Smoke in the lungs

Hallo Mitwelt!

Apropos Weltnichtrauchertag vom 31.05. – daran schließt nur zu hörenswert das WDR-ZeitZeichen vom 27.06.2022 an. An dem Tag vor 65 Jahren: 27. Juni 1957 – Kampagne in Großbritannien warnt vor Lungenkrebs durch Rauchen. Die erste Kampagne ihrer Art, nachdem zuvor das kolumbische Erbe Tabak über Jahrhunderte hinweg als Heilkraut in zahllosen Aufbereitungen in Europas High Society die Runde gemacht hatte.

Schuldlos schuldig hieran sind die Indigenen, deren Rache für Eroberung, Ermordung und Infektionskrankheiten die Nikotinabhängigkeit und Lungenkrebs geworden sind, die sich die Europäer nach Hause geholt haben. In der alten Welt als „Genuss der Götter“ gepriesen und verklärt, gerieten im Nebel behaupteter Heilkräfte die geschnupften und sonstwie inhalierten Risiken und Nebenwirkungen gar nicht in den Fokus oder die angelegentlichen Spötteleien wurden gekonnt ignoriert. Schon im Popol Vuh, dem „Heiligen Buch des Rates der Quiché-Maya im heutigen Guatemala aus dem 16. Jhdt. heißt es: „Das Rauchen ist die ewige Freude der Götter, die, wenn es blitzt, Feuer schlagen, sich ihre Tabagos anzünden und Wolken in alle vier Winde blasen.“ Und wer wäre nicht göttlicher als die Götter, wenn nicht die Europäer? Was Götter können, können Europäer immerschon!

Kolumbus brachte den Tabak nach Europa. Hier wurde er in Apotheken als Arzneimittel gehandelt. Das nikotinhaltige Kraut sollte helfen gegen Kopf- und Zahnschmerzen, Schwind- und Wassersucht, Geschwüre, Krätze, Pest und Ruhr. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Tabak in Form von schnell konsumierbaren Zigaretten zum Massenprodukt. Weil die Glimmstängel Hunger und Gefühle unterdrücken, wurden sie im Ersten Weltkrieg kostenlos an die Soldaten in den Schützengräben geliefert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde schließlich in Europa mehr geraucht denn je.„Klappentext“ zum ZeitZeichen

In eigentlich doch nur 14 Minuten Hörzeit wird anhörlich eine kurze Geschichte der Nikotinsucht komponiert: in allen erdenklichen Aufbereitungsformen und der schönen Blüten wegen machte die Importpflanze in Europas Adel die Runde und brachte wie sonst nur „der eine Ring“ seine Gebrauchswarennutzer in lebenslange Abhängigkeit. Das blieb gut 300 Jahre weitgehend auf diese ehrenwerten kreise beschränkt, bis gegen Ende des 19., noch mehr zu Beginn des 20. Jhdt. die Darreichungsform sich verglimmstängelte und in seiner Griffigkeit unwiderstehlich wurde. Rauchen wurde zur massenhaften Beschäftigung, die sogar in die sonst so gestrenge Taktung des Fordismus, der fabrikmäßigen Fließbandarbeit, als Raucherpause Einzug hielt. Gegen manches ist kein Kraut gewachsen…

Erschütternd, weil mit ihm möchte man partout nicht gleichstehen, dass Adolf Hitler energetischer Widerstreiter gegen das Rauchen war. Doch das wirklich Allereinzigste, das man „dem Führer“ hätte glauben sollen und dem man bereitwilligst hätte Folge leisten sollen, blieb ein bloßes appellatives Rauchwölkchen, das vom Winde verweht wurde. Das Statistische Reichsamt stelte nämlich desillusioniert fest, dass sich von 1907 bis 1940 das Verglimmstängeln verfünffacht habe – bloßes Vorspiel, bloße Fingerübung für das, was da noch massenhafter folgen sollte. Bei allem sonst verdrängungsvermögend weggeguckt, bereitwillig ignoriert und einfältig gutgläubig alles hingenommen, aber selbst vom Führer ließ sich der Deutsche nicht die Zigarette aus dem Munde nehmen. Wer viel verdrängt, muss kompensieren – vielleicht sollte man den Siegeszug des Rauchens nach dem Zweiten Weltkrieg als unausgesprochenes Eingeständnis der Deutschen lesen, als Selbstgeißelung zur Strafe der vorigen zwölf Jahre der Verirrung. Eine erneute Rache für verbrochenes Leid in der Welt.

Und dann in einem Britannien weit vor BoJo kam es dann zur ersten Aufklärung über zuvor sukzessive eben doch wahrgenommener Nebenwirkungen und Langzeitfolgen des Tabakkonsums. Leider nicht erwähnt im Beitrag wird Robert N. Proctor, dessen fundamentale medizinhistorische Studie weiter auf Übersetzung wartet. Dafür ist Experte der Sendung Thomas Richter am Start und kann selber als Medizinhistoriker und Apotheker kundig aufwarten. Denn diese Skurrilität gab es einst auch, dass dieses Wundermittel aus der neuen Welt in Apotheken aufbereitet und verkauft worden war. Heutzutage gibt es zwecks Entwöhnung bevorzugt noch Nikotinkaugummis, die zwar der Lunge guttun, aber trotzdem abhängig halten. Ob Nikotin oder Nikotin, Hauptsache abhängig. Zugegeben, es vermag die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden und neuronal wohlwollende Gefühle auszulösen, an die man sich nur zu gerne gewöhnt. Es gibt also sehr wohl Effekte jenseits stumpfer Rationalisierungen, deretwegen überhaupt irgendwer zum Glimmstängel greift und dabei bleibt. Gut es dennoch nicht ist.

Kemet – das Schwarze Land der Klimaflüchtlinge

Hallo Mitwelt!

Heute erneut ein Medientipp, den ihr alle auch schon bezahlt habt für das meines Erachtens beste Abo, für das man zahlen kann: GEZ für die Öffentlich-Rechtlichen. Bisweilen erbost sich eine versammelte Trollheit zwar ingrimmig, wittert Inhaltslosigkeit und staatsgelenkte Desinformation, um sich dann wahrscheinlich werbeüberschütteten Konsumsendern zuzuwenden. Das Fass will ich hier und jetzt gar nicht weiter öffnen – das Rinnsal genügt manchen vermutlich auch schon. Wer freilich die luftigen Talkshows und ähnliche Formate als Teil von ARD, ZDF und Dritten mit dem Ganzen verwechselt, ist offenkundig einer Täuschung erlegen. Aber Reality TV-Formate (Joan Bleicher in der WDR5-Redezeit, abrufbar bis 27.05.2023) lohnen sich da ganz sicher total viel mehr, ganz bestimmt. Absolut bereichernd und gar keine Lebenszeitverschwendung.

Ich wüsste gar nicht, wie ich geendet wäre, hätte ich nicht hier nicht aufzählbar viele und vielfältigste Formate der ÖR vor allem zum Anhören stets an meiner Seite gehabt. Allein meine Feed-Liste von WDR5, WDR2, WDR3, SWR2 und dem Deutschlandfunk (Kultur sowie Nova) ist … lang. Komme da schon kaum beim Hören hinterher … Konsequenterweise erschloss ich mir vor nicht allzu langer Zeit daher auch wieder das TV, das jedoch nicht linear, sondern in der Mediathek. Lang plus mehr =? JA ABER, da gibbets das Zeug doch auch bloß i.a.R. für 7 Tage und entschwindet dann doch auch ins Nirvana. Diese und jene Sendung, ja. Aber wenn man wiederum auf Mediathekviewweb.de zurückgreift, kann man mittels Suchbegriff z.T. noch mehrjährige Schätze aus dem letzten Jahrzehnt aufstöbern. Weiß nicht, wie und wonach da bisweilen bis zu 6 Jahre eine Doku abrufbar bleiben kann und darf, manche tatsächlich hingegen gerade einmal 7 Tage drin sind. ÖR-Magie, die wahrlich suspekt ist.

Eigentlich läuft es dieses Mal ganz harmlos auf einen Doku-Tipp hinaus, ausgestrahlt bei ZDFinfo, allein dieser Sender die GEZ wert ist. Außer man hasst natürlich Dokus, dann wüsste man damit nichts anzufangen. So taucht mit mir ein ins faszinierende Schwarze Land!

ZDFinfo-Doku-Reihe „Ägypten: Welt der Pharaonen“

  1. Ägypten – Welt der Pharaonen: Lebensader Nil: „Der Nil – die Lebensader Ägyptens. Er verwandelt trockene Böden in fruchtbares Ackerland. Aus seinem Schlamm entstehen Häuser und Siedlungen. Ohne ihn wäre Ägypten wohl nichts als Wüste.“
  2. Ägypten – Welt der Pharaonen: Götter & Könige: „Götter und Könige beherrschen das alte Ägypten. Sie sind allgegenwärtig, führen das Land zu ungeahnter Größe und in tiefe Krisen – und hinterlassen ein Erbe, das bis in unsere Zeit reicht.“
  3. Ägypten – Welt der Pharaonen: Metropolen : „In Ägypten entstehen einige der ältesten und größten Städte der Menschheit. Eine urbane Revolution – lange übersehen, denn die meisten Siedlungsspuren sind heute nahezu verschwunden.“
  4. Ägypten – Welt der Pharaonen: Totenkult
    : „Der Totenkult ist von enormer Bedeutung für die alten Ägypter. Die Vorstellung von einem Leben nach dem Tod inspiriert sie zu herausragenden Leistungen. Und gibt noch heute Einblick in ihre Welt.“
  5. Ägypten – Welt der Pharaonen: Pyramiden
    : „Pyramiden sind die Ikonen des alten Ägypten. Mit ihren riesigen Gräbern haben Ägypter Monumente für die Ewigkeit geschaffen – und sind dadurch am Ende tatsächlich unsterblich geworden.“

  6. Ägypten – Welt der Pharaonen: Frauen & Macht: „Kleopatra, Nofretete und Hatschepsut – die Geschichte des alten Ägypten ist auch eine Geschichte der Frauen. Bereits vor 4500 Jahren regiert die erste Frau alleine über das Reich am Nil.“
  7. Ägypten – Welt der Pharaonen: Kriege
    : „In seiner langen Geschichte führt Ägypten viele Kriege. Teils, um neue Länder zu erobern, teils, um Angriffe von außen abzuwehren. Oberster Kriegsherr und Garant für den Sieg ist der Pharao.“

Alles nicht nur im Stream, sondern auch als MP4-Download via mediathekviewweb.de! Anempfehle der Datensparsamkeit wegen das niedrige Format auszuwählen, auch das je Folge rund 200MB ausmacht, dafür auch für zukünftiges Nochmalschauen abgespeichert werden kann.

Besonderer Tipp

Jede Folge ist 44m lang, womit diese Sendereihe sich noch am linearen TV orientiert. Kann daran aber nichts Negatives finden, jeder Beitrag nutzt die Zeit sehr gut aus und ist randvoll mit Geschichte angefüllt. Die Reihenfolge bleibt allen selbst überlassen, ich empfehle aber schon die oben gelinkte. Vor allem aber kann ich nur anraten, mit der „Lebensader Nil“ zu beginnen. Faszinierend!

Kemet, wie Ägypten im Altägyptischen geheißen hat, bedeutet so viel wie „Schwarzes Land“. Schwarz ist das Land geworden, wenn sich der aus dem vulkanischen Äthiopien kommende Nilschlamm während der Nilschwemme im Niltal und Nildelta ablagerte. Die Vergangenheitsform hier bewusst gewählt, denn im Ägypten des 19. Jahrhunderts ist er im Ausmaß und seiner Bedeutung zurückgedrängt worden, als man auf ganzjährige Landwirtschaft – nach Vorbild der kolonial nach Afrika drängenden Imperien – umstellte. Das Alte Ägypten war eine sog. hydraulische Gesellschaft, deren Wohl und Weh vom Wasser des Nils abhing, die quasi flussabhängig war – mit allen jahreszeitlichen Vor- und Nachteilen inklusive Überflutungen über gewohnte Flutungsareale hinaus. Heutzutage und hierzulande trifft das noch am ehesten auf die Niederlande zu, die schon seit dem 12. Jahrhundert durch Wasserbehörden Zu- und Abfluss vom Rhein sowie Anbrandung der Nordsee reguliert haben. Ein Viertel des Landes liegt unter dem Meeresspiegel und ist in Zeiten klimakriselnder Pegel zunehmend existenzbedroht.

Aber zurück nach Kemet: die Folge „Lebensader Nil“ holt zunächst überraschend zeiträumlich weit aus und statt des Nilwassers geht es ins „Meer ohne Wasser“, in die Sahara. Die heutige Sahara wird tagsüber bis zu 60°C glutheiß und je nach genauer Region hat es dort auch schon mehrere Jahre kein einziges Mal geregnet. Wir assoziieren wohl kaum lebenserschwertere Bedingungen mit einer Gegend. Und doch war einst alles anders: als die Eiszeit endete, die Gletschermassen sich zurückzogen, es im Zuge dieser Massenveränderungen zu einer Abänderung der Erdachse kam, gelangte regenreicher Monsun bis in die Sahara. Diese war von vor etwa 12.000 bis etwa 5.000 vor unserer Zeit daher gar keine Wüste, sondern vielmehr eine begrünte Savanne, vielfach baumbestanden und belebt. Doch im Zuge eines Klimawandels änderten sich auch diese Umstände und die Gegend verwüstete und wurde sukzessive zu dem, was wir unter Sahara kennen.

Klimaflüchtlinge begründen Kemet

Die Nomaden der grünen Sahara zogen sich nach und nach in verbleibende Oasen zurück und mussten schließlich auch aus diesen fliehen, als sie gnadenlos versandeten. Ihr Weg führte sie ins Paradies: an einen prächtig nassfeuchten, sprudelnden Fluss voller Wasser. Das Wasser ist nass, nass ist das Wasser. in Unterägypten, dem südlichen Bereich, ließen sich die Flüchtlinge nieder und begründeten das, was viel später als prädynastische Zeit bezeichnet werden sollte, dem Präludium zum dynastischen Ägypten von Pharao um Pharao in einer kühlen Gesellschaft. „Die kalten Gesellschaften verändern sich in sehr langen Zeiträumen und passen entsprechend laufend den Inhalt ihres kulturellen Gedächtnisses an. Allerdings merken sie das nicht, solange keine schnellen und gravierenden Veränderungen durch äußere Einflüsse auftreten. Weil sie ihr Wissen für ewig gültig halten und geschichtliche Inhalte in zeitlose Mythen umwandeln, fehlt ihnen die Möglichkeit des Vergleichs zwischen vorher und nachher.“ (zit. n. Wiki)

Ich finde den Gedanken äußerst eindrücklich und faszinierend, dass die ersten Ankömmlinge in Kemet, die am lebensquellenden Nil ansässig wurden und einer Jahrtausende überdauernde Hochkultur den fruchtbaren Schwarzboden bereiteten, keine vom Himmel hinabgestiegenen Götter, keine Übermenschen sonst irgendeiner Art waren, sondern zutiefst entwurzelte Klimaflüchtlinge, die zwangsweise und notgedrungen ihre verwüstete Heimat verlassen und zu neuen Gestaden aufbrechen mussten! Auch sie wurden zu „Ansässigen Fremden“ in einem „planetaren Exil“, in das wir alle jederzeit hineingeraten können! Die Sahara-Nomaden hatten keine Wahl und nutzten diese, um ein zivilisatorisches Zentrum par excellence zu begründen, deren kulturelle Hervorbringungen bis heute fesseln. Und die Doku-Reihe fängt diese spannenden Aspekte vortrefflich ein, lässt Expert*innen aus Ägyptologie und Archäologie kenntnisreich beitragen und bereitet die altägyptische Geschichte anregend auf. So begreift man diesen Teil der Weltgeschichte der Flüsse, die die Menschheit so tiefgreifend und nachhaltig beeinflussten.

maa alslama!

Weltnichtrauchertag – Ehre, wem Ehre gebührt

Hallo Mitwelt!

WELTNICHTRAUCHERTAG!

Für mich ein Feiertag, den es dementsprechend hier wohlwollend zu gedenken gilt. Harte Lektüre für Zugequalmte – ein Teil des Inhalts könnte beunruhigen und irritieren. Doch geht es ohnehin längst nicht mehr – wenn denn je – um individualisierte oder gar singuläre Befindlichkeiten, das libertäre Ausleben suchtzwanghafter Freiheiten. Zwanghafte Freiheit – Homo sapiens bekommt noch alles kognitiv dissonante zusammen, was seine verruchte Intelligenz ausmacht.

Vom Feuer…

Da waren wir in die Grote Lazaret an eine „Feuerstelle der Menschheit“ gereist, um mit Erstaunen zur Kenntnis zu nehmen: die Neandertaler haben intuitiv und mit Köpfchen hinbekommen, wofür Homo sapiens sapiens eine Supercomputer-Simulation brauchte. Entgegen sapienter Annahmen einer anständigen Platzierung war die rauchqualmende Feuerstelle nicht im Höhlenhinten, sondern ziemlich zentral in Nutzung.

Mitautor Ran Barkai sagte: „Unsere Studie zeigt, dass frühe Menschen auch ohne Sensoren und Simulatoren in der Lage waren, den perfekten Platz für ihre Feuerstelle zu finden.“ Diese Fähigkeit beweise „Findigkeit, Erfahrung und planmäßiges Vorgehen sowie das Bewusstsein für die gesundheitlichen Schäden durch Rauchbelastung[.]Science.ORF.at

Noch weit vor jedweder Public Health verstanden es Neandertaler also bereits, sich nicht mehr als nötig gesundheitsschädlichem Rauch auszusetzen. Das kann man von Homo sapiens so leider nicht mehr behaupten, hier muss ein kognitiver Schwund von evolutionärem Vorteil gewesen sein.

Die These, dass die Verwendung des Feuers die entscheidende
Wendung im Schicksal der Hominiden bedeutete, lässt sich überzeugend
belegen. Es war das älteste und wichtigste Werkzeug der Menschheit
für die Umgestaltung der natürlichen Welt. »Werkzeug« ist jedoch
nicht ganz das richtige Wort; anders etwa als ein lebloses Messer hat
das Feuer ein Eigenleben. Es ist bestenfalls ein »Halbdomestikat«, es
erscheint ungebeten und kann gefährlich werden, wenn es nicht sorgsam
gehütet wird.

Und weiter:

Die Nutzung des Feuers durch die Hominiden hat historisch tiefgreifende und allgegenwärtige Folgen. Erste Anzeichen reichen mindestens 400000 Jahre zurück in eine Zeit, in der unsere Spezies noch
lange nicht auf der Bühne erschienen war. Dank der Hominiden besteht
ein Großteil der Flora und Fauna der Welt aus feuerangepassten
Spezies (Pyrophyten), die bei Bränden im Vorteil waren. Die Wirkungen
des anthropogenen Feuers sind so massiv, dass man bei einer unvoreingenommenen
Darstellung des menschlichen Einflusses auf die natürliche Welt zu dem Schluss kommen könnte, sie seien noch überwältigender als die Domestikation von Pflanzen und Vieh. Dass das
menschliche Feuer als Landschaftsarchitekt in unseren historischen
Darstellungen nicht so vorkommt, wie es angebracht wäre, liegt vielleicht
daran, dass seine Wirkungen sich über Hunderte von Jahrtausenden
erstrecken und das Werk »vorzivilisierter« Völker – der »Wilden«
– waren. Im Vergleich mit unserer Epoche von Dynamit und
Bulldozern war es eine sehr langsam voranschreitende Art der Landschaftsgestaltung,
doch ihre aggregierten Folgen waren weitreichend.James C. Scott: „Die Mühlen der Zivilisation – Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten“, S. 52F

Mehr Rauchexposition durch Feuer(stellen) haben Homo sapiens zum allesfräßigen Topprädator werden lassen, den (nicht nur, s.u.) Lungenschäden nicht haben abhalten lassen. Hingenommene Nachteile zwecks Bevorteilung an anderer, wichtigerer Stelle? Das klingt nach Praktizierung des Handicap-Prinzips, wie es die Verhaltens- und Soziobiologie kennt:

Es war der israelische Ornithologe Amotz Zahavi, der einer lange Zeit skeptischen Fachwelt die Logik des „Handicap-Prinzips“ erläuterte. Er erkannte, daß die Evolution nicht nur im engen Sinn nützliche Merkmale hervorbringt, sondern auch „teure Signale“, eben Handicaps wie der Pfauenschwanz. Die Botschaft der teuren Signale ist einfach und logisch: Nur wer es sich leisten kann, Extrakosten in Kauf zu nehmen, kann es sich tatsächlich leisten. Fälschung ausgeschlossen.Eckart Voland in der FAZ-Reihe Grundkurs in Soziobiologie (15) Angeberei als Hochkultur – Link durch den Blogautor

Dieses Prinzip weit aufgefasst, nimmt Homo sapiens die Nachteile =Handicaps durch Rauch und Rauchen in Kauf, weil gerade das Vorführen solcher Handicaps beweise, dass man es sich schlicht leisten könne und trotzdem noch groß auffährt. „Vergeudung kann sinnvoll sein, weil man dadurch schlüssig zeigt, daß man mehr als genug besitzt, und etwas zu vergeuden hat. Gerade der Aufwand – die Verschwendung selbst – macht die Aussage so zuverlässig.““ (zit. n. Wiki) Feuer (und Rauch als sein Symbol) der extensionale Pfauenschwanz des Homo sapiens? Es einfach so in die Luft zu pusten (Rauchen), zunehmend kostspielig obendrein, kann nur diesem Prinzip folgen: Man(n) hat’s schlicht und ergreifend! Schau her, wie viel ich von meinem Vermögen in Rauch auflösen kann, ohne dass es mich auch nur tangiert. „Was teuer ist, ist wahr.“

…zum Rauchen

Jetzt aber mitten hinein in die Zelebration des Weltnichtrauchertages, den zu begehen schon seine Gründe hat. Zugestehen müssen wir allerdings, dass die Erfindung des Rauchens ausnahmsweise mal nicht dem imperialistisch wollüstigen, kolonialherrlich getriebenen alten weißen Mann anzulasten ist. Auch die Schweizer haben es nicht erfunden – heißt es. Schon vor 12.300 Jahren wurde – natürlich an einer Feuerstelle – geschlotet und zwar in Amerika, heutige USA. Die Indizienlage ist jedoch indirekt, da man sich nur auf – exakt vier – Samen der Tabakpflanze berufen kann, die man nebst allerlei Gebräuchlichem von Jägerinnen und Sammlern vorfand. Aber die Vermutung liegt nahe, dass es sich dabei nur um Reste handelt, nachdem nikotinhaltige Blätter und Stängel in Rauch aufgegangen waren. Tabak als allseits verwendetes Suchtgut ist hingegen „Kolumbus‘ Erbe“. Erst in seinem Kielwasser machte Tabak die Runde – Charles C. Mann widmet diesem Teil der Globalgeschichte einen höchst lesenswerten wie eindrücklichen Abschnitt. Nur des Tabaks wegen drängte England darauf, UM JEDEN PREIS in Amerika (Virginia) anzulanden, koste es, was es wolle (80% der hingeschickten Siedler). Und wiederum durch den Tabakanbau kollabierte der durch indigene Feuer gestaltete für Europäer wie Wildnis anmutende „Garten“ monokulturell, wurde der Boden nur so dystrophisch ausgesaugt und hinterließ triste Einöd. Dafür aber profitabel!

Das führt sogleich in die Jetztzeit, die sich nicht gebessert hat, nur mehr vom Übel weiß:

Rauchen schadet laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) nicht nur der Gesundheit, sondern auch der Umwelt enorm: Jedes Jahr kosteten Herstellung und Konsum von Tabak mehr als acht Mio. Menschenleben, 600 Mio. Bäume, 200.000 Hektar Land sowie 22 Milliarden Tonnen Wasser und setzten rund 84 Millionen Tonnen klimaschädliches Kohlendioxid (CO2) frei.
Wie die WHO in einem neuen Bericht unter dem Titel „Tabak: Vergiftung unseres Planeten“
außerdem berechnet hat, entspricht die CO2-Menge dem Ausstoß von etwa 17 Millionen benzinbetriebenen Autos jährlich. Tabakprodukte enthielten über 7.000 giftige Chemikalien, die beim Wegwerfen in die Umwelt gelangten[.]Science.ORF.at

Zum erwähnten WHO-Bericht „Tobacco: prisoning our planet“ (nur auf Englisch) hier entlang!

Das ist jetzt allerdings nicht neu, nur beharrlich ignoriert. So hat es bereits 2018 geheißen, dass es mehr Zigarettenkippen als Mikroplastik gibt:

Für die Herstellung von sechs Billionen Zigaretten im Jahr 2014 seien 32,4 Millionen Tonnen grüner Tabak auf vier Millionen Hektar Land angebaut worden. Die Herstellung habe 0,2 Prozent des weltweiten Ausstoßes von klimaschädlichen Emissionen verursacht, 84 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent.Science.ORF.at: Tabakanbau zerstört die Umwelt

Ein Raucher, der 50 Jahre lang 20 Ziggis täglich durchzieht, hätte in dem Zeitraum auch alternativ 1,4 Millionen Liter Wasser trinken können, um die Zeit rumzukriegen und die Finger beschäftigt zu halten. So viel Wasserbedarf hatten die zu 90% in Entwicklungsländern angebauten Tabakpflanzen nämlich, wenngleich der Gewinn für das ‚veredelte Endprodukt‘ dieser Kulturtechnik nur den rauchentwickelten Ländern zukommt. GUT…, die Gesundheitsschäden müsste man vom Gewinn noch abrechnen, womit es mutmaßlich auch ein Minussummenspiel hinausliefe. Aber so beliebt ist Mathematik dann auch nicht, sie wirklich praxisnah anzuwenden… Bzw. diesem dyskalkulatorischen Schock weiß der rauch-industrielle Komplex mit finanziell aufwendigem Lobbying erfolgreich entgegenzuwirken. Wenn man nur genügend Rauchbomben wirft, verschleiert sich die Sicht und vor lauter Desorientierung folgen die Lemminge dem rauchstimmlichen Sirenengesang.

«In Industrieländern angesiedelte Tabakkonzerne verbrennen im übertragenen und im wahrsten Sinne des Wortes die Ressourcen und die Zukunft der am wenigsten geschützten Menschen auf dem Planeten», meint einer der Autoren, Nicholas Hopkinson vom Herz- und Lungeninstitut am Imperial College in London.Science.ORF.at erneut

O, apropos schlechte Sicht und noch miserablere Navigation im trüben Dunst: Tabakrauch schädigt die Hornhaut des Auges! Das war jetzt also nicht nur metaphorisch gemeint 😛 Aber nur weil „Die Magie unserer Sinne“ zu 70% Input übers Sehen bezieht, ist der Spielraum hier freilich auch noch groß genug, um das downzuleveln. Da denkt man, der Computer- oder Smartphonebildschirm wäre der Teufel fürs Auge, der kurzsichtig macht und massig Folgeprobleme schafft. Dabei läuft da längst ein 500-jähriges Gesellschaftsexperiment, wie man die Hornhaut loswird und die Optikerindustrie am Laufen halten kann. Hoffen wir mal, dass man da innovative Einflussfaktoren findet, um das Wettrüsten gegen die Folgeschäden in ein Patt umwandeln zu können. Ich sehe da jedoch rauchschwarz, weil selbst Forschende, die das selbstverursachte Leid vor dem Argusauge haben, als Fazit nur das im Sinn haben:

Die Ergebnisse regen dazu an, die Wirksamkeit von Augentropfen zu untersuchen, die Ferroptose-Hemmer enthalten. Somit könnte man Raucherinnen und Rauchern womöglich eine langfristige Linderung und Schutz vor trockenen Augen bieten. »Vielleicht können wir diese Substanzen in künstliche Tränen einbringen. Damit eröffnet sich ein ganz neuer Weg zur Behandlung von trockenen Augen«, sagt Altinörs.Nochmal bei Spektrum.de über die Hornhautauflösung durch Rauch

Die Ergebnisse beziehen sich darauf, dass man mittels bestimmter eisenhaltiger Augentropfen gegensteuern könne. Ich will ja nicht spoilen, aber ich kenne ein industrieloses Gegenmittel, das extrem günstig ist und überall erhältlich, keinerlei Infrastruktur- bzw. Verteilungsprobleme oder dergleichen: NICHTRAUCHEN! Aber bloß nicht weitersagen!

Sonst käme auch obig genannte rauch-industrielle Lobby: „Tabakindustrie verhindert Tabakkontrolle – neuer Index für Deutschland“ – worüber Klaus-Dieter Kolenda 2020 bei Telepolis berichtet hat. Er bezieht sich auf diesen Index bei UNFAIRTOBACCO, der das Lobbying detailreich aufdröselt und so als Entrauchungshilfe dienen kann – wenn man sich traut.

In vorigen Artikeln hat KDK schon wider die Glimmstängel informiert. Um der Größenordnung gewahr zu werden, um die es vom Tabakanbau bis in die Särge der Folgewirkungen geht:

Bekanntlich ist die Tabakindustrie der Industriezweig, der mit seinen Produkten wahrscheinlich direkt nach der Rüstungsindustrie weltweit die meisten Todesopfer fordert. In dem 2011 erschienenen herausragenden Buch des US-amerikanischen Medizin- und Wissenschaftshistorikers Robert N. Proctor über die Geschichte der Zigarettenkatastrophe mit dem Titel „Golden Holocaust“ wird die Zigarette als „tödlichstes Kunstprodukt in der Geschichte der menschlichen Zivilisation“ beschrieben. Proctor schätzt ein, dass das Tabakrauchen im 20. Jahrhundert weltweit etwa 100 Millionen Todesopfer gefordert hat.KDK im Telepolis-Artikel „Hauptsache nikotinabhängig – ein notwendiger Nachtrag zum diesjährigen Weltnichtrauchertag“ vom 01.11.2020

Robert N. Proctors „Golden Holocaust. Origins of the Cigarette Catastrophe and the Case for Abolition.“ ist auch heute immer noch nicht auf Deutsch erhältlich. Warum nur? Immerhin in Österreich, bei Der Standard gibt es wenigstens eine Rezension: „Das tödlichste Ding der Welt“! By the way: 100 Mio. Tote dürfte in etwa der spanischen Grippe entsprochen haben, als sie nach dem Ersten Weltkrieg ihren tödlichen Siegeszug antrat. Ihr verdanken wir wohl heute Influenza. Dem Rauchen verdanken wir auch manch letales Gimmick wie ab einem Kipppunkt irreversibel geschädigte Arterien und zwar von Kopf bis Fuß. Sie sind anfälliger für Corona, umso langwirkmächtiger, je mehr die schwangere Mutter Nikotin zu sich nimmt. Usw. ABER wenn individuelle Schädigungen je ein Grund gewesen wären, es sein zu lassen bzw. aufzugeben, gäbe es ja längt keine Raucher mehr. Da es sie noch gibt, geht es dann um ihre egozentrischen Umweltzerstörungen, die ihnen egal sein mögen, den Betroffenen aber nicht. Es geht also mitnichten um rein private, bloß persönliche Neigungen und ein wenig ureigenes Vergnügen, das schlicht sozialer Gruppendruck oder schon Sucht ist. Es zieht seine letalen Kreise, die weit über zuzugestehende Selbstzerstörungsfreiheiten hinausgehen!Entwöhnung der Pyrophyten, wenn sie mit dem Feuer ihr Exposom im sozialen Nahbereich vernebeln! Um was damit zu verhüllen???

Kolumbus Erbe – von Austausch, Angleichung und Imperialismus

Hallo Mitwelt!

Heute ein Lesetipp! Wobei nicht nur: auch ein Sofortkauftipp, eine dringende Leseempfehlung per Kauf. Und zwar des eBook zum Print-Exemplar. Es geht mir eindringlich um Charles C. Mann, Autor von „Amerika vor Kolumbus. Die Geschichte eines unentdeckten Kontinents“. Das hat ihn bereits berühmt gemacht oder sollte es. Hier erzählt er die Geschichte des Kontinents, seiner Flora und Fauna und menschlichen Ureinwohner, bevor Kolumbus auf der Suche nach Indien (und missionierbaren Absatzmärkten) dort anlandet, damit die (erste) Globalisierung lostritt und unchristlich massenhaft Leid über die „neue Welt“ bringt. Das zu lesen ist auch anzuraten und wäre genau genommen sogar als Präludium nur zu empfehlen. Dann wüsste man um die vielfältigen Verhältnisse auf „Prä-Amerika“, das noch nicht von Amerigo Vespucci als ‚Nicht-Indien‘ und eigener Kontinent erkannt und später nach ihm benannt worden war.

Ich möchte ins Schaufenster gehaltvoller und bereichernder Lektüre den Folgeband stellen: „Kolumbus‘ Erbe. Wie Menschen, Tiere, Pflanzen die Ozeane überquerten und die Welt von heute schufen“ (Originaltitel „1493: Uncovering the New World Columbus Created“ – erschienen 2011). Während das Print stolze 36€ kostet, bei über 800 Seiten und detailtiefenschärfstem Inhalt auch so viel kosten darf, gibt es momentan UND BIS ZUM 31.05.2022 das eBook für nur 4,99€, also weniger als einem Siebentel des Printpreises. Jenseits des großen A-Schlundes ist es allerdings nur als seitenzahlloses epub erhältlich, was schade ist.

Doch worum geht es und wieso empfehle ich es so ausdrücklich? Charles C. Mann hat eine furiose, lesenswerteste, detailreichste Umweltgeschichte der anbrechenden Zeiten geschrieben, die mit Kolumbus‘ „Entdeckung“ losgetreten wurden. Das „Erbe“, das er uns dadurch hinterlassen hat und worum es Mann geht, ist jedoch keines einer Abenteuergeschichte zäher mittelalter weißer Männer und deren Gold- und Silberfunde. Das Erbe ist hier als ein ökologisches gemeint und betrifft transkontinental Amerika wie Europa, schließlich die ganze Welt. Der Sockel der Beobachtungen lässt sich anhand dreier Kernbegriffe des Buches begreifen:

  • Columbian Exchange – Kolumbianischer/Kolumbischer Austausch, womit gemeint ist, dass mit der Anlandung von Kolumbus ein sukzessiver Austausch (exchange) der durch den Atlantik getrennten Ökosysteme Europas und des karibischen, später auch restlichen Amerikas eingesetzt hat. Die seit Zeiten der Dinosaurier getrennten Landmassen und dort voneinander weitestgehend isoliert vor sich hinlebenden Getiere und Pflanzen wurden nun zwangsweise aufeinander geprallt. Das wird einen eigenen Beitrag wert sein, aber nur so viel: hier kann man noch fein unterscheiden, ob so ein Austausch gezielt stattfand, wie im Falle von sog. „Nutzpflanzen“ wie Kartoffeln, Mais, Tomaten, Paprika usw. Oder ob er sich hinterrücks und ungesehen, vor allem aber unintendiert vollzog, wenn zum Beispiel Ratten und sonstiges „Ungeziefer“ mit den Schiffen den Ozean überquerten und als invasive Arten mit den Conquistadores in Amerika einfielen.
  • Homogenozän: nicht noch im Holo- oder schon im Anthropozän leben wir seit Kolumbus‘ Anlandung, sondern im Homogenozän. Aus dem Altgriechischen geborgt bedeutet der sperrige Ausdruck „das gleichmachende Neue“ und steht damit für den Homogenisierungsprozess, der mit besagtem Kolumbischen Austausch Fahrt aufgenommen hat. Es erfolgte im Zuge dessen eine zunehmende Angleichung (Homogenisierung) der Floren und Faunen der Kontinente, was ein völlig Neues ergeben hat, wie wir es als Menschen so noch nie (vorgefunden) hatten. „Selbst ist der Mensch“, „was noch nicht ist, kann ja noch werden“ – die Sinnsprüche hierbei.
  • Ökologischer Imperialismus: „Der Begriff „ökologischer Imperialismus“ wurde 1986 von Alfred W. Crosby in seinem Buch Ecological Imperialism: The Biological Expansion of Europe, 900-1900 geprägt. Darin vertritt Crosby die These, dass die europäische Kolonisierung Amerikas vornehmlich mit ökologischen Faktoren wie eingeschleppten Krankheiten und mitgebrachten Tier- und Pflanzenarten einherging und nicht, wie häufig zu lesen, vor allem auf überlegene Waffen oder Technologie zurückzuführen ist.“ (Zit. n. Wikipedia) Es gibt über Crosby hinaus noch weitere Ausdeutungen desselben Begriffs, die hier aber außen vor bleiben.

Und damit wäre Manns Pate, auf den er sich vor allem zu Beginn seines Buchs „Kolumbus‘ Erbe“ andächtig und mit größter Anerkennung bezieht, genannt: Alfred W. Crosby (1931-2018). Historiker seines Amtes, der mit „The Columbian Exchange. Biological and Cultural Consequences of 1492“ (bereits von 1972) sowie „Ecological Imperialism: The Biological Expansion of Europe, 900-1900“ (1986/1993/2004) die beiden Werke und Begriffe vorarbeitete und prägte, auf die auch Mann baut. Crosby hat sich mit diesen beiden Streichen den Rang des global blickenden Umwelthistorikers erschrieben, der noch vor dem Boom der neoliberalisierten Globalisierung der schrankenlos anmutenden 1990er Jahre die wahren Tiefenstrukturen globalisierender Prozesse herausgearbeitet hat. Crosby wie Mann geht es dabei stets jedoch um die – von mir mal so frech bezeichnete – „grüne Infrastruktur“ dieser Globalisierung, auf die meist unbewusst, zuallermeist nebenher aufgebaut wird. Während besagte Nutzpflanzen zur Ernährung noch gezielt ihrer ökologischen Umwelten entwurzelt wurden, waren freilaufende Pferde, auf die sich die ‚Indianer‘ der nordamerikanischen Prärie nur zu bereitwillig setzten und sie sodann zu nutzen wussten gegen ihre Importeure, so nicht vorgesehen.

Mann vermag es aber mit beeindruckender Schreibe nicht nur ökologisch zu blicken, was ohnedies schon ein bereichernder Zugewinn wäre. Vielmehr verbindet er rein menschliche Kulturgeschichte mit der unterbaulichen Geschichte der Ökologie, was ohnehin stets zusammenging. Allein die Fundgruben an Details und – so in der Schule nicht gelernten – Hintergründe der Entdeckungsreisen sind selbst für ausschließlich unökologisch Interessierte hier exzellent verdichtet! Die endlose Silbergier Spaniens, die Conquistador um Conquistador vorantrieb, damit Philipp II., span. König (Geburtstag, 21.05.1527) seine Armada genauso bezahlen konnte wie seine brieflichen Korrespondenzen, ist auch in „Kolumbus‘ Erbe“ vordergründige Leitlinie der Geschichte. Doch wenn wir den Wegen des Silbers folgen, dann folgen dem Silber auch stets auf dem Fuß die Tiere und Pflanzen seiner Fundstätten.

Um ein besseren Eindruck zu zeichnen, was Manns pompöses Werk verheißt, habe ich folgend mal zu Crosbys Studien einige Beiträge rausgesucht, die das sehr gründlich rezensieren. So sei verwiesen auf

  • das Inhaltsverzeichnis als PDF zu „Alfred W. Crosby
    Die Früchte des weißen Mannes – Ökologischer Imperialismus 900 -1900“
    .
  • Markus Arnold auf stay-in-touch, der als Bruder im Geiste auch sehr gerne zitiert. So das folgende Zitat aus „Früchte des weißen Mannes“, das den Prozess der Homogenisierung verdeutlicht:

    »Die europäischen Auswanderer waren in der Lage, fremdes Land zu erreichen und sogar zu erobern. Aber zur Siedlungskolonie wurde es erst, wenn es Europa ähnlicher geworden war als im Urzustand. Zum Glück für die Europäer waren ihre domestizierten und optimal anpassungsfähigen Tiere trefflich geeignet, diesen Umwandlungsprozeß in Gang zu bringen. […] Selbst mit den technologischen Hilfsmitteln des 20. Jahrhunderts wären die Europäer in der Neuen Welt, in Australien und Neuseeland nicht im Stande gewesen, ihre Umwelt so erfolgreich zu verändern, wie sie es mit Hilfe ihrer Pferde, Rinder, Schweine, Ziegen, Schafe, Esel, Hühner, Katzen usw. erreichten. Insofern sich diese Tiere selbst reproduzieren, sind sie hinsichtlich Tempo und Wirkungsgrad der Umgestaltung ihrer Umwelt – selbst eines ganzen Kontinents – jeder bislang erfundenen Maschine überlegen.« (ibid., 287–289)Alfred W. Crosby nach Markus Arnold auf stay-in-touch

  • Und besonders spannend ein „Zeitzeuge“ der deutschen Erstveröffentlichung der bahnbrechenden Studie – Thomas Schmid in der ZEIT von 1991:

    Die Störung beziehungsweise Komplizierung dieser Kommunikation durch das einzige Wesen, das gezielt in die Umwelt eingreift, durch den Menschen also, steht am Ausgangspunkt von Alfred Crosbys Untersuchung. Der Untertitel („Ökologischer Imperialismus 900-1900“) weist die Richtung – und führt zugleich in die Irre. Denn es könnte scheinen, als ginge es dem Autor nur um die Erweiterung des bisher geläufigen Begriffs von Imperialismus um eine neue Dimension, eben die ökologische; also um die Eingriffe in nichteuropäische Ökosysteme, um den Export europäischer Viren und Krankheitserreger und um frühe Formen der „bakteriologischen Kriegsführung“. Darum geht es Crosby auch, doch er holt sehr viel weiter aus; er beschreibt eine große Schuld der westlichen Gesellschaften, hinter der sich ein der Zivilisation inhärentes Problem verbirgt: Jeder Versuch, die geschlossene Gesellschaft zu verlassen, bedeutet Grenzüberschreitung und hat einen Wettbewerb nicht nur zwischen Gesellschaften, sondern auch zwischen verschiedenen tierischen und pflanzlichen Ökosystemen zur Folge, bei dem die beweglichen Gesellschaften stets im Vorteil sind gegenüber den eher abgeschlossenen.Thomas Schmid in der ZEIT am 06.09.1991 „Ökologischer Imperialismus: Der Siegeszug des weißen Mannes. Alfred W. Crosbys Studie über den Prozeß zivilisatorischer Ungleichzeitigkeit“ (nur hinter der „Registrierungsschranke“)

Bis hierhin. Ich werde auf Crosby genauso wie auf Mann zurückkommen, gewiss auch nur zu gerne mit eindrücklichen Zitaten verziert. Denn beide denken für mich tiefenscharf vor auf global(isierter) Ebene, wozu ich mir meine Gedanken auf interplanetarer Ebene machte, ob überhaupt und wie tödlich einander fremde Biosphären sein müssten. Hierfür induktiv vom einzigen uns bekannten Einzelfall zu lernen, The Living Earth, wird den Weg weisen!

Imperativ des Tages: „Kolumbus‘ Erbe“ lesen!

Feuerstelle der Menschheit

Hallo Mitwelt!

Heute gilt es, unseren inneren Höhlenmenschen zu erwecken, was uns in pandemischen Cocooning-Zeiten nicht allzu schwerfallen sollte. Wir reisen zurück in die Steinzeit, als Stein wirklich noch das Supermaterial für alles war, was menschliche Kultur ausmachte. Es geht aber genauso um das Feuer, womit erneut ein Puzzlestück als Beweis aufgebracht wäre, dass Menschheitsgeschichte Feuergeschichte ist, wie es Jens Soentgen in der Redezeit (abrufbar bis 21.01.2023) erklärt hat.

Steinzeitliche Höhlen-Raumplanung

Von science.ORF.at berichtet, geht es um eine in „Scientific Reports“ erschienene Studie: „The influence of smoke density on hearth location and activity areas at Lower Paleolithic Lazaret Cave, France“. Beforschter Ort ist die in archäologisch-paläoanthropologischen Kreisen für ihren Fundreichtum über Jahrzehntausende hinweg berühmte Höhle Grotte du Lazaret in Frankreich. Die Funde reichen zurück in die Zeit von vor 200.000 bis 130.000 Jahre. Genauer gefasst, erweist sich Lazaret als Schmelzpunkt zweier steinzeitlicher Kulturen, der altsteinzeitlichen Acheuléen-Kultur, die von vor 1,76 Mio. bis 150.000 Jahren mit ihrem Steinwerkzeuggebrauch die Welt prägte. Für das Gros dieses Zeitraum gilt allerdings, dass unsereins – Homo sapiens – noch nicht mal in der Planung war, ergo Homo erectus oder Neandertaler das steinerne Zepter schwang. Und auch wenn dann sapiens der Krabbelgruppe entwachsen nach und nach mitspielen durfte, tat sapiens das nicht auf diesem westeuropäischen Spielplatz. Vergleichsweise spät entlang dieser Zeitachse trat dann die mittelsteinzeitliche Moustérien-Kultur vor 120.000 bis 40.000 Jahren auf den Plan. In unseren Breiten die meiste Zeit One Species-Show des Neandertalers, bis er ungeladenen Besuch bekam. So ist der älteste Homo sapiens, der in Ostafrika zu Werke gegangen war, als „Omo 1“ namhaft geworden und nach neuesten Datierungen vor etwa 230.000 Jahren lebhaft – vor lauter Alter daher auch schon tot. Ohne es hier und jetzt zu verkomplizieren, der Weg von Homo sapiens aus Afrika ins Neandertalerland Europa verlief wohl in mehreren Wellen und führte ziemlich sicher doch nicht auch über die Westroute, die Straße von Gibraltar, die im Gegensatz zur Ostroute entlang der levante aufgrund von Meeresströmungen eine zu große Barriere dargestellt haben dürfte. Für unseren Zusammenhang heißt das, dass der „kurze Dienstweg“ über Gibraltar hoch nach Frankreich hinein in die Grotte du Lazaret so – mutmaßlich – nie existiert hat. Wenn denn Homo sapiens dorthin hinzugekommen wäre, dann nur per langem Marsch von der Levante über Südosteuropa. Oder/und aus Südwestasien in mindestens fünf Phasen durch das „grüne Arabien“. Die ersten DNA-Spuren von Einwanderern nach Europa stammen von vor 45.000 Jahren, nur dass sich den Genen nach diese Populationen hier nicht etablieren konnten, also nur evolutionäre Touristen auf Sightseeing waren. Schon damals ein Problem. Ohnehin war das gemeinsame Zeitfenster, in dem sich sapiens und Neandertaler wohl nicht nur die Hand reichten, sondern auch Sex miteinander teilten, nicht so groß, wie man lange angenommen hat. Grund für die Verschmälerung gemeinsamer Zeiten sind diverse Neudatierungen dank verbesserter Messmethoden. Demnach hatten beide Arten vermutlich gerade so 4.000 Jahre Zeit füreinander statt bis dato angenommene gut 6.000 Jahre. Mutmaßlich schon vor gut 40.000 und nicht etwa erst vor 24.000 Jahren war dann Schluss für Neandertaler, sapiens erwies sich als Opportunist und nutzte die Gunst der Stunde schamlos für sich aus. Wie viel tödliche Konkurrenz sapiens hierbei schlau ausspielte und ethnozidal über seine Anverwandten mörderisch hinwegrollte, war lange unklar. Im Zweifel für den Angeklagten, das noch nicht anthropogene Klima hatte ihn bevor- und alle anderen benachteiligt:

Während der Mensch die klimatische Nische – in der er mit entsprechender Kleidung nicht erfriert und auch die richtige Nahrung findet – immer weiter ausdehnte, wurde der ökologische Raum, in dem es sich halbwegs angenehm leben lässt, für alle anderen anscheinend immer enger.
Die Berechnungen zeigen, dass die Lebensräume für manchen Urmenschen ziemlich abrupt geschrumpft sind. Das Aussterben des Homo erectus fällt beispielsweise mit der letzten Eiszeit zusammen. Vermutlich ist es dem Urmenschen einfach zu kalt geworden. Auch der relativ anpassungsfähige Neandertaler sei immer weiter in Richtung Süden gewandert. Die jüngsten Funde stammen aus dem Mittelmeerraum. Verschlimmert habe sich seine Situation durch die Konkurrenz mit dem sich zunehmend ausbreitenden modernen Menschen[.]science.ORF.at

Dabei war auch Neandertaler nicht ohne, hatte Köpfchen, mit dem er Zahlen jonglierte; wusste schon vor 125.000 Jahren über nachweislich 2.000 Jahre hinweg kontrolliert per Feuer seine Umgebung für sich zu gestalten und sich lichte Stellen im Wald zu schaffen und fertigte vor 65.000 Jahren Blattspitzen aus Feuerstein eventuell für Stoßlanzen zur Großwildjagd.

Lange Vorrede, auch ein Sinn: dass in der Grotte du Lazaret, um die es hier immer noch geht, Homo sapiens noch nicht seine Finger im Spiel hatte und demnach Neandertaler ist, um den es hier dezidiert geht. In Lazaret konnten im Laufe der Zeit Forchende 20 Siedlungsflächen über 90qm ausgraben und der sedimentierten Vergangenheit entreißen. Bewohnt wurde die Höhle mal nur jahreszeitlich in Herbst oder gar nur Winter, anderswann auch bis zu mehrjährig, dürfte also dann Lebensmittelpunkt für die lokale Gemeinschaft gewesen sein. Allein das ein interessanter Befund, denn das hieße, Neandertaler wäre halbnomadischer Jäger und Sammler gewesen, (generisch) der mobil un-, ggf. sogar spezialisiert aus seiner Umwelt lebte. Das mag in Lazaret so ausgesehen haben
Künstlerische Darstellung des Höhlenlebens (Lazaret); entnommen: science.ORG.at

In eingangs gelinkter Studie ging es nun um die Frage, wie es sich in einer Höhle wie beispielhaft Lazaret mit der Rauchentwicklung an Feuerstellen verhalten hat. Je verrauchter, desto gesundheitsschädlicher, umso lebensverkürzender und populationsnachteilhafter. So wenig Urmensch die Zusammenhänge im Rauch schon durchschauen konnte, so assoziativ klar dürfte es auch diesen Ahnen geworden sein, dass bei falscher Räucherung und mangelnder Durchlüftung diese Wohnstätte nicht lebenswert sein konnte. Frei spekuliert und unterstellt, dass gehäufte Tode in „verruchter Höhle“ naturreligiös gedeutet und mit einem unheiligen Bann ausgelegt worden sein könnten. Früheren Annahmen haben nahe gelegt, dass Feuerstellen im hinteren Teil einer Höhle zu liegen hätten, doch der Befund in Lazaret stand dem irritierend entgegen. Hier war die Feuerstelle höhlenzentral in Nutzung. Die Frage nun: warum denn das? Wieso just diese Stelle? Dem sind die Forschenden per computerzeitlich angemessener Methodik, einer Simulation, auf den Grund gegangen.

„Frühe Menschen brauchten eine Balance – eine Feuerstelle, in deren Nähe sie arbeiten, kochen, essen, schlafen, zusammensitzen und sich wärmen konnten, während sie nur einer minimalen Menge an Rauch ausgesetzt waren“, so die Forscher[…] . Die Computersimulation identifizierte eine 25 Quadratmeter große Fläche in der Höhle, die diese Voraussetzungen optimal erfüllte. Untersuchungen verschiedener Schichten in der Höhle hätten ergeben, dass die frühen Menschen tatsächlich diese Fläche ausgewählt hatten.science.ORF.at

„Diese Fähigkeit beweise „Findigkeit, Erfahrung und planmäßiges Vorgehen sowie das Bewusstsein für die gesundheitlichen Schäden durch Rauchbelastung.“ Ganz ohne Sensoren oder Simulatoren hatten es die ollen Urmenschen also schon drauf, wussten mit dem so gefährlichen Feuer – Jens Soentgen hoffentlich noch im Ohr – in und außerhalb von Höhlen umzugehen, es für die ureigenen Zwecke zu gebrauchen. Anschauliches Beispiel, so die Autor*innen, für die „hohen kognitiven Fähigkeiten“ der Menschen vor bereits 170-150.000 Jahren – dem primären Beobachtungszeitraum. Frühe „Raumplaner“, die sich einzurichten wussten.

Kognitive Revolution preloaded?

Clever schon vor nahezu 170.000 Jahren – damit ist der Zeitraum nochmal um beinahe 100.000 Jahre nach hinten verschoben, in dem man den Menschen (gleich welcher Art, bevorzugt exklusiv sapiens) nennenswerte kognitive Leistungen zugesprochen hat. So spricht zum Beispiel Yuval Noah Harari in „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ von der kognitiven Revolution, verortet sie zeitlich jedoch ins Jahr 70.000 vor unserer Zeit und spricht sie nur sapiens zu. Nach voriger Leistungsschau von Neandertaler in Lazaret, wofür Homo sapiens sapiens zur Einsicht Computerbetreuung bedurfte, scheint mir die Sachlage so klar nicht mehr zu sein. Während mit der kognitiven Revolution von Homo sapiens eine (erste), die sog. quartäre Aussterbewelle einhergegangen ist, fügte sich Neandertaler augenscheinlich besser in seine Umwelt ein.

Von mir frech entlehnt bei Raymond Dasmann, mache ich die Unterscheidung geltend von “Öko- und Biosphären“-Menschen. Nach Dasmann (und zitiert nach Wiki) sind diese Lebensarten von Menschen so zu charakterisieren

    • Ökosystem-Menschen nutzen nur die Ressourcen eines oder weniger benachbarter Ökosysteme
    • deren Nutzung erfolgt extensiv, energie- und ressourcenschonend (suffizient) und damit nachhaltig
    • der Einfluss auf die Umwelt blieb über viele Jahrhunderte ohne negative Konsequenzen für die Existenzgrundlage der Menschen
    • es bestehen verschiedene „naturreligiöse“ und soziale Praktiken, um diese fragile Balance zu bewahren.
    • „Ökosystem“-Menschen: die unmittelbar verfügbaren Ressourcen und Ökosysteme wurden übernutzt bis zur Degeneration ihrer Leistungsfähigkeit
    • anschließend erfolgte (notgedrungen) eine Ausweitung auf benachbarte Ökosysteme – und so fort.

Weiter:

Ökosystem-Menschen sind von intakten Umweltbedingungen abhängig und spüren Störungen im Naturhaushalt unmittelbar. Demgegenüber nimmt Dasmann an, dass Biosphären-Menschen Umweltschäden in fernen Biotopen nicht direkt wahrnehmen und die Verringerung der Produktivität einzelner Ökosysteme zumeist anderweitig kompensieren. Sie verfügen laut Dasmann „über das Potential, die ganze Erde zu einem Paradies zu machen oder zu zerstören.“Wikipedia

Dasmann führt diese Unterscheidung ein, um besser abgrenzen zu können, wie einst sogenannte „Naturvölker“ (Ökosphärenmenschen) und sog. Hochkulturen (Biosphärenmenschen) auf ihre umgebende Natur zugreifen, sie beeinflussen und gestalterisch verändern. Der Grad der Intensität und des Ausmaßes, wie sehr und wie weit der Zu- zum Eingriff wird, zieht die Trennlinie zwischen beiden Menschenschlagen. Deutlich gesagt, blickt er jedoch auf Homo sapiens in etwa seit der „neolithischen Revolution“, seit – je nach Region – gut 10.000 Jahren, seitdem sich zunehmend Menschen in Städten wieMaidanets’ke oder Tell Brak sesshaft ballen, sich rund um solche Ansiedlungen Tiere wie Wildkatzen domestizierend einfanden. Es geht ihm also um die Frühgeschichte der Menschheit, seither sich die Menschentypen öko- und biosphärischer Weltnutzung voneinander geschieden haben.

Ich stelle die These auf, dass man diese Unterscheidung – zumindest prototypisch – schon in vor- und urgeschichtliche Zeiten zurückverfolgen und an den Arten von Homo – Neandertaler versus Homo sapiens im Speziellen – festmachen kann. Die Art sapiens ist von frühesten Zeiten an, seit der von Harari attestierten „kognitiven Revolution“ von vor 70.000 Jahren, in der Form des Weltbegreifens, der Weltnahme „biosphärisch“ geprägt, in jedem Falle „biosphärischer“ als ihre Anverwandten. Diese sehr wohl auch schon Welt gestalten konnten, wie in Lazaret beeindruckend gezeigt, das aber trotz herausragender Umweltkenntnisse wesentlich ökosphärischer taten. Ökosphärisch hier verstanden, dass sie zumindest auf Zeit bedeutend ortsverbundener lebten und sich an den Ort einpassten oder/und zwar (halb)nomadisch weiterzogen und des Klimas wegen im Laufe von Generationen auch um einiges an Strecke, das aber stets als Ortswechsel. Homo sapiens wechselte nicht nur den Ort, ggf. um vor Klima oder Ähnlichem zu entkommen, sondern verbreitete sich über die bisherigen Regionen hinaus. Fortlaufende Landnahme, Weltreichweitenerweiterung im Verständnis von Hartmut Rosa. Euphemistisch zumeist als Neugier bezeichnet, geht damit eine intrinsische Weigerung einher, Unverfügbarkeit hinzunehmen oder gar zu akzeptieren. Das ist zugegeben eine steile These, hergeleitet aus der Befundung einsichtiger Platzierung einer Feuerstelle in der Lazaret-Höhle vor 170.000 Jahren. Die Assoziation(skette) ist zugegeben auch mehr gedankensprunghaft als schon durchdacht oder als Hypothesen-Fundament ausformuliert. Doch warum sonst konnte vor allem Neandertaler all das schon, war derart pfiffig und umweltgeschickt, anscheinend z.T. sogar noch weit vor Homo sapiens, mit teilweise mehr Zeit zum Einüben, um dann doch – angeblich stark klimabedingt – den Löffel abzugeben. In Europa seit zig Jahrzehntausenden zugegen, um dennoch just hier evolutionären Konkurs anzumelden, während sapiens in so viel kälterer Region Fuß fassen und sich innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit dauerhaft anpassen konnte. An sapiens scheint mir da von Grund auf sehr viel „Biosphärentum“ verlorengegangen zu sein, in ihm steckt bedeutend mehr Any- statt Somewhere, stets hinaus- und umherstrebend, demgegenüber Neandertaler kleinräumlicher lebten.

Von solchen wiederum hinausstrebenden, immerhin in diesem Sinne also sapienten Gedanken abgesehen, ist faszinierend, welche Einsichten man über das raumplanerische Verständnis von Menschen erlangen kann, die seit über 150.000 Jahren dahingeschieden sind. Der Artikel geht leider nicht näher darauf ein, wieso man bis dato der Meinung war, dass in Höhlen Feuerstellen weiter hinten zu liegen hätten. Ungeübt im Höhlenbewohnen, scheint mir das vielmehr reichlich ungünstig, da bis dorthin doch gar keine frische Luft mehr gelangt, so sehr das Feuer andererseits von Wind und Wetter geschützt sein mag. Zu nah am Höhleneingang könnte ein ungünstiger Luftstoß, eine vielleicht auch noch feuchte Bö das Feuer zum Verlöschen bringen, von diesem so viel Kultur abhängt. Feuer- als Menschheitsgeschichte!

The Rising Earth

Hallo Mitwelt!

Der Blick aus dem Weltall auf die Erde war schließlich ein ›Muß‹ für jeden Touristen.

[…] Denn da unten schwebte die Erde, ein riesiger, leuchtender Ball mit rötlichgelben, blauen und weißen Flecken. Die dem Schiff zugewandte Hemisphäre lag fast völlig im Sonnenlicht; zwischen den Wolken waren wüstengelbe Kontinente mit vereinzelten, grünen Streifen zu erkennen. Wo die blauen Ozeane bis zum Horizont reichten, zeichneten sie sich scharf gegen die Schwärze des Weltalls ab. Und der klare, schwarze Himmel war übersät mit funkelnden Sternen.

Die Zuschauer warteten geduldig, denn was sie interessierte, war nicht die Taghälfte.

Blendend hell kam die Polkappe in Sicht. Das Schiff beschleunigte immer noch kaum merklich zur Seite hin und wurde langsam aus der Ekliptik getragen. Sachte glitt der Schatten der Nacht über den Globus, und der riesige eurasisch-afrikanische Inselkomplex betrat mit der Nordseite nach ›unten‹ majestätisch die Weltbühne.

Isaac Asimov: Sterne wie Staub [The Stars, Like Dust], Kap. 2 Der Zufall und die Armbanduhr

Das ist ein langes Zitat aus dem 1951(!) erschienenen Roman der drei sog.
Imperiumsromane Asimovs, die ergo noch vor legendärer Foundation-Trilogie erschienen sind und den unaufhaltsamen Aufstieg des Trantorianischen Imperiums Jahrtausende vorab vorzeichnen. Damit blickt er auch voraus in ganz anderer Weise, nämlich wirft Asimov einen Blick auf die Erde, auf die zuvor noch kein Mensch je geblickt hatte können. Sechs Jahre vor dem revolutionären
Sputnik-Schock vom 05.10.1957 (Obacht: Schock nur für den ignoranten Westen) nimmt der Prophet der Science Fiction die Erde visionär von oben, als Kugel, als Gesamt- und Einheit in den Blick, als im Roman ein Raumer mit der Hauptfigur Biron Farrill von der Erde „ablegt“ und sich zum Rand des Sonnensystems aufmacht. Eine Erde, die hier noch bekanntes, wenn da auch schon atomar verseuchtes Zentrum einer in die Galaxis hinausgestrebten, galaktisch gewordenen Menschheit ist, was Generationen später zum Mythos verschwimmen sollte.

Damit ist für ihn schon selbstverständlicher Teil der Narration, gehört für ihn ikonisch dazu, was für die realirdische Menschheit noch als Einsicht und Erkenntnis bevorstand, nämlich der Erde als Ganzheit inmitten des Weltalls. Per Drauf- zur Einsicht von der
Ikone Erde – Blaue Kugel im schwarzen All: Beim letzten bemannten Flug zum Mond, 1972, entstand ein Foto der voll erleuchteten Erdkugel, aufgenommen aus ca. 37.000 km Entfernung. Was hat dieses Bild mit unserem Selbstverständnis als Menschen gemacht? Von Ulrich Grober / WDR 2002. Ein exzellentes Kulturfeature bei WDR3, das eindrücklich nachzeichnet, was dieses Foto für Kreise gezogen hat, welche Bedeutung es für die Deutung vom Raumschiff Erde erlangt hat und wie sich diese Deutung im Laufe der Zeit mehrfach verändert hat. Gemacht wurde das Bild auf dem Rückflug von Apollo 17 (07.-19.12.1972),
der elften und bis heute letzten bemannten Mission zum Mond. Im Rahmen des Apollo-Programms gelang die sechste und bis heute letzte Landung auf unserem Trabanten, wo mit drei Tagen eine Rekordzeit verbracht wurde. Seither ist Mensch nicht einmal mehr über eine erdnahe Umlaufbahn hinausgekommen… Das Geschichte machende Bild,
Blue Marble, die Blaue Murmel
hat ökologische Bewegungen wie ein Fixstern den Weg gewiesen und steht seither symbolisch für den Erhalt und die Bewahrung der Erde!

Blue Marble, aufgenommen von Apollo 17am 07.12.1972; Wikipedia entnommen

Interessant ist, dass „erst“ 1972 dieses Bild von der Welt weltbewegend um die Welt ging. Denn es hatte bereits eines zuvor gegeben, das nicht minder beeindruckend hätte sein können, als allererstes seiner Art eigentlich auch schon hätte müssen: Der Moment, als die Erde am Horizont auftauchte – Earthrise auf der Apollo 8. Ein halbes Jahr vor Apollo 11, DER Mondmission von 1969 als kleiner Schritt für einen Menschen, der sich als größter für die Menschheit erweisen sollte, war
Apollo 8
als erster bemannter Flug gen Mond aufgebrochen. Zum ersten Mal wagten sich Menschen mehr als 1500 km über die Erde hinaus, was sogleich in zehn Mondumrundungen gipfelte, die exakt 20h 10m 13s andauerten. Die Mission fand vom 21. bis 27. Dezember 1968 statt, also ziemlich genau vier Jahre vor Apollo 17 als „letzte ihrer Art“.

Heiligabend 1968 knipsen die Astronauten ein Foto, das die Welt verändern sollte: Im Vordergrund der kahle graue Mond, im Hintergrund die aufgehende blauweiße Erde – die erste Weltraumperspektive auf unseren Planet

SWR2 Archivradio

Auch dieses Bild trägt einen eigenen Namen – Earthrise
Apollo-8-Aufnahme und zugleich erste Schwarz-Weiß-Fotografie der „aufgehenden“ Erde aus der Mondumlaufbahn, aufgenommen von Bill Anders; Wikipedia entnommen

Damit war man exakt 103 Jahre später endlich zum Erdbegleiter aufgebrochen, wohin da längst die Menschen gereist waren. Und zwar in Jules Vernes Roman Von der Erde zum Mond von 1865, wenngleich die
Reise um den Mond von 1870 sich um fünf Jahre verspätete. Das hat Apollo 8 in einem Rutsch vollbracht. Diese Science Fiction reist der Wirklichkeit doch immer voraus, weist ihr den Weg nur allzu oft, eröffnet Horizonte des Denkmöglichen, das Mensch dann nur zu gerne auch ermöglicht.

AD ASTRA TERRANER

[1]

  • Wenn sich das mal nicht als
    schmutzige Weiten erweist, in die wir da aufbrechen und den astralen Müll wie volle Windeln in der Wiege der Menschheit zurücklassen…
  • Vom Brentry zum Brexit

    Hallo Mitwelt!

    Heute zwei kontrastiv exzellent gematchte Fundstücke im Feed vom SWR2 Archivradio vorgefunden. So direkt nacheinander gehört, zeigen beide erschreckend deutlich manch realpolitischen Irrsinn auf. Es geht um den in Kontinentaleuropa berüchtigten BREXIT aus der EU, der Europäischen Union (=Gemeinschaft= der 28, dem ein „Brentry“, ein Eintritt der Briten vorhergegangen sein musste. Es geht um zwei Radiokommentare aus dem Archivfundus des SWR, die Ein- wie Austritt kommentieren. Zum einen

    • in 13Minuten über den Festakt zum Beitritt Großbritanniens am 22.01.1972 zur EWG – die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, die sich bereits am 25.03.1957 gegründet hatte. Ausdrücklich: W wie Wirtschaft, nicht etwa W wie Werte… Fünfzehn Jahre später war es für Großbritannien also soweit, das jedoch im dritten Anlauf nach 1961 sowie 1967. Beide „Matchbälle“ bis dahin abgewehrt durch Frankreichs Staatsoberhaupt Charles de Gaulles, erst dessen Abtritt 1969 den Weg freimachte. Seine „Gründe“ wider das UK nicht nur, aber AUCH, dass über das eingemeindete UK die USA Einfluss in der alten Welt, in Europa erlangen könnten. Noch weit vor der McDonaldisierung drückte de Gaulles so kulturpessimistisch nationale Befürchtungen einer Cocakolonisierung vor allem Frankreichs durch die USA aus. Coca-Cola hier sinnbildlich und synonym für US-amerikanische Kultur- und insbesondere Konsumgüter, über die es zu einer kulturellen Amerikanisierung käme. Eventuell selbst Anfang der 1960er Jahre schon etwas spät dran, da die Disneyfizierung wohl schon ihren Weg über die Fernseher genommen hatte: die Erfüllung des American Dream, wo jede*r den American Way of Life gehen kann, wie ihn die Disney-Filme da längst vorgeführt haben. Vielleicht nicht in Frankreich, aber in Deutschland der 1950er Jahre war die US-Kultur auch längst vorgedrungen, nämlich massenhaft in Form von Übersetzungen in diverse Science Fiction-Reihen. Seither wurde das bis dahin Zukunftsroman und ähnlich genannte Genre dem US-Vorbild der Goldenen Ära nach überhaupt erst amerikanisiert Science Fiction genannt. Details von Hans Frey im MEMORANDA-Podcast!
    • in bezeichnend nur noch 3Minuten zum final endgültigen BREXIT am 01.01.2021 – also vor gut einem Jahr inmitten der Pandemie, sich auftürmender Alpha-Welle. Ältere erinnern sich noch oder wieder, nachdem sie nach viereinhalb Jahren BREXIT-Unwetter den sich lichtenden Himmel und die eintretende Ruhe genossen (hätten – ohne Corona).

    Zu beiden Archivkommentaren diese Kommentare von mir, dass

    • ich den richtiggehend liebevollen Detailgrad des ersten Kommentars einmalig gut finde. Gibt es heute so nicht mehr, wüsste ich nicht. Dass die Würdenträger des Festaktes, die es zu Papier bringen durften, die Dokumente von der linken Seite angereicht und von rechts etwas zum Schreiben zur Hand bekommen; wie die Tische angeordnet sind, wer wo sitzt; dass der kecke britische Botschafter vor Ort die Presse just zu einer Zeit zu sich lud, als anderswo oppositionelle Gegner des Beitritts ihren Auftritt hatten… Warum derart detailliert und präzise und weniger als Story? Vermute, weil all sowas noch überhaupt nicht normal und Standard geworden war, sondern noch gründlich präsentiert und der Zuhörerschaft näher gebracht werden musste. Weil der Grad der TVisierung, geschweige denn Eventisierung einen Bruchteil von heute betrug und viele Bilder, wie man sowas macht und veranstaltet, gar nicht bekannt, noch nicht ins medial vermittelt kommunikative Gedächtnis vorgedrungen waren. Der „Knigge“ hierzu hatte sich, von mutmaßlich noch wenigen (Stand)Bildern abgesehen, noch nicht so sehr verbreitet, als dass er selbstverständlich und keiner Rede mehr wert geworden wäre. Kurzum: es war noch erwähnenswert und macht es für mich daher unglaublich hörenswert. Da schildert jemand die Welt vor sich und macht sich – und uns – nur über die zu hörenden Worte ein Bild davon. Ein vielleicht selber noch nicht gar so abgezockter Journalist, für den es auch noch eine besondere Sache war, einem raren Beitritt so nahe beiwohnen zu können. Er berichtet von oberhalb des Sitzungssaales, aus einer Glaskabine hinaus. Ist das heute noch so? Gegebenenfalls längst abgeschafft, weil zu gefährlich. Journalisten könnten von da oben verunfallen, Terroristen sich dorthin einschleichen und ganz anderes fallen lassen…
    • BoJo echt drollig ist, wenn er inmitten Corona den Nationalstolz zu pushen versucht, weil man ja mit dem Impfstoff von AstraZeneca den ersten seinesgleichen im Westen marktreif gemacht und im Weiteren zur Verfügung habe. Tja BoJo, beim nächsten Mal auf Party verzichten und vielleicht dem Briefing beiwohnen. Dann hätte er erfahren können, wäre ihm zum ersten Mal mitgeteilt worden, dass Astrazeneca 1999 als Zusammenschluss aus der britischen Zeneca PLC und der schwedischen Astra AB entstanden ist. Und wenn BoJo investigativ nachgefragt hätte, hätte er in Erfahrung bringen können, dass A) Imperial Chemical Industries als imperial langer Vorgänger nicht mehr existierte und auch hier symbolisch das Empire abgedankt wurde; B) dieses Schweden nicht nur von kontinentaler Lage, sondern auch noch allen Ernstes echt und wirklich schon seit 1995 Mitglied der EU ist! LOL ROFL OMG Hauptsitz ist zwar in UK (Cambridge – ANALYTICA??), wo man die Cashcow melkt; die Entwicklungs- und Forschungsabteilung hingegen liegt auf EU-Boden 😀 Kann man sich gar nicht ausdenken, aber true story!

    Aber PSSST, dass das niemand BoJo verrät, wie viel EU in jedem Impfpieks steckt. Ein Teil der Antwort könnte selbst ihn sonst beunruhigen. Als Fazit kann man jenseits von Spott nur sagen: schade, dass zwischen Brentry und Brexit keine 50 Jahre liegen, es nicht einmal fürs Jubiläum gereicht hat. Und nimmt man 2016 mit dem verheerenden Voting wider EU-ro-pa, dann hat die Affäre sogar bloß 44 Jahre gehalten. Anderthalb Generationen, ja, soweit so immerhin. Aber viel zu kurz für echten Aufbau und nachhaltige Stabilisierung. Davon ab, dass schon Ende des Eintrittsjahrzehnts die Desintegration allen vergemeindenden Sozialen Einzug hielt, was für eine Union üble Vorzeichen sind: Neoliberalismus im Stile der Eisernen Lady, Mrs. Thatcherism – there is no alternative or society. Für den britischen Unterzeichner und Wegbereiter des Beitritts, Edward Heath Edward Heath – Sir Edward Richard George „Ted“ Heath, so viel Zeit muss sein – sicherlich ein Schreckgespenst, das da im Nachgang aus den nebelumhangenen Mooren seiner Heimat auferstanden ist. Für ihn war es noch ein – DAS Projekt seiner Generation; für einen Staat weiter Willy Brandt war es das Projekt für die Folgegeneration; für die Thatcherista war es wohl gar kein Projekt mehr. Und dennoch gab es mit diesen thatcherisierten Neoliberals trotzdem die EU, der man dennoch überdrüssig wurde. Hat Obelix am Ende doch als einziger die Sache durchschaut? „Die spinnen die Briten!“ Hoffentlich nicht.

    EDIT vom 23.01.2022: Link zu EU-Werten hinzugefügt. Letzten Absatz hinzugedichtet.

    Troja und Schliemann – ein Referat in Schichten

    Hallo Mitwelt!

    Heute wiedermal eine Reise zurück in memoriam, im Gedenken eines legendären Referats zu Schulzeiten. Nein, nicht das eine, wo referiert wurde, worüber nicht referiert wird… Ein anderes, zweites, an dem ich sogar aktiv beteiligt war, auch wenn das der verschüttete, von allen Involvierten gewiss vergessene Part gewesen war. Ging es bei jenem Referat um irgendeinen Kristallisationspunkt irgendeiner deutschen Literaturepoche im Deutschunterricht, so ging es bei diesem Referat um die Fundamente okzidentalen Selbstverständnisses. Inmitten einer Referatreihe im Lateinunterricht ging es um nichts Geringeres als TROIA! Nicht als von Homer besungener Mythos, sondern um Troia als Stadt, wie sie real existierte und archäologisch zurück ans Licht der Gegenwart gegraben wurde. Das durch den heutigen Jubiliar, der heute am 06.01.2022 200 Jahre geworden wäre: Heinrich Shcliemann!

    Um diesen Tausendsassa und sein Grabwerk dort, wo er Troia gefunden zu haben glaubte, sollte es im Referat gehen. Vorgesehen in Summe eine Schulstunde inklusive Diskussion über das Präsentierte. Mein Part war der erste zur Person Schliemann, geplant etwa 10 Minuten Vortragszeit, die eventuell eher an die 15 grenzten. Bis hierhin dennoch soweit, so normal und für ungeübte Vortragende auch nicht ungewöhnlich, dass man da nicht das Schweizer Uhr exakte Timing hat. Part 2 sodann vom Kollegen, mit dem das Thema im Duett als Teamarbeit anvisiert war. Für ihn ergo auch gut 10 bis 15 Minuten, vielleicht an die 20… Aus dem Team wurde ein Gap und ich zum ebenso staunenden Zuhörer wie das Publikum im Plenum des Auditoriums. Wenn man eine mutmaßlich zunehmend überwältigte Masse SchülerInnen, die sich vermutlich ein Trojanisches Pferd zur trickreichen Überwindung der Referatsmauern herbeisehnte, ein aufmerksamkeitsvolles, zuhörbefleißigtes Auditorium nennen sollte. Vielleicht sei noch angemerkt, dass der Lateinkurs ein zwielichtiger war. Nicht Leistungs- noch Grundkurs, sondern „Huckepack“ beides in einem. Hatten sich für den LK nämlich stolze 8 SchülerInnen gemeldet, so für den GK nur deren 7. Bei etwa 500 Schüler*innen und diesem Fach zu einer toten Sprache passabel viele Willige. Und was nur für den LK gereicht hätte und vom Lateinlehrer, der anderswann meine Facharbeit über Tolkien und auch Vergil ertrug wie Atlas die Welt, auch gestemmt worden wäre, war für den GK dann doch zu geringzahlig. Daher beides in eins: die LKler verbrachten drei ihrer fünf Stunden gemeinsam mit den GKlern, diese damit ihre Wochenzeit abgesessen hatten. Die LKler hatten darüber hinaus noch zwei weitere Schulstunden separat, auch was die Inhalte betraf. Denn an den Themen und Texten weiterarbeiten (=übersetzen), die man gemeinsam hatte, hätte ja Wissensvorsprünge und ganz verquer gestellte Klausurfragen zur Folge gehabt. Undsoweiter. Zurück zum Referat, das Teil einer der Huckepackstunden war….

    Ich führte – sozusagen – Schliemann biografisch bis nach Troia, auch wenn ich damals nicht die zum Jubiläum allseits verfügbaren Sachstände zur Hand hatte; so zum Beispiel:

    Die Streamline sparte, so meine Erinnerung, manch schillernde Abzweigung dieses umwegig vielschichtigen Lebens rigoros aus. Was ich verknappte, schichtete sich folgend dann aber legendär auf. Denn besagter Kollege wandte sich den – arg ruppigen, reichlich freihändischen – Ausgrabungen Schliemanns zu und ging SCHICHT FÜR SCHICHT durch. Für Monate hieß er dann nur noch „Schichten-Name“*. Deren sieben, je nach Zählweise und Anerkennung. Das akribisch per PowerPoint vorgeführt und für das Publikum visionär aufbereitet und im Detailnahezu fundweise präsentiert. Es deutet sich hier schon an, dass selbst die zugestandenen 20 Minuten nicht ausreichten. Die zwischen der Doppelstunde gelegene 5-Minuten-Pause hatte sich erledigt, bitter für Freunde gepflegten Lungenkrebses. Stunde 2 brach an, floss dahin, ging weiter, neigte sich, strebte dem Ende zu, Schicht fünf. Schicht sechs. Siebente und letzte Schicht. Es blieben nur noch so wenige Minuten, bis auch die zweite Stunde vorbei war, dass betäubte MitschülerInnen ohnehin nur noch schwiegen, während der Lateinlehrer nur noch beeindruckt nach Worten rang und auf seine eigene Art redundant das „Uni-Niveau“ dieses Referats lobpreiste. Das sei uni-reif gewesen, könnte auch an einer Uni gehalten worden sein, stünde einem Studenten gut an und wäre auch auf dieser Ebene anerkennenswert gut. Tja… Nun, das richtete sich dann an den zweiten Teil, der so in etwa 85-90% der Zeit für sich beansprucht hatte. Aus der Psychologie ist das Priming vielleicht ein geläufiger Begriff. Damit ist ein Ausgangsreiz gemeint, der die Kognition, Also die Gedanken der Denkenden in Bahnen lenkt. Er bahnt den Weg fürs Folgende, geht voran, macht den Weg frei. Hochgegriffen mag mein Part so gewirkt haben, hat das Auditorium aufmerksam gemacht fürs Thema, ist dann aber durch die Schichtenoffenlegung durch den informationellen Abraum zunehmend zugeschüttet worden, sedimentierte unter der powerpointierten Infomasse. Ob sich überhaupt noch jemand an Schliemann erinnerte, den ich doch auf die Bühne gehoben hatte? Wart das Referat eigentlich je von zwei Schülern gehalten?

    200 Jahre Schliemann

    Die Biografie von Heinrich Schliemann ist echt eine überborden schillernde, kontrasteiche, widersprüchliche, dass ich genauso gut eine Doppelstunde damit hätte zubringen können. Nur dass damals kein Jubiläum war, auch nur Anstand und die einstiegsfreundliche Quellenlage eine ziemlich dünne war. Sehr empfehlenswert der –leider nur exklusive – ZEIT-Artikel von Moritz Aislinger. Wenige anschauliche Zitate, was für ein Schlag Mensch dieser Schliemann war:

    Er hatte europäische Hochkulturen entdeckt und Goldschätze und Königsgräber und Troja. . Er war rastlos gewesen und rücksichtslos und getrieben, einundzwanzigsprachig und kleinwüchsig und Halbwaise und unendlich reich. Ein glücklicher Mensch war er nicht gewesen.

    […]

    Staatsoberhäupter aus der ganzen Welt hatten kondoliert. Der Deutsche Kaiser Wilhelm II. hatte einen prachtvollen Kranz geschickt, im Namen des deutschen Volkes. Der griechische König und sein Kronprinz hielten Totenwache. Der Sarg wurde auf einen Wagen gelegt. Acht schwarze Pferde zogen den Leichnam zum Ersten Athener Stadtfriedhof.

    […]

    Der Mann, wie er im Museum, im Archiv, in den Tausenden von ihm hinterlassenen Briefen, Sprachübungsheften, Tagebucheinträgen, Visitenkarten und Geschäftsbüchern zum Leben erwacht, erzählt viel über das 19. Jahrhundert und seine Menschen. Über Armut und den Wunsch nach Anerkennung. Über Reichtum und den Hang zur Überheblichkeit. Über Sehnsucht und Mythologie, über Archäologie, Kolonialismus, Raubkunst und Selbstinszenierung, über Liebe und Verlust.

    […]

    Am Ende wird er fließend Niederländisch, Englisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch, Russisch, Italienisch, Griechisch und Arabisch sprechen. Dazu noch, wohl ganz passabel, Altgriechisch, Türkisch, Dänisch, Schwedisch, Slowenisch, Polnisch, Hindi, Hebräisch, Persisch, Latein, Chinesisch. Seine Tagebücher hinterlässt er in zehn Sprachen.

    Moritz Aislinger ZEIT.de

    Schliemann, der „Troja wiederbelebt“ und auch „zerstört“ hat. Der, der im Sog seiner Zeit des fortschreitenden Imperialismus reich geworden war, um sich der Vergangenheit zuzuwenden, Halt im Mythos zu suchen – und zu finden.

    Um so eine Person einzuordnen, überhaupt einfangen zu können im bunten Reigen all des Geschafften und Gemachten, fehlte es mir auch an Orientierung wie durch das SWR2-Forum: Archäologie-Star Heinrich Schliemann – Was bleibt vom Troja-Entdecker? “ Kaufmann in Amsterdam, Banker in Kalifornien, Multimillionär in Sankt Petersburg und größter Archäologe seiner Zeit. Heinrich Schliemanns Leben reicht für drei. Seine Antiken-Grabungen – der „Schatz des Priamos“ und die Königsgräber in Mykene – machten international Schlagzeilen und revolutionierten die Altertumsforschung. Was trieb den Mann, dessen Geburtstag sich am 6. Januar zum zweihundertsten Mal jährt? Und was ist seine „Spatenwissenschaft“ heute noch wert? Lukas Meyer-Blankenburg diskutiert mit Leoni Hellmayr – Archäologin und Wissenschaftsjournalistin, Baden-Baden, Dr. Katarina Horst – Leiterin des Referats Antike Kulturen am Badischen Landesmuseum, Karlsruhe, Dr. Frank Vorpahl – Autor und Journalist, Berlin“ Auch gab es da noch nicht Leoni Hellmayrs Buch “Der Mann, der Troja erfand“ oder Frank Vorpahls „Schliemann und das Gold von Troja. Mythos und Wirklichkeit“. Fokus bei all den genannten Beiträgen ganz klar Schliemann, somit alles Update für meinen Referatspart. Was er da im temperamentvollen Übereifer des Entdeckenwollens tatsächlich fand, wie falsch er es etikettierte und marketinggekonnt der Welt anpries, gerät da in die zweite Reihe. Kein Schatz des Priamos, da der gefundene Schmuck noch älter ist als der verdunkelte Zeitraum eines realen Troja, das irgendwann inmitten der dunklen Jahrhunderte in Blüte gestanden haben muss. In einer Zeit, wo aus Bronze- die Eisenzeit wurde. Menschheitlich erwähnenswert und für die ollen Griechen von kaum zu überschätzender Wichtigkeit, sich an diesem Mythenstoff deren kollektive Identität überhaupt erst ausbildete.

    Der Mythos – Ilias und Odyssee

    Troja besungen, von Aufstieg und Niederwerfung der Stadt der Götter gedichtet wird in Homers Epen Ilias und Odyssee. Mehr Homer wagen – Was uns die „Ilias“ heute zu sagen hat – so die Frage und Aufforderung zugleich im SWR2-Forum. Denn auf der Hand liegt freilich nicht (mehr), wieso ein über Zweieinhalbjahrtausende altes Gedicht, das historisch nicht abbildet, noch von Bedeutung sein soll. Doch mit hörbarer Begeisterung und entschiedener Emphase setzt sich unter anderem Kurt Steinmann ein, der beide Homerischen Epen neu ins Deutsche übersetzt und verständlich zugänglich gemacht hat. Das Hörbuch kongenial gelesen übrigens von Christian Brückner! Dringende Hörempfehlung für alle, die erstmals oder mit neuem Medium ganz anders erhören wollen, welche Schlacht da geschlagen wurde.

    Und wer es seziert braucht, worum es geht, einen roten Faden durch all die Namen wackerer Recken und heldenhafter Heroen benötigt, muss den Podcast hinzuschalten, der sich nach der Menschen Mythen umranktester Stadt benannt hat: Troja Alert – in vier Folgen:

    Faszinierend, weshalb ich am liebsten, wäre ich doch nur Schnellleser, gleich mehrere Werke über die fragliche Zeit zur Hand nähme. Vorzugsweise aus der Beck Wissen-Reihe, zumindest nachdem ich Schliemanns – nicht immer historisch exakte – Schreibe hierzu gelesen hätte: „Mykene – Bericht über meine Forschungen und Entdeckungen“. Sodann „Die griechische Frühzeit“, “Das mykenische Griechenland“, „Homers Odyssee“, um nur ein paar Titel zu droppen;-) Wenn ich es bis dorthin geschafft habe, melde ich mich hier wieder!

    *Der natürlich nicht genannt wird…

    Ob Spülmaschine oder Warpantrieb

    Hallo Mitwelt!

    Heute gibt es ein außergewöhnliches Matchup. Ein Zustandekommen des Themenspektrums durch spukhafte Fernwirkung eines nichtlinearen Gedankensprungs. Was??? Eine weitspringende, abwegige Gedankenassoziation, die zweierlei zusammenführt, was so wohl nie zusammengedacht war. Zwischen beiden Punkten der Raumzeit liegen bloß 177 Jahre… Ob Spülmaschine oder Warpantrieb….

    Tertium comparationis, gedanklicher Tangentenpunkt

    …, Hauptsache Cochrane. Dieser Nachname ist, was A und B durch die Zeiten synaptisch verbindet und in mir Gedanke geworden ist.- Gemeint ist nicht eventuelles Gründungsdatum und aktuelle Aktivitäten der Cochrane Collaboration als Zusammenschluss von Wissenschaftler*innen, Ärzt*innen und Co für unabhängige Reviews und Metastudien zu relevanten medizinalen Themen. Aktuelles Beispiel zu Vitamin D als mögliches Hilfsmittel wider Covid – von Klaus-Dieter Kolenda bei Telepolis auf Grundlage von Cochrane-Publikationen vorgestellt. Um Organisationen geht es nicht, sondern um konkrete Menschen und deren Wirken.

    Die Erfindung der Spülmaschine

    Ausgangspunkt und Anlass ist das WDR-Zeitzeichen vom 28.12.2021, demnach an diesem Datum vor 135 Jahren, also am 28.12.1886 das Patent für die erste Spülmaschine eingereicht worden ist. Und das – zu diesen Zeiten und inmitten der USA – von einer Frau: Josephine Cochrane (1839-1913). Als Hausherrin standen ihr zwar Bedienstete zur Seite, um die Bankette und Zusammenkünfte vor allem für ihren Mann, der in der Politik tätig war, zu bewirtschaften. Doch gingen ihr dabei zu viele Familienerbstücke beim Geschirr zu Bruch, wenn es per Hand gespült wurde. Mehrere Erfinder und Ingenieure in der Verwandtschaft verhalfen ihr zu praktischen Ideen, wie man dem Ungemach technisch Herr bzw. Frau werden könnte. Und wie der Zeitzeichen-Beitrag auch anhand einiger Zitate verdeutlicht, ist Josephine das sehr taff angegangen. Taff, aber auch mutig, wenn sie – damals nunmal total untypisch, ja vielfach undenkbar – ALLEINE – d.h., ohne ihren Mann oder männliche Begleitung – ihre Spülmaschine vorstellte und dafür eine Hotellobby wie eine eigenständige Kauffrau durchqueren musste. Und am besagten Datum anno domini stand für sie die Patentierung ihrer Idee an, eines Geschirrspülers maschineller Art, der – soweit man rekonstruieren kann – stolze 2mal2mal1 Meter riesig war. Daher vorerst nur etwas für große Hotels und Kasernen für die Soldaten, deren verdrecktes Geschirr legionenweise gesäubert wurde. Sprich, die Apparatur funktionierte, was bei Vorgängern, die es sehr wohl gegeben hatte, nicht der Fall war. Deshalb hatten diese es auch nicht, Josephines Prachtstück es aber doch zur Patentierung geschafft.

    Der Beitrag verfolgt im Weiteren die Verbreitung der Spülmaschine, die es erst Jahrzehnte später über den Teich in die alte Welt schaffte. Zu Wort kommt eine waschechte Hausfrau der 1950er Jahre, die nicht viel auf dieses Teufelsding gegeben hat, die Spülung per Hand viel tauglicher sei. Das hielt sich als Überzeugung noch bis in die 1990er Jahre, dass man per Hand viel effektiver, ja reinlicher spülen könne. Ein zitierter „Spülmaschinenforscher“ hingegen sagt klar, dass selbst die beste Handspülung nicht mit eher schlechter, weil nur halb bestückter Spülmaschine mithalten kann. Allein die Wasserersparnis sei enorm, wenn es auch heute noch Optimierungen gebe. Und statt energie- und wasserfressender Vorspülung sei ohnehin mechanische Reinigung vorab anzuraten.

    Dass sich nach Einführung der Spülmaschine in Deutschland 1929 der Widerwillen gegen ihren Gebrauch bis in die 90er Jahre hielt, dass selbst Hausfrauen sich die Arbeit nicht haben erleichtern wollen, ist bezeichnend. Hier musste ich sogleich an “Die Erfindung der Hausfrau“ von Evke Rulffes (Neugier Genügt Redezeit, abrufbar bis 12.11.2022) denken. Frau Rulffes zeichnet hier nach, was lange selbstverständlich war und immer noch nur langsam abnimmt und abgebaut werden kann. Dass die Frau als Hausfrau mit Liebe und aus Leidenschaft Haus, Hof und Kinder zu bewirtschaften hat. Und als Hausfrau – nomen est omen – ans Haus gefesselt / gekettet bleibt, dort und nur dort sie sich auf ihre unverwechselbare Art und ihre emotional-fürsorglichen Stärken entfalten kann. Frau Rulffes geht historisch rund zwei Jahrhunderte zurück, um das Gewordensein aus dem vergessenen Dunkel der Geschichte ins Licht hervorzuholen und in seiner Entwicklung deutlich zu machen. Interessant, dass die Verhäuslichung der Frau, die so aufs Private verpflichtet worden ist, einhergeht mit an sich doch ach so aufklärerischen Gesellschaftsentwicklungen. Das Aufkommen des Bürgertums, die Zugewinne an Bildung und Aufstiegsmöglichkeiten dieser sich neu etablierenden Schicht scheinen zunächst ja durch und durch positiv und begrüßenswert. Ja, sie sind not-wendige Voraussetzung für uns heute, dass wir in einer bürgerlichen Gesellschaft leben (können). Erkauft wurde das allerdings durch die Zweispaltung der Sphären, wo der Mann außerhaus in der Öffentlichkeit agierte, auftrat und für sich (und seine Familie) Prestige einheimste, derweil im Privaten unsichtbar gemacht die Hausfrau ihm den Rücken freihielt. Genauer in gelinkter Redezeit oder gleich im Buch mit besagtem Titel: „Die Erfindung der Hausfrau“

    Und wer kürzer als ein Buch lesen mag und aus der Ferne Einsichten für die bürgerhausfrauliche Nähe gewinnen möchte, sei auf meine online gestellte Hausarbeit über „Japanerinnen“ verwiesen. Denn ich finde die Parallelen in der Entwicklung deutscher und japanischer Frauen in den letzten gut 150, knapp 200 Jahren mehr als auffällig. Einmal wäre nicht keinmal, aber eventuell ein Sonderweg; zweimal kann noch nur Zufall sein. Und dreimal… Ein drittes land und eine dritte Genese der Frauen ebendort wäre interessant. Verliefe die Entwicklung erneut großteils gleichartig, dann müsste man von einer Regel sprechen und die Patrix als dringend tatverdächtig anklagen.

    Aber zurück zu Josephine, die inmitten einer solchen patriarchalen Matrix, von Männern für Männer programmiert, ihren Weg gegangen ist und erfand, woran kein Mann zu ihrer Zeit konsequent genug gedacht hat. Sie war Wegbereiterin für Zeit-, Energie- und Wasserersparnis in der Küche, wo sonst die Hausfrau nicht nur am Herd, sondern auch an der Spüle festgebunden war und es geblieben wäre.

    In die unendlichen Weiten

    Umso krasser nun der Sprung in unendliche Weiten, wo noch nie ein Mensch gewesen ist. Spätestens jetzt sollte dämmern, um welchen Cochrane es in Kontrast zu Josephine geht, wer sich mir da in den Sinn gechlichen hat: Zefram Cochrane (geboren in den 2030er Jahren). Eine Spätergeburt, wenn man so will; einer, der noch kommen wird, der noch gut 10 Jahre hat, um zu werden. Die Future History Star Trek hat Zefram Cochrane zur intradiegetischen Legende gemacht, zum legendären Erfinder des Warpantriebs und somit der überlichtschnellen Raumfahrt. Geglückt ist ihm das 2063, noch zweiundvierzig Jahre voraus. Und im Kielwasser dieser epochemachenden Erfindung kommt es sodann auch zum Erstkontakt. Aufmerksam geworden auf das Treiben bei diesem abseitigen gelben Kleinstern werden die Vulkanier herbeigeflogen worden sein und im folgenden Jahrhundert als die Zieheltern für die Menschheit auftreten. Mister Cochrane hat allerhand eingefädelt und ausgelöst, die Menschen zu einer interstellaren Spezies gemacht, die nicht mehr allein im All ist.

    Sein erster Auftritt in der Star Trek-Serie ist, wenn man so will, sein lebenszeitlich letzter. Alles was später kam, ist nur noch posthumes Prequel. In “Metamorphose“ (TOS2.02) trat er als zum Sterben ins All entschwundener Bestandteil eines Energiewesens auf und begegnete in diesem transformativem Zustand den Haudegen der Enterprise rund um Kirk, Spock und Landarzt McCoy. Wer es hintergründiger wissen will, hänge sich an die Warpsignatur des Beobachtungsraumers USS TrAmDi, dessen ausführliches Logbuch alle nennenswerten Auffälligkeiten präzise festhält. Und während Josephine Cochrane aus dem kollektiven Gedächtnis längst verschwunden ist – wie getilgt -, gibt es wenig legendärere Menschen im Star Trek-Universum, wenn man mal Kirk, Picard und Spock beiseite lässt. Ist nach Picard zwar ein Flugmanöver benannt, so kann sich Cochrane rühmen, dass ihm zu Ehren die Cochrane-Maßeinheit zur Bemessung der Subraumkrümmung benannt ist. Und was kann man schon mehr wollen und erreichen?;- Sankt Elon muss hierfür noch richtig malochen, damit er es bis dahin bringt.

    Ob Spülmaschine oder Warpantrieb

    Ob Spülmaschine oder Warpantrieb, der Gedankensprung von da nach dort ist mal echt wild thing. Was sagt das über einen aus, wenn man derart assoziiert? Immerhin, erfunden haben die Gleichnachnamigen beide, für ihre Zeit je auch ziemlich heißen Scheiß. Im Falle Josephines nahm die Erfindung ihren Weg und etwa jeder zweite Haushalt nutzt auch eine Spülmaschine. Aber weder nennt man sie liebevoll nach ihrer Erfinderin – „Dann leg mal los Josephine!“ – noch weiß der gemeine Spülenlasser von ihr. Da hat es Zefram weitergebracht, musste aber auch gleich mit einem sozialen Kipppunkt leben, den der Start seiner Erfindung provoziert hat: Erstkontakt mit Außerirdischen, auf die sich (präastronautische) UFO-Gläubige schon seit 1938 (WDR3-Kulturfeature) und bedeutend seriöser Exosoziologen (WDR3-Kulturfeature) vorbereiten…

    EDIT vom 31.12.2021: Vertipper retippt.