ringe“ ist ein typisches Fantasy-Werk, wie es das heutige Genre auch geprägt hat, bedient sich aber im starken Maße epischer Stilistiken, um die geschilderte Handlung der Situation entsprechend bedeutend und „weltenbewegend“ darstellen zu können.

    Literatur und Internetverzeichnis (Seite16)

    Keine!

    Bzw. haben sie das Mühlrad der Zeit nicht unzermalmt überstanden. Die Fußnoten, die nur die Quelle schnörkellos angaben und nichts nachsinnierend vertieften, wären mit den URLs eh längst ins Leere gelaufen. Übrige Buchlektüren als Fachliteratur weiß ich konkret nicht mehr. Nur folgende beiden Ausnahmen, die mir der Lateinlehrer aus seinem Fundus spendierte, waren wichtig und prägekräftig, weil sie Tolkien biographisch ausleuchteten (Und Vergil?!? :-D):

    Nachwort zur zweiten (fast) unveränderten Auflage

    Zunächst einmal ist diese textlich „zweite unveränderte Auflage“;-) dem Lateinlehrer gewidmet, der auch schon die erste durchlesen musste. Ich habe gehört, dass ihm – zehn Jahre vor der Rente – gesundheitlich übel mitgespielt worden ist und er da einen schweren Schlag erleiden musste. Diesen Geist der Vergangenheit auferstehen zu sehen, wird ihm kein Trost sein können, im Gedanken bin ich aber bei ihm!

    Kann mich noch zu gut erinnern, wie erste Ideen hierzu auf dem Forum des Lateinkurses, also vor inhaltlich unbeteiligten MitschülerInnen, die ihre eigenen „Facharbeitenideen“ wälzten, besprochen wurden. Assoziationen, dass und wonach man denn Unterrichtsstoff „Aeneis“ und „Herr der Ringe“ vergleichen könnte. Seine Begeisterung über das Thema, da seinen profunden Wissens hierzu noch keine/r je was gemacht habe und wie einmalig es allein von daher sei. Dass er mir manch Literatur aus seinem Fundus auslieh, die ich dann verarbeitet habe.

    Und im Ergebnis dann eine „Eins ohne Latein!“ Das nämlich dann die gefeierte Endnote, obwohl ich – kritisch angemerkt – KEINMAL, auch nicht in eine Fußnote ausgelagert, Latein verwendete, sprich keinmal Vergil im Original rezitierte, sondern stets nur paraphrasierte oder in deutscher Übersetzung einstreute. „Nimmt doch nur Platz weg, erst zu zitieren und dann zu übersetzen“, so in etwa mein pragmatischer Gedanke 😀 Eine Platzsparsamkeit, die im Internet-Blog zum Glück nicht mehr gilt ABER sowohl Kapitel- als auch Fußnotennumerierung natürlich!() konsequent römisch beziffert!!!

    So retrospektiv geblickt, ein paar drollige Auffälligkeiten meiner arbeitsamen Herangehensweise, die so nicht mehr in studiosen Hausarbeiten vorkamen noch im Blog so je wieder geplant sind:

    Wer noch Augenscheinliches auffindet, kann es gerne melden. In jedem Fall reicht das nicht für den “Hither Shore“, das wissenschaftliche Jahrbuch der Deutschen Tolkiengesellschaft. Auch damals wird es nicht gereicht haben, als die wissenschaftliche Tolkienwelt noch eine kleinere gewesen sein mag.

    Bleibt trotzdem was vom Werk? Eine nette Retrospektive und ein nächster Blogbeitrag – immerhin. Und inhaltlich? Ein Füßchen in der Tür, Tolkiens Werk AUCH auf die europäisch prägendsten Literaturen anzu-wenden, die ihn direkt jedoch nicht inspirierten und an denen er sich so bewusst nicht orientierte. Bekannt, dass er sich als Professor für Altanglistik allerbesten mit den Literaturen Britanniens auskannte und sich intensiv der nordischen Mythenwelt annahm und motivisch stark bediente. Ideen- und narrationsgeschichtlich wirkmächtiger jedoch Homers Epen „Ilias“ und „Odyssee“ und wiederum davon inspirierte „Aeneis“. Gerade weil das abseits der üblichen Inspirationsquellen Tolkiens liegt, lohnt sich hier vielleicht ein näherer – und gekonnterer – Blick, was sich da durch die Hintertür eingeschlichen haben mag.

    Und welch Zufall: gestern (13.07.2021) begonnen, die Facharbeit aufzuarbeiten, das Anlegen von HTML-Inhaltsverzeichnissen zu erlernen und auszuprobieren, da scrollt im Feed die Vorschau zur Sendung vom 14.07.2021 an mir vorbei: SWR2-Forum: „Tolkiens „Der Herr der Ringe“ – Was ist das Geheimnis des Erfolgs?“:

    Mehr als hundert Millionen Mal ist „The Lord of the Rings“ weltweit verkauft worden. Bis heute ist der Fantasy-Roman des englischen Autors J.R.R. Tolkien ein Bestseller. 1969 erschien er erstmals in deutscher Übersetzung, fünfzehn Jahre nach dem englischen Original. Die Geschichte vom magischen Ring, an dessen Vernichtung sich der Kampf zwischen Gut und Böse entscheidet, gilt als Inbegriff der „High Fantasy“. Regisseur Peter Jackson hat das Buch spektakulär fürs Kino verfilmt, Amazon will es jetzt als TV-Serie neu herausbringen. Was macht den „Herrn der Ringe“ zu einem der erfolgreichsten Bücher des 20. Jahrhunderts? Gregor Papsch diskutiert mit Stephan Askani – Lektor Hobbit Presse, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart, Prof. Dr. Thomas Honegger – Anglist und Tolkien-Forscher, Universität Jena, Lisa Kuppler – Übersetzerin, Berlin

    (…damit ist der letztmögliche Sinn der Facharbeit dahingeschmolzen, weil längst beiläufig eingeworfen wurde, dass schon Der Hobbit der Erzählform nach Anleihen an der Odyssee genommen habe – Art der
    Reise, ferne Heimweh des Helden *murmel*)

    Und wer diesen Vergil und sein Hauptwerk kennenlernen will, um nicht wie der Facharbeitsautor Verfügbarkeitsheuristiken erliegen zu müssen: im Beck Verlag erscheint in Bälde ein Büchlein in der Beck Wissen-Reihe: Markus Janka: Vergils Aeneis – Dichter, Werk und Wirkung:

    Die Aeneis des Vergil wurde gleichsam als „römisches Nationalepos“ zum
    berühmtesten Werk der antiken Literaturgeschichte überhaupt. Es erzählt von den Irrfahrten und Kämpfen des trojanischen Helden Aeneas, der schließlich zum mythischen Ahnherrn der Römer wird. Markus Janka stellt in seiner modernen Einführung die Protagonisten der Aeneis vor, erhellt die Grundzüge der Handlung, ordnet das Werk in das Œuvre Vergils ein, erklärt die
    Besonderheiten der dichterischen Komposition, erläutert die Bedeutung dieses Epos für die
    augusteische Zeit und ihre Ideologie und erschließt seinen literaturhistorischen und rezeptions-ästhetischen Stellenwert.

    EDIT am 21.11.2021: InhaltsVZ nun – hoffentlich endgültig – gekittet. Für HTML-Insider: weg von span hin zu name – siehe Quellcode. Auf dem Weg 1-2 Irritationen integriert; so die Begrüßung fätt gemacht und eingestanden, dass die zweite Auflage nur FAST, dem Sinne nach unverändert ist….

    Bodenlos

    Hallo Mitwelt.

    Nach letztmaligem Missmut, einplastifiziert zu sein in einem life in plastic, tut nun ein Blick voraus Not und zwar ein visionärer, was möglich geworden sein wird. Nicht ins Jahr 2000 blicken wir zurück in die Zukunft, sondern wir reisen ins Jahr 2050, 29 Jahre hinkünftig, wenn die Freitags von Übermorgen nicht nur Märchen sind. Ein Rückblick aus dem Jahre 2050 auf das Jahr 2021 mag verhelfen, das Jetzthandeln mithilfe von imageneering wirkmächtig auszurichten, um Ermöglichungsräume zu schaffen.

    Es geht also um nachhaltiges Handeln, das vielfach schon jetzt möglich ist, jedoch von den Einzelnen noch gezielte Aufmerksamkeit, Bewusstwerdung des Möglichen abverlangt und zumeist auch noch mehr Geld kostet. Sprich, nachhaltig zu handeln, sich zu ernähren und kleiden – leben, ist NOCH ein Schwimmen gegen den Strom, ein Handeln entgegen die Beharrungskräfte der Strukturen unserer Externalisierungs- =Auslagerungsgesellschaft. Fokus heute allerdings auf der Ernährung und diese ermöglichende Land- und Viehwirtschaft. Es läuft auf die Frage hinaus, ob Ökolandbau Europa ernähren kann. Eine schon mehrfach mit Ja beantwortete Frage, weshalb sie als nicht handlungsleitend wegignoriert wurde. Ganz aktuell und Anlass für heutigen Beitrag jedoch eine Studie…

    1. Die Studie

    Die Studie “Reshaping the European agro-food system and closing its nitrogen cycle: The potential of combining dietary change, agroecology, and circularity“ – zusammengefasst in scinexx geht der Frage nach, ob und vor allem wie Europa (schon!) im Jahr 2050 nachhaltig ernährt werden könnte. Zentral bei der Betrachtung ist der Stickstoffkreislauf bzw. –zyklus, bei dem der Stickstoff aus der Atmosphäre, die er zu 78% ausmacht, kreisförmig in Lebewesen verstoffwechselt und wieder ausgeschieden wird und so zum „Brennstoff für die Biosphäre“ geworden ist. So wichtig und doch oxidativ auf Dauer tödlich der Sauerstoff ist, so aufbauend wirkt der Stickstoff als wesentlicher Bestandteil von Proteinen.

    Dass der Stickstoffkreislauf trotz seiner Engpässe funktioniert, zeigen Stoffbilanzen und Abschätzungen. Demnach wurde der verfügbare Stickstoff während der Erdgeschichte im Durchschnitt schon 900- bis 1000-mal von Lebewesen in ihrenKörper eingebaut und wieder ausgeschieden, während er jedoch rund 900.000-mal ein- und ausgeatmet wurde, ohne dass er dabei chemisch verändert wurde. Zum Vergleich: Der Luft- und ozeanische Sauerstoff der Erde wurde bisher im Durchschnitt rund 60-mal von der „Fabrik Leben“ benutzt, in Biomasse eingebaut und wieder ausgeschieden.

    Wikipedia

    Die Bedeutung für die „Fabrik Leben“ ist also kaum zu überschätzen, weshalb eine Landwirtschaft entlang dieses Zyklus zu denken nur – sozusagen – „natürlich“ wäre. Doch hat der weise Mensch sich aus diesem Äonen währenden Zyklus mutwillig ausgeklinkt, indem er massenhaft künstlichen Stickstoffdünger eingetragen hat und so die (Stick)Stoffkreisläufe in seinem – kurzsichtig-einäugigen Sinne manipulieren zu können glaubte. Die lange ignorierten Nebenfolgen treten zunehmend unübersehbar zutage (hierzu weiter unten noch: 2.1), weswegen sie nun wieder einzupreisen richtig innovativ und visionär ist (Sarkasmus!).

    Doch womit befasst sich die Studie nun eigentlich?

    Ein Team um Gilles Billen von der Universität Paris hat nun die landwirtschaftliche Entwicklung in Europa seit 1960 untersucht und analysiert, wie sich bis 2050 eine nachhaltige Landwirtschaft schaffen lässt, die alle Menschen in Europa ernähren kann. Einen Fokus legten die Forscher dabei auf einen möglichst effizienten Stickstoffkreislauf.

    scinexx

    Denn:

    „Die bisher zu beobachtende Entwicklung des europäischen Agrar- und Ernährungssystems ist durch eine niedrige Effizienz bei der Nutzung von Nährstoffen und durch schädliche Stickstoffverluste in die Umwelt gekennzeichnet, die die Wasser-, Luft- und Bodenqualität gefährden und zum Klimawandel beitragen“, erläutern die Forscher.<

    Scinexx

    Ihre Analyse des Status quo stellt ein Auseinanderdriften und Nebeneinherarbeiten von Land- und Viehwirtschaft fest; ein klassischer Fall von soziologisch so genannter Ausdifferenzierung bzw. Binnendifferenzierung, wo zunehmend spezialisierte Aufgaben von Teilsystemen des Ganzen für das Ganze funktional übernommen werden:

    Die Analyse von Billen und seinen Kollegen zeigt: Im Vergleich zu den 1960er Jahren ist die menschliche Ernährung stickstoffreicher geworden, enthält also mehr Proteine. Während 1961 nur 35 Prozent der aufgenommenen Proteine aus tierischen Quellen stammten, ist dieser Anteil bis 2013 auf 55 Prozent gestiegen. Zugleich hat sich die landwirtschaftliche Fläche in Europa verringert, was auf eine intensivere Bewirtschaftung der besten Flächen zurückzuführen ist.

    Außerdem ist eine zunehmende Spezialisierung zu beobachten, die dazu führt, dass Viehhaltung und Ackerbau mehr und mehr voneinander getrennt werden. Während die stickstoffreiche Gülle mancherorts zum Problem wird und das Grundwasser belastet, sind Bauern andernorts auf synthetischen Stickstoffdünger für ihr Getreide angewiesen.

    Scinexx

    Wären sie mal zusammengeblieben oder hätten sinnvoll miteinander kommuniziert, als getrennt voneinander für sich zu agieren. Ein sinnhafter Aufeinanderbezug wäre gewiss möglich gewesen… Um trotzdem eine nachhaltige Ernährung zu realisieren, muss das Kunstwerk auf drei, entgegen des Status quo eng vernetzten Säulen fußen. Von Nöten sind demnach:

    • “lange, diversifizierte Fruchtfolgen, bei denen stickstofffixierende Zwischenfrüchte wie Klee und Hülsenfrüchte dem Boden auf natürliche Weise Stickstoff zuführen“ (scinexx), was das Ende der monokulturellen Herrschaft auf den Äckern bedeutete,;
    • eine engere Verzahnung zwischen Ackerbau und Viehzucht, damit es hier zu einem „Geben und Nehmen“ von natürlich anfallenden Stickstoff (Dung-Dünger) nach Bedarf kommen und man auf Kunstdünger verzichten kann, sowie
    • weniger tierische Produkte in der Ernährung, die bzw. deren Produktion ein Haupttreiber der naturzerstörung sind. Ein „Ernährungsmix mit 45 Prozent Getreideprodukten, 15 Prozent frischem Obst und Gemüse, zehn Prozent Hülsenfrüchten und 30 Prozent tierischen Produkten wie Fleisch, Milch und Eiern“ (scinexx) ist demgegenüber empfohlen. D.h., dass der tierische Proteinanteil in der Ernährung auf bzw. sogar unter das Niveau von 1961 (35%) zurückzugehen hat.

    Das ergäbe folgende Sachlage:

    Da ein solches System eine weniger intensive Landnutzung erlaubt, würden die Ernteerträge geringer ausfallen als bisher, prognostizieren die Forscher. Ausgeglichen würde dies dadurch, dass ein höherer Anteil davon für die menschliche Ernährung zur Verfügung stünde. „Aktuell dienen 75 Prozent von Europas Getreideproduktion als Viehfutter, zusätzlich zu Importen aus den USA und Südamerika“, erläutern die Autoren.

    Würden die Tiere hingegen schwerpunktmäßig lokal ernährt, idealerweise mit Gras und den für Menschen schlecht verwertbaren Teilen von Getreidepflanzen, bliebe trotz geringerer Ernten ausreichend Getreide übrig. Die Tierbestände würden in dem von den Forschern vorgeschlagenen Szenario so reduziert, dass sie mit lokal nachwachsendem Futter auskommen und die produzierte Gülle daran angepasst ist, was im Ackerbau benötigt wird. So würde auch das Grundwasser geschont.

    Scinexx

    Summa summarum ernährten sich die Menschen gesünder, wäre Europa zum Selbstversorger geworden, hätte man eine ökologische, kontinentale Grenzen nicht überfordernde Land- und Viehwirtschaft ohne toxische Nebenfolgen etabliert, könnte so viel an Hinterherräumen sparen, leistete einen Beitrag zur Biodiversität auch auf und nahe den Äckern, müsste nicht länger ökosoziale Nebenfolgen durch die Produktion des Nahrungsbedarf auslagern. All das abverlangte jedoch eine Umstellungs- und Anpassungsleistung bei Produzenten wie Konsumenten, diese sich anders ernähren müssten, damit / weil jene anders produzieren.

    2. Hintergründe

    Zur Vertiefung ein paar Aspekte aufgegriffen und schlaglichtartig angeleuchtet, die zusammengefasste Studie voraussetzt.

    2.1 Am Stickstoff ersticken

    Wie steht es denn um den anthropogen manipulierten Stickstoffkreislauf, welche Auswirkungen zeitigt der Eintrag von Kunstdünger durch den Menschen in die Ökosystemen? Hierfür geblickt in ein schon 2015 publiziertes Gutachten des hiesigen Umweltrats (Sachverständigen Rat für Umweltfragen!), der der Bundesregierung fachberatend zur Seite steht. Scinexx berichtete, beim Umweltrat ist die Kurzfassung “Stickstoff: Lösungsstrategien für ein drängendes Umweltproblem“ einseh- und downloadbar. Demnach:

    Seit Jahren gelangen aus Landwirtschaft und Tierhaltung gefährlich viel Stickstoff in Wasser, Luft und Böden. Nitrat kann so das Trinkwasser erheblich belasten. Durch die Überdüngung vermehren sich außerdem stickstoffliebende Arten von Mikroorganismen, es kommt zu Algenblüten und einem Verlust der Artenvielfalt.

    Nicht zuletzt tragen Stickstoffverbindungen zum Klimawandel bei: Das Distickstoffmonoxid Lachgas entsteht zwar in vergleichsweise geringen Mengen, ist jedoch ein rund 300 Mal stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid. Es tritt ebenfalls aus Düngemitteln aus, entsteht jedoch auch in Verkehrs- und Industrieabgasen.

    Scinexx

    • 2009 waren beinahe die Hälfte der natürlichen und naturnahen Ökosysteme von Überdüngung betroffen;
    • etwa 27 Prozent des Grundwassers seien wegen eines zu hohen Nitratgehaltes in schlechtem Zustand;
    • die Effizienz der Stickstoffdüngung ist „stark verbesserungsbedürftig“, denn nur 60% des gedüngten Stickstoffs finden sich in den Endprodukten, sprich den pflanzlichen Proteinen wieder; weltweit ist das Verhältnis ausgebrachten Stickstoffdüngers zu geernteten Proteinen noch schlechter.

    Letzteres nennt man Verschwendung, weil man offensichtlich zu viel hat und nicht nachzudenken zu müssen meint. Düngertanks sind doch voll, wozu komplizierte Einsparverfahren umständlich ersinnen. Dabei…

    Senken ließe sich die Menge der Stickstoffemissionen auf mehreren Wegen: In moderneren Düngeverfahren etwa lässt sich der Zustand der Pflanzen zunächst überprüfen, so dass anschließend nur so viel Dünger ausgebracht wird, wie wirklich nötig ist. Auch lässt sich der Dünger so in den Boden injizieren, dass weniger Stickstoffverbindungen in die Atmosphäre ausgasen können. Die DUH fordert außerdem, alte Kohlekraftwerke abzuschalten und höhere Anforderungen an die Automobilindustrie zu stellen, um Stickoxid-Emissionen drastisch und wirkungsvoll zu senken. Nur so könnten sich Stickoxide in Städten reduzieren und die EU-Grenzwerte einhalten lassen.

    Scinexx

    Zur Möglichkeit einer Senkung der Kunstdüngung siehe Abschnitt 2.2; die Sache mit dem betrugsmäßig Mehr an ausgestoßenen Stickoxiden deutscher Vierräder erhält so nochmal eine ganz neue Dimension, die meiner Erinnerung von 2015 an so kaum je kommuniziert worden ist. Auch per Auspuff greift der Mensch in den Stickstoffkreislauf ein, nur leider wie meist unbedacht, wie mit Schrotflinte ziellos in den Wald hinein. Und wer hoffte, dass seit 2015 doch lange sechs Jahre proaktiven handelns vergangen sind: bezüglich Nitrat im Grundwasser leider nein. Es scheint, als hätte man es in die Hände des euphemistisch Verkehrs- genannten Immobilitätsministeriums gelegt, das es seither ausgesessen hat. Denn die deutsche Handlungshomöopathie hat zu einer angemahnten Strafzahlung durch die EU-Kommission geführt, die längst ratifizierte Vorschriften einzuhalten erwartet. „Nur ein kleines Problem“…

    Aktueller die 2020 erschienene
    Nature-Studie: “A comprehensive quantification of global nitrous oxide sources and sinks“, wiedergegeben nach Br online. Die Studie konzentriert sich allein auf Distickstoffmonoxid / Lachgas, das 100-120 Jahre in der Atmosphäre verbleibt und dreihundertmal so stark aufs Klima einwirkt wie CO2; eine Tonne lachgas entspricht folglich 300 Tonnen CO2.

    Das eingerechnet, macht Lachgas derzeit etwa sieben Prozent derTreibhausgasemissionen aus, nach Kohlendioxid (rund siebzig Prozent) und Methan (zwanzig Prozent). Aber anders als CO2 oder Methan kann Lachgas nicht so leicht eingespart werden. Denn der Großteil des Distickstoffmonoxid-Ausstoßes stammt aus der Natur – Böden und Ozeane emittieren fast 10 Millionen Tonnen Lachgas pro Jahr[…]

    Doch der vom Menschen verursachte Anteil an den N2O-Emissionen nimmt beständig zu[…] In den vergangenen vier Jahrzehnten hat er sich um dreißig Prozent gesteigert auf inzwischen 7,3 Millionen Tonnen pro Jahr. Das sind über vierzig Prozent der jährlichen Lachgas-Emissionen.

    Es wird immer mehr Lachgas freigesetzt: In den vergangenen 150 Jahren hat die Menge von Lachgas in der Atmosphäre um zwanzig Prozent zugenommen. Auch der N2O-Ausstoß steigt – Inzwischen um zwei Prozent pro Jahrzehnt.

    BR online

    Man beachte dringend: in 150 Jahren ein Anstieg um 20%, aktuell Anstiege um 2% pro Jahrzehnt. Da 150 Jahre 15 Jahrzehnte sind, 20 aber nicht die neuen 30%, muss der Anstieg lange ausgeblieben oder weit unter 2% gelegen haben; andersherum droht es gerade steil abzugehen, sprich Lachgas geht exponential! Wo sind die Lauterbäche, wenn man sie braucht, um die Kurve abzuflachen??? Und fatal, dass es just jetzt anzieht, wo der Mensch proaktiv intensiv mitspielt, es also zunehmend (momentan besagte 40% Mittäterschaft) seine Spielweise ist. Nur die gewieftesten Verdränger können noch unbeteiligt weggucken.

    Rund 17 Millionen Tonnen werden jährlich emittiert, was beim Faktor 300 rund 5,10 Milliarden Tonnen CO2 entspräche – ein beachtlicher Batzen, der umso relevanter wird, da Lachgas nicht nur ein Treibhäuslebauer ist. Nein, es wirkt sich auch noch ungut auf die Ozonschicht aus (science.ORF.at):

    Der Polarwirbel ist ein Tiefdruckgebiet in der Stratosphäre in 15 bis 50 Kilometern Höhe, das sich in jedem Herbst über der Arktis bildet und unterschiedlich lange über den Winter bis in das Frühjahr hinein bestehen bleibt. Die Dichte der Ozonschicht über der Arktis schwankt im Jahresverlauf und erreicht stets im Frühjahr ihren geringsten Wert. Im Frühjahr 2020 war von „Mosaic“-Forschern ein Rekordverlust registriert worden: Im Höhenbereich des Ozonmaximums waren demnach etwa 95 Prozent des Ozons zerstört. Die Ozonschicht-Dicke sei dadurch um mehr als die Hälfte reduziert worden – obwohl die Konzentration ozonzerstörender Substanzen seit der Jahrtausendwende sinke.

    […] Der komplexe Mechanismus dahinter sei zumindest teilweise bekannt, hieß es vom AWI: Dieselben Gase, die an der Erdoberfläche zur globalen Erwärmung führen, fördern demnach eine Abkühlung der höheren Luftschichten in der Stratosphäre. Vermutlich trügen auch Änderungen in den Windsystemen im Zuge des Klimawandels zu den tieferen Temperaturen im Polarwirbel bei.

    Science.ORF.at

    Obwohl man direkt schädigende Gase wie allen voran FCKW hat ausmerzen können, hat Mensch es geschafft, auf reichlich indirekten Wegen die identische Wirkung zu bewirken. Mensch gibt nicht auf und lässt sich von einem kaputten Ozonloch doch nicht vorschreiben, wann er was zu emittieren hat! Und nein, die Arktis ist wettertechnisch nicht fern genug – dort defekte Ozonschicht kann bis nach Europa hinein wabern. Keine guten nachrichten für Sonnenanbetende.

    Und dann noch das: Mikroorganismen halten sich AUCH nicht an die Vorschriften – die Denitrifikation,die Verwertung von Nitrat zu Stickstoff oder auch Lachgas, verläuft anders. Letzteres, so die langzeitige Annahme, entweiche nur von feuchten Böden, nur in denen es lustig gärt. Nein, Mikroorganismen bekommen das auch in trockenen Böden hin, erst recht wenn sie wiederbefeuchtet werden. Nur gut, wenn wir feuchte Moore austrocknen und die Evapotranspiration den Rest übernimmt. Trockengebiete, gelegentliche Starkregen – das Beste vom Besten.

    2.2 Bioeffektoren statt Stickstoffdünger

    Wie angedeutet, gibt es sehr wohl bereits bekannte Möglichkeiten, zumindest mal den Kunstdüngeraustrag zu minimieren. Spannend hierzu das Scinexx-Dossier von 2019 “Wege aus dem Düngerdilemma gesucht: Bioeffektoren könnten die Landwirtschaft umweltfreundlicher machen“:

    Das Problem ist klar: Auf unseren Feldern und Äckern werden zu viel Dünger und Gülle ausgebracht. Die Folge sind überdüngte Gewässer, verunreinigtes Grundwasser und andere Umweltschäden. Doch ganz ohne Dünger geht es auch nicht, wenn man hohe Erträge möchte. Eine mögliche Lösung für dieses Dilemma könnten Wissenschaftler nun gefunden haben.

    Das Konzept: Man nutzt bestimmte Mikroorganismen und bioaktive Substanzen, um die Nährstoffaufnahme der Pflanzenwurzeln zu verstärken. Durch solche Bioeffektoren können die Pflanzen den vorhandenen Dünger besser ausnutzen. Als Folge müssen die Bauern weniger düngen, erreichen aber trotzdem hohe Erträge. Gleichzeitig bleibt im Boden weniger ungenutzter Dünger übrig, der Gewässer und Grundwasser belasten könnte.

    Scinexx-Dossier

    Das Problem beim Fachbegriff benannt: Eutrophierung, Altgriech.: „gut nährend“, womit die unerwünschte, weil unkontrolliert übermäßige nährstoffliche Anreicherung von Ökosystemen gemeint ist, im Speziellen die anthropogene (menschverursachte) Version davon. Dadurch steigert sich die sogenannte Primärproduktion, sprich die Biomasse nimmt durch Pflanzenwachstum zu. Und weil das für auf Wachstum getrimmte Menschen pauschal einfach immer gut ist, hat das auch quasi niemanden gestört. EINE Folge ist jedoch die Sauerstoffzehrung, die Sauerstoffverbrauchsrate wie nur der Deutsche auch sagt. In Gewässern ist sie ein wesentlicher Anzeiger dafür, wie es um die Aktivität der aquatischen Lebewesen bestellt ist. Je höher die Rate, desto aktiver die Aquas, umso ausgezehrter der Sauerstoff. Bis es kippt und hypoxisch wird.

    Aber zurück zu den besagten Bioeffektoren, die Abhilfe bei Kunstdünger versprechen:

    Weil der Nachschub für mineralische Dünger knapp und aufwendig herzustellen ist, sind Alternativen gefragt. Erste Lösungsansätze sind Alternativen auf Recycling-Basis. Zu diesen gehören kompostierter Haushaltsabfall, Aufbereitete Rückstände aus dem Abwasser, Aschen, Stallmist, Gülle, Abfallstoffe aus der Tierverwertung und Gärrückstände aus Biogasanlagen.

    „Ein Problem besteht hier vor allem darin, dass die nötigen Nährstoffe in diesen Düngern häufig nicht durchgängig in ausreichender Menge vorhanden oder pflanzenverfügbar sind“, erklärt der Pflanzenphysiologe Günter Neumann von der Universität Hohenheim. „Sie werden durch die Aktivität von Bodenorganismen erst langsam freigesetzt und können auch pflanzenschädliche Nebenwirkungen entwickeln.“

    Scinexx-Dossier

    Bioeffektoren sind aber anderen Kalibers, auch weil zuvor genannte Optionen nicht in ausreichender Menge verfügbar sind oder das sehr unstet je Region. Daher kommen für Bioeffektoren in Betracht:

    Einen anderen Ansatz verfolgen deshalb Günter Neumann und sein Team. Sie setzen auf sogenannte Bioeffektoren. Dies sind Mikroorganismen wie zum Beispiel Bakterien und Pilze, aber auch bioaktive Substanzen aus organischen Extrakten, die die Pflanze bei der Aufnahme von Nährstoffen aus Boden und Dünger unterstützen.

    [..]Der große Vorteil: Weil die Pflanze die vorhandenen Ressourcen effektiver nutzt, wird weniger zusätzlicher Dünger benötigt. „An der Wurzel platziert können Bioeffektoren den Pflanzen helfen, durch Förderung des Wurzelwachstums oder durch Mobilisierungsprozesse leichter an die Düngernährstoffe heranzukommen und diese effizienter zu nutzen“, erklärt Neumann. „Dadurch muss weniger Dünger ausgebracht werden.“ Das gelte sowohl für organische als auch für Mineralstoffdünger.

    Scinexx-Dossier

    Eine wahrlich mindestens radikale, wenn nicht gar revolutionäre Innovation
    – nur rund >450 Millionen Jahre verspätet, was sich Homo sapiens im Hirn ausgebrütet hat. Gut Ding will Weile haben, eine biopsychosoziale Entschleunigungsstrategie #SapiensExklusive. Denn schon während der ersten Grünen Revolution, dem Landgang der Pflanzen, hatte sich titellose Evo Lution solch symbiotische Tricks schon ausgedacht:

    Eine „Freundschaft“ bildete offenbar die Grundlage der grünen Revolution auf unserem Planeten: Forscher präsentieren neue Hinweise darauf, dass die pflanzliche Besiedlung des Landes vor rund 450 Millionen Jahren durch eine symbiotische Beziehung mit Pilzen möglich wurde. Sie konnten zeigen, dass sogar die simplen Lebermoose – die als lebende Fossilien gelten – ihren Pilzpartnern Lipide als „Handelsgut“ anbieten – ähnlich wie die hochentwickelten Pflanzenarten. Bei Algen gibt es die entsprechende Lipid-Biosynthese hingegen nicht. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass dieses System auf die Zeit zurückgeht, als die ersten Gewächse mit der Unterstützung ihrer Pilzpartner das Land ergrünen ließen.

    Zitiert nach wissenschaft.de

    Kein Grund, traurig zu sein, dass es höchstens auf menschmikroskopisch kleiner und kurzbelebter Ebene wie eine Innovation erscheint, was evolutionärer Standard immer schon war. Aber gerade dank bald halbmilliardenjähriger Erprobung darf das Verfahren als gut erforscht und sicher gelten, auch wenn man sich bei der Erfassung der detailreichen Komplexität noch schwer tut. Daten unzureichend für sinnvolle Antwort Nicht aufgeben – wird schon!

    2.3 Erhöhter Ökoflächenbedarf?

    Nicht immer jedoch ist Biolandbau, der ohne Stickstoffdünger auskommt, eine Lösung. Denn durch den erhöhten Flächenbedarf sind oft zusätzliche Lebensmittelimporte notwendig, die im schlechtesten Fall sogar zu höheren Treibhausgasemissionen führen.

    Scinexx zur unter 1. Genannter Studie

    Passend hierzu eine Nature Communications-Studie: „The greenhouse gas impacts of converting food production in England and Wales to organic methods“ – Zusammenfassung nach Daniela Albat bei scinexx. Stand 2019 will man ergründet haben:

    Öko-Dilemma: Der Umstieg auf ökologische Landwirtschaft hilft zwar der Natur, wirkt sich aber nicht unbedingt positiv auf das Klima aus. Wie eine Studie am Beispiel von England und Wales zeigt, kann es im Gegenteil sogar zu einem vermehrten Ausstoß von Treibhausgasen kommen. Schuld ist der erhöhte Flächenbedarf des Biolandbaus. So müssen bei einer Umstellung auf „Bio“ in diesen Ländern mehr Lebensmittel aus dem Ausland importiert werden. Trotz regionaler Einsparungen steigen die Emissionen dadurch insgesamt an, berichten die Forscher im Fachmagazin „Nature Communications“.

    Scinexx

    Bei Bedarf ebenda selber weiterlesen. Meine skeptische Formulierung „will man ergründet haben“ lässt schon durchklingen, dass ich die Annahmen, gesetzten Axiome, für fragwürdig bis schlicht falsch halte. Siehe den rant (nicht nur;-) ) in Abschnitt 4 Die Forscher*innen implizieren und unterstellen mehrere Invarianten, unveränderliche Gegebenheiten, als wären sie naturgegeben nicht anders möglich, obwohl sie kontingent, anders möglich sind. Denn egal welche Art von Landbau, konventionell oder Öko, in jedem Falle ist es nicht unveränderbar „natürlich“, sondern stets menschengemacht „kultürlich“! Nichts MUSS so, dass man zwangsweise massenhaft importieren müsste, nur weil Ökolandbau etwas mehr Fläche einnimmt für identischen Ertrag. Externalisierungsgesellschaft ist kein Schicksal, sondern nur eine Bequemlichkeit. Außerdem irreführend – errare humanum est – sind die angebauten Pflanzen…

    3. Mix statt Mono

    Was soll denn nun mit denen schon wieder nicht stimmen? Von mangelnder Robustheit gegen klimakrisenhafte Neuzustände und damit einhergehender altbekannt intensivierter oder neu aufkommender Krankheiten abgesehen? Sie sind ausschließlich auf Ertrag, also auf exzessives, erntefreundliches Wachstum gezüchtet, was ohnehin schon den Fokus weglenkt von u.a. Abwehrkräftigkeit. Einst prima, um der Malthusianischen Falle entgangen zu sein. Vor allem sind sie aber auch auf Monokultur gezüchtet, sollen also tunlichst in monokulturellem Anbau allein unter sich und ihresgleichen wachsen und ertragreich gedeihen. Monokulturelle Ertragsoptimierung kurzum. Versuche, mit samenfesten Sorten die Ernährung zu sichern, sind ein vergleichsweise neuer oder neubelebter Trend, alte Kulturpflanzen sozusagen wiederzubeleben und sie wegen größerer Robustheit, Widerstandsfähigkeit bei zugegeben geringerem Ertrag, dafür i.a.R. besserem Geschmack in Umlauf zu bringen. Das wider den Widerstand monokulturalisierter Konzernstrukturen, die in großem Maßstab die OptiPlants hergestellt haben und deren nicht samenfesten Anbau profitabel kontrollieren.

    Hierzu eine Nature Plants-Überblickstudie: „Syndromes of production in intercropping impact yield gains”, worüber science.ORF.at berichtet. Was in obiger Fokusanker-Studie (Abschnitt 1) eine der drei fundamentalen Säulen ist, nämlich der Zwischenfruchtanbau, wird in dieser Studie nun näher beäugt.

    Beim Intercropping oder Zwischenfruchtanbau wachsen auf einem Feld gleichzeitig zwei oder mehr Kulturen: Einige Reihen Mais wechseln sich beispielsweise mit einigen Reihen Bohnen ab. Die Pflanzen profitieren vielfach von der Nähe zu anderen Kulturen, die Bodenbeschaffenheit verbessert sich, und die Erträge wachsen.

    science.ORF.at

    Wichtig: Die Studie hat NUR die konventionelle Landwirtschaft betrachtet, weil… Sonst ein Teil der Antworten die Konventis verunsichert hätte? Im Ergebnis kam raus, wenn man Intercropping betreibt, erhält man

    • pro Hektar im Schnitt und quer durch die angebauten Pflanzensorten EINTAUSENDFÜNFHUNDERT KILOGRAMM mehr Ertrag als auf Monokulturwüsten!<
    • DAS VIERFACHE an Ertrag, wenn Mais eine der mitangebauten Mischwächsler gewesen ist.

    Der gewagte Schluss, der gewiss noch näher zu erforschen ist (Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme): „Zwischenfruchtanbau sei also ein wichtiger Schritt für die konventionelle Landwirtschaft“. Hört, hört! Zum Glück gibt es die Wissenschaft, die Wissen schafft, sonst hätten wir es nicht gewusst.

    Ergebnisse, die den Agrarökologen Michael Hauser nicht überraschen. Er forscht derzeit in Kenia am ICRISAT, einer Forschungseinrichtung, die Lebensbedingungen und Ernährungssicherheit in Subsahara-Afrika verbessern möchte. Beim Zwischenfruchtanbau handle es sich um eine alte Technik, die nun von der industriellen Landwirtschaft entdeckt werde. „Das Intercropping haben nicht Wissenschaftler entwickelt, sondern Bäuerinnen und Bauern über viele Jahrhunderte hinweg“, so Hauser.

    science.ORF.at

    “entdeckt“ wie Kolumbus das indigen seit Jahrtausenden bewohnte Amerika? Nennt man sonst raubkopierende Piraterie, wenn es bspw. die bösen Chinesen als Gelbe Gefahr plagiierend wagen. Stellen Wissenschaftler Offensichtliches aus dem Kulturellen Gedächtnis der Menschheit hingegen fest, ist es eine Innovation. Mal drüber nachdenken, was das über die Kulturelle Demenz des Westens aussagt. Denn:

    Im 18. und 19. Jahrhundert sei der Zwischenfruchtanbau auch in vielen Regionen Subsahara-Afrikas weit verbreitet gewesen, so Hauser. Doch die Kolonialherren stellten die Technik unter Strafe, weil sie ihrer Vorstellung einer korrekten Landwirtschaft widersprach. Dabei habe das Intercropping gerade in trockeneren, klimatisch unberechenbareren Regionen entscheidende Vorteile, erklärt Hauser.

    science.oRF.at

    UNTER STRAFE, weil keine KORREKTE LANDWIRTSCHAFT? Zum Fremdschämen, ich bin zutiefst entsetzt und kann für diese ***** Vorfahren nur um Gnade bitten. Sie waren imperial-zivilisatorisch schwer psychotisch und der Realität evidenterweise entrückt[1]. Jüngst ein SWR2-Wissen von 2010 zufälligerweise nochmal nachgehört. Nicht mehr online verfügbar, schade. Da ging es um einen australischen Waldmacher, der gegen das koloniale Erbe in Afrika ankämpfte. Denn besagte Psychotiker hatten der indigenen Bauernschaft den irren Gedanken eingepflanzt, Bäume auf und an Äckern seien schädlich, würden den Boden aussaugen und auslaugen und gehörten massenhaft abgeholzt. Denn viel wichtiger stattdessen der Anbau von Exportfrüchten für die Kolonialherren! Das liegt auch auf der Hand – was auch sonst! Dumm nur, dass in totaler, pervertierter Verkehrung realer ökologischer Umstände Bäume wesentlicher Biotopanker für ein gedeihlichen Acker sind, Schattenspender für kleine Pflanzen, wurzelnde Bodenauflockerer, Wasserbeschaffer usw. usf. Also bloß das zuvor auch vor Ort traditionale Wissen für dumm verkauft und das Gegenteil gepredigt[2]. Und jetzt plagiierende Wissenspiraterie, die als große Innovation den wohlklingenden Marketingsprech Intercropping erhält, um für Hipster anschlussfähig zu werden.

    Überlebenswichtige Vorteile des hipstercoolen Intercropping nämlich:

    Weil sich die Bäuerinnen und Bauern beim Zwischenfruchtanbau nicht auf eine einzige Kultur fokussieren, sinkt das Risiko für komplette Ernteausfälle. Darüber hinaus stehen den Menschen in der Region unterschiedliche Nutzpflanzen und damit Nahrungsmittel zur Verfügung, das verbessert die Versorgung mit Nährstoffen. Das gilt vor allem für Hülsenfrüchte, wie Bohnen oder Linsen, die proteinreich sind und im Zwischenfruchtanbau besser gedeihen.

    Durch die Mischkultur haben die Menschen gerade in ärmeren Ländern die Möglichkeit, teurere Produkte wie Hirse anzupflanzen und größere Gewinne zu machen, weil die Risiken eben insgesamt kleiner sind. „Das heißt, Intercropping ist bei Weitem nicht nur vorteilhaft für die industrielle Landwirtschaft, aber die entdecken diese Vorteile eben erst jetzt“, so Hauser.

    science.ORF.at

    Ergänzend eine weitere Nature Plants-Studie:“ Diversity increases yield but reduces harvest index in crop mixtures”, wissenschaft.de berichtet.

    Vor allem im ökologischen Gemüseanbau und in Privatgärten nutzt man […] bereits die Vorteile der Mischkultur: Dabei wechseln sich Reihen von Möhre, Zwiebel, Salat und Co ab – mehrere Nutzpflanzenarten oder Varietäten werden nebeneinander angebaut.

    Dabei kommt ein natürliches Prinzip zum Tragen: Ökosysteme können ihre Funktionen besser erfüllen und mehr Biomasse bilden, wenn die Artenvielfalt groß ist. Der positive Effekt auf die Pflanzenproduktivität ist dabei auch bereits im Fall von Agrar-Ökosystemen bekannt: „Forschung in landwirtschaftlich genutztem Wiesland hat gezeigt, dass vielfältigere Wiesen produktiver sind als solche, die nur aus einer oder wenigen angesäten Arten zusammengesetzt sind“, sagt Christian Schöb von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. Für den Ackerbau gab es aber bisher kaum vergleichbare Studien. Deshalb haben Schöb und seine Kollegen nun untersucht, inwieweit sich Mischkulturen auch im Anbau von Pflanzen günstig auswirken, bei denen der Samenertrag im Vordergrund steht.

    wissenschaft.de

    Auf zwei Experimentalanbauflächen – in der Schweiz sowie in Spanien – wurden in festgelegten Reihen und Abständen zwei bis vier Pflanzen pestizid- und düngerfrei kombiniert: Weizen, Hafer, Koriander, Quinoa, Linsen, Lupine, Lein und einen Verwandten des Raps. Ergebnis:

    Der Vergleich mit den Samenerträgen der gleichen Pflanzenarten in Monokultur ergab: Schon ab Mischungen von zwei Arten stieg er um drei Prozent in Spanien und um 21 Prozent in der Schweiz. Säten die Forschenden vier Arten nebeneinander an, betrug der Mehrertrag sogar 13 beziehungsweise 44 Prozent in Spanien und der Schweiz. Den erzielten Mehrertrag führen die Forscher auf den Biodiversitätseffekt zurück. Es zeichnet sich demnach ab, dass auch bei diesen Ackerkulturen die Vielfalt eine bessere Ausnutzung der verfügbaren Ressourcen ermöglicht und vor allem eine bessere, natürliche Kontrolle von Schaderregern.

    Wie die Forscher weiter berichten, zeichnete sich auch ein überraschend wirkender Effekt der Mischkultur ab: Die Pflanzen bilden mehr Blätter und längere Stängel aus als in Monokultur. Insgesamt entstand dadurch mehr Biomasse. Dabei gilt allerdings: Die Investition in die vegetativen Pflanzenteile geht tendenziell zulasten der Samenproduktion. Dennoch bleibt es aber durch das insgesamt stärkere Wachstum bei dem Vorteil, betont Schöb: „Trotz allem führte die Mischkultur unterm Strich zu mehr Samenertrag als in der Monokultur“.

    Wissenschaft.de

    Die Erklärung für diese Beobachtung:

    Bei dem Effekt, das die Pflanzen mehr Energie in den Aufbau von vegetativer Biomasse investierten, könnte es sich den Forschern zufolge auch um eine Nebenwirkung der Zucht der verwendeten Sorten handeln. Denn deren Ertrag wurde dabei nur bei einem Wachstum unter ihresgleichen optimiert. Im Umkehrschluss scheint es somit möglich, dass das Potenzial für Mehrertrag mit Saatgut, das an Mischkulturen angepasst ist, noch besser ausgeschöpft werden kann, sagen die Wissenschaftler. Zurzeit gibt es jedoch keine Saatgutproduzenten, die Sorten speziell für den Einsatz in Mischkulturen anbieten.

    Damit die Mischkultur sich im Anbau durchsetzen kann, ist aber auch ein weiterer Aspekt wichtig, heben die Forsche abschließend hervor: Es sind Maschinen notwendig, die gleichzeitig verschiedene Nutzpflanzen ernten und das Erntegut trennen können. „Solche Maschinen gibt es bereits, aber sie sind noch die Ausnahme und teuer, wohl weil sie bislang wenig nachgefragt wurden“, sagt Schöb. Durch die Kombination von optimiertem Saatgut mit geeigneten Maschinen könnte sich der Anbau von Mischkulturen aber letztlich für viele Landwirte lohnen, meint der Agrarforscher.

    Wissenschaft.de

    In kolonialherrlichem Eskapismus hat man vorhandenes Wissen exnoviert, zu erlernter agrarischen Hilflosigkeit geführt und in irrläufiger Pfadabhängigkeit Pflanzen sowie (Ernte)Technik antiökologisch optimiert und ist bass erstaunt, wieso das Naturverhältnis nun so defekt ist. Chapeau! Danke naturzerstörend verklärende Aufklärung; Danke Industrialisierung; Danke Modernisierung; Danke erleuchteter Westen!

    4. Ein Rant – Flächenverbrauch =Weltverbrauch

    Weil ich nun schon so in Fahrt bin und das Entsetzen über die weltverweigerte Einsichtnahme so groß ist, kann ich doch glatt einen rant anschließen!:-P

    Man könne sich, so die perpetomobile Behauptung, hierzulande (Europa, dem Westen) Ökolandbau nicht oder nur in geringem Anteil LEISTEN, weil sonst ein Mehr zu viel werde, unanständig viel Fläche fresse, die man nicht habe. Und weil man die nicht habe, müsse man dann zwangsweise schicksalhaft-alternativlos – TINA – Überlebensnotwendiges wie Avocados, Mangos, Bananen, Ananas, Krokodilsteak, Straußenfilet, Tabak… importieren. Welch Drohung! Weil man das mit totaler Selbstverständlichkeit tagein, tagaus seit Jahrzehnten macht, bedenkenlos macht, ist das natürlich der ultimative Einspruch wider diesen landfressenden, alles wie eine Lawine unter sich begrabenden Ökolandbau. Der frisst uns buchstäblich das Land unter den Füßen weg. Und unser Land ist uns heilig, weshalb das freilich inakzeptabel ist, dass Ökolandbau unsere steten hegenden und pflegenden Anstrengungen zunichtemacht. Da kann man wirklich nur noch aus purer Verzweiflung auf Exklaven ökofreier Besinnlichkeit hoffen, die nicht unter dem Joch einer Ökosystemdiktatur stehen.

    Wenn es so wäre… Es ist gewiss ehrenhaft, dass sich solcherlei Vorsprecher so rührselig um den Boden sorgen und sich als Apologeten im Kampf gegen Landfraß …. MOMENT! Der landfraßterrorist Ökolandbau erhält die Rote Karte gezeigt, während diejenigen Schiedsrichter noch nie in vorderster Aktivistenfront gegen tagtäglichen landgefräßigen Flächenverbrauch gesichtet worden sind?

    Unter Flächenverbrauch versteht man die Umwandlung insbesondere von landwirtschaftlichen oder naturbelassenen Flächen in „Siedlungs- und Verkehrsfläche“. Flächenverbrauch ist damit eine spezielle Form der Änderung vonLandnutzung, und zwar einerseits Verlust von landwirtschaftlicher Nutzfläche und natürlichen Lebensräumen, andererseits Erweiterung von Siedlungs- und Verkehrsflächen. Eigentlich wird die Fläche nicht verbraucht, sondern anders genutzt und „in Anspruch genommen“.

    Wikipedia

    “Verlust von landwirtschaftlicher Nutzfläche und natürlichen Lebensräumen“ ist alltäglich praktizierter Usus? Ist der unhinterfragte, verbal verheimlichte, standardmäßige way of life? Gehört zur soziokulturellen DNA einer etwas auf sich haltenden Modernen Gesellschaft? Ein jedtägliches Weniger an landwirtschaftlich nutzbarer sowie naturwüchsig belebter Fläche wird – nicht einmal achselzuckend – stumpfsinnig hingenommen, während man studienweise langatmig Ressourcen verschwendet, dem Ökolandbau ein Mehr an Flächenbedarf nachzuweisen? Noch so sinnbefreit, ziellos unabgesprochen wird zubetoniert, zuzementiert, wie man es sich passend macht, um dann zu verkünden, hier sei kein Platz für Ökolandbau? Mir fehlen passende Worte, das nicht justiziabel auszudrücken

    Flächenverbrauch, der korrekt nichts als Landfraß zu nennen ist, ist nur eine Unterform des Landverbrauchs. Diesen jenseits nationaler Container gedacht, mündet in der einen einzigen globalisierten Welt – nach Peter Sloterdijk – in

    Weltverbrauch als Folge unserer modernen Lebensform des aktivischen Konsumismus oder konsumistischen Aktivismus. In seinem letzten BuchDie schrecklichen Kinder der Neuzeit sieht Sloterdijk diese Geisteshaltung schon mit der Aufklärung und dem Aufstieg des Bürgertums nach der französischen Revolution entstehen. Die seit dem gewollte bürgerliche Gleichheit hat global betrachtet ein ganz großes Problem: Ihr Versprechen bringt unbezahlbare Kosten und „mengentheoretische Pradoxien“ mit sich:

    Nach Geist und Gegenwart: Eine Übung für schreckliche Kinder ohne Zukunft

    Weil man sich wie Langoliers der Gegenwart nur so über die gesamte Welt frisst, dass der ökohochverschuldete Welterschöpfungstag außer in pandemischen Zeiten jährlich früher kommt, man mit dem nichtökologischen Beackern der Welt bloß schon mehrere Erden bräuchte, ist es der Ökolandbau, der über Gebühr maßlos viel Lebenswelt verbraucht. Schön, wenn man einen Sündenbock gefunden hat, auf den man mit billigem Ablasshandel sein Versagen ablagrn kann. Ich spitze zornig noch mehr zu: es ist auffallend, dass in Abschnitt 2.3 zitierte Studie aus UK kommt, einem infolge von Brexit und Co re-imperial träumenden Land, das alter Größe nachzutrauern scheint. Vielleicht täte da ein Blick ins Johari-Fenster Not und gut, damit der lange Schatten eigener imperialer Lebensweise ins Licht kommen kann. Ein kurzsichtiger Duktus, den gewiss nicht nur ehemalige Imperialisten nachpflegen. Da verwundert es nicht, dass und wie sehr Pankaj Mishra wie immer noch gepflegte „imperiale Arroganz“ scharf anprangert. In totaler Unwilligkeit, zunächst auch nur daheim mal „aufzuräumen“, lagert man ökosoziale Folgen des eigenen Lebensstils freimütig aus und hofft auf genug Weiße Flecken auf endlicher Erdenkarte, damit es irgendwie passt.

    Nur zu passender, ausgezeichneter Beitrag bei Wissenschaft im Brennpunkt des DLF:Andrea Hoferichter: „Bodenversiegelung – leben und Sterben unter dem Asphalt“:

    Wird der Lebensraum von Bienen, Eisbären oder Nashörnern vernichtet, ist die Empörung groß. Doch die Grundlage für die Vielfalt über Tage ist jene im Untergrund. Täglich werden unzählige Bodenlebewesen unter Asphalt, Beton und Pflastersteinen begraben. Welche Folgen das hat, ist nur wenigen klar.

    Bodenversiegelung als die vielleicht offensichtlichste Form des Landfraßes. In einem land vor unserer Zeit (5G, Smartphones), am Anfang des Jahrtausends wollte ein gallisches Regierungsdorf den deutschen landfraß auf endlichem Staatsgebiet von 120 Hektar auf 30 runterregulieren. Das bis 2020, also innerhalb von gut 15 Jahren um 75 auf nur noch 25% des damaligen Niveaus. Ein Jahr später liegt der Landfraß bei 60 Hektar, was nur minus 50% entspricht, nur die Hälfte des anvisierten Zieles ist. Es ist also zu einer unbedeutenden Zielabweichung gekommen, den Zielwert nur zum Negativen doppelt übertroffen. Da würde ich ein mangelhaft ausssprechen, obwohl ich das für ungenügend halte. Achja, besagte Hektar Landfraß …:

    30 Hektar Boden verschwinden in Deutschland jeden Tag unter Asphalt, Beton oder Pflastersteinen. Für neue Wohnhäuser, Gewerbegebiete, Parkplätze, Straßen. Ein artenreicher Lebensraum wird begraben.

    Andrea Hoferichter DLF

    TÄGLICH! Nur in Deutschland! Und wer kein strammer Neonationalsozialist ist, ahnt, dass Deutschland ein auf 357qkm begrenzter Staat ist und bleibt. Da kommt nichts einfach so hinzu, weil alles wegzementiert und man doch noch bräuchte… Und wehedem, man landfräßt guten, so richtig guten, weil lebhaftesten Boden weg:

    „Also wir haben für solche fruchtbaren Böden keine Ausgleichsmaßnahmen im Grunde. Oder Sie müssen eben die Fläche eben fünfmal so groß oder dreimal so groß machen, um ein gleiches Ertragspotenzial zu haben. Und dann haben Sie auch die dreifache Belastung durch Bewirtschaftung. Vielleicht müssen Sie da auch mehr Pestizide, mehr Dünger einsetzen, um das überhaupt auf das Niveau zu heben. Also es ist unverantwortlich, einen hoch produktiven Boden zu versiegeln.“

    Volkmar Wolters nach Andrea Hoferichters DLF-Beitrag

    Begräbt man lebendig besten Boden, was man sich hierzulande freimütig als „Veredelung“ herausnimmt, dann ist er abgetötet, ermordet, tot und nicht frankensteinartig revitalisierbar – nicht mal als Monstrum.. Zur Veranschaulichung:

    Zumal sich hinter dem staubtrockenen Begriff „produktiver Boden“ eine höchst lebendige Welt verbirgt: Mikroben, Tausendfüßer und die Larven von Insekten; Asseln, Springschwänze, Milben, Regenwürmer – in einer Handvoll Erde leben mehr Organismen als Menschen auf dem Planeten. „Da gibt es so welche, die sehen fast aus wie so kleine Nilpferdbabys und so kleine Kugeltypen. Auch die Fadenwürmer, tolle Tiere. Und Einzeller, das sind zum Beispiel schöne Aufnahmen von Einzellern im Boden. Hier ist mein Nilpferdbaby, Collembole. Oder der.“

    Volkmar Wolters zeigt ein Bild von einem knallgelben Springschwanz mit Fühlern und Kugelbauch. „Der sieht doch super aus. Das sind alles Collembolen. Oder das sind Milben. Also da kann man ja nicht meckern.“

    Ebenda

    Was noch so alles im Boden wimmelt bzw. wimmeln könnte, wenn man es ließe – Scinexx-Dossier: Leben im Erdreich. Faszinierend! Aufgrund anhaltender Bodenerstörung bedarf es dringend einer neuen Bodenethik, wie sie Franz Alt schon 2019 entfaltet hat! Sonst wird aus der guten alten Erde doch noch der Planet Matsch, auf dem zeitweise Arthur Dent lebte…

    5. Ende

    Nach Trübsal auf dem Plastic Planet sollte es doch visionär werden, eine Utopie entstehen, Frohsinn ins Blog kommen… Und dann Sarkasmus hier, Misanthropie und Zynismus dort, gar ein kapitaler rant. Da habe ich mich wohl aus der narrativen Bahn geschrieben! Nein, zwar war so viel sarkastisch-misanthropischer Kommentar nicht geplant, aber auch dieser Plan zerschellte, als er mit der spätimperialen Realität kollidierte. Und so viel Entsetzen mehrfach aufkam angesichts des toxischen Erbes imperialen Strebens nach einem Platz an der Sonne Afrikas, ist das Fundament dieses Blogbeitrags ein visionäres!

    Abschnitt 1 ist mein Kronzeuge, dort zitierte Studie ist, worauf die Hoffnung ruht! Die drei schnörkellos anmutenden Säulen, auf denen das futurzweite Gebäude fußt, wirken zunächst trivial, schon weil vermeintlich altbekannt. Das lässt sie trügerisch erscheinen, denn die Hürden sind in den Folgekapiteln dokumentiert. Allein der Aufschrei, statt bloß eines Veggie Day pro Woche ein vegetableres Ernährungsleben zu führen, erschüttert diese Säule gewiss. Und auch die Umsetzungen von Zwischenfruchtfolgen wie in alten Zeiten sowie ein konstruktives Miteinander von land- wie Viehwirtschaft – ambitioniert. Und doch ist es eine anschlussfähige Utopie und keine unerreichbar raumzeitferne. Der Weg zu ihr ist ersichtlich, auf der Landkarte in die Zukunft sind die Marken gesetzt, das Handeln kann dem Denken folgen. Hin zu Planetary Health, einem Gesundheitskonzept, das erdenweit über in der Pandemie zwangsweise kennengelerntes, rein nationalstaatlich organisiertes Public Health hinausgeht. Gesundheit bestimmt sich ökosystemisch, so dass ALLE INVOLVIERTEN ins Ökosystem Erde ihre Gesundheit erhalten können – nicht auf Kosten anderer belebter Biotope. Es geht darum, durch die Lebens- einschließlich Ernährungsweise schlussendlich die planetaren Grenzen wahr- und ernstzunehmen. Neun Grenzen, zu denen ohnehin neben rein klimatischen auch die biogeochemischen des Stickstoff- wie des hier sträflichst unterschlagenen Phosphorkreislaufs gehören. Es hängt eh alles mit allem zusammen, was auch den Kurzsichtigen auffallen wird (müssen). Und die Anker-Studie hat sich aufgemacht, kontinental für Europa auszubuchstabieren, wie man bei voller, gesund erhaltener Ernährung(sversorgung) insbesondere den Stickstoffkreislauf untergrenzwertig gestalten kann. Ein nicht zu überschätzendes Verdienst!

    Ob das in 29 Jahren, nur einer Generation so fundamental umsetzbar ist, weiß ich nicht. Zwar soll bis dahin (oder gar schon 2045) selbst der CO2-Ausstoß auf null runtergefahren und neutral geworden sein, um das Niveau sodann zu stabilisieren; aber schon das harrt noch ernsthafter Umsetzung und nicht bloßer Wahlversprechen, falls diese denn gegeben wurden. Und selbst wenn oder gerade wenn der konkrete, CO2 fixierte Klimaschutz doch noch entsprechend angegangen wird, mag das auch eh schon murrende Kräfte restlos binden und Stickstoffkreisläufe geraten dann ggf. aus dem Blick. Schlecht denken ist hier also einfach, aber auch einfach fehlführend. Hinzu und letztlich entscheidend, dass sich beides diesseits der Realität nicht nur nicht ausschließt, sondern zusammenhängt, sich bei aktuellem Fortlaufen negativ verstärken würde, bei zielführendem Handeln positiv abschwächen könnte. Als frisch gekürte EvapotranspirationsexpertInnen wissen wir bereits um entgrenzte Wasserkreisläufe auf Erden, in zunehmende Trockenheit geratene Böden auch für Landwirtschaft wie in Kalifornien, allein deshalb umzuschwenken ist. Und wenn man dann schon die TITANIC vom Eisbergspitzenkurs bringt, kann man es auch gleich richtig machen und weitere Riffs umschippern. In diesem Sinne des visionär entfalteten Machbaren endet der Blogbeitrag dann doch versöhnlich…


  • Mit “psychotisch“ und „Psychotiker“ meine ich ausdrücklich nicht Betroffene mit der psychischen Erkrankung Psychose! Vielmehr in dem Sinne von Ariadne von Schirachs Diagnose einer psychotischen Gesellschaft:

    Selbstmordattentäter, Geflüchtete, populistische Präsidenten, das Klima, eine durchökonomisierte Welt. Der krisenhafte Zustand, in dem die Menschen stecken, hat viele Gründe. Er betrifft schon lange nicht mehr nur das Sichtbare, sondern reicht tief in das Unsichtbare hinein: in das Soziale, in den Umgang mit sich selbst, den anderen und der Welt.

    Ein alter (veralteter?( psychoanalytischer Sinnspruch hierzu wäre: „Für den Psychotiker ist 2 plus 2 natürlich fünf, für den Neurotiker ist 2 plus 2 zwar 4, aber es ärgert ihn.“ Oder: „Neurotiker bauen Luftschlößer, Psychotiker wohnen in ihnen.“


  • “Für dumm verkaufen nennt man Marketing, an Dumm verkaufen Vertrieb.“ So Simone Solga zum daran Ersticken trefflich.
  • Life in plastic, it’s fantastic

    I‘m a Barbie girl in a Barbie world
    Life in plastic, it’s fantastic
    You can brush my hair, undress me everywhere
    Imagination, life is your creation

    Refrain aus BARBIE GIRL von Aqua

    Hallo Mitwelt!

    Oder besser: Hallo Plastikwelt. Heute führt die Reise über eine plastifizierte Welt, einen in Plastik verpackten Planeten, überzogen von Plastik, durchdrungen von Plastik, zugrunde gerichtet von Plastik? Ein Leben in und zwischen Plastik. Ein Beitrag, der akut not-wendig wird, weil sich nur selber so nennender Homo sapiens die augenscheinlich offensichtliche Chance, seit 2009 etwas gegen den Plastic Planet durch zielgerichtetes, rationales Handeln getan zu haben, dümmlichst versäumt hat. Aber was sind schon Jahrzehnte angesichts von auch diesbezüglich exponentiellem Wachstum? Wenn man es sich nur lange ungestört genug (im Sinne von: selber noch angefeuert) entwickeln lässt, wächst es derart über einen hinaus, dass man es als Hyperobjekt wegen seiner unübersichtlichen Unüberschaubarkeit auch gleich rigoros verdrängen kann. War was?

    Doch worum geht es eigentlich? Ganz aktuell zum Schwerpunktthema in Science um den Übersichtsartikel „The global threat from plastic pollution“. Zum Reinkommen bei science.ORF.at sowie von Nadja Podbregar bei scienexx. Das Forschungsteam aus mehreren Ländern stellt kompakt zusammen, was zur Ausbreitung, zu Auswirkungen, zur Entwicklung der weltweiten Plastiklawine bekannt ist und spricht eine ausdrückliche Warnung aus, dringend notwendig sofort politisch zu handeln! Denn sonst wird es absehbar irreversibel, ist in den Auswirkungen nicht länger rückgängig zu machen, wird zum Turning Point, zum Kipppunkt in eine andere Welt!

    Plastik überall

    Als Übersicht, wie Mikroplastik die Welt vergiftet, der Artikel von Nick Reimer bei Telepolis, wo er verweisungsreich Ausformungen und Auswirkungen beschreibt.

    Doch zur Übersicht in Science und welche Problembereiche dort „skizziert“ werden – weitreichender als die Wege von Globetrottern:

    Die Autoren benennen zahlreiche Bereiche, in denen Plastik verschiedenster Art bekanntermaßen oder möglicherweise Probleme verursacht. Auf biologischer Ebene sind zum einen große Kunststoffteile gefährlich: „In einer kürzlich durchgeführten Analyse wurden 914 Arten von Meerestieren aufgelistet, die durch Verfangen oder Verschlucken betroffen sind, darunter 226 Seevogelarten, 86 Meeressäugetierarten, alle Arten von Meeresschildkröten und 430 Fischarten“, berichten die Forscher. Neben diesen oft unmittelbar tödlichen Folgen wurde auch nachgewiesen, dass sich Mikroplastik im Körper von Lebewesen anreichert – mit bislang noch nicht vollständig absehbaren Konsequenzen.

    Denkbar seien zudem geochemische und geophysikalische Auswirkungen. Die Forscher halten es für möglich, dass die Plastikverschmutzung globale Kohlenstoffkreisläufe beeinflusst. Beispielsweise könnte Mikroplastik im Meer die dort lebenden Cyanobakterien und Mikroalgen beeinträchtigen, die daraufhin weniger Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre binden. Statt also in marine Nahrungsnetze einzufließen, würde dieser Kohlenstoff in der Atmosphäre bleiben und den Klimawandel verschärfen. Gleichzeitig würde in Plastik gebundenes, nicht für biologische Organismen verwertbarer Kohlenstoff auf den Meeresgrund sinken und sich im Sediment anreichern. Bei der langsamen Zersetzung dieser Plastikablagerungen könnten zudem Substanzen entstehen, die eine toxische Wirkung entfalten.

    Nadja Podbregar bei scinexx.de

    Ja aber, das ist doch fern und passiert außerhalb von mir! Ja aber – NÖ! Die Wege des Plastiks sind unergründlich oder zumindest derart vielwegig, dass das Plastik noch immer seinen Weg findet:

    Aus den Böden ist der Weg in unseren Körper programmiert: Pflanzen nehmen nicht nur Nährstoffe auf, sondern auch Mikroplastik. Dienen die Pflanzen als Tierfutter reichern sie sich im Schwein oder im Rind an und gelangen dann auf unseren Tisch.

    Nick Reimer bei Telepolis

    Veganer sparen sich zwar den Umweg Tottier, aber selbst ihre Pflänzchen sind nicht mehr unschuldig rein, was heißt, dass die Nahrung als Hort der Freiheit von Plastik ausscheidet. Falls du also freiheitsliebend bist, bist du in deiner Freiheit von Plastik ungemein eingeschränkt und seist daher motiviert, dir die Freiheit zurückzuholen! Bei Bedarf lebt es sich freilich auch in einem plastikharten Gehäuse der Hörigkeit.

    Um welche Mengen geht es? Stand 2016 um 9 bis 23 Millionen Tonnen Plastik als Eintrag in Seen, Flüsse und Ozeane, in die Ökosysteme an Land wiederum seien 2016 etwa 13 bis 25 Millionen Tonnen gelangt, in Summe also Minimum 22 bis Maximum 48 Millionen Tonnen. Die Spannbreite ist zugegeben ziemlich groß, die Amplitude beträgt immerhin stolze 26 Millionen Tonnen, maximal also mehr als das Doppelte des Minimum. Wer dazu neigt, kann es sich also schönrechnen, wenn man eine solche Dyskalkulie beschönigend so nennen sollte. Das, nur am Rande notiert, ist ohnehin so ein merkwürdiger Auswuchs des Homo sapiens, bei eventuellen Problemlagen sich selbstpassivierend am Minimum zu orientieren und das spontan – ohne Grund – als „nur kleines Problem“ (Wortwahl ehemaligen Freundes) zu verklären. Das Minimum kann (pauschal einfach so) ja noch kein Problem sein, denn erst das Maximum wäre es. Und dass man nachweislich schon beim Maximum angelangt ist, ist noch offen; deshalb nur mal ruhigbleiben und Folgeuntersuchungen abwarten, bis dahin man anderswo hinguckt…

    Der Beitrag geht noch weiter und schätzt ab, wohin das in Bälde geführt haben wird. Demnach ist zu erwarten, dass die Plastifizierung zunimmt und wir in den 9 Jahren von 2016 bis 2025 eine Verdoppelung des Eintrags zu Wasser wie zu Lande zustande bringen. Das hieße, dass wir in kaum 4 Jahren das neue Minimum bei schon 44 Millionen Tonnen anzusetzen hätten, was dem Maximum von 2016 erschreckend nahegekommen wäre. Das Maximum mit möglichen 96 Millionen Tonnen kurz vor dreistellig. NOCH im Konjunktiv gesprochen, da ergo noch volle vier Jahre des Handelns in ein Futurzwei hinein möglich sind. Also nur fleißig die Gelbe oder gar Wertstoff-Tonne bestücken und das anfallende Plastik sauber vom Restmüll scheiden, dann wird schon alles recycelt und somit gut – nicht wahr? Tagträumereien sind erlaubt, kippen aber zu schnell ins Psychotische, dass man sich gemütlich in den Luftschlössern einnistet, die man für so gut erbaut hält, wie man sie sich ausgedacht hat. Denn:

    „Plastik ist tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, und es sickert überall in die Umwelt, selbst in Ländern mit einer guten Infrastruktur für die Abfallbehandlung“, sagt Matthew MacLeod von der Universität Stockholm. Die Emissionen nähmen zu, obwohl das Bewusstsein für Plastikverschmutzung in Wissenschaft und Öffentlichkeit in den letzten Jahren deutlich gestiegen sei.

    […]

    „Technologisch gesehen hat das Recycling von Plastik viele Einschränkungen, und Länder, die über eine gute Infrastruktur verfügen, exportieren ihren Plastikmüll in Länder mit schlechteren Einrichtungen.“ Zudem gebe es ein grundsätzliches Problem mit biologisch nicht abbaubaren Materialien. [Mine] Tekman fordert daher drastische Maßnahmen, wie etwa ein Verbot des Exports von Kunststoffabfällen – es sei denn, dieser erfolge in Länder mit entwickelter Recycling-Infrastruktur.

    science.ORF.at

    Das Bewusstsein, des Homo sapiens‘ größter (oder einziger) Stolz, nimmt seit Jahren rapide zu, man spricht zunehmend darüber, um bisher noch nahezu nichts den Worten Taten folgen zu lassen. Denn Obacht: seit 2016 sind schon 5 der 9 Jahre vergangen und gut die Hälfte der Exponentialzeit vergangen. Oder wenn doch „gehandelt“ worden ist, dann nur in solch homöopathischer Dosierung, dass es den Handlungsüberzeugungen vieler Politiker und Bürger*innen nach eine wirksame Soziale Homöopathie zu geben scheint. Wenn man den Wirkungsgrad des Präparats/der Handlung nur genügend potenziert =verdünnt, dann reicht der Glaube an die reaktante Wirkmächtigkeit aus bzw. muss es wohl. Ein paar Plastiktütchen beim Einkauf eingespart und alles ist gut, während man auf die Tastatur aus Plastik eintippt, das plastikummantelte Smartphone streichelt, sich die mikroplastifizierte Seife an die Finger schmiert, mit Plastikabrieb an den Reifen durch die Gegend braust, die Plastikhüllen der BluRays gewissenhaft entstaubt und neusortiert, mit der Plastikgießkanne engagiert die Balkonpflanzen wässert und sich sodann erschöpft auf die Plastikstühle setzt, um sich durch einen Plastikhalm ein Kaltgetränk aus Plastikflasche zu gönnen, bevor man sich für das in Plastikhüllen für längere Haltbarkeit gesteckte Kartenspiel mental vorbereitet. Diese Aufzählung ist unvollständig!

    Daher ein paar Schlaglichter, wo du noch Plastik im Dunkeln wie bei Lichte begegnen kannst:

    Alltagsplastikmüll

    Schlechte Laune? Dann kann ich passend dazu noch folgende Studien anbieten, die konkreter auf die Art des Plastiks und dessen Auswirkstoffe eingehen.

    Abgelegene Gegenden sind besonders von Plastikmüll bedroht, wie Annika Jahnke vom UFZ erklärt, denn dort könne Plastikmüll nicht durch Aufräumarbeiten entfernt werden. Auch führe die Verwitterung großer Plastikteile unweigerlich zur Entstehung von Mikro- und Nanoplastikpartikeln sowie zur Auswaschung von Chemikalien, die dem Plastik zugesetzt wurden.

    science.ORF.at

    Chemikalien? Nicht nur die eigentlichen Plastikbestandteile, mit denen man klarkommen muss? Beginnen wir mit einer in “Science“ im Februar dieses Jahres erschienenen Studie: „Chemicals of concern in plastic toys“ (Nadja Podbregar in scienexx). Zur bekannten(!) Problemlage:

    Das Problem ist nicht neu: Damit Kunststoffe elastisch bleiben, sich nicht so leicht entzünden oder eine spezielle Konsistenz bekommen, werden ihnen zahlreiche Chemikalien zugesetzt – darunter Weichmacher, Flammschutzmittel und Stabilisatoren. Doch viele dieser Substanzen haben sich als gesundheitsschädlich erwiesen. So könnenWeichmacher und ihr Zusatzstoff Bisphenol A eine hormonähnliche Wirkung entfalten, Übergewicht begünstigen undAsthma fördern. Flammschutzmittel können ebenfalls den Hormonstoffwechsel stören und einige gelten als krebserregend.scinexx

    Konkret nun geschaut, wie es um Plastikspielzeug für Kinder bestellt ist, die noch damit umzugehen wissen, es ständig in Händen halten, ggf. in den Mund nehmen, sprich in Kontakt kommen. Weich- und Hartplastikspielzeuge wurden nun auf 419 Chemikalien gescannt, welche A) überhaupt enthalten sind, B) welche Auswirkungen ihnen zugeschrieben werden und C) wieviel sich in den Spielkindern wiederfindet. Zu der Literatur und den Angaben von Herstellern und Laboren entnommener Daten haben die Forscher*innen auch das Spielverhalten und die Spieldauer versucht einzupreisen. So ließ sich modellieren, wie hoch die Belastung für die Kinder wird und welche Referenzwerte als vertretbar demgegenüber angesehen werden.

    Das Ergebnis: „Von den 419 Chemikalien, die in dem Hartplastik, Weichplastik und Schaumstoff von Kinderspielzeug enthalten sind, haben wir 126 Substanzen identifiziert, die die Gesundheit der Kinder potenziell schädigen könnten – weil sie krebserregend sind oder auf andere Weise“, berichtet Aurisanos Kollege Peter Fantke. Als potenziell schädlich stuften er und sein Team Konzentrationen ein, die die Richtwerte oder die offiziellen Risiko-Schwellen für eine krebserregende Wirkung überschritten.

    Unter den potenziell schädlichen Inhaltsstoffen waren 31 Weichmacher, 18 Flammschutzmittel und acht Duftstoffe. Die Konzentrationen der einzelnen Chemikalien waren dabei je nach Plastikmaterial sehr unterschiedlich und differierten bei verschiedenen Spielzeugen um mehrere Größenordnungen. So war der Weichmacher Diisodecylphthalat (DiDP) in Weichplastik in Anteilen zwischen 0,003 und 30 Prozent enthalten, wie die Forscher berichten.

    scinexx

    Ach ganz einfach, nämlich einfach diese detektierten Chemikalien des Bösen ersetzen durch ganz sicher unbedenkliche. Doch, ach weh:

    Allerdings: Unter den Chemikalien, die Kinder über das Spielzeug in potenziell bedenklichen Mengen aufnehmen könnten, waren auch einige dieser vermeintlich gesünderen Ersatzstoffe. Unter diesen haben die Forscher ebenfalls einige identifiziert, die zu einer Gesundheitsbelastung führen könnten. Darunter sind die Weichmacher TIXB und ATBC. Letzteres wird vor allem in Plastikgeschirr oder Folien aus PVC eingesetzt.

    scinexx

    Ganz wichtig für Praktiker, die dennoch nicht auf Plastik verzichten wollen, dass das Gros der Gefahrstoffe durch Ausdünstung aus dem Plastik entweicht, bedeutend weniger über tatsächlichen direkten Hautkontakt übergeht. Vermute daher mal, dass es insbesondere irre ist, wenn Plastik direktem Sonnenlicht ausgesetzt wird, es förmlich in durchs Fenster scheinenden Sommersonne mal so richtig durchglüht, damit vor allem Weichplastik dann ordentlich abgibt. Und bedenkt man, dass Kinder hierzulande IM SCHNITT achtzehn Kilogramm Plastikspielzeug besitzen, dann ist das Ausdünstungspotenzial gewaltig. Äh….allein meine Dinosaurier-Figuren AUS PLASTIK O_o

    In “Environmental Science & Technology“ – schon 2019 – erschienen ist die Studie: „Benchmarking the in Vitro Toxicity and Chemical Composition of Plastic Consumer Products” (Daniela Albat in scinexx). Zu den bereits angedeuteten Kenntnisnahmen diverser Auswirkungen kommt noch hinzu:

    Doch das ist noch nicht alles: Je nach Typ und Anwendung werden Plastik bei der Herstellung zahlreiche weitere Zusatzstoffe wie Stabilisatoren und Farbstoffe beigesetzt. Außerdem entstehen während der Produktion viele Neben- oder Abbauprodukte. „In dem komplexen Herstellungsprozess von Kunststoffen entsteht ein regelrechter Cocktail an Substanzen, von denen wir einen Großteil überhaupt nicht kennen“, erklärt Carolin Völker vom Institut für sozial-ökologische Forschung in Frankfurt am Main.

    scinexx

    Daher haben die Forscher*innen 34 Alltagsprodukte aus Kunststoff unter die Lupe genommen, so Joghurtbecher, Mehrwegtrinkflaschen, Gefrierbeutel und Shampoo-Behälter. Acht verschiedene Kunststofftypen haben diese Produkte ausgemacht, u.a. PET, PVC und Polyurethan (PUR). Im labor hat man die Produkte in die einzelnen fraglichen Substanzen zerlegt, auf Anteil, genaue Zusammensetzung geprüft und abgeglichen mit Referenzmengen sowie an Zellkulturen deren Schädlichkeit abgeschätzt.

    Das Ergebnis: Insgesamt wies Zimmermanns Team in den Proben 1.411 chemische Substanzen nach. In einzelnen Produkten waren dabei sogar mehr als hundert unterschiedliche Chemikalien enthalten. Entscheidend aber ist folgender Befund: „Wir fanden in drei von vier getesteten Produkten schädliche Substanzen“, berichtet Zimmermann. Diese Produkte enthielten demnach Chemikalien, die mindestens eine der untersuchten negativen Auswirkungen hatten – sie wirkten zum Beispiel toxisch auf Zellen, lösten oxidativen Stress aus oder riefen hormonähnliche Effekte hervor.

    Die größte Anzahl an Chemikalien mit den im Schnitt bedenklichsten Wirkungen fanden sich den Auswertungen zufolge in den Plastiktypen PVC und PUR. Und: Sogar als Bioplastik vermarktete Kunststoffe enthielten in allen Fällen schädliche Chemikalien. Auch diese vermeintlich „grünen“ Alternativen können also möglicherweise negative Gesundheitseffekte entfalten, wie die Forscher berichten.

    scinexx

    Da verwundert es fast gar nicht mehr, wenn man bei all dem Wust von 1.400 Substanzen bloß 260 zweifelsfrei identifizieren konnte; der Rest ist nicht näher bekannt, wurde nur schon mal vorsorglich von der Plastikindustrie eingebaut. „Was man nicht weiß, macht niemanden heiß.“

    Sodann noch zur erneut in “Environmental Science & Technology“ erschienene Studie: „Deep Dive into Plastic Monomers, Additives, and Processing Aids” (science.ORF.at): Blieb in voriger Studie noch kritikwürdig, dass man – als wäre das die Schuld und das Problem der Forschenden – das Gros der detektierten Chemikalien eben nicht auf Gefährlichkeit hin hat abklären können, wird nun auch klar warum. Jetzige Forscher*innengruppe hat nämlich 190 öffentlich zugängliche Verzeichnisse aus Forschung, Industrie und Behörden durchforstet und bloß in 60 davon, keinem Drittel ausreichende Informationen über Zusätze in Plastik vorfinden können. D.h., Augen zu und durch das bisherige Lebensmotto von AUFSICHTS-Behörden und verkaufender Konsumindustrie. Und trotzdem ist festzuhalten:

    Die Forschenden stießen in ihrer Detektivarbeit auf 10.500 Chemikalien in Plastik, die etwa in Verpackungen, Textilien und Spielzeugen eingesetzt werden, wie die ETH Zürich am Dienstag mitteilte. 24 Prozent davon stuften sie als potenziell besorgniserregend ein. „Das bedeutet, dass knapp ein Viertel aller Chemikalien in Plastik entweder nicht abbaubar sind, sich in Organismen anreichern oder toxisch sind. Häufig sind diese Stoffe für Wasserlebewesen giftig, verursachen Krebs oder schädigen bestimmte Zielorgane“, so Wiesinger.

    Etwa die Hälfte der bedenklichen Stoffe sind in den USA, der EU und in Japan nicht reguliert. Hingegen sind 901 gefährliche Substanzen in diesen Regionen für die Verwendung in Kunststoffen mit Lebensmittelkontakt zugelassen. Und für zehn Prozent dieser Substanzen würden wissenschaftliche Studien fehlen. Zudem seien die erfassten Gefahrendaten oft begrenzt, sagte Mitautor Zhanyun Wang: „Für 4.100 oder 39 Prozent aller von uns identifizierten Stoffe fehlen noch Gefahrklassifikationen.“ Er weist deshalb darauf hin, dass noch mehr Plastikchemikalien problematisch sein könnten.

    science.ORF.at

    Noch Fragen? Keine Fragen mehr Euer Ehren!

    Das Ende

    MacLeod kommt zu dem Schluss: „Die Kosten, die entstehen, wenn man die Anhäufung von langlebiger Plastikverschmutzung in der Umwelt ignoriert, könnten enorm sein. Das Vernünftigste, was wir tun können, ist, so schnell wie möglich zu handeln, um den Eintrag von Plastik in die Umwelt zu reduzieren.“

    science.ORF.at

    Eigentlich nichts mehr weiter dazu zu sagen. Zum Glück gibt es Vorbilder für ein Lernen am Modell, um angeregt und inspiriert zu werden, wie man es noch so kleinschrittig im eigenen Alltag besser machen kann, indem man Plastik IMMERMÖGLICH weglässt! Klick dich daher mal bei Wasteland Rebel Shia Su durchs Blog. Leider hat sie seit Corona kaum noch veröffentlicht, aber alles Vorige bleibt einsehbar und hilft weiter. Zugegeben, ein Quantensprung an hilfreicher Nützlichkeit wäre ein UN-Verpacktladen nebenan, wodurch man beim regulären Lebensmitteleinkauf das Gros an UNNÖTIGER Umverpackung sich ersparen könnte. So sind die vielfach nur als Werbetafeln „nötigen“ Umverpackungen nur Material für die Aufdrucke, meistens – nicht nur bei Chips – viel zu groß für das verkaufte Volumen. Aber für den Schein muss es größer wirken, als die inneren Werte dann tatsächlich sind. Es gibt immerhin Alternativen für vielerlei des Alltags, um bspw. bei Zahnpasta das umverpackende Plastik wie enthaltende Mikroplastik zu vermeiden. Doch es fehlt an den Strukturen, die so etwas gezielt anbieten, damit man nicht wiederum kartonverpackungsreich übers Internet bestellen zu müssen.

    Achja, doch noch das eine: der grässliche, dennoch kindheitserinnerte Song Barbie Girl lügt natürlich oder will ironisch bis sarkastisch sein: „life in plastic, it’s fantastic“ wäre nichts als ein fataler Selbstbetrug. Oder es ist die Fortführung von “Gestern war die Zukunft“, wie man sich selbst das Wohnen in Plastik, Gebäuden aus Plastik vorgestellt hat. Wie suizidal…

    EDIT am 04.07.: Link in Auflistung betriebsfähig gemacht und ein paar Vertipper korrigiert; inhaltlich und am Text nichts verändert

    EDIT vom 04.12.2021: LOL!!! Hatte – von den leserschaftsmassen unbemerkt 😛 – statt Wertstoff- Rohstoff-Tonne geschrieben :-D. Drolliger Vertipperfreud. Wenn denn der Werstofftonneninhalt mal so wirklich Rohstoffquelle wäre…

    Vom Wasser, dem leben und dem ganzen Rest

    Hallo Mitwelt!

    Nach nun einigen Tagen, gefühlt einer Woche erst ansteigender, dann stehender, sodann schwüler Hitze hat es sich beimirzulande über Nacht von Samstag auf Sonntag schwer gewittrig entladen und der Himmel mal alles rausgelassen, was sich aufgestaut hatte. Zunächst also schwitzendes Verdunsten en masse, um es dann auf Heller und Pfennig von oben über Gebühr zurück zu bekommen. Eine wechselhafte Klimatische Wasserbilanz… Grund genug, sich eines Artikels zu erinnern, wo es genau um dieses feuchte Geben und nehmen gegangen ist, das aber auf globaler Ebene mit meteorologischer Perspektive geblickt.

    Evapo- und -transpiration – Begriffsklärungen

    Bevor es im nächsten Abschnitt aufs Eigentliche kommt, müssen wir uns hier zunächst mehr als nur einen Deut um relevante Begriffe kümmern, ohne die das Thema unergründlich bleibt. Es geht um Verdunstung, die wir Menschen zur Zeit tüchtig als Schwitzen durchleben, womit sich aber auch die umgebende Mitwelt herumschlagen muss.

    Erster meteorologischer Begriff hierbei ist die Evaporation und meint „die Verdunstung von Wasser auf unbewachsenen bzw. freien Land- oder Wasserflächen“. Ausdrücklich geht es hier um unbelebte Flächen, die durch Verdunstung Wasser an die Luft abgeben. Gemäß der Penman-Formel lässt sich annäherungsweise die von hier ausgehende Verdunstungsrate (Millimeter pro Tag) abschätzen, drei Faktoren sind zu berücksichtigen:

    • Energielieferanten in Form von Strahlungsquellen (Sonne) und Erdwärme,
    • die Windgeschwindigkeit,
    • die Luftfeuchtigkeit, vertreten durch das Sättigungsdefizit.

    So schätzt man also die potenzielle Verdunstung ab und setzt sie ins Verhältnis zur aktuellen /realen, sprich tatsächlich gemessenen Verdunstung. Diese ist dabei kleiner oder gleichgroß jener.

    Nun gibt es zumindest auf Generationsraumschiff Erde auch noch inmitten der Biosphäre vielfältige Lebewesen, Pflanzen (Flora) wie Tiere (Fauna), die je per Transpiration zur lokalen Verdunstung beitragen. Definitorisch sind Tiere nachrangig, denn es geht zunächst um die Verdunstung durch Pflanzen. Unterschieden nach solcher, die A) durch die regulierbaren Spaltöffnungen der Blätter, den Stomata erfolgt (stomatäre Transpiration), sowie B) über die übrige Außenhaut der Blätter, die Cuticula (cuticuläre Transpiration). Lebart der Pflanze, Temperatur, Wasserverfügbarkeit, Lichtintensität, Windgeschwindigkeit sowie atmosphärische Feuchte sind wirkmächtige Umweltfaktoren, die es einzupreisen gilt.

    Für Tiere einschließlich Homo neurotis spricht man bekanntlich von Diaphorese bzw. Hidrosis, umgangssprachlich Schweiß, der fließt, als Hyperhidrose zu viel, als Hypo-/Anhidrose zu wenig. Floras und Faunas Feuchtigkeitsabgabe an die Umgebung innerhalb bekannter Umweltfaktoren und Zeitspanne ergibt die Transpirationsrate, die genauer benannt abhängig ist von

    • den Umgebungsbedingungen (Temperatur, Feuchte, Luftgeschwindigkeit, Sonneneinstrahlung),
    • der Anatomie des Lebewesens (ein Reptil mit trockener, dichter Haut hat z. B. eine geringere Transpirationsrate als ein Lurch mit seiner dünnen, feuchten Haut),
    • dem Stoffwechsel (intensive Körperaktivität erhöht die Kerntemperatur, die bei höherer Außentemperatur durch vermehrte Transpiration wieder reduziert werden muss),
    • psychischen Faktoren („Angstschweiß“).

    Nimmt man nun zwei in eins beides zusammen, die unbelebte Evaporation und die belebte Transpiration, dann erhält man innovativerweise Evapotranspiration. Und die hierbei einwirkenden Faktoren sind als Summe vorgenannter Summanden auch vorhersehbar:

    • Wassergehalt des Bodens,
    • Intensität (Biomasse, Produktion) und Artengefüge (manche Pflanzen verdunsten mehr als andere) der Vegetation,
    • Bedeckung des Bodens und Sonneneinstrahlung,
    • Luftfeuchtigkeit,
    • Temperatur der Erd- bzw. Wasseroberfläche
    • Temperatur der bodennahen Luftschichten,
    • Windgeschwindigkeit an der Erdoberfläche

    Doch wie lässt sich das denn ermitteln? Insbesondere für Pflanzen mittels einer Transpirationswaage, auf die man buchstäblich transpirierende Pflanzenteile legt, zum Ausschluss von Wind und Co möglichst unter einer abschirmenden Glocke, um nach einer festgelegten Weile das Plus an Wasser in der umglockten Luft zu messen. Das Ergebnis abzüglich des Wertes einer Vorabmessung ergibt dann die Transpirationsrate eines bestimmten Pflanzenteils / einer Pflanze, was man dann für alle Pflanzen(teile) dieser Art auf einer bestimmten Fläche hochrechnen kann. Nicht so kleinteilig, sondern hochskaliert verwendet man dann sogenannte Atmo- oder anverwandte Evaporimeter, um im großen Stil der Evapotranspiration auf die Schliche zu kommen. Schlussendlich geht es darum eine Klimatische Wasserbilanz für ganze Landstriche, Regionen, Kontinente oder gar die Welt insgesamt zu erstellen. Ein Ergebnis davon wäre der Ariditäts- / Trockenheitsindex, an den orientiert man Klimazonen kartografieren kann:

    • Humides =feuchtes, nasses Klimat, wo der Niederschlag größer als die mögliche Verdunstung und eine hohe Luftfeuchtigkeit die Folge ist;
    • semihumides Klimat, wo im jährlichen Mittel von mehr als sechs Monaten der Niederschlag die Verdunstung übersteigt, humides Klimat also vorherrscht, in der restlichen Zeit jedoch nicht;
    • semiarides =halbtrockenes Klimat als Gegenstück zur Semihumidität. Hier herrscht mehrzeitlich trockenes Klima vor, sprich die Verdunstung übersteigt den Niederschlag in mehr als sechs Monaten im Jahr;
    • (voll)arides Klimat, wo im 30jährigen Mittel die Verdunstung den Niederschlag ganzjährig übersteigt oder/und keine Abflüsse von Flüssen oder Seen ins Meer bestehen (endorheisch). Wüsten allen voran die Atacama die Prachtbeispiele hierfür.

    Evapotranspiration global – die Studie

    Soweit in erster (grobschlächtiger) Orientierung (oder in reaktivierter Erinnerung einstmaliger Erdkundestunden) zu einigen wichtigen Begriffen, die den lokalen, regionalen bis globalen Wasserhaushalt im Wechselspiel von un-/belebten Verdunstungen und Niederschlägen ausmachen. Mit diesem Rüstzeug schweißtreibenden Schrittes zu einer aktuell in Nature publizierten Studie (nach Nadja Podbregar in Scinexx).

    NASA-Mitarbeiter*innen konnten mithilfe von Satellitenmissionen von GRACE sowie GRACE-FO, die regelmäßig das Schwerefeld der Erde vermessen, die globale Massenverteilung des Wassers in seinem eisfesten, wasserflüssigen und luftfeuchtgasförmigen Zustand genauer bestimmen, indem sie sozusagen gravitative Täler und Berge kartografieren konnten. Das Ergebnis:

    Die Auswertungen ergaben: Seit 2003 hat sich die Evapotranspiration von rund 405 Millimeter pro Jahr auf 444 Millimeter pro Jahr im Jahr 2019 erhöht. Das entspricht einer Zunahme von rund zehn Prozent gegenüber dem langjährigen globalen Mittelwert. „Dieses Ausmaß der Evaporations-Zunahme hat uns wirklich erstaunt“, sagt Reager. Das sei fast doppelt so viel wie aufgrund von früheren Schätzungen und Modellen erwartet.

    Damit ist global ersichtlich, was in Australien, Kalifornien und anderswo zunehends zu sehen ist:

    „Das ist ein deutliches Signal, dass der Wasserkreislauf unseres Planeten sich verändert“, betont das Forschungsteam. „Ein zehnprozentiger Anstieg der Evapotranspiration repräsentiert einen vermehrten Wasserverlust der Landflächen – und das hat potenzielle Auswirkungen auf die Wasserressourcen, auf das Klima und die Landwirtschaft.“ Denn durch die verstärkte Verdunstung trocknen Böden schneller aus und regenarme Phasen können so leichter zu Dürren führen.

    Für die Vegetation kann eine verstärkte Transpiration ebenfalls ein höheres Risiko der Austrocknung bedeuten. Schon jetzt belegen Messungen aus dem Amazonas-Gebiet, , dass die Luft über dem Regenwald in den letzten 20 Jahren messbar trockener geworden ist, wodurch weniger Niederschlag fällt. Einige andere Tropenwaldregionen erleben immer häufiger Phasen, in denen sie wegen verringerten Wachstums und Trockenstress mehr Kohlendioxid abgeben als sie aufnehmen.

    Des Pudels Kern der anthropogene Klimawandel als auch in dieser Hinsicht ausgewachsene nicht mehr nur Klima-, sondern auch Wasserkreislaufkrise. Diese Krise führt zu Wasserkonflikten und mag so zentrale Ursache für das sein, worauf es in “Klimakriege“ von Harald Welzer hinausläuft, eine multifaktorielle Systemkrise globalen Ausmaßes.

    Umverteilung von unten und Bilanzierung der Energie

    Wer im Übrigen ingrimmig rätselt, ob das Ausrufen des Zeitalters des Menschen, Anthropozän, voreilig erfolgt sei und nicht doch noch mehrere Entings abzuwarten seien: aufgrund besagter Massen-UM-verteilungen des aggregierenden Wassers mit steter Abnahme an den vereisten Polen, austrocknender Oberflächengewässer und studienberwiesener Zunahme in Luft aufgelösten Wasserdampfes hat es der Mensch unbeabsichtigt, aber selbbstverschuldet hinbekommen, dass sich die Erdachse verschiebt! Der Mensch als weltenrüttelnde Wirkmacht. Der alte Witz unter Ökologischen bleibt unlustig aktuell: Treffen sich zwei Erden, sagt die eine zur anderen: „Ich habe Fieber.“ „Wieso das denn?“ „Menschen.“ „Die habe ich auch, gehen vorüber.“

    Zurück zur Studie:

    Es zeigte sich: Seit Mitte der 1990er Jahre hat sich die Polwanderung deutlich verändert. Ihre Richtung wechselte von eher südlich auf östlich, gleichzeitig nahm das Tempo der Poldrift um das 17-Fache zu. „Überraschenderweise wird dieser Wechsel aber weder vom isostatischen Ausgleich der Eiszeit noch von der Mantelkonvektion verursacht“, berichten Deng und ihr Team. Auch die Einflüsse von Ozeanen und Atmosphäre erklären die beobachteten Veränderungen nicht vollständig.

    Erneut mit Rückgriff auf die GRACE- und GRACE-FO-Satellitenmissionen, die sich jetzt schon ausgezahlt, weil den Täter Mensch überführt haben, hat sich erwiesen:

    „Die terrestrische Wasserverteilung hatte zwar schon vor den 1990ern einen leichten Einfluss auf die Polwanderung, aber seither treibt sie die Poldrift mit einer mittleren Rate von 3,26 Millimetern pro Jahr Richtung Osten“, berichten Deng und ihre Kollegen. Als größten Einflussfaktor identifizieren sie dabei den Verlust großer Eismassen durch die globale Erwärmung. Weil dadurch vor allem in der Arktis Eis verloren geht, hat sich die Wasserverteilung der Erde und damit auch die Massenbalance verschoben.

    Und noch fundamentaler geblickt, worauf – wieso auch immer nur – in einer kurzen Mitteilung auf SPON hinweist, hier zur Studie in “Geophysical Research Letters“:

    Das Klima auf der Erde hängt unter anderem davon ab, wie viel Wärmestrahlung der Sonne die Atmosphäre, Böden und Ozeane aufnehmen und wie viel als thermische Strahlung zurück ins All abgegeben wird. »Ein positives Energieungleichgewicht bedeutet, dass das Erdsystem Energie dazugewinnt, wodurch sich der Planet aufheizt«, schreibt die NASA. Dieses positive Ungleichgewicht war 2019 fast doppelt so groß wie noch 2005.

    […]

    Höhere Mengen Treibhausgase in der Atmosphäre verringern zunehmend die Wärmestrahlung, die die Erde zurück ins All geben kann. Die dadurch vorangetriebene Erwärmung der Erde begünstigt wiederum die Eisschmelze und beeinflusst die Wolkenbildung, was sich ebenfalls aufs Klima auswirkt. Seit 2005 hat die Menge an Treibhausgasen wie Kohlendioxid (CO₂) und Methan in der Atmosphäre weiter zugenommen.

    Du erahnst die sich gegenseitig verstärkenden Kreisläufe, weshalb man von Treibhaus und wieso man von Kipppunkten spricht, die einmal genommen zu unwiderruflichen Zuständen führen? Halt mal händeweise Steine ins Wasser geworfen ohne Sinn und Verstand und nun schwer am Staunen, was das so für Kreise zieht. Mensch…

    Am Beispiel: Kalifornien evapotranspiriert und brennt

    USA, Kalifornien, größter Bundesstaat und, wäre er eigenständig, einer der wirtschaftlich größten der Welt, agrarische „Kornkammer“ der USA. Doch, wie am 01.06. Tomasz Konicz auf Telepolis berichtet:

    Die Schneeschmelze in den Bergen der Sierra Nevada, dem „verschneiten Gebirgszug“ Kaliforniens, bildet eine der wichtigsten Wasserquellen des westlichen Bundeslandes der Vereinigten Staaten. Doch dieses Jahr scheint die alljährliche, im Frühling einsetzende Wasserzufuhr gänzlich auszubleiben[…]

    Zwar erreichte die Schneedecke in diesem Jahr nur 59 Prozent des langjährigen Durchschnittswertes, doch hofften die Hydrologen des Bundesstaates, in dem sich eines der wichtigsten landwirtschaftlichen Anbaugebiete der USA befindet, dass die Schneeschmelze dennoch die Wasserreservoirs zumindest etwas auffüllen werde. Doch dem war nicht so: Das im Frühjahr in der Sierra sich bildende Schmelzwasser kam zumeist gar nicht mehr an den Gebirgsausläufern an, da es sofort in der ausgedörrten Erde versickerte, oder in der trockenen, warmen Luft verdunstete.

    Als ad hoc gewordene Verdunstungsexperten werden wir da sofort hellhörig, wenn da unübersehbare evapotranspirierende Effekte geschildert werden. Kalifornien als Brennglas solcher Einflüsse? Doch wie ausgeprägt ist das Übel schon?

    Wenn der Schnee der Sierra „im Boden versickert oder verdunstet, bevor er in die Reservoirs flussabwärts fließen“ könne, dann sei klar, dass Kalifornien sich wieder in einer schweren Dürre befinde, erläuterte die Los Angeles Times. Dabei sieht sich nahezu der gesamte Westen der Vereinigten Staaten seit Jahren mit einer schweren Trockenperiode konfrontiert.

    Die New York Times (NYT) berichtete Mitte Mai unter Verweis auf den entsprechenden Überwachungsdienst, den United States Drought Monitor, dass 84 Prozent des Westens der USA einen mehr oder minder stark ausgeprägten Wassermangel erfahren. Knapp die Hälfte des Westens sei gar von einer „schweren oder extremen“ Dürre betroffen. In Kalifornien sei die Lage nochmals dramatischer, hier fielen 73 Prozent der Fläche in diese beiden Kategorien.

    Der ausgetrocknete Boden verhalte sich wie ein Schwamm, der nichts mehr halten kann, sondern in den alles versickert. Grund hierfür eine Halbdekade an vorangegangener Trockenheit (2012-2016), die noch nachwirkt und von der sich Boden und Vegetation nicht hatten erholen können. Vegetative Reste sind so ausgezehrt, nicht mehr widerstandsfähig oder gar zäh, dass sich sogar die Feuersaison von Spätsommer in dem Mai verfrüht und ergo umso heftiger wütet und Frühlingssprößlinge an Pflanzen verbrennt, bevor sie richtig wurzeln können.

    Fest steht schon jetzt: Besonders hart wird die Landwirtschaft Kaliforniens von der Klimakrise getroffen, die gleich von zwei Seiten in die Zange genommen wird. Zum einen führt das ausblendende Schmelzwasser dazu, dass nur fünf Prozent des nachgefragten Nutzwassers geliefert werden können. Hinzu kommen die Folgen der übermäßigen Grundwasserentnahme durch die profitorientierte Agrarindustrie in den vergangenen Jahrzehnten, was zum Austrocknen vieler Brunnen führte. Inzwischen sinken Teile des Landes immer tiefer ab, weil die durch den Wasserraubbau entstandenen, unterirdischen Hohlräume einbrechen. Mitunter sind Straßen, Brücken undganze Städte betroffen.

    Und darüber hinaus auch die gesamte USA, nämlich weil der Ernährungssektor vielfältig abhängt von den Produktionen im Sonnenscheinstaat:

    Während der mittlere Westen aufgrund des dort vorherrschenden Getreide- und Maisanbaus als der Brotkorb der Vereinigten Staaten gilt, kann Kalifornien als deren Obst- und Gemüsegarten bezeichnet werden. Der Sonnenstaat ist für ein Drittel der Gemüse- und sogar zwei Drittel der Obstproduktion in den USA verantwortlich. Doch damit wird es in naher Zukunft ein Ende haben, was zur Verteuerung gesunder Lebensmittel zwischen New York und Los Angeles beitragen dürfte.

    Sprich, die Auswirkungen der sich evapotranspirierenden Klimakrise reichen bis in das Ernährungsangebot der US-Amerikaner*innen, für die Obst und Gemüse demnach zunehmend eine Preis- und somit soziale Frage sein wird, ob man es sich wird leisten können, Obst und Gemüse und somit gesund zu essen. Gelinkter Artikel von Tomasz Konicz geht noch weit über die Zitate hinaus und verdeutlicht die klimaprekäre Lage erschreckend anschaulich.

    Für weitere Vertiefungen hier nur noch auf einen Scinexx-Artikel verwiesen sowie Wolfgang Pomrehns Blick auf sich verschärfende Hitze und Feuer in den USA insgesamt vom 17.06.

    Herausforderungen in Gegenwart und Zukunft

    Bei Campus Talks berichtet Prof. Dr.-Ing. Jörg E. Drewes über „Urbane Wasserkreisläufe in Städten der Zukunft“: die Wasserversorgung, die es in heute bekannter Form mittels sog. einer Schwemmkanalisation seit 1843 zunächst in London gab (in Deutschland als erstes in Hamburg), ist allergrößtenteils eine Unsichtbare Infrastruktur. Von ihr sieht man i.a.R. nur die Wasserhähne, aus denen das Wasser vielleicht 30cm lang sichtbar als purer Luxus fließt. Da bis 2030 voraussichtlich 70% der Weltbevölkerung in Städten bzw. Metropolen und deren Großraum leben werden, ballt sich der Versorgungsbedarf für zunehmende Massen auf relativ kleiner Fläche. Herausforderungen sind dann die Bereitstellung ausreichender Wassermengen, was s.o. wie in Kalifornien zunehmend schwerer fallen könnte. Und wenn man, für den Einzelnen nur logisch, Wasser tunlichst spart und keinstenfalls nutz- und sinnlos verschwendet, bedeutet dies wiederum, dass die Wasserleitungen mitunter nicht ausreichend durchspült werden. Ausgelegt für stetigen Durchfluss bestimmter Mengen kann sich bei entsprechender Einsparung das zähflüssige Abwasser an- und festsetzen, ein Nachreinigungsbedarf wird immer größer. Größer wird jedoch auch das Potenzial, den Energiemehrbedarf zur Aufrechterhaltung all dessen durch das Abwasser selber zu ermöglichen. Indem man bspw., im Beitrag ausgeführt, die weggespülten Ausscheidungen in Biogasanlagen zur Stromerzeugung nutzt. Kreisläufe schließen, ist hierbei das Zauberwort, damit nichts ungewollt rein und v.a. nicht raus gelangt und man – lokal oder regional organisiert – das wiedergenutzte Abwasser als Energiequelle zur Aufrechterhaltung des Systems verwendet.

    Wie gelingt eine nachhaltige Wasserversorgung? Das ist die Frage angesichts zunehmender Starkregenereignisse (wie in der Nacht von letzten Samstag auf Sonntag bei mir). Bei Campus Talks berichtet die
    Siedlungswasserwirtschaftsfachfrau Prof. Brigitte Helmreich anschaulich: ihre Perspektive ist die, dass immer mehr Leute in Städte ziehen (s.o., bis 2030 70% der Weltbevölkerung) und das zu Nachverdichtungen innerhalb der bestehenden urbanen Räume führt. D.h., die Nachversiegelung (Zementierung, Asphaltierung) natürlicher (belebter/bewachsener) Flächen nimmt zu. Davon ab, wie hässlich das aussehen kann, greift Homo ?sapiens? damit extrem in den lokalen Wasserhaushalt ein, der nicht länger natürlich selbstgesteuert ist, sondern frei Schnauze von Mensch bisher irgendwie gesteuert wurde. Folge ist ein ausgeprägtes Stadtklima, dessen Klimaprofil sich mitunter extrem vom Umland absetzt und sich richtige Wärme- oder inzwischen eher Hitzeinseln ausbilden. Das dann als sich verstärkende Prozesse, wo ein Mehr an hochragender Bebauung auch mehr „Angriffsfläche“ für Sonnen- als Wärmestrahlung bietet, die sich dort sozusagen „verfangen“ und insbesondere „speichern“ kann. Für Regenfälle bedeutet die Asphaltierung, dass es an Abfließmöglichkeiten mangelt, weshalb es dann auch gleich zu Überschwemmungen kommt. Aber selbst da, wo ein Abfluss möglich ist, schafft es Mensch, die Sache zu versauen: denn mit dem Wasser, das über Straßen, Häuser und selbst über an sich großartige, weil bepflanzte Dächer abfließt, werden auch alle menschgemachten Giftstoffe in den Materialien mit rausgewaschen und weggespült. Beispiel Plastik, in dem tausende gefährliche Chemikalien bisher meist unbekannterweise gefunden worden sind. Wie man die in meist nur mehrstufigen Verfahren über Sickergruben u.Ä. abfangen kann, um das verfügbare Regenwasser nutzbar zu machen, scheint machbar, ist aber vielfach aufwendig und steht noch zu oft in den Kinderschuhen.

    Zuletzt noch ein frohsinniges Beispiel, publiziert in “Science Advances“, meine Bezugsquelle science.ORF.at:

    Eine halbe Milliarde Menschen weltweit leben in Gebieten, wo ständig Wasserknappheit herrscht. Ein gewaltiger Süßwasserspeicher ist die Atmosphäre, die im Prinzip den Durst der ganzen Welt stillen könnte. Forscher präsentieren nun eine Methode, wie sich das Reservoir in Regionen mit hoher Luftfeuchtigkeit anzapfen lässt.

    Das Prinzip ist denkbar einfach und ist, wie wir gelernt haben, angesichts signifikant zunehmender Evapotranspiration und eines anschwellenden irdischen Energiehaushaltes auch dringend von Nöten:

    Herzstück der Entwicklung ist eine Glasscheibe, an der Wasserdampf zu Tröpfchen kondensiert. Diese Wassertröpfchen perlen dank einer speziellen Beschichtung von der Oberfläche ab und träufeln in ein Sammelbecken.

    […]

    Die Forscher demonstrierten an einer kleinen Pilot-Anlage auf dem Dach eines ETH-Gebäudes, dass sich unter idealen Bedingungen – hohe Luftfeuchtigkeit, wenig Wind, wenig Sonne – rund ein halber Deziliter Wasser pro Quadratmeter Scheibenfläche und Stunde gewinnen lässt.

    Herausforderung, dass diese Art Wasserscheiben kühler als die Umgebung sein müssen, damit an ihnen das Wasser auch kondensiert (Gegenteil von Verdunstung). Das Erfreuliche ist, dass dies ohne allzu großen Geldaufwand möglich sei, abhängig freilich von der Flächengröße, um die es gehen soll. Profiteure könnten dann sein:

    Insbesondere in Regionen nahe am Meer würde die grüne Technologie die Wasserknappheit entschärfen, beispielsweise in Indien, Saudi-Arabien oder Israel. Hier wäre auch eine Kombination mit Entsalzungstechnologien von Meerwasser denkbar. In afrikanischen Ländern südlich der Sahara allerdings sei die Luftfeuchtigkeit zu gering, als dass sich die Wasser-Ernte aus der Luft mit dieser Technologie eignen würde.

    Das Wasser ist nass – ein Fazit

    Das Wasser ist naß,
    das Wasser ist naß,
    wie köstlich schluckt
    und schlürft sich das.
    Das Wasser ist kühl,
    kühl ist das Naß,
    ich schwimme
    in einem ganzen Faß,
    denn heute –
    ist das Wasser naß.
    Atlans Wasservers in Heft Nr.50 „Der Einsame der Zeit“

    So lässt sich dichten, wenn man genug Wasser zum Trinken und Überleben hat oder seinen (vermeintlichen) Feind in den wasserlos austrocknenden Wahnsinn treiben will. Die fundamentale Bedeutung des Wassers als Lebensgut, Quell und Urgrund des Lebens macht Ralf Jaumann bei Campus Talks deutlich: auf der Suche nach Leben außerhalb der Erde (einstmals Mars, eventuell auf Saturn- oder/und Jupiter-Monde) ist die Frage, wonach man eigentlich sucht, wie und woran sich Leben zeigt und worin es fußt. Und wie Jaumann anschaulich macht, ist das in so vielfältigen Aggregatszuständen vorkommende und die Welt in diesem Wechsel zwischen den Zuständen so sehr bewegende Wasser der aufzuspürende Heilige Gral exobiologischer Suche. Und in diesen Spiegel geblickt, erweist sich die Überlebenswichtigkeit des Wassers für das Leben. Und wie sehr es sich außer Reichweite verflüchtigen kann, lebensfern entweicht, hat hier vorgestellte Studie gezeigt. Die Selbstverständlichkeit Wasser ist keine, sondern ein vielfältig beeinflusstes Gut.

    Abschließend daher ans Ende von Kim Stanley Robinsons großartigen Meisterwerk Aurora gesprungen: ein Generationenraumschiff der Menschheit kurz vor dem Ziel einer neuen Lebenswelt, Aurora, der Morgenröte für ein neues Leben. Vielerlei ereignet sich, geschieht und passiert, was die vorab gemachten Pläne an der Realität abprallen lässt – wissenschaftlich als Aurora-Effekt geadelt – und einen Turning Point erzwingt. Zurückgeworfen auf die Erde, wo alles begonnen hatte in den Tiefen der Ozeane, endet das Buch damit, wie die eine Hauptperson Freya inmitten des lebendigen Nass eines Meeres quicklebendig schwimmt, das Wogen der Wellen und die Kraft des Wassers erlebt und sich inmitten von Wasser lebendig fühlt wie vielleicht nie zuvor. Wie schon im Eingangsposting zitiert, ist Douglas Adams erneut wiederzugeben:

    Viele kamen allmählich zu der Überzeugung, einen großen Fehler gemacht zu haben, als sie von den Bäumen heruntergekommen waren. Und einige sagten, schon die Bäume seien ein Holzweg gewesen, die Ozeane hätte man niemals verlassen dürfen.

    Und so führt auch in Aurora der kürzeste Weg zu sich selbst durch das Weltall, um so erst den eigentlichen Lebensquell daheim wiederzuentdecken! Wasser ist und bleibt lebens-NOT-wendig. Jeder gebohrte Brunnen wiegt alles Gold auf und stiftet mehr Zukunft als jede Sonntagsrede:

    Tief unter der Erde liegt die Hoffnung – kommt sie nach oben, verändert sich das ganze Leben.
    Neven Subotic

    Der Lügen lange Beine

    Hallo Mitwelt.

    Heute geht die Reise schon wieder – wie bei Deutschen nach Mallorca – zum behirnten Mensch und den Features und Gimmicks, die (generisch) er mit seiner Schädelkrone zustandebekommt. Nur das Beste vom Besten, exklusiv ermöglicht durch annähernd 1500cm3 Gehirnvolumen: Lügen! Nichts ist anspruchsvoller als gut zu lügen!

    Studie 1: von Notlügen

    Fokusanker meiner Aufmerksamkeit hierfür ist eine in „Journal of Neuroscience“ erschienene koreanische Studie: in dieser wurden (nur!) 36 Proband*innen in den MRT gelegt, um neuronale Aktivierungsprofile festzustellen. Diese wurden im präfrontalen Cortex (oder: Cortex praefrontalis), der für die Planung sozialer Verhaltensweisen zuständig ist, gescoutet. Die Bedeutung besagter Hirnregion wird durch die Folgen von dort möglicher Verletzungen klar:

    • Zerfall des Kurzzeitgedächtnisses und der Langzeitplanung,
    • Entscheidungsunfähigkeit / Willenlosigkeit (Abulie)[1],
    • Krankhaftes Beharren an psychischen Eindrücken (Perseveration) und Inflexibilität im Verhalten
    • v. a. bei orbitofrontalen Läsionen starke Persönlichkeitsveränderungen (emotionale Verflachung, Triebenthemmung, situationsunangemessene Euphorie, Missachtung sozialer Normen (Pseudopsychopathie))

    Im MRT sollten die Proband*innen nun drei Arten von Lügen erzählen, währenddessen man ihnen buchstäblich ins Gehirn schaute. Lügen,

    • um eine Belohnung zu bekommen (egoistische Lüge),
    • damit eine andere Person belohnt wird (altruistische Lüge) und
    • damit beide belohnt werden (altruistische Notlüge).

    Ergebnis: Die neuronalen Aktivierungsprofile von egoistischen und altruistischen Lügen unterschieden sich signifikant. Hingegen ähnelten altruistische Notlügen auf den Gehirnbildern den handfesten egoistischen Lügen auffallend. Sprich, Notlügen, von denen eben nicht nur man selber, sondern auch noch andere Mitmenschen profitieren konnten, scheinen neuronal sehr ähnlich verarbeitet zu werden wie reine Lügen zum ureigenen Vorteil.

    Ego- und Altruismen

    Daher noch etwas genauer sortiert, wie vielfältig und clever der Mensch zu lügen versteht bzw. welche Stoßrichtungen das nehmen kann.
    Zum einen aufgrund eines tiefsitzenden psychologischen Egoismus. Das ist

    die Überzeugung oder empirisch beobachtete Tatsache, dass alles Streben, Verhalten und Handeln des Menschen, auch das unbewusste, letztlich darauf zielt, sein individuelles Glück oder Wohlbefinden zu erhalten und zu steigern, seine eigenen Wünsche, Interessen und Ziele zu verwirklichen.

    Dieser Egoismus ist nicht mehr nur situativ, sondern fußt auf dem wüsten Boden eines sich selbsterfüllenden Menschenbildes, demnach sich jede/r selber am Nächsten, des Glückes alleiniger Schmied ist und sich die Menschen einander wie grimme Wölfe umkreisen. Als gemutmaßte Tatsächlichkeit gerinnt so ein Egoismus zur Naturwüchsigkeit, der gar nicht anders sein könne und angesichts all der anderen Egoisten nicht anders sein dürfe. Und in so einem Umfeld lügt sich dann wie gedruckt zum eigenen Vorteil.

    Demgegenüber der reziproke (wechsel-/gegenseitige) Altruismus. Seine Kennzeichen sind, allgemein gesprochen:

    1. Das altruistische Verhalten ist zwischen den interagierenden Individuen ausgeglichen.
    2. In den reziproken Beziehungen wechseln die Individuen zwischen den Rollen des Gebers und des Empfängers.
    3. Der Gesamtnutzen des reziprok altruistischen Verhaltens übersteigt dessen Gesamtkosten.

    Hier herrscht also ein Geben und Nehmen „auf Augenhöhe“ vor, das in Summe über das Eigenmögliche hinausgeht und durch die (zeitweise) (Ab)gabe etwas Eigenen Emergenz ermöglicht. Mit Emergenz gemeint, dass das so entstandene neue Ganze „mehr als die Summe seiner Teile“ ist und aus den einzelnen Teilen nicht mehr erklärbar ist. Und ja, die Gefahr besteht, dass mittels Mitnahmementalitäten Trittbrettfahrer, ohne Eigenes beizusteuern, dennoch in gleichem Umfang von der emergenten Summe des Handelns profitieren. Tun sie das zu oft oder/und zu viele von ihnen, dann kollabiert ein solcher Versuch reziproker Kooperation. Bis dahin sind Lügen dann drin und anerkannt, wenn sie allen (gleichermaßen) helfen und nützen.

    Auf den ersten Blick äußerlich nahverwandt ist der Pareto-Altruismus, bei dem jedoch – siehe obige Form der Notlüge – egoistische Erwägungen zugrundeliegen. Nur wenn man keine Opfer eingehen muss, nicht quasi in „unbezahlte Vorleistung“ zu treten hat, sondern das Für-die-Anderen sich mit dem Für-sich-selber deckt, handelt man augenscheinlich altruistisch. Ein eindrückliches Beispiel:

    Mein Besuch bittet mich, ihn noch zur Bushaltestelle zu begleiten. Da ich ohnehin noch einen Spaziergang später am Abend machen wollte, willige ich ein, denn das Vorziehen des Spaziergangs macht für mich keinen Unterschied.

    Spazieren JETZT MIT DIR ja gerne, weil ich ohnehin spazieren wollte. Das zwar eigentlich anderswann, aber es ist kein Mehraufwand für mich, es dann eben hier und jetzt, wenn es dir passt, zu machen. Vordergründig altruistisch, da man ja mit der anderen Person sogar auf ihren Wunsch hin etwas gemeinsam macht; notgelogen insgeheim aber nur nach egoistischer Abwägung, ob/wie sehr es sich denn für einen auch „rechnet“.

    Notlügen ausgerechnet in Korea?

    Irritiert war ich zugegeben darüber, dass man sich für Notlügen just in Korea interessiert, hier sowohl die Studie designt und durchgeführt wurde (an der Seoul-Universität) als auch koreanische Proband*innen hierfür rekrutiert hat. Wenn sich da schon Notlügen und Egolügen neuronal so sehr ähneln, wie sonnengluthell sähen denn dann Gehirnbilder von hiesigen oder US-amerikanischen (libertären) Proband*innen aus? Ein einzig Egoklumpen?

    Die Frage kam mir auf, da in Ostasien seit Jahrtausenden – mal mehr, mal weniger ausgeprägt, jedoch stetig wirkmächtig – der Konfuzianismus als Staatsdoktrin das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft festgelegt und bestimmt hat[2]: „Während die europäische Aufklärung stark auf die Freiheit des einzelnen Individuums abstellt, zielt der Konfuzianismus auf die Rolle jedes Einzelnen im gesamtgesellschaftlichen Beziehungsnetzwerk ab.“

    Es ist somit ein zutiefst kollektivistisches Verständnis, demnach die soziale Einheit (Gesellschaft, Gruppe, Familie) vor dem Individuum steht. DENKBAR wäre daher, dass in den Jahrtausenden der Einübung – Stichwort Reis-Hypothese – kollektiver Orientierung eine sozial zugewandte Ehrlichkeit dominiert hätte, die sich bis in die Gehirne „eingegraben“ hat. Gerade um kollektiv handeln zu können, bedarf es doch – so anzunehmen – ein wesentlich höheres Maß an angepasster Ehrlichkeit für die Einzelnen, die als „Zwischensein“, „relationale / multiple Selbst“ und „Intersubjekte“ nicht wie bei uns üblich individual, sondern kontextual gedacht worden sind. So von grundauf sozial eingebettet, scheinen (Not)Lügen fehl am platz.

    Wahrscheinlicher auch der koreanischen Studie nach ist es hingegen, was im Japanischen mit “honne“ und „tatemae“ bezeichnet wird:

    Honne bezieht sich auf die wahren Gefühle und Wünsche einer Person. Diese können dem entgegengesetzt sein, was seitens der Gesellschaft erwartet wird, oder was entsprechend der Position einer Person und der Umstände traditionell für erforderlich gehalten wird. Diese Wünsche werden oft verborgen gehalten, außer gegenüber den engsten Freunden.

    Tatemae („Maskerade“) ist das Verhalten und die Äußerungen in der Öffentlichkeit und entspricht den Erwartungen der Gesellschaft, der Position der Person und den Umständen. Sie muss daher nicht der honne entsprechen. Dies wird oft durch Lächeln oder eine bewusst ausdruckslose Mimik maskiert.

    Als Person nach Außen den Anschein erwecken, man verhielte sich UND DENKE konform der sozialen (Rollen)Erwartungen, aus verinnerlichter (honne-)Überzeugung. Kann sein, muss aber nicht. Vieles macht man wohl nur, weil man es so zu machen hat, es sozial erwünscht ist und man nicht durch abweichendes (deviantes) Verhalten negativ auffallen und/oder schlicht ggf. negative Sanktionen vermeiden will. Demnach könnten gerade Notlügen, die altruistisch scheinen, die Freiräume im Kleinen eröffnen, wo dann selbst ein Kontextuum individuelle Anwandlungen ausleben kann.

    Am Rande jedoch erwähnt, dass Begriff und Bezeichnung „Person“ auf das lateinische Wort „persona“, dieses auf das etruskische „phersu“ zurückgeht und damit auch nichts anderes als „Maske“ meint. Der Mensch, der in die Öffentlichkeit der Gesellschaft hinausgeht und als (nicht mehr bloß private) Person die Maske einer zu inszenierenden Rolle trägt[3]. Welche honne uns im Inneren auch immer treibt, eine tatemae-Maske tragen wir letztlich alle auf der Vorderbühne unseres gemeinsamen Theaterstücks. Die Frage ist anscheinend nur, wie sehr sie notgelogen bepinselt worden ist.

    Studie 2: Körperlügen

    Im Rahmen insbesondere der maskierenden tatemae ist folgende Studie interessant, die sich damit beschäftigt, wie sich Lügen auf den Körper auswirken und die Körpersprache niederschlagen. Erschienen in „Royal Society Open Science“ geht es in der niederländischen Studie um die sog. soziale Mimikry, also Imitationen innerhalb sozialer Beziehungen. Üblicherweise verhilft soziale Mimikry das (un)bewusste Nachahmen des Gegenübers zur Beliebtheit bei eben jenem Gegenüber. Gleich und gleich [im körperlichen Ausdruck] zieht sich an, scheint mir hier der passende Spruch zu sein.

    Doch wie prägt das Lügen die nonverbale Kommunikation?

    1. “Einerseits könnte es die zwischenmenschliche Koordination noch verstärken – etwa dann, wenn das Lügen kognitiv so fordernd ist, dass nur wenige Ressourcen bleiben, um sein eigenes Verhalten aktiv zu gestalten. Wie man aus Untersuchungen weiß, sei das nämlich mental sehr viel anstrengender als den anderen einfach zu spiegeln[…].
    2. Die nonverbale Abstimmung könnte durch das Lügen aber auch weniger werden, denn bei Stress oder unter Bedrohung neigen Menschen mitunter dazu „einzufrieren“[…]. Auch frühere Untersuchungen legen nahe, dass Lügnerinnen und Lügner aufgrund ihrer erhöhten Selbstkontrolle eher steif und angespannt auftreten.“

    Rund 90 wohl nicht grundlos nur männliche Probanden wurden paarweise gematcht, um sich – durchs Setting und die Wissenschaftler*innen genudgt – als Fragende und Befragte wahrheitsgemäße Berichte, harmlos verschleierte Tatsachen oder eine formvollendete Münchhausen-Lügengeschichte zu erzählen. Letztere sogar in maximaler challenge von hinten erzählt, um so die Konzentration und Aufmerksamkeit der Beteiligten herauszufordern. Mithilfe von Sensoren an verschiedenen Körperteilen ermittelte man währenddessen objektiv und anhand im Nachhinein gestellter Fragebögen darüber hinaus subjektiv das körperliche Gebärden und die Eindrücke davon.

    Ergebnis:

    Je anspruchsvoller die Lügen, umso koordinierter wurden die Bewegungen der Paare. Laut den Forscherinnen und Forschern könnte das aber nicht nur mit dem erhöhten kognitiven Aufwand zu tun haben, sondern einfach daran liegen, dass die Zuhörer bei den komplizierten Geschichten aufmerksamer zuhörten und sich das Duo deswegen stärker synchronisiert.

    Doch „bloße“ Aufmerksamkeit war es nicht, denn die abverlangte man in Nachtests gezielt, was am Befund nichts mehr veränderte: je mehr man log, bis sich die Balken bogen, desto gleichförmiger die nonverbale Körpersprache. Damit wäre die Lehrmeinung über den Zusammenhang bestätigt,

    dass soziale Mimikry unter mental fordernden Umständen zunimmt. Automatisierte Prozesse übernehmen dann gewissermaßen die Kontrolle im zwischenmenschlichen Verhalten. Solche unbewussten Abläufe lassen sich vermutlich auch nicht so leicht willentlich umgehen. Die koordinierten Bewegungen könnten also hilfreiche Hinweise liefern, um Lügner zu entlarven, z.B. vor Gericht. Aber ohne technisches Hilfsmittel wäre das wohl dennoch schwierig, so die Forscherin und ihr Team, die Effekte seien doch recht subtil.

    Unfaszinierend, dass sich Lügen also, wenn auch subtil und nur für aufmerksame Beobachter*innen wahrnehmbar, bis in den Habitus, das das Gehabe, die Umgangsformen und das (körperliche) Auftreten einer Person einschreiben, der Person – mindestens zeitweise – zur „zweiten Haut“ werden, derer man ansichtig werden kann.

    Studie 3: Elternlügen

    Eine in „Journal of Experimental Child Psychology“ erschienene nordamerikanische Studie wiederum blickt auf Eltern und deren – noch so gut(mütig)gemeintes – Lügenverhalten. Lügen? Eltern? Um Regeln durchzusetzen oder um gewünschtes Verhalten zu erzwingen mitunter schon. Größtenteils harmlos, ob der Weihnachtsmann oder das Christkind versprochen nun kommt oder drohend nicht.

    Knapp 380 chinesische, indische oder malaysche Studierende der Singapur University wurden danach befragt, ob sie als Kinder oder Jugendliche von ihren Eltern Sätze wie diese gehört hätten und falls ja wie oft:

    • „Es gibt keine Süßigkeiten mehr“ (auch wenn sehr wohl noch welche im Haus waren);
    • „Wenn du lügst, bekommst du eine lange Nase“;
    • „Wenn du jetzt nicht kommst, holt dich ein Kidnapper, wenn ich fort bin“.

    In nächster Befragungsrunde mussten nun die einst belogenen Studierenden darüber Auskunft geben, wie sie es mit der Wahrheit v.a. ihren Eltern gegenüber denn gehalten haben und halten. Ergebnis: Lügen vererbt sich.

    Die Auswertung ergab: Tatsächlich lügen jene, die zumindest in ihrer Erinnerung am häufigsten von ihren Eltern angelogen wurden, später am meisten. Und die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die selbst viel lügen, leiden wiederum öfter unter psychosozialen Anpassungsschwierigkeiten, z. B. impulsivem und aggressivem Verhalten.

    Wie auch anders?

    Bloß gemutmaßte Gründe für ein solches memetisch fortgepflanztes Lügen:

    Möglicherweise, so die Studienautoren, denken die Kinder, dass Lügen nicht so schlimm und vor allem ein akzeptiertes Mittel zum Zweck ist, wenn Eltern häufig lügen. Es kann aber auch sein, dass das Vertrauen von der Unehrlichkeit untergraben wird – deswegen erzählt man später selbst lieber nicht die Wahrheit.

    Möglicherweise ist dem so, vielleicht aber auch granitfelsensicher. Die primäre Sozialisation, die die (Klein)Kinder unter elterlicher Erziehung bis zur Grundschulzeit durchlaufen, gilt ja nicht einfach so als Tor zur Welt, als Wegweiser in und Vorbereitung auf die soziale Welt. Hier wird Urvertrauen als ein künftighin wirkendes Vertrauen erzeugt und – sozusagen – als sprießfähiger Samen im Kind angelegt – oder eben auch nicht. Als Kleinkind (kindverschieden etwa bis 3 Jahre) erlebt es eine zweite, sogenannte Soziokulturelle Geburt. Wenn schon bis hierhin Eltern „lügen“, es mit der Wahrheit nicht allzu genau nehmen, sich dadurch nicht als zuverlässige, vertrauenswürdige Ansprechpartner erweisen, ja wann und wie sollen Kindern denn einen Sinn für Wahrheit herausbilden? Oder andersherum: wenn er sich hier nicht herausgebildet hat, das Nicht-die-Wahrheit-Sagen als normal erlebt wird, wird es dann auch kaum anders denkbar in den allermeisten Fällen so übernommen, verinnerlicht (internalisiert) und im Lebensweiteren so fortwährend gehandhabt.

    Studie 4: Lügengewohnheit

    Nur zu passend daher, dass sich psychisch das Lügen von den Eltern auf die Kinder bis ins Studierendenalter vererbt, eine in Nature Neuroscience erschienene britische Studie, die danach schaut, wie Lügen neuronal sedimentieren, wie sich Lügen im Gehirn nicht nur einmalig abbilden lassen, sondern dauerhaft absetzen.

    These ist, dass die oft genug durchaus sozial zweckmäßigen durchschnittlich zwei (Not-)Lügen pro Tag zur Gewohnheit werden, WENN/WEIL das mit jedem Lügen einhergehende ethische Gefühl eines schlechten Gewissens sich „abnutzt“. Und je weniger Lügen mit einem unangenehmen Gefühl, etwas Falsches gemacht zu haben, einhergeht, desto normaler und gewohnter wird eine jede Folgelüge. SO ein Gewöhnungseffekt war anektdotisch bereits bekannt:

    • “Ob Finanzbetrug oder wissenschaftliches Fehlverhalten, retrospektiv berichten Betrüger häufig, dass alles mit kleineren Unwahrheiten begonnen habe“;
    • “Studien hätten zudem gezeigt, dass die Bereitschaft zum Betrug steigt, wenn die emotionale Reaktion durch Medikamente gedrosselt wird.“

    In vielem ähnlich dem ersten Studiendesign hatten Proband*innen

    • Die Münzmenge in einem transparenten Behältnis möglichst exakt zu schätzen,
    • den Wert einem unsichtbar bleibendem Gegenüber durchzugeben,
    • was in Szenarien zu einem gesollten Unter- oder Überschätzen der durchgesagten Menge abgeändert wurde,
    • wodurch nur die durchsagende Person, nur die Partnerperson oder beide profitierten.

    Live im MRT beobachtet, zeigte sich, dass die bevorzugten eigennützigen Lügen mit unangenehmen Gefühlen einhergingen, die sich im Mandelkern, der Amygdala, zuständig für jede Form von Erregungszustand, lügegenau zeigten. Und siehe da:

    Diese neurologische Reaktion veränderte sich jedoch, je öfter die Probanden die Szenarien durchspielten und je öfter sie logen, d.h., sie wurde immer schwächer. Mit der schwindenden Erregung stieg die Bereitschaft zur Übertreibung, und die Teilnehmer entfernten sich immer weiter von der Wahrheit. Offenbar stumpften sie mit jeder Wiederholung zunehmend ab und logen immer ungenierter.

    Aus kleinen moralischen Abweichungen wird durch die verfestigende Macht der Gewohnheit zunehmend Betrug! Neuronal gefestigter Betrug, da es kein „Gegenfeuern“ mehr durch die Amygdala gibt, die wie eine Warnlampe noch aufleuchten würde. Es kommt zu einer amoralisierenden Habituation, zu lügen wird habituell, wird – siehe Studie 2 – einverleibt, geht in den Habitus der Person über.

    Studie 5: Lügengesellschaft

    Altruistische Notlügen, die egozentriert geäußert werden; der Körper, der sich vor der Lüge beugt; Eltern, die ihre kleinen Notlügen an die Kinder vererben; Lügen, die zur schlechten Gewohnheit werden. Nichts als Lügen… Und wie steht es da um ganze Gesellschaften, wenn in (familiaren) Kleingruppen das Lügen schon so nachwirkt und sich bis in die Neuronen der Einzelnen niederschlägt? Die letzte in “Nature“ erschienene österreichisch-britischeStudie gibt hierzu Auskunft.

    Schritt eins: die Erstellung eines Korruptionsindex für 195 Länder, der das Ausmaß an Steuerhinterziehung sowie politischer wie wirtschaftlicher Korruption erfasst. Wichtig: die Daten stammen aus dem Jahr 2003!

    Schritt zwei: 2500 weltweit rekrutierte Proband*innen im jungerwachsenen Alter zu einem einfachen Würfelspiel einladen. Wichtig: weil diese Proband*innen 2003 noch Kinder waren, waren sie damals weder wirtschaftlich oder politisch korrupt gewesen noch Steuerhinterzieher. Ihre Geburtsumgebung, noch so korrupt oder grundehrlich, könne sie, so die Annahme, nicht bewusst geprägt haben. Entscheidend für durchgeführte Ehrlichkeitstest daher ihre intrinsische, aus ihnen kommende, ihnen zu eigene Un-/Ehrlichkeit.

    Schritt drei: Im Würfelspiel galt es zwomal zu würfeln und die erste Augenzahl durchzusagen. Es gab entsprechend der Augenzahl so viele Euro (oder Geldwert in lokaler Währung), nur für die Augenzahl6 nicht. Hierbei wurden den Proband*innen weder über die Schultern noch ins Hirn geblickt, demnach ist über die individuell tatsächliche Un-/Ehrlichkeit nichts auszusagen. Dafür aber über die statistisch erwartbare Un-/Ehrlichkeit, denn bei einem W6 wird jede der 6 möglichen Zahlen im Schnitt genügender Würfe gleichoft geworfen, auch die „wertlose 6“. Und was kam raus?

    Und eben da zeigten sich Unterschiede zwischen Statistik und dem, was die Teilnehmer angaben. „Im weltweiten Schnitt haben wir 14 Prozent echte Lügner beobachtet.
    […) Komplett ehrlich haben sich 49 Prozent verhalten. Und dann gibt es 37 Prozent, die die Wahrheit strecken.“ Gemeint ist damit folgendes: Die 37 Prozent lügen nicht unbedingt, aber sie verletzen Regeln – nämlich jene, nur vom ersten Wurf zu berichten. Sie würfeln z. B. beim ersten Mal einen „Einser“, beim zweiten Mal aber einen „Vierer“ und wählen dann die höhere Augenzahl aus. „D.h. sie können ihr Selbstbild aufrechterhalten, wonach sie ehrlich sind, und trotzdem pekuniär profitieren“.

    Das Ergebnis wird verhaltensökonomisch so eingeordnet:

    Dieses Selbstbild ist weltweit wichtig, denn Ehrlichkeit sei überall eine Norm, betont der Verhaltensökonom. „Es ist nicht einfach zu lügen, sondern psychologisch kostspielig.“ In Ländern mit viel Korruption ist es aber ein wenig einfacher. „Dort sind die Menschen gewohnt, dass jeden Tag Regeln verletzt werden. Das ändert die Bereitschaft, sie selbst zu einzuhalten oder eben auch zu verletzen.“

    Nach Ländern ist die Ehrlichkeit gerankt und ins Verhältnis zum Korruptionsindex gesetzt – siehe oben gelinkte Studie. Wer da wie genau abschneidet, sei hier egal. In jedem Fall wird deutlich und ist allgemeinf estzuhalten: je korrupter das Land, desto unehrlicher die Probanden. Warum? Weil sie, siehe Studie 4, schlicht bis ins Hirn hinein daran gewöhnt und ihre Warnlampen ausgeschaltet worden sind. Sie sind sozial getrimmt, haben ein Sozialisationsbootcamp durchlaufen, demnach zu lügen gesellschaftliche Normalität ist, der man sich habituell anpasst. Und was ihnen gespiegelt wird, erscheint ihnen als annehmbares Selbstbild, das sie aufrecht zu erhalten suchen.

    Fazit – ungelogen

    Was ergibt nun – ungelogen –dieses Sampling aus im Kern fünf Studien? Zum einen, dass es ein Patchwork[4] aus eben nur fünf freimütig selektierten Studien ist, die ich auch nicht näher auf ihre Methoden überprüft habe. Dass in Studie 1 nur(!) 36 Proband*innen ausgewählt worden sind, erwähnte ich. Das lässt einen ersten mutmaßenden Blick auf die koreanische Gesellschaft werfen, auch da noch mit reichlich verzerrenden Schlagseiten. Schon gar nicht kann man von 36 auf alle Menschen der Menschheit schließen, diese sich daher bezogen auf Lügen so und nicht anders verhalte. Und auch die letztgenannt größte Studie (5) mit 2500 Proband*innen, immerhin das bald Siebzigfache, ist angesichts der Weltbevölkerung winzig, erst recht wenn sie weltweite Aussagen machen will.

    Und doch ist diese meine willkürliche Zusammenstellung interessant, wirft einige Schlaglichter auf die verworrenen Wege, die sich Lügen bis in die Tiefen der menschlichen Hirne bahnen, den Menschen quasi ins Gesicht und auf die Haut geschrieben werden, ihnen zur als richtig und normal gewordenen Gewohnheit freimütig über die Lippen kommen und sich in die Gesellschaften hinaus sozialisieren (im Sinne von: sozial materialisieren). Sprich, auf allen Ebenen menschlichen Seins lassen sich Lügen aufspüren und wiederfinden, durchsetzen sie den biopsychosozialen Menschen nur zu gerne hinterhältig und ungesehen. Sie tarnen sich als Gewohnheit und Normalität und treiben so unsichtbar ihr Unwesen spukhaft unter den Leuten. „Ein Gespenst geht um in der Welt – es ist die Lüge!“

    So kommt es dann zum “Tod der Wahrheit“ – so Michiko Kakutanis exzellent tiefenbohrender Essay, wie die Lüge salonfähig und präsidial werden konnte und zum Totengräber der Wahrheit zu werden drohte und stetig aufs Neue droht. Mit anderen Worten:

    Jay Rosen ist einflussreicher Journalist und Medienwissenschaftler der New York University. Für die USA diagnostizierte er am Ende der Trump-Präsidentschaft den Verlust der Wahrheitssuche als Grundlage öffentlicher Meinungsbildung. Stattdessen herrsche „the firehose of falsehood“, das Hochdruckverspritzen von Lügen wie durch einen Feuerwehrschlauch.
    „Man überschwemmt die Medien mit Lügen, verbreitet sie schamlos. Es geht nicht darum, jemanden zu überzeugen, sondern darum, die Menschen zu verwirren, zu überwältigen und aus der Öffentlichkeit zu vertreiben. Die Quantität der Argumente ist viel wichtiger als ihre Qualität. Das ist “the firehose of falsehood”, erklärt Jay Rosen.
    Zitiert nach SWR2-Wissen Spezial: Die Macht der Meinungen – Teil03von10 der Reihe Macht

    Das erinnert mich an folgendes Gleichnis, das den verfinsternden Schein der einbildenden Lüge veranschaulicht

    Es gibt ein Spiel,das Kinder spielen, wenn die Flut kommt. Sie bauen um sich herum eine vermeintlich undurchdringliche Sandmauer, um das Wasser so lange wie möglich draußen zu halten. Natürlich sickert das Wasser von unten durch und irgendwann durchbricht es die Mauer und überflutet alles. Erwachsene spielen ein ähnliches Spiel: sie umgeben sich mit einer vermeintlich undurchdringlichen Mauer aus Argumenten, um die Wirklichkeit draußen zu halten. Doch die Wirklichkeit sickert von unten durch, durchbricht irgendwann die Mauer und überflutet uns alle.
    James Keath alias George Spencer Brown in „Dieses Spiel geht nur zu zweit“

    Und auf sie, die Wirklichkeit müssen wir uns beziehen, denn mit Stanislaw Lems bzw. Ijon Tichys letzten Worten in “Lokaltermin“ anerkennend eingesehen: „Es gab nur diese eine Wirklichkeit“


  • Eine besonders fatale Störung des Handlungsmöglichen als individueller Bestandteil inmitten einer Entscheidungsgesellschaft, die in einem fort in die Zukunft weisende, also ergebnis- und folgenoffene Entscheidungen als Weichenstellungen abverlangt.

  • Zur Vertiefung des Thema sei empfohlen:

    1. Volker Zotz (2015): Der Konfuzianismus. Marixwissen-Reihe des Marix-Verlages, 224 S., 10€ Print, 7,99€ eBook;
    2. Hans van Ess (2. Durchges. Aufl., 2003): Der Konfuzianismus. Beck Wissen-Reihe des Beck-Verlages, 128 S., 8,95€ Print und 7,49€ eBook.


  • Leseempfehlung ausgezeichneten Essay und Diskurs-Beitrag beim Deutschlandfunk von Marleen Stoessel: Die Welt trägt Maske. Lang zitiert hieraus:

    Metaphorisch wie realiter verweist die Maske stets auf das, was sie verdeckt: unsere Individualität, unsere Persönlichkeit, unsere verifizierbare anschaubare Identität, ausgeprägt im Gesicht. Nichts aber, was uns als menschliche Wesen mehr auszeichnet als das Gesicht.
    Im physischen und ebenso im metaphysischen Sinn. ‚Gesicht‘ hat mit ‚sehen‘ zu tun. Mit zwei Augen blicken wir aus ihm heraus, können uns aber selbst nicht sehen, es sei denn im Spiegel, der jedoch nur ein seitenverkehrtes Bild von uns bietet ‒ das Spiegelbild. Nur dem Anderen, dem Gegenüber präsentiert es sich, seiner Wortherkunft entsprechend, als ‚Angesicht‘, das heißt als An-Sicht, als Erscheinung, als Bild für den Anderen.
    Zunächst vermittelt also das Gesicht, das sich nicht selber sieht, zwischen unserer Innenwelt und der Außenwelt, zwischen uns und den Anderen. Wir sehen und werden gesehen. Es ist damit wesentlicher Teil unserer Interaktion und Kommunikation mit der Umwelt. In den Gesichtszügen, der Mimik, im Blick des Anderen lese ich die Antwort, die Reaktion auf das, was ich ihm mit meinem Gesicht und seinem Ausdruck darbiete oder vielleicht auch verberge. Immer ist das Gesicht eine Brücke zwischen unserem Inneren und der Außenseite, die als Ansicht und Anblick von uns erscheint.
    Dieses Bild, das wir von uns zeigen ‒ oder das wir uns von Anderen machen, begleitet die gesamte Religions-, Kult- und Kulturgeschichte der Menschheit, es formte die Etymologie und die ihr entspringende Metaphorik. In der ‚Person‘ ist noch das lateinische Wort ‚persona‘ für ‚Maske‘ enthalten, das sich wiederum aus ‚per-sonarex‘ herleitet, was ‚hindurch-tönen‘ heißt.
    In der römischen Antike waren die Theatermasken mit einer Art Schalltrichter so gestaltet, dass ihre Träger ihre Stimme hindurchschicken konnten: Die Maske als Freisetzung der persona, Verhüllung als Offenbarung. Eine Dialektik, die auf den prinzipiellen Bildcharakter des Menschengesichts verweist ‒ und ebenso auf das Drama seiner Formung, Darstellung und Bemächtigung. Ein Drama, das bis heute andauert und in den digitalen Techniken der Gesichtserkennung, seiner synthetischen Herstellung als cyberface eine Fortsetzung findet, die dieses Menschenbild auf abgründige Weise in Frage stellen.

    Usw. SELBER LESEN!


  • Zu Risiken und Nebenwirkungen meiner Argumentation, damit sie nicht als (Not-)Lüge deklariert wird: die fünf hier zugrundeliegenden Studien bzw. die mich darauf aufmerksam gemachten Artikel stammen A) alle von science.orf.at, B) recherchierte ich nicht in anderen massenmedialen Quellen auf dortige Darstellungen hin nach, C) wurden mir nach dem Prinzip „Mehr zum Thema“ unter dem Ausgangsartikel angezeigt und klickte ich nach dem Schneeballprinzip ab. Sprich, bei größerem Rechercheradius oder/und anderem Wissenschaftsportal als Hauptanker käme gewiss anderes rum. Daher: dies ist nur eine assoziative Gedankenkette, wie es um Zusammenhänge begründetmöglich bestellt sein KÖNNTE!
  • Menschliches, allzu Menschliches

    Hallo Mitwelt!

    Im Anschluss an meinen Beitrag, dass Rinder systematisch seit 10.000 Jahren durch den Menschen verdummt werden, weil ihre Hirne in der landwirtschaftlichen Viehhaltung durch vereinseitigte Unterforderung schrumpfen, soll’s nun um den Menschen selber gehen. Nun soll (generisch) er sich gefälligst mal beweisen und vorzeigen, wo und wie es denn besser laufe! Dabei geht es zum Teil weg aus dem Hirn hinaus und sodann hinunter bis auf die basale Ebene der Gene.

    Gen macht Hirn macht Mensch

    In der üblichen Verwechslung, pandimensionale hyperintelligente Wesen hätten das noch nötig: die vermeintlichen Experimentatoren, menschliche Wissenschaftler haben für eine Studie, veröffentlicht im EMBO Journal, gezielt Mäusen ein Gen eingesetzt. Allerdings nicht irgendein x-beliebiges Gen, sondern ARHGAP11B! Eben dieses allseits berühmte …
    Ach nein… Was ist das oder kann das weg? Falls du Leser*in Mensch bist, dann sollte es zumindest
    nicht weg. Vermutlich kannst du Mensch nur wegen ARHGAP11B hier mitlesen und manches andere auch nur durch dies gepriesene Gen. Schon 2016 hatte man die fundamentale Bedeutung von ARHGAP11B, das bei der englischen Wikipedia einen eigenen Eintrag hat, für den Menschen detektiert.

    ARHGAP11B ist nicht nur an sich menschenspezifisch, es enthält auch eine Sequenz von 47 Aminosäuren, die in ARHGAP11A nicht vorhanden ist und ausschließlich im Menschen vorkommt. Diese besondere Sequenz entsteht beim Übersetzen derARHGAP11B- DNA in das ARHGAP11B-Protein durch eine Verschiebung des sogenannten Leserasters. Das wiederum liegt daran, dass in der Boten-RNA vonARHGAB11B im Vergleich zu ARHGAP11A 55 Nukleotide fehlen.

    Nicht wahr? So ist das. Auch begleitet uns ARHGAP11B schon eine ganze Weile, weil es „Motor“ unserer einzigartigen Kortikalisierung, sprich Herausbildung der menscheneigenen Struktur der Großhirnrinde, und damit vermutlich eines der Schlüsselgene für die Menschwerdung (Humanisation) ist:

    Das menschenspezifische Gen ARHGAP11B entstand durch Duplikation des ubiquitären Gens ARHGAP11A vor rund fünf Millionen Jahren, nachdem sich zwei Evolutionslinien voneinander getrennt hatten: eine führte zum modernen Menschen, dem Neandertaler und dem Denisova-Menschen, eine andere zum Schimpansen. Doch die rasante Zunahme der Gehirngröße setzte erst später ein, vor rund zwei bis 1,5 Millionen Jahren.“

    Festgehalten, dass dieser eine Weg über Neandertaler, Denisova-Menschen und Homo sapiens führte und dieses Trio gen-iale ARHGAP11B zuletzt in der Doppelhelix hat(te). Sprich, der Homo sapiens, wir sind die Letzten dieser Art ARHGAP11B-Träger auf Erden.
    Zurück zur besagten “Maus“-Studie: Folge für die Maus-Embryos in ihrer Entwicklung nur dieser einen Gen-Einschleusung ist gewesen

      Eine höhere Intelligenz,
      ein größeres Gehirn,
      eine signifikant dickere Großhirnrinde zur Steuerung höherer mentaler Vorgänge,
      flexiblere (Langzeit)Gedächtnisleistung in Verhaltenstests,
      weniger ängstliches Verhalten.

    Wären es nicht Mäuse, hätte man mit ARHGAP11B die Eierlegende Wollmilchsau implantiert. Denn es regt die Vermehrte Bildung neuronaler Vorläuferzellen beim Embryo an und das anscheinend auch nachgewiesenermaßen bei Frettchen wie Affen. Und diese Einschleusung zeitigt bis ins Erwachsenenalter Folgen, die Wirkung hält also an und verpufft nicht (weil speziesfalsches Gen o.Ä.). Die breite Palette an Auswirkungen ist schon beachtlich, gerade weil so viel konkretes Verhalten davon betroffen ist. Umso interessanter, mal einen evolutionären Schritt zurückzutreten …

    Hirngrößenvergleich

    Aber was hat ARHGAP11B für den Menschen denn nun eingebracht? Also mal abgesehen von ungezählten Kriegen, Erfindung unaussprechlicher Folter-, Misshandlungs- und Mordinstrumente und deren methodischer Anwendung, angstfreier Psycho- und Soziopathen, Einbildungsmaschinerien wie Herrschaftsreligionen, die Patrix oder in einem fort nur noch herumspukende Geister jedweder Kapitalisierungen?
    Lassen wir mal solche soziokulturalisierten Details beiseite und außen vor und wenden uns den Neuro-Fakten zu, stellen wir also mal Hirnvergleiche an (Gehirnvolumen in cm3):

    1. pan =Schimpansen ca. 400;
    2. Sahelanthropus tchadensis 365;
    3. Ardipithecus ramidus 280–350;
    4. Australopithecus afarensis 458 (335–580);
    5. Australopithecus africanus 464 (426–502);
    6. Homo rudolfensis ca. 750 (501–950);
    7. Homo habilis 610 (544–674);
    8. Homo ergaster 764 (640–888);
    9. Homo erectus 1003 (956–1051)
    10. Homo antecessor ca. 1000;
    11. Homo heidelbergensis 1204 (1130–1278);
    12. Neandertaler 1426 (1351–1501);
    13. Homo sapiens 1478 (1444–1512).

    Schimpansen außen vor[1], verjüngt sich die Auflistung vom Sahelantropus aus dem unteren Miozän vor 6-7 Mio. Jahren bis in unsere Jetztzeit des Homo sapiens, der vor 230.000Jahren über die Erde kam. Außer sapiens und pan sind alle genannten Arten ausgestorben. Je jünger die Art, desto hirngrößer ist sie auch beschädelt, wobei der gute Schimpanse nie über das Niveau (von rund 400 cm3) hinauskam und diesbezüglich bereits von den vormenschlichen Australopithecen (Lebzeit das Pliozän vor 3,8Mio. Jahren) überflügelt worden war.
    Erstmals ein vierstelliges Gehirnvolumen erlangte der Homo erectus, der aufrechte Mensch, der im Pleistozän vor 2Mio. Jahren die Welt betreten hatte. Und noch vor rund 0,9Mio. Jahren, als der Homo antecessor mit dem besten mindset herumlief, war das Volumen noch auf nahezu identischem Niveau. Im Gedenken domestizierter Rinder, wo die neuronale Benchmark des Auerochsen von zum bloßen Abeutern inaktivierter Milchkühe um 35% unterboten worden ist, muss man sich mal Folgendes vorstellen: Würde man bei sapiens durch verstumpfsinnende eindimensionale Passivierung über Generationen hinweg das Gehirn um 35% schrumpfen lassen, wäre es nur noch 961 cm3 klein. Damit fiele sapiens noch hinter erectus zurück und könnte sich nur noch über ergasters Hirnkleine lustig machen. Und er, Mensch, hat das bei den Rindern innerhalb von nur 10.000 Jahren vermocht und hält Milchviehhaltung trotzdem für eine echt gelungene Sache.
    Bemerkenswert auch, dass Neandertaler dem Hirnvolumen nach gewiss nicht auf den Kopf gefallen war, so wenig es ihm als Art auch nützte – game over und sapiens clever die Finger im Spiel.

    Masse und Klasse

    Aus dieser diachronen (zeitlich längsschnittlichen) Betrachtung, dass das Hirn stetig anschwoll und Mensch am meisten mit sich herumzuschleppen hat, kann man auch synchron (querschnittlich) gucken. Hierfür sei der Enzephalisationsquotient (EQ NICHT zu verwechseln mit IQ, EQ als Emotionale Intelligenz oder EQ als Entwicklungsquotient) herangezogen. Besagter EQ stellt – vergleichbar dem BMI bzgl. Körpermasse zu –größe – ein Verhältnis von Gehirnmasse zu Körpermasse her und lässt so quantitativ das relative Hirngewicht der Individuen einer Spezies bestimmen. Und das durchschnittliche EQ aller Individuen einer Spezies lässt wiederum die Spezies untereinander ranken. Und eine Rangfolge der Arten soll dem Menschen nicht versagt werden – zumal er wenigstens hier die Krone der Schöpfung bleibt:

    1. Mensch EQ7,4–7,8
    2. Großer Tümmler 5,3
    3. Schimpanse 2,2–2,5
    4. Rhesusaffe 2,1
    5. Wal 1,8
    6. Afrikanischer Elefant 1,3
    7. Hund 1,2
    8. Katze 1
    9. Pferd 0,9
    10. Schaf 0,8
    11. Maus 0,5
    12. Ratte 0,4
    13. Kaninchen 0,4

    Sofort augenfällig, dass der Vorsprung sapiens vor dem guten Tümmler in etwa so viel beträgt (2,1-2,5), wie Schimpansen überhaupt an EQ „auf die Waage“ bringen. Erstaunlich auch, dass als so intelligent geltende Ratten mit einem EQ von bloß 0,4 weitest abgeschlagen sind, sich dennoch so wacker, ja clever halten. Ebenso auffallend, dass Tiere, die dem Menschen folgen oder handfest domestiziert worden sind, nach EQ nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind. Ergeht es ihnen ähnlich wie den Rindern? Sorgt Mensch dafür, dass ihre neuronalen Kompetenzen und Potenzen verkümmern und sie zu Fachidioten ohne Herausforderungen verkommen?
    Nun muss man Mensch zugestehen, es trotz spitzenmäßigem Hirnvolumen und herausragendem EQ nicht immer leicht zu haben. Die Folgen bzw. der evolutionär zu zahlende Preis sind erheblich: das Hirn frisst dem Menschenkörper quasi die Haare vom Kopf, verschlingt 20% der aufgenommenen Nahrungsenergie; ist dann auch noch Gourmet, dem vor allem Glukose mundet. Mit üppig Steaks ist dem Hirne also nicht geholfen – zu viel Proteine und keine leicht aufzunehmenden zuckrigen Kohlenhydrate. Ein hirnhöriges Leben wäre das eines Frutariers;-) Und dann noch die Sache mit der Geburt, die bei solchen Dickschädeln eine enorme Herausforderung ist. Hat es sich überhaupt gelohnt? All der Aufwand?

    Durch Gene kreativ

    ARHGAP11B hat vor allem des sapiens Schädel anschwellen lassen. So sehr und so effektiv, dass sapiens aus so viel Hirn wie sonst kein (irdisches!) Lebewesen besteht, somit der einzig wahre EQ-Weltmeister auf Erden ist. Bis hierhin Glückwunsch. Doch was eröffnet ihm denn nun die unübersehbaren Denk- und Handlungsspielräume, selber- =menschengemachte Masse en masse lostreten zu können, dass ihm die selfmade Tragödie der Kultur (PDF) seit über einem ahrhundert bedrohlich schwarzschwant?

    Kreative Kompetenz

    Da Hirne kein Selbstzweck sind, dafür viel zu aufwendig zu betreuen sind, muss hierüber, muss mit ihnen als Steuerungszentrale noch mehr möglich sein.
    Vielsagend in Molecular Psychiatry ist eine Studie veröffentlicht worden, die sich mit den molekularen Grundlagen von sapiens‘ Hang zum Psychiatrischen beschäftigt. Euphemistisch als „Kreativität“ klassifiziert, ist man deren Ursache bis in die Gene hinein auf den Grund gegangen. Denn:

    „Im Vergleich zu anderen Hominiden zeigt der Homo sapiens eine bemerkenswerte Kreativität: Er demonstriert Innovation, Flexibilität, vorschauende Planung und besitzt auch die kognitiven Voraussetzungen für Symbolismus und Selbstbewusstsein.

    Das Wissenschaftler*innenteam ermittelte zunächst, „welche neuronalen Schaltkreise im Gehirn des modernen Menschen für verschiedene Persönlichkeitsmerkmale einschließlich der Kreativität verantwortlich sind und von welchen Genen sie kontrolliert werden. Dafür führten sie standardisierte Persönlichkeitstests verknüpft mit Hirnscans und Analysen der Genaktivität bei Probanden aus verschiedenen Kulturen durch.“ Drei neuronale Netzwerke wurden so destilliert:

    1. “Das erste ist das Netzwerk der emotionalen Kreativität, das vor allem das Lernen und das Bewältigen von Herausforderungen im sozialen Bereich umfasst.
    2. Das zweite Netzwerk dient der Selbstkontrolle und steuert vor allem das bewusste und zielstrebige Planen und Problemlösen.
    3. Das dritte Netzwerk umfasst Aspekte der Selbsterkenntnis und des Selbstbewusstseins.“

    Diese drei funktional differenzierten Netzwerke werden wiederum von 972 Genen informational gespeist. Nun hat man anhand vorhandener gensequentieller Daten diese Erkenntnisse mit Schimpansen und Neandertalern gematcht. Demnach sind

      509 der 972 Gene bei allen drei Spezies vorzufinden;
      148 weitere und in Summe also 657 der Gene bei Neandertaler und Homo sapiens identisch;
      Folglich hat der Homo sapiens 267 Gene ureigen für sich[2].

    Doch die Genstruktur der drei Netzwerke und wie wiederum diese sich auf die drei gematchten Arten verteilen, ist interessant.

    1. Die emotionale Kreativität unterscheidet sich beim Triumvirat comparationis nahezu nicht, mutmaßlich weil Netzwerk1 auf gemeinsame Vorfahren der Drei zurückgeht: „Dieses primitivste Netzwerk entwickelte sich schon vor rund 40 Millionen Jahren bei Menschenaffen und Affen“.
    2. Selbstkontrolle (Netzwerk2) und Selbstbewusstsein (Netzwerk3) sind hingegen beim Schimpansen kaum und Neandertaler nur teilweise auszumachen; ihre genetische Basis dürfte sich daher v.a. in den 148 von sapiens und Neandertaler geteilten und zuvorderst und am Ausgeprägtesten in den rein sapienten 267 Genen niederschlagen.

    Lustig noch zu erwähnen, dass besagte 972 detektierte Gene mitnichten an prominenter Stelle vorgefunden wurden, quasi die „genetische Krone“ zieren, offensichtlich nur das Beste des Besten darstellen. Nein, man fand sie inmitten der – dem Namen nach reichlich zweitklassigen – Junk-DNA! Etwas wichtiger bezeichnet Als “nichtcodierende Desoxyribonukleinsäure“. Die Studienforscher*innenehrenretten die Junk-DANN als eigentlich doch ganz tollen Fundort so:

    Ihre spezifischen Funktionen sind größtenteils unklar. Man vermutet aber, dass sie komplexe Prozesse der Anpassung, Plastizität und Gesundheit koordinieren, indem sie die Ko-Expression anderer Gengruppen regulieren.

    Wer reguliert die Regulatoren?

    Sinn fürs Chaos

    Anteilig größtes Hirn aller Lebewesen, hinzu kreativitätsförderliche Junk-DNA – Homo sapiens ist schon ziemlich verhätschelt mit nützlichen Gimmicks. Daher wundert es nun nicht mehr, wenn noch mehr einzigartig an ihm ist und ihn noch vor jedweder Künstlicher Intelligenz zur biologischen Singularität macht. By the way: deshalb schmollt er ja auch so ängstlich, dass da was Einzigartigeres als er selbst bevorstehen könnte. Erschaffen aus seinem Netzwerk3, was ihn letztlich selber abzuschaffen beigetragen hätte.
    IN den Proceedings of the National Academy of Sciences ist eine weitere Studie erschienen, die sich dem Sinn fürs Geometrische annimmt und im Mismatch von Leuten wie uns, von übermäßiger Zivilisation verschonter Indigener sowie den letzten Pavianen abzuklären versucht, wer was am besten kann.
    Ich fasse mich hier extrem kurz, denn das Fazit ist nur halb überraschend: Hochkulturelle Zivilisationskinder wie du und ich sind, selbst wenn es Geometrie in Mathe nie hat vermuten lassen, fit und geübt darin, „unnatürliche“ geometrische Formen und Muster zu erkennen und uns an ihnen zu orientieren. Aber auch Indigene, die in noch nicht am Reißbrett geometrisierter Lebens- und Sozialräume agieren, kommen mit Ecken und Kanten, Hypotenusen, Dreiecken und Co gut klar. Nur der arme Pavian weiß nicht, wie ihm geschieht.
    Daher die Einsicht der Forschenden: „Möglicherweise sind wir die einzige Spezies, für die die Regelmäßigkeit einer geometrischen Form einen Unterschied macht – und die daher Geometrie zu schätzen weiß.“
    Nur indem Mensch sich eine übernatürliche geometrische Welt hat ausdenken und zugänglich machen können, konnte er sich – hiermit von mir behauptet – mittels dicker Schädel, größtmöglicher Hirne, selbstkontrolliert-selbstbewusster Kreativität schlussendlich Kultur in all den vielfältigsten Facetten schaffen, über Natur hinausgehend, an ihr vorbei, bis hin in die Untiefen seiner Simulationsgesellschaft!

    Summa summarum

    Hoch veranlagt, talentiert, mit Potenzial. Homo sapiens ist stets bemüht gewesen, meist aber nicht bei der Sache, üblicherweise unkonzentriert und unaufmerksam. Größtenteils harmlos zwar, aber in seiner Schludrigkeit ohne Sinn für die Details sowie das Grobe, verliert sich überkompensativ in dem Einen oder dem Anderen und wird dann schnell hastig. Übersieht so zu oft das Offensichtliche und überbetont hartnäckig das nur zufällig Wahrgenommene als wichtig. Müsste sich mal zusammenreißen und ad rem finden, dann wird aus ihm sicherlich noch etwas geworden sein.


  • Die NOCH „mit uns“ leben; in einer eigentlich doch in so vielem gemeinsam geteilten Welt, wo jedoch nur noch 3% der Ökosysteme als Lebensräume intakt sind, weil der sich nur selber noch „weise“ nennende Mensch schlimmer als ein Asteroiden-Einschlag auf die Biosphäre einwirkt. Wobei man des Menschen Bio- und Ökozidieren wie Wolfgang Kießling nicht mit dem Impact des Dino-Aussterbens, sondern dem größten der bisher fünf Massenaussterben vergleichen sollte, das am Übergang zur Trias geschah, infolgedessen langsam die Dinosaurier die Herrschaft antraten.

  • Ich bin untröstlich, aber bei mir ergeben 509 +148 +267 partout NICHT 972, sondern nur 924. Falls die dem Scienexx-Artikel entnommenen Zahlen denn als Grundlage korrekt sind, ist die Summe 972 falsch oder es gibt noch 48 eigensinnige Gene, die man nicht zuordnen konnte und daher auch nicht nennen wollte.
  • Dummer Mensch und verdummtes Vieh

    Hallo Mitwelt!

    Eine – auf den ersten Blick – skurril anmutende Untersuchung ist mir untergekommen, die ich hier teilen möchte.

    Eine Studie der Evolutionsbiologin Ana Balcarcel in „Procedings B“ der Royal Society beschäftigt sich mit der Größe von Rinderhirnen. Warum auch nicht – der Mensch äugt schließlich auch ständig argus in seine eigene „Schaltzentrale“, wieso dann nicht auch in die anderer Tiere.

    Frage hierbei, inwieweit die Hirngröße davon abhängt, ob und wie sehr die Rinder domestiziert, sprich zu Haustieren geworden sind bzw. durch den Menschen dazu gemacht wurden.

    Untersucht wurden 71 Hausrindrassen und an 317 Exemplaren wurden Schädelmessungen vorgenommen. Und die klar zutage tretende Formel der Korrelation lautet: Hirngröße =Intensität menschlichen Kontakts und Aggressivität der Tiere. Mit welcher Grundrechenart man das „und“ auffüllen muss, sei für die Faustformel mal hintangestellt.

    Als Indexwert haben Balcarcel et al. Den Ur, bekannter als Auerochse oder bos primigenius festgesetzt. Zwar schon seit Jahrhunderten ausgestorben – hat das Zusammenleben mit dem Menschen nicht länger ausgehalten -, aber anhand von 13 fossiler Schädel erwachsener Exemplare konnte man die neuronale Benchmark ermitteln, an der sich alle Hausrinder nunmehr zu messen hatten.

    Das Ergebnis im Überblick:

    • Im Durchschnitt aller 71 Hausrinderrassen haben diese ein um 25% kleineres Gehirn als der olle Ur;
    • die Gehirne von Stierkampfrindern im Vergleich zu denen ihrer wilden Vorfahren sind hingegen nur um 15 Prozent kleiner;
    • diejenigen von – mittelmäßigsten – Mastrindern um 25 Prozent und
    • die von Milchviehrassen um 31 Prozent.

    Je intensiver der menschliche Kontakt, genauer zu sagen: die menschliche Ausnutzung der Rinder, desto eingeschrumpfter deren Hirne. Lerne: Tier, halte dich fern vom Homo sapiens, der sich deshalb für weise hält, weil er seine Mitlebewesen mutwillig verdummen lässt. Und wenn man die Leuchten ringsherum ausknipst, erscheint selbst eine Funzel strahlend. Gratuliere, stramme Leistung. Der Mensch führt – anthropogen also – zur domestikationalen Verdummung: Indem er die Tiere sich seiner Lebensweise angleichen lässt, sorgt er dafür, dass er Herr sein kann, indem er neuronal die Tiere verkümmern lässt, die dann gar nicht mehr anders können, als weiter sklavisch unter seiner Fuchtel zu bleiben.

    So wie im „Perryversum“ der Perry Rhodan-Heftromanserie der Schwarm in die Milchstraße rückstürzte und alle bis dato Intelligenzwesen verdummen ließ, so ist neolith der Mensch exponentiell über die Tierwelt gekommen. Nur, um im Bild zu bleiben: Gibt es denn diesseits der Realität Immune innerhalb der „tierischen Galaktiker“, die dem Menschen-Schwarm widerstehen und ihn überwinden können?

    Angesichts der studienbezeugten Hirnschrumpfung der Rinder ist fraglich, ob der Frosch in Phaedrus‘ antiker Fabel Rana Rupta Et Bos der aufgeblasene (und schließlich platzende) Depp ist oder doch das anscheinend bereits menschgemacht stumpfsinnige Rindvieh, das nichts für seinen Zustand kann.

    Zynismus Pause: nochmal zur Studie. Kleineres Hirn mag ja ungünstiger für intellektuelle Höhenflüge sein – dennoch kommt es ja schon noch darauf an, was denn da im Hirn „weniger“ wurde, vom Menschen zurück- bis weggezüchtet worden ist. Einsicht der Wissenschaftler: es ist das limbische System. Das zeichnet v.a. für Emotionen verantwortlich, gilt aber auch als Hort für die Entstehung von Triebverhalten, ja selbst intellektuelle Leistungen werden dieser Hirnregion großzügig zugesprochen. „Limbus denkt mit!“ D.h., dass vorgesorgt wäre und wir in Bälde keinen Umberto Bosco, Jürgen Bosermas oder Donna Bosaway in den Diskurs integrieren müssen. Intellektuell bleibt es fürs Rindvieh ein Dunkles Zeitalter…

    Allen voran Emotionen sind es also, die das gemeine Rind nicht mehr so hirnexzessiv durchlebt. Warum? Ich nehme an, weil man im Zuge der Züchtung immer die ruhigeren der Art ausgewählt hat, die sozusagen pflegeleichteren, die man auf dem Bauernhof schlicht besser händeln oder beim Almauftrieb besser kuhglöckeln konnte. Vermutlich waren das natürlicherweise schon diejenigen Rinder, die ein weniger ausgeprägtes limbisches System hatten, was sich dann nur noch verstärkt hat. Verstärkt hier freilich im Sinne, dass der emotionale Abbau mit Rückbau des limbischen Systems stetig einhergegangen ist. Ausnahme die Kampfstiere, die sowohl am wenigsten direkten Menschenkontakt haben als auch ihre Emotionen in Form vor allem von Aggression ausleben können respektive menschgewollt zwangsweise müssen. Wenig verwunderlich daher, wenn diese Art Stiere – OBACHT: nur männliche Exemplare also! – den geringsten Hirnabbau erleiden mussten, weil da ab und an das limbische System herausgefordert worden ist.

    Das Triebverhalten des Weiteren geprägt im limbischen System: Wann und wo können denn v.a. Mast- und Milchviehcher Triebe ausleben? Die werden steril von Menschenhand (oder inzwischen Robotern?) besamt und unter möglichst klinischen Stallbedingungen gehalten. Kühe bekommen ihre Kälber frühestmöglich weggenommen, sodass sich auch hier bloß keinerlei Emotionalität ergeben und auch kein „Muttertrieb“ ausbilden kann. Und, noch zu ergänzen, auch Endorphine werden durchs limbische System ausgeschüttet, was somit auch rigoros unterbunden wird. „In meinem Blut werfen die Endorphine Blasen“, hätte niemals je ein Rind texten und singen können. Solche Zeilen sind menschlich, allzu menschlich!

    Mensch, Mensch, was eine widernatürlich krasse Verstumpfsinnigung des Lebendigen