Volker Lechtenbrink, der Terraner – IN MEMORIAM

Hallo Mitwelt

So beginnt also dieser Tag. Da klicke ich mich durch die RSS-Feeds der Zeitungen und muss lesen,

Doch damit für heute leider nicht genug: im viel zu früheren Alter von 77 Jahren ist laut SPON und ZON der Schauspieler, Sync hronsprecher, Intendant, Regisseur, Texter, Country- und Schlagersänger, kurzum der inszenatorische Tausendsasser[1] Volker Lechtenbrink nach schwerer Krankheit verstorben. In den Meldungen und ersten nachrufen wird er zuallererst für den deutschen Antikriegsfilm Die Brücke hochgeschätzt, obwohl der von 1959 stammt und der damals erst 15jährige Volker Lechtenbrink bis zu seinem Tod vieltätig geblieben ist in den gut 60 Jahren seither. Ich gestehe: als Banause von quasi allem, das er betrieb, wäre er mir schlicht entgangen, hätte ich keine aktive Erinnerung an ihn. Kann mich beispielsweise nicht daran erinnern, dass wir Die Brücke in der Schule als Pflichtfilm geguckt hätten. Vielleicht hatte ich da aber auch bloß Männerschnupfen oder mangels Angesprochenwordensein ist er der Erinnerung entrückt.

Gerühmt wird er jedoch auch für seine tiefe, markante, sonore Stimme, die unverwechsel- und unverkennbar gewesen sei. Und hier habe ich dann doch endlich auch für einen Großen der deutschen Schauspielszene ein offenes Ohr. In wie vielen Hörspielen er mir – ggf. nur am Rande – begegnet, in den Gehörgang gelaufen ist, weiß ich nicht. Dass er es aber tat, ist haluterdrangwäschenfest sicher. Und zwar als niemand geringeres als der Serienheld persönlich, als the special one and only uns Perry, unser Mann im All, als die Synchronstimme für Perry Rhodan himself. Und zwar in den zweiundvierzig Hörspielen des Sternenozean-Zyklus nach (komprimierter) Vorlage des gleichnamigen Heftroman-Zyklus der Bände 2200-2299! Damit war Volker Lechtenbrink für mich nun wirklich nach Klang und Rang markante Stimme inmitten des Perryversums, wo er – nunmal durch und durch Serienheld – in führender Rolle auch reichlich Sprechzeit bekommen hat an der Seite Atlans (Volker Brandt).

Ich erinnere mich allerdings auch an ein Interview mit beiden Volkers im Anschluss an die ausgiebige Produktionszeit. Während Volker Brandt sich interessiert an Serie und eventueller Fortführung als sprechender Teil von ihr gezeigt hatte, war – damals nahezu empörend! – Volker Lechtenbrink trotz exponierter Rolle wenig angetan an einem Weiter. Schade, denn Volker L. hatte mir – ich gebe es zu – stimmlich für DIESE EINE Rolle besser gefallen, hat sie mit der ruhigen Tiefe der Stimme, die immer besonnen, immer Herr der Lage schien, ausgezeichnet ausgefüllt und belebt. Ja, so hätte ein, etwas älter als nur 36jähriger Perry mit Jahrtausenden an lebenserfahrung klingen können. Das war überzeugend, das war eindrücklich, das war sehr gut!

Vermutlich gibt es den gesamten Zyklus bei den üblichen Streamingverdächtigen, wo ich nicht bin. Auf CD gibt es sie nur noch gebraucht; wer sie als MP3-Download gerne hätte, wird bei Lübbe Audio fündig. Dort heißt es: Das große Hörabenteuer – Gesprochen von Volker Lechtenbrink Als wenn er alleine die polyphonen Aufnahmen gestemmt hätte;-)

Bei einer späteren Hörspielserie aus dem Perryversum, den 10 Folgen der Plejaden-Hörspiele hatte ich, ohne zuvor auf die Sprecher*innenriege geachtet zu haben, zunächst den Eindruck, Volker Lechtenbrink wäre doch nochmal zu Perry Rhodans Mund geworden. Doch nein, eine nur beim ersten Hinhören vergleichbar markant-sonore Stimme spricht unseren Mann im All: Torben Liebrecht.

So markant Volker Lechtenbrink der Serie für einen vollen Zyklus seine Stimme geliehen hat, quasi einen unüberhörbaren Mundabdruck hinterließ, so wenig er dieses Projekt für besonders gehalten hat, so sehr bleibt er mir hierüber in hörbester, stimminszenatorisch gelungenster Erinnerung. Daher erhebe ich auf ihn meinen Kakaobecher, spitze in Anerkennung die Ohren, zolle ihm neben sooo vielen anderen Rollen auch für die des Perry Rhodan Respekt und wünsche IN MEMORIAM und nur besten serienfannischen Sinne

AD ASTRA TERRANER


  • EDIT am 24.11..2021 mit Einfügung dieser Fußnote, um 1. Zu korrigieren, dass er 1959 bei Die Brücke nicht schon 17, sondern erst 15 Jahre jung war; 2. Zwei nachrufe auf ihn ergänzt: von Arno Frank bei SPON Und von Volker Weidermann bei ZON, demnach Lechtenbrink ein “Volkskünstler“. gewesen war.
  • Feine Unterschiede

    Hallo Mitwelt

    Um die ungeschriebene Stille des Blogs schriftlärmend zu füllen und so die trotz üppigster Themen und Ideen Schreibblockade auszutricksen, greife ich als altgedientes Schriftgut zurück. Auf längst Geschriebenes, das ich im blogbekannten Recycling auferstehen lasse. Hoffentlich lesbarer und lesenwerter als ein Lektürezombie. Speziell dieses Posting ist dann Recycling-Auftakt einer unbestimmt regelmäßigen Reihe, wo ich studiose Machwerke rauskrame und hier einstelle. Klarer Schwerpunkt ein soziologischer, worauf ich dann jenseits von Wiki verweisen kann.

    Im konkreten Fall handelt es sich um eine ausgeführte Antwort auf eine mitabgedruckte Frage von einigen. Ich habe nur HTML codiert ein wenig Form hineingebracht, exakt zwei Tippfehler korrigiert und ansonsten reichlich Links gesetzt. Diese vertiefen detailliert die Ausführungen – wer sich zu Mehrwissen ermutigt fühlt, kann linkisch in die Untiefen fragenproduzierenden Wissens vorstoßen. Wiki weiß weiter! Nun denn zu einem jungen, dennoch leider bereits verstorbenen Klassiker der Soziologie…

    Pierre Bourdieu – von Klassen, Kapitalien und Lebensstilen

    Pierre Bourdieu schließt in seinem Ansatz an die Klassentheorie von Karl Marx an. In welcher Weise kommt dieses Erbe in seiner Theorie zum Ausdruck und inwiefern geht er darüber hinaus? 5Punkte

    Der frz. Soziologe Pierre Bourdieu knüpft auf zweierlei Weise direkt an Marx an: Zum einen konzipiert er sein Modell des sozialen Raumes vertikal auch entlang von Klassen, wenn er diese jedoch von zwei auf eine dritte erweitert und diese auch manifest bleiben (und nicht wie das Marxsche Kleinbürgertum im Proletariat schlussendlich aufgehen lässt; zum anderen greift er auf Marx‘ Begriff des Kapitals zurück, erweitert diesen jedoch erheblich, so dass das ökonomische Kapital nur noch eine von vier Ausformungen ist.

    Bourdieus Gesellschaftsmodell (das er für Frankreich der 60er und 70er Jahre empirisch fundierte, aber auch auf alle Klassengesellschaften anwendbar hält) ist dreidimensional konstruiert (und geht allein in solcherlei Grundlegendem über Marx weit hinaus). Auf der vertikalen Achse der Strukturebene werden die (nach Wahrscheinlichkeiten gebildeten) Klassen, vor allem aber die sozialen Positionen abgetragen. Auf der horizontalen Achse der Handlungsebene finden sich die Lebensstile wieder. Auf der applikaten Achse der Zeitebene wird die soziale Laufbahn abgetragen.

    Der soziale Raum der Gesellschaft ist weiterhin unterteilt in die beiden Subräume der objektiven sozialen Positionen sowie der subjektiven Lebensstile, die getrennt voneinander durch den Habitus der jeweiligen Person verbunden werden. Mit Habitus ist die inkorporierte Sozialisation gemeint, also die im (Zeit-)Verlauf der Sozialisation angeeigneten und internalisierten, quasi körperlich / fleischgewordenen Werte und Verhaltens- wie Handlungsweisen. Der Habitus prägt also Praxis und deren Formen einer Person.

    Soziale Positionen wiederum hängen objektiv von dreierlei ab:

    • 1. Dem Kapitalvolumen als Quantität aller Kapitalsorten (s.u.), deren Veränderung eine Person vertikal auf- oder absteigen lässt im sozialen Raum;
    • 2. Der Kapitalstruktur, also der anteiligen Verteilung der drei Kapitalsorten untereinander, deren Veränderung eine Person horizontal zwischen Gruppen/sozialen Feldern im sozialen Raum wechseln lässt;
    • 3. Der sozialen Laufbahn, die in diachroner Perspektive Veränderungen unter 1. Und 2. in Form von Positionsveränderungen im sozialen Raum anzeigt und somit als (vorerst einmal nur personaler-/mikro-)dynamischer Prozess zu verstehen ist.

    Während man im Raum der sozialen Positionen um insbesondere ökonomisches und kulturelles Kapital ringt, kämpft man im Raum der Lebensstile um symbolisches Kapital.

    Welche Kapitalsorten gibt es nun? Deren vier, die z.T. bereits erwähnt wurden:

    • Erstens das ökonomische Kapital, mit dem Bourdieu nahe bei Marx ist, da hierunter ebenfalls Besitz/Eigentum gemeint ist, aber auch ganz allgemein jede Art von Geld oder in Geld transformierbare Besitzstände und keinstenfals nur Produktionsmittel. Besitzgüter wie Bücher oder Musikinstrumente bedürfen jenseits ihrer Inbesitznahme jedoch noch weiterer Kapitalien, um sie jenseits rein fiskaler Wertigkeiten anwenden zu können.
    • Zweitens das kulturelle kapital, das dreiförmig ist: A) Inkorporiertes Kulturkapital, im Zeitverlauf der Sozialisation in sich aufgenommene Bildung und Wissen, für die man jedoch Aufwand betreiben musste und das daher nicht einfach so übertragbar ist. Welches und wie viel man an Bildung und Wissen aufnehmen kann, hängt jedoch stark von der familiären Herkunft und der familiaren Klassenzugehörigkeit ab.
      B) Objektives Kulturkapital in Form von Kulturgütern wie Musikinstrumenten oder Büchern, die man sich mittels ökonomischen Kapitals hat zulegen können, deren Bedeutung jedoch nur mittels inkorporierten Kulturkapitals adäquat erfasst und erschlossen werden kann. Diese Kapitalie kann man zwar durchaus weitergeben, aber sie wird nur dann richtig angewandt werden können, wenn dem Käufer/Beschenkten entsprechend inkorporierte Voraussetzungen gegeben sind (sonst verstaubt das Buch ungelesen oder zwar gelesen, aber nicht verstanden im Regal). C) Institutionalisiertes Kulturkapital in Form von Zertifikaten, Auszeichnungen und sonstigen rechtlich anerkannten Nachweisen erbrachter oder angeeigneter Bildung oder Leistung, wofür jedoch auch Zeit aufzuwenden war, die im weiteren Werdegang jedoch gut in ökonomisches Kapital umgeformt werden kann (höherer Bildungsgrad verspricht höhere berufliche Tätigkeit mit mehr Einkommen).
    • Drittens das soziale Kapital, womit soziale Netzwerke und Personenkreise gemeint sind, mit denen man verkehrt, Beziehungen (pro-aktiv!) pflegt. Auch hier ist die Familie als Ausgangspunkt entscheidend, welche Kontaktnetze sie offeriert und ermöglicht, auf die man von Anfang an zurückgreifen und die man im Weiteren ausbauen kann. Alle drei Kapitalien sind unter- und ineinander konvertierbar, wenn auch in unterschiedlichem Grade und mit verschieden großem Aufwand.
    • Viertens sodann noch das symblische Kapital, womit Prestige und Anerkennung gemeint ist. Dieses fußt zwar notwendig auf den vorigen drei Kapitalien, geht aber (emergent) über sie hinaus, sprich Kapitalvolumen und/oder Kapitalstruktur alleine sagen noch nichts über die tatsächliche Höhe des symbolischen Kapitals aus. Wie oben gesagt, ist symbolisches Kapital im Raum der Lebensstile das entscheidende „Gut“.

    Di Bourdieuschen Klassen nun sind im Gegensatz zu Marx nur „wahrscheinlich“, auf gewisse Weise also „Klassen an sich“, denen sich der Einzelne jedoch nur diffus bewusst ist (also keine Klassen für sich), die ergo den Habitus desjenigen nur indirekt und vage beeinflussen. Da es folglich zu keinem Klassenkonflikt im Marxschen Sinne kommt, bei dem sich die Klassen für sich radikal gegenüberstehen, finden bei Bourdieu auch keine makrodynamischen Gesellschaftswandlungen statt, sondern im sozialen Raum der Klassen bewegen sich die Personen in quasi mikrosozialer Mobilität nach oben oder unten. Ähnlich wie Marx benennt Bourdieu jedoch die oberste Klasse auch als „herrschende Klasse“ und die unterste als „beherrschte Klasse“, dazwischen existiert jedoch manifest die mittlere Klasse des absteigenden, exekutiven sowie neuen Bürgertums, die sich lebensstil-expressiv und vermittelt des Habitus von unten abzusetzen versuchen, mindestens ihre erreichte soziale Position zu halten bemüht sind oder den harten und schweren Aufstieg im sozialen Raum auf sich nehmen, um der oberen Klasse näher zu kommen. Zwischen den Klassen bestehen ganz im Gegensatz zu Marx jedoch nur „feine Unterschiede“, die bei weitem nicht nur auf ökonomischen (Kapital-)Besitz beruhen und sich durch distinktive Praktiken auszeichnen. Wer den – analog zum topografischen Raum – steilen Aufstieg auf sich genommen hat und höher angekommen ist, macht sich dort durch die angestrengte Verkrampftheit bemerkbar, mit der er/sie sich dort oben nur halten kann, was sie/ihn von den Etablierten fein unterscheidet und so noch dort Unterschiede erkennbar macht, wo an sich ein- und dieselbe Klasse „bewohnt“ wird.

    Die entscheidenden Unterschiede zu Marx sind also, dass Bourdieu die übernommene Vertikalität des Modells erweitert, eine Horizontalität hinzufügt, diese beiden sogar noch um einen Zeitfaktor ergänzt, jegliche Konflikte von den makrologischen Klassen auf die Ebene mikrosozialer Kämpfe um „feine Unterschiede“ verlagert und somit ein ganz anderes Verständnis gesellschaftlicher Entwicklung zugrundelegt. Auch erweitert er rein objektive sozialstrukturelle Merkmale um subjektive auf der Handlungsebene in Form von ästhetisch-expressiven Lebensstilen, die sich u.a. durch Geschmack (beim Essen [wobei mehr bei der Art und Weise des Essens, nicht ob ein bestimmtes Essen schmeckt], bei Moden, usw.) ausdrücken.

    Ein kurzes Nachwort

    So viel also in komprimierter Textur zu Bourdieus Gesellschaftsverständnis und –modell, wie er es v.a. von den 1960er Jahren an erarbeitet hat. Gestorben 2002, ist er gewiss nicht der erste, auch nicht einzige, aber eben doch wirkmächtige Türöffner für eine Praxeologie

    …eine Praxistheorie des Handelns. Oben im Text nicht im Fokus rückt in praxeologischer Sicht der handelnde Mensch als sog. Akteur ins Zentrum. Als solcher jedoch nicht als Cogito ergo sum-Subjekt, der rein mit Kantscher Vernunft Homo oeconomisch durch und durch rationalisiert die Welt qua sapientem Willen gestaltet. Vielmehr steht der praxeologische Mensch mit all seiner Körperlichkeit, von der aus und mit der und durch die (generisch) er inmitten seiner Alltagswelt handelt, im Zentrum. In diesem Sinne ist er dann (Mit-)Produzent seiner Lebenswelt. Einerseits. Andererseits verkennt eine solche Sicht mitnichten, dass dieser Produzent gleichzeitig auch Produkt der Lebenswelt ist, in die er hineingeboren worden ist und durch die er stets aufs Neue reproduziert wird. Produzierendes Produkt und produzierter Produzent in Personalunion. Lebensweltlicher Konturierer, der handelnde Spuren hinterlässt, sowie lebensweltlich Konturierter, der wie eine Spur geprägt ist. Hierzu hat Bourdieu verdienstvollste Beiträge geleistet. Beiträge, die im folgenden Beiträgen anderen Denkschulen und Sichtweisen auf die soziale Welt entgegengestellt werden. Sobald nämlich nächstes Recycling ansteht…!

    Fremd, verfremdet, entfremdet

    Hallo Mitwelt

    Für mich als Entfremdeter in einer befremdenden Welt ein befremdlich bekanntes Thema diesmal zum Thema. Heute soll das Fremde / die Fremdheit(serfahrung) im Fokus der Betrachtungen stehen. Diese aber sehr wohl im Anschluss an die vier Dimensionen des Reiseberichts, der von der fremden Ferne kündet, wie ich sie beispielhaft an einer Reise Ijon Tichys durchdekliniert habe. Beides wird noch zusammengeführt…

    Rezensionale Quelle

    Heutige Einsichten sind wie letztes Mal erneut entlehnt und das wiedermal aus einer Rezension. Von Volker Scior auf hsozkult über Anna Aurasts “Fremde, Freunde, Feinde. Wahrnehmung und Bewertung von Fremden in den Chroniken des Gallus Anonymus und des Cosmas von Prag“ Die 2015 verfasste und 2019 publizierte Dissertation ist eine Fallstudie, die sich im Titel genannte Chroniken aus dem Hochmittelalter (frühes 12. Jahrhundert) annimmt: die „Cronicae et gesta crucum sive prinicipum Polonorum“ (Die Chronik und Taten der Herzöge und Fürsten von Polen) des Gallus Anonymus sowie die „Chronica Boemorumdes“ (Chronik der Böhmen) des Cosmas von Prag.

    Ich destilliere mir hieraus die profunde Leistung der Autorin. Sie hat nämlich ein in penibler Gründlichkeit zusammengestelltes Schema zur Wahrnehmung von Fremdheit(en) entwickelt, das sie dann mit auf die beiden hochmittelalterlichen Chroniken anwendet. Ziel ist es, auf diese Weise mit quantifizierter Genauigkeit herauszuarbeiten, welche Art von Fremdheit für die beiden Chronisten von erlebter Bedeutung war, worüber sich für sie zu berichten lohnte. Für mich soll im Weiteren die detaillierte Praxisanwendung des Fremdheitsschemas nicht wichtig sein – allein schon, weil ich von mittelalterlichen Chroniken, deren Zustandekommen und derlei keine Ahnung habe, womit ich solche Ergebnisse bemessen könnte. Ich werde – wenig blogverwunderlich – das entlehnte Schema das auf eigene Interessensbereiche verschieben und durchs Raster blicken, was zu erspähen ist.

    Fremdheiten

    Anna Aurast unterscheidet vier Fremdheitsbedeutungen, die sie sachgerecht von „fremd 1“ bis „fremd 4“ bezeichnet. Fremd ist demnach…:

    • 1. jemand oder etwas „der eigenen Gruppe nicht Zugehöriges“,
    • 2. auch etwas, das einem solchermaßen Fremden gehört,
    • 3. etwas, das „unbekannt / unvertraut“ ist oder
    • 4. „unverständlich / unerklärlich“. zitiert nach Volker Sciors Rezension

    Fremd 1-4 ordnet sie nun noch je sechs Dimensionen (Items) bei, die da lauten: räumlich, ethnisch-politisch, religiös, sozial, sprachlich sowie kulturell. Das Fremdheitsschema umfasst in Summe also vierundzwanzig Ebenen, die im Überblick so ausschauen:

    1. Fremd 1 „jemand oder etwas „der eigenen Gruppe nicht Zugehöriges“ in A) räumlicher, B) ethnisch-politischer, C) religiöser, D) sozialer, E) sprachlicher oder/und F) kultureller Hinsicht.
    2. Fremd 2 „auch etwas, das einem solchermaßen Fremden gehört“ und sich A) räumlich, B) ethnisch-politisch, C) religiös, D) sozial, E) sprachlich oder/und F) kulturell ergibt.
    3. Fremd 3 „etwas, das „unbekannt / unvertraut“ ist“ in A) räumlicher, B) ethnisch-politischer, C) religiöser, D) sozialer, E) sprachlicher oder/und F) kultureller Hinsicht.
    4. Fremd 4 „unverständlich / unerklärlich“ bleibt in A) räumlicher, B) ethnisch-politischer, C) religiöser, D) sozialer, E) sprachlicher oder/und F) kultureller Hinsicht.

    Schachbrettartig diagonal Fremd 1A bis fremd 4F, womit die Palette des Fremdmöglichen abgedeckt, klassifiziert und gezielt beobachtet werden kann. Anna Aurasts Befundung ist die, dass vor Ort der Chronisten, in deren chronistenpflichttreu festgehaltener Lebenswelt „fremd 1“ und „fremd 2“ am häufigsten / fast nur vorkommen, hingegen „fremd 3“ und „fremd 4“ nicht / kaum noch. Die vier Typen sind daher grob zweizuteilen: Fremd 1 und 2 beschreiben Fremde/s, die/das an den Ort der Beobachter*innen kommen/kommt und in der vertrauten Heimat befremdlich auftreten und erscheinen. Kurzum, Reisende treffen ein und bringen ihre Fremdheit mit. Demgegenüber sind Fremd 3 und 4 Fremdheitserfahrungen von Reisenden, die hinausziehen in die Welt und an anderen als ihnen vertrauten Orten zu den/zum Fremden gelangen bzw. es als fremd erleben, weil es so sehr von heimisch Vertrauten abweicht. Andersherum – und das ist ein Clou der Perspektive: Der Reisende, der anderswo als daheim Fremdheit 3 und 4 erlebt, wird für die bereisten Anderen ggf. zum Fremden 1 und 2 – es ist ein perspektivisches, letztlich also dialektisches Wechselspiel. Wer eben noch der in der Fremdferne befremdete Reisende gewesen ist, wird zum angereisten Fremden und umgekehrt.

    Fremd 1 und 2

    So bezieht sich fremd 1 vorzugsweise auf Personen, Tiere oder monströs anmutende Chimären, fremd 2 hingegen auf Gegenstände und sonstige Objekte solcher Lebewesen, die auch ohne deren Zugegensein oder Benutzung durch sie fremdartig sind und bleiben.

    An der Stelle möchte ich auf den “Exkurs über den Fremden“ vom Soziologen Georg Simmel eingehen: so könnte man einen Fremden sich so vorstellen, dass er einmalig erscheint, hereinbricht in die wohlgeordnete Heimat, als fremdartig wahrgenommen wird, sodann aber wieder entschwindet und nur noch befremdende Erinnerung bleibt. Ein Wanderer, der kaum gekommen auch schon wieder weg ist. Simmel konzipiert den Fremden jedoch soziologisch andersherum. „Die Bewohner des Sirius sind für uns keine Fremden, denn sie stehen jenseits von fern und nah.“ Demnach sind Fremde nicht aus der Ferne gekommen, um (schnell) wieder zu gehen, sondern gekommen, um nahebei zu bleiben. Aus (Vorbei)Wanderern werden Einwanderer! Erst mit ihrem Verbleib können sie zu Fremden werden, da erst mit der Zeit ihrer Gegenwart das Fremd(artig)e an ihnen hervortritt, adressierbar wird und für die Ansässigen in der wahrgenommenen Abweichung (Devianz) an Bedeutung gewinnt. Sie bringen eine neu-, als fremdartig empfundene Qualität mit ins relativ Homogene der Ansässigen, diese sich mit der Zeit einander angeglichen haben. Als fremd erweist sich so ein Fremder schon durch seinen „objektiven“ Blick, der noch nicht dem lokalen Maßstab entspricht, sondern exogen (von außen stammend) geprägt ist. Die Urteile des Fremden über die Welt weichen (noch) zu sehr von denen der Ansässigen ab, um AUF DAUER akzeptabel zu sein. Als Wanderer, der in Bälde wieder weg sein wird, mag er anders aussehen, denken und sein, wie er noch so skurril will; als Hinzugekommener fällt die von außerhalb stammende Weltsicht auf. Als ein Beispiel einer in Kürze als Streaming-Serie umgesetzten Fantasy-Vorlage – Das Rad der Zeit: Wenn der Fahrende Händler Padan Fain nach Emondsfelde kommt, bringt er allseits ersehnte Waren mit, genauso gut aber auch Informationen über die Welt außerhalb der abseits gelegenen Zwei Flüsse, die im beschaulichen Dorf nicht jede*r hören mag. Als Händler – auch diesseits der Realität – weiß er mehr, ist nicht provinziell verwurzelt, sondern als Durchreisender vieler Orte weltbewandert – oder wirkt wenigstens so auf die Dörfler. Simmel apostrophierte als solchen Schlag händlerischer Fremder vor allem Juden. Wobei wichtig zu erwähnen ist, dass er selber Jude war. Ob das Juden derart je waren oder nicht, ist hier historisch nicht zu ergründen. Jederzeit drohen hier ohnedies antisemitische Verstrickungen, wogegen von vornherein die Verschwörungsfragen zu empfehlen sind!

    Zu Fremden werden diejenigen wie Händler*innen schlussendlich infolge eines Halo-Effekts. Damit ist sozialpsychologisch ein Effekt gemeint, bei dem man überzeichnend (kognitiv verzerrt) von einer erkennbaren Eigenschaft von jemanden auf die gesamte Person und Persönlichkeit rückschließt. Im positiveren Fall meint man, jemand sei zum Beispiel von Grund auf gut und nett, weil er/sie (auf den ersten Blick) sympathisch wirkt, was man ggf. an oberflächlichen Kleinigkeiten wie einem Lächeln beim ersten Kontakt festmacht. Wie zufällig, aus der Reihe oder/und gekünzelt dieses Lächeln ggf. sein mag, wird unterschätzt. In so einem Fall ist Halo- als Heiligenschein-Effekt im gutgemeinten Sinne zu verstehen. Anders – und nun kommen die Fremden ins Spiel – wird genauso überzeichnet, jedoch nicht zugunsten der halo-effektiven Person, sondern anhand irgendeines Merkmals, das missfällt, negativ auf den ganzen Menschen geschlossen. Ein solcher Halo- ist dann ein Teufelshörner-Effekt und durch und durch unheilig für die Person. Ließe sich ein solcher Ersteindruck gut korrigieren und reparieren, wäre das freilich halb so schlimm. Doch neigen Halo-Effekte dazu, beharrlich zu sein. Im Heiligenschein-Fall eher angenehm und nutzbringend fortzuführen, im Falle der Teufelshörner nichts als teuflisch.

    Einmal teufelshörnig stigmatisiert, werden die Fremden zu Außenseitern, die als nicht hineinpassend verkannt und so außen vor gehalten werden. Dass es nicht die fernfremdesten Fremden sein müssen, die teufelshörnig zu Außenseitern gestempelt werden, sondern auch in sehr vielem sehr ähnliche Menschen, hat die berühmte Studie über Etablierte und Außenseiter von Norbert Elias und Kollegen nachdrücklich untersucht. Ich will das hier gar nicht ausbreiten, empfehle nur, zumindest den Wikipedia-Eintrag zu lesen und so bereichert an Erkenntnis aus der Lektüre zu gehen. Das Entscheidende ist, dass die sogenannten, sich selbst so inszenierenden Etablierten die Dauer ihrer Ansässigkeit vor Ort als maßgebendes Kriterium nehmen. Die während dieser Dauer gepflegten Praktiken des Umgangs gelten sodann als Maßstab, an dem die Hinzugezogenen strengstens gemessen werden. Hieran können diese mangels ausreichender Praxis und Einführung in diese nur scheitern, egal wie gleich sie ansonsten bezogen auf Aus-/Bildung, Einkommen u.Ä. sein mögen. Was normal ist, als maßgebende Norm zu gelten hat, geben die Etablierten vor. So wird fremd, selbst wer eigentlich gleich ist, schlicht weil in einem Übermaße FEINE UNTERSCHIEDE zu unüberwindbaren Grenzen GEMACHT werden, hinter denen die Neuankömmlinge als Außenseiter verharren müssen! Ohne durch die Etablierten(!) ausgestellten und ergo zugestandenen Passierschein A38 geraten die Fremden im Außenseits in die (Aus)Sortiermaschinen der Etablierten.

    Fremd 3 und 4

    Fremd 3 muss sicher nicht, nimmt aber gewiss mit räumlicher Distanz von den bekannten und vertrauten Orten zu, kommt mutmaßlich vergleichsweise seltener hinein ins Bekannte. Fremd 3 ist eine Fremdheit in der Ferne. Fremd 4 wiederum ist, so meine Einschätzung nach letztmaliger Analyse von Tichys Reisebericht und Olofs Ausführungen bei Ungeheuer Vernünftig, die Fremdheitsform schlechthin für Lem. So mag zeitweise das angetroffene Fremde bei Lem zunächst noch nur „fremd 3“ sein, also unbekannt und unvertraut sein. Doch bleibt das nicht so, ist nicht bloß Durchgangszustand auf Zeit, nicht interstellare Statuspassage aus dem unbekannt-unvertraut Fremden ritualisiert umgewandelt hin zum Bekanntgewordenen. Vielmehr endet es bei Lem i.a.R. resonanzlos in fremd 4, demnach das Fremde trotz (anthropozentrisch) wissenschaftlicher Bemühungen unverständlich und unerklärlich bleibt; man – für mich am Eindrucksvollsten in Der Unbesiegbare, multimedial am berühmtesten in Solaris durchgespielt – vor dem Fremden verständigungslos kapitulieren und sogar den Rückzug antreten muss. Mit guter Absicht, jedoch vereinseitigend anthropozentrisch treten die Menschen dem vorgefundenen Fremden mit ihren geerdeten (Moral!)maßstäben entgegen, ungeprüft, unhinterfragt, ob / wie gut diese Maßstäbe aufs Fremde geeicht sind, ob die Messschablonen darauf evaluiert worden sind. Mit Lems Worten aus Solaris: „Wir wollen gar nicht den Kosmos erobern, wir wollen nur die Erde bis an seine Grenzen erweitern.“ Das frühste Beispiel hierfür: Gast im Weltraum – Lems dritter SF-Roman aus dem Jahre 1955, wo das Generationenraumschiff GÄA viel von der Erde mitnimmt, um kein entfremdender Ort zu sein / werden. Z.T. ganze Gartenlandschaften, wenigstens in „videoplastischer“ Simulation, die dem Star Trekschen Holodeck verdammt nahekommen. Auch ein Universum weiter, im sog. Perryversum der Perry Rhodan-Serie gehört zur Grundausstattung von Anfang an auf dem Omniträgerfernschiff RAS TSCHUBAI die Park- und Freizeitlandschaft OGYGIA dazu, benannt nach der mythologischen Insel. Einstmals flogen Raumschiffe im Perryversum als bloße Stahlkugeln ohne jeglichen Komfort durchs All, was sich zur biopsychosozialen Erbauung der Besatzung längst geändert hat.

    Zeitverzerrte Fremdheit

    Verschachtelter das Fremderleben in Lems Transfer aka Rückkehr von den Sternen. Hier gelangt nach Raummission Hal Bregg zurück zur Erde, für ihn erlebt nur nach wenigen Jahren, die aufgrund von Zeitdilatation auf der Erde zu 123 Jahren geworden sind. Für ihn ist nicht nur alles Vertraute in der Zeit hinfort, selbst alles sozialstrukturell Bekannte hat sich in seiner Abwesenheit so fundamental metamorphisiert, dass er als Erdmensch auf Erden zum Fremden in einer Fremden Welt wird. Ganz nach dem eingangs gelinkten Titel von Robert A. Heinleins berühmten Meisterwerk, bereits 1961 in jedoch um ein Viertel gekürzter Version erschienen, 1991 vollumfänglich posthum herausgegeben. Lems Rückkehr von den Sternen erschien – schau an ! – ebenfalls 1961! Mal wieder eine faszinierende Konvergenz der Geschichten, die in des Menschen Kern vom Gleichen erzählen, dem Fremd(geworden)sein. Besagte Doppelperspektive von fremd 1 und 2 versus fremd 3 und 4, dass die Art des Fremdseins beobachterrelativ ist und man vom einen in den anderen Fremdzustand geraten kann, wird in Lems Werk in eindrücklicher Dichte geschildert. So entfremdet Bregg das vormals vertraut Heimische geworden ist, so befremdlich fremdanders wirkt der hochgewachsen maskuline Hal Bregg auf die aggressionslos gewordenen, emotional ausgeglichenen Menschen. Sie sind einander fremd 4, zunächst völlig unverständlich und in ihrem Handeln, ja dem gesamten Lebensstil unerklärlich. Im Laufe der Erzählung mäßigt sich das hin zu „fremd 3“, Bregg vermag sich einzupassen, gerät aber auch an eine Frau dieser Zeit, die ihn doch so annimmt, wie er als aus der Zeit gefallenes menschliches Relikt ansonsten erscheint. Hier also eine entgegengesetzte Fremdheitsentwicklung zu Der Unbesiegbare. Dort Hoffnung durch Wissenschaft zur aneignenden Annäherung zu gelangen, die zerplatzt; hier aus anfänglicher Hoffnungslosigkeit totaler Entfremdung zum versöhnlichen personalen Ankern im Fremden gelangt.

    Die Menschen dieser „Transfer“-Zukunft scheinen mir eine Umerzählung der Eloi zu sein, die sich emotional apathisch von Robotern sämtliche Arbeiten abnehmen lassen. Demgegenüber wirkt Bregg wie ein arbeitskräftiger, anpackender, emotionaler Morlock. Morlocks wie Eloi sind die hinkünftig gedachten Menschen(rassen?), die sich H. G. Wells in Die Zeitmaschine imaginierte, wie sie im Laufe von Jahrzehntausenden aus immer auseinander klaffenderen Klassenunterschieden hervorgegangen sind. Während Eloi und Morlocks sich auseinander entwickelt haben, obwohl sie zur selben Zeit auf einer gemeinsamen Welt leben (gelebt haben werden), reißt bei Lem die Zeit Klüfte auf zwischen Bregg und den Menschen, obwohl sie auf einer Welt zusammenfinden.

    Schematische Ergänzung

    Diesen Beobachtungen gemäß wäre science fictional dem Aurast-Schema daher noch eine siebte Dimension hinzuzufügen, die für Fremd 1-4 von Relevanz ist: die Zeit! Eventuell könnte man sie zum Raum ergänzen, Raum-Zeit, die physikalisch vierdimensional verschmolzen ist. Andererseits wird sie dann eben doch menschlich getrennt empfunden – dort der dreidimensionale, materialisierte Raum, da die eindimensionale, linear vorwärts verlaufende Zeit. Weil Zeit Macht ist (WDR-Lebenszeichen, abrufbar bis 20.08.2022), ist die Macht, die Zeit zu beherrschen, sie auch rückwärtsläufig zu zwingen, science fictional ein Topos par excellence. Zurecht hatte Das Science Fiction Jahr 2010 dem Thema den Schwerpunkt gewidmet. Unter dem Titel Wenn gestern morgen ist – Zeitmaschinen, Zeitreisen und Zeitparadoxien in Science und Fiction breitet in zeitdilatierender Umfänglichkeit Rüdiger Vaas aus, wie und auf welche Weise Zeit in der SF gebeugt, manipuliert, beherrscht oder zum gnadenlosen Gegenschlag angestachelt wird. Ergänzt all das um den Stand des Wissens über die Zeit in der Physik. Ich habe nur das eBook vorliegen, kann daher den Seitenumfang nicht abmessen, der aber gutmöglich einen Heftroman füllen könnte. Wells‘ Zeitmaschine war demnach nicht die erste ihrer Art, selbst sie aus dem Jahr 1895 hatte noch Vorläufer.

    Der Garten der Pfade, die sich verzweigen, ist ein zwar unvollständiges, aber kein falsches Bild des Universums … unendliche Zeitreihen … ein wachsendes, Schwindel erregendes Netz auseinander- und zueinanderstrebender und paralleler Zeiten. Dieses Webmuster aus Zeiten, die sich einander nähern, sich verzweigen, sich scheiden oder einander jahrhundertelang ignorieren, umfasst alle Möglichkeiten. In der Mehrzahl dieser Zeiten existieren wir nicht; in einigen existieren Sie, nicht jedoch ich; in anderen ich, aber nicht Sie; in wieder anderen wir beide.

    Jorge Luis Borges (1941, nach Rüdiger Vaas im SF-Jahr 2010

    Mit dieser Metapher, einer sich irrgartenhaft labyrinthisierenden Zeit, spielt die SF seit eh und je. Da wird in Raumzeitfaltungen verlorengegangen; Feinde in Raumzeitfallen gelockt wie Mäuse zum Käse; da wird – entgegen des Physikmöglichen – in der Zeit zurückgereist und sich zutiefst in Großvater-Paradox verwickelt; oder „es geschieht, weil es geschah“, nur durch das zeitreisende eingreifende Handeln konnte vergangenheitlich entstehen, was gegenwärtig Anlass zur Zeitreise wurde. So aktuell zu erlesen in der laufenden Perry Rhodan NEO-Staffel 26 „Arkons dunkle Zeit“. Es ergeben sich in solchen Geschichten „Probleme, vor denen sich die Menschen gestellt sehen, die es in die Vergangenheit geschleudert hat. Was können sie tun, um ihre eigene Lage zu verändern? Was müssen sie unterlassen, um keine Katastrophe anzurichten? Hieraus ergeben sich obendrein zahlreiche Kombinationsmöglichkeiten: man reist, wie Reisende es zu tun pflegen. Das aber nicht im Raum, sondern in der Zeit. Man gerät so an prinzipiell bekannte Orte, nur in anderer zeit, weshalb sich eben doch auch der Ort lebewesengeografisch anders, wenn nicht fremd darstellt. Oder man reist nicht nur in der Zeit, sondern auch noch im Raum, womit alle Probleme einer ganz herkömmlichen Raumreise noch um Ver(w)irrungen der Zeit khipuisiert werden. Sich hier richtig auszudrücken, um Ereigniszeit, Sprech(er)zeit und Referenzzeit zeitkorrekt in Beziehung zu setzen, ist eine Kunst für sich.

    Das größte Problem ist ganz einfach ein grammatikalisches, und das wichtigste Buch, das man zu diesem Thema heranziehen kann, ist Das Handbuch der 1001 Tempusbildungen für den Reisenden durch die Zeit von Dr. Dan Streetmaker. Es sagt einem zum Beispiel, wie man etwas auszudrücken hat, das in der Vergangenheit im Begriff war, einem zu widerfahren, bevor man ihm aus dem Weg ging, indem man in der Zeit zwei Tage nach vorn hopste. Das Ereignis wird nun unterschiedlich beschrieben, je nachdem, ob man aus dem Blickwinkel seiner natürlichen Zeit, einer Zeit in der weiteren Zukunft oder einer Zeit in der weiteren Vergangenheit darüber spricht und es wird noch weiter kompliziert durch die Möglichkeit, daß man sich gerade darüber unterhalten kann, während man auf der Reise von einer Zeit zur andern ist um seine eigene Mutter oder sein eigener Vater zu werden.

    Die meisten Leser kommen bis zum Futurum des semiconditional modifizierten, sub-umgedrehten Intentionals des subjunktiven Praeteritum Plagalis, bevor sie aufgeben: und tatsächlich sind in späteren Auflagen des Buches alle Seiten hinter diesem Kapitel weiß gelassen worden, um Druckkosten zu sparen.

    Douglas Adams DAS RESTAURANT AM ENDE DES UNIVERSUMS – Kap. 15

    Reiseberichte vom Fremden

    Wenn wir schon so inmitten science fictional üblicher Raumzeitreisen sind, sollen die vier Dimensionen des Reiseberichts über das Bereiste nochmal hervorgeholt werden. Zur Erinnerung lautet das Quartett so:

    1. “die technisch-pragmatische Dimension des Reisens“,
    2. “der materielle und kulturelle Transfer durch Reisen“,
    3. “die verschiedenen Dimensionen des Kulturkontakts auf Reisen“ sowie
    4. “die Darstellung von Reisen“.

    Dimension 1 dreht sich um den narrativen Null- als Referenzpunkt der reisenden Person. Wer bricht denn hier von wo aus wohin, womit und warum, wozu und wofür denn auf? Eine reisewillige (und nicht etwa dazu gezwungene) Person muss ein gewisses (Mindest-)Maß an Xenophilie, Interesse und Neugier aufs Andere und Fremde mitbringen. Denn sonst bliebe der Schuster bei seinen leisten und die Bäuerin lieber auf ihrer Scholle, statt die Beschwernisse einer Reise auf sich zu nehmen, um auf unerwünscht Anderes und Fremdes treffen zu müssen. Erzählerischer Clou könnte freilich sein, dass wir auf einen Reiseberichtenden stoßen, der/die/das und von dem Start-/Ausgangspunkt her bereits fremd ist, sich dann während der Reise bzw. an deren Ende aber bei uns ankommt; für den/die wir das wunderlich, absonderlich Fremde wären, worauf er/sie stirnrunzelnd oder interessiert blickt. Denn eine eh nur implizite Annahme, wir folgen per se nur Reisenden, die von unserer Scholle aus mit nahezu unsgleichen Startbedingungen gen Fremdferne aufbrechen, kann nur zu leicht gebrochen werden.

    Dimension 4 wiederum hängt stark von erster ab, wie viel vom Reisenden in die Darstellung fließt, die beispielsweise in Ich-Perspektive geschildert sein könnte. Dann wäre es nur förderlich, wüssten wir um die Erzählperson, um ihre Schilderung aufwiegen zu können. Ansonsten geht es in dieser Dimension in erster Linie darum, ob der Reisebericht als historische Quelle taugt oder literarisch bis zur Unkenntlichkeit des Realen überformt und überzeichnet ist. Auch das kann freilich Stilmittel einer Verfremdung sein, die gewollt oder ungelenk zustandegeraten ist.

    Dimensionen 2 und 3 wiederum sind die interessanten, wenn es um Fremdheiten und deren Wahrnehmung geht. In Dimension 2 erweist sich, was der Reisende vom Fremden überhaupt wahrnimmt, wahrnehmen kann, wie viel er davon aufnimmt und sich erkennend aneignet. In jedem Fall geschieht dies nur durch die – von Zuhause mitgebrachte – Brille der Marke Erkenntnis des Reisenden, die vorfiltert, was zu erkennen ist. Insofern gerinnt hier Dimension 1 zur Wirkmacht, denn einher mit der Verortung des Reisesubjekts geht auch dessen Skill- und Mindset. Je ethnozentrischer die Reisende ist, desto weniger Anderes wird sie überhaupt wahrnehmen können, ignoriert es der Abweichung vom Vertrauten wegen von Grund auf oder überzeichnet das dann doch Erkannte umso vehementer. Eine ziemlich sicher teufelsbehörnte Überzeichnung… Je xenozentrischer die Reisende hingegen ist, je mehr sie also der heimischen Zentralkraft entgehen will, desto augenfälliger für sie all das exotisch Andere, zu dem sie sich hingezogen fühlt und das sie umso argusäugiger hochschätzt und freimütig Heiligenscheine ausstellt. Anders benannt als Ethno- versus Xenozentriker*in kann man mit David Goodhart von “Somewheres“ und „Anywheres“ sprechen:

    Die ANYWHERES (im Sinne von „Nirgendwos“) sind dadurch gekennzeichnet, dass sie zwar irgendwo wohnen – meist in einer Großstadt – aber so ortsungebunden sind, dass sie jederzeit umziehen könnten. Und das tun sie auch ziemlich häufig. Die gut bezahlten mobilen Angestellten, die Kosmopoliten und Globetrotter. Die Künstler, Kreativen und Konstrukteure des eigenen Lebens. Die Gebildeten und Bildenden, die Sinnsucher, Moralisten und Latte-Macchiato-Trinker. Anywheres sind die Gewinner und Bewohner der globalen Urbanisierung. Sie sprechen den Code universalistischer Werte und repräsentieren die kulturelle Hegemonie der multimobilen Großstädter.

    Die SOMEWHERES (etwa „Dagebliebenen“) sind hingegen diejenigen, die aus vielfältigen Gründen an einem Ort geblieben sind. Meistens nicht, weil sie es unbedingt wollten. Es hat sich nur nicht anders ergeben: Man blieb „daheim“, aber empfindet nicht unbedingt Heimat. Somewheres, das sind die Bewohner von Hochhaus-Ghettos, in denen der Beton bröckelt. Von Kleinstädten, in denen das Schwimmbad längst geschlossen und die Fußgängerzone seit den 80er Jahren nicht erneuert wurde. Von Vororten, die irgendwo im Nirgendwo ehemaliger Industriegebiete mit Penny-Märkten leben. Von Dörfern, in denen die Kneipe zu und der nächste Supermarkt weit entfernt ist. Von Kleinstädten, in denen der Zug durchfährt. Oder eben von sozial prekären Großstadtvierteln.

    Matthias Horx

    So viel zu EINER diesseitigen Zeitdiagnose. Ja aber, die Somewheres sind doch gerade Schollenbleiber*innen, inwieweit kann, darf und sollte man sie denn im Zuge einer Reisebericht-Dimension einpreisen, wenn sie doch (nahezu) nicht reisen? Weil sie zwar vergleichsweise nicht / so viel weniger physisch durch den Raum reisen, hin zu exotisch oder befremdlich Anderen. Aber auch sie nehmen Welt, sozusagen Außenwelt wahr, ordnen sie in ihr Weltbild- und Welterleben ein, reagieren auf sie. Vor allem bilden sie aber auf gewisse Weise die ortsgebundenen Chronisten aus Anna Aurasts Studie, nur rund 800 Jahre später in entgrenzt digitalisierten Zeiten. Und als solche erleben sie allen voran fremd 1 und 2.

    Und je nach subjektivem Ausgangs- und Standpunkt ist der Modus des möglichen Transfers, der Dimension 2 auszeichnet, ein fundamental anderer. Will ich möglichst viel vom Eigenen und Gleichen im Anderen wiederfinden oder suche ich förmlich nach exotisch-fremden Abweichungen in der Hoffnung auf ergänzende und erweiternde Bereicherung des eigenen Horizontes? Reise ich bloß auf Urlaub einmal von daheim weg zum Entspannen von dortigen Alltagsverhältnissen? Dann ist das Bereiste touristisch zumeist nur exotisch anschauliche Kulisse, wohlstaffiert. Oder reise ich hin zum Anderen, das sogar gerne fremd (3) sein darf und soll? Der mit mir stattfindende oder eben ausbleibende materielle und kulturelle Transfer wird ein zutiefst anderer sein.

    Zuletzt noch Dimension 3 des Reiseberichts: der Kulturkontakt. Hier entsteht die Melange aus Dimension 2. Hier entscheidet sich, ob das zuvor Wahrgenommene und (An)Erkannte als fremd 4 überzeichnet und teufelsgehörnt ideologisiert wird. Oder ob man sich weltoffen ist und etwas vom Fremderlebten für sich verinnerlicht (internalisiert) und sich so fürs eigene Leben zu eigen gemacht hat. Dann nimmt man das Fremderlebte mit, egal wohin man geht, trägt es in sich, ist zu einem Kollektivwesen aus dem vertrauten Alten und fremden neuen geworden. Man denkt jetzt auch – zumindest ein bisschen mehr als zuvor – mit dem Fremdgewesenen, hat es sich selbstverständlich gemacht, statt nur auf Distanz über es nachzudenken. Kulturkontakt macht aus zwei drei, nämlich die beiden sich zuvor Fremdgewesenen werden zu einem Kontaktdritten, der aus der Begegnung hervorgeht. Hervorgehen kann, könnte und meist auch sollte. Nicht aber in Lems Kosmos, wo es meist fremd 4 bleibt, hier nichts und niemand zu einem gereiften Kontaktdritten wird und werden kann. ”Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel.” So sprach Lem in Solaris und meinte damit – in meiner fremdheitsgeschärften Lesart: In einem resonanzlosen Kosmos, der nicht auf uns gewartet hat und uns nicht empfängt, der aus sich heraus immer fremd 4 bleiben wird, kommt es zu keinem beiderseitigen Kulturkontakt, aus dem titulierter Kontaktdritter hervorgehen könnte. Vielmehr bleibt Mensch ratlos bis verwirrt zurück, bleibt auf sich und seine ureigenen Reflexionen über die statt mit der Welt zurückgeworfen und muss daher mit sich alleine – im Spiegel – ausmachen, was der Sinn von alledem sein soll. Ein Sinn, der im belebten Kulturkontakt sonst – gewiss mit manch hierarchischer Schieflage – von beiden Seiten eingespeist und ausgedeutet wird. Ein prozessualer Bastelsinn sozusagen, der stetig fortentsteht – wenn man ihn denn (zu)lässt.

    Summa alienae peregrinaeque

    Das – vorläufige – Ende der Reise ist erreicht. Eine Reise durch die eigensinnigen Kulturareale des Fremden. Eine trotz der Länge bloße Drüber-hinweg- und Drunter-hindurch-Reise entlang einer grobkartierten Topografie des Fremden. Meine Beobachtungen nur vorbeiwandernder Streifzug und nicht schon eingewandertes Erforschen. Statt Globe- ein Alienetrotter, der mal hier, dann mal dort hineingeschaut hat.

    Nicht hineingeschaut habe ich, was sich angeboten hätte: Das Fremdheitsschema von Anna Aurast ist von einer Historikerin für historische Quellen erstellt worden und auf besagte beiden mittelalterlichen Chroniken angewandt worden. Doch ich griff nach den Sternen und science fictionalisierte, wo ich doch naheliegender Fantasy-Settings hätte ergründen können. Das Rad der Zeit einmal kurz gestreift, Tolkiens Mittelerde hingegen genauso wenig auch nur genannt wie Martins brutales Lied von Eis und Feuer. Bedenkt man bei Tolkien beispielsweise, welch gänzlich anderes zeitempfinden potenziell unsterbliche Elben, längstlebige Ents versus hasthopsige Hobbits haben müssen und wie sich das in Sachen Fremdheitserleben und Reiseberichte niederschlagen dürfte. Über Generationen im Auenland ansässige Hobbits gegenüber Elben, die das Gefühl ewiger Migranten haben, entwurzelt ihrer Urheimat Valinor, nun auch aus Mittelerde entschwindend. Und beim Lied von Tod und Morden ist gerade das stete Weiterhasten einer Arya genauso ruhe- wie raumlos. Und vieles mehr…

    Denn obwohl ich mit der Zeit eine siebente Dimension vorgeschlagen und an Lemschen Beispielen andiskutiert habe, blieben alle sechs übrigen Dimensionen unausgeleuchtet. Bisherige Beobachtungen sind deshalb schon grobschlächtig, da sie zunächst nur entlang der vier Fremd-Ebenen ausloteten, was alleine schon einsichtig war. Faszinierend, wie viel Tiefenschärfe die vier Reiseberichtsdimensionen erlangen, wenn man sie wiederum auf Fremdheit hin echolotet. So wird die implizite Selbstverständlichkeit, ein Reiseberichtender wäre einem per se nahe genug, hinterfragwürdig, da schon in (generisch) ihm ungeahnt viel Fremdheit stecken könnte. Das ist dann allerdings eine andere Qualität als ein „unzuverlässiger Erzähler“, der mit literarisch pfiffiger Stilistik täuscht und narrt. Je nach sozialer oder/und räumlicher Distanz des Reiseberichtenden ist schon der „subjektive Anker“ des Berichts uns fern (fremd 4) und muss sich mittels Bericht uns erst nähern (hin zu fremd 3). Oder ein von uns Wegreisender entfernt sich mit dem Erlebten als stetig sich wandelnder Kontaktdritter von uns immerzu, bis er vom Gutbekannten zum Ver- und Entfremdeten geworden ist. Ein Kommen und Gehen als „geworfener Entwurf“, der sich immerda transferiert. Ssind wir nicht alle daher ohnehin „ansässige Fremde“ im „planetaren Exil“???

    Lemiade – Wenn Tichy eine Reise wagt

    Hallo Mitwelt

    Heute wird dem Blog Ehre erwiesen, da es doch ein REISE-Blog zu sein behauptet, sein will. Und als schriftliches Blog ist das, was hier zu Text gerinnt, dem Reisebericht – im weitesten aller Sinne – anverwandt. Daher heute zu eben dieser – auf den ersten Blick doch so eindeutigen – Gattung des Reiseberichts als Zeugnis der reisenden Person von ihrer Reise an einen Reiseort, von dort der Bericht kündet. Der Reisebericht – und nicht etwa die Reiseerzählung oder gar der Reiserapport – als Abbildnis des durch den Reisenden Vorgefundenen. Die reisende Person als Kronzeuge der bereisten Ferne, von wo der schriftliche, inzwischen multimediale Bericht Auskunft erteilt über die angetroffenen Begebenheiten, so wie sie sind. Der Reisende und sein Bericht fußen auf dem Fundament der Glaubwürdigkeit, getreu und wahrhaftig von all dem zu berichten, was dort vor Ort wahrgenommen worden ist. Der Reise- als ein Tatsachenbericht, der das Wahrgenommene unverfälscht adäquat wiedergibt, mehr gründliche Dokumentation als schöne Erzählung ist. Oder etwa nicht?

    Zurück zu den Wurzeln

    Genau genommen wird zunächst zurückgereist in die studiose Anfangszeit, als die allererste Hausarbeit anstand, die sich naiv tapsig der Erzählbarkeit des Fremden versuchte anzunehmen. Da zum Glück ein Kurs über literarische Science Fiction[1] Grundlage hierfür war, konnte ein interessantes Matchup zusammenkommen: im vergleichenden Fokus standen nämlich allererster von am Ende 415 Planetenromane aus dem Perryversum, vom SerienMitbegründer Clark Darlton alias Walter Ernsting: 001 Planet der Mock-in der Zaubermond-Reihe als Doppelroman der Nr.35/36 auch als ebook neuaufgelegt. Demgegenüber Stanislaw Lems: Der Unbesiegbare! Hier im Blog schon mehrfach als wohl am häufigsten gelesener und in vielem prägendster Roman Lems für mich. Mir jetzt erst richtig auffallende, interessante Koinszidenz: beide Werke stammen ursprünglich aus dem jahr 1964, können nicht voneinander – noch so umwegig und unwahrscheinlich – inspiriert sein, behandeln also zufällig konvergente Themen.

    Planet der Mock trägt den Untertitel Weil sie anders sind, werden sie vernichtet! Ein tragisches Mißverständnis zwischen zwei Sternenvölkern. Anders, nämlich so gar nicht humanoid sind die Mock, ein ameisenähnliches und –großes Volk, das von den größten Serienhelden wie Perry Rhodan oder Multimutant Gucky förmlich übersehen und ihrer Lebensform nach als ignorabel eingestuft wird. Die Helden blicken allein auf steinzeitliche Humanoide, die Drags, und vermuten bei ihnen allerlei, verkennen aber völlig die „im Windschatten“ technisch hochstehenden Mocks, die sogar interplanetare bemockte Raumfahrt zustandegebracht haben. Kontakt kommt nicht zustande, nicht einmal Telepath Gucky kann in die Gedanken der selber kontakttelepathischen Mocks eindringen und sie so als transplanetare Intelligenz anerkennen. Im Weiteren misslingt, was schiefgehen kann: wie Elefanten im Glashaus gehen die Terraner vor, verspeisen sogar im versuchten Erstkontakt mit den humanoiden Drags geröstete Mocks. Am Ende wird ein beharrlich kontaktsuchender Mock sogar wie eine bloß störend-nervige Ameise zertreten. Gerade weil die Terraner zwar interstellare Raumfahrt betreiben, aber stumpfsinnig eindimensional ihre rein irdischen Kategorien mit ins All tragen, sich in der Hierarchie des Lebens als Krone der Schöpfung sehen, übersehen sie das Anderssein und können so keine Verbindung zum Fremden herstellen. Das Fremde bleibt nicht nur fremd, sondern wird nicht mal als beobachtenswert wahr- und ernstgenommen. Die einleitenden Worte des Romans machen den Menschen und seinen narzisstischen Maßstab deutlich, mit dem man nur fehlmessen kann:

    Ein Gedanke hat viele Jahrtausende hindurch die Wege der Menschheit bestimmt. Ihm verdankt sie ihre Götter und Teufel, ihre Schicksale – und ihre Grenzen, mit denen sich die Nationen voneinander trennten.
    Dieser eine Gedanke besagt: Wir Menschen sind die einzigen Intelligenzen des Universums. Wir sind allein im All.
    Allein im All …?
    Wenn nur eine Sonne unter einer Million Sonnen Planeten besäße und wiederum jeder millionste Planet die günstige Position der Erde zu ihrem Stern inne hätte, so gäbe es allein in unserer Milchstraße eine Million Erden, auf denen sich Leben in unserem Sinne hätte entwickeln können.
    Das Universum aber hat viele Millionen Milchstraßen – vielleicht sogar Milliarden.
    Der Gedanke, der Mensch könne im Universum allein sein, ist also der lächerlichste, egoistischste und engstirnigste Gedanke, den das menschliche Gehirn jemals hervorbrachte.
    Wie viele von uns denken ihn noch heute …?

    Planet der Mock ist im Kern also die Geschichte von (nur technisch?) längst über die Erde hinausgewachsener Menschen, die sich aber (moralisch) beharrlich wie erdgebunden gebliebene Menschen verhalten. Terrazentrismus als Erkenntniskonzept fatal in einer vielfältigst belebten Galaxis. [Parallel zum anthropozänen Menschen und seinem Verhältnis zu übrigen Erdlebewesen *murmelmurmel*]

    Und was sagt Lem hierzu? “Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel.“ So frei zitiert aus Solaris. Lems Verständnis von Fremdheit, wie im Ungeheuer Vernünftig-Podcast Olof Jebram kenntnisreich gegen H.P. Lovecraft und Karl Schmitt kontrastiert: demnach bleibt der Lemsche Kosmos gegenüber dem Menschen stumm, an seinesgleichen uninteressiert, heißt ihn nicht willkommen und tritt mit ihm nicht erwartungsvoll in (kommunikative) Resonanz. Selbst dann und wenn der Mensch zum Verstehen auszieht, mit – Lem typisch – wissenschaftlichen Mitteln dem fremdartig Anderen zu Leibe rückt, bleibt das Fremde entfremdet, außer Reichweite des menschlich-irdischen Begreifens, umgekehrt zur Tiptree-Kurzgeschichte als Hörspiel den erdgeprägten Menschenmaßstäben entzogen. Versuchte Annäherungen ja, gekonnte Verbundenheiten nein. Bei Lem im Allgemeinen und exzellent in Der Unbesiegbare im Speziellen veranschaulicht, bleibt eine Schicht zwischen Menschen und dem Fremden, die man nicht durchgreifen kann, ohne so auch das Fremde an und in sich zu zerstören und so als DAS Fremde wie bisher aufzulösen. Nur unter trennender Beibehaltung dieser Schicht bleiben Menschen und das Fremde die beiden Seiten einer kosmischen medaille. Doch gerinnt das Fremde bei Lem deshalb nicht(!) dadurch sogleich zum Feind, zum an sich Bösen, nur weil es prinzipiell unverstehbar bleibt. Das Fremde bleibt sich selber treu, derweil der Mensch aus sich heraus sich selber verstehen muss. „Erkenne dich selbst“, wie es das Orakel in Delphi verlautbart hat, ohne – wie man im Sinne Lems ergänzen könnte – dass du hierfür ein durch dich angeeignetes Fremdes bräuchtest oder für deinen selbsterkennenden Nutzen zweckentfremden könntest. Dem Menschen hilft kein exportierter Kategorienkolonialismus weiter, den er dem Fremden nur überstülpen müsste, um sich seiner gewiss zu werden.

    Lange Vorrede, ohne die Hausarbeit hier weiter wiedergeben zu wollen oder können. Denn es geht mir hier zunächst nicht um die Frage nach einer (überhaupt möglichen?) Erzählbarkeit des Fremden, wie sie ebendort tapsig gewollt verhandelt wurde. Vielmehr möchte ich eine total randständig gebliebene, kaum richtig eingebrachte Fußnote von dort hervorholen, die auf eine Rezension verweist, die ich höchstens stiefelterlich eingebunden habe. Zugrunde liegt der von Arnd Bauerkämper, Hans Erich Bödeker, Bernhard Struck herausgegebene Tagungsband Die Welt erfahren. Reisen als kulturelle Begegnung von 1780 bis heute, von Philip Bracher rezensiert in IASonline.

    Der Reisebericht

    Im besagten Sammelband wird das Spannungsverhältnis ausgelotet, in dem der Reisebericht steht; nämlich zwischen den Polen der Abbildung historischer Realität, die den Reisebericht als historische Quelle glaubwürdig nutzen lässt, und einer rein literarischen, mit fiktionalen Anteilen angereicherten Gattung, die nicht von Wirklichkeit berichtet, sondern sie freimütig konstruiert. Mit den fachausdrücklichen Worten der Rezension:

    • “Auf der einen Seite gibt es Bestrebungen, den Reisebericht im Sinne einer Autonomieästhetik weitestgehend für ein Werk um des Werkes willen zu erklären und einen Bezug auf eine außersprachliche Wirklichkeit zu negieren.“
    • “Auf der anderen Seite wird der Reisebericht aber auch als uneingeschränkt nutzbare historische Informationsquelle angesehen und unter Ausklammerung der Literarizität ein isomorphes Verhältnis zwischen Text und »Realität« impliziert.“

    “Isomorph“ meint gleichgestaltig, dass der Text (Reisebericht) sich also in seiner Gestalt an der Realität orientiert, sich an ihr ausformt und nicht sonst irgendwelche künstlermutwilligen transiente Verzierungen jenseits des Vorfindbaren hinzudichtet. Ein hehrer, ggf. schlicht zu idealer Anspruch, woran sich mutmaßlich so ziemlich keiner je hielt: Niemand hat die Absicht, nicht isomorph von Reisen zu berichten. Wäre Marco Polo doch hierin gebrieft gewesen, China nicht goldiger zu beschreiben, als das Reic der Mitte trotz allen Glanzes je gewesen ist. Wäre Karl may doch mal in Nordamerika gewesen, hätte mit „Indianern“ in ihren Reservaten gesprochen – die Texte von ihm wären andere geworden. Hätte Christoph Columbus sich nicht so sehr in der Weltentür geirrt und sich in Indien gewähnt, was er lebenslang auch nicht mehr korrigiert hat, hätte er anders von drüben gekündet. Und führen die Kreuzfahrtfahrer nicht sinnlos bloß herum, sondern interessierten sich für die angefahrenen Orte und leute, wären die mitgebrachten Diashows sind so erbärmlich ermüdend und wären inhaltlich interessanter. Usw. usf. Man kann nahezu einmal quer durch die Weltgeschichte reisen und Reiseberichte wie von diesem schlitzohrigen Odysseus, der diesen Homer hat berichten lassen, genauso einpreisen wie einen Kundschafter Mittelerdes wie J.R.R. Tolkien. Sie alle berichten von Orten, die es gegeben hat, gegeben haben soll, die einst da gewesen sein sollen oder auch nur könnten oder schon verblichen sind, aber doch noch widerhallen. Wer von all ihnen berichtet wahrhaftig? Wer hat niemals je hinzugedichtet, ausgeschmückt, sein Entdeckerego in den Vordergrund geschoben oder/und das exklusiv nur durch (generisch) ihn Entdeckte der mäzenmöglichen Leserschaft angepriesen?

    Zurück zum rezensierten Werk und wie es besagtes Spannungsfeld „kartiert“: die Autoren destillieren vier Dimensionen heraus, die einen Reisebericht ausmachen und die samt und sonder zu berücksichtigen sind, will man den historischen versus literarischen Textgehalt ermessen:

    1. “die technisch-pragmatische Dimension des Reisens“: sie „bezieht sich auf Reisevorbereitung, Reiseumstände, Reisekosten und Reiserouten und fragt nach Motiven und Anlässen für eine Reise, nach sozialer Klassenzugehörigkeit und Geschlecht der Reisenden.“ (Abs. 6 & 10)
    2. “der materielle und kulturelle Transfer durch Reisen“: „Der zweite Aspekt betrachtet Reisen unter dem Blickwinkel einer Erkenntnisform und fragt nach dem Referenzrahmen von kulturellen Erfahrungen. Wie nimmt der Reisende das Fremde wahr? Die Herausgeber antworten: Nur mit den Kategorien des Eigenen – Fremderfahren ist stets dem Bezugsrahmen des Eigenen verhaftet.“ (Abs. 7 & 10)
    3. “die verschiedenen Dimensionen des Kulturkontakts auf Reisen“: „Der dritte Punkt beleuchtet Reisen als Kulturkontakt. Dabei führen Kulturbegegnungen zu einem doppelten Effekt, nämlich einmal zu einer Ideologisierung des Fremden, andererseits aber auch zu einem Wandel der Selbstbilder und einer Annäherung zwischen den Kulturen.“ (Abs. 8 & 10)
    4. “die Darstellung von Reisen“: „Der vierte Punkt schließlich beschäftigt sich mit der Verschriftlichung von Reiseerlebnissen. Und besonders hier zeigt sich die Stärke des Ansatzes: anstatt eine positivistisch-essentialisierende Position einzunehmen und die »Realität« anhand des Textes rekonstruieren zu wollen, rücken die Herausgeber »die Konstruktion von Wirklichkeit, von Geschichte« (S. 24) in den Mittelpunkt und rekurrieren so nicht auf eine Beschreibung außersprachlicher Wirklichkeit, sondern auf den Reisebericht als das »Produkt historisch variabler, komplexer sprachlicher Verfahren« (S. 24).“ (Abs. 9 & 11)

    Letzterer Punkt wird noch genauer benannt, sobald man den einen Reisebericht nicht als textliche Singularität ansieht: “Durch die Rückbindung an ein breiteres Quellenkorpus erscheint der Reisebericht nicht als singuläres Zeugnis der Wirklichkeit, sondern als ein vernetztes und in zeitgenössische Kommunikationsprozesse eingebundenes Kunstwerk, das von Leseerwartungen, Publikationsaspekten und literarischen Vorbildern mitbestimmt wird.“ Der finale Halbsatz ist entscheidend, der die zahlreichen Vorprägungen, aber auch zielführenden Motivationen hervorhebt, die erst zum Verfassen überhaupt eines Reiseberichts führen und ihn so und nicht anders Gestalt annehmen lassen, nämlich immer im Hinblick auf ein heimisches Publikum, das (i.a.R.) nicht vertraut, ggf. nicht einmal bekannt ist mit dem berichteten Reiseort, dennoch verständlich davon erfahren will oder soll.

    In meinen Worten geht es in Dimension 1 also um das Gros der W-Fragen, wer denn da weshalb, warum und wozu, womit und wohin reist; Dimension 2 stellt das Was, das man denn da reisend erlebt und erfährt, ins Zentrum, bzw. rückt die Brille zurecht, durch die man schaut; Dimension 3 interessiert sich für den stattgefundenen (oder ausgelassenen) Kulturkontakt, fragt also danach, ob oder wie sehr das Fremde fremdgeblieben ist, als was man es erkannt und verstanden hat; Dimension 4 schließlich blickt aufs Endwerk der Reise, dem Bericht und fragt danach, was an Text rausgekommen ist, wie die vorigen Dimensionen einge- und verarbeitet worden sind zwecks Präsentation.

    Diese vier Dimensionen, hier analytisch sauber aufgelistet, müssen sich allerdings mitnichten so explizit im Reisebericht wiederfinden, können auch implizit nur anklingen oder – als Aussage für sich – (absichtlich?) unerwähnt bleiben. Auch braucht die Reihenfolge nicht so linear wie eine Perlenschnur sein, sondern kann bunt durchmischt werden, bröckchen- und häppchenweise erst entblättert und offenbart werden – was sich da alles narrationsliterarisch im Sinne von Dramaturgie u.Ä. anbieten mag. Zu bedenken ohnehin, dass ein Bericht immer erst im Nachhinein anzufertigen ist, während des Erlebens des Neuen sich nur eindrücklich ansammelt, was dann quasi posthum reflektiert niedergeschrieben wird. Klingt unterkomplex simpel, ist aber entscheidend: der Bericht ist dem Erlebnis zeitlich entrückt, ist in zeitlicher Distanz zu ihm, kann von bspw. Emotionen und Gefühlen nur noch als Nachhall berichten, ist auf das A) Wahrnehmungsvermögen und B) (ggf. Längerzeit)Gedächtnis der reisenden Person angewiesen. Eventuell setzt er sich auch aus einem – neukombinierten – Patchwork aus Notizen u.Ä. zusammen, die so zeitnah wie möglich nach, mitunter während der erlebten Ereignisse festgehalten worden sind.

    Bis hierhin die fachlichen Grundlagen, wie man Reiseberichte kritisch beäugen sollte, um ihnen sinnvollen Gehalt entnehmen zu können. Wenden wir uns daher doch mal einem Beispiel zu …

    Ijon Tichys Sterntagebücher

    Natürlich steht hier der Reisende schlechthin, Ijon Tichy, im Spotlight und somit seine Sterntagebücher als reiseberichtende Zeugnisse. Meiner Einschätzung nach lassens ich obige Dimensionen wunderbar auf (nahezu) alle Einträge anwenden, inklusive vielgerühmtem Lokaltermin; nur Der Futurologische Kongress müsste mit Samthandschuhen sonderbehandelt werden – ein Mentaltrip sondergleichen, der außer jedweder Konkurrenz steht. Beispielhaft im Fokus stelle ich jüngst erstgelesenen Sterntagebucheintrag über den Drachen, wo Tichy schnellraketig ins Sternbild des Walfischs nach Abrasien gedüst ist. Gehen wir ordnungsliebend die vier Dimensionen in Reihenfolge mal durch:

    1. Technisch-pragmatische Dimension: Anlass und Motive zur Reise, also wieso, warum und wozu man die Reise überhaupt antritt, sind von Interesse. Und in ordentlicher Abarbeitung gibt Tichy eingangs hierzu auch Auskunft. Wir erfahren vom Eingang eines zunächst unverstandenen Funkspruchs, der nur durch Zufall – den Schnupfen von Radioteleskopforscher Katzenjäger – entschlüsselt werden kann. Das, weil sich die Annahme nasenzentrischer Lebewesen als richtig und nützlich erweist. Motivation Tichys daher, mehr über die Zweinäsigkeit zu erfahren, wie sich ein – ansonsten auch vom Affen abstammendes – Volk stereo-olfaktorisch so durchs Leben lebt. Hinzu das Rätsel des unklar bleibenden Begriffs des Drachens, worüber unser Weltenallreisender natürlich alles in Erfahrung bringen will. Auch der Ort wird genannt, Abrasien im Sternbild des Walfischs. Für eine Kurzgeschichte – wie alle Sterntagebucheinträge – also ein reichhaltiges Setting, das uns da reiseberichtend eröffnet wird und keine Fragen offenlässt. Okay, zur Person Tichy schon, über dessen soziale Herkunft / soziale Klasse und Ressourcen erfahren wir hier nichts und in anderen Einträgen auch nur dann und wann etwas. Im Lokaltermin zum Beispiel, dass er eine Hausfrau hat, anderswann ein wenig zu seiner irdischen Wohnung. Streng genommen, als wäre das für uns Lesende je wichtig gewesen, können wir also gar nicht so richtig einschätzen, wer dieser Tichy denn ist, ob er nicht doch bloß eine Spinnerei von diesem pseudonymen Lem sein könnte. Eine durchaus anerkannte Person, die so manch Kontakt nicht nur zu Professor Tarantoga pflegt, alles in allem jedoch ein ziemlicher Eigenbrödler, der nicht der beste aller Projektkoordinatoren ist 😀 Das bleibt aber auch stets nur Tichys Eigenbeschreibung, ein Blick von außen auf ihn erhalten wir anderswo nicht.

    2. Materiell-kultureller Transfer: Wie nimmt der Reisende =Tichy das kulturell Andere wahr, was ist sein Erfahrungs- und Referenzrahmen? Da wir zur Person Tichy so wenig wissen, ist das großteils nur indirekt zu schließen, nämlich indem wir seine Sterntagebucherfahrungen heranziehen. Dadurch wissen wir, was er erfahren hat und weiß, womit er vergleichen kann. Vergleiche zu anderen Reisen gibt es hier nicht, sind allerdings ohnehin unüblich. Nennenswert kommt das nur in Lokaltermin zum Tragen, wo er gen Entia auch deshalb reist, um vorige Eindrücke einer sterntagebuchdokumentierten Reise zu … aktualisieren. Naja, er hat sich im Stile Columbus‘ derart total „auf der Landkarte“ geirrt, ist völlig fehlgehenden Annahmen erlegen gewesen, dass er förmlich vorgeladen wird, diese üblen Nachreden und Unterstellungen aus den Sterntagebüchern zu korrigieren. Zum Drachen reist er aus purer Reise- und Entdeckerlust los. Vor Ort angekommen, wird sein Referenzrahmen, womit und worüber er das Neue wahrnimmt, aber klar: er macht vor Ort das, was er schon auf Erden tat und immer zu machen pflegt – er liest sich in Presse und Fachliteratur vor Ort ein, spricht mit Journalisten und vor allem mit einem Professor. Kann man machen, nicht das Dümmste, aber am Ende auch nur EINER VON VIELEN Wegen des Zugangs. Ein recht verkopfter, analytisch destillierender Zugang. Damit taucht er nicht zutiefst möglich ins Alltagleben der Abrasier*innen ein, erlebt also nicht in erster Linie deren Lebenswelt. Vielmehr nähert er sich dem problem des Neuen akademisch, indem er sich über die Abrasier informiert, deren geschulte Beobachter liest und befragt. Er ethnographiert also nicht, führt keine teilnehmende Beobachtung mittendrin statt nur dabei durch, sondern ist ein Beobachter zweiter Ordnung: er beobachtet die Beobachter. Mit erdmenschlicher Perspektive beobachtet Tichy die lokalen, abrasischen Beobachter, liest sich durch und hört sich an, was sie zum Verhältnis der Abrasier zum Drachen mitteilen (können und wollen). Das macht er nicht zuallererst in kulturvergleichender =etischer Absicht – die abrasische als eine unter vielen Kulturen; das macht er vielmehr dank seiner Erkundigungen vor Ort mithilfe von und durch die Abrasier selbst. Er lässt sie zu Wort kommen und ihm berichten, was er uns wiederum berichtend wiedergibt (Stille Post lässt grüßen?). Fachausdrücklich bemüht er sich so um eine emische statt etische Position. Laut Wikipedia zur Erklärung:

    • “emisch bedeutet „mit den Augen eines Insiders“ einer Kultur oder eines Systems und bezeichnet eine Beschreibung, die in erster Linie aus Sicht eines Teilnehmers der untersuchten Kultur sinnvoll ist. Sie kann dementsprechend nicht neutral sein und soll es auch nicht.“
    • “Eine etische Beschreibung ist dagegen die eines „Beobachters von außen“. Eine etische Beschreibung bezieht sich auf ein Referenzmodell und Vokabular, das vom Beobachter mit dem Anspruch entwickelt wurde, universell verwendbar und neutral zu sein. Ein Defizit dabei ist allerdings, dass durch diese Herangehensweise die kulturellen Besonder- und Eigenheiten in den meisten Untersuchungen nicht oder unzureichend erfasst werden können.“

    Tichy wird nur insoweit etisch, als dass er immer wieder nichtverstehend bis ungläubig nachfragt. Unverständnis und Unglaube, wie dem Drachen hörig gehuldigt wird, da er als Mensch mit eigenem Referenzrahmen auf Abrasien blickt und so manches den Worten nach vernimmt, aber nicht / kaum einzuordnen vermag. Sprich, ein etisches, außenstehendes Framing legt er mit seinem grummelnden Gebrumme andeutungsweise an, übernimmt also nicht unwidersprochen einen abrasischen Standpunkt (so gut möglich das einnäsig denn geht).

    3. Kulturkontakt: Im Grunde zuvor schon viel hierzu gesagt, inwieweit nämlich Tichy das Neue „ideologisiert“ und so als grundanders / fremd kategorisiert, ggf. überzeichnet und sich hierzu in (Frontal)Opposition stellt. Oder andersherum: wie viel vom Fremdartigen er in sich gespiegelt sieht, sich aneignet, verinnerlicht, gar einverleibt. Ich glaube, hierfür ist die Kurzgeschichte schlicht zu kurz, schon weil es keinerlei „Epilog“ gibt, in dem er das zuvor Beobachtete nochmal reflektiert, einordnet, danach befragt, wie viel Menschliches, allzu Menschliches er in den Abrasiern gefunden hat. Nun gibt es aber nicht nur die innere, sondern auch noch die äußere Geschichte. In der inneren Geschichte (Intradiegese) ist Tichy ein echter Mensch, der erlebnisgetreu oder münchhausenesk von seinen Abenteuerreisen erzählt / berichtet. Bei der äußeren Geschichte (Extradiegese) soll wohl wirklich ein gewisser Lem die Feder geführt haben, so unglaubhaft das auch ist, der geprägt war durch sein menschliches Leben in Polen. Wie nur zu eindrücklich eine aus 2020 zum Jubiläum wiederholte ARTE-Dokumentation: Stanislaw Lem – Der literarische Kosmonaut (via Mediathekviewweb.de downloadbar) zeigt. Hier schwingt nur zu sicher Kritik an ideologisierten Systemen – ob Kapitalismus, Kommunismus oder sonstigem –ismus – mit, wofür der Drache als (beinahe religiös-transzendent) entrückte Entität stellvertretend und allegorisch steht. Mit sowas hat Ijon Tichy sicher nichts zu schaffen, denn Tichy ist nicht Lem, zumindest m.E. kein eins-zu-eins alterego. Während Lem im realen Diesseits durch die Science Fiction dogmatische Überhöhungen aller Arten durch den Drachenschleim zieht, tritt SF-jenseitig Tichy im Kulturkontakt vielmehr als allgemein kritischer Geist auf, der sich über so viel vereinseitigte Hörigkeit verwundert.

    4. Die Darstellung von Reisen: sterntagebuchförmige Kurzgeschichte (über nur zwölf Seiten). Ein waschechter Reisebericht, der Bericht anstelle von Erzählung oder rein faktenbasierten Rapport ernstnimmt. In der Kürze so gut wie keine Ausscmückungen, kein larifari oder Gedöns, schon gar keine literarisch anspruchsvolle Prosa oder gar Poeme, die das Bereiste ggf. verklären oder selber wiederum erhöhen könnten. Tichy als Berichtender bleibt selbstredend zentral, er ist, durch den wir all das vermittelt bekommen. Er steht jedoch nicht als beispielsweise strahlender Entdecker, ethnologischer Erstbeschreiber der Abrasier und des Drachens selbstrühmlich im Vordergrund, interessiert sich dafür viel zu emisch für die Beobachter vor Ort und deren Welteinsichten und –erkenntnisse. Von anfänglichen kulturellen Praxisbeschreibungen abgesehen, wie anders Zweinäsler auftreten und Tichy erscheinen, bleibt der Bericht nüchtern, beschreibend statt emotionalisiert, dadurch re- statt konstruierend. All das ausführlicher, detaillierter und noch wesentlich vielschichtiger in Lokaltermin, den ich als Meisterwerk nicht zu preisen aufhören werde – noch weniger mit den Reiseberichtdimensionen im Hinterkopf.

    Summa laborantiae

    Im Sinne aller abschließend nicht mehr allzu viel kundzutun. Tichy hiermit als Weltallreisenden ernstgenommen und seine Geschichten (erstmals?) – in erstem fingerübenden Zugang – gewürdigt. Und zwar nicht nur als nettes Unterhaltungsstück von Extraterrestriern beim dritten Stern links, sondern als einen Reisebericht im Spannungsfeld von historischer Quelle und literarischer Narration. Un als solcher ist all inclusive geboten, kommen alle vier fachdisziplinär ausgemachten Dimensionen in beispielhafter Erzählung vor, vielfach klar bestimmbar und kaum überlesbar präsentiert. Tichy oder sein Biograf Lem, falls es diesen wirklich gab, ist (oder sind) durch und durch schreibfüchsig und gekonnt in der Lage, auch von nahliegend fernen Anderswelten reiserealistisch zu berichten und sie so selbst in Kürze plastisch Gestalt annehmen zu lassen. Diese Gestalt dürfte aber doch nicht isomorph sein, rein allegorisch lässt sich Lems Realität nicht in Tichys Geschichten hineinspiegeln. Nd doch lassen sich die realen Nachhalle als Echos dort wiederfinden. Nicht nur doppelte, sondern vielschichtige Böden, die in nur zwölf Seiten ineinander gepuzzelt sind.


  • Hans Esselborn, seines Zeichens Germanist, ist Autor des Kursbandes gewesen, in dem er die Geschichte der Science Fiction nachgezeichnet und für ihn wesentlich zwischen literarischer Science Fiction und (Unterhaltungs-)SF unterschieden hat. In den Band haben es dann nur literarische Science Fiction-Autoren mit inhaltlichem Mehrwert geschafft: Jules Verne, Kurd Laßwitz, H. G. Wells, Isaac Asimov und Stanislaw Lem. M.E. alle zurecht drin, jedoch auch alle nur männlich, Begründerin Mary Shelley außen vor, wenn immerhin von Ostblock-Polen über Deutschland, Frankreich, England bis in die USA fünf nationalstaatliche Settings vertreten.
  • Psychohistorik – Fundament der Foundation

    Hallo Mitwelt

    Alle Wege führen nach Trantor und daher geht heute die Reise mitten in die Foundation – galaktisches Sternenreich der Menschheit genauso wie Titel gleichnamiger Trilogie von Isaac Asimov, ggf. DEM einen der Big Three der US-SF. In Kürze wird auf der Fallobstwiese ein serielles Schaustück zum Herzstück von Asimovs Foundation-Zyklus, der dieGeschichte der Menschheit als Future History über nahezu 25.000 Jahre erzählt, aufgeführt. Ein finales Featurette bei Robots and Dragons einzusehen, bevor die ersten beiden Folgen der Auftaktstaffel am 24.09. ausgestrahlt (=gestreamt) werden.

    Ich muss gestehen, dass ich nicht live dabei sein werde, so sehr mich Asimovs Foundation als Trilogie und noch mehr als Future History seit eh und je anregt und gedanklich inspiriert hat. Aber ich kapituliere angesichts der Massen an Streamingdiensten, die man sich je nach serieller (und erst recht sportiver) Interessenslage kostenpflichtig zusammenstellen müsste, um auch nur halbwegs gigabyteweise auf dem Laufenden zu bleiben. Bin noch auf der Suche nach dem Podcast zur Serie, der wie discoverypanel oder trekamdienstag für Star Trek folgenweise in die Vollen geht und nerdy Tacheles spricht. Wer hier einen Tipp hat, nur zu gerne her damit!

    Für mich zugegeben am prägendsten die sogenannten Roboter-Romane

    • Die Stahlhöhlen (Der Mann von drüben), original: The Caves of Steel (1954);
    • Die nackte Sonne, original: The Naked Sun (1957);
    • Aufbruch zu den Sternen (Aurora oder der Aufbruch zu den Sternen), original: The Robots of Dawn (1983);
    • Das Galaktische Imperium, original: Robots and Empire (1985).

    Und das, obwohl die als SF-Kriminal- bzw. Detektivromane gelten und ich allzu angefixt von Kriminalromanen nie gewesen und jenseits von Great Sherlock Holmes und den Drei ??? dem Detektivischen nicht übermäßig zugetan bin. Okay, die beiden Agatha Christie-Figuren erschließe ich mir noch und zwar mit Freude. Das Sherlocksche deduzieren aka whodunit =Who done it? fand und finde ich eigentlich nur beim Meisterdetektiv himself und im Zentrum der Roboter-Romane stehenden Elijah Baley so richtig gelungen. Umso interessanter, dass und wie sehr allen voran Aurora (oder der Aufbruch zu den Sternen) ein bereits VIEL-gelesener und immer wieder aufs Neue neuentdeckter Roman ist. Insbesondere die Szene zwischen Baley und Fastolfe am Frühstücktisch hat sich mir eingeprägt und ist für mich eine dialoglastiges Szene par excellence, die Asimovs gesamte Ideen rund um Roboter auf den Punkt bringt. All das geht jedoch der nun auchv erfilmten Foundation-Trilogie weit voraus, ist von Asimov vielfach nachträglich erst hinzugeschriebene Vorgeschichte, die narrative Lücken füllt und Zeitklüfte überbrückt.

    Der gesamte Zyklus, das Werden und Untergehen des Trantorischen Imperiums und das Auferstehen der eigentlichen Foundation, so wie sie Asimov über die jahrtausende hinweg nachzeichnet – Future History, folgt der großen Erzählung Edward Gibbons über den Verfall und und Untergang des Römischen Imperiums vom Ende des 18. Jahrhunderts in sechs Bänden. Eine auch zu Asimovs Zeiten in vielem überholte Interpretation römischer Geschichte, die aber eine enorme narrative Sogwirkung entfaltet hat. Heute wäre diesbezüglich von mir aus zu empfehlen Peter Heather: Der Untergang des Römischen Weltreichs sowie Invasion der Barbaren. Natürlich gibt Asimov dem Ganzen nicht nur durch die galaktische Ausdehnung eine science fictionale Note, sondern blickt weitestgehend technikoptimistisch in die Zukunft. Am berühmtesten freilich seine drei (plus ein) Robotergesetze, auf denen im Grunde das gesamte Wohl und Weh der Menschheit ruht (auch diese in den Roboter-Romanen ausbuchstabiert). Jenseits der SF-Gemeinde vermutlich weniger bis kaum bekannt, aber für die Foundation-Trilogie fundamental ist seine zweite SF-/pseudowissenschaftliche Erfindung: die Psychohistorik.

    Psychohistorik

    Die Psychohistorik als intradiegetische Wissenschaft ist nicht verwandt und zu verwechseln mit der realen Disziplin der Psychohistorie: diese fristet ein eher mäßig anerkanntes Dasein als Teildisziplin der Historie, der Geschichtswissenschaft. Als solche blickt sie zurück auf die Geschichte und deutet diese bzw. die in ihr handelnden Menschen psychologisch sowie psychoanalytisch, statt nur das Vorfindbare zu beschreiben. Demgegenüber ist die Psychohistorik keine retro-, sondern futurspektive Wissenschaft, wie sie der aufstrebende Hari Seldon gegen Ende des Trantor-Imperiums entwickelt, um den hinkünftigen Verlauf menschheitlichen Werdens prognostizieren zu können. Psychohistorik, dem Namen nach etwas missverständlich, ist im Kern also eine Art der Futurologie, jedoch keine spekulative, glaskugelblickende, sondern exakt mathematisierte. Psychofuturhistorik wäre der wesentlich sperrigere, aber genauere Ausdruck, den dann jedoch keiner mehr aussprechen mag. Entwickelt hat sie die Hauptfigur der Foundation-Trilogie, Hari Seldon, um zunächst den Untergang des Trantorreichs vorauszusagen, um dann das sich anschließende Interregnum durch gezielte Beeinflussungen von prognostizierten 30.000 auf 1.000 Jahre zu verkürzen. Das mit folgendem Verständnis (laut Wikipedia):

    In der Psychohistorik wird demnach jedes einzelne Individuum analog zu einem Gasmolekül betrachtet, das verschiedene „individuelle“ Zustände einnehmen kann. Weil das zukünftige Verhalten eines einzelnen Individuums nicht präzise vorausgesagt werden kann, sondern jeweils nur eine gewisse Wahrscheinlichkeit für jedes mögliche Verhaltensmuster, wird „nur“ das Verhalten genügend großer Gruppen von Menschen, wie beispielsweise die gesamte Bevölkerung eines Planeten, berechnet. Asimov zog eine Analogie zu Eigenschaften von Gasmolekülen: Hier könne ein Beobachter kaum die Bewegungsrichtung eines einzelnen Gasmoleküls berechnen. Die Bewegungsrichtung großer Mengen von Gasmolekülen, zum Beispiel hinsichtlich ihrer Geschwindigkeit oder ihrer Verteilung, könne jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit berechnet werden.

    Noch nirgendwo las ich, was mir sofort in den Sinn kam, sobald ich davon hörte. Nämlich dass Psychohistorik im obigen Sinne nichts anderes ist, als die science fictionale Fortschreibung der mathematischen Psychologie unserer Tage; vielmehr aber noch die literarische Verdichtung einer Sozialphysik, wie sie Mitte des 19. Jahrhunderts von diversen Denkern gedacht worden war. So u.a. von Auguste Comte, der dann aber doch die Soziologie mitbegründete, wie man sie physiklos heute kennt. Menschen wie Atome, die wie Gase interagieren und sich gasförmig verbreiten. Nun meint Individuum, ein jede/r Mensch eines sein will, das Unteilbare ganz im Sinne von Atom. Und doch nicht so gesetzmäßig funktionieren wie ein Atom… In dem Zusammenhang habe ich auch noch nichts dazu gelesen, dass man Psychohistorik als eine Art weiterentwickelter Massenpsychologie verstehen könnte. In der Masse wird das Individuum quasi angesteckt und mitgerissen oder Individuen bilden überhaupt erst Massen durch interessensgetriebene Annäherung oder Individuen werden durch verführende Führer in die Masse gelockt. Diese Art Masse meist allerdings als Pöbel verstanden, der nur noch irrational und gedankenlos selbstentmündigt agiert. So ein Verständnis pöbelmassiger Menschheit liegt Asimov m. E. aber fern. So oder so, am Ende handelt die Masse weit über das Vermögen eines Einzelnen hinaus. Und sieht man die Menschheit als Masse an, so wäre ihr Massenverhalten entsprechend zu deuten. Wobei es psychohistorisch ja nicht beim Deuten und Verstehen, um zu erklären, bleiben soll: schlussendlich erfindet und betreibt Hari Seldon, so geht die Geschichte weiter, das Ganze ja, um Sozialtechnologie zu betreiben. Eine noch unscheinbarere, aber umso wirksamere Form auch heute schon gebräuchlicher Sozialtechnologie wie Marketing u.Ä. Ziel ist es, die Menschen (als Masse, Gruppen, Gesellschaft) zu steuern, zumindest richtungsweisend zu lenken, auf Kurs zu bringen. Reine Prognostik, um sich am Ergebnis zu erfreuen und es auszusitzen, ist in der Psychohistorik nicht vorgesehen. Daher noch genauer auf die Annahmen geschaut, die der Psychohistorik zugrundeliegen.

    Psychohistorische Annahmen

    Laut Wikipedia:

    Die fiktive Psychohistorik von Asimov basiert auf der Annahme, dass mittels empirischer statistisch auswertbarer Gesetzmäßigkeiten der allgemeine Verlauf künftiger gesellschaftlicher Entwicklungen berechnet werden kann. Aufgrund dessen wird in der Psychohistorik davon ausgegangen, dass mit genügend Zeit und Aufwand auch das Verhalten von Bevölkerungsgruppen so beeinflusst und gesteuert werden kann, dass eine beabsichtigte Entwicklungsrichtung allmählich herbeiführbar ist. Gemäß der Psychohistorik ist die Voraussetzung für die Wirksamkeit der Beeinflussung, dass die einzelnen Individuen einer gegebenen Population nicht wissen, welcherart der Einfluss ist, der auf sie ausgeübt wird. Wüssten sie darum, hätte dies die Zahl der möglichen Entscheidungsalternativen zu groß werden lassen, so dass die statistische Wahrscheinlichkeit des Eintritts der beabsichtigten Entwicklung zu gering geworden wäre.

    Psychohistorik ein auf die gesamte, interstellare Menschheit ausgedehntes nudging (stupsen, schubsen), wie es das dem Prinzip nach seit 2008 uns, Asimov (verstorben 1992) demnach noch nicht bekannt war. Unter “nudge verstehen die Autoren [Richard Thaler und Cass Sunstein] eine Methode, das Verhalten von Menschen zu beeinflussen, ohne dabei auf Verbote und Gebote zurückgreifen oder ökonomische Anreize verändern zu müssen.“ Das entspricht der notwendigen Voraussetzung, dass die Beeinflussten um ihre Beeinflussung nicht wissen und ergo auch nicht bewusst in widerborstige Reaktanz verfallen können. Dann hätte man es doch gleich zu Ehren Asimov beim Namen nennen können!

    Die im Kern zwei, implizit mitschwingend drei Axiome der Psychohistorik sind konkret gesagt:

    • “Der Mensch ist die einzige intelligente Lebensform in der Galaxis“: Verdrängt man die bloß humanisierten Roboter und gesteht ihnen keine über Arbeitssklaven hinausgehenden Rechte zu, stimmt diese Annahme im- wie explizit. Asimovs Foundation-Universum ist ein nur zu fein abgestimmtes, anthropisch angenehm eingerichtetes, wo auf keiner der zahlreichen besiedelten Welten je mehr als pflanzliches und einfach tierisches Leben vorgefunden worden ist. Terraforming, die Umwandlung solcher Welten in möglichst terraähnliche Zustände, findet zwar statt – lese: Roger MacBride Allens CalibanTrilogie
      -, ist aber keine kolossale Herausforderung. Nirgendwo drohte je ein Aurora-Effekt, wie es ihn als katastrophischen Wendepunkt in Kim Stanley Robinsons Meisterwerk Aurora gegeben und die willigen Kolonisten zur Umkehr gezwungen hat. Übermenschlich wird es erst mit Auf der Suche nach der Erde sowie Die Rückkehr zur Erde, den beiden finalen Büchern des Zyklus mit galaktischen Aussichten für die Menschheit, wo die Perspektive an Asimovs legendäre Kurzgeschichte Teh last Question – Wenn die Sterne Verlöschen gemahnt!
    • “Die Größe der Bevölkerungsgruppe, deren Verhalten modelliert werden soll, muss ausreichend groß sein“: Sollte gegeben sein, wenn ich jetzt auch keine Zahlen im Kopf habe, die Asimov nennt. Vermutlich setzt er die Zahl für die Bewohner des Trantor-Imperiums eher niedrig an, gemessen daran, dass er in Die Stahlhöhlen bei nur sechs Milliarden Menschen auf der Erde von übervölkerten, überbeengten Zuständen ausgeht. Aber selbst nur eine Erde voll Menschen wird für psychohistorische Fingerübungen reichen. Die Frage eher, wie man psychohistorisches Nudging quer durch eine Galaxis ausüben kann, also auch letzte Siedlerwelten damit erreicht.
    • “Die Bevölkerungsgruppe muss in Unkenntnis über die Ergebnisse der psychohistorischen Analyse bleiben“: Zuvor schon andiskutiert, gibt es hierzu heutzutage schon diverse Beeinflussungs- und Manipulationsmaßnahmen, die auf digitale Reichweiten von Onlineplattformen setzen können, an die Asimov keinmal je auch nur dachte. Und trotz aller rationalen (Selbst-)Aufklärungen, die massenmedial verteilt werden, kommt doch nicht alles überall an und wird schon gar nicht akzeptierend auf- und angenommen. Wenn ich so die Foundation-Lektüren revue passieren lasse, würde ich mal unterstellen: Asimov hat sich da eine alles in allem recht willfährige Menschheitsmasse imaginiert, die eher selten als selbstbestimmte Subjekte auftreten und für sich Wissen und Rechte einfordern. Keine antipsychohistorischen Wutbürger, die gegen Großprojekte auf Terminus agitieren, keine bürgerinitiativen Engagements, die sich informationell auf Augenhöhe mit Institutionen und Behörden bringen. Auch keine sich per Memeresigniert auskotzenden Anthropozäneinwohner.

    Soweit zu den Basics. Aber wie betreibt man denn nun Psychohistorik?

    EVA – der Primärradiant

    Hoffentlich ohne allzu viel Leiden mag man sich noch an den Matheunterricht erinnern, wo es um EVA ging. Nicht die biblische Eva als Urmutter aller Christ*innen, die zum Dank dafür überlang in der Patrix ins Abseits gestellt wurde; nein das mathematische Prinzip E.V.A.: E =Eingabe – V =Verarbeitung – A =Ausgabe. EVA die Rechenmaschine, in die man Input gibt (E), die dann nach (un)bekannter Gleichung verarbeitet (V) und sodann Output liefert (A), sprich ein Endergebnis ausgibt. Wozu diese ollen Kamellen? Weil es in der Psychohistorik meinem Verständnis nach genau darum geht: gearbeitet wird nämlich mit dem Primärradianten: dies ist ein Gerät, das wie ein Beamer Ergebnisse ausgibt und die von ihm verarbeiteten Gleichungen farbcodiert (s.u.) auswirft, wobei das Einspeisen und Bearbeiten von Gleichungen mittels mentaler Schnittstelle erfolgt. Foundation-Schüler*innen müssen langwierig üben, dann konkrete Gleichungsverbesserungen eingeben, die von zig Kommissionen penibel auf sinnhaftes Nudging hin kontrolliert werden, bevor man vom Noviz*innenstatus hochleveln darf.

    Wir erfahren vom besagten EVA-Dreischritt jedoch letztlich nur teilweise etwas über E und letztlich über A, nie jedoch wirklich über V. Und V, die gleichungsförmigen Verarbeitungsabläufe, sind ja gerade das Kern- und Herzstück der psychohistorischen Wissenschaft. Von E erfahren wir ausformuliert die Absichten, was man mit allem bezwecken will, wohin die Nudging-Reise gehen soll. Nicht erfahren wir, wie sich das in tatsächliche Gleichungen ausdrückt. Und das mit bestem Recht, weil Asimov zu schlau dafür war. Denn er war gekonnter Sachbuchautor noch nebenher und wusste, dass gemäß Faustregel eine jede weitere Gleichung den Verkauf schmälert, da es für das Gros der Leserschaft dann schnell zu abstrakt und ergo unverständlich wird. Daher bleibt E sprachlicher Ausdruck und wir in den Geschichten nie wirklich mathematisiert. Was und wie der Primärradiant dann anstellt, wie er die Gleichungen hin- und herformt, äquivalent umformt, eventuell gar polynomdividiert, erfährt man an keiner Stelle. Erst von der Ausgabe bekommt man wiederum Eindrücke vermittelt.

    In den Worten von Wikipedia bekommen wir weder Balken- noch Tortendiagramme geboten, dafür aber fünf farblich abgesetzte Anzeigen darüber, welcher Art die (un)wirksamen Gleichungsanpassungen sind (OBACHT: für totale Neuleser-/-gucker*innen sind z.T. Spoiler enthalten!):

    • Seldon Black entspricht dem ursprünglichen, von Seldon und Amaryl während der ersten vier Jahrzehnte an der Universität von Streeling entwickelten Plan. Hier werden die so genannten Seldon-Krisen, die Dauer des Plans und das Erscheinen des zweiten Galaktischen Imperiums festgelegt.
    • Speaker Red sind die nach Seldons Tod von den führenden Psychohistorikern der Zweiten Foundation hinzugefügten Zusätze. Hiermit begann vermutlich Gaal Dornick als zweiter Erster Sprecher der Foundation.
    • Deviation Blue sind beobachtete Abweichungen von den psychohistorischen Projektionen, mit einer Standardabweichung größer als 1,5 gegenüber dem vorhergesagten Ergebnis (1,5 σ). Insbesondere das Erscheinen eines „Maultier“ genannten Mutanten, der fähig war, Gefühle von Menschen mental zu kontrollieren, erzeugte starke Abweichungen zwischen 0,5 bis zehn Sigmas gegenüber dem ursprünglichen Plan. Um die galaktische Entwicklung wieder dem Seldon-Plan anzugleichen bedurfte es eines vollen Jahrhunderts Arbeit der Zweiten Foundation.
    • Notation Green: Zusätze durch einschlägige wissenschaftliche Arbeiten (Forward the Foundation).
    • Projection Purple: eine nützliche und in späteren Zeiten für Lehrzwecke genutzte Darstellung, um die Grenzen von Speaker Red-Gleichungen aufzuzeigen (Forward the Foundation).

    Das klingt doch schon mal sehr durchdacht, welche gezielten Eingriffe und realen Abweichungen es geben kann und wie man diese klar erkennbar markiert und kenntlich macht.

    Bis hierhin also zur Psychohistorik, wie wir sie am Freitag, 24.09. live und (unumgänglich) in Farbe präsentiert bekommen. Spannend finde ich, dass ausgerechnet diese Trilogie von Asimovs Schaffenswerk rausgegriffen worden ist. Zum einen, weil sie schon in den 1940er Jahren geschrieben wurde (zunächst als Kurzgeschichten) und schon deshalb von der Zeit längst überholt ist. Viele obige Verweise stammen aus späteren zeiten, beziehen sich auf Wissenschaften, die Asimov so nicht gekannt hat. Dementsprechend viel dürfte „aktualisiert“ werden, was die Serie ggf. arg von den Büchern entfernen, ja entfremden lassen KÖNNTE (nicht muss). Hinzu, dass Asimov im Allgemeinen alles, nur nicht actionreich schrieb, es ihm ja gerade und nahezu um die Überwindung von gewaltgetriebener, chaotischer Action gegangen ist; er mit den Robotergesetzen und der Psychohistorik vielmehr Pseudowissenschaften ersann, eine zusehendse Befriedung der Menschheit zu ermöglichen. Es müsste also eine – nach Game of Thrones und Co – erstaunlich ruhige, sprechlastige und wissenschaftsfreundliche Serie werden, die alles nur nicht durch mitreißende Action(sequenzen) special effect-reich ins Auge sticht. Abschließend noch auf eine aktuelle Form der „Psychohistorik“, was sowieso mein gedanklicher Ausgangspunkt für diesen Beitrag war…

    Neuro- statt Psychohistorik!

    Es geht um die Studie Lukas Schneider, Johannes Scholten, Bulcsú Sándor, Claudius Gros, Charting closed-loop collective cultural decisions: From book best sellers and music downloads to Twitter hashtags and Reddit comments, European Journal of Physics B (2021); als Pressemitteilung bei idw-online. Diese ist betitelt mit: „Lassen sich kollektive Entscheidungen vorhersagen?“ Und psychohistorisch dann auch beeinflussen? – wie man anfügen muss.

    Schnell zitierter Erkenntniskern ist:

    Am Beispiel der Charts und Bestsellerlisten zeigen Physiker der Goethe-Universität, dass unsere Entscheidungsprozesse statistischen Gesetzen folgen, die von der Arbeitsweise unseres Gehirns beeinflusst sind. Wichtigste Annahme ist, dass Informationen aus der Außenwelt im Gehirn zunächst komprimiert und dann optimiert werden.

    idw-online

    Klingt relativ simpel. Ja: Was denn sonst? Frage, ob sich STATISTISCH vorhersagen lässt, wie sich Menschen de facto entscheiden, wenn sie vor gleichen Entscheidungshorizonten stehen? Als seichte, nicht gleich staatstragende Beispiele gelten Musikcharts, Bestsellerlisten sowie Tweets. Wann und wie lange sich Titel/Tweets hier oben halten, folgt gleichen Prozessen wie die Informationsverarbeitungen in menschlichen Gehirnen.

    Claudius Gros und seine Gruppe haben sich die Bestsellerlisten von klassischen Medien für Musik und Bestseller-Charts für Bücher vorgenommen, weil diese teilweise schon seit den 1960er Jahren nach denselben Kriterien aufgestellt werden. Als modernes Pendant untersuchten sie die Zahl der Downloads für Musikalben auf Spotify und im Nachrichtensektor die Anzahl von Retweets auf Twitter sowie von Kommentaren auf der Diskussionsplattform Reddit. Allen ist gemeinsam, dass die Platzierung aus den Entscheidungen vieler Einzelpersonen hervorgeht, die sich untereinander beeinflussen.

    Ebenda

    Die erste und fundamentale Annahme ist hier:

    […] dass unser Entscheidungsverhalten davon beeinflusst wird, wie unser Gehirn die Masse an Informationen aus der Außenwelt prozessiert und Relevantes herausfiltert. Das heißt, wenn man eine große Menge von Menschen untersucht, zeigt sich, dass ihre Entscheidungen statistischen Gesetzen folgen, die prägnant durch die Verarbeitungsprozesse im Gehirn bestimmt werden. Genauer gesagt: den Prozessen der Verdichtung und Optimierung von Informationen.

    Ebenda

    Und im Ergebnis zeigt sich, wie erschreckend vorausrechenbar wir in diesen Kontexten handeln, sprich wie sich Toptitel nach oben spülen. Das lässt sich tagesgenau logarithmisch festhalten und im Wochenverlauf gemäß Potenzgesetzen. Neurofundamentale Gründe:

    Neben den logarithmischen Skalen, mit denen die primäre Information komprimiert wird, muss das Gehirn noch eine inhaltliche Auswahl vornehmen. Dafür versucht es, insbesondere den statistischen Informationsgehalt zu optimieren. (In der Informationstheorie wird der Informationsgehalt durch die Shannon-Entropie ausgedrückt.) Die von Gros und seinen Mitarbeitern entwickelte Theorie beruht auf der Annahme, dass unser Gehirn nicht den Informationsgehalt der direkten Sinneswahrnehmungen optimiert, sondern die bereits komprimierten Informationen. Das Gehirn kann für die Auswahl relevanter Inhalte nämlich nur auf die interne Darstellung der Welt zugreifen, die schon verdichtet wurde. Komprimieren und Optimieren wären damit zwei aufeinanderfolgende Schritte. Für die Optimierung der internen Information haben die Forscher präzise mathematische Zusammenhänge entwickelt.

    Ebenda

    Wir echoloten also nicht fortwährend in die tatsächlich vorfindbare Realität hinein, gleichen demnach NICHT in einem fort mit der Außenwelt ab, evaluieren nicht wie gute Wissenschaftler*innen, sondern verinnerlichen (internalisieren) es, eignen es uns als eigene neuronal basierte Gedanken an, lassen den Input neuro-intern zirkulieren. Der Sinn des Denkens mit Denken als sechster Sinn, womit wir ähnlich den anderen fünf körperlichen Sinnen denksinnhaft wahrnehmen und denkerleben. Nach der Kompression der eingegangenen, durch die physischen Wahrnehmungssinne vorgefilterten Eindrücke optimieren wir das Erhaltene von nun an hirnintern, also nur noch denkend. Und dieser Zwei-Schritt verläuft prinzipiell bei allen so ähnlich, dass man anhand mehrerer Gleichungen präzise vorhersehen kann, wie es auf diesen oder jenen Charts weiter verläuft.

    Das ist – hier noch im unschuldig Kleinen – Psychohistorik – noch ohne einflussnehmenden Anteil. Doch der stünde bevor, da man dieses Wissen machtvoll kapitalisieren wird können. Neuromarketingleute werden Schlange stehen, werden viel Geld für diese zugrundeliegenden Gleichungen ausgeben, um anhand dieser dann Angebote und Verkäufe so geschickt aufzustellen, dass schon der Verdichtungsprozess optimiert wird und so schon voroptimiert nur noch an Input reinkommt, was sich für die Abverkäufer lohnt. Das mal so als meine Annahme. Im KI-Zeitalter lassen sich mathematische Gleichungen nur zu gut und leicht zu Geld machen. Erst recht, wenn zunehmend auch chartgehende Literatur von KI sein könnte…

    Denn das ist eine große Leerstelle, ein Blinder Fleck in Asimovs Foundation-Erzählung: die Ökonomie, die ewige Ökonomisierung, Kommerzialisierung und Kommodofizierung von allem und jedem jenseits staatlicher Lenkungsversuche. Im Foundation-Universum hat es entweder nie eine Great Transformation hin in eine Marktgesellschaft gegeben oder man konnte sie überwinden. Dafür, dass Asimov in den USA lebte, ist seine Vision einer psychohistorisierten Menschheit erstaunlich marktlos, ja marktfrei, dafür zentral gelenkt bzw. genudget. Schlimm? Nö! Nur auffallend.

    Abschließende Worte

    Derer wenige: spannend, dass ganz im neumodischen Trend, es auch diesbezüglich bis ins Hirn hineingeht, der Mensch demnach wohl echt bloß soziales Gehirn ist, das nach Anderen telefonieren will. Weg von Psycho, hin zu Neuro, worüber der Mensch und sein entscheidungsreiches Handeln erklärt wird. Nunja…

    Wie viel wir von alledem in der Serien sehen werden? Wie genau man in die Psychohistorik einsteigt oder (noch) oberflächlich(er als in den Büchern) bleibt? Ich bin gespannt und sehr interessiert. Hoffe inständig, dass kein actionreicher Klamauk hinzugedichtet wird, es nicht hollywoodesk auf rührselige Romanzen hinausläuft oder GoTesk übelste hintertriebene Intrigen alles diktieren. Finden wir es heraus…

    EDIT vom Foundation-Release-Tag: In den Auflistungen Defekte behoben, so dass es nun ordentlich ausschaut…

    Der Lemiade nächster Teil

    Hallo Mitwelt

    Inmitten von Lemporalität, Lemscher Temporalität, wird heute am 12.09. Stanislaw Lems einhundertster Geburtstag gefeiert, in Abwesenheit dem Geehrten gratuliert. Dies hier im Blog ja bereits mit dem Kulturfeature vorbereitet und anhand des drakonischen Irrsinns bedacht, sprechen die Golems zur Zeit reichlich über diesen Lem.

    Daher hier zum Nachhören zusammengetragen, hinter wievielen Sternen ein Lem aufleuchtet und Ijon Tichy wissenssuchend vorbeisaust:

    • In kürzestmöglicher Form von nur 4Minuten im ARD-Stichtag von Florian Bänsch;
    • in über dreimal längerer Ausführlichkeit von 14Minuten im WDR-ZeitZeichen von Claudia Friedrich, wo Lem-Biograf Alfred Gall zu Wort kommt und zu meiner Freude der Beitrag mit Verweis auf Der Unbesiegbare eingeleitet wird. Die mehrfach, ja am häufigsten gelesen und gehörte Geschichte Lems, die für mich folglich die prägendste geworden ist. Sehr interessant der Versuch, Lem „einzuordnen“, der weder so richtig und recht Science Fiction-Autor war oder/und sein wollte noch ein standesgemäßer (Elfenbeinturm)Philosoph gewesen ist. Futurologe die trefflichste Bezeichnung für dessen, was er SF-literarisch und ab Ende der 1980er Jahre essayistisch und fachaufsätzig verfasst hat. Obacht, dass man das Manuskript zur Sendung abfragen kann;
    • und weiter geht es bzw. ist es zuvor schon am 10.09. gegangen: SWR2-Wissen: Stanislaw Lem – Visionär zwischen Science und Fiction. De facto eine auf etwa die Hälfte verschlankte Kurzform (rund 28m) obig nochmal gelinkten WDR3-Kulturfeatures. Hier aber mit der Möglichkeit, das Manuskript zur Sendung zu speichern und end etail nachzulesen. Wer das Feature verpasst/NOCH nicht gehört hat, kann gut hiermit einsteigen und dann erweitern. Hier auch, wie er sich selber sah: Für viele Leser und Leserinnen gilt der polnische Science-Fiction Autor Stanislaw Lem als origineller Erfinder verwegener Theorien und utopischer Schauplätze. Doch Zeit seines Lebens blieb Lem enttäuscht darüber, dass er immer nur als phantastischer Autor wahrgenommen wurde und nicht als ein Philosoph der Technik. Wobei, so viel sei angemerkt, ein „Philosoph der Technik“ auch bereits eine Verkürzung ist, wenn du dich mal zeitaufwendig, aber bereichernd in seine Beiträge von Mitte/Ende der 90er Jahre bei Telepolis reinlesen magst. Das Leben und dessen Gewordensein beschäftigten auch ihn!
    • Am ausführlichsten und in einer Diskussion über Autor, Werk und Wirken das SWR2-Forum: Meister der Science-Fiction – 100 Jahre Stanislaw Lem: “Das Science-Fiction-Genre nannte er einmal einen „Ramschladen“, von Marskolonien oder künstlicher Intelligenz hielt er auch nicht viel – dennoch gilt Stanislaw Lem mit Werken wie „Solaris“, „Der futurologische Kongreß“ oder „Robotermärchen“ als Science-Fiction-Großmeister und visionärer Zukunftsdenker. Was macht sein Schreiben so besonders? Am 12. September wäre er 100 geworden – passt seine Zukunft noch zur Gegenwart? Norbert Lang diskutiert mit Prof. Dr. Petra Gehring – Philosophin Prof. Dr. Philipp Theisohn – Literaturwissenschaftler, Alexander Wasner – SWR-Kulturredakteur“. Sehr hörenswert, wie lange schon und anhand welcher Texte die drei lemifiziert worden sind und wie sehr sie seine intelligent-kreative schaffenskräftige Fantasie schätzen, obwohl sie mit seinen literaturwissenschaftlichen Ausführungen gerade zur SF nicht so recht einverstanden sind und ihn auch nicht so ganz als klassischen Philosophen einordnen mögen. Und ob er mit seiner Art kritischer Prognostik als SF-Prophet gelten kann, wird ebenso diskutiert. In Form handfester Erfindungen, die sich AUF IHN berufen könn(t)en eher nicht; da hat es der Star Trek’sche Communicator als gewordenes Smartphone leichter…
    • Sodann noch hörspielerische Verweise. Derweil es ALLE deutschsprachigen Hörspiele in einer 8CD-Box (oder als MP3-Download) gibt, werden einige ausgewählte zur Zeit auch hinaus in den Äther gesandt. So unter anderem Test – ein Hörspiel mit unserem Freund Pirx, das in Kürze in der ARD-Audiothek verfügbar sein wird;
    • ebenda dann wohl leider nicht, sondern nur live anzuhören (oder mitzuschneiden!): Solaris ½: Der Planet und in einer Woche dann 2/2: Der Ozean.

    In Summa audiologicae Also Hört Ihr reichlich, was zum Großmeister denkmälig verfasst und besprochen worden ist. Sehr schön – Ehre, wem Ehre gebührt! Ich fasziniere mich zur Zeit tatsächlich vielleicht tiefergehender denn je an seinen Gedanken, Einsichten und Kritiken. Dass er, wie es bisweilen durchklingt, ein grantelnder Oppa geworden sein soll, finde ich nicht angesichts all dessen, was in den nunmehr fünfzehneinhalb Jahren seit seinem Tod digital, virtuell usw. passiert und geschehen ist. Er bleibt bedenkenswert und kann m.E. mitnichten wegen ein paar Anachronismen, die er gutmöglich sogar absichtlich eingebaut hat, abgetan werden. Kann freilich shcon, wäre aber denkverkümmert unsinnig.

    Wen es freut oder fürchtet, Weiteres zu Lem ist in Planung – an anregenden Gedanken über sein Machwerk mangelt es mir nicht. Wir werden mit Tichy auf Reise gehen und Fremdheit erfahren – Spoiler.

    Bis dahin: Lem lesen und hören!

    EDIT vom 21.09.2021: Ein paar kleine Tippfehler entteufelt (Ficiion wurde z Fiction); v.a. dem Beitrag mal einen Titel verpasst, wo er bisher titellos sein musste.

    Dein haploides Herz

    Hallo Mitwelt

    Heute führt die Reise nach Esthaa oder auch Auriga Epsilon V, letzteres nach einer beliebigen Welt auf der Fünfjahresrundreise der Enterprise klingt. Trekinal ist die Welt jedoch nicht. Sondern eine inmitten einer Föderation, ebenfalls einer menschlichen. Eine Reise in den Handlungsmittelpunkt einer Japes Tiptree Jr.-Kurzgeschichte: Dein haploides Herz – Heikle Alienforschung – vertont als Hörspiel: verfügbar bis 28.02.2023; Spielzeit 40:01m

    •SciFi-Klassiker• Menschlich oder nicht? Das ist die alles entscheidende Frage im Umgang mit Alienzivilisationen im Sektor der Föderation. Doch die Untersuchungen zweier Forscher stoßen an ein tödliches Tabu. // Von James Tiptree Jr. / Regieassistenz: Julie Grothgar / Regie: Martin Heindel / WDR 2021

    Die stimmszenatorische Besetzung, von der mir keine/r hörvertraut gewesen ist, aber sehr gut klingt:

    • Doc Ian Suitlov: Hanns Jörg Krumpholz
    • Pax Patton: André Kaczmarczyk
    • MacDorra: Thomas Anzenhofer
    • Reshvid Ovancha: Martin Bross
    • Korsada / Esthaanier Pilot: Volker Lippmann
    • Ratspräsident: Walter Gontermann
    • Alter Flenn: Ernst-August Schepmann
    • Flanya: Cennet Voß
    • Flenn-Männer (1): Jörg Kernbach
    • Flenn-Männer (2): Sebastian Schlemmer
    • Flenn-Männer (3): Markus J. Bachman
    • Flenn-Frauen (1): Janina Sachau
    • Flenn-Frauen (2): Sandrine Zenner
    • Flenn-Frauen (3): Paula Essam
    • Esthaanier (1): Carlos Lobo
    • Esthaanier (2): Hüseyin Michael Cirpici
    • Esthaanier (3): Thomas Balou Martin
    • Flenn-Mädchen: Flora Berg
    • Flenn-Junge: Rufus Berg
    • Off Stimme: Sigrid Burkholder

    Ich mache es mir einfach und lasse zusammenfassen, wie es beim WDR zu lesen ist, worum es denn geht:

    Im Auftrag der Föderation landen der Biologe Ian Suitlov und der Geologe Pax Patton auf Auriga Epsilon V, genannt Esthaa. Handelt es sich bei den einheimischen Esthaaniern um eine menschliche Alienspezies oder nicht? Die Föderation möchte in dieser Frage zu einem wissenschaftlichen Ergebnis kommen, denn am Ausgang dieser Untersuchung entscheiden sich einige delikate Fragen – und nicht zuletzt die Esthaanier hoffen auf ein positives Ergebnis. Aber je länger die beiden Wissenschaftler auf dieser fremdartigen und doch vertrauten Welt Nachforschungen anstellen, desto mehr Geheimnisse tun sich auf: Wer sind die geheimnisvollen Flenn, die abgeschirmt in eigenen Siedlungen leben? Woher rührt die genetische Einzigartigkeit der Fauna auf Esthaa? Und was geschah wirklich vor einem Jahrhundert beim letzten Zertifizierungsversuch, von dem niemand lebend zurückkam?

    Das föderale Maß aller Dinge

    In der 40-minütigen Kürze – bei Hörspielen sonst eher 50-55 Minuten üblich – ist geballt viel an Inhalt versammelt, der sich weniger auf (eventuell actionreiche) Handlung bezieht als vielmehr auf die Ideen dahinter. Also SF at its best, die ohnehin Ideen-Geschichte ist. Und die Idee, die hier im Zentrum steht, ist der Mensch, der in der Föderation zum Maß aller Dinge geworden ist (oder sich geschickt gemacht hat?). Vermutlich ist diese Kurzgeschichte und ihre sehr gute Hörspielumsetzung also eine Sfeske Lesart von
    Protagoras‘ Homo-Mensura-Satz: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Exakt in Übersetzung wiedergegeben: “Der Mensch ist das Maß aller Dinge, der seienden, das sie sind, der nicht-seienden, das sie nicht sind.“ Das ist höchst interpretationsbedürftig, auch immer noch dann wenn man den Nachsatz liest: „Wie alles einzelne mir erscheint, so ist es für mich, wie dir, so ist es wieder für dich.“ Es geht um das Verhältnis von erkennendem (menschlichen) Subjekt zum (nichtmenschlichen?) Erkenntnisobjekt).

    Der Kniff und Clou von Tiptree ist es nun, so wie das rüberkommt, dass sich alle innerhalb der Föderation und alle, die noch hinzukommen wollen, am Menschen messen (lassen). Der Mensch als Spezies in seiner anthropologischen Verfasstheit wird zum seienden Vorbild, zum role model der Galaxis, dem Ideal(maß) der Xenovölker. Denn das ist die anfänglich verwirrende Irritation: Hauptsache Mensch sein, selbst wenn man wie ein Krokodil aussieht. In etwa so sagt es Biologe Ian Suitlov, womit klar wird, was unverständlich bleibt: egal von welcher Art die Aliens sind, egal wie fremdartig sie aussehen, sie wollen unbedingt als „Menschen“ klassifiziert werden. Das vereinende Merkmal hierfür ist, so erneut Suitlov, paarweiser (Hetero)Sex. Wenn du es also zum Vielzeller geschafft hast und dich in Paarung paarweise evolutionär ertüchtigst, dann hast du die eine alles entscheidende challenge zum Menschsein genommen, dann wird dir Passierschein A38 ausgestellt. Und hinter diesem Wisch, dieser föderalen Absolution sind sie anscheinend alle wie wild hinterher. Demnach müssten auch irdische Löwen als Leonen dank zweigeschlechtlicher Fortpflanzung Anerkennung finden. So jetzt auch auf Esthaa, wohin sich das Forscherteam aufgemacht hat. Sie sollen Esthaaner biologisch und deren Heimatwelt Esthaa geologisch auf menschliche Tauglichkeit prüfen.

    Faszinierend nun und meines Erachtens auf diese Weise typisch Tiptree, dass es zum einen ganz anders auf Esthaa zugeht, die Evolution ganz andere Fortpflanzungswege gefunden hat, Sex sich hier also höchst different erweist; zum anderen, dass mit dem Anlegen des Menschenmaßes, dem Überstülpen alleinig für den Menschen tauglicher Maßhaltung ein bürokratisches Fiasko entsteht. Der Zugehörigkeitswunsch der Esthaaner, als paarungstauglich und somit als menschlich anerkannt zu werden, endet im – Spoiler – GENOZID! Die Esthaaner verbiegen sich derart für das Menschenmaß, um den föderal-paragrafschaftlichen Kriterien entsprechen zu können, dass sie sich selber genozidal verleugnen. Sie spalten, was zusammengehört; sie trennen, was vereint war; sie differieren kulturell auseinander, was evolutionär symbiotisch gewachsen ist. Sie tun also alles, was WIR HEUTZUTAGE AUCH TUN! Sie sind unser ferner Spiegel, für uns das Licht ferner Tage…

    Sie versuchen gemäß dem Menschenmaß zu leben, den beiden Wissenschaftlern ein solches Gelingen vorzuleben, an diesem maßlosem Maßnehmen die Wesen Esthaas zugrunde zu gehen drohen. Esthaaner und Flenn, wie es zunächst scheint, sind nicht so, sondern entgegen dem Schein. Interessant,dass Tiptree zur science fictionalen Erklärung bis in die Genetik tiefhinabgeht und so einen fundamentalen Unterschied der esthaanischen und erdmenschlichen Spezies aufzeigt. Der lässt es irrsinnig sein, sich einer erdmenschlichen Bemessungsgrundlage zu unterziehen.

    Ebenso interessant, dass – zumindest mal das Hörspiel und ggf. auch die mir NOCH nicht erlesene Kurzgeschichte – ganz ohne nähere Details auskommt, wieso denn zum Teufel und allen Dämonen bis dato partout alle Aliens als Menschen gelten wollen. Welche phänomenalen Güter erhält man denn, wenn man diese Bemessungshürde nimmt und so der Föderation beitreten kann? Das bleibt narrationsoffen, was den Irrsinn nur umso deutlicher hervorkehrt. Für vermutlich nichts und wieder nichts beugt man sich einem verfälschenden Maß, folgt diesem Ideal hörig, ohne auf Umstände, Verfasstheiten und Befindlichkeiten zu achten.

    Umgedrehter Lem

    Damit hat Sheldon es genau andersherum aufgezogen als Stanislaw Lem. In dessen Sterntagebüchern erlebt Reiseheld Ijon Tichy (oder erträumt es nur) das ziemliche Gegenteil: er soll für die Menschheit bei der Föderation für Zutritt werben:

    Achte Reise: Die achte Reise findet nur als Traum des Protagonisten statt. Ijon Tichy ist Delegierter der Erde und Kandidat beim Rat der Organisation der Vereinigten Planeten. Sprachliche Probleme können mit Hilfe einer informativ-translativen Tablette überwunden werden. Es bleiben körperliche und vordringlich kulturelle Schwierigkeiten für einen Menschen (kategorisiert als Typus Aberrantia > Nekroludentia > Monstroteratus Furiosus, übersetzt Abseitige > Leichenspieler > Gräßel-Wüteriche). Fazit unseres Werdegangs: Entwicklung durch Wettrüsten, Bombe vor Kraftwerk, Fleischfresserei. Anschuldigung z. B. Ausrottung der besseren Neandertaler und Geschichtsfälschung. Kann eine Zivilisation ihren extraplanetaren Ursprung nicht erforschen, gerät sie auf die Irrwege von Glaubenslehren, geschaffen aus Verwirrung und Verzweiflung. Erstaunliche Erklärung für UFOs vor dem alles verändernden Ende.

    Hier ist der Mensch höchstens das Maß, wie man es nicht macht, es tunlichst sein lassen sollte. Vielleicht hat Sheldon die Sterntagebücher gekannt, 1966 ist die zweite Auflage mit der gegebenenfalls vorbildhaften Achten Reise erschienen. Ihre Kurzgeschichte erschien zuerst 1969: Your Haploid Heart, Novelette (dt. Zu Feinden geboren, 1974; Dein haploides Herz, 1987). So oder so hat sie in diese Kurzgeschichte so ziemlich alles hineingepackt, was sie quer durch ihr Werk stets interessiert hat. Eine faszinierende Autorin!

    Lemomenale Kurzgeschichte – Der Drache

    Hallo Mitwelt

    Heute wird es erneut lemologisch. Denn ich habe rein zufällig ein feines Stück Lem entdeckt, eine – gerade einmal 12seitige – Kurzgeschichte mit dem Titel Der Drache. Erschienen im Eichborn Verlag 1984 just im „Namensjahr“ von 1984 von Eric Arthur Blair aka George Orwell. Der Dystopie aus dem Jahre 1948 „zu Ehren“ mit zwei Kurzgeschichtnn und einem Essay:

    • Stanislaw Lem: Der Drache bzw. mit vollem Titel Vom Nutzen des Drachen. Aus den Forschungsreisen Ijon Tichys“
    • Rainer Erler: Die Auserwählten
    • Gert Heidenreich: Guten Tag 1984

    In Erlers Kurzgeschichte geht es ums Heiraten und Ehe)vollzug) in einer Freiheitsdiktatur. In der wird man nach Kriterien paarweise für diesen Staatsakt auserwählt und zusammengeführt, um für die Freiheit und wider die Freiheitsfeinde eine Familie zu begründen. In 10 sehr kurzen kapiteln abwechselnd im anonym bleibenden Er und Sie der Verehelichten – sehr eindrücklich.

    Heidenreichs Essay geht den Fragen nach, wie viel von Orwells 1984 in realem 1984 angekommen ist, wo es noch nachzuholende Defizite gibt, welche Formen von Neusprech realisiert worden sind in Regierungszeiten Helmut Kohls. Auch sehr faszinierend, jedoch eher mit Schauder. Denn schon ZU VIELES hat es damals schon gegeben, woran wir trotz aller digitalisierenden Heilsversprechen noch heute kränkeln. Sogar „Datenschutz“ spricht er an, den es ergo bereits vor der DSGVO gegeben hat. Sehr lesens- und umso bedenkenswerter im Matchup weniger, aber auch mit Orwells Dystopie, noch mehr mit unserer Zeit eines realexistierenden Weltfraßkapitalismus!

    Aber es soll um Lems Geschichte gehen[1], die dem vollem Titel nach ein bis dato unerzählter
    Sterntagebucheintrag sein muss, der jedoch unnumeriert und damit gänzlich zeitlos bleibt. Innerhalb der Geschichte gibt es keinerlei Anspielung auf vorige/nachfolgende Erzählungen. In jedem Fall führt die Reise ins Sternbild des Walfischs. Und im Grunde ist sie eine wunderbar komprimierte Hommage an Lems Meisterspätwerk Lokaltermin (von 1982), dessen narrativen Verlauf es im Eiltempo nachvollzieht.

    Laut Wikipedia sei diese Kurzgeschichte in dieser oder jener deutschen Edition der Sterntagebücher als „Anhang“ aus Ijon Tichys Erinnerungen enthalten, die ich dann nie in Händen hatte:- ( Bei mir bestanden die Erinnerungen stets ausschließlich aus Erlebnissen auf der Erde. Welch Versäum- und Ärgernis. Umso schöner das wohlgelungene Nachholen. Daher die Zusammenfassung laut Wiki:

    Auf dem Planeten Abrasien lebt ein riesiger, einer Bergkette ähnelnder Drache, dessen Bewegungen Teile der Anrainerstaaten unbewohnbar machen. Die Bevölkerung des Planeten hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Drachen durch Fütterungen („Export“ von Nahrungsmitteln) milde zu stimmen. Bei Recherchen vor Ort erfährt Tichy, dass die gesamte Wirtschaftsordnung nur auf den Drachen ausgerichtet ist, obwohl von ihm faktisch keine Gefahr ausgeht, da der Drache ohne Fütterung eingehen würde. Am Ende der Geschichte steht die Aussage, der Drache sei für die Abrasier zum Prinzip und zu einer Art Staatsräsongeworden.

    Der Drache

    Es beginnt schon mit der Namensbezeichnung der Welt, zu der Ijon Tichy wissenseifrig fliegt (ohne, dass die Reise einer Erwähnung wert gewesen wäre). Abrasien, was gewiss herzuleiten ist von Abrasion. Lateinisch abrasio, was so viel wie „Abkratzung“ meint, als solche in vielerlei Kontexten u.a. medizinal von Bedeutung wird. Eventuell von der alltagsschnöden Zahnpasta bekannt, die mit einer bestimmten, grob dreigeteilten Abrasion daherkommt und je nach Zahn(schmelz)empfindlichkeit nicht höher als mittel sein sollte. Und schwer zu verkennen, ist der Drache der Abrasier schlechthin, der bzw. für den alles abgekratzt wird. Die eigentlichen Abrasier, so erfahren wir vorab, sind uns gleich ebenfalls Affenabkömmlinge, was ihr Verhalten verständlich macht…, wenn auch statt zweiohrig doppelnasig. Sie vermögen stereoskop zu riechen, gerade weil beide Nasen an den Stellen kopfseitlich liegen wie bei uns Affenabkömmlinge die Ohren. Das wird zwar anschaulich gemacht, auch dass sich um diesen biologischen Umstand reichlich Kultur in Form von Schmuck wie eine Flechte gelegt hat, doch ist es weiters nicht mehr wichtig. So stinke der Drache bis zu 1.000 Kilometer weit bei schlechter Wetterlage, doch ob das nur stereoskope Riecher wie die Abrasier wahrnehmen oder auch ein Einnäsler wie Tichy, bleibt ungenannt. Wie gesagt: bloß 12 Seiten.

    Doch auf denen entfaltet Lemtichy meisterhaft die verworrene Skurrilität einer unanzweifelbar geronnenen Drachenhörigkeit, die für Außenstehende mit unvernebeltem Sachverstand wie Tichy – und uns – unbegreifbar bleibt. Aufgebrochen ins Unverständliche ist Tichy zunächst aufgrund empfangener Funksignale. Diese konnte wiederum nur SETI-esk entschlüsselt werden durch Wissenschaftler Katzenfänger(!), weil dieser einen Schnupfen hatte, der ihn DEN Einfall eingab: vielleicht ergibt das Kauderwelsch ja Sinn, wenn man annimmt, da sprächen keine doppeläugigen Sehlinge zu uns, sondern geruchsfixierte Wesen. Und rieche da, bis auf ein Geschwafel von einem Drachen klärt es sich. Wunderbar, wie in wenigsätziger Kürze (die mir fremd wäre O_o) Lem en passant und hinterrücks die geistesphilosophische Frage einfließen lässt: Wie ist es, ein Abrasier zu sein? Und wie wirkt sich ein solches abrasische Sein u.a. auf die Kommunikation und dessen Verstehbarkeit aus? Lemomenal!

    Schon das ist die ultraverdichteteverstehende Ethnologie, wie sie in ausführlicher im Lokaltermin prächtig präsentiert wird – mit ein paar irrläufigen Zwischenschritten mehr. Und wie sich Tichy dort – oder auch auf Solaris – buchstäblich einliest, um vielleicht verstehen zu können, so orientiert er sich kaum vor Ort sogleich: Lektüre abrasischer Presse (das sind rein analoge Medien auf Papier, durch Schrift und Bild nie mehr als zweidimensional @Jüngere), geht später ins Presse- und Bibliotheksarchiv; ethnografiert aber auch persönlich, indem er mit erst einem Journalisten, später einem Professor der Drakologie spricht, sprich ihnen in einem fort Fragen stellt. In der Hinsicht dürfte Ijon Tichy wahrlich Lems alterego sein, da Lem – meines Wissens – bis zu seinem Tod topinformiert gewesen ist, eben indem er nicht nur Presse, sondern auch sämtliche Fachjournale wie Science oder Nature im Abonnement gründlich las und bei Fragen die noch so hochdekorierten Wissenschaftler*innen einfach telefonisch befragte. Medienkompetenz! Fefe wäre stolz

    Aber zurück nach Abrasien, einer Welt mit nur einem Riesenkontinent, auf dem sich die Abrasier in 80 Staaten ausgebreitet haben. Ganz im Norden deren drei Anrainerstaaten, die direkt an den sich seit eh und je stetig ausbreitenden Drachen angrenzen, also bald „übergrenzt“ worden sein werden. Daher hat es „Vereinbarungen zur Zusammenarbeit mit dem Drachen“ gegeben, die von (nur!?) 49 der Staaten völkerrechtlich bindend ratifiziert wurden. Einseitig, denn der Drache ist einfach nur und macht außer Nahrung aufnehmen, gelegentlich ausdünsten und ausscheiden und sich ausbreiten nichts weiter, schon gar keinen Smalltalk. Vielleicht stammt er von Schnecken ab, wie Tichy gelesen haben will. Doch man sei längst darüber hinaus, nach dem Ursprung und Gewordensein des Drachen zu fragen, da sein Sein das Entscheidende sei. Prädrakonistik ist demnach out und Drakogenese ist somit eine zukunftszugewandte Unterdisziplin der Drakologie. Eine zutiefst ökonomisierte, wie mir scheint. Denn mit dem Drachen konnte man wider die Automatisierung eine nie erlebte Arbeitsplatzbeschaffungsmaßnahme aufrollen. Um ihn kontinuierlich speisen zu können, investierte man allein vierhundert Milliarden (vermutlich Drachmen) in die Lebensmittelindustrie, die 146.000 Arbeiter*innen beschäftigt. All das mittels Exportkrediten, wodurch der Drache zum Auslandsmarkt mit kolossaler Nachfrage geworden ist.

    Aber doch nicht nur einseitig, denn es gibt schließlich Drachenfleisch und man kann aus ihn Plastilin für die Kinder herstellen. Nungut, das stinke zwar erbärmlich, müsse für den Gebrauch deodoriert werden und koste in der Herstellung das Achtfache gewöhnlicher Alternativen, aber der Drache ist da und gibt, also nimmt man, was man bekommt. In der Anfangszeit noch diskutiert, bei Tichys Landung durch einen terroristischen Anschlag auf den Drachen aktualisiert, war dessen Beseitigung durchaus mal Thema gewesen. “Die Ökonomen erklärten dann jedoch, wie teuer eine solche Vorgangsweise käme.“ Und nachdem die Möglichkeit auf rechtzeitige Beseitigung verstrichen war, musste man sich zwecks Arrangement positive Kalkulationen ausdenken. Es gibt noch zahlreiche Beispiele, wie sich um den Drachen herum nicht bloß Terrorismus, sondern sogar Tourismus entwickelte, sich dutzende akademische Zweige zu seiner Erforschung ausdifferenzierten und etablierten. Angelagerte Unternehmen fokussierten arbeitsplatzreich spezialisierte Aufgaben.

    Schön und gut, aber wieso all diesen Segen nicht endogen erzeugen, indem man nicht länger drachenzentriert wirtschaftet, sondern sich selber was gönnt? “Sollte man diese Mittel etwa an die Bürger verschenken?“ Nicht hin auf einen gemeinsamen Endzweck, sondern alle für sich in die eigene Tasche? Davon ab, wenn man den Drachen doch noch irgendwie beseitigte, wäre die postdrakologische Krise noch schlimmer. Denn was auch immer der Drache ist, was er geworden ist, was er kann und tut und was er werden mag… Vor allem wurde er

    „Zur Idee[…] zur geschichtlichen Notwendigkeit und zu unserer Staatsräson. Ein wichtiger Faktor, der unseren vereinten Anstrengungen einen festen Sinn gibt.“

    Der Drache!

    Das ist der Drache also. Aber was ist er eigentlich? Außer schwammig wie eine
    schneckenhauslose Schnecke? Der Drache ist mehr (geworden), als er ist, geht über sich hinaus, weil über ihn hinausgegangen wird. Der Drache steht laut Klappentext für den sich nur noch sinnlos selbstreproduzierenden „Selbstzweck der Wirtschaft“, für die ge- und erarbeitet wird, um was auch immer wozu auch immer zu erschaffen. Der Drache steht somit symbolisch genauso gut für den ideologischen, alles überwölbenden Kommunismus, den es 1984 noch gegeben hat; m.E. aber ebenso sehr für einen gleichermaßen sinnleerlaufenden Kapitalismus. Er kann jenseits der Wirtschaft, die aber doch Arbeitsplätze geschaffen hat, die man nicht verlieren darf, aber auch für jedwede geistig überformte Übersteigerung stehen, religiöser wie sonstwie eskapistisch welticher Art. Der Drache ist die symbolträchtige unanschauliche Veranschaulichung eines Hyperobjekts (im Sinne Timothy Mortons), dessen aktuellste Ausformung der Klimawandel ist, der längst zur Klimakrise geworden wurde. Ein in vielem eigentlich doch greifbares Etwas, also Objekt, das sich jedoch derart weit über die verstehenden Köpfe hinweg und hinaus überspannt hat, dass man es weder noch überschauen kann noch wirklich will. Es ist zu groß, um sich mit dessen Beseitigung trotz aller kaum ignorablen wirkmächtigen Nebenfolgen auseinandersetzen zu können. Zumindest scheint es so, so wie vom Nutzen des Drachen ein heller Schein besteht, so sinnentleert nutzlos dieser narzisstische Selbstnutzen auch sein mag. Da man sich zunehmend verstumpfsinnigt mit dem Drachen eingelassen hat, Schäden ignoriert und Nutzen überzeichnet, bleibt er, weil er da ist, weshalb er zu bleiben hat, damit er da bleibt. Zirkelschlüssig? Ja eben…

    Exzellente Geschichte, die 1984 als Nachklang von Orwells 1984 entstanden ist, die aber bis heute stets aufs Neue aktualisierbar ist. Ein großartiges kleinen Lese- und Denkstück, das UNBEDINGT UND NICHT ANDERS MÖGLICH in die Sterntagebücher aufgenommen werden muss, in jede Edition, die nebenbei auch stets immer ALLE anderen durchnumerierten Geschichten zu enthalten hat. JAWOHL! (Al)So sprach Golem!

    EDIT am 18.08.2021: ein paar Tippfehler korrigiert und den Schnecken-Link hinzugefügt


  • Zusammen mit zwei weiteren Kurzgeschichten ist Der Drache noch zweimal veröffentlicht worden und zwar

    • Insel Verlag (1. Auflage, 1990): Vom Nutzen des Drachen. Erzählungen. Gebundenes Buch;
    • Suhrkamp (2. Auflage, 1995): Vom Nutzen des Drachen. Erzählungen. Broschiertes Buch

    Auf 198 Seiten enthalten sind:

    • Die Wiederholung. Aus dem Polnischen von Herbert Schumann.
    • Ziffranios Erziehung. Die Geschichte des Ersten Entfrosteten. Die Geschichte des Zweiten Entfrosteten. Aus dem Polnischen von Hubert Schumann.
    • Vom Nutzend es Drachen. Aus den Forschungsreisen des Ijon Tichys. Aus dem Polnischen von Hanna Rottensteiner.

  • Trek zu den Sternen

    Hallo Mitwelt

    Aufbruch in unendliche Weiten, wo….naja…schon enorm viele Menschen gewesen sind. Nämlich alle Trekkies und die meist viel mehr als nur einmal. Und vorab gleich zur Einordnung: Trekkie bin ich nicht, wäre viel zu hoch gegriffen gemessen an insbesondere den mir zu Ohren gekommenen podcastenden Fans, die das mit so viel zeitaufwendiger Leidenschaft betreiben und hierfür die Folgen sichten und Hintergründe wälzen, um das dann Stunde um Stunde inhaltsfreudig wortreich zu präsentieren. Ich bin da bloß Star Trek-Sympathisant, der wohl – leider! – in der Jugend trotz Trekkie-Freund nie so richtig getribbelt worden ist, um aber doch den Weg zurück auf die Brücke der U.S.S Enterprise gefunden zu haben:))

    Ich bin jüngst über zwei Star Trek-Dokumentationen bzw. Beiträge gestolpert, die ich je ziemlich gut fand und hier teilen möchte. Zum einen die mit Sebastian Stoppe und der Sendung Wie sich Star Trek unsere Zukunft vorstellt | #gernelernen. Hier stellt Sebastian in einer Stunde dar, was der Titel verheißt: die Zukunftsvorstellungen in Star Trek, vor allem bei Raumschiff Enterprise rund um Kirk, Spock und Pille. Zumindest sind im Grunde alle technischen Visionen von Communicator, Tricorder, Warpantrieb und Beamen hier bereits angelegt, nur das Holodeck kam so richtig erst genau wie Androide Data in The Next Generation zum Zuge und Tragen. Ab Next Gen und somit dem visionären 24. Jahrhundert nehmen die gesellschaftlichen Vorstellungen einer Zukunft Kontur an, verkörpert in Jean-Luc Picard, was beim Trek zu den Sternen mit Captain Kirks Wildwest-Cowboy-Stil zuallermeist noch zu kurz gekommen war. Mutig bezieht er auch „New Trek“ mit ein, also die Star Trek-Serien unter Alexander Kurtzmans dirigierender Oberhoheit ab 2017 mit den Serien ab DISCOVERY und Folgende. Sebastian richtet sich zwar an Schüler*innen und nicht gestandene, altgediente Trekkies, da ich ein solcher jedoch selber eh nicht bin… Kurz zu hören ist Sebastian ebenfalls bei DLF-Sein und Streit zum Thema Das Wir in der Science-Fiction – Sternenflotte oder Borg-Kollektiv?

    Die zweite Sendung ist eine ZDFinfo-Doku, aus den USA importiert und zu Ehren von 50 Jahren Star Trek – ein Jubiläum, das auch schon wieder fast fünf Jahre her ist (08.09.1966 DER START) und ergo 2016 gefeiert wurde: Building Star Trek – Die Erfolgsgeschichte einer Serie in 87 Minuten. Skurril, dass die Doku immer noch abrufbar ist, das zu tun lohnt sich aber. Im besten Stile der Science Fiction-Propheten und passend zu Sebastians Vortrag werden Star Treks Visionen und das wissenschaftlich-technisch heute Mögliche gematcht. Drollig, dass man damals – 2016;-) – sich Smartphones als eine Art Tricorder noch gar nicht so recht vorstellen konnte. Passende Apps und das ein oder andere Gadges und man hat heutzutage für manche medizinale Anwendung ein nützliches Gerät zur hand – genau wie Pille McCoy! Vorgestellt wird vergangenes Star Trek und gegenwärtige Technik entlang von Requisiten, die für eine Jubiläumsausstellung in Washington mühsam zusammengesucht werden mussten. Zumeist nämlich wurden die Requisiten und darunter selbst die heute berühmtesten, nach Beenddigung der nur drei Staffeln kurzen Raumschiff Enterprise-Serie ausrangiert, weggeworfen oder von Fans ins private gerettet. Da ginge man heute merchandisbewusster an die Sache ran und würde das marketinggeschickter an die Fans bringen. Besagte Trek-Veteran*innen werden ggf. sogar auf der Ausstellung gewesen sein, in jedem Fall wissen, was alles präsentiert worden ist.

    Jetzt mag eine Doku von vor 5 Jahren zu einem längst gefeierten Jubiläum obsolet ercheinen und es vielleicht auch sein. Aber – und das ist der Dreh – 2016 bin ich überhaupt erst im Kielwasser des medial mitbegangenen Jubiläums zurückgekehrt zu Star Trek. Schlagartig abgeholt und warpantriebsflugs wieder eingeflogen hat mich exakt dieser Beitrag: 50 Jahre Star Trek – Ein Spiegel gesellschaftlicher Realitäten. Noch genauer hat mich CAPTAIN O CAPTAIN Jean-Luc rekrutiert, der im Einspieler mit der deutschen Filmsynchronstimme sagt, worauf es in Star Trek ankommt, was es, die Welt ausmacht. Da war ich sofort Feuer und Flamme.

    Und mit diesem Beitrag begann auch meine „Star Trek-Podcast-Karriere“, wenn auch nur als interpassiver Rezipient. Das aber hellhörig wie ein Ferengi mit dem im Beitrag erwähnten TrekCast, der Star Trek-Podcast, der zum Glück nur durch New Trek verstummt schien, weil mein TrekCast-Feed verhungert war:)) Sprich, den gibt es immer noch, wenn auch in stark gedrosselter und angesichts von New Trek wohl recht illusionslosem Erscheinungsrhythmus. Das Trio trekkinale hat mich Folge für Folge zurück in die Zukunft geführt. Und DLF-Beitragsautor Benjamin Schulz hat in TrekCast-Folge 55 seinen Auftritt und musste Rede und Antwort stehen zum – schwierigen – Verhältnis von Star Trek und die Medien!? Vor allem also zur Frage, wieso das andere Star so krass dominanter medial rezipiert wird, obwohl (oder weil?) es da doch bloß um Krieg geht…

    Und ein anderer Kreis schließt sich auch via TrekCast: besagter Sebastian Stoppe ist nicht erst seit kürzlich medienbekannter und –aktiver Trekkie, der für seine leidenschaft vorspricht. Nein, in TrekCast 40: Star Trek und die Politik diskutiert er die politischen Visionen und Axiome in Star Trek, worüber er sogar Akademiker geworden ist. Ein Thema, das mehr als genug für einen eigenen Beitrag ist…

    Und abschließend dann noch Ehre, wem Ehre gebührt. Nämlich dem zweiten Star Trek-Podcast, auf den ich stieß, der zum Teil bis zu phänomenalen DREI STUNDEN aufgenommen hat, um pro Folge eine volle Staffel Voyager komplett (alle sieben) und Deep Space Nine leider bis heute unvollständig (fünf von sieben) großartig zu besprechen: Rewatch-Podcast mit Lucy und Iris! Wenn jemand weiß, wie man die beiden reaktivieren kann, welchen Wein sie wollen, um ihn trinkend doch nochmal wieder weiter aufzunehmen….!? BTW: Ja, inzwischen ist drei Stunden der neue Standard, in der Zeit man eine einzelne Folge gerade so mit Begrüßung besprochen bekommt;-) Grüße an anderswann referenzierte Podcasts solcher Längen.

    PS Zitat schlechtin, über das ich gestolpert bin: „Es geht um eine dysfunktionale Familie im Weltraum, die irgendwie zusammenhalten muss.“ DAS SOLL STAR TREK SEIN???????

    Das Leben an sich

    Hallo Mitwelt

    Das Leben, das Universum und der ganze Rest – ein nicht unwichtiges Thema hier im Blog. Ziemlich basal sogar. Bisherige Reisen mit dem Raumschiff Erde (das noch nicht in Gänze muskifiziert/bransonisiert/bezosiert worden ist) waren eher kritisch bis betrüblich, weil die Evapotranspiration dort die Böden entwässern lässt (um anderswo übermäßig abzuregnen); da die Plastifizierung den Planeten wie unaufhaltsam überzieht und durchdringt und die verbleibenden Böden zubetoniert und klinisch abgetötet werden. Demnach scheint Raumschiff Erde kein Freudenhaus zu sein, in dem das Leben an sich Vorrang zu haben und hochgeschätzt zu werden scheint. Doch der Eindruck trügt angesichts der Gegenwart, die zwar zum Flaschenhals und Nadelöhr zu werden droht, das jedoch zum bereits sechsten Mal in der Biografie des Lebens, Bio-Grafie quasi…

    Das Leben findet einen Weg!

    One life to live for all
    One life to give birth them
    One life to be experienced in all
    And in only one world exist them!

    Das Leben schreitet fort und fort,
    von der Geburt wo es begann,
    aus dem Meer, von Fjord zu Ort,
    lebendig quillt’s, so gut’s nur kann.
    Es fließt dem Erdenrunde nach,
    wo es sich unendlich weit verflicht‘
    aus Gen und Wagnis tausendfach.
    Und wohin dann? Mensch weiß es nicht!

    Biosphärische Experimente

    Zur Zeit laufen unter der Regie des Homo sapiens – zur Erinnerung: der hirnseidank weise Mensch – ausgeklügelte weltweite Experimente, die die Biosphäre auf ihre Standfestigkeit prüfen, die bisher anhand und entlang wenigster paläontologischer Funde aufgestellte Behauptung eines zähen widerständischen Lebens verifizieren sollen. Die hierbei abhängige Variable ist das Leben an sich, das auf dem Prüfstein steht, derweil Experimentator Mensch die unabhängigen Variablen, die als lebenswert gelten, gezielt variiert.

    Eine führende Fachkraft mit mehreren speziellen Zusatzausbildungen ist zum Beispiel Forschungsleiter Bolsonaro. Der hat sich Reinhold Messner zum Vorbild genommen, der bekanntlich sauerstofflos die sogenannte Todeszone am Sagarmatha bzw. Qomolangma (imperialistisch: Mount Everest) alleine durchqueren und seither immer noch weiterleben konnte. Und weil damit induktiv bewiesen wäre, dass sich Leben auch an Orten halten kann, die als lebensfeindlich gelten, und dass Sauerstoff als Lebensquell offenkundig überbewertet ist, ergibt sich folgender, pfiffiger Experimentieraufbau: Als bloßes Nebenprodukt fällt Sauerstoff bei der Verstoffwechslung der Flora (Pflanzen) an, die CO2 aufnehmen und Sauerstoff abgeben. Anschaulich als Lunge des Planeten gilt hierbei der Amazonas-Regenwald als unterbezahlte Führungskraft, wo in außergewöhnlichem Maße CO2 ein- und Sauerstoff ausgeatmet wird. Zu den Annahmen gehört nun, dass sich das Leben an sich, wenn es auch nur halb so zäh wie behauptet ist, Messner-gleich mit einem viel Weniger an Sauerstoff durchs Leben wird schlagen können. Hierfür wird nun en masse der Amazonas-Regenwald im ursprünglichen Sinne dezi-, eher zentimiert, um dortige Verhältnisse möglichst umzukehren. Statt CO2 aufzunehmen und Sauerstoff abzugeben, soll er dermaßen reduziert werden, dass er weniger Sauerstoff „produziert“ und mangels Aufnahme viel mehr CO2 in der Atmosphäre verbleibt. Da die bodennahe Atmosphäre die Troposphäre ist, nur in der die Biosphäre existiert, wären mit der gezielten Manipulation zweier unabhängiger Variablen (CO2 und Sauerstoff) eine Potenz an Einflussfaktorkraft mit einem Schlag erreicht, die es so noch nie gegeben hat seit Menschengedenken. Einmalige Bedingungen mit größtmöglicher Aussagekraft über das Leben und seine Verfasstheit. Vorläufige Ergebnisse sind extrem vielversprechend: aus einer CO2-Senke ist bereits eine CO2-Quelle geworden! Auf die anvisierten Verschärfungen der Experimentalbedingungen darf man folglich hoffen. Die optimierende Maximierung der Biostressoren kann ergo stetig perfektioniert werden und wir deinen großartigen Beitrag zur Grundlagenforschung liefern!

    Das Leben fand einen Weg

    Doch bloß weg vom Homo hybris in die Vergangenheit auf der Suche nach den ersten Tieren. Tiere, da sie die am weitesten entwickelten Lebensformen auf Erden sind und wir ihnen – je nach Perspektive – entstiegen sind oder gerade so den Kopf oder auch nur den Neocortex mühsam übers tierische Wasser halten können. So wie es Stephen Baxter in Evolution ausgeführt hat. Oder war es zuvor Darwin?…

    Wie dem auch sei, in aller Regel (siehe die folgenden Kapitel) geht man davon aus, kann sich auf gut gesicherte Befunde berufen, dass solcherlei Getier vor rund 560 Millionen Jahren die Eroberung der Welt antrat. Doch eine Nature-Studie: „Possible poriferan body fossils in early Neoproterozoic microbial reefs”science.ORF.at berichtet – verfolgt Tiere gnadenlos zurück in die Vergangenheit. Spannendste Kandidaten hierfür sind Schwämme:

    Die genügsamen Wasserbewohner haben keine Organe und keine Nervenzellen, ihre verwesten Strukturen können jedoch in Kalkstein über hunderte Millionen Jahre hinweg erhalten bleiben. Solche Steine fand die Geologin Elizabeth Turner in den Mackenzie Mountains im Nordwesten Kanadas – vor Milliarden von Jahren einmal Meeresboden. Diese Gesteinsproben dürften etwa 890 Millionen Jahre alt sein.

    „Es war in gewisser Weise nicht überraschend, mögliche schwammartige Strukturen in Steinen zu finden, die etwa 890 Millionen Jahre alt sind“, sagt Turner. Die ältesten Schwammfossilien, die man kenne, seien zwar jünger, etwa 530 Millionen Jahre alt, müssten sich aber aus Vorläuferorganismen entwickelt haben. Turners Forschung würde also die Entstehung vielzelligen tierischen Lebens auf der Erden noch weiter nach hinten datieren. Folglich müsste es mehr als eine Milliarde Jahre alt sein.

    Elizabeth Turner nach science.ORF.at

    Dass sie das recht sachlich behaupten kann, liegt auch daran, dass mithilfe des genetischen Verfahrens der sogenannten Molekularen Uhr längst Thesen aufgestellt worden sind, die das vermuten ließen. Mit dieser bildlich gemeinten „Uhr“ kann man die genetische Zeit quasi zurückdrehen und so nachverfolgen, wann sich Arten voneinander trennten und eigene Wege gingen; andersherum also, in etwa wann es gemeinsame Vorfahren gegeben haben muss. Ihre Entdeckung im kanadischen Nirgendwo ist hierfür jedoch der erste paläontologisch-empirische Beleg, wie lange schon Schwämme auf Erden schwammen.

    Doch das wirklich Aufregende an dieser Datierung bloß rund 60% zeitzurück zu bisherigen Befunden ist ein ganz anderer, worauf bei wissenschaft.de eingegangen wird:

    Erstaunlich ist dieser Befund angesichts der Tatsache, dass der Sauerstoffgehalt in der Erdatmosphäre und im Wasser bis vor rund 800 Millionen Jahren so gering war, dass tierisches Leben als beinah unmöglich galt. Von modernen Schwämmen ist zwar bekannt, dass sie auch mit vergleichsweise wenig Sauerstoff auskommen – doch auch für sie hätte der Sauerstoff vor 890 Millionen Jahren wahrscheinlich nicht ausgereicht.

    Turner fand in ihren Proben jedoch einen Hinweis, wie die urzeitlichen Schwämme dennoch überlebt haben könnten: „Der Organismus lebte nur auf, in und unmittelbar neben Riffen, die von kalkbildenden Cyanobakterien aufgebaut wurden, die Photosynthese betrieben“, berichtet sie. „Der gelöste Sauerstoff im Meer war zu dieser Zeit wahrscheinlich gering – außer in der Nähe dieser Mikroorganismen.“ Der Schwamm selbst kam dagegen offenbar ohne Licht aus. „Der wurmförmig-mikrostrukturierte Organismus war nicht in der Lage, mit den riffbildenden Cyanobakterien zu konkurrieren, sondern besetzte stattdessen Nischen, in denen die Kalkmikroben aufgrund von schlechter Beleuchtung oder hoher hydrodynamischer Energie nicht leben konnten“, so die Forscherin. Auf diese Weise nutzte er womöglich die Nachbarschaft der Cyanobakterien aus, ohne ihnen Konkurrenz zu machen.

    wissenschaft.de

    Kollege Urschwamm also ein ingrimmer Schmarotzer, der den diensteifrigen Cyanobakterien nur so den Sauerstoff wegatmete? Urschwamm, der sich den Mikroben nur so aufdrängte wie ein narzisstisches Größenklein, dass ohne das bakteriell einzellige Größenselbst nicht konnte? Bakterien als geburtshelfende Ammen des ach so hochentwickelten tierischen Lebens? Na wo kommen wir denn da hin, wenn sich Urahn Tier nicht aus eigener Kraft aus der Ursuppe entwickelt, sondern Stützräder und Händchenhalten gebraucht hat? Wenn schon der Urschwamm darin versagte, es dank Vielzellerei (Poly-/Metazoa) unbetreut geschafft zu haben, dann ist der Mensch etwa als Emporkömmling des Tierreichs auch bloß ständig umkippender Fahrradanfänger? Auch bloß ökologisch, umweltbedingt gemacht? PFF!

    Urschwämme als Herumdrücker in, auf und an bakteriell beherrschten Nischen, nur dort sie einer ansonsten lebensfeindseligen Umwelt die Schwammstirn bieten konnten. Das heißt dann aber doch auch, …?

    „Wenn die Strukturen als frühe Schwammkörperfossilien akzeptiert werden, würde ihr Alter von ca. 890 Millionen Jahren bedeuten, dass die evolutionäre Entwicklung der vielzelligen Tiere von der Sauerstoffanreicherung im Neoproterozoikum abgekoppelt war“, erklärt Turner. In diesem Fall hätte es die ersten Tiere schon vor den frühen Eiszeiten gegeben, die zwischen 720 und 635 Millionen vorkamen. „Wenn die Befunde stimmen, wurde das frühe tierische Leben von diesen Gletscherepisoden nicht katastrophal beeinflusst“, so Turner.

    wissenschaft.de

    Aber seit wann sind die Workerholics aka Cyanobakterien denn aktiv und bis wann kann man zurückverfolgen, dass sie in noch so kleinen Nischen photosynthese-eifrig ihren Sauerstoff produzierten?

    Erste sauerstoffproduzierende Organismen – die Cyanobakterien – tauchten vor etwa drei Milliarden Jahren auf, doch das von ihnen als Abfallprodukt gebildete O2 oxidierte vorerst noch Eisen- und Schwefelverbindungen und reicherte sich nicht in der Atmosphäre an. Erst als die Konzentration der eisen- und schwefelhaltigen Verbindungen abnahm, konnte sich Sauerstoff zunächst im Ozean und später in der irdischen Gashülle anreichern: Es kam zum „Großen Oxidationsereignis“ vor 2,4 Milliarden Jahren.

    “Frühe sauerstoffreiche Atmosphäre“ auf spektrum.de

    Schon nach einer weiteren Milliarde Jahre – 1,2 Milliarden Jahre vor uns – scheint der Sauerstoffgehalt signifikant angestiegen zu sein, so ein Rückschluss aus einem überraschenden Fund. Schon 2010 haben Forschende…

    […]in uralten Seesedimenten aus dem schottischen Hochland chemische Hinterlassenschaften von Bakterien nachgewiesen, die es zu dieser Zeit noch gar nicht hätte geben dürfen: Die Mikroben hatten Schwefelverbindungen oxidiert, um Energie zu gewinnen – ein Reaktionsweg, der nur möglich war, wenn ausreichend Sauerstoff den damaligen Seegrund durchsetzt hatte. Dies würde aber wiederum bedeuten, dass O2 in der Atmosphäre ebenfalls bereits in ausreichendem Maße vorhanden war, um komplexes Leben zu ermöglichen.

    “Frühe sauerstoffreiche Atmosphäre“ auf spektrum.de

    Die einen Bakterien (Cyanos) als Atzen für die anderen, diese somit auf den Schultern von Zwergen überhaupt nur in die Welt hineinblicken konnten? Nicht Mainzel-, sondern Baktelmännchen, die das Lebenshaus auf Vorderleben gebracht haben? Wenn dem so gewesen war, dann wäre es nicht mehr so überraschend, dass auch schon vor 890 Millionen Jahren für erste ambitionierte Vielzeller Sauerstoff genug zum Ausleben der quicklebendigen Gelüste zur Verfügung stand, womit sich manch Eiszeit überstehen ließ. Eventuell profitierten die mikrobiellen Urschotten Äonen zuvor auch bereits von den bakteriellen Kollegen wie dann der Schwamm, als er die Welt nicht länger atemberaubend vorfinden musste.

    Auf der Suche nach dem leben

    Das Leben, was es genau ist und wo es begann und wie es enden mag, bleibt unklar trotz zutiefster Involviertheit in es als Teil von es. Ein Blick in den Himmel hilft, um sich dem leben fundamentaler zu widmen. Wobei genau genommen nicht in den Himmel geguckt wird, sondern auf den Bildschirm rein Numerischer Exobiologie: dass auf der Suche nach Exoleben stets nach planetarem Wasser als Urquell fürs Leben Ausschau gehalten wird, ist schon blogkundig geworden. Doch ist Wasser noch kein Leben, nur eine Voraussetzung, menschlicher Meinung nach eine notwendige. Daher viel elementarer geblickt, ab wann und bei was denn der „Lebenssensor“ anzuschlagen, worauf man ihn feinzujustieren hat. In einem Astrobiology-Essay nach spektrum.de sinnierte man darüber, was eine „universelle Signatur für Leben“ sein könnte. Ausgangspunkt hierfür eine 1994 von der NASA aufgestellte – sehr breit und weit gefasste – Nominaldefinition: Leben sei ein „sich selbst unterhaltendes chemisches System, das zu einer Evolution im Sinne Darwins im Stande ist“ (Im Originalwortlaut: „… a self-sustaining system capable of Darwinian evolution“). Handlich… Und wer hat nicht stets alle evolutionstheoretischen Aspekte Darwins im Sinn?

    Die sich anschließende Idee ist nun, dass sich evolutionäres Leben „verrät“, seine Anwesenheit buchstäblich ausdrückt hinein in die Welt:

    In jedem evolvierenden System […] würden sich die relativen Häufigkeiten der Bausteine gegenüber dem unbelebten Normalfall verschieben: Während bei der zufälligen, abiotischen Synthese beispielsweise von Aminosäuren die Reaktionskinetik entscheidend ist – einfacher zu erzeugende Moleküle liegen in größeren Mengen vor –, würden in Proben aus belebten Substraten bestimmte Bestandteile häufiger oder seltener auftreten als erwartet.

    Grund dafür sei die Evolution: Sie bevorzuge Bausteine, die sich als förderlich erweisen, und entferne oder unterdrücke nachteilige. Zu welcher Kategorie eine gegebene Substanz gehört, braucht der Forscher dabei nicht zu wissen. Entscheidend ist allein, dass es in der Häufigkeitsverteilung der mutmaßlichen Grundbausteine Unregelmäßigkeiten gibt.

    Jan Dönges in spektrum.de

    Auf den Begriff gebracht: „Monomer Abundance Distribution Biosignature“ (zu Deutsch: Biosignatur der Häufigkeitsverteilung von Monomeren). Und weil es an realen Beispielen mangelt trotz einiger Kandidaten im Sonnensystem, zogen sich die Nerds schmollen an ihre Computer zurück und modellierten das Ganze, um das Prinzip auf Tauglichkeit zu prüfen. …, nachdem sie doch zunächst auf Erden abklopften, ob ihre Häufigkeitshypothese in Sedimenten zutrifft: ja. Und sodann auch im numerischen Modell:

    Tatsächlich zeigte sich auch hier ein ähnlicher Befund wie bei den Sedimenten: Obwohl alle Befehle mit gleicher Wahrscheinlichkeit durch Mutation in das Genom geraten, waren selbst nach zig Generationen neutrale Anweisungen überdurchschnittlich häufig vertreten. Befehle, die an bestimmten Schlüsselstellen des Kopiervorgangs eingreifen, tauchten hingegen extrem selten auf.

    Den Vorteil ihrer Biosignatur sehen Dorn und Adami darin, dass eine grobe Vorstellung von den Grundbausteinen einer außerirdischen Lebensform genügt, um den Test durchzuführen. Es fehlt dann nur noch die abiotische Vergleichsprobe, um den Stempel der Evolution zu entdecken – zumindest in der Theorie, denn wie die Forscher selbst eingestehen, könnten auch gänzlich profane Prozesse das Ergebnis verfälschen.

    Ebenda

    Auf auffällige Häufigkeitsanballungen zu setzen, scheint jedoch nur richtig gut zu helfen, wenn man nicht von Leben umzingelt ist und vor häufigkeitslauter Leben das Leben übersieht. Oder beginnt, auszuschließen, was dazugehören soll und was draußen zu bleiben hat. So wird immer wieder am Baum des Lebens gerüttelt und infrage gestellt, ob Viren nun zum Leben gehören oder ob Leben erst mikrobiotisch mit Bakterien beginnt. Die nennenswerte Häufigkeit von Viren (auch nur einer Art) scheint seit anderthalb Jahren mehr als belegt…

    Überhaupt den Tatort ausfindig zu machen, um den oder eher die Ankläger – schuldig am Leben! – schlussendlich überführen zu können, ist eine biokriminalistische Kunst für sich. So war wohl am Anfang der Schlamm; weniger aus dem heraus das vielköpfige Ungeheuer Leben sich empormühte, sondern in dem es hexenküchengleich passiert ist:

    Das Leben begann möglicherweise damit, dass Luftbläschen durch tonhaltigen Schlamm blubberten. Dabei können nämlich stabile, kugelförmige Hüllen aus Tonmineralien entstehen, die alle Voraussetzungen für die Bildung primitiver Zellen erfüllen: Sie sind stabil, besitzen Poren, die unter anderem Bausteine für potenzielle Biomoleküle ins Innere lassen, und können sogar die Reaktionen zwischen solchen Bausteinen katalysieren. […] Haben sich im Inneren der Kügelchen dann erst einmal größere Moleküle aus den einzelnen Bausteinen gebildet, können diese nicht mehr hinaus. Es handelt sich demnach um ein natürliches Sortiersystem, das vor allem solche Moleküle festhält, die zur Selbstorganisation neigen – und damit die optimalen Voraussetzung für die Bildung von Biomolekülen erfüllen…

    Wissenschaft.de

    Und was belebte sich inmitten des Tons, aus dem auf gewisse Weise Gott also wirklich Adam, der zum Glück kein Mensch war, geformt hat? Irgendwann entstieg ihm auf alle Fälle ein Pilz:

    Pilze sind die zweitgrößte Organismengruppe und eine der ältesten Lebensformen unseres Planeten. Genvergleiche legen nahe, dass die ersten Pilze schon vor mindestens 1,5 Milliarden Jahren entstanden. Die bisher ältesten eindeutig als Pilz erkennbaren Fossilien stammen aus der Zeit vor rund 800 Millionen Jahren. Diese fädigen Ur-Pilze lebten wahrscheinlich am Rand einer urzeitlichen Küstenlagune und könnten daher schon erste Anpassungen an zeitweiliges Trockenfallen ihres Lebensraums besessen haben.

    scinexx

    In fädiger Detailarbeit hat man nun, schwer zu interpretieren, mutmaßliche Pilzfäden an Land von vor 635 Millionen Jahren ausfindig gemacht. Das wären weit über 200 Millionen Jahre früher als bisher bekannt, wäre das älteste Landfossil und wäre ein verstehender Quantensprung bei der Landnahme durch das Leben:

    Das könnte bedeuten, dass die Pilze lange vor den ersten mehrzelligen Pflanzen die urzeitlichen Landmassen eroberten. „Zusammen mit anderen terrestrischen Mikroorganismen wie Cyanobakterien und Grünalgen könnten diese pilzähnlichen Organismen ein erstes einfaches Landökosystem gebildet haben“, erklären die Wissenschaftler. Dann hätten diese Pilze eine wichtige Rolle auch für die geobiochemischen Stoffkreisläufe jener Zeit gespielt, indem sie die chemische Verwitterung von Gestein förderten und so zur mineralischen Bindung von Kohlendioxid, aber auch zum Transport von Nährstoffen ins Meer beitrugen.

    Scienexx ebenda

    Nicht ganz abwegig, dass vor 635 Millionen Jahren derlei in die Wege geleitet worden ist, denn für die Zeit von vor 450 Millionen Jahren ist es als vortrefflich gelingende Symbiose belegt:

    Eine „Freundschaft“ bildete offenbar die Grundlage der grünen Revolution auf unserem Planeten: Forscher präsentieren neue Hinweise darauf, dass die pflanzliche Besiedlung des Landes vor rund 450 Millionen Jahren durch eine symbiotische Beziehung mit Pilzen möglich wurde. Sie konnten zeigen, dass sogar die simplen Lebermoose – die als lebende Fossilien gelten – ihren Pilzpartnern Lipide als „Handelsgut“ anbieten – ähnlich wie die hochentwickelten Pflanzenarten. Bei Algen gibt es die entsprechende Lipid-Biosynthese hingegen nicht. Daraus schließen die Wissenschaftler, dass dieses System auf die Zeit zurückgeht, als die ersten Gewächse mit der Unterstützung ihrer Pilzpartner das Land ergrünen ließen.

    Zitiert nach wissenschaft.de

    Doch der Landgang war ein Fehler, die Ozeane hätte man nie verlassen dürfen. Daher vom Lande zurück ins Wasser, dorthin wo der letzte gemeinsame Vorfahr von unsereins und den guten Seeigeln residierte, „ein wahres Höllenwesen“, also ein wahrer Urmensch, ein Winzling von 1,3 Millimetern, Saccorhytus coronarius. Allerdings hauste Sacco vor 540 Millionen Jahren, also ebenfalls inmitten des frühen Kambriums, das vor 545 Millionen Jahren begann und 505 Millionen Jahre vor unserer Zeit endete. Damit ist Sacco ein Zeitzeuge der Kambrischen (Arten)Explosion, in die es proaktiv involviert gewesen war und dem Leben den entscheidenden Schub zur Unendlichen Mannigfaltigkeit in unendlicher Kombination verlieh.

    In diese Zeit bzw. kaum erwähnenswert wenige Millionen Jahre zuvor, am Ende des Präkambriums, kam es zu zweierlei, das sich bedingte und wohl nur hierdurch das vielzellige Leben so artenexplodieren konnte: Sauerstoffanstieg und das HIF-System (idw-online) Erforscht anhand von Trichoplax adhaerens, die „anhaftende haarige Platte“:

    Wir gehen davon aus, dass vor 550 Millionen Jahren die ersten komplexeren tierischen Lebewesen entstanden sind, zur gleichen Zeit stieg der Gehalt des atmosphärischen Sauerstoffs auf dem Planeten stark an, von drei Prozent auf sein heutiges Niveau von 21 Prozent.

    Für jeden Vielzelligen Organismus ist es lebenswichtig, dass jede Zelle ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird. Dabei sind Vielzeller stärker gefordert als einzellige Organismen. Vielzellig zu sein, bedeutet, dass der Sauerstoff auch zu Zellen gelangen muss, die sich nicht an der Oberfläche des Organismus befinden. „Wir denken, das dies der Motor war, der die Vorfahren von Trichoplax adhaerens dazu trieb, ein System zu entwickeln, das einen Mangel an Sauerstoff in jeder Zelle misst und in der Lage ist, darauf zu reagieren“.

    Bernd Schierwater sowie Chris Schofield laut idw-online

    Die Frage ist aber, wie die jungkambrischen Vielzeller mit dem Sauerstoff umzugehen verstanden, wenn man auf einmal bis zu einem Siebenfachen des Millionen Jahre lang eingeübten Niveaus klarzukommen hatte.

    Die Studie zeigt, wie Menschen in ihren Zellen Sauerstoff messen und wie der Sauerstoffgehalt die frühen Phasen der Evolution der Tiere beeinflusst hat. Das in Trichoplax entdeckte HIF-System (hypoxia induced factor system) ist ein effektives Werkzeug, um sich gegen Sauerstoffstress zu schützen. Ein Werkzeug, das vermutlich von allen Tieren beibehalten wurde. Das HIF-System wird aktiv, wenn Tiere in Sauerstoffstress geraten. Die Wissenschaftler glauben, dass die Methode existiert, seit die ersten Tiere vor rund 550 Millionen Jahren entstanden sind. Diese ersten Tiere sind Verwandte von Trichoplax adhaerens, einem einfach strukturierten Organismus ohne Organe, der nur fünf verschiedene Zellarten ausbildet.

    idw-online

    Auch du bist Trichoplax! Ein zu guter Anlass und Grund, mit hochgeschätzten Wolfgang Welsch uns Menschen jenseits eines anthropischen Prinzips zu verorten, nämlich vielmehr als zutiefst evolutionär geworden sein!

    Ob Schwämme oder Quallen – Hauptsache Leben

    Nochmal zurück zu den Schwämmen, die nach neuester Befundlage der Tiere Kern, Urgrund tierischen Seins gewesen sein könnten. Was wäre daran denn jetzt so umwerfend? Und was macht sie denn schon zu Tieren? Allein der Umstand, mehr als eine Zelle mit sich herumzutragen? Zellen im Plural, die jedoch weder Organe, Nerven noch Muskeln ausgebildet haben! Laut der Nature-Studie von 2010: “The Amphimedon queenslandicagenome and the evolution of animal complexity” ist anhand proteincodierender Sequenzabschnitte augenfällig:

    Die Ähnlichkeit zwischen dem Schwamm-Genom und dem komplexerer Tiere war unerwartet groß, schreiben die Wissenschaftler. Insgesamt fanden sie mehr als 18.000 einzelne Gene, aus denen das Erbgut aufgebaut ist. So sei etwa der gesamte genetische Basis-Werkzeugkasten bereits vorhanden: Die Schwämme besitzen Gene, um den Zellzyklus zu kontrollieren, das Zellwachstum zu steuern und den Tod von Zellen zu überwachen sowie Gene für die Spezialisierung von Keimzellen, das Anheften der Zellen aneinander und für die Verteidigung und das Erkennen von fremden Eiweißstrukturen.

    Spiegel Online

    Und nochmal ausdrücklich: diese 18.000 betrachteten Gene sind nur solche, die nicht zur immer noch sogenannten Junk-DNA gehören. Die einfach außen vor zu lassen, ist ihrer evolutionären sowie innerkörperlich regulativen Wirkmächtigkeit wegen eigentlich kein wissenschaftlicher Status quo mehr. Und dennoch:

    All das deute darauf hin, dass der Übergang vom Ein- zum Mehrzeller die Entwicklung von Mechanismen erfordert habe, mit denen sich Zellteilung, -wachstum und -spezialisierung koordinieren ließen – und dass bereits der gemeinsame Vorfahr der Tiere über diese Mechanismen verfügte, sagen die Forscher. „Aus dem Erbgut der Schwämme können wir ablesen, was Mehrzeller brauchten, um solche zu werden“, sagt Forscher Srivastava. Die Frage sei nun, welche Funktion die Gene hatten, bevor es Schwämme überhaupt gab.

    Erneut Spiegel-Online

    Wenden wir uns abschließend noch einem Herausforderer des Schwamms zu, (generisch) der um den Status des Urtiers konkurriert: die Rippenqualle Mnemiopsis leidyi, auch Meerwalnuss gerufen. Auch die ist unter die genetische Lupe gelegt worden:

    Der Vergleich mit dem Erbgut anderer Tiere verdeutlichte, dass die Rippenquallen einen ganz eigenen Zweig in der Evolution darstellt, der sich noch vor den Schwämmen von allen anderen Tierstämmen trennte. Sie stellen also die urtümlichste Abzweigung am Tierstammbaum dar.

    Die Wissenschaftler vom Meerwalnuss-Genomprojekt schließen aus ihren Resultaten, dass wohl bereits ganz am Anfang der tierischen Evolution der Bauplan für die Ausbildung eines Nervensystems vorlag, die Natur es aber in einigen Fällen wie bei den Schwämmen vorzog, im Lauf der Zeit wieder auf simplere Konstruktionen zu setzen. Die Vorstellung einer linearen Evolution, die sich stets vom Einfachen hin zum Komplexeren entwickelt, muss ad acta gelegt werden.

    “Am Anfang waren die Gallertartigen“ von Andrea Naica-Noebell

    So langsam wird es unübersichtlich. Demnach scheinen die Quallen den Schwämmen vorausgegangen, dennoch nicht das Urtier gewesen zu sein. Und Schwämme demnach „nur noch“ Abzweigler vom bereits bequallten Lebensweg mit veranlagtem Nervensystem, auf das Schwämme doch nochmal testweise verzichtet haben. Jetzt sei aber verraten: diese Studie über die Quallenherkunft stammt aus 2013, während Elizabeth Turners Befundung aktuell ist und schlicht empirisch aufzeigt, was einst – vor 890 Millionen Jahren – tierisch gewesen ist. Sprich, es ist immer einzupreisen, von wann der jeweilige Kenntnisstand ist und ob Labor- oder Feldbefunde vorliegen.

    Faszination leben

    Hier soll – für heute – die Reise enden. Das Leben lebt und ist nur manchmal an die Lebenden verschwendet. Nämlich leider dann immer, wenn solche Experimentatoren wie beispielhaft gewisser Bolsonaro in realitätsverweigertem Eskapismus am Lebensdasein mutwillig Massenmord begeht. Wenn es nur er wäre… Es bräuchte mehr, deren Haltung ist:

    Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will

    Das unendlich Faszinierende ist in jedem Fall, wie sehr sich dieses oder jenes Leben gegenseitig stützte, dazu verhalf, zu leben: Cyanobakterien, die mit ihrem photosynthetischen Nebenprodukt erst Schwefelbakterien den Weg bahnten; diese als Anzeiger für so viel Sauerstoff dienen, dass eventuell bis 1,2 Milliarden Jahre zurück eine vielzellige Evolution von Schwämmen denkbar wird; deren Existenznachweis nun immerhin schon bis 890 Millionen Jahre zurückweist. Die wiederum aber vielleicht doch nur eine Nebenlinie bilden, u.a. nervenlos, wohingegen die Quallen da wegweisender gewesen sein mögen.

    Hinzu die stete Frage, was als Leben eingepreist wird. Das Gros der Forschenden scheint sich (übermäßig) auf tierisches Leben zu versteifen und das auch erst so richtig in der Zeit der Kambrischen Artenexplosion anzusiedeln. Vereinzelte Eremiten in der Zeit sind dem vorausgegangen, doch ohne anständige 21% Sauerstoff wie in unseren hochtrabenden Zeiten taugte das noch nicht – was eine fehlgehende Vorannahme sein mag. Gerade deshalb, um Verwirrung zu stiften, habe ich den möglichen ländlichen Urpilz eingereiht, um die übliche Dichotomie aus Pflanzen (Flora) und Tiere (Fauna) aufzubrechen. Denn es gibt und hat gutmöglich länger als Pflanze und Getier schon Pilze gegeben, die dem Grünzeug vermutlich erst den Weg an Land bahnten, die Welt buchstäblich auflockerten. Ohne die Pilze hätte sonst niemand erfolgreich das Wasser verlassen können, sondern wäre elendig an Land verreckt. Und die Vorarbeiten über Jahrmilliarden durch die Mikroben, erst durch sie der Steinboden, hiernach die Atmosphäre zunehmend mit Sauerstoff angereichert wurde, wodurch sich sauerstoffaffin Neues ausbreiten konnte. Und inwieweit soll man (zumindest Riesen)Viren hinzuzählen, die über keine eigene Zelle verfügen, sondern nur eine Ansammlung von DNA oder gar bloß RNA sind. Viren, die sich zumindest als Retroviren bis in die DNA ihrer Wirte einschreiben und dort verewigen können. Reicht das schon? Alleine freilich nicht, aber wer ist schon so irre, sich unökologisch ein Leben isoliert vom Rest des Leben vorzustellen? Achja: Der Mensch! Fachausdruck hierfür – Obacht: Autopoiesis =Altgriechisch für Selbsterschaffung. Sich selbst erschaffen? Das ist doch reichlich schräg. Denn, um es fachausdrücklich noch weiter zu treiben: die Suche nach dem Urleben, dem allerersten Lebewesen auf Erden ist kausalitätsgetrieben verständlich, dorthin aber bis zu einer lebensurquellenden Singularität zu gelangen, ist meines Erachtens eine bloße Annahme, die es zu bestätigen gilt oder auch nicht. Warum sollte sich auf einer riesigen Erde, in diesem oder jenem Ton, dieser oder jener Heißen Quelle nicht parallel, und konvergent gleichzeitig Leben im Plural entstanden sein? Da und dort, ein eher so sowie ein eher anders geartetes Leben, das sich irgendwann traf und beschloss, ein gemeinsames Ökosystem auszubilden. Geteiltes Leid ist halbes Leid! Und wenn das rein zufällig passiert sein mag, als sich zwei Bakterien – nennen wir sie Cyano und Sulfado – trafen und es zu einem Gentransfer zwischen Einzellern kam, die sich sonst nur austauschlos vervielfältigen, so dann aber doch eine lebendige Dritte Macht schufen. Sonst ganz tabuverschämt Inzest vermeiden, um ihn singulär für das Leben zu postulieren – nunja.

    Um es mit der Perry Rhodan-Serie, der weltweit längsten und größten und umfangreichsten SF-Serie, auszudrücken, wobei anstelle der sog. Hohen Mächte (Ordnung und Chaos), wie sie sich nur zu gerne selber sehen und rufen lassen, per Copy-and-Paste der Homo sapiens und anstelle des Kosmos die Erde einzufügen wäre:

    [Wir] … wissen, dass das Universum längst nicht mehr von Ordnung und Chaos beherrscht wird, wie es in der Frühzeit der Schöpfung war. Sondern wir rechnen aus statistischer Sicht das Leben an sich längst hinzu. In seiner natürlichen Vielfalt, mit der Fähigkeit, jede noch so kleine Nische zu besetzen. Wir betrachten im Spiel der Mächte das Leben als dritte Kraft. Richtungslos, niemals übergreifend organisiert, amorph.

    Nur 21% aller Eingriffe innerhalb der Reichweite der Statistiker gehen auf die Kosmokraten zurück, für 16% aller Eingriffe sind die Chaotarchen verantwortlich. Nach den Beobachtungen der Pangalaktischen Statistiker gehen 63% aller Eingriffe in die kosmische Struktur des Universums von unabhängigen Mächten aus.

    Perrypedia zum Leben an sich

    Aber auch diesseits unserer Realität, wo Mensch sich als chaotischste Ordnung inszeniert, gibt das Leben den Takt auf Gaia vor, woran die Zwischenphase Anthropozän nichts ändern wird. Das Leben fand und findet seinen Weg und überwindet, ja besiegt am Ende nicht nur in Jurassic Park den Menschen! Life goes on and ever on!